Sonntag, 25. Januar 2009

Philipp Kohlschreiber: Schlechter Verlierer - nicht ganz so schlechte Argumente

Alle schimpfen auf Philipp Kohlschreiber. (Ja, ja, ich auch.) „Die Fitness entscheidet, und nicht das spielerische Können“, sagte der 25-Jährige nach seiner Zweitrunden-Niederlage gegen Fabrice Santoro (36) bei den Australian Open. Vier Stunden und fünf Sätze hatte das Spiel gedauert.

„Das Best-of-five-System hat mich heute eine Runde gekostet, was mich wahnsinnig ärgert,“ erzählte Kohlschreiber hinterher den Journalisten. Würde, wie allen Turnieren außer den Grand Slams und dem Davis-Cup, nur auf zwei Gewinnsätze gespielt werden, hätte der Deutsche mit 7:5, 5:7, 6:3 gewonnen und nicht mir 7:5, 5:7, 6:3, 5:7, 3:6 verloren.

„Kohlschreiber präsentiert sich als schlechter Verlierer“, meldete eine große Nachrichtenagentur in ihrem anschließenden Bericht nach Hause. (Blogger dürfen Bericht und Kommentar ja munter mischen, bei Nachrichtenagenturen gehört sich das eigentlich nicht...)

Kohli-Bashing macht ja auch irgendwie Spaß, mit seiner schnöseligen Art fordert der Typ das geradezu heraus. Man kann sich mit seinen Argumenten aber auch sachlich auseinandersetzen. Ich teile seine Schlussfolgerungen zwar nicht, aber bedenkenswert ist es, was Kohli sagte.

„Die Fitness entscheidet, und nicht das spielerische Können“ - das ist natürlich eine armselige Ausrede für einen 25-Jährigen, der gerade gegen einen elf Jahre älteren Spieler verloren hat, der zudem wegen seiner extrem laufintensiven Spielweise eigentlich viel eher schlapp machen müsste. Die Kommentare in der Sportpresse gingen in diese eine Richtung: Vor einem Jahr an gleicher Stelle, als Kohlschreiber gegen Andy Roddick in fünf Sätzen gewonnen hatte, habe er sich nicht beschwert. Das ist vermutlich nicht ganz richtig. Vermutlich liegt in eben jenem Match (in dem Kohli nach drei Sätzen 2:1 führte) der Grund dafür, dass er sich nun so über Fünfsatzmachtes ärgert. Nach seinem Sieg gegen Andy Roddick war er völlig k.o. und verlor das anschließende Spiel gegen Jarkko Nieminen, der eigentlich ein viel leichterer Gegner ist als Roddick. Ein aktuelles Beispiel: Fernando Gonzalez hat grundsätzlich das Potenzial, Rafael Nadal zu ärgern. Nach seinem 12:10 im fünften Satz gegen Richard Gasquet wird ihm morgen aber dafür wohl die Kraft fehlen. So geht es vielen Spielern nach einem Marathonmatch. Das ist sehr schade, denn der Zuschauer schließt ja den Sieger eines solchen Matches ins Herz. Gibt es größeres Tennis als zwei wankende Gestalten, die um 20 Uhr angefangen haben um um 1 Uhr in der Nacht beim 10:10 im fünften Satz angekommen sind? Aber das Problem, dass der Sieger in der folgenden Runde ausscheidet, löst man ja nicht dadurch, dass man solche Matches von vornherein unmöglich macht.

Bei einem Sieg wäre Kohlschreiber in der nächsten Runde wieder auf Andy Roddick getroffen. Jetzt prophezeite er Fabrice Santoro, der werde gegen Roddick keine Chance haben. Wieder ein prima Grund, auf Kohlschreiber einzudreschen. Kohlschreiber macht seinen Gegner schlecht. Dabei stimmte es ja: Santoro war platt und hatte in der nächsten Runde keine Chance.

