Sonntag, 29. Juni 2008

The Godfather of Tenniskommentatoren

An der Uni hatte ich mal eine Professorin, Frau Lohmeier hieß sie, in deren Vorlesungen fühlte ich mich geborgen. Wenn sie die hermeneutische Theorie des Films erläuterte oder die Geschichte der bukolischen Dichtung, war es, als sei Kindergeburtstag und gleich komme die Schokoladentorte auf den Tisch. Es dauerte Monate, bis ich begriff, woran das lag: Frau Lohmeiers Stimme klang genau so wie die Stimme der Mutter meiner Sandkastenfreundin Meike.

Dasselbe Gefühl der Geborgenheit hatte ich vorgestern und gestern. Die Stimme, die mir vor dem Fernseher das Gefühl gab, dass alles gut wird, klang nicht nur so, es war wirklich die Stimme von Gerd Szepanski, einem lang vergessenen Helden meiner Kindheit. In Wahrheit war er nie weg, ich konnte ihn bloß nicht mehr hören. Statt bei der ARD kommentiert er nämlich seit einigen Jahren auf Premiere. Bezahlfernsehen leiste ich mir zu Hause nicht. Freitag und Sonnabend aber konnte ich auf Premiere Wimbledon gucken, und es war fast wie damals, als Boris Becker und Stefan Edberg spielten.

Dabei fällt Gerd Szepanski kaum auf, seine Stimme ist eins mit dem Spiel, das man sieht. Er macht beim Kommentieren keine großen Mätzchen, sondern nur ganz kleine (Über die extrem blonde Freundin von Tommy Haas sagte Szepanski: "Geboren ist sie - so gehört sich das - in Malibu."). Er hält sich nicht lange mit trainingswissenschaftlichen Details oder mit den Besonderheiten der beidhändig geschlagenen Rückhand irgendeines Russen auf. Andere Kommentatoren recherchieren vor dem Spiel Sotissen über die Spieler im Internet. Gerd Szepanskis Stimme klingt so, als schalte er den Computer, der seit einiger Zeit auf seinem Schreibtisch steht, nur im äußersten Notfall an. Man hat als Zuschauer das Gefühl, Gerd Szepanski würde über Google zum Thema Tennis sowieso nichts finden, was er nicht schon längst weiß.

Ich selber bin da nicht ganz so bewandert. Ich muss, damit in meinem Blog die Fakten stimmen, immer wieder mal die Googlemaschine anschmeißen. Als ich vorhin Gerd Szepanski gegoogelt habe, habe ich nichts Negatives gefunden. Das muss man sich mal vorstellen: Da redet einer 30 Jahre lang vor laufendem Fernsehmikrofon, und es kommt dabei kein einziger Satz raus, den böswillige Menschen als Stilblüte im Internet breittreten. (Einzige lässliche Ausnahme im Hohlspiegel: "Als Martina Hingis ihre Toilettenpause nahm, schwappte hier auf dem Centre Court die Welle über.") Der Name Gerd Szepanski taucht sonst immer nur dann auf, wenn es um Lieblingssportreporter geht. Einer nannte ihn den "Godfather of Tenniskommentatoren"

Weiter werde ich das heute nicht ausführen. sonst verpasse ich noch das EM-Finale. Heribert Faßbender wird wahrscheinlich nicht der Kommentator sein.

Nächste Woche dann ein Wimbledon-Fazit inklusive Lob auf Rainer Schüttler, noch so ein vergessener Held vergangener
Tage.

(Und noch ein kleiner Nachklapp: Die anderen Premiere-Kommentatoren machen ihre Sache auch ziemlich gut. Da durchlebt man auf anderen Sendern härtere Zeiten. Vielen Dank auch an Szepanskis Kollegen, der die Zuschauer darüber in Kenntnis setzte, dass der Godfather in den Spielpausen Sodukus zu lösen pflegt.)

Sonntag, 22. Juni 2008

Große Namen für den Spielerrat

Morgen geht Wimbledon los, und die ganze Welt bewegt diese eine Frage: Kann Roger Federer den Rekord von Björn Borg überbieten und das Turnier sechs Mal hintereinander gewinnen? Gestern aber machten die beiden Männer, die ihm diesen Triumph vermasseln wollen, mit ihm gemeinsame Sache. Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic ließen sich alle drei in den ATP-Spielerrat wählen. Damit sind zum ersten Mal die drei Weltranglisten-Führenden in dem Gremium vertreten, und sie haben deutlich gemacht, dass sie sich in die Arbeit der ATP auch wirklich einmischen wollen.

