Sonntag, 27. Juli 2008

Wird der Rothenbaum zum Bosman des Tennis?

Eigentlich wollte der Fußballspieler Jean-Marc Bosman 1990 einfach nur vom belgischen Erstligisten RFC Lüttich zum französischen Zweitligisten USL Dünkirchen wechseln. Der RFC Lüttich ließ ihn nicht gehen, und Bosman zog vor Gericht.

Das Gericht sprach sein Urteil. Seitdem ist im europäischen Vereinsfußball nicht mehr viel so, wie es über Jahrzehnte war. Keine Ablösesummen mehr für Spieler, deren Verträge ausgelaufen sind. Keine Beschränkung der Zahl der EU-Ausländer mehr auf dem Platz.

Ein ähnliches Urteil könnte dem Tennis bevorstehen. Eigentlich will der Deutsche Tennis-Bund (DTB) einfach nur für sein Turnier am Hamburger Rothenbaum den Masters-Status erhalten. Denn nur dann sind die Spitzenspieler verpflichtet, in Hamburg anzutreten.

Über die Klage des DTB gegen die Spielerorganisation ATP wird seit Montag vor einem Gericht im US-Staat Delaware verhandelt. Nahezu alles, was man in Deutschland über diesen Prozess hört und liest, geht auf Äußerungen von DTB-Funktionären zurück, die sich naturgemäß optimistisch zeigen.

Der Prozess schlägt indes auch in Amerika hohe Wellen, und das, obwohl in Amerika sich kaum jemand für den Rothenbaum an der Alster interessiert. Das Gericht in Delaware verhandelt darüber, ob die Art und Weise, wie der weltweite Tenniszirkus organisiert ist, rechtens ist.

Der DTB gründet seine Klage auf dem Kartellrecht. Mit den juristischen Details dieses Fall befasse ich mich an dieser Stelle lieber nicht. Ich kann auch keine Prognose abgeben, wie das Gericht urteilen wird. Selbst wenn ich Jurist wäre, würde mir das wohl nicht viel helfen, weil ich höchstwahrscheinlich kein Fachmann für US-amerikanisches Kartellrecht wäre.

Wenigstens die grundlegenden Probleme möchte ich aber darstellen. Die Kernbotschaft: Selbst wenn das Gericht gegen die ATP urteilt, heißt das noch lange nicht, dass Hamburg seinen Masters-Status behält. Das Gericht könnte auch die Masters-Serie insgesamt als rechtswidrig einstufen.

Der Deutsche Tennis-Bund wirft der ATP vor, den freien Wettbewerb zu behindern. Wie er diesen Vorwurf genau begründet, ist schwer herauszubekommen. Da hätte man im Gerichtssaal dabei sein müssen. (Von den DTB-Oberen bekommt man ja nur Durchhalteparolen abseits der eigentlichen rechtlichen Probleme.)

Es gibt einige Argumente dafür, warum die ATP-Tour ein Kartell sein könnte, und die Masters-Serie spielt dabei eine zentrale Rolle. Die in der Weltrangliste am höchsten platzierten Spieler sind verpflichtet, an allen Masters-Turnieren teilzunehmen. Vereinfacht gesprochen sind davon die Top 50 betroffen. Wer bei einem Masters nicht antritt, wird auf zwei Wegen bestraft: Erstens wirkt es sich negativ auf die Weltranglistenplatzierung aus. Zweitens muss der Spieler mehrere Tausend Doller Strafe zahlen.

Die ATP zwingt also die besten Tennisspieler der Welt, neben den vier Grand-Slam-Turnieren an ihren neun Masters-Turnieren teilzunehmen und an zwei Turnieren der Kategorie "International Series Gold". Die besten acht müssen außerdem am Jahresende den Masters-Cup bestreiten. Das sind 16 Turniere im Jahr. Wenn man immer in der ersten Runde ausscheidet, ist das nicht sehr anstrengend. Aber die Superstars spielen ja regelmäßig Halbfinale und Finale. Sie haben also kaum Energie, neben den Masters-Turnieren noch andere Turniere zu bestreiten. Roger Federer zum Beispiel spielt nur ein oder zwei andere Turniere im Jahr.