Kohlschreiber wittert einen Vorteil für die Topgesetzten: Die würden sich gegen leichte Gegner locker durch die ersten Runden spielen, während die anderen sich in Fünfsatzmatches gegenseitig bis zur Erschöpfung schwächen. Dieses Argument halte ich allerdings für Unsinn. Jeder kann das Glück haben, auf einen erschöpften Fünfsatzhelden zu treffen. Dieses Jahr hat Nadal Glück, letztes Jahr war es mit Nieminen einer aus dem einfachen Volk. Und auch Roger Federer mussen manchmal über fünf Sätze (gerade heute erst gegen Tomas Berdych). Leichtere Gegner als Kohlschreiber haben sich auch nicht. Andreas Seppi (gegen Federer), Tommy Haas (gegen Nadal) oder Marcel Granollers (gegen Andy Murray) können Fabrice Santoro allemal das Wasser reichen. Wenn die Besten schneller (oder überhaupt) gewinnen, liegt das eben daran, dass sie besser spielen. Daraus darf ihnen gerne ein Vorteil erwachsen.

Also: Behaltet die Regel mit den drei Gewinnsätzen bei Grand-Slam-Turnieren bei. Das führt zwar zu kleinen Ungerechtigkeiten, aber wir sind hier ja nicht beim Landgericht, sondern beim Profisport. Da gehört die große Show, die Fünsatzmatches liefern, nun mal dazu.

Zum Schluss ein Argument aus Kohlschreibers Tirade gegen das Fünfsatzprinzip, bei dem ich ihn gegen hämische Kritik vehement verteidigen möchte: „Die Frauen spielen ja auch nur auf zwei Gewinnsätze.“ Einige Kommentatoren sahen in diesem Satz den Gipfel der Larmoyanz. Eine Memme, die sich mit Frauen vergleicht... Dabei ist dieser Vergleich völlig berechtigt. Die Frauen laufen zwar nicht so schnell und schlagen nicht so hart auf den Ball ein, aber fünf Sätze würde sie genau so gut oder oder schlecht durchhalten wie Männer. Von 1984 bis 1998 spielten die Damen das Masters-Finale auf drei Gewinnsätze. Ein Marathonlauf ist ja auch stets 42,195 Kilometer lang, egal welchen Geschlechtes die Menschen, die ihn laufen, sind.

Sonntag, 18. Januar 2009

Wer ist dieser Adam Helfant?

Chesley Sullenberger scheint in seinem Leben genau einmal fotografiert worden zu sein. Alle Zeitungen, Fernsehsender, Netzportale verwenden dasselbe Bild. Hier und hier und hier.

Ebenso verhält es sich mit Adam Helfant. Hier und hier und hier.

Genau so muss man aussehen als amerikanischer Held.

Nun konnte ja Chesley Sullenberger nicht ahnen, dass er ausgerechnet auf dem Nabel der Welt notlanden würde und nun alle Welt ein Bild von ihm sehen will. Aber Adam Helfant hätte ja schon mal rechtzeitig ein neues Foto machen lassen können, bevor er den Job als ATP-Präsident antritt. Das Foto von ihm ist von vor mindestens anderthalb Jahren. (So alt ist jedenfalls der älteste der drei Artikel, die ich oben verlinkt habe.)

Was für einer ist denn nun dieser Adam Helfant, der die ATP retten soll? Am vergangenen Montag trat er sein Amt an der Spitze der Herrentennis-Organisation offiziell an. Monatelang hatte die ATP gesucht. Dutzende Namen wurden gehandelt, der Name Adam Helfant tauchte erst kurz vor Weihnachten auf, und fast niemand wusste, wer das sein soll.

Er ist 44 Jahre alt, hat ein US-Fernsehseriendarstellergesicht und zudem sowohl das Ingenieurs-Examen vom Massachusetts Institute of Technologie (MIT) als auch das Jura-Examen aus Harward. Nach der Uni arbeitete er drei Jahre bei der NHL, der nordamerikanischen Eishockey-Liga. Dann ging er zu Nike. Bis zum Sommer 2007 war er "Vice President Global Sports Marketing". Wieso er da über Nacht rausflog, weiß niemand. Zu seinem Job gehörte es, Sponsorenverträge mit Roger Federer auszuhandeln. Helfant hatte also früher schon ein bisschen was mit Tennis zu tun, aber nicht richtig viel.