Insbesondere Rafael Nadal hatte sich im Frühjahr ziemlich darüber aufgeregt, dass die ATP seine geliebte Sandplatz-Saison verkürzt hatte, damit das Hartplatz-Turnier von Miami sich nicht mit der amerikanischen College-Basketball-Meisterschaft überschneidet.

Der Spielerrat hat zehn Mitglieder. Die Zusammensetzung ist quotiert:
- Vier Spieler aus den ersten 50 der Weltrangliste
- Zwei aus den Plätzen 51-100
- Zwei Doppelspezialisten
- Zwei weitere Spieler

Federer, Nadal und Djokovic nehmen also drei der vier Plätze für die Top-50-Spieler ein. Der vierte Platz ist zunächst unbesetzt geblieben und könnte für den bisherigen Spielerrats-Vorsitzenden Ivan Ljubicic reserviert sein (Wieso, steht weiter hinten im Text). Vertreter der zweiten Reihe (51-100) sind Peter Luczak aus Australien und ein Deutscher: Michael Berrer. Doppelspieler sind Eric Butorac (USA) und der Schweizer Yves Allegro. (In den sehr seltenen Fällen, in denen Roger Federer in den letzten Jahren mal im Doppel angetreten ist, war das fast immer mit Allegro als Partner, man kann ihm also wohl das Etikett "Federer-Vertrauter" ankleben.). Die beiden weiteren, frei bestimmbaren Spieler im Rat sind ebenfalls Doppelspezialisten David Martin (USA) und Martin Garcia (Argentinien). Das ist ein Detail, das mich besonders freut. Ich find Doppel ja sehr cool, und ich werte das Votum mal als Signal gegen die Bestrebungen, die es in den letzten Jahren gab, die reinen Doppelspezialisten teilweise aus den Turnieren zu drängen, weil die Zuschauer diese Spieler mit unbekannten Namen vermeintlich ja sowieso nicht sehen wollen.

Martin Garcia ist der Einzige, der schon dem alten Spielerrat angehörte. Die anderen waren Ivan Ljubicic (Kroatien, Vorsitzender), James Blake (USA, Vize), Thomas Johansson (Schweden), Olivier Rochus (Belgien), Paul Goldstein (USA), Davide Sanguinetti (Italien), Bob Bryan (USA), Kevin Ullyet (Simbabwe) und Paradorn Srichaphan (Thailand). Das war geografisch wunderbar quotiert: Vier Europäer, drei Nordamerikaner, ein Südamerikaner, einer aus Afrika und einer aus Asien.

Im neuen Rat sind die Europäer in der Mehrheit. (Wobei ich noch nicht rausgefunden habe, ob die beiden weiteren Plätze im Rat, die für einen Trainer und einen ehemaligen Spieler reserviert sind, auch neu besetzt wurden. Bisher waren das Riccardo Piatti (Ivan Ljubicics Coach, Italien) und David Adams (Ehemaliger, Südafrika).

Der Vormarsch der Europäer dürfte damit zu tun haben, dass sie sich in letter Zeit besonders stark für die Organisationsstrukturen der ATP interessiert haben, weil sie den Eindruck hatten, Europa werde gegenüber den USA benachteiligt. (Die Sache mit dem College-Basketball ist dafür ein Beispiel, der Plan, die Masters-Turniere in Hamburg und Monte Carlo abzuschaffen, ein anderes.)

Wie viel die Europäer im Spielerrat bewirken können, wird sich erst noch zeigen. Der Rat hat in erster Linie eine beratende Funktion. Handfesten Einfluss hat er bei der Wahl der drei Spieler-Vertreter im ATP-Vorstand. Zwei von ihnen sind gerade frisch gewählt worden, und zwar noch vom alten Spielerrat. Der dritte wird Ende des Jahres neu bestimmt. Der Zorn auf ATP-Boss Etienne de Villiers (Über das Thema hatte ich vor drei Wochen schon mal geschrieben) hat die alten Spielervertreter, von denen sich die Spieler offenbar nicht mehr vertreten fühlten, hinweggefegt. Erst musste Perry Rogers gehen, der frühere Manager von Andre Agassi. (US-Doppelstar Bob Bryan war übrigens gegen Rogers Abwahl)
Das traf es den Holländer Jacco Eltingh. Dann wurde Iggy Jovanovic (Australien), dessen Amtszeit ablief, bedeutet, dass er nicht wieder zu kandidieren brauchte.

