Sonntag, 31. August 2008

Schon wieder nicht alle Deutschen raus

„Schon wieder alle Deutschen raus.“ Ich vermute, die Sportredakteure der deutschen Nachrichtenagenturen haben auf ihren Computern längst irgendeine griffige Tastenkombination wie Strg+F8 oder AltGr+Shift+R, die sie schnell drücken, wenn sie im Laufe eines Grand-Slam-Turniers diesen Satz über den Ticker jagen wollen. Die Hälfte aller Teilnehmer scheidet nun mal in der ersten Runde aus, nach der dritten Runde ist schon nur noch ein Achtel übrig. Da braucht man Strg+F8 häufiger mal, wenn man grad keinen nationalen Superstar, der immer ins Finale kommt, zur Hand hat.

Auch bei den diesjährigen US Open sind nach der ersten Woche schon wieder „alle Deutschen raus“. Und wie fast immer, ist diese Meldung auch diesmal wieder falsch. Insbesondere ist sie natürlich deshalb falsch, weil Anna-Lena Grönefeld im Achtelfinale steht. Für einen solchen Fall haben die Nachrichtenagenturen eine Tastenkombination für „Alle Deutschen Herren schon ausgeschieden“.

Aber auch das ist falsch. Zwei Deutsche stehen im Viertelfinale, und zwar im Doppel: Christopher Kas und Philipp Petzschner. Dort treffen sie auf die US-Zwillis Bob und Mike Bryan, die das Herrendoppel in den letzten Jahren dominiert haben. Wahrscheinlich ist für Kas/Petzschner also jetzt Feierabend. Für völlig chancenlos halte ich die beiden aber nicht. Sie sind ein seit Jahren eingespieltes Team, das schon 2006 kurz davor war, den Sprung in die Weltspitze zu schaffen.

Anna-Lena Grönefeld steht nicht nur im Einzel im Achtelfinale, sondern auch im Doppel, und zwar mit meiner Lieblingsspielerin als Partnerin: Patty Schnyder aus der Schweiz. Und wo wir schon dabei sind, über den Tellerrand zu gucken: Es gibt noch eine ganze Reihe Wettbewerbe im Rahmen der US Open, von denen man als Fernsehzuschauer kaum etwas mitkriegt, weil sie es nie ins Eurosport-Programm schaffen. Die Junioren-Wettbewerbe haben an diesem Wochenende begonnen. Bei den Jungs waren drei Deutsche am Start. Cedrik-Marcel Stebe (an 11 gesetzt) hat seine Erstrundenpartie schon gewonnen. Richard Becker ist ausgeschieden, Dominik Schulz hat noch nicht gespielt, genauso wie bei den Mädchen Linda Berlinecke, die an 13 gesetzt ist. Im Mixed, noch so ein Wettbewerb, von dem man kaum was erfährt, war nur ein Deutscher am Start: Christopher Kas verlor zusammen mit einer Partnerin aus Weißrussland, Tatiana Poutchek, gegen Virginie Razzano (Frankreich) und Rogier Wassen (Holland). Wassen war übrigens in der ersten Jahreshälfte der regelmäßige Doppelpartner von Kas, bevor er zu seinem alten Kumpel Philipp Petzschner zurückfand.

Am Dienstag startet auch noch die so genannte „Champions Invitation“ mit Damen- und Herreneinzel und Mixed. Dahinter verbirgt sich eine Seniorenkonkurrenz.

Normalerweise gibt es noch eine weitere Disziplin bei den US Open: Rollstuhltennis. Das fällt dieses Jahr aber aus, weil gleichzeitig die Paralympics stattfinden.

Sonntag, 24. August 2008

Florian Mayer: Ich habe nie überlegt, ganz aufzuhören

Im Februar spielte Florian Mayer noch für Deutschland im Davis-Cup. In den Wochen danach lief bei ihm nicht mehr viel zusammen. Bis Mai verlor er fast bei jedem Turnier in der ersten Runde. Solche Phasen mit angeknackstem Selbstvertrauen ist man von Florian Mayer gewohnt, aber in den vergangenen Jahren hatte er sich daraus immer wieder schnell selbst befreit. Seit 2004, als er in Wimbledon das Viertelfinale erreichte, war er einer der konstantesten deutschen Tennisprofis – immer unter den ersten 100 der Welt und über weite Strecken sogar unter den ersten 50.

