Sonntag, 26. April 2009

Doping: Eine Gruppe prüft Fragen...

Jeder Bürger muss der Polizei drei Monate im Voraus für jeden Tag seinen exakten Aufenthaltsort mitteilen, an dem er für mindestens eine Stunde auf jeden Fall anzutreffen ist.

Das wäre doch eine Super-Regel, oder? Für die Verbrechensbekämpfung wäre sie von großem Wert. Man könnte jederzeit Haarproben nehmen, um zu sehen, wer kokst. Dann kontrolliert man den Atemalkohol. Wenn dann auch noch alle Autos mit satellitengesteuerten Fahrtenschreibern ausgestattet werden, schnappt man ganz schnell all die Leute, die besoffen Auto fahren.

Diese Übertreibung halte ich für nötig, um deutlich zu machen, was das Regelwerk der Welt-Antidoping-Agentur (Wada), das seit Anfang des Jahres in Kraft ist, bedeutet. Spitzensportler werden komplettüberwacht. Sogar über elektronische Fußfesseln wird schon diskutiert.

Einige der fiesesten Dopingmittel sind nur wenige Stunden lang im Körper nachweisbar, wirken aber langfristig. Insofern ist der Ansatz der Wada nachvollziehbar, die Sportler jederzeit kontrollieren können zu wollen. Als die Regel in Kraft trat, war ich schnell bereit, meine Bedenken zu unterdrücken. Man ist ja mit vollem Herzen gegen Doping. Als Tennisfan wahrscheinlich noch mehr als zum Beispiel als Radsportfan. Wenn Floyd Landis vollgepumpt mit Chemikalien irgendwelche französischen Berge hochjagt, ist das nicht weniger spektakulär, wie wenn jemand dasselbe mit geringerer Geschwindigkeit und unter dem Einfluss von Kräutertee tut. Aber wenn jemand mittels künstlicher Oberarmmuskulatur seine Gegner mit einfallslosen Vorhandschlägen vom Tennisplatz knüppelt, ist das einfach öde.

Auch wenn dopende Tennisspieler selten Schlagzeilen machen, es gibt sie, und zwar haufenweise. (Im vergangenen Jahr hab ich dazu mal was geschieben.) Da macht sich jeder, der sich gegen strengere Kontrollen wehrt, verdächtig. Einige Spieler haben trotzdem schon im Januar protestiert. Jetzt hat auch eine Expertenkommission der EU massive Bedenken formuliert und „untergräbt damit den Kampf gegen Doping im Sport“, wie Wada-Chef John Fahey findet. „Die EU-Arbeitsgruppe greift etablierte und akzeptierte Anti-Doping-Praktiken an und bietet keine konstruktiven Lösungen“, beschwert er sich. Problembewusstsein zeigt Fahey damit nicht. Aber mit einem Punkt hat er recht: Eine konstruktiver Alternativvorschlag muss her. Keine Dopingkontrollen sind auch keine Lösung.

Eine Lösung, die so effektiv ist wie Rund-um-die-Uhr-Überwachung, weiß ich auch nicht. Aber vielleicht gibt es ja Maßnahmen, die wenigstens ein bisschen helfen würden? Wir könnten zum Beispiel nach dem Staat rufen. Das ist ja seit Beginn der Finanzkrise wieder erlaubt.

Doping verstößt vermutlich schon jetzt oft gegen arzneimittelrechtliche Bestimmungen, nur scheint das deutsche Staatsanwaltschaften bisher vor allem dann zu interessieren, wenn es in der DDR geschah. Es würde helfen, wenn Doping ein Straftatbestand wäre. (In einigen wenigen Ländern ist es das ja schon.) Dann könnte die Staatsanwaltschaft ermitteln. Sie könnte auch mal die Arztpraxen durchsuchen, in der Dopingverdächtige ein und aus gehen. So etwas kann die Wada als private Organisation ja nicht. Die neuesten Mittelchen sind im Arztmeimittelschrank sowieso viel einfacher zu entdecken als im Athleten-Urin.

Dann gäbe es freilich immer noch die Liechtensteins und Cayman-Islands des Sports, in die man sich zum ungestörten Dopen zurückziehen könnte. Aber wenn jemand sowas tut, dann könnten die Leute von der Wada ja immer noch hinterherreisen. Das wäre verhältnismäßig. Die verdachtsunabhängige Totalüberwachung ist dagegen nicht verhältnismäßig.

