Sonntag, 30. November 2008

Saisonpause - Endlich Zeit für ein paar Turniere

Die Saison ist zu lang. Jedes Jahr im November fordern Spieler und Kommentatoren, den ATP-Tunrierkalender endlich mal zu straffen. Jedes Mal passiert nichts. Dabei sind die Klagen nachvollziehbar. Die Profis reisen um die ganzen Welt und spielen Tennis - von Anfang Januar bis Mitte November Woche für Woche . Zwischendurch kommen sie höchstens mal für ein paar Tage nach Hause.

Da ist natürlich klar, was diese Spieler machen, wenn endlich Saisonpause ist: Sie reisen um die ganze Welt und spielen Tennis - von Mitte November bis Anfang Januar. Roger Federer und James Blake spielten letzte Woche in Macao und Kuala Lumpur. Novak Djokovic kommt demnächst nach St. Anton, und wenn Rafael Nadal nicht verletzt wäre, würde er in Spanien und Südamerika spielen. Überall geht es um schöne Summen Geldes. Vereinzelt sind auch Wohltätigkeitsveranstaltungen darunter.

Nicht nur die Topstars haben viel um die Ohren. Gestern sind die französischen Mannschaftsmeisterschaften zu Ende gegangen. Daran waren nicht nur fast alle namhaften Franzosen beteiligt, sondern auch Philipp Kohlschreiber, Simon Greul und Dominik Meffert für den AS Rennes und Christopher Kas und Simon Stadler für den TC Lille.

Die Saisonpause ist die Zeit der Schaukämpfe. Diese Veranstaltungen sind natürlich nicht so anstrengend wie Grand-Slam- oder Masters-Turniere; manchmal wird nur ein Satz gespielt, und wer gewinnt, ist meistens auch egal. Trotzdem spielt die Flut an Schaukämpfen nicht gerade denjenigen in die Hände, die fordern, die Saison zu verkürzen. Möglicherweise denkt man sich im ATP-Vorstand: "Je weniger Turniere wir selbst ausrichten, desto mehr Raum schaffen wir für Konkurrenzveranstaltungen."

Ich hab versucht, einen Überblick über die Schaukämpfe in den Wochen bis zum Saisonstart am 5. Januar zusammenzustellen. Darunter sind auch nationale Meisterschaften, sofern Top-50-Spieler an ihnen teilnehmen. Vermutlich ist der Überblick nicht vollständig. Für weitere Hinweise bin ich dankbar.

Montag, 1. Dezember:
Prag
Radek Stepanek
Pete Sampras


Freitag bis Sonntag, 5. bis 7. Dezember:
Málaga
David Ferrer
Gael Monfils
Marat Safin
Carlos Moyá
Feliciano López
Juan Carlos Ferrero


Sonnabend bis Montag, 6. bis 8. Dezember
El Ferrol (Spanische Meisterschaften)
Fernando Verdasco
Nicolás Almagro
Tommy Robredo
Albert Montañés
Marcel Granollers
Óscar Hernández
Iván Navarro
Daniel Gimeno-Traver


Mittwoch bis Sonnabend, 10. bis 13. Dezember:
St. Anton
Novak Djokovic
Robin Söderling
Marat Safin
Philipp Kohlschreiber
Jarkko Nieminen
Stefan Koubek
Janko Tipsarevic
Dudi Sela
Bei den Damen u.a. Sibylle Bammer und Patty Schnyder
(Djokovic und Safin nehmen nicht am eigentlichen Turnier teil, sondern spielen nur eine Partie)


Donnerstag bis Sonntag, 11. bis 14. Dezember:
Buenos Aires
David Nalbandian
Carlos Moya
Agustín Calleri
José Acasuso
Feliciano Lopez
Juan Monaco
Guillermo Cañas
Juan Ignacio Chela


Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. Dezember:
Bilbao
David Ferrer
Tommy Robredo
Juan Carlos Ferrero
Fernando Verdasco
Nicolas Almagro
Albert Montanes

Sonnabend, 13. Dezember
Vero Beach, Florida
Andy Murray
Mardy Fish


Sonntag, 14. Dezember:
Knoxville, Tennessee
Andy Roddick
John Isner
Serena Williams
Caroline Wozniacki

