Sonntag, 26. Oktober 2008

Doppel-Offensiven für 2009

Vor drei Wochen ließ ich mich an dieser Stelle darüber aus, wer wohl die besten Aussichten hat, sich für den Masters-Cup zum Saisonabschluss zu qualifizieren. Dabei habe ich zwei Drittel der in Frage kommenden Spieler völlig unterschlagen: Die Doppelspezialisten. Außer den acht Einzelspielern sind schließlich auch acht Doppel-Teams am Start.

Viel zu spekulieren gibt es in dieser Frage jetzt nicht mehr. Es steht nur noch ein Turnier an. Sieben Plätze sind vergeben, um den achten streiten sich ab morgen in Paris die Polen Mariusz Fyrstenberg und Marcin Matkowski mit den Südafrikanern Jeff Coetzee und Wesley Moodie. Die Südafrikaner haben neun Punkte Rückstand, dafür aber die leichtere Auslosung. Wenn beide Teams früh ausscheiden, könnten theoretisch auch noch die Brasilianer Marcelo Melo und Andre Sa die lachenden Dritten sein, dazu müssten sie aber das Turnier gewinnen, wovon ich nicht ausgehe.

Befassen wir uns also stattdessen mal mit dem Masters-Cup 2009. Das lässt mehr Raum für Spekulationen. Soweit ich das überblicken kann, war noch nie ein deutscher Doppelspieler beim Masters-Finale dabei. (Was ich nicht überblicken kann, ist das Jahr 1976. Das ist das erste Jahr, in dem das Masters überhaupt ausgetragen wurde. Dazu habe ich im ganzen riesengroßen Internet keine Vorrundenergebnisse gefunden, und es war die letzte Saison, in dem Jürgen Fassbinder und Hans-Jürgen Pohmann vorne mitspielten. Also, falls hier irgendjemand mitlesen sollte, der lebhafte Erinnerungen an das Doppel-Masters von 1976 hat, könnte der das vielleicht aufklären.)

Es gibt deutsche Spieler, die im nächsten Jahr versuchen wollen, in die Doppelweltspitze vorzudringen. Christopher Kas und Philipp Kohlschreiber und wohl auch Philipp Petzschner mit seinem österreichichen Spezi Alexander Peya.

Für die Masters-Cup-Qualifikation freilich ist etwas mehr Vorausplanung nötig als im Einzel. Im Einzel muss man einfach nur möglichst gut spielen und viele Punkte für das "Champions Race" sammeln. Das muss man im Doppel auch, aber im Doppel muss man das außerdem immer mit demselben Partner tun. Dazu braucht man einen Partner, mit dem man sich spielerisch gut ergänzt und mit dem man sich privat gut versteht - schließlich reist man Woche für Woche zu denselben Turnieren.

Die zweite Voraussetzung: Die Weltranglistenposition muss gut genug sein. Das ist im Doppel viel wichtiger als im Einzel. Im Einzel kann jeder, der zu Jahresbeginn unter den Top 100 ist, wenn er stark genug spielt, am Jahresende unter den besten Acht kommen. Juan Martin del Potro war noch im April die Nummer 75 und ist jetzt beim Masters-Cup so gut wie sicher dabei.

Ein Doppel-Team aus Spielern, die im April um Platz 75 stehen, hätte bei denselben überragenden Leistungen ungleich schwerer. Das Team käme einfach nicht so leicht an die Fleischtöpfe. Um bei den Masters-Series-Turnieren, wo es die nach den Grand Slams die größten Punktebatzen gibt, überhaupt antreten zu dürfen, muss man im Doppel mindestens um Platz 30 stehen. Die Doppelspezialisten konkurrieren mit den besten Einzelspielern um die raren Startplätze, und für die Zulassung für das Doppelfeld zählen Einzel- und Doppelweltrangliste gleichwertig.

