Sonntag, 2. November 2008

Das neue Weltranglisten-System: Doppelte Punktzahl, alles halb so schlimm?

Wer im August versucht hat zu verfolgen, wann genau und wieso Rafael Nadal in der Weltrangliste Roger Federer vom Thron stoßen würde, weiß: Die Berechnung der Tennis-Weltrangliste ist hart an der Grenze zur Geheimwissenschaft.

Das ist im Prinzip nicht weiter wild. Die Feinheiten der Weltrangliste muss man als Fan nicht verstehen. Einen eleganten Longline-Passierball kann man auch so genießen. Trotzdem ist die Rangliste für die Spieler ausgesprochen wichtig: Sie bestimmt, wer an welchem Turnier teilnehmen darf. Deshalb schlägt der Plan der ATP, die Punkteverteilung ab dem kommenden Jahr drastisch zu verändern, hohe Wellen. Ob jemand die Nummer 90 ist oder die 110, macht einen gewaltigen praktischen Unterschied. Der eine steht in Wimbledon im Hauptfeld, der andere muss in die Qualifikation. Und die Platzierung hängt nicht nur von der Leistung der Spieler ab, sondern auch vom Punkteschlüssel.

Viele eingefleischte Fans fürchten nun, der neue Punkteschlüssel werde es jungen aufstrebenden Spielern schwerer machen, die etablierten zu verdrängen, weil auf den großen Turnieren relativ noch mehr Punkte zu holen sind als auf den kleinen.

Meine Ansicht ist: Ganz so schlimm wird es nicht werden. Prognosen sind aber schwierig, denn vieles hängt auch davon ab, wie die Spieler in ihrer Turnierplanung auf die neuen Verhältnisse reagieren. Falls zum Beispiel die Spitzenspieler noch weniger auf kleinen Turnieren spielen, haben die Neulinge bessere Aussichten, dort Punkte zu holen.

Aber jetzt zu den nackten Zahlen: Das Grundprinzip der Rangliste ändert sich nicht. (Zumindest ist bisher nichts dergleichen bekannt. Die ATP hat das neue Ranglistensystem bislang nur scheibchenweise veröffentlicht, und für einige der Daten, die gleich kommen, gibt es nirgends eine offizielle Bestätigung.)

Weiterhin fließen für jeden Spieler 18 Ergebnisse aus den vergangenen 52 Wochen in sein Punktekonto ein. Die vier Grand-Slam-Turniere und die acht (bisher neun) Masters-Turniere zählen auf jeden Fall. Wer eines dieser Turniere ausfallen lässt, obwohl er über die Rangliste direkt qualifiziert wäre, bekommt dafür 0 Punkte. Der Rest wird aufgefüllt mit den besten Ergebnisse aus anderen Turnieren. Für die Spieler jenseits der ersten 100, die keine Grand Slams und Masters spielen, gilt also ganz einfach: Die besten 18 Ergebnisse des Jahres zählen. (Bevor sich jemand beschwert: Ein paar Details habe ich absichtlich weggelassen, damit es nicht noch verwirrender wird. Ganz genau steht alles im ATP-Regelbuch ab Seite 151)

Bisher gab es für einen Grand-Slam-Titel 1000 Punkte, für ein Masters-Turnier 500, für ATP-Turniere der "International Series" und "International Series Gold" je nach Kategorie und Preisgeld 175, 200, 225, 250 oder 300 Punkte für die Sieger. Darunter gibt es die Challenger-Turnier, auf denen üblicherweise Spieler von Platz 100-300 spielen. Je nach Preisgeld erhält der Sieger hier 55 bis 100 Punkte. Die unterste Kategorie schließlich sind die Futures. Davon gibt es allein in Deutschland über 20 und weltweit mehrere hundert. Der Sieger verdient hier je nach Preisgeld 12, 18 oder 24 Punkte.

Ab 2009 gibt es für Grand-Slam-Gewinner 2000 Punkte und für Masters-Gewinner 1000. Also jeweils glatt das Doppelte. Darunter gibt es 500er- und 250er-Turniere. Bis vor zwei Wochen war das alles, was vom neuen System bekannt war. Die Punkte für die großen Turniere werden verdoppelt, die für die kleineren Turniere bleiben praktisch gleich. Auf der Basis dieser Information breitete sich die Befürchtung aus, die Spieler, die einmal auf den großen Turnieren sind, werden dort ewig bleiben, während die anderen auf den kleineren Turnieren noch so gut spielen können, ohne den Punkte-Abstand zu den Etablierten je aufholen zu können.