Baton Rouge, Louisiana
James Blake
Pete Sampras


Donnerstag bis Sonntag, 18. bis 21. Dezember:
Toulouse (inoffizielle Französische Meisterschaften)
Gilles Simon
Jo-Wilfried Tsonga
Richard Gasquet
Paul-Henri Mathieu
Julien Benneteau
Nicolas Mahut
Marc Gicquel
Adrian Mannarino


Donnerstag bis Sonnabend, 1. bis 3. Januar:
Abu Dhabi
Rafael Nadal
Roger Federer
Andy Murray
Nikolai Dawidenko
Andy Roddick
James Blake
(Dieses Turnier heißt in aller Bescheidenheit, passend zum Teilnehmerfeld, "Capitala World Tennis Championship")


Die "Copa Chile" (18. bis 21. Dezember) fällt wohl aus, weil der Veranstalter in finanziellen Schwierigkeien ist. Hier waren unter anderem Tommy Haas, Fernando Gonzalez, Nicolas Massu, Juan Martin del Potro und Mardy Fish angekündigt.


Nicht ganz in diese Reihe passen die Deutschen Meisterschaften (9. bis 15. Dezember in Offenburg). Dort ist kein einziger Top-100-Spieler dabei. Von jenseits des hundertsten Platzes starten sie aber fast alle. Es geht dort immerhin um eine Wild Card für die "German Open", wie ehemalige Masters-Turnier am Hamburger Rothenbaum jetzt wieder heißt.

Sonntag, 23. November 2008

Zahlen, Zahlen, Zahlen - Das war 2008

Das war's dann also mit der Tennissaison 2008. Ein Hammer-Davis-Cup-Finale zum Abschluss, das Spanien gewannen, obwohl Rafael Nadal verletzt war. Die eisige Stimmung im favorisierten argentinischen Team dürfte dazu beigetragen haben.

Jetzt ist Zeit für einen Jahresrückblick. Mir schwirrt gerade der Kopf, denn zu meinem großen Bedauern hatte ich mir vorgenommen, diesen Rückblick in Form einer Tabelle zu liefern, wie ich sie in meiner Jugendzeit am Anfang jeden Jahres in einem damals von mir hochgeschätzten Magazin zu finden pflegte. Seinerzeit erweiterte ich diese Tabellen mit leichter Hand um viele weitere Varianten.

Mittlerweile bin ich beim Tabellen-Erstellen ziemlich aus der Übung. Aber ich hab's trotzdem geschafft: Die PDFs, die gleich kommen, bieten einen Überblick über die wichtigesten Ergebnisse der besten 50 Spieler: Die Ranglistenposition und die des Vorjahres, Alter, Nationalität, die Zahl der gespielten Turniere (ohne Challenger), der Turniersiege, Endspiel-Teilnahmen, Halb- und Viertelfinals sowieso die Ergebnisse aus den Grand-Slam-Turnieren und von den Olympischen Spielen, gewonnene und verlorene Matches insgesamt und schließlich gewonnene und verlorene Matches gegen Top-20-Spieler.

Viel mehr will ich dazu nicht erklären, ich hoffe, die Tabelle erklärt sich von selbst. Ein paar kurze Bemerkungen zu Dingen, die mir auffielen:
1.) Nur drei Spieler unter den ersten 50 sind über 30. Zwei davon sind Deutsche.
2.) Die Spieler, die von besonders weit unten den Sprung in die Top 50 geschafft haben, sind alle schon relativ alt. Junge Hüpfer, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten, gab es in diesem Jahr nicht.
3.) Am meisten überrascht hat mich die Statistik der Siege und Niederlagen gegen Top-20-Spieler. Nur Rafael Nadal und Andy Murray haben da eine deutlich positive Bilanz, während sogar Roger Federer und Novak Djokovic gegen Top-20-Spieler ungefähr genauso oft gewonnen wie verloren haben. So eine Quote schaffen selbst viele andere Spieler bis runter zu Platz 40. Ich erkläre mir das damit, dass die Spitzenspieler, weil sie immer gesetzt sind, meistens erst im Halbfinale oder Finale auf andere Top-20-Spieler treffen, die wiederum, wenn sie so weit gekommen sind, meistens gut in Form sind. Ein Weltranglisten-40. hingegen trifft öfter mal schon in Runde 1 oder 2 auf einen Top-20-Spieler und dabei auch auf solche in unterirdischer Form.