Christopher Kas und Philipp Kohlschreiber sind nah dran, diese Voraussetzung zu erfüllen. Bei den Masters-Turnieren in diesem Herbst sind sie ganz knapp an einem Startplatz vorbeigeschrammt. Diese Woche standen beide auf Platz 30. Kohlschreiber im Einzel, Kas im Doppel. Die beiden haben im Juli in Stuttgart zum ersten Mal zusammen gespielt - und auf Anhieb das Turnier gewonnen. Jetzt im Herbst spielten sie zwei weitere Turniere: In Wien verloren sie in der ersten Runde und in Basel kamen sie ins Finale. Wenn sie 2009 eine ähnlich gute Ausbeute schaffen, könnte es klappen mit dem Masters-Cup. Eine offene Frage ist: Hält Kohlschreiber wirklich das ganze Jahr durch? Wird er bei jedem Turnier, auch bei den Grand Slams, immer brav neben dem Einzel auch im Doppel spielen? Es gibt Einzelspieler, die das tun, aber es sind wenige. Wie sich Kohlschreiber entscheidet, wird wohl auch davon abhängen, ob er und Kas in den ersten Monaten des Jahres zählbare Erfolge feiern.

Nun zu Philipp Petzschner und Alexander Peya: Die beiden müssen noch ein bisschen Gas geben, wenn sie an die Fleischtöpfe der Masters-Turniere kommen wollen. Petzschner ist im Moment Nummer 39, Peya ist Nummer 47. Aber weil beide in den ersten Monaten des nächsten Jahres relativ wenige Punkte zu verteidigen haben, ist da Luft nach oben. Petzschner gilt zu recht als ein Weltklasse-Doppelspieler. Was Peyas spielerische Qualitäten betrifft, habe ich offen gestanden noch ein paar Bildungslücken. Er ist ein passabler Einzelspieler mit Vorliebe für schnelle Beläge. Solche Leute sind ja meistens auch fürs Doppel durchaus zu gebrauchen.

Philipp Petzschner ist allerspätestens nach seinem Turniersieg in Wien vom Doppelspezialisten zu einem Einzelspieler, der auch Doppel macht, geworden. Für ihn gilt also dieselbe Frage wie für Kohlschreiber: Will er sich die Doppelbelastung das ganze Jahr über zumuten? Bei Petzschner, für den regelmäßiges Doppelspielen ja nichts Neues ist, bin ich mir da sicherer als bei Kohlschreiber. Aber was macht Peya? Im Einzel ist er die Nummer 159. Damit müsste er normalerweise regelmäßiger Gast auf Challengern sein. Das geht natürlich nicht, wenn er mit Petzschner zu den großen Turnieren fährt. Gut möglich also, dass sich die Wege von Petzschner und Peya immer wieder mal trennen werden, wenn Peya Einzelpunkte sammeln geht. Das wäre ein großes Handicap auf dem Weg zum Masters-Cup.

Mischa Zverev ist ein weiterer Deutscher, dem ich im Doppel Masters-Cup-Niveau zubillige. Er wird sich aber wohl erstmal auf seine Einzel-Karriere konzentieren.

Dann gibt es natürlich noch Alexander Waske. Der hatte 2007 (damals mit Andrei Pavel aus Rumänien) öffentlich den Masters-Cup als sein Ziel ausgegeben. Nach seiner langwierigen Schulterverletzung fängt Waske jetzt aber praktisch bei Null an. Selbst wenn er sofort in Topform käme und einen passenden Partner fände, käme er wohl nicht mehr rechtzeitig an die Fleischtöpfe für 2009.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Das langsame Karriereende von Tommy Haas

Morgen beginnt das ATP-Turnier von Basel (ausnahmsweise mal eines mit Livebildern auf Eurosport). Angeblich spielt Tommy Haas dort in der ersten Runde gegen Oscar Hernandez aus Spanien (hier das Tableau). So genau weiß man das aber nicht, wie man überhaupt wenig darüber weiß, was Tommy Haas im Moment tut und was er vorhat. Ich behaupte mal forsch: Den Platz von Tommy Haas in Basel wird ein Lucky Loser einnehmen.

Seit Anfang September, seit seiner Zweitrundenniederlage bei den US Open, hatte er nichts von sich hören lassen. Und was er damals von sich hören ließ, war dies: Der Gedanke ans Karriereende bereite ihm "ein komisches Gefühl", aber man müsse "der Realität ins Auge schauen".

An diesem Freitag dann tauchte ein längeres Statement auf Haas' Internetseite auf. Zwischen den Zeilen erklärt er darin seinen Abschied als Vollzeit-Profi. Mindestens bis Mitte Januar will er pausieren. Und dann: "Wirklich freuen würde ich mich natürlich, 2009 auch wieder bei einem der Grand-Slam-Turniere dabei sein zu können. Aber auch dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne und gehört sicher nicht zu den primären." Zu Spekulationen, er wolle ganz aufhören, sagt er: "Momentan sehe ich keinen Anlass für eine solche Überlegung. Ich fühle mich gut und möchte noch einmal zurück auf die ATP-Tour kommen."

