Sonntag, 13. Juli 2008

Live aus Stuttgart

Man ist ja kein Kulturbanause. Ich ärgere mich also nicht, dass ich am Freitag statt des Doppels von Andreas Beck und Martin Fischer gegen Fyrstenberg/Matkowski aus Polen das Le-Corbusier-Haus in der Weißenhofsiedlung gesehen habe.

Seit Freitag kenne ich alle vier deutschen ATP-Turniere aus eigener Anschauung. Das Stuttgarter ist das vom U-Bahnhof aus am schlechtesten ausgeschilderte. Auch wenn ich weitere Kriterien hinzuziehe, bleibt mein Urteil bestehen: München und Hamburg sind die schöneren Turniere. Hamburg, weil ich dort zu Hause bin und München wegen der Biergartenatmosphäre am Maifeiertag. Ob Halle oder Stuttgart die Rote Laterne verdient, da bin ich noch etwas unschlüssig. Sagen wir mal, sie teilen sich einen guten dritten Platz. Auch sie sind einen Besuch wert.

Und in Stuttgart kann man sogar nebenbei noch architekturgeschichtliche Bildungslücken schließen. Das Tennisstadion ist, so steht es auf der Internet-Seite des Turniers, nur wenige Minuten von der U-Bahn-Station Messe-Killesberg entfernt. Das ist wahr. Dieses Wissen nützt aber wenig, wenn man dort auf dem Bahnsteig steht. Kein Hinweis auf das Tennisturnier. Nicht einmal Menschenmassen, denen ich blind hätte folgen können, gab es. (Schwäbische Tennisfreunde scheinen statt mit dem ÖPNV vornehmlich mit den Autos, die der Turnier-Hauptsponsor herstellt, anzureisen.)

Also folgte ich dem Wegweiser in Richtung „Weißenhof-Siedlung“. Zwei ratlose Russen dicht hinter mir taten dasselbe. Denn wo sonst soll schon die Tennisanlage des TC Weißenhof sein, wenn nicht irgendwo nahe der „Weißenhof-Siedlung“. In meiner hanseatischen Ignoranz hatte ich von dieser Siedlung nie zuvor gehört. Jetzt weiß ich: An einem Berghang baute man 1927 unter der Regie von Mies van der Rohe 21 Häuser mit 63 Wohnungen für die Aufsehen erregende Ausstellung „Wohnen“. Zum Glück an einem Berghang. So sah ich von oben alles mögliche, aber weit und breit kein Tennisstadion und ahnte, dass ich dort falsch war.


Kein Center Court: Das Le-Corbusier-Haus in der Siedlung Weißenhof (Foto aus Wikipedia)

Diese Siedlung liegt von der U-Bahn-Station aus in genau entgegengesetzter Richtung zum Tennisstadion. Unmittelbar vor dem Stadion entdeckte ich endlich ein Pappschild mit der Aufschrift „Fussweg zum Mercedescup“.

Richard Gasquet – Albert Montanes 6:3 7:6

Als ich ankam, war das Doppel auf dem Nebenplatz schon fast vorbei. Auf dem Center-Court schlugen sich Richard Gasquet (Frankreich) und Albert Montanes (Spanien) ein. Zum Einzel-Viertelfinale war ich also rechtzeitig da. Gasquet gewann, und das ist doch eine schöne Nachricht, nachdem ich letzte Woche so gejammert habe, dass nun ein Haudrauf wie Rafael Nadal das Tennis der Gegenwart verkörpert. Gasquets ruhige Spielweise ist doch der von Roger Federer sehr viel ähnlicher als der von Nadal. Gasquet mit seinen 22 Jahren darf ja durchaus auch noch für die Zukunft des Tennissports stehen.

Richard Gasquet (2)

Richard Gasquet: Aufschlag vor fast leeren Rängen

Agustin Calleri – Michael Berrer 6:4 6:2

Zur Mittagszeit brach das erste von zwei Unwettern aus. Der Stadionsprecher sagte etwas, von einem großen Zelt hinter dem Pressebereich, in dem wir uns alle unterstellen könnten. Das Zelt habe ich auf der weitläufigen Anlage habe ich das Zelt aber nicht gefunden. Unter den Treppenstufen der Südtribüne blieb ich zumindest halbtrocken.