Aber jetzt zu den nackten Fakten.

Weil sich die Tabellen in ihrer ganzen Schönheit in dieser Blogspalte nicht entfalten können, hier hier zwei Links:

Platz 1-25

Platz 26-50

Legende:
Nr. - Weltranglistenplatz Ende 2008
Vj. - Weltranglistenplatz Ende 2007
Name - Name
Lan - Herkunftsland
Alt - Lebensalter in Jahren
T - gespielte Turniere (Grand Slam, Masters Series, International Series (Gold))
S - Turniersiege
Z - Finalniederlagen
HF - Halbfinals
VF - Viertelfinals
AO - Australian Open
RG - French Open (Roland Garros)
Wi - Wimbledon
Oly - Olympische Spiele
US - US Open
+ Gewonnene Matches bei allen oben erwähnten Turnieren sowie Davis-Cup und World Team Cup
- Verlorene Matches bei diesen Turnieren
+20 - Gewonnene Matches bei diesen Turnieren gegen Spieler, die zum Zeitpunkt des Matches unter den ersten 20 des ATP-Rankings standen
-20 - Verlorene Matches gegen diese Spieler

Sonntag, 16. November 2008

Wenn Ricci Bitti zum Arzt geht: Wie verletzt ist Rafael Nadal ?

Francesco Ricci Bitti, der italienische ITF-Präsident mit dem lustigen Nachnamen, hat uns ja schon im August beschäftigt, als er Rainer Schüttler beschimpfte. Jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Er sagte in Schanghai, Rafael Nadal habe ein "sehr ernstes Problem" gesundheitlicher Art. Wieso er über Nadals Gesundheitszustand so gut Bescheid weiß, verriet er auch: Er und Nadal haben denselben Doktor. Ricci Bitti selbst scheint also recht gesund zu sein, hat er doch Zeit, in der Sprechstunde mit Dr. Angel Ruiz Cotorro über die Krankenakten anderer Patienten zu plaudern.

Ricci Bittis Verlautbarung hat Spekulationen angeheizt, Nadal habe nicht bloß eine Sehnenentzündung im Knie, wegen der er den Masters-Cup und das Davis-Cup-Finale (am nächsten Wochenende, 21. bis 23. November, in Argentinien) absagen musste, sondern noch irgendeine andere schwerwiegendere Verletzung. Das Gerücht fällt auf fruchtbaren Boden. Fans und Fachleute fragen sich schon lange, wie lange Nadals Körper seine kraftraubende Spielweise wohl durchhalten wird. Dr. Ruiz Cotorro sah sich veranlasst, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Nadal nicht vor dem Ende seiner Karriere stehe. Drei bis sechs Wochen müsse er wohl pausieren, bis die Sehne im Knie wieder in Ordnung sei. Nadal wäre dann haarscharf zum Saisonstart in Australien wieder fit.

Ricci Bitti wollte mit seinem Geraune wohl vor allem die Bedeutung des Davis-Cups bekräftigen. Sein Welttennisverband ITF hat nämlich im Profitennis sonst nicht viel zu melden. Die großen Profiturniere verantworten bei den Herren die ATP und bei den Frauen die WTA. Alle vier Jahre zu den Olympischen Spielen hat die ITF ihren großen Aufritt - im Windschatten des IOC. Die Oberhoheit der ITF über die Grand-Slam-Turniere ist mehr formaler Natur. Ansonsten darf die ITF die kleinen Future-Turniere lenken (bei denen Halbprofis von hinter Platz 300 mühsam Ranglistenpunkte sammeln), sie richtet internationale Junioren- und Seniorenturniere aus - und eben den Davis-Cup.