Die neuen Spielervertreter im ATP-Vorstand sind nun die beiden Amerikaner Justin Gimelstob und David Edges. Den dritten Posten übernimmt kommissarisch Ivan Ljubicic. Damit ist erstmals ein aktiver Spieler in dieser Funktion. Ich gehe davon aus, dass der Spielerrat nun einen anderen europäischen Kandidaten suchen wird, der sich mehr reinhängen kann als ein aktiver Spieler, und dass Ljubicic dann wieder in den Spielerrat zurückkehrt. Justin Gimelstob hat seine Karriere im letzten Jahr beendet. David Edges ist überhaupt kein Spieler, sondern ein führender Manager des US-Fernsehsenders Tennis Channel. Edges Rolle finde ich daher etwas problematisch. Er vertritt eben nicht nur die Interessen der Spieler, sondern immer auch die seines Unternehmens im US-amerikanischen Fernsehmarkt. Edges war auch Turnierdirektor des vom Tennis Channel veranstalteten Turniers von Las Vegas im letzten Jahr, bei dem de Villiers versuchte, entgegen dem Reglement US-Star James Blake anstelle des unbekannten Russen Jewgeni Korolew ins Viertelfinale zu bugsieren. Edges hatte sich aus dieser Sache offiziell zwar rausgehalten (Wer rief Etienne an?), aber Blake im Viertelfinale hätte seinem Sender halt schon bessere Quoten beschert als Korolev.

Hier die offizielle ATP-Mitteilung zum neuen Spielerrat

Sonntag, 15. Juni 2008

Endkampfchance für Kohli?

"Dabeisein ist alles" heißt ja angeblich der Wahlspruch der Olympischen Spiele. Es ist nicht so einfach, einen Hinweis darauf zu finden, dass der alte Pierre de Coubertin diesen Satz wirklich gesagt hat - geschweige denn, dass es ein offizielles olympisches Motto wäre.

Beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gilt sowieso etwas anderes. Dort gilt: "Die Endkampfchance ist alles." Der DOSB nominiert einen Sportler nur dann für die olympischen Spiele, wenn der eine Chance hat, in den Endkampf einzuziehen. Was ein Endkampf ist, das bestimmt der DOSB. Bei einem 400-Meter-Lauf gibt es da nicht viel zu bestimmen, da ist die Sache klar. Das ist der Lauf, in dem die acht Schnellsten der Welt gemeinsam um die Medaillen rennen. Im Tennis hat der DOSB bestimmt, dass das Viertelfinale der Endkampf ist. Und vor allem: Der DOSB hat bestimmt, woran man erkennt, ob ein Spieler die Chance hat, ins Viertelfinale zu kommen: Man muss innerhalb der letzten zwölf Monate vor den Olympischen Spielen schon mal ein Viertelfinale geschafft haben, und zwar bei einem Grand-Slam-Turnier. Ersatzweise reicht auch ein Halbfinale bei einem Masters-Turnier oder Platz 24 in der Weltrangliste.

Demnach darf nur ein deutscher Spieler in Peking dabei sein. Nicolas Kiefer war im Oktober beim Masters in Madrid im Halbfinale. Bei den Frauen erfüllt niemand die Kriterien. Wenn alle Länder dieselben Kriterien wie der DOSB anlegen würden, hätte das IOC übrigens ein Problem: Das Teilnehmerfeld des Tennisturniers umfasst 64 Spieler. Die DOSB-Kriterien erfüllen aber neben den ersten 24 der Weltrangliste nur fünf weitere Spieler. (Außer Kiefer sind das der Amerikaner Mardy Fish (Finalist in Miami), Andreas Seppi aus Italien (Halbfinalist in Hamburg), Jarkko Nieminen aus Finnland (Viertelfinale in Melbourne) und Ernests Gulbis aus Lettland (Viertelfinale in Paris).