Deshalb ist seine Wahl überraschend. Lange Zeit schien es klar zu sein, dass die ATP sich diesmal für einen Insider entscheiden würde. Einen ehemaligen Profi, einen erfahrenen Spieler-Manager oder Turnierdirektor. Schließlich war Helfants Vorgänger, der ebenfalls fachfremde frühere Disney-Manager Etienne de Villiers, mit größtmöglicher Entschlossenheit und Durchsetzungskraft von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen marschiert, bis er schließlich zurücktrat.

Außerdem war die zahlenmäßig große Gruppe der Spieler und Turnierveranstalter aus Europa lange gegen einen Amerikaner an der Spitze der ATP. Sie störten sich daran, dass de Villiers bei seiner jüngsten Reform europäische Turniere wie das am Hamburger Rothenbaum degradiert hatte, Amerika aber ungeschoren davonkam.

"Ich wünsche mir, dass es ein Europäer wird und dass er nicht so arrogant ist wie de Villiers", sagte Rafael Nadal Ende Oktober.

Ein Europäer ist Helfant nicht. Aber nach allem, was man hört und liest, ist er tatsächlich nicht so arrogant wie man es de Villiers nachsagt.

"Er hört zu und meint nicht, er müssen den harten Hund markieren, nur weil er gerade an einem Verhandlungstisch sitzt", zitiert das amerikanische Sports Business Journal einen früheren Helfant-Kollegen aus NHL-Zeiten. Es spricht einiges dafür, dass Helfant besser als de Villiers weiß, was auf ihn zukommt und welche widerstreitenden Interessen aus aller Welt er nun unter einen Hut zu bringen hat. Spieler und ihre Manager, die mit Helfant Nike-Verträge aushandelten, hatten offenbar stets das Gefühl, es mit einem echten Tennis-Fan zu tun haben.

Unter den Spielern scheint sich insbesondere Roger Federer für Helfant eingesetzt zu haben. Rafael Nadal ist zwar auch bei Nike unter Vertrag, hatte aber anders als Federer dort nie persönlich mit Helfant zu tun. Was die beiden und Novak Djokovic meinen, ist nicht ganz unwichtig, schließlich hatten sie sich im Sommer aus Ärger über de Villiers gemeinsam in den ATP-Spielerrat wählen lassen - mit dem Ziel, bei der Wahl des neuen ATP-Präsidenten mitzureden. Kurz vor Weihnachten besuchte Helfant diese Topspieler zu Hause. Zu jener Zeit war auch noch australische Ex-Profi und ATP-Spitzenfunktionär Brad Drewett im Rennen um den Posten.

Helfant dürfte überzeugend gewirkt haben. Er kann nämlich "sehr gut reden". Das war jedenfalls der Eindruck, den Mischa Zverev hatte, nachdem sich der neue ATP-Chef an diesem Wochenende auf der Spieler-Vollversammlung zu Beginn der Australian Open vorstellte.

Aber was Helfant nun in Zukunft genau tun wird, das ist anscheinend auch nach der Vollversammlung nicht ganz klar. In den laufenden Rechtsstreit der ATP mit dem Deutschen Tennis-Bund (DTB) um die Zukunft des Hamburger Rothenbaum-Turniers hat sich Helfant offenbar auch noch nicht eingeschaltet.

Das finde ich aber nicht schlimm. Er soll sich die Probleme, die er lösen soll, erstmal in Ruhe anschauen, anstatt blind Entschlossenheit zu demonstrieren. Die neuen Turnierkategorien und das neue Weltranglistensystem existieren seit zwei Wochen. Da ist schlau, erstmal abzuwarten, ob die Dinge funktioniernen.

Die einzige konkrete Erwartung, die Roger Federer geäußert hat, lautet: Höhere Preisgelder. Das wird nicht ganz einfach. Schließlich ist gerade Weltfinanzkrise, und eine ganze Reihe von Turnieren (insbesondere in Amerika) hat fürs neue Jahr noch keinen Titelsponsor. Auch für den ausgelaufenen großen Werbevertrag mit Mercedes hat die ATP noch keinen Ersatz.

