Sonntag, 12. Juli 2009

Die abenteuerliche Woche des Rajeev Ram

Gar nicht so einfach zu entscheiden, worüber ich in dieser Woche schreiben soll. Über das überraschend enge Davis-Cup-Viertelfinale, das Deutschland in Spanien verloren hat? Das ATP-Turnier von Stuttgart, das morgen beginnt? Oder über Mathieu Montcourt, den 24-jährigen französischen Profi, der am Montag vor seiner Wohnung an einem Herzinfarkt gestorben ist?

Ich besinne mich auf mein ursprüngliches Vorhaben, als ich vor bald anderthalb Jahren mit diesem Blog angefangen habe: Ich wollte auch über Nischenthemen schreiben, die es in die etablierten Medien nicht schaffen. Also schauen wir jetzt mal nach Newport, Rhode Island. Parallel zum Davis-Cup-Viertelfinale fand dort ein ganz normales ATP-Turnier statt. Obwohl, ganz normal ist es nicht. Es ist das einzige Rasenturnier außerhalb Westeuropas und das einzige Rasenturnier, das nicht der Vorbereitung auf Wimbledon dient. Und auch sonst ist dort immer wieder mal einiges nicht ganz normal. Das erzählen wir am besten am Beispiel des diesjährigen Finalisten Rajeev Ram.


Rajeev Ram (Foto: Wikipedia)

Rajeev Ram ist nicht zu verwechseln mit Weltklasse-Doppelspieler Andy Ram, der an diesem Wochenende mithalf, Israel erstmals ins Davis-Cup-Halbfinale zu bringen. Rajeev Ram kommt aus Denver, Colorado, ist 25 Jahre alt, Vorname und Aussehen lassen darauf schließen, dass seine Familie aus Indien stammt. Auf seinem ATP-Profil gibt er Ping-Pong als Hobby und Boris Becker als Vorbild an.

Rajeev Ram war bislang die Nummer 181 der Welt. Das hätte um ein Haar gereicht, um direkt fürs Hauptfeld von Newport qualifiziert zu sein. Der letzte direkt qualifizierte Teilnehmer war ein gewisser Brendan Evans von Platz 159. Zum Vergleich: Beim Turnier in Stuttgart in der kommenden Woche, das in dieselbe 250er-Kategorie gehört, brauchte man Platz 89, um direkt ins Hauptfeld zu kommen.

Rajeev Ram also musste ganz knapp in die Qualifikation. Dort hatte er in der ersten Runde ein Freilos und bezwang in der zweiten Runde den Australier Lindahl. Übrigens nicht auf Naturrasen, sondern in einer Halle. Für Qualifikationsmatches ist so etwas zulässig. Der Rasen im Stadion war nämlich noch zu nass, weil es wochenlang nur geregnet hatte in Newport.

Zur dritten und letzten Qualifikationsrunde trat Rajeev Ram nicht an. Offiziell wegen einer Beinverletzung. Vermutlich aber wollte er sich einfach schonen, weil er schon wusste, dass er als bestplatzierter Verlierer der letzten Qualifikationsrunde als Lucky Loser ins Hauptfeld nachrücken würde, denn während in Newport, Rhode Island, die Qualifikation lief, spielte man in Wimbledon gerade ganz großes Tennis, und nachdem Andy Roddick im epochalen Finale gegen Roger Federer den fünften Satz mit 14:16 verloren hatte, sagte er, um zu regenerieren, für das Davis-Cup-Viertelfinale in Kroatien ab.

Daraufhin nominierte US-Teamkapitän Patrick McEnroe den Spieler Mardy Fish nach, der eigentlich in Newport antreten wollte und als Nummer 25 der Welt dort an Nummer 1 gesetzt war. Das Hauptfeld war schon ausgelost, und Fish hätte ein sehr leichtes Programm gehabt: In der ersten Runde gegen einen Qualifikanten, in der zweiten Runde gegen den Sieger einer Partie von zwei weiteren Qualifikanten. (Wenn meine angestaubten stochasischen Kenntnisse aus dem Mathe-Leistungskurs bei Herrn Kabus mich nicht im Stich lassen, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines solchen Losglücks 0,197 Prozent). Aber weil das Vaterland Fish rief, konnte er das Glück nicht nutzen und musste den bequemen Platz im Hauptfeld dem Lucky Loser Rajeev Ram überlassen.
Für Rajeev Ram indes gestaltete sich die Sache schwieriger als erwartet. Während sich Mardy Fish unter der Sonne der kroatischen Adriaküste auf seinen Davis-Cup-Einsatz vorberetete, goss es über Rhode Island wie aus Kübeln. Sein Erstrundenmatch gegen den kolumbianischen Qualifikanten Alejandro Falla war für Dienstag angesetzt. Aber weil es den ganzen Tag regnete, musste Rajeev Ram am Abend unverrichteter Dinge in sein Hotelzimmer zurückkehren.

Am Mittwoch regnete es nicht. Rajeev Ram konnte trotzdem nicht spielen. Das Gras war noch zu nass. Trotz 22 Grad und Sonnenschein änderte sich daran nichts. Die Spieler sollen stinksauer gewesen sein, denn die Planen, die die Plätze bei Regen trocken halten sollten, waren offenbar zu klein: Sie deckten nur das Spielfeld selbst ab, nicht aber den Bereich hinter der Grundlinie. Dort soll es rutschig gewesen sein wie auf Eis.