Dass Philipp Kohlschreiber noch um seine Nominierung bangt, war in den letzten Tagen oft Thema in den Medien. In fast jeder Sportsendung, die vom Turnier Halle berichtete, wo Kohlschreiber heute im Finale stand, wurde es erwähnt. Und sogar in meiner Regionalzeitung stand ein Artikel. Überall wurde eine Ausnahmeregelung für Kohlschreiber gefordert und die DOSB-Kriterien wurden in Frage gestellt. Alle deutschen Tennisfans, die immer so gerne darüber klagen, dass ihr Sport in den Medien kaum noch stattfindet, sollten das mit Freude zur Kenntnis nehmen: Tennis hat in Deutschland immer noch eine sehr starke Lobby. Die Sache mit der Endkampfchance betrifft schließlich nicht nur Tennisspieler, sondern auch Hammerwerfer, Bogenschützen, Geher, Judoka und viele andere. Seit Jahrzehnten müssen Schwimmer und Leichtathleten bestimmte vom DOSB (und früher vom NOK) festgelegte Normzeiten, -weiten oder -höhen schaffen. Man wolle eben keine Olympiatouristen nach Atlanta, nach Sydney, nach Athen, nach Peking schicken, lautet seit jeher die Begründung.

Nach den Regularien des ITF sind die ersten 56 Spieler der Weltrangliste vom 9. Juni qualifiziert. Die restlichen acht Startplätze sind für Wild Cards reserviert, die vor allam an Spieler aus unterrepräsentierten Weltregionen gehen. Zum Beispiel wird jemand aus Togo und jemand aus El Salvador dabei sein.

Unter den ersten 56 sind drei Deutsche: Nicolas Kiefer, Philipp Kohlschreiber und Tommy Haas, der für Olympia schon abgesagt hat. Weil auch einige Spieler nicht antreten wollen und manche Länder mehr als die erlaubten vier Spieler pro Nation unter den ersten 56 haben, hätte auch Denis Gremelmayr (Nr. 66) Aussichten nachzurücken.

Bis vor vier Jahren hatte ich angenommen, die anderen großen Länder wären beim Nominieren genau so streng wie die Deutschen (die ja bei den Eröffnungsfeiern trotzdem stets eine recht große Mannschaft einlaufen lassen). Dann gab es im Tennis eine ähnliche Situation wie jetzt mit Philipp Kohlschreiber. Es ging um Florian Mayer. Der Internationale Tennisverband (ITF) und vor allem die ATP waren offenbar davon ausgegangen, dass alle Spieler, deren Weltrangslistenposition gut genug ist und die bei den olympischen Spielen dabei sein wollen, das auch dürfen. Einzige Einschränkung - wie bei Olympia üblich - war: Höchstens vier Spieler pro Land. Nur in Deutschland und den Niederlanden machten die Nationalen Olympischen Komitees nicht mit. Florian Mayer und der Holländer Raemon Sluiter wurden nicht nominiert - wegen fehlender Endkampfchance.

Das sorgte weltweit in der Tennisszene für Aufsehen, denn die ATP drohte damit, dem Olympischen Turnier die Weltrangslistenpunkte abzuerkennen. Die ATP vergibt Punkte nur für Turniere, die die Zulassungskriterien der ATP anwenden, und da geht es nach Weltranglistenposition und nicht nach Regeln nationaler Sportverbände. 2004 löste sich das Problem, indem Florian Mayer kurz vor Toreschluss in Wimbledon das Viertelfinale erreichte und nachnominiert wurde. (Für Raemon Sluiter fand sich, glaube ich, auch irgendeine Lösung.)

IOC, ITF und ATP erklärten später, sie hätten sich auf Regeln für das Nominierungsverfahren geeinigt. Und in der Tat sieht es so aus, als sollte sich das Theater mit den Weltrangslistenpunkten diesmal nicht wiederholen. In der "IOC Qualification System Summary" heißt es jetzt unter anderem: "Entry is attributed to the NOC which has the right to enter the athletes that are eligible based on the ITF’s criteria and the recognised World Ranking of 9 June 2008."

Der DOSB hat also das Recht, Kohlschreiber zu nominieren, aber nicht die Pflicht. Die Passage sollte der ATP bekannt sein, sie hätte also schlechte Karten, wenn sie wieder mit Aberkennung der Weltranglistenpunkte drohen sollte, zumal sie mit dem IOC eine formale Vereinbarung über die Punktevergabe getroffen hat. (Was ich freilich nicht weiß, ist, ob das Regelwerk 2004 anders aussah.)