Das Jahr 2008 aber lief für ihn einfach überhaupt nicht. Nach seiner achten Erstrundenniederlage des Jahres sagte er seine Teilnahme bei den French Open ab, auch die Rasensaison ließ er aus. Man hörte öffentlich nichts von Florian Mayer. In verschiedenen Internetforen tauchte das Gerücht auf, er habe mentale Probleme und die Lust am Tennisspielen verloren und komme möglicherweise gar nicht mehr zurück. Karriereende mit 25?

Als dann im Juli die Bundesligasaison begann, teilte der Verein Kurhaus Aachen mit, Spitzenspieler Florian Mayer falle wegen einer Handverletzung aus.

Inzwischen ist die Bundesligasaison vorbei und Florian Mayer noch immer bei keinem Turnier wieder aufgetaucht. Höchste Zeit, mal direkt an der Quelle nachzufragen, was eigentlich los ist. In diesem Blog führen wir daher heute ein neues Stilelement ein: Interview mit einem Spieler. Hier ist es:

Was für eine Verletzung hast du genau? Ich hab da zwei Versionen gehört: Handgelenk oder Zeigefinger?

Florian Mayer: Ich habe mir die Strecksehne im linken Zeigefinger gerissen.

Wann und wie ist das passiert?

Florian Mayer: Das war schon vor zehn Jahren. Der Finger ist seitdem immer schiefer geworden, und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, es operieren zu lassen.

Wie verläuft die Heilung?

Florian Mayer: Die Operation ist jetzt acht Wochen her. Ich denke, in drei Wochen könnte ich wieder voll spielen.

Du hast schon seit Mai nicht mehr gespielt. Lag das ausschließlich an der Verletzung oder gab es auch andere Gründe? In Internet-Foren kursiert ja das Gerücht, du würdest überlegen, ganz aufzuhören...

Florian Mayer: Ich hab nie überlegt, mit Tennis auszuhören. Ich wollte aber einfach mal eine längere Pause einlegen, damit ich den Spaß am Tennis wiederbekomme. Ich war einfach ziemlich ausgelaugt, weil ich seit sechs Jahren durchgespielt habe.

Und wann ist die Pause vorbei?

Florian Mayer: Meine ersten Turniere werde ich ab Ende November spielen. Ab dann sind es sechs Monate wegen Protected Ranking.

*****

Weil hier ja nicht nur Freaks mitlesen, erklär ich das mit dem Protected Ranking mal: Ein Spieler, der wegen einer Verletzung mindestens sechs Monate nicht gespielt hat, darf anschließend für eine bestimmte Anzahl von Turnieren auf der Teilnehmerliste seine Weltranglistenposition von vor der Verletzung verwenden. Weil Florian Mayer seit einer Weile keine Punkte mehr gesammelt hat, steht er aktuell nur noch auf Platz 329. Bis Ende des Jahres wird er noch weiter zurückfallen.

Dass er gleich Ende November, sobald das halbe Jahr um ist, wieder spielen will, deute ich mal dahingehend, dass seine Lust am Tennis jetzt schon langsam wieder zurückkommt. Denn Ende November gibt es kaum Turniere. Er wird noch genau ein Challenger in Mexiko oder Japan spielen können und eventuell die deutschen Hallenmeisterschaften. Danach ist Saisonpause. Ich hatte deshalb erwartet, dass er erst im Januar wieder spielt.

Ich bin übrigens zuversichtlich, dass er mit viel Elan zurückkommt und auch wieder Erfolge feiern wird. Wie man Tennis spielt, weiß er schließlich. Und Anna-Lena Grönefeld, die, soweit ich das beurteilen kann, noch viel ärgere Probleme hatte, hat es ja auch geschafft und sich in dieser Woche für die US Open qualifiziert. Andere Spieler reden immer bloß davon, dass sie mal eine Pause bräuchten. Es gehört schon ein gewisser Mut dazu, tatsächlich mitten in der Saison alle Turniere abzusagen und sich auf einen ganz anderen Alltag einzulassen.