Nach dem Regen ging es weiter mit Michael Berrer. Obwohl der Mann ein echter Stuttgarter ist, ließ sich das Publikum nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen. In Stuttgart spielte er sein erstes Viertelfinale in diesem Jahr. Es könnte das einzige bleiben. Berrer ist ein fleißiger Arbeiter, aber zuminstest an diesem Freitag spielte er ohne jeden Glanz. Im vergangenen Jahr hatte er ein paar prima Ergebnisse (unter anderem ein Halbfinale in Moskau) und kam in der Rangliste bis knapp an Platz 50 heran. Im Moment glaube ich, dass das der Höhepunkt seiner Karriere war.

Michael Berrer (2)

Auf verlorenem Posten: Der Stuttgarter Jung Michael Berrer

Eduardo Schwank – Jan Hernych 6:0, 4:6, 6:3

Statt Berrer verlieren zu sehen, bin ich dann zum Nebenplatz gegangen, zu Eduardo Schwank und Jan Hernych. Vor allem auf Schwank war ich gespannt, denn er hatte in diesem Jahr schon ein paar hervorragende Ergebnisse, aber ich hatte ihn nie gesehen. Schwank ist (wie so viele Argentinier) eine Vorhand-Dampfwalze, ein Hauruck-Spieler, ein Nadalianer also, ein Anti-Federer, und das, obwohl Schwank Schweizer Vorfahren hat.

Wer das Spiel zwischen Schwank und Hernych gewinnen würde, war vom ersten Ballwechsel an zu erkennen. Hernych ist einfach kein Gewinnertyp. Auf diesem Foto ist das schön zu erkennen:

Jan Hernych (2)

Netter Verlierertyp: Jan Hernych

Da stand es 0:5 im ersten Satz. Schwank dagegen sieht aus, als würde er sich ziemlich cool finden.

Eduardo Schwank (2)

Eduardo Schwank klingt zwar ziemlich deutschstämmig, seine Urahnen kamen aber aus der Schweiz.

Als es ein zweites Mal zu gießen anfing, schnappte sich Schwank den Sonnenschirm, unter dem er bei den Seitenwechseln gesessen hatte und marschierte damit in die Kabine. Das Foto von diesem Vorgang zeigt ihn nur von hinten. Für eine andere Perspektive hätte ich meinen eigenen Standort verlassen müssen (und es goss wirklich sehr). Trockenen Fußes wäre das nur möglich gewesen, wenn ich mit dem Schirm, unter dem ich stand, dasselbe gemacht hätte wie Schwank mit seinem. Dafür war ich erstens nicht cool genug, und zweitens wäre es unhöflich gewesen, weil noch mindestens zehn andere Menschen mit mir unter demselben Schirm standen.

Unterm Sonnenschirm

Schwank, der Sonnenschirmdieb

Hernych war nicht so cool wie Schwank. Hernych schlich wie ein begossener Pudel vom Platz. So gewinnt man keine Matches. Dafür aber immerhin meine Sympathiepunkte. Die nützen einem als Tennisprofi bloß nichts.

Zum Spiel des späteren Turniersiegers Juan Martin del Potro (Argentinien) gegen Philipp Kohlscheiber kann ich nicht viel sagen. Ich kam zu spät auf den Center Court, weil so viele Menschen gleichzeitig auf ihre Plätze wollten, dass die Pause beim ersten Seitenwechsel nicht ausreichte. (Der Center Court hat offenbar zu wenige Eingänge.) Bis zur ersten Regenunterbrechung war kaum was passiert. Danach habe ich mich auf den Heimweg machen müssen. Wenn es nicht so gegossen hätte, hätte ich vielleicht noch einen zweiten Blick auf die Weißenhofsiedlung geworfen.

Hier die Einzelergebnisse aus Stuttgart

Und hier die Doppelergebnisse. Die sollte man nicht verschweigen, denn Christopher Kas, Deutschlands laut Rangliste bester Doppelspieler, hat endlich sein erstes ATP-Turnier gewonnen.

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