Vor diesem Hintergrund lag dem ITF-Präsident daran zu betonen, dass Rafael Nadal sehr gerne Davis-Cup gespielt hätte, wenn es ihm denn möglich gewesen wäre. Die ITF muss schon seit vielen Jahren mit ansehen, wie immer wieder einige der besten Spieler auf den Davis-Cup verzichten. Roger Federer spielt seit langem höchstens einmal im Jahr für die Schweiz. (2009 könnte sich das ändern.) Ricci Bitti lag vermutlich daran, jeden Verdacht zu zerstreuen, dem neuen Weltranglistenersten sei der Davis-Cup nicht wichtig genug und er würde sich einfach nur eine etwas längere Saisonpause nehmen, um kleine Wehwehchen auszukurieren.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man auf diesen Verdacht möglicherweise tatsächlich kommen. Stichhaltig ist er aber nicht.
2006 und 2007 hatte Nadal den Davis-Cup komplett ausfallen lassen. 2005 trat er nur zum Abstiegsspiel gegen Italien an. Zur Stammbesetzung gehörte er nur 2004. Das war das letzte Mal, dass Spanien den Davis-Cup gewann - mit dem 18-jährigen Nadal als zweitem Mann hinter dem damaligen Star Carlos Moya. 2008 sollte das Jahr werden, in dem Nadal als Führungsspieler den Davis-Cup holt. Er ist in diesem Jahr zu allen Begegnungen brav angetreten, sogar zur ersten Runde in Peru, wo Spanien notfalls auch mit der vierten Geige noch hätte gewinnen können. Natürlich hätte er auch das Finale gespielt, wenn er gekonnt hätte. Daran zweifelte kaum jemand. Dazu hätte es des Geraunes von Francesco Ricci Bitti nicht bedurft.

Ohne Nadal sind nun die Argentinier mit Juan Martin del Potro und David Nalbandian die haushohen Favoriten. Mitten im Sommer spielen sie in einer Halle in Mar del Plata, weil Nalbandian immer dann Weltklasse spielt, wenn Wind und Sonne ihn nicht ablenken. Spaniens Nummer 2, David Ferrer, ist seit Monaten außer Form. Hinter ihm kommen Fernando Verdasco und Feliciano Lopez. Das sind zwar keine Schlechten, sie rangieren aber eine halbe Klasse unter den beiden Argentiniern.

Wird Rafael Nadal 2009 noch einmal versuchen, den Davis-Cup zu gewinnen? Das wird davon abhängen, wie viel er seinem Körper zumuten will. Spanien trifft gleich in der ersten Runde auf Serbien. (Hier geht's zu einer Verschwörungstheorie.) Der frisch gebackenen Masters-Cup-Gewinner Novak Djokovic wird Nadal schon bei den Individualturnieren mächtig fordern... Als 2007 Spanien und die Schweiz in der ersten Runde aufeinander trafen, sagten Nadal und Federer beide kurzfristig ab. Dass Nadal und Djokovic es ähnlich halten werden, ist nicht vollkommen ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Djokovic ist in Serbien ein Nationalheld, und ein solcher hat gelegentlich eingeschränkte Handlungsoptionen.

Sonntag, 9. November 2008

Was um alles in der Welt macht Nicolas Kiefer in Schanghai?


Die ATP scheint Deutschland als Markt noch nicht ganz aufgegeben zu haben: Am Checkpoint Charlie in Berlin wurden in dieser Woche Riesenbilder der Masters-Cup-Teilnehmer an Hausfassaden projiziert. Nicolas Kiefer war nicht dabei. (Foto: ATP)


Am Freitagabend las ich im Videotext eine Meldung, die ich einfach nicht verstand: "Nicolas Kiefer als Nachrücker zum Masters Cup". Der Masters-Cup in Schanghai ist das Saisonfinale der besten acht Tennisspieler des Jahres. In der einschlägigen Rangliste, dem "Race to Shanghai", belegt Kiefer Platz 35. Rafael Nadal hat abgesagt, weil er verletzt ist und sich lieber fürs Davis-Cup-Finale in zwei Wochen schont. Bleiben 26 weitere Spieler, die vor Nicolas Kiefer dran wären, den Ersatzmann in Schanghai zu geben.

Aber die Videotext-Meldung entsprach der Wahrheit. Kiefer selber bestätigte am Freitag: "Gestern erhielt ich einen Anruf der ATP, die mich als Ersatzspieler zur Weltmeisterschaft nach Shanghai beorderte, nachdem viele andere vor mir in der Weltrangliste platzierte Spieler abgesagt hatten."