Sonntag, 17. August 2008

Olympia: Wenn die Doppelspieler richtig Gas geben...

Da ist der Wechsel an der Spitze der Weltrangliste ja doch noch ehrenvoll über die Bühne gegangen - mit einem Olympiasieg für die neue Nummer 1. Dass Nadal selbst dann Nummer 1 geworden wäre, wenn er in Peking in der ersten Runde verloren und Federer Gold gewonnen hätte, war verständigen Menschen ja kaum zu vermitteln - zu Recht. (Es lag daran, dass die ATP für einen Olympiasieg 100 Punkte weniger vergibt als für den Gewinn eines schnöden Masters-Tunriers und Federer in dieser Woche die Punkte vom Sieg in Cincinnati 2007 verliert.)

Aber jetzt zu einem anderen Olympiathema, das aus Sicht eines Federer-Befürworters, wie ich einer bin, erfreulicher ausfällt: Es geht um die olympische Doppelkonkurrenz, und da holte Roger ja doch noch seine Goldmedaille.

Statt lange Abhandlungen abzufassen, stelle ich einfach zwei Thesen zum Thema Olympia-Doppel zur Diskussion:

These 1: Die Goldmedaille im Doppel ist bedeutender als die im Einzel. Die Goldmedaille im Einzel zählt in den Augen von Spielern und Publikum noch immer weniger als ein Grand-Slam-Titel. Die Namen der Wimbledon-Sieger im Doppel kennen nur echte Freaks. An die Olympiasieger erinnern sich mehr Leute. Und außerdem: Nur bei Olympia geben sich die besten Tennisspieler der Welt im Doppel richtig Mühe. Das beste Doppel der Welt wird wirklich nur alle vier Jahre ermittelt. „Wenn die Einzelspieler richtig Gas geben, haben die Doppelspezialisten nichts zu melden“, sagte der ZDF-Kommentator gestern, nachdem Roger Federer und Stanislas Wawrinka in Peking die Goldmedaille gewonnen hatten. Wawrinka, immerhin die Nummer 10 in der Einzel-Weltrangliste, hatte vor Olympia überhaupt noch nie ein Doppelturnier auf der ATP-Tour gewonnen.

These 2: Das ist ja alles gar nicht wahr, dass die Einzelspieler besser Doppel spielen können als die Doppelspezialisten. Vermutlich hätte Roger Federer auch im Doppel schon das eine oder andere Grand-Slam-Turnier gewonnen, wenn er es denn versucht hätte. Trotzdem sind die besten Doppelspezialisten der Welt auf ihrem Spezialgebiet den besten Einzelspielern mindestens ebenbürtig. Der schwedische Silbermedaillengewinner Simon Aspelin spielt überhaupt nur Doppel. Und eine Silbermedaille ist ja nun auch nichts Schlechtes. Auch die Bronzemedaille ging an reine Doppelspieler: An Bob und Mike Bryan (USA). Seit 1988 ist Tennis wieder olympisch. Seither wurden sechs Mal Goldmedaillen im Doppel vergeben. Drei Mal gewannen Spieler, die ich mal als „Einzelspezialisten“ bezeichne: 1992 Boris Becker und Michael Stich (Deutschland), 2004 Nicolas Massú und Fernando Gonzalez (Chile) und 2008 Roger Federer und Stanislas Wawrinka (Schweiz). Aber ebenfalls drei Mal gewannen Doppelspezialisten: 1988 Ken Flach und Robert Seguso (USA), 1996 Todd Woodbridge und Mark Woodforde (Australien) und 2000 Sebastien Lareau und Daniel Nestor (Kanada). Es steht also Unentschieden zwischen diesen beiden Spezies. Hinzu kommt: Viele der besten Doppelgespanne der Welt können bei olympischen Spielen gar nicht gemeinsam antreten, weil sie nämlich binational sind.

Ja, und dann gibt’s ja da auch noch den umgekehrten Fall. Leander Paes aus Indien, lange Zeit die Nummer 1 in der Doppel-Weltrangliste, blieb im Einzel stets unauffällig. 1996 in Atlanta gewann der die Silbermedaille – im Einzel. Tja, wenn die Doppelspieler im Einzel richtig Gas geben…


Hier geht's zu den Ergebnissen der Olympischen Spiele.