Inzwischen ist etwas mehr vom neuen Punkteschlüssel bekannt. Das Entscheidende: Die Punkte für Finalisten, Halbfinalisten, Viertelfinalisten usw. steigen nicht annähernd so stark wie die für die Sieger.

Hier ein Überblick zum Vergleich. Das, was von der ATP für 2009 offiziell bestätigt ist, habe ich fett gesetzt. Alles andere beruht auf Gerüchten.



www.vgm.de




Grand Slam 2009 (2008)
S 2000 (1000)
F 1400 (700)
HF 720 (450)
VF 360 (250)
R16 180 (150)
R32 90 (75)
R64 45 (35)
R128 5 (5)

Masters
S 1000 (500)
F 600 (350)
HF 360 (225)
VF 180 (125)
R16 90 (75)
R32 45 (35)
R64 10 (5)

500er-Turnier
S 500 (300/250)
F 300 (210/175)
HF 180 (155/110)
VF 90 (75/60)
R16 45 (25)
R 32 20 (?) (0)

250er-Turnier
S 250 (175-250)
F 150 (120-175)
HF 90 (75-110)
VF 45 (40-60)
R16 20 (15-25)
R32 0

Challenger 125.000 Dollar
S 100 (90)
F 60 (63)
HF 35 (40)
VF 18 (23)
R16 6 (8)

Challenger 50.000 Dollar
S 75 (55)
F 45 (38)
HF 27 (24)
VF 15 (13)
R16 5 (5)

Future 15.000 Dollar
S 25 (18)
F 14 (12)
HF 7 (6)
VF 3 (3)
R16 1 (1)

Turniersiege werden also deutlich stärker gewichtet. Ab dem Viertelfinale gibt es kaum mehr Punkte als jetzt. Deshalb wird der Weg nach oben für Newcomer meines Erachtens nicht so viel schwerer wie befürchtet. Challenger-Spieler, die nach oben wollen, konkurrieren ja mit den Spielern, die auf den International-Series-Turnieren hin und wieder ein Viertelfinale erreichen und nicht mit denen, die dort die Titel abräumen.

Betrachten wir uns mal die Plätze 69 bis 75 der Weltrangliste vom vergangenen Montag. Dort stehen Spieler, die ihre Punkte bei den ganz großen Turnieren gemacht haben (Hewitt, Haas), Spieler, die mittlere Turniere gespielt haben (Hernandez) und Spieler, die überwiegend auf Challengern unterwegs waren (Devilder). Außerdem dabei: Philipp Petzschner mit vielen Challengern und einem Turniersieg auf International-Series-Ebene. Eine schön bunte Mischung also. Ich hab versucht umzurechnen, wie viele Punkte diese Spieler nach dem neuen System gemacht hätten. Der Vergleich ist etwas ungenau, weil die neuen 500er-Turniere im alten Jahr kein echtes Äquivalent haben. Rausgekommen ist dies:

Nr. Name - altes/neues System
69. Lleyton Hewitt 605 / 730 (+20,6 %)
70. Tommy Haas 600 / 825 (+37,5%)
71. Nicolas Devilder 591 / 690 (+16,8%)
72. Marcos Daniel 591 / 697 (+17,9 %)
73. Oscar Hernandez 584 / 640 (+ 9,6 %)
74. Philipp Petzschner 583 / 593 (+1,7 %)

Lleyton Hewitt und Tommy Haas hätten also am stärksten profitiert. Sie haben ihre Punkte überwiegend bei Grand Slams und Masters-Turnieren gemacht. Nicolas Devilder, der fast nur Challengers gespielt hat, hätte aber besser abgeschnitten als Oscar Hernandez, der überwiegend auf International-Series-Turnieren unterwegs war. Devilder hat nämlich auf der Challenger-Tour mehrere Titel gewonnen. Das zahlt sich deutlich mehr aus als all die ganzen Viertel- und Achtelfinals, die Hernandez auf der ATP-Tour gesammelt hat.

Am schlechtesten fällt der Vergleich für Philipp Petzschner aus. Er hat zwei Challenger-Endspiele und mehrere Challenger-Viertelfinals auf dem Konto, aber kein Challenger-Turniersieg. Auch diverse zweite Runden bei größeren Turnieren helfen ihm nicht weiter. Und hier kommt der Knackpunkt des neuen Systems: Auch der Tunriersieg in Wien bringt ihm nicht mehr ein, und das, obwohl Turniersiege ja viel stärker gewichtet werden als bisher. Wien wird 2009 ein 250er-Turnier sein. 250 Punkte gab es auch schon in diesem Jahr. Wäre Wien ein 500er-Turnier, wäre Petzschner von allen Spielern in unserem Beispiel der größte Profiteur (+44,6 %).