Dass die ATP Kiefer "beorderte", ist wohl etwas übertrieben. Mehr als zwei Dutzend andere Spieler haben sich dieser Order schließlich entziehen können. Das gilt übrigens auch für Philipp Kohlschreiber und Rainer Schüttler, die im ATP-Race beide knapp vor Kiefer rangieren.

Ein einziger anderer Profi hatte sich bereitgefunden, die Ersatzmann-Rolle zu übernehmen: Radek Stepanek (Tschechien), die Nummer 26, ist nun Ersatzmann Nummer 1, Kiefer ist Ersatzmann Nummer 2.

Da ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Kiefer in Schanghai tatsächlich ein Match bestreiten wird. Und sebst wenn er doch drankommen sollte, würde er wahrscheinlich selbst bei einem Sieg in der Vorrunde ausscheiden: Vor den Halbfinals wird in zwei Vierergruppen gespielt. Um weiterzukommen, muss man in der Regel zwei Matches gewinnen. Wer als Ersatzmann erst am dritten Spieltag einspringt, hat also praktisch keine Chance.

Insofern scheint es plausibel, dass viele andere Spieler sich den Trip nach China sparen. Die Saison ist vorbei, der lang ersehnte Urlaub hat längst begonnen. Und Schanghai ist für alle 25 in Frage kommenden Spieler weit weg. Für 50.000 Dollar Prämie und einen Gratis-Logenplatz beim Master-Cup würde ich persönlich ja sofort alles stehen und liegen lassen. Die Profis, die in diesem Jahr schon zwischen einer halben und einer ganzen Million Dollar Preisgeld gesammelt haben und dabei außerdem schon ein, zwei Mal nach China mussten, ist die Situation freilich eine andere. Über den sportlichen Stellenwert des Masters-Cups kann man sich zudem streiten. An die Grand-Slam-Turniere reicht er nicht heran.

Seltsam bleibt es trotzdem: Bisher hatte die ATP nie Probleme, Ersatzleute für den Masters Cup zu finden. Üblicherweise sind die Spieler, die die Qualifikation knapp verpasst hatten, brav angetanzt. Es waren zumindest immer Leute aus den Top 20. Auch in den letzten Jahren, als man bereits im fernen Schanghai spielte. Ab dem nächsten Jahr wird der Masters-Cup wieder in Europa ausgetragen (in London). Da werden wohl wieder mehr Spieler Lust haben, mal vorbeizuschauen.

Kiefer wurde erst drei Tage vor Beginn der Veranstaltung angerufen. Ich vermute mal, normalerweise beginnt die Suche nach Ersatzleuten früher. Vermutlich gab es also längst einen anderen, höher platzierten Ersatzmann, der es sich kurzfristig anders überlegte. (Die ATP informiert auf der Masters-Cup-Internetseite nirgends über die Ersatzleute.)

Wieso nun hatte ausgerechnet Nicolas Kiefer mehr Lust auf den Ausflug nach Schanghai als die meisten seiner Kollegen? Zwei Gründe fallen mir da ein:

1.) Er hat er in diesem Jahr nicht mehr so viele Turniere wie früher gespielt und mehrmals zu Hause in Hannover ein paar Wochen Pause eingelegt. Da ist die Aussicht, zum Saisonende noch mal um die halbe Welt zu fliegen nicht ganz so abschreckend wie für andere.

2.) Er verbindet vermutlich sehr schöne Erinnerungen mit dem Masters Cup. Ein einziges Mal qualifizierte er sich. Das war 1999. Austragungsort war seine Heimatstadt Hannover, und er kam auf Anhieb ins Halbfinale.

Drittens scheint eine Rolle zu spielen, zu Kiefer ein großer Fußballfan ist. Er erinnerte sich an die Dänen, die 1992 ihren Urlaub abbrachen, als Ersatzmannschaft für das sich auflösende Jugoslawien zur EM fuhren und prompt den Titel holten. Diese "irrwitzige Story", meint er, könne sich ja vielleich wiederholen, auch wenn "die Chance sicherlich eher gering" sei.

