Sonntag, 19. Juli 2009

Live von der Qualifikation am Rothenbaum

So etwas nennt man wohl „Haltung bewahren“. Wenn die goldenen Zeiten vorbei sind, soll nach außen alles scheinen wie immer. „Willkommen auf dem Center Court der Welt“, begrüßte der Stadionsprecher das Publikum am ersten Tag der Qualifikation für das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum. Der „Center Court der Welt“, das war bis vor einem Jahr ein schönes Schlagwort. Bis vor einem Jahr war Hamburg Spielstätte eines Masters-Turniers. Die besten Tennisprofis waren fast alle am Start. Für eine Woche im Mai stand der Center Court der Welt tatsächlich in Hamburg.

Das ist vorbei. An diesem Montag beginnt am Rothenbaum die Nach-Masters-Ära. Es ist nur noch ein einziger Top-Ten-Spieler am Start, und bei dem handelt es sich ausgerechnet um den weitgehend unbekannten und von mir gern geschmähten Gilles Simon aus Nizza.

Pere Riba und Nils Langer auf dem "Center Court der Welt"

Gestern begann die Qualifikation für die letzten sechs Plätze in 48 Spieler umfassenden Hauptfeld. Als durch den Lautsprecher das Wort vom „Center Court der Welt“ klang, standen unten auf dem Platz der Spanier Pere Riba (Nr. 144) und der Affalterbacher Nils Langer (Nr. 512). Das Match war nicht der Rede wert und endete 6:3, 6:4 für Riba. Dass der 19-jährige Langer Talent hat, sah man, als Riba im ersten Satz mit einem Break vorne lag und in seinen Returnspielen einen Gang zurück schaltete. Jetzt hatte Nils Langer Zeit, sich für seine wunderschöne einhändige Rückhand in Ruhe hinzustellen. Sobald er laufen musste, sahen seine Schläge immer wieder ein bisschen hilflos aus.

Es lohnte sich, den Center Court der Welt zu verlassen und stattdessen auf den Nebenplatz M4 zu schauen. Dort spielten Diego Junqueira aus Argentinien (Nr. 103) und Jan-Lennard Struff aus Suttrop (Nr. 1294). Ich habe nur den ersten Satz gesehen, und den gewann Struff mit 6:2 und mit präzise platzierten Powerschlägen. Wenn er mal einen Volley schlagen musste, ging das meistens schief, alles andere wirkte sehr souverän. Ich hatte während dieses Satzes nicht den geringsten Zweifel daran, dass Struff das Match locker gewinnen und außerdem in der zweiten Qualifikationsrunde am Sonntag gegen Pere Riba keine Probleme haben würde. Struff ist genau so jung wie Langer, aber wenn die Tagesform von Sonnabend repräsentativ ist, das deutlich größere Talent. Das mit dem Weltranglistenplatz 1294 wird sich schnell ändern. Der Junge hat vor ein paar Wochen Abi gemacht und erst im Juni angefangen, Weltranglistenpunkte zu sammeln. Das Spiel gegen Junqueira hat er mit 6:7 im dritten Satz verloren, nachdem er bei eigenem Aufschlag Matchball hatte, aber das dürfte eine reine Nervensache gewesen sein. Mir ist übrigens erst vorhin, als ich meine Bilder am Bildschirm bearbeitet habe, aufgefallen, was für ein Milchgesicht der Struff noch ist. Auf dem Platz machte er einen richtig erwachsenen Eindruck.
Jan-Lennard Struff

Noch so ein Talent: Jaan-Frederik Brunken aus Verden (Nr. 1004), auch er 19 Jahre alt. Den hatte ich schon vor einem Jahr an selber stelle beobachtet. Damals gewann er gegen Jürgen Melzer aus Österreich, damals um die 80 in der Welt, inzwischen wieder unter den Top 30. Allerdings sah es damals zu keinem Zeitpunkt so aus, als hätte Melzer zu irgendwas Lust. Trotzdem brauchte Brunken drei Sätze. Diesmal war sein Gegner Adrian Mannarino (Frankreich, Nr. 116). Auch Mannarino wirkte nicht so, als hätte er zu irgendwas Lust. Aber wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, spielte er trotzdem besser als Melzer letztes Jahr. Brunken gewann mit 6:2 und 6:3. (Sein zweites Quali-Match verlor er dann allerdings mit demselben Ergebnis gegen Marcel Granollers aus Spanien, dem ich vor einem Jahr eine große Zukunft prophezeit hatte – bisher vergeblich.)