Ich vermute, es wäre unbedenklich, wenn die ATP einfach in ihrer Weltrangsliste die Masters-Turniere sehr stark gewichten würde. Dadurch aber, dass Spieler mit finanziellen Sanktionen dazu verpflichtet werden, alle Masters-Turniere zu spielen, spielt sie ihre beherrschende Position aus. Dabei lässt sich die ATP den Masters-Status von den Turnierveranstaltern teuer bezahlen. (Shanghai soll 30 Millionen Dollar hingeblättert haben.)

Die Leidtragenden sind zum einen die Veranstalter kleinerer Turniere innerhalb des ATP-Zirkus: Für sie ist es schwierig, Stars zu verpflichten. Die Leidtragenden sind aber auch Veranstalter, die sich außerhalb des ATP-Turnierzirkus bewegen. Aus ATP-Sicht sind solche Veranstaltungen allesamt "Exhibitions", also Schaukämpfe. Ich finde aber nicht, dass man mit diesem Begriff zum Beispiel die Spiele der Tennis-Bundesliga treffend beschreibt. In der Tennis-Bundesliga dürfen zum Beispiel in Wochen, in denen Masters-Turniere stattfinden, keine Spieler aus den Top 50 der Weltrangliste eingesetzt werden, selbst dann nicht, wenn die am Anfang der Woche brav beim Masters angetreten sind. Diese Regel geht auf eine Intervention der ATP zurück.

Nun mag man einwenden: Das ist aber doch in anderen Sportarten so ähnlich. Ja, ist es. Da gibt es den Ski-Weltcup, da gibt es den Formel-Eins-Zirkus, da gibt es die PGA-Tour im Golf und so weiter. Auch wenn nicht in allen Sportarten das US-Recht greifen wird, schauen auch die Funktionäre anderer Sportarten in diesen Wochen gebannt nach Delaware. (Das Bosman-Urteil, um den Einstieg dieses Artikel wieder aufzugreifen, hat sich auch auf Handball, Eishockey und so weiter ausgewirkt.)

Es gibt viele Elemente der ATP-Tour, die in ihrer Form einzigartig sind (zum Beispiel die Struktur als Organisation, die von Spielern und Turnierveranstaltern gemeinsam getragen wird). Dennoch kann es gut sein, dass das Urteil im Rothenbaum-Prozess sich auch auf andere Sportarten auswirkt - in welcher Form auch immer.

Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Fragen, die in dem Kartellrechtsverfahren eine Rolle spielen. Zum Beispiel die zentrale Vermarktung der Fernsehrechte. Zum Beispiel die Frage, wer eigentlich der Eigentümer eines Masters-Turniers ist: Der Veranstalter oder die ATP oder beide? Sicherlich sind einige weitere Dinge dabei, von denen ich keinen blassen Schimmer habe.

Wieso nun hat der DTB eigentlich dieses Fass aufgemacht? Er hätte ja auch einfach die ATP auf Einhaltung des Vertrages verklagen können, der Hamburg über mehrere Jahre den Status als Masters-Turnier zusichert. (Bis 2009 oder 2010, auch das habe ich nicht genau herausgefunden.) Das Ergebnis wäre dann vermutlich gewesen, dass der DTB von der ATP eine Millionen-Entschädigung erhalten hätte; der Masters-Status wäre trotzdem futsch gewesen. Eine solche Entschädigung scheint die ATP dem DTB aber ohnehin angeboten zu haben. (Was nur recht und billig wäre, schließlich hat der DTB viel Geld in sein Stadion investiert in der Annahme, dort ein hochklassig besetztes Turnier austragen zu können.)

Der DTB will aber aufs Ganze gehen. Er will den Masters-Status für Hamburg retten. Dafür scheinen die DTB-Juristen Argumente zusammengetragen zu haben, warum die ATP-Tour, wie sie derzeit ist, kartellrechtlich unbedenklich ist, im kommenden Jahr (ohne Hamburg als Masters) aber nicht mehr. Ab 2009 werden einige Details der Tour anders geregelt sein. Die grundsätzlichen Probleme, die ich oben dargestellt habe, bestehen aber schon jetzt. Bisher profitiert Hamburg von genau dem System, gegen das der DTB jetzt angeht. Deshalb glaube ich im Moment, dass es gar nicht das Ziel des DTB ist, das ATP-Kartell zu sprengen, sondern das Ziel ist es, Druck auf die ATP auszuüben. Die ATP könnte eine gütliche Einigung mit dem DTB anstreben, um ein Urteil zu verhindern.