Als fußballerische Schlusspointe hatte ich geplant zu behaupten, dass Kiwi sicher nicht nach Schanghai geflogen wäre, wenn sein geliebtes Hannover 96 am kommenden Wochenende ein Heimspiel gehabt hätte. Diese Pointe scheitert aber an den Fakten: Hannover spielt am Freitag zu Hause gegen den VfL Bochum.

Sonntag, 2. November 2008

Das neue Weltranglisten-System: Doppelte Punktzahl, alles halb so schlimm?

Wer im August versucht hat zu verfolgen, wann genau und wieso Rafael Nadal in der Weltrangliste Roger Federer vom Thron stoßen würde, weiß: Die Berechnung der Tennis-Weltrangliste ist hart an der Grenze zur Geheimwissenschaft.

Das ist im Prinzip nicht weiter wild. Die Feinheiten der Weltrangliste muss man als Fan nicht verstehen. Einen eleganten Longline-Passierball kann man auch so genießen. Trotzdem ist die Rangliste für die Spieler ausgesprochen wichtig: Sie bestimmt, wer an welchem Turnier teilnehmen darf. Deshalb schlägt der Plan der ATP, die Punkteverteilung ab dem kommenden Jahr drastisch zu verändern, hohe Wellen. Ob jemand die Nummer 90 ist oder die 110, macht einen gewaltigen praktischen Unterschied. Der eine steht in Wimbledon im Hauptfeld, der andere muss in die Qualifikation. Und die Platzierung hängt nicht nur von der Leistung der Spieler ab, sondern auch vom Punkteschlüssel.

Viele eingefleischte Fans fürchten nun, der neue Punkteschlüssel werde es jungen aufstrebenden Spielern schwerer machen, die etablierten zu verdrängen, weil auf den großen Turnieren relativ noch mehr Punkte zu holen sind als auf den kleinen.

Meine Ansicht ist: Ganz so schlimm wird es nicht werden. Prognosen sind aber schwierig, denn vieles hängt auch davon ab, wie die Spieler in ihrer Turnierplanung auf die neuen Verhältnisse reagieren. Falls zum Beispiel die Spitzenspieler noch weniger auf kleinen Turnieren spielen, haben die Neulinge bessere Aussichten, dort Punkte zu holen.

Aber jetzt zu den nackten Zahlen: Das Grundprinzip der Rangliste ändert sich nicht. (Zumindest ist bisher nichts dergleichen bekannt. Die ATP hat das neue Ranglistensystem bislang nur scheibchenweise veröffentlicht, und für einige der Daten, die gleich kommen, gibt es nirgends eine offizielle Bestätigung.)

Weiterhin fließen für jeden Spieler 18 Ergebnisse aus den vergangenen 52 Wochen in sein Punktekonto ein. Die vier Grand-Slam-Turniere und die acht (bisher neun) Masters-Turniere zählen auf jeden Fall. Wer eines dieser Turniere ausfallen lässt, obwohl er über die Rangliste direkt qualifiziert wäre, bekommt dafür 0 Punkte. Der Rest wird aufgefüllt mit den besten Ergebnisse aus anderen Turnieren. Für die Spieler jenseits der ersten 100, die keine Grand Slams und Masters spielen, gilt also ganz einfach: Die besten 18 Ergebnisse des Jahres zählen. (Bevor sich jemand beschwert: Ein paar Details habe ich absichtlich weggelassen, damit es nicht noch verwirrender wird. Ganz genau steht alles im ATP-Regelbuch ab Seite 151)

Bisher gab es für einen Grand-Slam-Titel 1000 Punkte, für ein Masters-Turnier 500, für ATP-Turniere der "International Series" und "International Series Gold" je nach Kategorie und Preisgeld 175, 200, 225, 250 oder 300 Punkte für die Sieger. Darunter gibt es die Challenger-Turnier, auf denen üblicherweise Spieler von Platz 100-300 spielen. Je nach Preisgeld erhält der Sieger hier 55 bis 100 Punkte. Die unterste Kategorie schließlich sind die Futures. Davon gibt es allein in Deutschland über 20 und weltweit mehrere hundert. Der Sieger verdient hier je nach Preisgeld 12, 18 oder 24 Punkte.