Die großen Verlierer sind also die Spieler, die auf den 250er-Turnieren rumgurken. In der Mehrklassengesellschaft des Profitennis könnte hier also eine neue Zwischenklasse zwischen Topspielern und Challenger-Spielern entstehen. Wie sich das praktisch auswirkt, ist aber schwer zu prognostizieren. Wenn die Top-50-Spieler künftig die 250er-Turniere meiden oder nur halbherzig spielen, haben die Spieler zwischen Platz 50 und 100 dort mehr Chancen als bisher, Punkte zu sammeln, weil einfach die Konkurrenz etwas schwächer wird.

Im Doppel dagegen könnte sich die Schieflage zu Gunsten der Etablieren, die dort ohnehin schon besteht, noch verschärfen. Aber das ist ein anderes Thema. Im Doppel, mit meist nur 16 Teams pro Turnier, ist man mit einem Sieg im Viertelfinale, mit zwei Siegen im Halbfinale. In den ersten Runden hat man oft leichte Gegner, die sich bloß fürs Einzel warmspielen wollen. Da kann jeder Honk, wenn er erstmal drin ist im großen Geschäft, mit etwas Glück ein bis zwei Turniere im Jahr gewinnen. Da ist es jetzt ganz schwierig für Aufsteiger, in diese geschlossene Gesellschaft einzubrechen. Das wird auch 2009 nicht leichter.

Eine Nachbemerkung noch zur Punkte-Umstellung am Jahresende. Das ist ja eine delikate Sache, weil die Weltrangliste im neuen Jahr nicht bei Null mit dem neuen System startet, sondern die Spieler alle Punkte, die sie nach dem alten System verdient haben, behalten, bis sie nach 52 Wochen verfallen. Greg Sharko, der "ATP Stats- and Information Guru", wie die ATP ihren Pressefritzen nennt, hat vor zwei Wochen in einem Artikel auf der ATP-Webseite mitgeteilt, zum Jahresende würden alle 2008 erworbenen Punkte verdoppelt.

Da es für einen Grand-Slam-Sieg künftig 2000 statt 1000 und für einen Masters-Sieg 1000 statt 500 Punkte gibt, scheint das auf den ersten Blick sinnvoll zu sein. Aber wir haben ja gesehen, dass diese Verdopplung nur eine Handvoll Spieler betrifft, die tatsächlich diese großen Turniere gewinnen. Die anderen werden zwischen 0 und 20 Prozent mehr Punkte bekommen. Was Gurus so erzählen, mag unterhaltsam sein. Man sollte aber nicht alles glauben. Die Aussage, es würden alle Punkte pauschal verdoppelt, ist so absurd, dass ich sie pauschal für eine Fehlinformation halte.

So ganz genau wird man das alles erst wissen, wenn irgendwann in der Saisonpause die ATP ihr Regelbuch für 2009 veröffentlicht.

Edit am 5. Januar 2009: Inzwischen gibt es das Regelbuch. Hier steht mehr darüber.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Huhu Zack...
super Artikel- es sind aber nach wie vor neun MS Turniere und nicht acht ;)

zack hat gesagt…

Monte Carlo ist aber nicht mehr obligatorisch. Das ist einer der Punkte, die ich weggelassen habe, um es nicht zu kompliziert zu machen ;)
Ich wollte mal sehen, wie lange es dauert, bis jemand dazu einen Kommentar schreibt.

Anonym hat gesagt…

Na ja, die Punkte zählen ja eben wie bei den andern Masters, also hättest du auch neun schreiben können! Was meinsten mit obligatorisch?

zack hat gesagt…

"Nicht obligatorisch" soll heißen: Ab 2009 sind die Topspieler nicht mehr verpflichtet, in Monte Carlo anzutreten. Ich gehe davon, dass das auch bedeutet, dass das Turnier in der Weltrangliste nicht als Pflichtturnier behandelt wird (und darum drehte sich ja der Absatz mit den 8 statt 9 Masters.)

Ursprünglich wollte die ATP ja Monte Carlo den Masters-Status genauso wie Hamburg aberkennen. Der Kompromiss war dann: Weiter Masters-Punktzahl, aber eben nicht mehr als Pflichtturnier.

Anonym hat gesagt…

toller artikel, zack

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