Sonntag, 11. Januar 2009

Hinein ins Getümmel: Der Ball fliegt wieder

Nach fast zwei Monaten Saisonpause flog in dieser Woche endlich wieder der Ball. Das nehme ich zum Anlass, heute einfach mal das aktuelle Spielgeschehen zu beleuchten - von Doha über Chennai bis Brisbane. Fast alle Spitzenspieler waren am Start, und vielleicht lässt sich aus ihrem Abschneiden ja doch die eine oder andere Vorhersage für den Saisonverlauf ableiten, auch wenn ich in dieser Hinsicht extrem vorsichtig bin. Auf geht's:

Doha
(Finale: Andy Murray - Andy Roddick 6:4, 6:2)

Formal waren alle drei Turniere der Woche gleich wichtig. Alle gehören in die neue 250er-Kategorie der ATP. Wirklich reich aber ist bekanntlich nur der Scheich. Also spielten Rafael Nadal, Roger Federer, Andy Murray und Andy Roddick alle in Doha (Katar), während man sich in Indien und Australien mit dem begnügen musste, was übrig blieb. (Für Brisbane blieb immerhin Novak Djokovic übrig, aber dazu später mehr.)

Andy Murray hat gewonnen. Schon wieder. Das Schauturnier nebenan in Abu Dhabi gewann er ja auch. Damit ist er Favorit für die Australian Open. Ein Grand-Slam-Turnier ist natürlich noch mal eine andere Nummer, aber das ist ja für Murray nichts Neues, bei den US Open 2008 hat er ja auch das Finale geschafft. Das heißt aber nicht, dass Murray nun auf dem Weg zur Nummer 1 ist oder gar das Herrentennis der nächsten Jahre dominieren wird. Er ist einfach wahnsinnig gut in Form. Der mit dem Zaubertennis ist nach wie vor Federer und der mit der übermenschlichen Kraft ist Nadal.

Rafael Nadal kam bloß bis ins Viertelfinale, was manche Leute nun veranlasst, das nahe Ende seiner Ära zu sehen. Daran glaube ich noch nicht. Nadal war noch nie ein besonders guter Saisonstarter. Er war noch nie im Finale der Australian Open, und sein bisher bestes Ergebnis bei einem Turnier vor den Australian Open war im vorigen Jahr das das Finale des zweitklassig besetzten Turniers von Chennai, wo er gegen Michail Juschni unterging. Die ersten beiden Runden in Doha hat Nadal glatt gewonnen, und ich bin nicht überzeugt davon, dass er im Viertelfinale gegen Gael Monfils (Frankreich) Vollgas gegeben hat. Den Zweck, zum Jahresbeginn ein bisschen Spielpraxis zu sammeln, hatte das Turnier für ihn zu diesem Zeitpunkt ja schon erfüllt.

Da sollte man auch Monfils' Sieg gegen Nadal nicht überbewerten. Ich glaube nicht daran, dass aus Monfils ein ganz Großer wird. Davon, dass seine unorthodoxe Spielweise schlecht für die Knochen ist, ist schon viel geredet worden. Aber es werden auf Dauer nicht nur die Verletzungen sein, die ihn zurückwerfen. Seine Schläge sind gewöhnungsbedürftig. Das bedeutet aber auch: Mit der Zeit werden sich seine Gegner immer besser an ihn gewöhnen und wissen, wie man ihn den Zahn zieht.

Das Halbfinale zwischen Murray und Federer war jedenfalls um Klassen besser als das zwischen Roddick und Monfils. (Die Halbfinals waren die einzigen Spiele, die mir anzugucken ich die Zeit hatte.) Mit Federer darf man weiterhin rechnen, seine neuerliche Niederlage gegen Murray ist kein Drama.

Und dann Andy Roddick. Den haben ja manche fast vergessen. In den Saison-Vorschauen, die ich gelesen hatte, kam er praktisch nicht vor. Auch wenn er im Finale wohl nicht so doll war: Immerhin hat er sich bis dahin gespielt. Roddick wird auch 2009 fester Bestandteil der Top 10 sein. Vielleicht gewinnt er sogar mal wieder ein Masters-Turnier in Amerika.