Es ist ja gelegentlich kolportiert worden, die ATP sei finanziell am Ende, wenn sie den Prozess verliert. Wenn das zutrifft (was ich nicht wirklich glauben kann), liegt das aber wohl nicht an den horrenden Anwaltskosten, sondern daran, dass ihr Geschäftsmodell dann nicht mehr tragen würde.

ATP und DTB haben schon im Mai versucht, ihren Streit außergerichtlich beizulegen. Das ist gescheitert. Im Verlaufe des Prozesses wurden erneut Verhandlungen aufgenommen. Die ATP wird natürlich nur dann nachgeben, wenn sie absehen kann, dass der Prozess für sie schlecht ausgehen könnte.

Das soll für heute reichen. Der Artikel ist sowieso schon viel zu lang. Für Ergänzungen und Korrekturen bin ich dankbar. Es ist nämlich wirklich schwierig, handfeste und vor allem unvoreingenommene Informationen zum Thema zu finden. Auch die unten verlinkten Zeitungsartikel scheinen mir teilweise auf Quellen zurückzugehen, die entweder beim DTB oder bei der ATP zu verorten, also interessengeleitet sind.

Neue Zürcher Zeitung

Tennis Week

London Times

New York Times

Außerdem ein Link zu Debras Reiseblog. Hat zwar mit dem Thema nichts zu tun, aber der Blog gefällt mir, und Debra (eine amerikanische Juristin) hat mir mit ihren Posts im Menstennisforum sehr dabei geholfen, einen Einstieg ins Thema zu finden.

Sonntag, 20. Juli 2008

Doping im Tennis: Köcheln auf kleiner Flamme

Die Tour de France, bei der in dieser Woche wieder mehrere Fahrer aus dem Verkehr gezogen wurden, nehmen wir zum Anlass, heute mal einen Blick aufs Doping im Tennis zu werfen.

Das Thema köchelt seit Jahren auf kleiner Flamme vor sich hin. Anders als im Radsport oder in der Leichtathletik hat es noch nie größere Schlagzeilen produziert. Gedopte Tennisspieler werden nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Turnier genommen. Sperren werden meistens Monate nach der positiven Dopingkontrolle bekannt gegeben und garantiert niemals an einem Tag, an dem der betroffene Spieler gerade ein Grand-Slam-Viertelfinale spielt.

Nehmen wir zum Beispiel den spektakulärsten Fall der vergangenen Jahre: Mariano Puerta aus Argentinien. Der Mann kam 2005 überraschend ins Finale der French Open, das er in vier Sätzen gegen Rafael Nadal verlor. Puertas Dopingkontrolle unmittelbar nach dem Finale war positiv auf Etilefrin (ein Blutdruckmittel). Puerta durfte aber die gesamte Saison 2005 in Ruhe zu Ende spielen. Das Ergebnis der Kontrolle wurde erst im Dezember veröffentlicht. Weil Puerta schon zum zweiten Mal als Doper aufgefallen war, wurde er für acht Jahre gesperrt. Die Sperre hat man später auf zwei Jahre verkürzt. Puerta ist wieder aktiv, scheint allerdings nicht mehr über die Challenger-Tour hinauszukommen.

Schlagzeilentechnisch hat der Welttennisverband ITF den Ball im Fall Puerta erfolgreich flach gehalten. Man kann dem ITF aber nicht vorwerfen, er würde das Doping-Problem vollkommen unter den Teppich kehren. Auf seiner Internetseite zeigt der Verband ausführliche Dopingstatistiken. Die habe ich mir vorhin mal angesehen. Ich war überrascht: Ich hatte die Zahl der Dopingfälle im Herrentennis in den vergangenen zehn Jahren auf 10-15 geschätzt. Es sind aber allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als 40 Fälle.

Dabei waren im Tennis bis vor einigen Jahren die Kontrollen eher lax. Jim Courier hat 1999 gesagt, insbesondere viele europäische Spieler würden sich mit Epo dopen. "Ich kann nicht 35 Wochen am Stück Turniere spielen, das schafft mein Körper nicht. Aber es gibt Spieler, die genau das tun."

Nun gab es 1999 anscheinend noch keine brauchbare Methode, Epo-Doping nachzuweisen. Ab dem Jahr 2000 ging das aber. Epo-Tests im Tennis wurden erst 2002 eingeführt. Seither ist niemand positiv auf Epo getestet worden.