Ein knallhartes Dementi ist das nicht. Tommy Haas plant nicht mehr, Woche für Woche von Turnier zu Turnier zu reisen, wie es Tennisprofis tun. Das scheint mir eindeutig. Hin und wieder in kleines Turnier. Vielleicht ein Grand-Slam-Turnier, vielleicht auch nicht.

Haas ist 30. Das ist kein Alter, in dem man zwingend ans Aufhören denken muss. Aber seit Jahren hat er Probleme mit seiner Schulter. 2003/2004 hatte er über ein Jahr lang pausieren müssen, und danach scheint die Schulter nie wieder dauerhaft gehalten zu haben. Mittlerweile sind auch Ellenbogen und Handgelenk angeschlagen.

Auch wegen seiner Verletzungen war Haas schon in diesem Jahr auf dem Weg zum Teilzeit-Profi. Er hat nur zwei der vier Grand Slams gespielt (Wimbledon und US Open) und vier der bisher acht Masters-Turniere. In Indian Wells schlug er unter anderem Andy Murray und Andy Roddick und kam ins Viertelfinale (zum dem er allerdings nicht antrat). Nur wenige gute Ergebnisse - das macht sich natürlich auch auf der Weltrangliste bemerkbar. Er ist auf Platz 69 zurückgefallen. So weit hinten stand er - wenn man vom Verletzungsjahr 2003 absieht - zuletzt 1997. Beim Masters-Turnier von Paris, das in einer Woche beginnt, ist er zum ersten Mal nicht mehr direkt fürs Hauptfeld qualifiziert. Für die 128-Spieler-Felder der Grand-Slam-Turniere reicht es natürlich noch. Aber wenn im März die Punkte vom Viertelfinale in Indian Wells verfallen, kann auch das ganz schnell vorbei sein.

Dass Haas offen lässt, ob er in Zukunft Grand-Slam-Turniere spielen wird, hat wohl mit der besonderen Belastung zu tun, die Matches über drei Gewinnsätze mit sich bringen. Es wird aber auch daran liegen, dass er nicht davon ausgehen kann, überhaupt fürs Hauptfeld qualifiziert zu sein. Bei kleineren Turnieren sieht die Sache anders aus. Da wird er sicherlich immer wieder mal eine Wild Card kriegen können, insbesondere in den USA, wo er fast populärer ist als in Deutschland.

(Ein Zeitlang könnte er sich noch mit dem "Protected Ranking" (PR) über Wasser halten, der Regel, nach der Spieler nach einer mindestens sechsmonatigen Verletzungspause acht Turniere mit ihrer alten Ranglistenposition bestreiten dürfen. Sollte Haas allen Ernstes nächste Woche in Basel antreten, müsste er freilich bis Ende März warten, um seine sechs Monate Pause fürs PR vollzukriegen. Das Basler Pressebüro konnte oder wollte mir nicht sagen, ob Haas schon in der Stadt gesehen wurde und ob man überhaupt mit seinem Erscheinen rechnet.)

Aber spielt Haas wenigstens noch im Davis-Cup? Mitte des Jahres hatte er gegenüber Kapitän Patrik Kühnen seine Bereitschaft signalisiert. Solange aber Philipp Kohlschreiber, Philipp Petzschner, Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler solide Leistungen bringen, sehe ich Haas gar nicht zwingend in der Mannschaft. Und wir wollen ja nicht enden wie so viele Fußball-Nationalmannschaften, deren Trainer sich nicht trauen, ihren alternden Star auf die Bank zu setzen.

Zum Abschluss hab ich auf meinem Notizzettel ein paar Stichpunkte zum Gesamtfazit von Tommy Haas' Karriere. Hat er mehr erreicht als er erwarten konnte? Immerhin war er mal Weltranglistenzweiter? Oder ist er unter seinen Möglichkeiten geblieben? Er hat schließlich nie ein Grand-Slam-Titel gewonnen, ja nicht einmal ein Finale erreicht. Aber das Thema bewahre ich mir auf für den Tag, an dem er seine Karriere tatsächlich beendet (sofern es meinen Blog dann noch gibt...)