Ab 2009 gibt es für Grand-Slam-Gewinner 2000 Punkte und für Masters-Gewinner 1000. Also jeweils glatt das Doppelte. Darunter gibt es 500er- und 250er-Turniere. Bis vor zwei Wochen war das alles, was vom neuen System bekannt war. Die Punkte für die großen Turniere werden verdoppelt, die für die kleineren Turniere bleiben praktisch gleich. Auf der Basis dieser Information breitete sich die Befürchtung aus, die Spieler, die einmal auf den großen Turnieren sind, werden dort ewig bleiben, während die anderen auf den kleineren Turnieren noch so gut spielen können, ohne den Punkte-Abstand zu den Etablierten je aufholen zu können.

Inzwischen ist etwas mehr vom neuen Punkteschlüssel bekannt. Das Entscheidende: Die Punkte für Finalisten, Halbfinalisten, Viertelfinalisten usw. steigen nicht annähernd so stark wie die für die Sieger.

Hier ein Überblick zum Vergleich. Das, was von der ATP für 2009 offiziell bestätigt ist, habe ich fett gesetzt. Alles andere beruht auf Gerüchten.



www.vgm.de




Grand Slam 2009 (2008)
S 2000 (1000)
F 1400 (700)
HF 720 (450)
VF 360 (250)
R16 180 (150)
R32 90 (75)
R64 45 (35)
R128 5 (5)

Masters
S 1000 (500)
F 600 (350)
HF 360 (225)
VF 180 (125)
R16 90 (75)
R32 45 (35)
R64 10 (5)

500er-Turnier
S 500 (300/250)
F 300 (210/175)
HF 180 (155/110)
VF 90 (75/60)
R16 45 (25)
R 32 20 (?) (0)

250er-Turnier
S 250 (175-250)
F 150 (120-175)
HF 90 (75-110)
VF 45 (40-60)
R16 20 (15-25)
R32 0

Challenger 125.000 Dollar
S 100 (90)
F 60 (63)
HF 35 (40)
VF 18 (23)
R16 6 (8)

Challenger 50.000 Dollar
S 75 (55)
F 45 (38)
HF 27 (24)
VF 15 (13)
R16 5 (5)

Future 15.000 Dollar
S 25 (18)
F 14 (12)
HF 7 (6)
VF 3 (3)
R16 1 (1)

Turniersiege werden also deutlich stärker gewichtet. Ab dem Viertelfinale gibt es kaum mehr Punkte als jetzt. Deshalb wird der Weg nach oben für Newcomer meines Erachtens nicht so viel schwerer wie befürchtet. Challenger-Spieler, die nach oben wollen, konkurrieren ja mit den Spielern, die auf den International-Series-Turnieren hin und wieder ein Viertelfinale erreichen und nicht mit denen, die dort die Titel abräumen.

Betrachten wir uns mal die Plätze 69 bis 75 der Weltrangliste vom vergangenen Montag. Dort stehen Spieler, die ihre Punkte bei den ganz großen Turnieren gemacht haben (Hewitt, Haas), Spieler, die mittlere Turniere gespielt haben (Hernandez) und Spieler, die überwiegend auf Challengern unterwegs waren (Devilder). Außerdem dabei: Philipp Petzschner mit vielen Challengern und einem Turniersieg auf International-Series-Ebene. Eine schön bunte Mischung also. Ich hab versucht umzurechnen, wie viele Punkte diese Spieler nach dem neuen System gemacht hätten. Der Vergleich ist etwas ungenau, weil die neuen 500er-Turniere im alten Jahr kein echtes Äquivalent haben. Rausgekommen ist dies:

Nr. Name - altes/neues System
69. Lleyton Hewitt 605 / 730 (+20,6 %)
70. Tommy Haas 600 / 825 (+37,5%)
71. Nicolas Devilder 591 / 690 (+16,8%)
72. Marcos Daniel 591 / 697 (+17,9 %)
73. Oscar Hernandez 584 / 640 (+ 9,6 %)
74. Philipp Petzschner 583 / 593 (+1,7 %)

Lleyton Hewitt und Tommy Haas hätten also am stärksten profitiert. Sie haben ihre Punkte überwiegend bei Grand Slams und Masters-Turnieren gemacht. Nicolas Devilder, der fast nur Challengers gespielt hat, hätte aber besser abgeschnitten als Oscar Hernandez, der überwiegend auf International-Series-Turnieren unterwegs war. Devilder hat nämlich auf der Challenger-Tour mehrere Titel gewonnen. Das zahlt sich deutlich mehr aus als all die ganzen Viertel- und Achtelfinals, die Hernandez auf der ATP-Tour gesammelt hat.