Besonders beliebt war eine Zeitlang das anabole Steroid Nandrolon. Das nahm der Tscheche Petr Korda, der nach zehn Jahren als Mitläufer auf der Tour 1998 plötzlich die Australian Open gewann und Weltranglistenzweiter wurde. Auch Guillermo Coria wurde 2001 positiv auf Nandrolon getest. Er war damals 19; ich bin geneigt, ihm die Sache als Jugendsünde nachzusehen. Seine größten Erfolge hatte er drei Jahre später (unter anderem das Finale bei den French Open) mit einer Spielweise, die mehr auf Technik als auf Kraft und Ausdauer gründete. Und technische Finesse ist nun einmal etwas, das sich nicht herbeidopen lässt. Einen Lob, der genau auf die Grundlinie fällt und dort einfach liegen bleibt, funktioniert mit Training und Talent, nicht mit Nandrolon.

Da haben die Erfolge von Mariano Puerta schon einen deutlich faderen Beigeschmack. Und die einiger anderer Argentinier auch. Juan Ignacio Chela und Guillermo Canas zum Beispiel haben schon Dopingsperren hinter sich und sind noch immer hauptsächlich dadurch erfolgreich, dass sie mit ungeheurer Wucht von der Grundlinie auf die Bälle eindreschen.

An dieser Stelle werden einige Leser gewiss an Rafael Nadal denken. Ich selbst bin von diesem Gedanken zugegebenermaßen auch nicht völlig frei. Sein Name ist schließlich 2006 oft in Zusammenhang mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes (Der Mann, der Jan Ullrich dopte) gefallen. Was dabei an die Öffentlichkeit kam, war allerdings ausschließlich heiße Luft. Fuentes sagte in einer Talkshow, zu seinen Kunden würden auch Tennisspieler gehören. Namen nannte er nicht. Vielleicht handelt es sich also einfach um die oben genannten Argentinier. Dann wäre der Erkenntnisgewinn dieser Meldung nur mittelmäßig hoch. Viele Medien spekulierten munter drauf los und stellten die Gleichung auf "Tennis+Spanien=Nadal".

Nicht dass nun der Eindruck entsteht, gedopt würde nur im Ausland: Auf der ITF-Liste der Dopingsünder stehen auch drei Deutsche. Alle aus den hinteren Regionen der Weltrangliste. Franz Stauder und Holger Fischer haben gekifft. Maximilian Abel hat gekokst.

Sich wegen Kiffens eine Dopingsperre einzuhandeln, halte ich für reine Blödheit. Beim Koksen ist die Sache schon etwas komplizierter. Koks wirkt zwar leistungssteigernd, aber wie uns der Fall Christoph Daum lehrt: Weil Leute auf Koks sich schnell unverwundbar fühlen, fürchten sie weder Blut- noch Haarproben und sind entsprechend leicht zu überführen.

Apropos Koks: Ein Kokain-Test beendete letztes Jahr ja auch die Karriere von Martina Hingis. Sie ist damit eine von relativ wenigen bekannt gewordenen Dopingfällen im Frauentennis. Man hört und liest zwar oft die Einschätzung, das Frauentennis sei in den vergangenen Jahren so athletisch geworden, das sei nur mit legalen Mitteln alles gar nicht möglich. Wenn aber im tatsächlich viele Frauen gedopt sein sollten, stellen sie sich deutlich cleverer an als die Männer: Auf der Sünderliste der ITF finden sich überwiegend Männer.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Rainers Olympia-Chancen

Hier geht's zu meinem Blog vom Sonntag (Live vom Stuttgarter Weißenhof-Turnier)

Mal ein kleines Update zwischendurch zu Rainer Schüttlers Chancen, für Olympia nominiert zu werden. Die Pressemeldungen dazu schießen ja im Moment kreuz und quer.

Das hier ist der Stand der Dinge:
Aus Sicht des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) darf Rainer spielen. Mit seinem Wimbledon-Halbfinale hat er die Nominierungskriterien erfüllt.