In einem Punkt ist die ATP bei ihrer Weltrangliste aber ohnehin inkonsequent geworden. Bisher galt: Punkte gibt es nur für Turniere, bei denen die Weltrangliste bestimmt, wer startberechtigt ist. Ab 2009 werden aber auch in der Davis-Cup-Weltgruppe Weltranglistenpunkte vergeben. Und da steht ja nun vollkommen im Ermessen des Teamkapitäns, wen er aufstellt. Da gibt es nicht annähernd so transparente Kriterien wie beim DOSB. Ein Weltklassespieler wie Marcos Baghdatis hat überhaupt keine reale Chance, im Davis-Cup zu punkten. Es gibt keinen zweiten Spieler, der stark genug wäre, mit dem Zypern in die Weltgruppe aufzusteigen.

In einer Woche geht Wimbledon los, die letzte Chance für Philipp Kohlschreiber, das Olympiaproblem genau so zu lösen wie Florian Mayer vor vier Jahren. Die Chancen stehen gar nicht schlecht. Wer in Halle ins Finale kommt, sollte auch im Wimbledon das Viertelfinale schaffen können. Kohlschreiber braucht dazu aber mindestens so viel Glück bei der Auslosung wie in Halle: In den ersten vier Runden sollte Roger Federer lieber nicht kommen.

(Die Holländer sind auch diesmal wieder die einzigen, die genau so strenge Olympia-Kriterien wie die Deutschen anlegen. Unsere Nachbarn haben Robin Haase - Nr. 62 der Welt - bislang nicht nominiert.)

Sonntag, 8. Juni 2008

Doppelpack von Zverev / Haas und Kiefer unauffällig

Das hier ist Deutschlands erste Elf:

36. Philip Kohlschreiber
37. Tommy Haas
38. Nicolas Kiefer
64. Denis Gremelmayr
71. Michael Berrer
81. Mischa Zverev
90. Rainer Schuettler
103. Benjamin Becker
116. Florian Mayer
121. Philipp Petzschner
143. Andreas Beck

Und das ist Polens erste Elf:

197. Dawin Olejniczak
202. Lukasz Kubot
397. Michal Przysiezny
422. Adam Chadaj
462. Koniusz, Blazej
581. Marcin Gawron
606. Robert Godlewski
628. Grzegorz Panfil
668. Jerzy Janowicz
860. Kacper Owsian
912. Maciej Dilaj

Ziemlich klar, wer gewinnt, oder?
Das 2:0 mit den beiden Toren von Mischa Zverev war nicht mehr als ein Pflichsieg. Bei Florian Mayer ist endlich mal wieder der Knoten geplatzt. Haas und Kiefer waren ziemlich unauffällig, abschreiben sollte man die beiden alten Männer aber noch nicht.

Neulich kam mir die Idee, Nicolas Kiefer sei der Frings des deutschen Tennis. Ich verfolgte den etwas komplizierten Gedanken, welcher deutsche Tennisspieler typologisch wohl welchem Fußballer entspricht. Das hier sind meine Ergebnisse. Für Gegenvorschläge bin ich immer offen.

Philipp Kohlschreiber ist Tim Borowski

Bevor jetzt einer kommt und sagt "Borowski ist aber nicht der beste deutsche Fußballer": Darum geht es ja auch nicht. Es geht einfach um wild zusammengeklaubte Parallelen. In diesem Fall ist die Parallele: Beide halten sich für den Besten. Und wenn sie wirklich mal Herausragendes vollbringen, kommt kurz darauf ein Tief, weil sie vor laute Sich-selbst-für-den-Besten-halten für eine Weile vergessen, worauf es eigentlich ankommt. Beide sind aber ehrgeizig genug, sich aus diesen Tiefs wieder herauszuarbeiten. Weil sie also beide etwas arrogant wirken, sind sie keine Lieblinge der Fans. Ohne Not von Werder zu den Bayern zu wechseln, das ist aus Fanperspektive so etwas Ähnliches wie beim Davis Cup mehr Startgeld haben zu wollen als die Mitspieler.

Tommy Haas ist Michael Ballack

Ballack hat seine Verletzungsperiode hinter sich, Haas steckt mittendrin, und das mit ungewissem Ende. Haas war mal Nummer zwei in der Welt. Ballack lenkt das Chelsea-Weltteam. Irgendwie weiß man bei beiden: Dieser Spieler ist einer der besten der Welt. Aber so richtig verinnerlicht hat man das nicht. Ballack ist eben kein Brasilianer, kein Italiener und noch nicht einmal Engländer, sondern bloß Sachse. Und Haas ist nicht Boris Becker und Wimbledon nicht sein Lieblingsturnier.