Chennai
(Finale: Marin Cilic - Somdev Devvarman 6:4, 7:6)

Das war Marin Cilics zweiter Turniersieg nach New Haven 2008. Der Junge ist gerade 20 Jahre alt und gehört ab morgen zu den Top 20. Da ist es keine besonders gewagte Prognose zu behaupten, dass er absehbarer Zeit auch unter den Top 10 auftauchen wird. Er ist für sein Alter erstaunlich stabil: Seit Mai hat er nur zwei Erstrundenniederlagen kassiert. Sein Finalgegner Somdev Devvarman (23) ist ein indischer Wild-Card-Spieler, bislang die Nummer 202. Er hat bis Mitte vergangenen Jahres College-Tennis in den USA gespielt. Unter die Top 100 könnte er es, wie viele andere gute College-Spieler, schnell schaffen. Das Halbfinale gewann Devvarman kampflos gegen Rainer Schüttler. Schüttler hat sich seit seinem Wimbledon-Halbfinale angewöhnt, die ersten Runde gegen vergleichsweise leichte Gegner regelmäßig zu überstehen. Das scheint er 2009 weiter so handhaben zu wollen. Hoffentlich ist die Entzündung im Handgelenk, wegen der er gegen Devvarman absagen musste, nichts Langwieriges.
In der zweiten Runde hatte Devvarman übrigens gegen den früheren Weltranglistenersten Carlos Moya (32) gewonnen. Moyas Karriere dürfte sich wohl dem Ende entgegenneigen.

Brisbane
(Finale: Radek Stepanek - Fernando Verdasco 3:6, 6:3, 6:4)

Mit dem alten Radek Stepanek ist also auch noch zu rechnen. Irgendwelche Schlüsse lassen sich daraus aber nicht ziehen. Ab und zu kommt er mal ins Finale oder gewinnt auch mal einen Titel. Wann das passiert, lässt sich nicht vorhersagen, aber dass es passiert, darauf kann man sich verlassen. So viele Schlagzeilen wie mit seiner aufgelösten Verlobung mit Martina Hingis und der - soweit ich weiß - nicht aufgelösten mit Nicole Vaidisova wird er auf dem Court trotzdem nie machen. Und Fernando Verdasco, das ist auch so einer, der sich auf leisen Sohlen in der erweiterten Weltspitze etabliert. Schlagzeilen macht er nicht mit Finalteilnahmen in Brisbane, sondern wenn er mit Ana Ivanovic gesehen wird.
Im Viertelfinale gab es das Franzosenduell zwischen Richard Gasquet und Jo-Wilfried Tsonga. Tsonga war ja Ende des vergangenen Jahres überragend, aber diesmal gewann Gasquet. Als Gasquet 2005 als 18-Jähriger erst in Monte Carlo Roger Federer schlug und kurz darauf das Endspiel von Hamburg erreichte, galt er vielen schon als neuer Superstar. Mittlerweile droht ihm eine Laufbahn als ewiges Talent. Auf dem Zettel haben sollte man ihn aber nach wie vor.
Apropos Talent: Ein solches ist auch Ernests Gulbis (Lettland), der in der ersten Runde Novak Djokovic aus dem Turnier warf, in der zweiten Runde aber gegen Paul-Henri Mathieu verlor. Gulbis gilt vielen als kommender Star, vermutlich sogar zu Recht. Ich tu mich mit dieser Einschätzung schwer. Ich hab ihn bislang nur einmal live gesehen, das war 2007 in München. Er war unterirdisch und verlor gegen Tobias Summerer. Das Match sollte das einzige bleiben, das Summerer jemals auf der ATP-Tour gewann.
Djokovic könnte es schwer haben, in Melbourne mit Murray, Federer und Nadal mitzuhalten. So richtig gut drauf scheint er nicht zu sein. Für diese Woche hat er kurzfristig eine Wild Card in Sydney angenommen. Spielpraxis sammeln. Wenn er da ins Endspiel kommt, zieht er im Ranking an Federer vorbei auf Platz 2. Aber wenn er danach in Melbourne seinen Titel nicht verteidigt, ist er den Platz sofort wieder los.