Der DOSB ist ja in den vergangenen Wochen in der Kritik gewesen, weil seine Kriterien so streng sind - viel strenger als die des IOC und auch strenger als in fast allen anderen Ländern. Deshalb verwundert es viele Fans (und verwirrt offenbar auch einige Sportreporter), dass Rainer nun zwar die nationalen, nicht aber die viel niedrigeren internationalen Kriterien erfüllt hat. Dabei ist das ganz einfach zu erklären: Der Stichtag des IOC war am 9. Juni, also vor Wimbledon. Der DOSB kennt einen solchen Stichtag nicht. Am 9. Juni stand Rainer Schüttler auf Platz 89. Leicht nachzuvollziehen, dass das nicht unbedingt reicht, um zu den 64 Olympia-Teilnehmern zu gehören.

Dass Rainer trotzdem noch Chancen hat nachzurücken, liegt daran, dass pro Land nur vier Spieler teilnehmen dürfen (ein paar Spanier und Argentinier und der eine oder andere Franzose, die in der Rangliste vom 9. Juni vor Rainer standen, fallen also raus). Ein paar Leute sind verletzt. Dazu kommen ein paar Spinner, die keinen Bock auf Olympia haben. So kommt es, dass Rainer auf der Nachrücker-Liste mittlerweile an fünfter Stelle steht. Er könnte nun davon profitieren, dass drei Länder (Holland, Belgien und Israel) ähnlich strikte Nominierungskriterien wie Deutschland haben. Wahrscheinlich werden Robin Haase (Holland/sowieso verletzt), Steve Darcis und Olivier Rochus (Belgien) und Dudi Sela (Israel) nicht nominiert. In diesem Fall wäre Rainer schon erster Nachrücker.

Das angebliche "Hin und Her" um seine Olympia-Nominierung ist also gar keins. Dass immer noch nicht klar ist, ob Rainer teilnehmen darf, ist einem ganz normalen Umstand geschuldet, wie er bei jedem ATP-Turnier die Regel ist: Wer in der Weltrangliste an der Grenze zur "direct appearance" steht, muss bis kurz vor Schluss auf Absagen anderer Spieler warten, bis er weiß, ob er mitmachen darf. Der Deutsche Olympische Sportbund mit seinen harten Kriterien ist ausnahmsweise unschuldig.

Hier mein Artikel von neulich über die Olympia-Kriterien.

Sonntag, 13. Juli 2008

Live aus Stuttgart

Man ist ja kein Kulturbanause. Ich ärgere mich also nicht, dass ich am Freitag statt des Doppels von Andreas Beck und Martin Fischer gegen Fyrstenberg/Matkowski aus Polen das Le-Corbusier-Haus in der Weißenhofsiedlung gesehen habe.

Seit Freitag kenne ich alle vier deutschen ATP-Turniere aus eigener Anschauung. Das Stuttgarter ist das vom U-Bahnhof aus am schlechtesten ausgeschilderte. Auch wenn ich weitere Kriterien hinzuziehe, bleibt mein Urteil bestehen: München und Hamburg sind die schöneren Turniere. Hamburg, weil ich dort zu Hause bin und München wegen der Biergartenatmosphäre am Maifeiertag. Ob Halle oder Stuttgart die Rote Laterne verdient, da bin ich noch etwas unschlüssig. Sagen wir mal, sie teilen sich einen guten dritten Platz. Auch sie sind einen Besuch wert.

Und in Stuttgart kann man sogar nebenbei noch architekturgeschichtliche Bildungslücken schließen. Das Tennisstadion ist, so steht es auf der Internet-Seite des Turniers, nur wenige Minuten von der U-Bahn-Station Messe-Killesberg entfernt. Das ist wahr. Dieses Wissen nützt aber wenig, wenn man dort auf dem Bahnsteig steht. Kein Hinweis auf das Tennisturnier. Nicht einmal Menschenmassen, denen ich blind hätte folgen können, gab es. (Schwäbische Tennisfreunde scheinen statt mit dem ÖPNV vornehmlich mit den Autos, die der Turnier-Hauptsponsor herstellt, anzureisen.)

Also folgte ich dem Wegweiser in Richtung „Weißenhof-Siedlung“. Zwei ratlose Russen dicht hinter mir taten dasselbe. Denn wo sonst soll schon die Tennisanlage des TC Weißenhof sein, wenn nicht irgendwo nahe der „Weißenhof-Siedlung“. In meiner hanseatischen Ignoranz hatte ich von dieser Siedlung nie zuvor gehört. Jetzt weiß ich: An einem Berghang baute man 1927 unter der Regie von Mies van der Rohe 21 Häuser mit 63 Wohnungen für die Aufsehen erregende Ausstellung „Wohnen“. Zum Glück an einem Berghang. So sah ich von oben alles mögliche, aber weit und breit kein Tennisstadion und ahnte, dass ich dort falsch war.