Nicolas Kiefer ist Torsten Frings

Okay, soweit ich das beurteilen kann, ist Kiefer schöner als Frings. Aber auf dem Platz sehen beide gleichermaßen verwegen aus. Mit ihnen ist während des Spiels nicht gut Kirschenessen. Kaum ein Spiel, in dem Frings nicht Gelb sieht. Kaum ein Linienrichter, dem sein Leben lieb ist, sollte leichtfertig eine Rückhand von Kiefer aus geben. Beide sind ständig verletzt, aber wenn sie nicht verletzt sind, gehören sie zu den Allerbesten, und zwar ohne erst wieder monatelang Spielpraxis sammeln zu müssen.


Beim Rasenturnier in Halle/Westfalen stellten sich die deutschen Spieler passenderweise zum EM-Mannschaftsfoto auf. Hinten Martin Kind, Bernd Schneider, Michael Ballack, Tim Borowski, Torsten Frings, David Odonkor, Jogi Löw. Vorne Simon Rolfes, Philipp Lahm, Lukas Podolski, Thomas Hitzlsperger, Clemens Fritz, Marcell Jansen, Piotr Trochowski.
Alternativ auch hintere Reihe v.l.: Turnierdirektor Ralf Weber, Rainer Schüttler, Tommy Haas, Philipp Kohlschreiber, Nicolas Kiefer, Benjamin Becker, Teamchef Patrick Kühnen. Vordere Reihe v.l.: Philipp Petzschner, Christopher Kas, Mischa Zverev, Michael Berrer, Denis Gremelmayr, Andreas Beck, Björn Phau. (Foto: Gerry Weber World)



Denis Gremelmayr ist Clemens Fritz

Beide gingen lange Zeit solide ihrem Job nach, ohne groß für Aufsehen zu sorgen. Beide schafften ihren Durchbruch in Barcelona. Fritz gewann vor zwei Jahren im Champions-League-Spiel gegen Ronaldinho jeden Zweikampf und gehört seitdem fest zur Nationalelf Gremelmayr spielte sich in diesem Jahr in Barcelona mit Siegen über drei Weltklasseleute ins Halbfinale und ist seitdem auf der ATP-Tour etabliert.

Michael Berrer ist Thomas Hitzlsperger

Fleißiger Arbeiter, vollkommen unauffällig, lange unterschätzt, nicht mehr wegzudenken.

Mischa Zverev ist Lukas Podolski

Ein gebürtiger Russe und ein gebürtiger Pole waren als Teenager die große Zukunftshoffnungen des deutschen Sports. Die Erwartungen waren gewaltig. Beide sind daran nicht zerbrochen, sondern haben ihren Weg gemacht, auch wenn sich mittlerweile abzeichnet, dass Mischa niemals Wimbledon gewinnen wird und Poldi niemals die Wahl zum Weltfußballer des Jahres. Mischa schlägt an einem Tag die Nummer Fünf der Welt und verliert am nächsten gegen die Fünfhundert. Poldi ist zwei Jahre älter als Mischa, und vor zwei Jahren war Poldi (das große Sorgenkind vor der WM) ähnlich unstet in seinen Leistungen.

Rainer Schüttler ist Bernd Schneider

Rainer Schüttler und Bernd Schneider müssten schon ziemlich auf den Putz hauen, um es auf die Titelseite von Bild zu schaffen. Einfach nur zu früh die Weihnachtsfeier verlassen, reicht da nicht. Die Fans lieben sie trotzdem, denn sie wissen, dass sie zu den besten deutschen Spielern der letzten Jahre zählen.

Benjamin Becker ist David Odonkor

Noch schöner wäre es natürlich, wenn Odonkor Beckenbauer heißen wurde. Aber auch so gilt: Ihr Ruhm gründet auf einer einzigen Aktion aus dem Jahr 2006: Benjamin Becker schlug Andre Agassi in dessen letztem Match. David Odonkor schlug bei der WM eine spekulative Flanke, die Neuville zum erlösenden 1:0 gegen Polen verwandelte. Ansonsten hat man von beiden nicht viel gehört.

Florian Mayer ist Miroslav Klose

Sportskanonen sehen anders aus als diese beiden Spieler. Wenn sie mal monatelang keinen Ball treffen, heißt es immer, das liege daran, dass sie so sensibel sind.