Sonntag, 12. Oktober 2008

Philipp Petzschner: Kein One-Hit-Wonder

"Der soll erst mal aufhören zu rauchen und sich professionell verhalten, mehr als 20 Minuten Training wären auch nicht schlecht."

Dieses Zitat handelt von Philipp Petzschner. Ein "Mike aus Oberhaching" hat es vor zweieinhalb Jahren ins Gästebuch von Alexander Waske geschrieben. Es spricht einiges dafür, dass sich hinter "Mike aus Oberhaching" eine wichtige Figur des deutschen Tennis verbirgt; auf jeden Fall ist die Aussage repräsentativ für das, was man in der Szene seinerzeit von Philipp Petzschner dachte. Das war kurz vor dessen 22. Geburtstag, und er war die Nummer 370 auf der Weltrangliste.

Heute hat Philipp Petzschner das ATP-Turnier von Wien gewonnen, als Qualifikant. 6:4, 6:4 im Endspiel gegen den French-Open-Halbfinalisten Gael Monfils. Montag verbessert sich Petzschner von Platz 125 auf Platz 72. Wenn er jüngst mal nur 20 Minuten trainiert haben sollte, wäre das im Sinne der Regeneration vielleicht nicht schlecht gewesen. Denn Philipp Petzschner hat in den letzten zehn Tagen ein Mammutprogramm absoliviert. Seit dem vorigen Sonnabend hat er nicht nur sieben Einzelmatches gewonnen, sondern ist mit seinem österreichischen Partner Alexander Peya auch ins Doppel-Finale eingezogen. Einen Tag, bevor er zur Qualifikation in Wien antrat, spielte Petzschner noch Doppel-Viertelfinale in Tokio. Der Flieger aus Japan mit ihm an Bord landete drei Stunden vor seinem ersten Match. Zeit für eine Zigarette dürfte da nicht geblieben sein.

Wer unter diesen Voraussetzungen ein ATP-Turnier gewinnt, der ist topfit. Und Wien ist nicht irgendein Pillepalleturnier. Hier waren sechs Top-20-Spieler am Start. Es gibt ja manchmal Zufallsturniersieger, One-Hit-Wonder, von denen man nach einem Jahr, in denen sie sich reihenweise Erstrundenniederlagen abholen, nie wieder was hört. Wenn ein 24-jähriger Weltranglistenhunderfünfundzwanzigster plötzlich einen Titel holt, ist die One-Hit-Wonder-Wahrscheinlichkeit gemeinhin relativ hoch. Bei Philipp Petzschner ist das anders. Ich behaupte nicht, dass er ab sofort reihenweise Turniere gewinnt, aber er wird sich nun schnell unter den ersten 50 der Welt etablieren und in den nächsten Jahren einer der besten deutschen Tennisprofis sein.

Das hat sich schon länger abgezeichnet. "Es ist, glaub ich, unbestritten, dass der Petzschner mit am meisten Talent von allen hat", schrieb der eingangs zitierte Mike aus Oberhaching (dort ist ein bedeutendes Trainingszentrum, in dem Leute, die Michael heißen, arbeiten) schon damals, als Petzschner noch rauchte und Party machte.

Sein Talent blitzte immer wieder auf. Als 19-Jähriger erreichte er zum ersten Mal das Viertelfinale eines ATP-Turniers (2003 in Metz). Bis zum zweiten Viertelfinale dauerte es fünf Jahre (vor zwei Wochen in Bangkok). 2004 wurde er Deutscher Meister und der Deutsche Tennisbund (DTB) musste ihm zähneknirschend eine Wild Card für den Hamburger Rothenbaum geben, denn die war dem Gewinner der Deutschen Meisterschaft versprochen. In Hamburg 2005 wäre er dann sogar fast noch in die zweite Runde eingezogen. Gegen den auf Sand stets unbeholfen spielenden Greg Rusedski gewann er einen Satz.