Kein Center Court: Das Le-Corbusier-Haus in der Siedlung Weißenhof (Foto aus Wikipedia)

Diese Siedlung liegt von der U-Bahn-Station aus in genau entgegengesetzter Richtung zum Tennisstadion. Unmittelbar vor dem Stadion entdeckte ich endlich ein Pappschild mit der Aufschrift „Fussweg zum Mercedescup“.

Richard Gasquet – Albert Montanes 6:3 7:6

Als ich ankam, war das Doppel auf dem Nebenplatz schon fast vorbei. Auf dem Center-Court schlugen sich Richard Gasquet (Frankreich) und Albert Montanes (Spanien) ein. Zum Einzel-Viertelfinale war ich also rechtzeitig da. Gasquet gewann, und das ist doch eine schöne Nachricht, nachdem ich letzte Woche so gejammert habe, dass nun ein Haudrauf wie Rafael Nadal das Tennis der Gegenwart verkörpert. Gasquets ruhige Spielweise ist doch der von Roger Federer sehr viel ähnlicher als der von Nadal. Gasquet mit seinen 22 Jahren darf ja durchaus auch noch für die Zukunft des Tennissports stehen.

Richard Gasquet (2)

Richard Gasquet: Aufschlag vor fast leeren Rängen

Agustin Calleri – Michael Berrer 6:4 6:2

Zur Mittagszeit brach das erste von zwei Unwettern aus. Der Stadionsprecher sagte etwas, von einem großen Zelt hinter dem Pressebereich, in dem wir uns alle unterstellen könnten. Das Zelt habe ich auf der weitläufigen Anlage habe ich das Zelt aber nicht gefunden. Unter den Treppenstufen der Südtribüne blieb ich zumindest halbtrocken.

Nach dem Regen ging es weiter mit Michael Berrer. Obwohl der Mann ein echter Stuttgarter ist, ließ sich das Publikum nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen. In Stuttgart spielte er sein erstes Viertelfinale in diesem Jahr. Es könnte das einzige bleiben. Berrer ist ein fleißiger Arbeiter, aber zuminstest an diesem Freitag spielte er ohne jeden Glanz. Im vergangenen Jahr hatte er ein paar prima Ergebnisse (unter anderem ein Halbfinale in Moskau) und kam in der Rangliste bis knapp an Platz 50 heran. Im Moment glaube ich, dass das der Höhepunkt seiner Karriere war.

Michael Berrer (2)

Auf verlorenem Posten: Der Stuttgarter Jung Michael Berrer

Eduardo Schwank – Jan Hernych 6:0, 4:6, 6:3

Statt Berrer verlieren zu sehen, bin ich dann zum Nebenplatz gegangen, zu Eduardo Schwank und Jan Hernych. Vor allem auf Schwank war ich gespannt, denn er hatte in diesem Jahr schon ein paar hervorragende Ergebnisse, aber ich hatte ihn nie gesehen. Schwank ist (wie so viele Argentinier) eine Vorhand-Dampfwalze, ein Hauruck-Spieler, ein Nadalianer also, ein Anti-Federer, und das, obwohl Schwank Schweizer Vorfahren hat.

Wer das Spiel zwischen Schwank und Hernych gewinnen würde, war vom ersten Ballwechsel an zu erkennen. Hernych ist einfach kein Gewinnertyp. Auf diesem Foto ist das schön zu erkennen:

Jan Hernych (2)

Netter Verlierertyp: Jan Hernych

Da stand es 0:5 im ersten Satz. Schwank dagegen sieht aus, als würde er sich ziemlich cool finden.

Eduardo Schwank (2)

Eduardo Schwank klingt zwar ziemlich deutschstämmig, seine Urahnen kamen aber aus der Schweiz.

Als es ein zweites Mal zu gießen anfing, schnappte sich Schwank den Sonnenschirm, unter dem er bei den Seitenwechseln gesessen hatte und marschierte damit in die Kabine. Das Foto von diesem Vorgang zeigt ihn nur von hinten. Für eine andere Perspektive hätte ich meinen eigenen Standort verlassen müssen (und es goss wirklich sehr). Trockenen Fußes wäre das nur möglich gewesen, wenn ich mit dem Schirm, unter dem ich stand, dasselbe gemacht hätte wie Schwank mit seinem. Dafür war ich erstens nicht cool genug, und zweitens wäre es unhöflich gewesen, weil noch mindestens zehn andere Menschen mit mir unter demselben Schirm standen.