Bemerkenswert war auch der Auftritt eines anderen deutschen Spielers: Philipp Hammer (Foto). Der Mann aus Reinbek ist freilich kein hoffnungsvolles Talent mehr. Er hat sich vor ein paar Jahren schon auf Platz 338 gespielt. Jetzt hat er sein Sportstudium abgeschlossen und dachte sich, solange ich keinen besseren Job finde, kann ich es ja auch noch mal als Berufstennisspieler probieren. Er schaffte es, dem österreichischen Davis-Cup-Spieler Stefan Koubek einen Satz abzunehmen. (3:6, 7:6, 1:6).

Julian Reister wäre aus Hamburger Sicht noch zu erwähnen (3:6, 6:7 gegen Jewgeni Korolew. Letztes Jahr gegen Marat Safin hatte Reister mehr Feuer.

Von den erwähnten Spielern haben Jewgeni Korolew, Marcel Granollers und Pere Riba die Qualifikation erfolgreich überstanden. Außerdem Potito Starace (Italien) und Victor Crivoi (Rumänien) – die habe ich beide nicht gesehen, weil sie am Sonnabend ein Freilos hatten. (Die Freilose für die beiden bestplatzierten Qualifikationsteilnehmer gab es, weil sich nicht für alle 24 Startplätze ein Interessent gefunden hatte. So etwas passierte zu Masters-Zeiten nicht.) Der sechste Qualifikant ist Pablo Cuevas aus Uruguay. (Das ist der Spieler, der seit fast einem Jahr den Titelkopf meines Blogs ziert.)

So viel zu den Matches. Kommen wir zum Ambiente. Der Rothenbaum bewahrt Haltung. Beim neuen Turnierdirektor Michael Stich sieht manches sogar noch edler aus als zu seligen Masters-Zeiten. Die Anzeigentafel am Center Court scheint mir neu zu sein. Außerdem bedecken dunkelblaue Stoffbezüge die mintgrünen Plastik-Schalensitze. Schmerzlich ist der Verlust der Eisbude neben der Ergebnistafel auf dem Hof vor dem Stadion. Statt Erdbeer und Malaga werden dort jetzt Appartements mit Elbblick verkauft oder so – im Detail habe ich mir das nicht angesehen, die Bude wirkte nicht so, als wäre sie für Leute wie mich aufgestellt. Natürlich bekommt man nach wie vor auch Eis am Rothenbaum – aber dasselbe ist es nicht, und so habe ich verzichtet.

Wegen der ständig drohenden Wolkenbrüche, die aber ausblieben, war das Zeltdach über dem Center Court den ganzen Sonnabend über geschlossen. Das ehemals weiße Tuch hat sichtlich Mühe, Haltung zu bewahren.

Zum Schluss ein Wort zu den Wild Cards: Neben den 38 über die Weltrangliste zugelassenen Spielern und den sechs Qualifikanten nahmen der Deutsche Tennis-Bund und Stich Daniel Brands und Florian Mayer ins Hauptfeld auf, zwei Mal eine sehr gut Wahl. Auch die dritte Wild Card (Simon Greul) geht in Ordnung. Aber die vierte? Kevin Krawietz. 17 Jahre alt und seit wenigen Tagen Wimbledon-Sieger im Junioren-Doppel. Bei den Erwachsenen indes ist er bisher ohne Weltranglistenpunkt. Das Vorhaben, junge Talente zu fördern, in allen Ehren, aber den Jungen in ein ATP-Hauptfeld aufzunehmen, das ist dann wohl doch der fünfte Schritt vor dem zweiten. Eine Wild Card für die Qualifikation hätte es auch getan.

Im Doppel hat Michael Stich sich einfach selber eine Wild Card gegeben. Clever, denn wahrscheinlich lockt er mehr Zuschauer an als alle etablierten Doppelspezialisten zusammen. Stich tritt an der Seite von Hamburgs frisch gebackenem Davis-Cup-Spieler Mischa Zverev an. Das ist mit Sicherheit interessanter, als wenn Stich zum 57. Mal ein Showmatch gegen die Tennisnervensäge Henri Leconte absolviert hätte. Man darf nicht einmal ausschließen, dass Stich immer noch konkurrenzfähig ist. Als sich John McEnroe 2006 den Spaß erlaubte, zusammen mit Jonas Björkman in San Jose im Doppel anzutreten, gewann er das Turnier. Aber Stich ist nicht McEnroe, Zverev nicht Björkman, und Hamburg zwar kein Masters mehr, aber immer noch eine Nummer größer als San Jose.

Hier die Ergebnisse von der Qualifikation (PDF),
und hier die Homepage des Rothenbaum-Turniers

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