Wenn der DTB nicht musste, gab er Petzschner keine Wild Cards. Die gingen - und das ist ja auch nachvollziehbar - lieber an Leute, die für ihren Erfolg hart arbeiten. Nicht einmal als Doppelspieler war er wohlgelitten. Dabei sorgte er in dieser Disziplin gemeinsam mit seinem Kumpel Christopher Kas 2005/06 international für Furore. Sie besiegten unter anderem die Weltklasseduos Erlich/Ram (Israel) und Knowles/Nestor (Bahamas/Kanada). In dem Jahr kletterte Petzschner in der Doppel-Rangliste bis auf Platz 62. Beim Doppel muss man nicht so weit laufen, was praktisch ist für Leute mit wunderbarem Ballgefühl, aber wenig Puste. In den einschlägigen Fanforen wurde spekuliert, was er wohl alles erreichen könnte, wenn er mal mit einem richtigen Doppelspezialisten spielen würde anstatt immer nur mit seinem Kas. (Tja, da unterschätzte man Kas, der es später ohne Petzschner unter die ersten 30 der Welt brachte, aber das ist ein anderes Thema.)

Nach einer relativ kurzen Verletzungspause verlor Petzschner den Anschluss im Doppel und musste zurück auf drittklassige Future-Turniere. Dann muss er irgendwann mit dem Rauchen aufgehört haben. Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen hat das schnell registriert und ihn schon im Herbst 2007 fürs Halbfinale gegen Russland nominiert, zu einer Zeit, als die messbaren Ergebnisse von Petzschners neuem Lebenswandel noch ganz unscheinbar waren. Das Doppel gegen Russland gewann er zusammen mit Alexander Waske. Als sich Waske verletzte und Tommy Haas krank wurde, musste er sogar im Einzel einspringen. Als damalige Nummer 206 verlor er nur knapp gegen die Nummer 17 Michail Juschni. 2008 gehört Petzschner fest zum Davis-Cup-Team.

Nach dem Davis-Cup-Einsatz gegen Russland sprach er gelassen darüber, dass ein Lebenswandel nicht immer der eines Berufssportlers war. "Ich war aber nicht mehr im Nachtleben unterwegs als jeder halbwegs normale Student." Da tut sich eine geradezu sportethische Frage auf: Darf man es einem jungen Menschen zum Vorwurf machen, dass er leben möchte wie alle anderen Leute auch? Dass er keine Lust hat sich zu schinden, früh schlafen zu gehen, nüchtern zu bleiben? Oder sollte es nicht jedem Menschen selbst überlassen bleiben, ob er aus seinem großen Talent mit großen Anstrengungen etwas Großes macht oder nicht? Es ist ja weißgott nicht so, dass Philipp Petzschner auf die schiefe Bahn geraten wäre wie Maximilian Abel.

Andere Profis haben mit 24 keine Lust mehr auf Tennis, weil sie seit zehn Jahren von morgens bis abends nichts gesehen haben außer Tennisplätzen, Tennisschlägern, Tennisbällen. Petzschners Karriere geht jetzt erst richtig los, und ihm macht sein Beruf richtig Spaß.

Hier das ATP-Profil von Philipp Petzschner

Und hier die Ergebnisse aus Wien im Einzel und im Doppel

Sonntag, 5. Oktober 2008

Wer schafft es nach Schanghai?

Soll niemand behaupten, so ein Blog, das sei kein Wunschkonzert. Der Leser thedesertsun fragte in dieser Woche, ob man sich auch Themen wünschen könne: "Wenn ja, fände ich es echt interessant, wenn du am kommenden Sonntag mal die Chancen der Kandidaten für die letzten Shanghai-Plätze bewertest."

Also behandeln wir heute mal die Frage, wer die Teilnehmer des Masters-Cups (9. bis 16. November) sein werden, des Jahresabschlussturniers der besten Spieler der Saison.

Vier Turnierwochen sind bis dahin noch zu absolvieren - einschließlich der beiden Masters-Turniere von Madrid (13. bis 19. Oktober) und Paris (27. Oktober bis 2. November). Da werden noch jede Menge Punkte für das Rennen nach Schanghai vergeben: Jeweils 100 für die Sieger der beiden Masters, bis zu 50 für die Sieger der anderen Turniere. Wer vier Turniere gewinnt, bekommt also 300 Punkte. Der gegenwärtige Achte der Schanghai-Rangliste, James Blake (USA), hat 308 Punkte. Theoretisch kann also jeder Hans und Franz noch James Blake überholen. Wir wollen uns aber an dieser Stelle auf diejenigen Tennisspieler beschränken, die das auch praktisch noch schaffen können.