Unterm Sonnenschirm

Schwank, der Sonnenschirmdieb

Hernych war nicht so cool wie Schwank. Hernych schlich wie ein begossener Pudel vom Platz. So gewinnt man keine Matches. Dafür aber immerhin meine Sympathiepunkte. Die nützen einem als Tennisprofi bloß nichts.

Zum Spiel des späteren Turniersiegers Juan Martin del Potro (Argentinien) gegen Philipp Kohlscheiber kann ich nicht viel sagen. Ich kam zu spät auf den Center Court, weil so viele Menschen gleichzeitig auf ihre Plätze wollten, dass die Pause beim ersten Seitenwechsel nicht ausreichte. (Der Center Court hat offenbar zu wenige Eingänge.) Bis zur ersten Regenunterbrechung war kaum was passiert. Danach habe ich mich auf den Heimweg machen müssen. Wenn es nicht so gegossen hätte, hätte ich vielleicht noch einen zweiten Blick auf die Weißenhofsiedlung geworfen.

Hier die Einzelergebnisse aus Stuttgart

Und hier die Doppelergebnisse. Die sollte man nicht verschweigen, denn Christopher Kas, Deutschlands laut Rangliste bester Doppelspieler, hat endlich sein erstes ATP-Turnier gewonnen.

Sonntag, 6. Juli 2008

Der Rainer ist wieder da - und mit Roger sieht's schlecht aus

Das war's dann wohl mit dem Roger-Federer-Zeitalter. Ich finde das einen betrüblichen Tag.

Aber erst einmal zu einem, wie ich finde, erfreulicheren Thema. Rainer Schüttler. Einen gibt's ja, der hat gewusst, dass der Rainer noch mal wiederkommt. Bernd Karbacher, einer meiner Lieblingsspieler aus den Neunzigern, schrieb im letzten September im Forum von tennis-germany.de (einer Initiative von aktiven und ehemaligen deutschen Profis): "Der Rainer kommt wiedernach oben, davon bin ich überzeugt, denn wie er Tennis spielen kann, wissen wir alle. Wenn er mal paar Matches am Stück gewinnt, dann geht´s ab nach oben!!! Jede Wette."

Die Wette hat er gewonnen, der Bernd. Aber an ein Wimbledon-Halbfinale hat dabei wohl nicht einmal Bernd Karbacher gedacht. Rainer Schüttler stand damals im September auf Platz 143 in der Weltrangliste. Ende November gewann Schüttler dann plötzich ein großes Challenger in Malaysia. Die hundert Punkte, die er dafür bekam, sorgten dafür, dass er wieder unter die ersten Hundert der Welt zurückkehrte - die Voraussetzung dafür, dass er in diesem Jahr überhaupt wieder im Hauptfeld der Grand-Slam-Turniere war.

Danach ging es mit den gewohnten Pleiten weiter. Am Hamburger Rothenbaum saß ich im Publikum neben einem jungen Burschen, der seinem Vater nach jedem verschlagenen Ball von Rainer Schütter sagte: "Der Kerl ist erledigt, der soll endlich seine Karriere beenden. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß, was der spielt." Aber sobald Schüttler einen Punkt erfolgreich spielte, jubelte mein Sitznachbar ekstatisch. Ich glaube, das war nicht einfach nur irrationales Fanverhalten, das lag auch an Schüttlers Spiel: Haufenweise übernervös verschlagene Vor- und Rückhände und dann plötzlich geniale Bälle. Da sah man, wie Bernd Karbacher es sagte, "wie er Tennis spielen kann". Man sah es eben nur extrem selten. In Wimbledon hat Schüttler diese genialen Bälle plötzlich wieder reihenweise gespielt. So wie zuletzt 2003 oder vielleicht noch im Frühjahr 2004.