Am schlechtesten fällt der Vergleich für Philipp Petzschner aus. Er hat zwei Challenger-Endspiele und mehrere Challenger-Viertelfinals auf dem Konto, aber kein Challenger-Turniersieg. Auch diverse zweite Runden bei größeren Turnieren helfen ihm nicht weiter. Und hier kommt der Knackpunkt des neuen Systems: Auch der Tunriersieg in Wien bringt ihm nicht mehr ein, und das, obwohl Turniersiege ja viel stärker gewichtet werden als bisher. Wien wird 2009 ein 250er-Turnier sein. 250 Punkte gab es auch schon in diesem Jahr. Wäre Wien ein 500er-Turnier, wäre Petzschner von allen Spielern in unserem Beispiel der größte Profiteur (+44,6 %).

Die großen Verlierer sind also die Spieler, die auf den 250er-Turnieren rumgurken. In der Mehrklassengesellschaft des Profitennis könnte hier also eine neue Zwischenklasse zwischen Topspielern und Challenger-Spielern entstehen. Wie sich das praktisch auswirkt, ist aber schwer zu prognostizieren. Wenn die Top-50-Spieler künftig die 250er-Turniere meiden oder nur halbherzig spielen, haben die Spieler zwischen Platz 50 und 100 dort mehr Chancen als bisher, Punkte zu sammeln, weil einfach die Konkurrenz etwas schwächer wird.

Im Doppel dagegen könnte sich die Schieflage zu Gunsten der Etablieren, die dort ohnehin schon besteht, noch verschärfen. Aber das ist ein anderes Thema. Im Doppel, mit meist nur 16 Teams pro Turnier, ist man mit einem Sieg im Viertelfinale, mit zwei Siegen im Halbfinale. In den ersten Runden hat man oft leichte Gegner, die sich bloß fürs Einzel warmspielen wollen. Da kann jeder Honk, wenn er erstmal drin ist im großen Geschäft, mit etwas Glück ein bis zwei Turniere im Jahr gewinnen. Da ist es jetzt ganz schwierig für Aufsteiger, in diese geschlossene Gesellschaft einzubrechen. Das wird auch 2009 nicht leichter.

Eine Nachbemerkung noch zur Punkte-Umstellung am Jahresende. Das ist ja eine delikate Sache, weil die Weltrangliste im neuen Jahr nicht bei Null mit dem neuen System startet, sondern die Spieler alle Punkte, die sie nach dem alten System verdient haben, behalten, bis sie nach 52 Wochen verfallen. Greg Sharko, der "ATP Stats- and Information Guru", wie die ATP ihren Pressefritzen nennt, hat vor zwei Wochen in einem Artikel auf der ATP-Webseite mitgeteilt, zum Jahresende würden alle 2008 erworbenen Punkte verdoppelt.

Da es für einen Grand-Slam-Sieg künftig 2000 statt 1000 und für einen Masters-Sieg 1000 statt 500 Punkte gibt, scheint das auf den ersten Blick sinnvoll zu sein. Aber wir haben ja gesehen, dass diese Verdopplung nur eine Handvoll Spieler betrifft, die tatsächlich diese großen Turniere gewinnen. Die anderen werden zwischen 0 und 20 Prozent mehr Punkte bekommen. Was Gurus so erzählen, mag unterhaltsam sein. Man sollte aber nicht alles glauben. Die Aussage, es würden alle Punkte pauschal verdoppelt, ist so absurd, dass ich sie pauschal für eine Fehlinformation halte.

So ganz genau wird man das alles erst wissen, wenn irgendwann in der Saisonpause die ATP ihr Regelbuch für 2009 veröffentlicht.

Edit am 5. Januar 2009: Inzwischen gibt es das Regelbuch. Hier steht mehr darüber.

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