Sonntag, 10. August 2008

Live aus Hartenholm - Ohne Stich, mit Comicverkäufer

Michael Stich war nicht da. Das ist ausgesprochen schade, weil ich nun den Satz "Auch Wimbledonsieger können ohne Ballkinder spielen" nicht aus eigener Anschauung untermauern und vor allem nicht mit Foto beweisen kann.


Zweitligatennis: Hier spielen Jan Greve (vorne, Hartenholm) und Jens Janssen (hinten, Osterath)

Zwei Mal hat Michael Stich in dieser Saison in der Zweiten Tennis-Bundesliga für den TC Logopak Hartenholm gespielt. Ein Doppel hat er gewonnen, eines hat er verloren. Die lokale Presse vermeldet, Stichs Einsätze für den Dorfverein nördlich von Hamburg seien "mehr als nur ein PR-Gag".

Ohne Michael Stich ist der TC Hartenholm ein ganz normaler Tennis-Zweitligist mit Aufstiegsambitionen. Insofern war es ausgesprochen prima, dass Stich nicht da war, als ich am Freitag nach Hartenholm gefahren bin. So steht er meinem eigentlichen Vorhaben nicht im Wege: Zu erzählen, wie ein ganz normales Tennis-Zweitligaspiel abläuft.

Ich hätte nichts dagegen gehabt, statt von einem Zweitligaspiel von einem Spiel der Ersten Bundesliga zu berichten. Aber dazu hätte ich von Hamburg mindestens nach Nordrhein-Westfalen reisen müssen. (Von den zehn Bundesligisten kommen sieben aus NRW, zwei aus Baden-Württemberg und einer aus Thüringen.)

Also Hartenholm. Hartenholm (1793 Einwohner) ist über die A 7 ganz gut zu erreichen. Die Zahl der Straßen im Dorf ist überschaubar. Man stößt schnell auf ein blaues "Parkplatz Tennis-Bundesliga"-Schild. Auf dem Parkplaz weht ein Hauch von großem Sport: Es gibt dort Parkplatz-Einweiser. Mir wies man einen Platz direkt neben dem Wagen von Tobias Kamkes Mutter zu. Ich kannte sie bis dahin nicht, aber als ich ausstieg, hörte ich, wie der Parkplatz-Einweiser die Frau aus dem Auto neben mir mit den Worten "Hallo Frau Kamke, ist Tobias schon angekommen?" begrüßte.

Ja, Tobias war schon angekommen, sagte Frau Kamke. Und zwar in der Bronx. Dort spielt er ab Montag ein Challenger-Turnier, um sich auf die US-Open-Qualifikation vorzubereiten. Der TC Hartenholm musste heute also nicht nur auf seinen berühmtesten Spieler (also Stich) verzichten, sondern auch auf seinen besten. (Tobias Kamke ist aktuell die Nummer 187 in der Welt.)

Der Eintritt kostete 2,50 Euro. Darin enthalten war ein Verzehrgutschein über einen Euro. Bei 300 Besuchern sind es definitiv nicht die Zuschauereinnahmen, die das Zweitligatennis finanzieren. Es sei denn, man betrachtet Chris Hastings-Long als Zuschauer. Chris Hastings-Long ist ein englischer Unternehmer, den es nach Hartenholm verschlagen hat. Hier lässt er Etikettiermaschinen fertigen. Der TC Hartenholm heißt seit einigen Jahren wie die Etikettiermaschinenfabrik von Mister Hastings-Long: Logopak.


Chris Hastings-Long

Die Clubanlage des TC Logopak Hartenholm sieht im Prinzip genauso aus wie die Anlage des schleswig-holsteinischen Dorfvereins, bei dem ich selber einst Tennisspielen gelernt habe. Die einzigen Unterschiede sind anderthalb Tribünen und eine elektrische Anzeigentafel, die die Spielstände von allen drei Plätzen anzeigt, auf denen parallel gespielt wird. Eine Zweitligapartie besteht aus sechs Einzel und drei Doppeln.