Sonntag, 4. Januar 2009

Niemals auf Erbrochenem spielen: Das ATP-Regelbuch 2009

"If vomiting has spilled onto the court, play should not resume until the vomit spill has been cleaned appropriately." (ATP Rulebook 2009, Seite 117)

Das ATP-Regelbuch ist 276 Seiten dick. In ihm ist fast alles geregelt. Sogar, was passiert, wenn jemand auf den Platz kotzt.

Am Neujahrstag hat die Herrentennis-Organisation ihr Regelbuch für 2009 veröffentlicht. Darin enthalten sind einige gravierende Änderungen. Die werde ich heute im Überblick vorstellen. Kleinigkeiten (wie die Noppengröße von Rasenschuhen) lasse ich weg. Manches andere mag ich übersehen haben, weil ich Abschnitte, die ich für unwesentlich hielt, nur überflogen habe.

Das wichtigste: Endlich werden das neue Weltranglistensystem und die damit zusammenhängenden neuen Turnierkategorien erklärt. Das hatte die ATP zwar in den vergangenen Monaten schon scheibchenweise bekannt gegeben, aber ohne das neue Regelbuch blieben noch immer einige Fragen offen.

Das neue Ranglistensystem hatte ich, soweit es bekannt war, schon Anfang November, vorgestellt. Wer neu im Thema ist, sollte also erstmal dort nachlesen. Das halte ich für praktischer, als jetzt hier noch mal alles zu wiederholen.

Damals fehlten mir ein paar wichtige Einzelheiten. Zum Beispiel ahnte ich noch nicht, dass für Spieler, die Ende des Jahres auf den ersten 30 Plätzen der Rangliste stehen, andere Regeln gelten als für den Rest. Diese Spieler, von der ATP Commitment-Spieler genannt, müssen mindestens vier 500er-Turniere spielen. (Wie gesagt, wer wissen will, was 500er-Turniere sind, klickt auf den 2. November). Das Problem dabei: 500er-Turniere sind ziemlich begehrt. Für das erste von ihnen (Rotterdam, 9. bis 15. Februar) liegt die Meldeliste schon vor. Wer schlechter als Platz 44 steht, kommt nicht ins Hauptfeld. Ein Commitment-Spieler, der im Laufe des Jahres Punkte verliert, könnte also Schwierigkeiten haben, die vier von ihm verlangten 500er-Turniere zu spielen. Die Lösung: Commitment-Spieler stehen automatisch im Hauptfeld eines jeden 500er-Turniers, für das sie sich anmelden (Regelbuch S. 73). Das betrifft zum Beispiel Rainer Schüttler, der am Stichtag 17. November genau auf Platz 30 stand. Die ATP bricht also mit einer ehernen Regel: Wer an einem ATP-Turnier teilnehmen darf, das richtete sich seit Jahrzehnten nach der wöchentlich fortlaufenden Weltrangliste.

Die 500er-Turniere erfahren zudem eine Sonderbehandlung in der Weltrangliste. Bisher galt: Die Punkte aus den vier Grand-Slam- und den neun Masters-Turniere zählen auf jeden Fall für die Rangliste, hinzu kommen die besten fünf Ergebnisse aus anderen Turnieren. Wer für Grand-Slam- oder Masters-Turniere nicht qualifiziert ist, für den zählen weitere Ergebnisse aus anderen Turnieren, so dass insgesamt immer 18 Turniere in die Wertung einfließen. (Nur der Masters-Cup, der neuerdings WTF heißt, zählt extra als 19. Turnier.) Jetzt gilt für Commitment-Spieler: Es zählen die vier Grand Slams, die acht Masters-Turniere, dazu die vier besten Ergebnisse aus 500er-Turnieren (eines davon nach den US Open) und die zwei besten weiteren Ergebnisse. Bei Nicht-Commitment-Spielern fließen höchstens vier 500er-Turniere in die Wertung ein, es dürfen aber auch weniger sein.