Den Mitgliedern der EU-Arbeitsgruppe, die die Wada in die Schranken weisen wollen, gebührt jedenfalls Applaus. Dass sie sich durchsetzt, glaube ich allerdings nicht. Die „Arbeitsgruppe nach Artikel 29“ der Europäischen Datenschutzrichtlinie hat nämlich gar nichts zu sagen, wie ein Blick in diesen Artikel 29 zeigt:

Artikel 29 - Datenschutzgruppe
(1) Es wird eine Gruppe für den Schutz von Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten eingesetzt (nachstehend "Gruppe" genannt). Die Gruppe ist unabhängig und hat beratende Funktion.[…]
(7) Die Gruppe prüft die Fragen, die der Vorsitzende von sich aus oder auf Antrag eines Vertreters der Kontrollstellen oder auf Antrag der Kommission auf die Tagesordnung gesetzt hat.

Sonntag, 19. April 2009

Andreas Beck: Endlich ein Ausreißer nach oben

Es gibt zwei junge Sportler mit sehr ähnlichen Internet-Adressen: www.andi-beck.de und www.andi-beck.com. Der mit dem .de ist in Deutschland etwas bekannter, der mit dem .com im Rest der Welt. Richtig berühmt sind sie beide nicht. Aber das ändert sich gerade. Im Februar brachte Jogi Löw nach der Halbzeit Andreas Beck für Hinkel. Im März nahm Patrik Kühnen Andreas Beck als fünften Mann mit zum Davis-Cup gegen Österreich.

Während Andreas Beck danach mit seinen Hoffenheimern den Anschluss in der Bundesliga verlor, gewann Andreas Beck erst ein Challenger-Turnier in Thailand, qualifizierte sich für das Masters in Monte Carlo, schlug dort erstmals in seiner Laufbahn einen Top-30-Spieler (nämlich Nicolas Kiefer) und zwei Tage später erstmals in seiner Laufbahn einen Top-Ten-Spieler (Gilles Simon). Danach zog er ins Viertelfinale ein. Natürlich auch dies erstmals in seiner Laufbahn. Morgen verbessert er sich in der Weltrangliste von Platz 89 auf Platz 60.

Ein Masters-Viertelfinale wird Andi Beck in diesem Jahr wahrscheinlich nicht noch mal erreichen, da gehört einfach auch Losglück dazu. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich zumindest in den Top 50 festsetzen wird. Wenn er sich nicht ein paar Mal verletzt hätte, hätte er sich vermutlich nicht erst mit 23 Jahren auf die ATP-Tour gespielt.

So, und jetzt geht es mit Textbausteinen aus dem Februar weiter (aus meiner gut versteckten Rubrik „Neu in den Top 100“):



"Dieses Foto ist vom Hamburger Rothenbaum-Turnier im Mai 2008. Vor dem Aufschlag steht Andreas Beck an der Linie, als wolle er gleich ein Ballett tanzen. Der Aufschlag selbst ist dann aber eigentlich ganz normal, und seine Spielweise auch. Er ist ein typischer deutscher Allrounder, der auf Sand, Hartplatz und Rasen zurechtkommt.

Seit heute, drei Tage vor seinem 23. Geburtstag am 5. Februar, steht Andreas Beck endlich dort, wo er schon lange hingehört: Unter den besten 100. Bei den Australian Open schaffte er die Qualifikation und gewann dann in der ersten Runde gegen einen australischen Wild-Card-Spieler. Das reichte, um von Platz 103 auf Platz 94 vorzurücken.

Andreas Beck ist schon seit Jahren einer der Hoffungsträger des deutschen Tennis. 2004 stand er im Junioren-Halbfinale der US Open. Ein Jahr später hatte er sich schon auf der ATP-Challengertour bei den Erwachsenen so gut wie etabliert, aber dann warfen zwei langwierige Rückenverletzungen ihn zurück. „Da kämpft man schon auch mit zweifelnden Gedanken und fängt zu Grübeln an“, erzählte er damals.

Vor fast einem Jahr habe ich ihn noch als „ewiges Talent“ bezeichnet. Aber spätestens seit seinem Viertelfinale beim Rasenturnier in Halle/Westfalen im Juni 2008 war klar, dass er sich nun auf der ATP-Tour etablieren würde. Zwei Wochen später spielte er in der ersten Runde von Wimbledon drei enge Sätze gegen Rafael Nadal. Bei den US Open schaffte er die zweite Runde. Im Laufe des vergangenen Jahres gewann er zwei Challenger-Turniere und erreichte bei zwei weiteren das Endspiel.