Die Spieler müssen sich nach den Bällen selber bücken und der Schiedsrichter muss selber gucken, ob die Bälle aus sind oder nicht. Linienrichter und Ballkinder gibt's nicht in der Zweiten Bundesliga. Trotzdem machen eine ganze Reihe Spieler mit, die all diesen Luxus, wenn vielleicht nicht gewohnt sind, ihn doch ganz gut kennen. Am Freitag spielten für Hartenholm zwei aktuelle dänische Davis-Cup-Spieler: Frederik Nielsen und Martin Pedersen.

Erstaunlicherweise hat der Hartenholmer Etikettiermaschinenfabrikant sich zwar eine schlagkräftige Mannschaft zusammengekauft, die trotzdem richtig Lokalkolorit hat. Eingeborene Schleswig-Holsteiner bilden das Rückgrad der Mannschaft: Tobias Kamke, Julian Reister, Jan Greve, Philipp Hammer - und auch Michael Stich ist ja einer. Wenn man bedenkt, dass sich viele Schleswig-Holsteiner für heimliche Dänen halten und deshalb Dänen nicht als Ausländer im engeren Sinne betrachen, bleibt nur ein einziger Legionär aus der Fremde, der an diesem Freitag eines der sechs Einzel-Spiele für Hartenholm bestritt: Jakob Adaktusson aus Schweden. (Der war vor zwei Jahren mal die Nummer 214 in der Welt.)

Ach ja, es gehören ja immer zwei Mannschaften zu einer Bundesliga-Begegnung. Hartenholms Gegner war der TV Osterrath. Osterrath liegt in der Nähe von Neuss und ist ein Ortsteil der laut Wikipedia ausgesprochen wohlhabenden Stadt Meerbusch. In Osterath backt man kleinere Brötchen als in Hartenholm. Man will nicht aufsteigen, sondern den Klassenerhalt schaffen. Man hat keine zwei aktuellen Davis-Cup-Spieler im Kader, sondern nur einen: Mounir El Aarej aus Marokko (Nummer 559 in der Welt). Osterath hatte zwei weitere Spieler dabei, deren Namen ganz ganz eingefleischte Tennisfreaks schon mal gehört haben: Ralph Grambow und Kevin Deden. Beide tauchen seit Jahren regelmäßig in Deutschland und dem benachbarten Ausland auf Future-Turnieren auf. (Das ist die kleinste Turnier-Kategorie, auf der es Weltranglistenpunkte gibt.) Die anderen drei Spieler (Jens Janssen, Sebastian Schlösser und Gerrit Lotz) haben es in ihrer Laufbahn bislang nicht zu Weltranglistenehren gebracht.

Kein Wunder also, dass Hartenholm nach den Einzeln 6:0 führte und am Ende 8:1 gewann. Ganz so selbstverständlich war das Ergebnis aber nicht: Alle sechs Matches waren eng. Vier Matches gingen über drei Sätze. Es hätte auch 2:4 stehen können oder gar 0:6. Es sind bloß Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen zwischen einem Challenger- und einem Future-Spieler, zwischen einer Mannschaft, die um den Aufstieg spielt und einer, die gegen den Abstieg kämpft. Mein Eindruck war: Das klare Ergebnis war eine Folge mannschaftlicher Geschlossenheit. Aber nicht bei den Hartenholmern, sondern bei den Osterathern. Man kennt das von Abstiegskandidaten im Fußball oder Handball, bei denen plötzlich nichts mehr zusammenläuft: Plötzlich sind alle Spieler formschwach, plötzlich spielen alle nur noch Fehlpässe.

Die Osterrather waren einen Tick nervöser als die Hartenholmer. Das wurde deutlich, als Jens Janssen nach einer verschlagenen Rückhand fluchte: "In jedem normalen Spiel machst du diesen Ball rein." Für jemanden wie Tobias Kamke, der vor ein paar Wochen im Wimbledon-Hauptfeld spielte, ist die Sache in Hartenholm schon viel eher ein normales Spiel, eine sommerliche Abwechslung vom Turnier-Alltag, die obendrein ganz gut bezahlt wird.