Philipp Petzschner ist Simon Rolfes

Die beiden galten schon seit vielen vielen Jahren als große Hoffnungen. Als man die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, schafften sie es plötzlich doch noch in die Nationalmannschaft. Und von Anfang an sahen sie dort so aus, als wären sie immer schon dabeigewesen.

Andreas Beck ist Marcell Jansen

So hatte ich es mir jedenfalls vorhin notiert. Wieso, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht, weil sie sich auf dem Platz beide so bewegen, als würden sie den sterbenden Schwan tanzen.

Sonntag, 1. Juni 2008

Etienne de Villiers: Das Micky-Maus-Missverständnis

Die ATP ist die Association of Tennis Professionals - der Zusammenschluss der Profi-Tennisspieler. Etienne de Villiers ist der Direktor der ATP. Man sollte annehmen, Etienne de Villiers wäre Interessenvertreter und Sprachrohr der Profi-Tennisspieler. In Wirklichkeit ist der Südafrikaner aber, seit er vor zweieinhalb Jahren sein Amt antrat, immer mehr zum Feindbild der Spieler geworden.

Darüber war in den letzten Wochen viel zu lesen, auch in Zusammenhang mit der drohenden Herabstufung des Turniers am Hamburger Rothenbaum. Schön zusammengefasst ist das alles in diesem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung von vor zwei Wochen.

Die Frage, mit der ich mich heute beschäftigen will, ist: Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte die ATP, die vor 20 Jahren im Interesse der Spieler den gesamten Tenniszirkus umkrempelte, sich einen Chef wählen, den das Interesse der Spieler anscheinend überhaupt nicht kümmert?

Etienne de Villiers war - das hat ihm von Beginn an den Spott der eingefleischten Fans eingebracht - Europachef der Walt Disney Company, bevor er zum Tennis wechselte. Außerdem ist er Mitbegründer des Private Equity Fonds Englefield Capital. Auch ohne "Private Equity Fond" mit "Heuschrecke" zu übersetzen, wie es sich in Deutschland eingebürgert hat, versteht man: Etienne de Villiers ist ein Mann der betriebswirtschaftlich denkt. Er will aus einem Unternehmen möglichst viel Geld rausholen. Das ist etwas, was die Spielervertreter, als sie de Villiers ins Amt verhalfen, vermutlich ganz gut fanden. "Mehr Geld aus der ATP herausholen" übersetzten sie mit "mehr Sponsoren" und "höhere Preisgelder".

Der Haken ist aber: Die ATP hat zwar einige Ähnlichkeiten mit weltweit agierenden Konzernen, ist aber trotzdem etwas völlig anderes. Trotzdem versucht de Villiers die ATP so, als wäre der Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft. So hat er es ja auch gelernt. Er will die Rendite steigern. Wenn er dabei auf Widerstände stößt, ficht ihn das nicht an. Ein Vorstandsvorsitzender muss in so einer Situation Führungsstärke zeigen und das, was er einmal als richtig erkannt hat, durchsetzen.

Die Preisgelder zu erhöhen, das hat er mit dieser Methode sogar hingekriegt. Um 30 Prozent sind sie gestiegen. Allerdings nur, solange man in Dollar rechnet. Den europäischen Spielern ist diese Steigerung auf ihren Eurokonten wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum der Widerstand gegen de Villiers in Europa besonders stark ist. De Villiers will, so hat es den Anschein, den Tenniszirkus amerikanisieren, wie er es bei Walt Disney gelernt hat. Die Sandplatz- und auch die Teppich-Turniere werden immer weniger. Die europäische Sandplatz-Saison war in diesem Jahr eine Woche kürzer als sonst, damit das Hartplatzturnier von Miami eine Woche später starten konnte - aus Rücksicht auf die amerikanische College-Basketball-Saison und die damit verbundenen Fernsehübertragungen. Der ur-amerikansche Hartplatz wird immer mehr zur Norm. Um den asiatischen Markt zu erobern, werden Turniere von Europa dorthin verlegt. Nordamerika bleibt von solchen Streichungen verschont. Mit der Marke Walt Disney kann man vielleicht so umgehen. Die Marke steht sowieso für den American Way of Life. Tennis ist aber auf der ganzen Welt zu Hause, und gerade das ist das Kapital dieses Sports.