Wenn man sich seine Ergebnisse aus dem vergangenen Jahr anschaut, dann wirkt das sehr konstant. Was ihm fehlen, sind die Ausreißer nach oben. Mal ein plötzlicher Turniersieg, wie Philipp Petzschner es in Wien geschafft hat, oder wenigstens mal ein Halbfinale. Dazu müsste er wohl wenigstens mal einen Top-50-Spieler schlagen. Das ist ihm bisher noch nicht gelungen. Aber jetzt, wo er unter den Top 100 steht, wird er auch häufiger auf großen Turnieren gegen solche Leute spielen, dann wird es irgendwann klappen."
(Ende der Textbausteine.)

Tja, und das hat jetzt ja alles geklappt mit dem Ausreißer nach oben und den Siegen gegen Top-50-Spieler. Woran Andi Beck noch arbeiten sollte, das ist sein Auftreten. Er sieht auf dem Platz nicht gerade wie einer aus, der seinen Gegner plattzumachen gedenkt. Andererseits ist es vermutlich gerade das der Grund, warum ich ihn so sympathisch finde.

Hier das ATP-Profil von Andi Beck
Und hier die Ergebnisse aus Monte Carlo (PDF)

Sonntag, 12. April 2009

Nach Monte Carlo kommen sie trotzdem alle

Vorweg ein bisschen Klatsch: Roger Federer hat gestern geheiratet. In Basel, und ohne vorher irgendwas anzukündigen. Roger und Mirka werden im Sommer Eltern, das hat nun also alles seine Ordnung...

Aber jetzt zum Tennis. Die Hochzeitsreise geht nach Monte Carlo. Das ist ungefähr so überraschend wie die Hochzeit selbst. Erst am Donnerstag nahm er eine Wild Card an. Eigentlich wollte Federer dieses Masters-Turnier auslassen. Eigentlich ist Monte Carlo gar kein echtes Masters-Turnier mehr. Ebenso wie Hamburg wollte die ATP der Veranstaltung diesen Status aberkennen. Anders als dem Deutschen Tennis-Bund gelang es den Monegassen aber, einen Kompromiss auszuhandeln: Es gibt weiterhin die Masters-Punktzahl für die Weltrangliste, aber die Top-Spieler sind nicht mehr zur Teilnahme verpflichtet. (Näheres in diesem Artikel über das neue Weltranglistensystem.)

Bemerkenswert ist: Nach der kurzfristigen Zusage von Roger Federer ist das Teilnehmerfeld keinen Deut schlechter als zu Zeiten der Teilnahmepflicht. Nur ein einziger Top-Ten-Spieler fehlt: Andy Roddick. Und der fehlte auch schon 2008. Und 2007 auch, ebenso wie 2006, 2005 und 2004. Wie die meisten US-Amerikaner hat er keine Lust auf die lange europäische Sandplatz-Saison und steigt seit Jahren erst im Mai ein. Die damit verbundenen Nachteile in der Weltrangliste nimmt er in Kauf.

Im vergangenen Jahr fehlten sieben Top-20-Spieler, in diesem Jahr fehlen nur vier (Außer Roddick sind das Jo-Wilfried Tsonga, James Blake und Fernando Gonzalez, die allesamt auch im letzten Jahr nicht am Start waren). 2008 Jahr reichte Platz 53, um in Monaco im Hauptfeld zu stehen, in diesem Jahr ist es Platz 54.

Die Topstars zu holen, hat den Veranstaltern sicherlich gewissen Aufwand auch finanzieller Art gekostet. Aber trotzdem: Für Monte Carlo ist es offensichtlich egal, ob die Spieler zur Teilnahme verpflichtet sind oder nicht. Gilt das auch für die anderen Masters-Turniere? Ist die ganze Sache mit der Teilnahmepflicht, die die ATP mit einem kaum noch zu durchschauenden Sanktionssystem durchzusetzen versucht, überhaupt verhältnismäßig?

Und jetzt erstmal Frohe Ostern! Aufmerksame Leser werden es bemerkt haben: Dieser Blog läuft im Moment etwas auf Sparflamme, weil ich ein paar andere Sachen um die Ohren habe. Ich hoffe, das ändert sich demnächst wieder.

Sonntag, 5. April 2009

Aber wer rief Nicolas Kiefer an?

Das sah nach richtig großem Krach im deutschen Davis-Cup-Team aus: Vorgestern meldete die dpa, die seriösere der beiden großen deutschen Sport-Nachrichtenagenturen, Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen solle beim World Team Cup in Düsseldorf (17. bis 23. Mai) die deutsche Mannschaft nicht betreuen. Rainer Schüttler, der als Deutschlands Spitzenspieler entscheiden darf, wer in Düsseldorf Kapitän ist, wollte Kühnen nicht haben, hieß es.