Die Entscheidung um Auf- und Abstieg fällt am nächsten Wochenende. Am Freitag und Sonntag (15. und 17. August) sind die beiden letzten Spieltage. Osterath muss den direkten Konkurrenten Nordhorn schlagen. Hartenholm braucht - so war der Stand am Freitag - viel Glück, um die in erste Liga aufzusteigen: Tabellenführer Espelkamp muss mindestens einmal verlieren, dann würde die Tordifferenz (bzw. natürlich die Matchdifferenz) entscheiden. Chris Hastings-Long hatte am Freitag die Hoffnung auf den Aufstieg noch nicht aufgegeben. Da wusste er aber noch nicht, dass seine Hartenholmer am Sonntag beim krassen Außenseiter Sparta Nordhorn mit 4:5 verlieren würden.

Hier gibt's Ergebnisse und Tabellen im Überblick.
http://www.tennisbundesliga.de/

Und hier noch ein paar bebilderte Eindrücke von den einzelnen Spielen:

Frederik Nielsen - Mounir El Aarej 3:6, 6:3, 6:4


Frederik Nielsen: Manische Angst vor Fußfehlern?

Dies war nicht nur nominell das Spitzenspiel. Was mir am meisten auffiel, war Nielsens Standpunkt beim Aufschlag: Mindestens 20 Zentimeter hinter der Grundlinie. Das wunderte mich auch deshalb, weil mir Nielsen bisher fast nur als Rasenspieler ein Begriff war. Da verschenkt man ungern wichtige Zentimeter beim Aufschlag. Aber es hat ja auch so gereicht.

Julian Reister - Ralph Grambow 6:2, 3:0 aufg.


Julian Reister hatte nicht viel zu tun


Reister (Nummer 357 in der Welt) musste nicht viel machen. Grambow ging mit einer Fußverletzung ins Spiel und gab im zweiten Satz auf. (Weil die Osterather nur mit sechs Leuten angereist waren, musste Grambow später im Doppel trotzdem wieder ran.)

Martin Pedersen - Kevin Deden 6:7, 6:4, 7:6


Martin Pedersen: Chance auf einen Top-100-Platz?

Von allen Spielern, die ich in Hartenholm gesehen habe, ist Pedersen derjenige, bei dem ich am meisten Potenzial für die Zukunft vermute. Die ersten 150 in der Welt sind drin, vielleicht sogar die ersten 100. Auf Platz 344 war er im Mai schon, ist zuletzt aber etwas abgerutscht. Spielerisch war er Kevin Deden (Nr. 896) haushoch überlegen, aber er wurde in engen Situationen wahnsinnig hektisch. Mit seinen 21 Jahren hat er noch Zeit, abgeklärter zu werden. Vor allem war Pedersen der einzige Spieler, von dem ich einen unglaublichen Gewinnschlag aus bedrängter Situation gesehen habe, einen jener Bälle, die mir den Unterschied auszumachen scheinen zwischen einem Zweitligaspieler und einem Spieler auf der ATP-Tour.

Was Michael Stich angeht: Einmal wird er im August auf jeden Fall noch in Hartenholm spielen. Nicht in der zweiten Bundesliga und auch nicht auf dem Vereinsgelände, sondern bei einem Schauturnier mit vier Wimbledonsiegern auf dem Flugplatz Hartenholm: Am Freitag, 22. August, ab 15 Uhr spielen auch Goran Ivanisivic, Richard Krajicek und Pat Cash mit. "Tennis opn Dörp" heit dat.

Zum Abschluss ein Bild des verletzten Ralph Grambow: Nach seinem eigenen Match wechselte er zu Sebastian Schlösser auf die Trainerbank: In weiter Trainingshose, leicht humpeld, am liebsten aber auf dem Stuhl sitzend und Zeichen in den Sand malend, sah weniger aus wie ein Leistungssportler, sondern mehr aus wie der Typ, bei dem Bart Simpson seine Comics kauft (nur dass der längere Haare hat). Kommt auf dem Foto leider nicht zu hundert Prozent rüber, aber ich schwöre, so war's.

Sonntag, 3. August 2008

Was wird denn nun aus Roger?