Unvergessen ist eine Episode aus dem März vergangenen Jahres in Las Vegas. Die ATP hatte gerade probeweise bei einigen Turnieren Vorrunden-Gruppenspiele eingeführt. Auch so eine De-Villiers-Idee: Stars, die in der ersten Runde ausscheiden, hatte er als wirtschaftliches Problem für den Ticketverkauf ab der zweiten Runde erkannt. In Las Vegas spielten drei Spieler in einer Vorrundengruppe: James Blake (USA/damals Nr. 6 der Welt), Juan Martin del Potro (Argentinien/Nr. 67) und Jewgeni Korolew (Russland/Nr. 99). Blake verlor gegen Korolew. De Villiers Taktik war aufgegangen: US-Star Blake blieb trotzdem im Turnier und bekam gegen del Potro eine zweite Chance. Weil del Potro zwischenzeitlich gegen Korolew gewonnen hatte, konnte Blake tatsächlich mit einem deutlichem Sieg über die Satz- und Spieldifferenz noch ins Viertelfinale einziehen. Blake war auf dem beste Wege dazu. Als er 6:1 und 3:1 führte, gab del Potro verletzt auf. Solch ein unbeendetes Spiel würde das System mit der Satz- und Spieldifferenz durcheinanderbringen. Was in solch einem Fall passiert, stand deutlich im ATP-Regelwerk: Die Spiele des verletzten Spielers werden nicht gewertet. Es entscheidet der direkte Vergleich zwischen den beiden unverletzten Spielern der Gruppe. Also zog Korolev ist Viertelfinale ein, denn er hatte ja Blake geschlagen. Entsprechend trug es der Oberschiedsrichter in Las Vegas ins offizielle Tableau ein. Irgendjemand rief aber bei Etienne de Villiers in London an. De Villiers entschied: Das sei doch sehr ungerecht und James Blake habe doch schon so gut wie gewonnen gehabt, deswegen komme Blake ins Viertelfinale und nicht Korolew. (Der amerikanische Superstar gibt ja auch mehr Ticketverkäufe und Fernsehquote...)

Solche seltsamen Entscheidungen kennt man sonst höchstens vom Boxsport. Die ganze Tenniswelt war konsterniert. Am nächsten Tag lenkte de Villiers tatsächlich ein. Es sei spät in der Nacht gewesen, als ihn der Anruf aus Las Vegas erreicht habe. Er habe nicht ganz verstanden, worum es eigentlich ging, erklärte er.

Diese Episode, die für Kenner der Materie ja kalter Kaffee ist, habe sich ausführlich ausgebreitet, weil sie exemplarisch zusammenfasst, warum de Villiers eine Fehlbesetzung ist: Da zeigt nicht nur die Vorteilsnahme zu Gunsten des Amerikaners, da zeigt sich auch völliges Unverständnis dafür, wie sportliche Wettbewerbe funktionieren: Es gibt Spielregeln, auf die sich vorher alle geeinigt haben, und es gibt Schiedsrichter, die diese Regeln auslegen. Darin ähnelt der Sportbetrieb der Politik. Zum Vergleich: Man kann von der Bundeskanzlerin halten was man will, aber sie weiß, dass sie nicht einfach das Hamburger Schulgesetz ändern kann, wenn sie mitten in der Nacht jemand anruft und sagt, dass ein bestimmter Paragraph aber ungerecht sei. Und sie weiß, dass sie das auch dann nicht tun kann, wenn dieser Paragraph tatsächlich ungerecht ist.

Ein Unternehmer kann in einem Unternehmen schon eher mal spontan durchgreifen. Er kann auch einsame Entscheidungen fällen, ohne sich um den Ausgleich verschiedener widerstreitender Interessen zu kümmern.

Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle einen Nachruf auf den früheren ATP-Chef Hamilton Jordan, einem gelernten Politiker. Die Spieler standen hinter ihm, und er hat den Tenniszirkus erfolgreich umgekrempelt. Er wusste, wie man sowas macht, obwohl er vorher mit Tennis nicht viel zu tun hatte. Wenn es den Spielern gelingen sollte, Etienne de Villiers abzusetzen, sollten sie das bei der Suche nach einem Nachfolger bedenken: Das Problem ist vielleicht gar nicht de Villiers persönlich. Das Problem war ein falsches Anforderungsprofil. Die ATP braucht weniger jemanden, der weiß, wie man ein Unternehmen führt, sie braucht vor allem jemanden, der weiß, wie man eine Gemeinschaft führt.

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