Das Turnier von Monte Carlo darf sich zwar weiter Masters nennen, und es gibt 1000 Punkte für den Sieger, ansonsten wird es aber als 500er-Turnier behandelt (Regelbuch S.72). Die ATP hat sich für die 500er-Turniere außer Monte Carlo noch was Neues ausgedacht: Die "field expectation": Eine Garantie dafür, dass mindestens zwei Superstars ("A-Plus-Spieler") und zwei normale Stars ("A-Spieler") an den Start gehen. Die Garantie bedeutet nicht, dass die ATP diese Spieler zur Teilnahme zwingt, es gibt aber eine Entschädigung von bis zu 270.000 Euro, wenn die Stars ausbleiben. Das könnte für Michael Stich, den neuen Turnierdirektor am Hamburger Rothenbaum, ein interessantes Detail sein. Wer genau wissen will, wie die ATP entscheidet, wer ein A-plus-Spieler ist usw., liest im Regelbuch auch Seite 265 nach.

Immer noch nicht ganz klar ist, wie bei den 500er-Turnieren, die es ja bisher nicht gab, die Umstellung vom alten aufs neue Ranglistensystem funktioniert. Das mit den vier Turnieren in der Wertung geht natürlich erst, wenn genügend dieser Turniere stattgefunden haben. Im Regelbuch steht nur, es werde in diesem Punkt bis Jahresende "some variances" geben (S. 170).

Eine andere Sache hingegen ist jetzt klar: Alle 2008 gewonnen Ranglistenpunkte sind verdoppelt worden. Auf den ersten Blick mag das sinnvoll erscheinen, schließlich gibt es im neuen Jahr für die Sieger von Grand-Slam- und Masters-Turnieren doppelt so viele Punkte wie bisher. Aber - siehe Artikel vom 2. November - diese Verdopplung betrifft nur eine Handvoll Spieler, die tatsächlich diese großen Turniere gewinnen. Die anderen werden zwischen 0 und 20 Prozent mehr Punkte bekommen. Meiner Meinung nach wäre es besser gewesen, einfach die alten Punkte unverändert zu lassen (wie die ATP es bei früheren Ranglistenreformen gehandhabt hat). Die neuen Ergebnisse aus dem laufenden Jahr wären dann eben etwas stärker ins Gewicht gefallen als die alten aus 2008. Das wäre halb so wild gewesen, da sie ja über die aktuelle Spielstärke sowieso mehr aussagen als Siege, die länger her sind. Jetzt aber tritt genau der umgekehrte Effekt ein. Aus den 150 Punkten vom Grand-Slam-Achtelfinale 2008 sind plötzlich 300 geworden. Im neuen Jahr gibt es aber nur noch 180 Punkte für dasselbe Ergebnis. Ein gewaltiger Vorteil also für Spieler, die auf dem absteigenden Ast sind. Das passt ins im November gezeichnete Bild, demzufolge das neue Ranglistensystem Spieler, die jetzt schon oben stehen, gegenüber Newcomern bevorzugt.

Und jetzt ein schneller Ritt durch die anderen Änderungen, die ich im Regelbuch entdeckt habe:

1.) Für die Doppelkonkurrenz gibt es eine neue Meldefrist zwei Wochen vor Turnierbeginn. Bisher war der Meldeschluss erst am Wochenende unmittelbar vor Turnierbeginn, was enorme Planungsunsicherheit für Spieler bedeutete, die wegen ihrer Ranglistenposition nicht wussten, ob sie es ins Turnier schaffen (S. 73).

2.) Was schon aus dem Turnierkalender hervorging, ist jetzt offiziell: Es gibt keine Hallenturniere auf Teppich mehr. Zugelassene Bodenbeläge sind nur noch Sand, Rasen, Hartplatz und Semi-Hartplatz (S. 51).

3.) Die bestehenden Regeln gegen Wettbetrug sind spezifiziert und teilweise verschärft (ab S. 66 und ab S. 155). Laptops auf dem Turniergelände werden verboten (außer für Presseleute, Turniermitarbeiter und Händler). Die Internetseiten von Wettbüros sollen, soweit technisch möglich, auf allen Rechnern auf dem Turniergelände gesperrt sein.