Andy Roddick, Lleyton Hewitt, Carlos Moya, Juan Carlos Ferrero und Marat Safin haben alle etwas gemeinsam: Sie reisen als ehemalige Nummer Einsen um die Tenniswelt. Turniere gewinnen sie selten. Wenn sie nicht gerade in ihrem Heimatland antreten, hält sich die Aufregung, die sie auf den Tribünen auslösen, in Grenzen. Spielen sie in der ersten Runde gegen einen namenlosen Gegner, müssen sie damit rechnen, dass der Turnierveranstalter sie auf einen Außenplatz schickt. (Andy Roddick hat in dieser Hinsicht noch die besten Karten, er ist auch der einzige von den fünf, der in diesem Jahr schon Turniere gewonnen hat.)

Ab dem 18. August hat das Herrentennis eine weitere ehemalige Nummer Eins: Roger Federer. Kaum vorstellbar, dass irgendein Turnierdirektor ihn irgendwo anders spielen lassen wird als auf dem Center Court. Roger Federer wird bis ans Ende seiner Laufbahn eine Hauptattraktion auf jedem Turnier sein, das er spielt. Einen solchen Elder Statesman hat das Herrentennis nicht mehr gehabt, seit Andre Agassi vor zwei Jahren seine Karriere beendete.

Die magische Grenze zu dieser Form der Unvergänglichkeit scheint mir bei hundert Wochen an der Spitze der Weltrangliste zu liegen. Sechs Spieler haben das vor Roger Federer geschafft: Jimmy Connors, Björn Borg, John McEnroe, Ivan Lendl, Pete Sampras und Andre Agassi.

Die Frage, wo Roger Federer künftig spielen wird, ist also geklärt: Auf dem Center Court. Völlig offen ist aber, wie gut er spielen wird. Im Moment glaube ich nicht, dass er wieder auf Platz 1 zurückkehren wird. Denn auch Rafael Nadal wird die magischen hundert Wochen schaffen. Es sei denn, eine Verletzung oder ein anderer unvorhergesehener Zwischenfall stoppt ihn.

Die anderen sechs Unvergänglichen haben sehr unterschiedlich darauf reagiert, nicht mehr die Besten zu sein:

- Jimmy Connors hat weitergespielt, als wäre nichts gewesen, nachdem Björn Borg ihn entthront hatte. Er blieb zehn Jahre lang Top-Ten-Spieler und kämpfte sich sogar mal für einige Zeit zurück an die Spitze.

- Björn Borg hat sehr schnell mit dem Profitennis aufgehört: 1981 verlor er das Wimbledon-Finale gegen John McEnroe. Borg gewann in dem Jahr noch zwei kleinere Turniere und kam bei den US Open ins Endspiel. Das war's. Karriereende mit 25. (Abgesehen von ein paar halbherzigen Comeback-Versuchen bis 1993.)

- John McEnroe nahm sich 1986 eine schöpferische Pause von sechs Monaten. Nach dieser Pause gewann McEnroe noch zahlreiche Titel, aber kein Grand-Slam-Turnier mehr. 1992 beendete er seine Karriere mit 33 Jahren als Top-20-Spieler.

- Ivan Lendl verlor die Führung 1988 kurzzeitig an Mats Wilander und dann endgültig 1990 an Stefan Edberg. Er blieb bis 1993 Top-Ten-Spieler und hörte mit 34 Jahren 1994 auf.

- Andre Agassi ist in dieser Liste ein untypischer Fall. Ich hab gezögert, ihn hier überhaupt aufzunehmen. Denn er hat die Tennis-Szene nie dauerhaft dominiert. Er stand drei Mal mit jeweils mehreren Jahren Unterbrechung an der Spitze: 1995, 1999 bis 2000 und noch mal 2003. Dazwischen lagen auch mal längeren Zeiten ohne allzu hartes Training (1997 war er nur noch Nummer 141). Auf diese Weise könnte er die Energie aufgespart haben, die es ihn schaffen ließ, bis zum Alter von 36 Jahren auf hohem Niveau weiterzuspielen.