Dies ist der Stand von diesem Montag (6. Oktober):
1. Rafael Nadal (Spanien) 1265
2. Roger Federer (Schweiz) 921

3. Novak Djokovic (Serbien) 899
4. Andy Murray (Großbritannien) 520
5. Nikolai Dawidenko (Russland) 417
6. Andy Roddick (USA) 354 (22/24)
7. David Ferrer (Spanien) 337 (15/15)
8. James Blake (USA) 309 (15/20)
------------------------------------------------------
9. Juan Martin del Potro (Argentinien) 307 (8/15)
10. Stanislas Wawrinka (Schweiz) 286 (3/5)

11. Fernando Gonzalez (Chile) 279 (8/12)
12. Gilles Simon (Frankreich) 261(10/27)
13. Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich) 255 (0/0)
14. Fernando Verdasco (Spanien) 253 (8/15)
15. Nicolas Almagro (Spanien) 253 (8/15)
...
19. Tomas Berdych (Tschechien) 221 (8/10)
27. David Nalbandian (Argentinien) 195 (5/10)

(Hier die komplette Rangliste)

Gewertet werden die Ergebnisse der vier Grand-Slam-Turniere, die neun Masters-Turniere und die fünf besten übrigen Ergebnisse. Die beiden Zahlen in Klammern geben von diesen übrigen Ergebnissen das viert- und fünftbeste Resultat an. Wenn also zum Beispiel Fernando Verdasco in Wien und St. Petersburg jeweils ins Finale käme (jeweils 35 Punkte), erhielte er dafür 70 Punkte, gleichzeitig verfielen aber 23 (8+15). Macht netto 47.

Das Rennen nach Schanghai funktioniert also fast genau so wie die Weltrangliste. Fünf Weltranglistenpunkten entspricht ein Punkt im Rennen nach Schanghai. Es beginnt im Januar bei Null, während für die Weltrangliste die Ergebnisse der gesamten vergangenen 52 Wochen zählen. Am Ende des Jahres stimmen beide Ranglisten also überein. (Dass beim Rennen nur die größeren Turniere ab 325.000 Euro Preisgeld zählen, ist egal, weil von den ersten Acht normalerweise sowieso keiner auf den kleinen Challengern spielt.)

Vier Spieler sind schon uneinholbar unter den ersten acht: Rafael Nadal, Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray. Auch um Nikolai Dawidenko braucht man sich wohl keine Sorgen mehr zu machen.

Beginnen wir also bei Platz 6:

Andy Roddick
(Nr.6) könnte, wenn es ganz arg kommt, wohl noch von drei Leuten überholt werden. Dazu müssten aber nicht nur die Leute hinter ihm überragend spielen, er selber müsste zudem immer verlieren. Danach sieht es aber nicht aus. Er ist ganz gut in Form, hat vor einer Woche das Turnier in Peking gewonnen und war diese Woche in Tokio im Halbfinale.
Turniere: Madrid, Lyon, Paris Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 95 Prozent

David Ferrer (Nr. 7) hat fast ebenso viele Punkte auf dem Konto wie Roddick. Aber seine zweite Saisonhälfte war dürftig. Und er hat außer für die beiden Masters für kein Turnier mehr gemeldet. Er kann also nur zugucken, wie seine Verfolger in Wien oder Basel punkten. Ferrer braucht mindestens ein Viertelfinale in Madrid oder Paris. So, wie er derzeit drauf ist, klappt das nicht.
Turniere: Madrid, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 40 Prozent

James Blake
(Nr. 8) ist das große Fragezeichen. Er hat seit den US Open nicht mehr gespielt. Man weiß nicht genau, was mit ihm los ist. Den Davis-Cup sagte er wegen "mentaler Erschöpfung" ab. Eigentlich hätte er ab morgen in Wien antreten sollen. Aber auch da hat er kurzfristig abgesagt. Wenn er bloß seine Kräfte schont, um in den letzten Turnierwochen noch mal durchzustarten, hat er beste Chancen auf Schanghai. Andernfalls sieht es düster aus.
Turniere: Madrid, Basel, Paris (?)
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: keine Ahnung. Je nach Verfassung zwischen 0 und 60 Prozent


Juan Martin del Potro (Nr. 9), das Wunderkind der zwei Saisonhälfte. Im Juli kam er als 19-jährige Nr. 65 zum Stuttgarter Weißenhof und gewann das Turnier - und die Turniere von Kitzbühel, Los Angeles und Washington gleich hinterher. Seither hat er nur noch zwei Matches verloren: Vor vier Wochen das Viertelfinale der US Open und heute das Finale von Tokio. Der Junge ist nicht zu stoppen.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 75 Prozent