4.) Für die Doppel-Weltrangliste zählen statt bisher 14 künftig 18 Turniere. Das wird aber offenbar nicht auf einen Schlag umgesetzt, auf der neuen Rangliste vom 5. Januar hat sich jedenfalls noch nichts geändert, außer dass auch hier die Punkte verdoppelt wurden. Außerdem sollen für die Doppel-Rangliste alle Grand-Slam- und Masters-Ergebnisse auf jeden Fall in die Wertung einfließen. (Die Teilnahme bleibt aber - anders als im Einzel - freiwillig.) Bisher wurden einfach die besten 14 Resultate gewertet, egal aus welcher Turnierkategorie (S. 169).

5.) Wie schon angekündigt, gibt es Weltranglistenpunkte für den Davis-Cup und für den World Team Cup. Der Davis-Cup wird als 500er-Turnier gewertet, der World Team Cup als 250er.

6.) Wer seine Karriere beendet, kann sich von der Rangliste streichen lassen (S. 170). Wozu, bitte, soll das gut sein? Es ist doch immer nett zu beobachten, wie Stars von früher, während sie über den Golfplatz schleichen, Woche für Woche die Rangliste hinabgleiten, bis alle Punkte weg sind. Da stand zum Beispiel Andre Agassi am 27. August 2007, 50 Wochen nach seinem Karriereende, auf Platz 413. Pierrick Ysern und Marsel Ilhan haben sich über den prominenten Tabellennachbarn bestimmt gefreut...
Aber das mit dem Sichstreichenlassen ist ja freiwillig. Jonas Björkman, der prominenteste Karrierebeender 2008, ist noch drauf auf der Rangliste. Tapfer, Jonas!

7.) Das ATP-Race ist abgeschafft. Das Race war eine Neben-Weltrangliste, die im Januar bei Null startete. Die acht bestplatzierten Spieler im Race nahmen am Jahresende am Masters-Cup teil. Jetzt gilt für den Masters Cup, der nun World Tour Finals (WTF) heißt, einfach die normale Weltrangliste (S. 39). Mir ist sowieso kein Fall bekannt, in dem das Race am Jahresende auf den erste acht Plätzen von der Weltrangliste abwich. (Im Race zählten die Challengers und Futures nicht mit, aber die sind für die Spitzenspieler sowieso nicht relevant.)

8.) Es gibt härtere Strafen für Spieler, die ohne ärztliches Attest Masters-Turniere schwänzen und auch nicht für Promotion-Aktivitäten anreisen. Sie werden für ein folgendes Masters-Turnier gesperrt, und zwar für dasjenige, bei dem sie im Jahr davor am besten abgeschnitten haben. Ich frage mich, ob die ATP das durchhält. Es wird schwer sein, einem Turnierveranstalter zu vermitteln, dass Nadal oder Federer oder Djokovic nicht zu ihm kommen dürfen, weil sie ein ganz anderes Turnier geschwänzt haben. (Hier übrigens nicht von den Ausnahmeregeln für Spieler in Altersteilzeit auf S. 12 verwirren lassen, da geht es nur um Bonuspool-Zahlungen.)

9.) Das Regelbuch enthält einen umfangreichen neuen Abschnitt zum Thema "Branding" (ab S. 24), in dem das äußere Erscheinungsbild der ATP-Turniere im Detail geregelt ist. Auch ohne den neuen Abschnitt im Regelbuch gab es da schon eine Reihe Maßgaben. Solange die kulturelle Übereinkunft besteht, dass einheitliches Auftreten ein Zeichen für Professionalität ist, sind solche Regeln ja auch sehr schlau. Aber was die ATP jetzt alles so vorschreibt, das ist schon lustig zu lesen. Auf Druckerzeugnissen, die ein Turnier herausgibt, muss das ATP-Logo mindestens sechs Prozent der Höhe des Papiers groß sein. Nirgends darf ein anderes Logo näher am turniereigenen Logo abgebildet werden als das ATP-Logo. Und bei kombinierten Damen- und Herren-Turnieren darf das ATP-Logo auf keinen Fall kleiner sein als das der Damentour WTA. Das klingt schon irgendwie nach Minderwertigkeitskomplex... Nicht geregelt ist übrigens, was passiert, wenn jemand auf das Logo kotzt. Das erfahren wir dann sicher im Regelbuch für 2010.

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