Schüttler und Kühnen dementierten die Meldung wenig Stunden später. Zwischenzeitlich ging aber selbst Dietloff von Arnim, der Düsseldorfer Turnierdirektor, davon aus, dass Kühnen ausgebootet wurde: „Es wird sicher ein Zeichen sein, wenn sie den Davis-Cup-Kapitän nicht wieder nehmen“, sagte er.

Dass Patrick Kühnen unter den deutschen Spielern nicht nur Freunde hat, ist kein Geheimnis. Insofern ist es plausibel, dass Schüttler zumindest überlegt hat, auf Patrick Kühnen zu verzichten. Über diese persönlichen Animositäten schreibe ich vielleicht ein anderes Mal. Heute steht mir der Sinn mehr nach einem Erklärstück: Wer bestimmt eigentlich den Teamchef und wieso?

In den letzten Jahren war, soweit ich es überblicke, immer der Davis-Cup-Kapitän auch Kapitän der deutschen Word-Team-Cup-Mannschaft. Zwingend ist das aber nicht, und in einigen anderen Ländern kommt es häufiger vor, dass die Spieler sich für einen anderen Kapitän entscheiden. Der Davis-Cup ist eine Veranstaltung des Tennis-Weltverbands ITF. Die ITF ist organisiert als Zusammenschluss der nationalen Tennisverbände. Also bestimmen auch die nationalen Tennisverbände den Davis-Cup-Kapitän. Ganz wie im Fußball, wo der DFB den Bundestrainer aussucht.

Beim World Team Cup ist das anders. Das Turnier in Düsseldorf findet unter dem Dach der Spielervereinigung ATP statt. Hier treten zwar Spieler in Mannschaften für ihr Land an, aber die nationalen Tennisverbände haben damit nichts zu tun. Welche sieben Länder qualifiziert sind, richtet sich nach den Weltranglistenpositionen der zwei besten Einzelspieler eines Landes. Ein achtes Land bestimmt der Turnierveranstalter Rochus Club Düsseldorf. (Diese Wild- Card-Regelung hat wohl vor allem den Sinn, dafür zu sorgen, dass Deutschland garantiert immer mitmachen darf.)

Genauso wie beim Davis-Cup gibt es auch beim World Team Cup einen Kapitän, der die Mannschaftsaufstellung macht und beim Seitenwechsel je nach Gemütsverfassung und Spielstand beruhigend oder aufputschend auf die Spieler einredet. Wer dieser Kapitän ist, das bestimmt, so steht es im ATP-Regelbuch, der „Number One Player“, als der in der Weltrangliste bestplatzierte Spieler eines Landes. Nun hieß es in Meldungen der vergangene Tage, es sei ja noch gar nicht sicher, ob Rainer Schüttler überhaupt der „Number One Player“ sein wird, schließlich stehen Schüttler, Nicolas Kiefer und Philipp Kohlschreiber in der Weltrangliste dicht beieinander und wechseln nahezu wöchentlich die Reihenfolge. Das ATP-Regelbuch definiert den „Number One Player“ als den Spieler, der sechs Tage vor Turnierbeginn die Ranglistenplatzierung aller Mannschaftsmitglieder hat. Diese Definition bezieht sich aber offensichtlich nur auf die Spielansetzungen im Turnier: Dort spielt immer die Nummer Eins des einen Landes gegen die Nummer Eins des anderen – und dann die Nummer Zwei gegen die Nummer Zwei.

Der Teamkapitän wird aber laut Regelbuch 41 Tage vor Turnierbeginn nominiert. Das ist morgen. Das Regelbuch lässt offen, ob mit dem „Number One Player“ die aktuelle Nummer Eins des Landes gemeint ist der die Nummer Eins zum Stichtag der Qualifikation für den World Team Cup, also zu Jahresbeginn. Das ist aber egal; bis morgen wird Rainer Schüttler auf jeden Fall die deutsche Nummer Eins bleiben.

Meldungen, die besagen, Rainer Schüttler vielleicht gar nicht derjenige, der den Kapitän aussuchen darf, sind also mindestens so falsch wie Meldungen, Schüttler habe sich gegen Patrik Kühnen entschieden, wenn nicht gar noch falscher.

Für Deutschland werden neben Rainer Schüttler Philipp Kohlschreiber, Nicolas Kiefer und Mischa Zverev spielen. Schüttler und Kohlschreiber sind automatisch qualifiziert, weil sie am Stichtag die beiden bestplatzierten Spieler waren. Kiefer und Zverev müssen dem Regeln entsprechend vom Kapitän nominiert werden. Auffällifg ist, dass sich weder Kiefer noch Zverev dazu geäußert haben, wer sie angerufen hat, um ihnen zu sagen, dass sie in Düsseldorf dabei sind.

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de