Stanislas Wawrinka (Nr. 10) hat sich im Frühjahr in die Top 10 gespielt. Seither liefert er solide Ergebnisse ab, ohne das was Herausragendes dabei gewesen wäre (außer der olympischen Goldmedaille im Doppel, aber ums Doppel geht es hier ja nicht). Sein Vorteil: In Basel hat er ein Heimspiel.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent

Fernando Gonzalez (Nr. 11) gewann bei den Olympischen Spielen Silber; ansonsten hat er seit Mai nicht mehr viel gerissen. Aber Gonzalez ist seit Jahren vorn dabei, den muss man immer auf dem Zettel haben.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 15 Prozent

Gilles Simon (Nr. 12) gewinnt immer nur, weil seine Gegner gegen ihn so schlecht spielen. An dieser These halte ich eisern fest, denn immer dann, wenn ich ihn live gesehen habe, war das so. Unter den ersten acht kann ich mir Gilles Simon beim besten Willen nicht vorstellen. Andererseits: Bei französischen Hallenturnieren spielen seine Gegner immer besonders unterirdisch. Und es kommen ja noch Lyon und Paris.
Turniere: Wien, Madrid, Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 13): Lang ist's her: Im Januar stürmte er als Nr. 38 der Welt ins Endspiel der Australian Open. So ein Grand-Slam-Finale (140 Punkte) ist fast die halbe Miete für den Masters-Cup. Wäre Tsonga nicht von Mai bis August verletzt gewesen, hätte er die Qualifikation wohl schon so gut wie sicher. Vor einer Woche schlug er Novak Djokovic im Finale von Bangkok. Stark genug ist Tsonga also. Aber in Tokio musste er mit einer Leistenverletzung die Segel streichen. Seinen Start in Moskau hat er abgesagt. Ob er in Madrid wieder spielen kann, weiß er noch nicht. Um noch nach Schanghai zu kommen, braucht er ein kleines Wunder. Aber Tsonga ist ein einer von denen, die Wunder können.
Turniere: Madrid (?), Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 10 Prozent. Falls er in Madrid antritt, steigen seine Chancen.

Fernando Verdasco (Nr. 14) ist mit Tsonga fast gleichauf und außerdem unverletzt. Da gehört er auf jeden Fall auch noch zum Kandidatenkreis für Schanghai. Spaniern hängt ja der Ruf nach, sie könnten nicht in der Halle, sie könnten nur auf Sand. Für Verdasco gilt das nicht. Bei günstiger Auslosung steht der in Madrid ruck, zuck im Halbfinale (45 Punkte). Anschließend spielt er das schwach besetzte Turnier in St.Petersburg. Da zählt er zu den Favoriten auf die 50 Punkte für den Titel.
Turniere: Wien, Madrid, St.Petersburg, Paris
S
changhai-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Nicolas Almagro (Nr. 15) ist punktgleich mit Verdasco, im Gegensatz zu diesem aber wirklich ein Sandkastenspieler. Den können wir vergessen.
Turniere: Madrid, Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 0,5 Prozent

Dann gibt's noch zwei Kandidaten auf den hinteren Rängen, die für eine Überraschung gut sein können:

Tomas Berdych
(Nr. 19) hatte bis vor kurzem eine für seine Verhältnisse enttäuschende Saison. Aber im Finale von Tokio hat er heute den nahezu unschlagbaren Juan Martin del Potro geschlagen. Ich trau ihm noch mehr Turniersiege zu. Vielleicht sogar in Paris - wie vor drei Jahren.
Turniere: Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 3 Prozent

David Nalbandian (Nr. 27) ist deswegen auf dieser Liste, weil er vor genau einem Jahr auch ungefähr auf Platz 27 stand und das Ticket für Schanghai dennoch nur hauchdünn verfehte: Er gewann Madrid und Paris und war plötzlich Neunter.
Turniere: Stockholm, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 2,5 Prozent

So. Wer das jetzt alles bis zum Schluss durchgelesen hat, darf sich auch ein Thema wünschen. Und wer erkennt, wer der Spieler ist, der seit gestern durch den Titelkopf meines Blogs hüpft, darf sich sogar zwei Themen wünschen.

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