Also Donnerstag. Wenigstens das Erstrundenmatch gegen Alejandro Falla konnte Rajeev Ram an diesem Tag spielen. Falla verkraftete das Warten offenbar nicht so gut: Das entscheidende Break im zweiten Satz gelang Rajeev Ram, weil Falla drei Doppelfehler hintereinander machte.

Dann kam der Freitag. Das war der Tag, an dem Rajeev Ram sich seinen Platz in sporthistorischen Kuriositätensammlungen sicherte: Bis Sonntag musste das Turnier zu Ende sein, es waren also nur noch drei Tage Zeit für zweite Runde, Viertelfinale, Halbfinale und Finale. Zweite Runde und Viertelfinale fanden deshalb am selben Tag statt. Ein Match am Morgen, eines am Abend, das ist zwar heftig, kommt aber immer wieder mal vor. Regen wurde ja nicht erst in Newport 2009 erfunden. Rajeev Ram aber spielt auch gern und gut Doppel. Darin ist er normalerweise erfolgreicher als im Einzel, konnte sein Können im verregneten Newport bis dahin aber noch überhaupt nicht unter Beweis stellen. So kam es, dass er am Freitag vier Matches an einem einzigen Tag bestritt – und alle vier gewann. Erste Runde Doppel an der Seite von Jordan Kerr gegen Arnaud Clement und Olivier Rochus 2:6, 6:4, 1:0 (11:9 im Match-Tiebreak), dann zweite Runde Einzel 6:4, 6:2 gegen den Qualifikanten Samuel Groth 6:4, 6:2, dann Viertelfinale Einzel gegen Jesse Levine 5:7, 6:2, 7:6 und nach dem Abendbrot Viertelfinale Doppel 6:2, 6:2 gegen Nicolas Mahut und Fabrice Santoro.

Gestern, am Sonnabend, musste Rajeev Ram nur noch zwei Mal auf den Platz: 6:3, 6:4 im Einzel-Halbfinale gegen Olivier Rochus und 7:6, 7:6 im Doppel-Halbfinale gegen Sebastian Prieto und Horacio Zeballos.

Bis hierhin hatte Rajeev Ram von Mardy Fishs Losglück profitiert und war ins Endspiel gekommen, ohne einen einzigen Spieler aus den Top 100 der Welt zu schlagen. Nun wartete der an Drei gesetzte Sam Querrey, Nummer 39 der Welt und eine der großen Nachwuchshoffnungen des amerikanischen Tennis. Aber selbstverständlich ging das Rajeev-Ram-Märchen weiter. 6:7, 7:5, 6:3.

Rajeev Ram soll der siebte Lucky Loser in der Geschichte des Profitennis sein, der ein Turnier gewonnen hat. 2008 gelang dem Ukrainer Sergyi Stakhovsky dieses Kunststück in Zagrab, davor ist so etwas 17 Jahre lang nicht vorgekommen – und mit vier Siegen an einem Tag gewiss noch nie.
Und was macht Rajeev Ram jetzt, wähend ich über ihn schreibe? Er bestreitet sein zweites Match an diesem Tag: Das Doppel-Finale gegen Michael Kohlmann (Deutschland) und Rogier Wassen (Holland). Für Kohlmann ist es das erste Finale seit zweieinhalb Jahren. Im Moment steht es 3:3 im ersten Satz. Aber will irgendjemand glauben, dass Rajeev Ram dieses Match verlieren kann?

Mögen uns die Campell's Hall of Fame Tennis Championships von Newport, Rhode Island, noch lange erhalten bleiben. Ich liebe dieses Turnier. Es hat eines der schwächsten Teilnehmerfelder aller ATP-Veranstaltungen, es hat keine Planen, die die Plätze vollständig trocken halten können, es wird auf Rasen ausgetragen, obwohl die Rasensaison schon vorbei ist, und die Teilnehmer müssen weite Wege in Kauf nehmen: Weder unmittelbar vor noch unmittelbar nach diesem Turnier findet im Umkreis von mehreren tausend Meilen ein anderes ATP-Turnier statt. Das alles macht Newport, Rhode Island, liebenswert.
Das Schönste aber, das ist der Hauptsponsor. Die meisten deutschen ATP- und WTA-Turniere sind ja nach irgendwelchen Autofabriken benannt, die ich in meinem Blog stets totschweige. Newport, Rhode Island, aber hat seit vielen Jahren die Campbell-Konservendosen im Logo, genau die, die Andy Warhol einst auf Leinwand bannte.

Ein schöner Ort für Rajeev Ram, sich seine 15 Minuten Ruhm zu holen. Im Doppelfinale hat gerade der Tiebreak des ersten Satzes begonnen.

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Newport,

hier die Doppel-Ergebnisse,

und hier die Qualifikation.

Kommentare:

Francoise hat gesagt…

Klasse Artikel, vielen Dank!

Baris hat gesagt…

Geiler Artikel.

Lese jeden Sonntagabend deinen Blog und heute ist mir der Artikel von Rajeev Ram aufgefallen!

VIPer7 hat gesagt…

Ja mal wieder ein schöner Artikel!
Die Geschichte mit den vier Matches an einem Tag gab's übrigens vor kurzem nochmal: Beim Challenger-Turnier in Marburg mussten wegen Regen am Sonntag die Halbfinals und Finals gespielt werden. Björn Phau gewann sowohl im Einzel als auch im Doppel mit Martin Emmrich den Titel. Dabei musste er in beiden Einzelmatches jeweils über drei Sätze gehen, spielte an diesem Tag also insgesamt 10 Sätze!
Ram hat damals übrigens auch den Doppeltitel gewonnen, [10:6] im Champions-Tie-Break!

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