So unfassbar Schüttlers Wimbledon-Turnier derzeit erscheint: Einmalig ist so etwas nicht. Im Jahr 2000 kam ein Weißrusse namens Wladimir Woltschkow von Platz Zweihundertnochwas als Qualifikant ins Halbfinale. Goran Ivanisevic galt 2001 genauso als Mann von gestern wie jetzt Schüttler. Ivanisevic gewann das Turnier von Platz 125 aus. Oft erwähnt wurde in diesen Tagen, dass Schüttler der erste deutsche Wimbledon-Halbfinalist seit Michael Stich 1997 war. Stich hatte damals auch nicht gerade eine Erfolgssträhne hinter sich. Er war damals auf Platz 88 abgerutscht, stand also nur marginal besser als jetzt Rainer Schüttler.

Stich hat - wegen ständiger Schulterverletzungen - unmittelbar nach Wimbledon 1997 seine Karriere beendet. Das wird Rainer Schüttler nicht tun. Ich bin im Moment ziemlich überzeugt davon, dass Bernd Karbacher recht hatte, dass Schüttler wieder nach oben kommt und weiter auf dem Niveau spielen wird wie in Wimbledon. Das wird ihn nicht jedes Mal ins Halbfinale der großen Turniere führen, aber er wird noch ein, zwei Jahre lang die Platzhirsche gewaltig ärgern können.

Und jetzt zurück zum Ernst der Lage:

Immerhin war es ein legendäres Wimbledon-Finale, in dem Rafael Nadal die Macht übernahm. 6:4, 6:4, 6:7, 6:7, 9:7 über Roger Federer. Zweitrangig, dass Roger Federer es nun nicht geschafft hat, Björn Borgs Rekord von fünf Wimbledon-Siege in Folge zu überbieten.

Die Nummer Eins der Welt steht exemplarisch für die Spielweise, die eine Ära dominiert. Federer strahlt Leichtigkeit aus. Nadal ist in erster Linie ein Haudrauf, mit seinem Stil kann ich nichts anfangen.

Vor einem Jahr, als Federer fünf Sätze brauchte, um im Wimbledon-Finale Rafael Nadal zu schlagen, dachte ich schon: Das war das letzte Mal, dass die Sache gut ausgegangen ist. Nächstes Jahr ist Regierungswechsel.

Aber nachdem sich Federer diesmal so wahnsinnig leichtfüßig bis ins Finale durchgespielt hatte, war ich ganz zuversichtlich, dass er es doch noch mal packen würde, und nächstes und übernächstes Jahr vielleicht auch. Es hat nicht geklappt. Und mein Eindruck in den ersten beiden Sätzen war: Federer hatte Angst. Das habe ich bei ihm sonst nie gesehen. Danach fing er sich. Es war eine ehrenvolle Niederlage nach großem Kampf. Das stimmt ein wenig versöhnlich.

Federer bleibt die Nummer eins in der Weltrangliste. Aber der Vorsprung ist klein geworden, und ab sofort darf wöchentlich nachgerechnet werden. Kann gut sein, dass Nadal nach den US Open vorne steht, selbst dann, wenn Federer ihn bis dahin vier Mal schlägt. Seine jetzige Spitzenposition verdankt er überwiegend den Ergebnissen aus der zweiten Jahreshälfte 2007. 2008 hat er nicht nur keines der drei bisherigen Grand-Slam-Turniere gewonnen, er hat auch noch kein einziges der fünf Masters für sich entscheiden können.

In der Weltrangliste nach Wimbledon hat Federer 6600 Punke, Nadal hat 6055. Im Juli und August muss Federer sein Finale im Kanada-Masters (350 Punkte), seinen Sieg in Cincinnati (500) und seinen Sieg bei den US Open (1000 Punkte) verteidigen. Nadal hat 250 Punkte für seinen Sieg in Stuttgart zu verteidigen (Das schafft er sowieso, bei dem Turnier ist niemand sonst am Start, der ihn ersthaft gefährden kann.) Dann kommen ein Halbfinale in Kanada (225 Punkte), eine Erstrundenniederlage in Cincinnati (5) und ein Achtelfinale bei den US Open (150 Punkte). Federer hat während der amerikanischen Hartplatzsaison also 1850 Punkte zu verlieren, Nadal nur 380. Jetzt kann man mal nachrechnen: Selbst wenn Federer Toronto, Cincinnati, die Olympischen Spiele (Hier die Punktetabelle für Olympia) und die US Open gewinnt (500,500,400,1000 Punkte) und Nadal dabei jedes Mal im Finale schlägt (350,350,280,700 Punkte), hätte Nadal danach mehr Punkte als Federer.

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