- Pete Sampras hat die Spitzenposition zwischen 1995 und 2000 mehrmals erobert und wieder verloren und blieb auch danach ein absoluter Spitzenspieler. Sein Karriereende 2002 finde ich das coolste in der Tennisgeschichte: Er gewann die US Open und trat danach einfach zu keinen Turnieren mehr an. Erst ein ganzes Jahr später, als es sowieso längst jeder begriffen hatte, erklärte er offiziell das Ende seiner Laufbahn.

Was wird nun aus Roger Federer? Wie wird er es verkraften, nicht mehr die Nummer 1 zu sein? Seine Ergebnisse der beiden letzten Wochen geben Anlass zur Sorge. Als ich Bilder aus Cincinnati sah, dachte ich: Roger sieht fünf Jahre älter aus als neulich. Ihn nimmt die Situation sichtlich mit. Besonders schade ist es, dass dies ausgerechnet zu den Olympischen Spielen geschieht. In seiner derzeitigen Verfassung wird es für ihn schwierig, eine Medaille zu holen.

Federer ist ja während Wimbledon viel mit Björn Borg verglichen worden. Beide haben dort fünf Mal in Folge den Titel geholt und sind beim sechsten Versuch in einem hochklassigen Finale gestoppt worden, und zwar beide von ihren jeweiligen Nachfolgern als Nummer Eins, John McEnroe und Rafael Nadal.

Da liegt die Frage nahe: Federer wird doch nicht etwa - wie Borg - einfach so aufhören? Noch kann ich mir das nicht vorstellen. Federer ist dafür viel zu gewissenhaft. Björn Borg war ja mehr so ein Boris-Becker-Typ, der das Jet-Set-Leben genoss, wechselnde Freundinnen und wohl auch illegale Drogen ausprobierte.

Als im Mai Justine Henin zurücktrat, kurz bevor sie die Führung in der Frauen-Weltrangliste abgab, sagte Federer, für ihn sei es völlig unvorstellbar, in seinem Alter einfach aufzuhören. Er spielte zum dem Zeitpunkt gerade am Hamburger Rothenbaum; es war längst absehbar, dass Rafael Nadal bald an ihm vorbeiziehen würde. Federer sagte zwar "völlig unvorstellbar", aber er zog doch die Parallele zu sich selbst. Mein Eindruck war: Er begriff in dem Moment, dass das Karriereende auch für ihn theoretisch eine Option ist. Wenn Roger Federer weiter gegen Leute wie Gilles Simon und Ivo Karlovic verlieren sollte, dann könnte ihm vielleicht doch die Lust vergehen.

Er wird aber nicht dauerhaft gegen Spieler wie diese verlieren. Dass Federer, der jahrelang in kritischen Situation mental so besonders stark war, plötzlich mit den Nerven auf dem Zahnfleisch geht, hat auch damit zu tun, dass er nie zuvor in der Situation war, um den Status als Nummer Eins kämpfen zu müssen. Er sicherte sich den Platz an der Spitze bei den Australian Open 2004 und blieb danach ununterbrochen die Nummer 1 - bis heute. Und bis vor wenigen Wochen mit einem gewaltigen Abstand auf die Nummer Zwei. Alle anderen oben genannten Unvergänglichen setzten sich erst nach langem Ringen dauerhaft an die Spitze. Alle hatten den Platz 1 schon irgendwann zuvor mal für mehr oder weniger lange Zeit verloren. Sie wussten aus eigener Erfahrung, dass der Platz 1 etwas ist, das man zurückerobern kann.

Roger Federer ist gefestigt genug, um seine derzeitige Krise zu überwinden. Wahrscheinlich fehlt ihm die Impulsivität, die John McEnroe dazu brachte, einfach mal ein halbes Jahr Pause zu machen. Eine solche Pause wäre aber vielleicht trotzdem keine schlechte Idee für Federer, um neue Kraft zu sammeln und sich darüber klar zu werden, welche sportlichen Ziele er sich in den nächsten Jahren setzen will.

Danach kann er noch sehr lange einer der schärfsten Konkurrenten für Rafael Nadal, Novak Djokovic und andere sein. Und wer weiß, vielleicht beendet Roger Federer seine Karriere mit einem Wimbledonsieg 2013.

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