Sonntag, 31. Mai 2009

Robin Söderling - Rafael Nadal 6:2, 6:7, 6:4, 7:6

War ja eine dolle Überschrift letzte Woche. „Am Ende gewinnt doch wieder Nadal.“ Das muss ich nun irgendwie gradebiegen. Was mich in die Situation bringt, erstmals in der Geschichte von Zacks Tennis einen ganzen Artikel einem einzigen Match, das ich nicht einmal selber gesehen habe, zu widmen.

Denn jetzt sind die French Open erst zur Hälfte rum, und Rafael Nadal ist schon ausgeschieden. 2:6, 7:6, 4:6, 6:7 im Achtelfinale gegen Robin Söderling. Und ich bin nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen, dass ich diesen sonnigen Pfingstsonntag nicht auf dem Fahrrad, auf dem Segelboot und im Biergarten verbringen sollte, sondern vor dem Fernsehgerät.

Söderling, 24 Jahre alt, Nummer 25 der Welt und nicht gerade ein Sandplatzspezialist, hat hinerher im Fernsehstudio vor Freude geweint:



Söderlings schwedische Landsleute sind völlig ausgetickt, insbesondere Mats Wilander. Der Eurosport-Hausexperte sagte vorhin, ihn überrasche das alles überhaupt nicht (Das ist doch eigentlich Peter Scholl-Latours Standardfloskel zu jeder krisenhaften Zuspitzung irgendwo in der Welt), und Söderling könne jetzt das Turnier gewinnen.

Natürlich gewinnt Robin Söderling nicht die French Open. Gut möglich, dass er von seinem Sieg gegen Nadal emotional so mitgenommen ist, dass er im Viertelfinale am Dienstag gegen Nikolai Dawidenko völlig untergeht.

Wilanders Erklärung dafür, wieso es ja eigentlich klar war, dass Söderling gegen Nadal gewinnt, geht so: Söderling schlägt schnelle flache Bälle, die Nadal nicht mag. Nadal hingegen schlägt schnelle hohe Bälle, die Söderling sehr gerne mag. Das ist ja gewiss zutreffend, bloß: Das ist ja nicht erst seit heute so. Das war auch vor drei Wochen schon so. Vor drei Wochen gab es schon einmal ein Achtelfinale zwischen Nadal und Söderling, beim Masters in Rom. Nadal gewann 6:1, 6:0. Vorige Woche beim World Team Cup war Söderling deutlich besser in Form, aber trotzdem sah es nicht danach aus, als würde er gegen Nadal eine Chance haben.

Vor zwei Jahren, da hatte Söderling Nadal in der Tat schon einmal am Rande einer Niederlage. Aber das war auf dem Rasen von Wimbledon. Für ein Match auf Rasen ist Wilanders Argumentation absolut stichhaltig, auch für schnelle Hallenböden, wo Söderlings flache Bälle von Natur aus noch flacher abspringen und wo sein harter präziser Aufschlag ihm noch mehr hilft.


Das letzte Mal, dass ich Söderling leibhaftig habe spielen sehen, war im Oktober in der königlichen Tennishalle von Stockholm, und während seines Halbfinals gegen Kei Nishikori (daher stammt das verschwommene Foto) hielt ich Söderling für den besten Aufschläger der Gegenwart. Hätte Nadal dort auf dem Platz gestanden, vielleicht hätte ich Peter Scholl-Latour bepflichten mögen: Es hätte mich nicht überrascht, hätte Söderling dort Nadal geschlagen.

Aber Roland Garros ist nicht Stockholm. In Stockholm ist Nadal bei seinem bisher einzigen Start in der zweiten Runde gescheitert. In Roland Garros hatte Nadal bis heute noch nie ein Match verloren. 2005, 2006, 2007 und 2008 gewann er das Turnier.

Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an Zeiten, in denen man vor den French Open gespannt war, wer wohl den Titel holen würde. Es fällt mir richtig schwer, mich auf die neue Situation einzustellen. Wer gewinnt denn nun in diesem Jahr? Novak Djokovic hat es Nadal vorgemacht und ist in der dritten Runde an Philipp Kohlschreiber gescheitert. (Hätte Söderling ihm nicht die Show gestohlen, hätte ich heute vielleicht einen Kohli-Artikel gepostet.) Andy Murray hat sich bisher souverän durchs Turnier gespielt, aber trotz meiner Fehlprognose von voriger Woche, bin ich noch nicht willens, von meiner Überzeugung abzurücken, dass Briten kein Sandplatz können. Mit Juan Martin del Potro ist vielleicht noch rechnen.

Die besten Aussichten hat Roger Federer. Er kann jetzt, fast ein Jahr nachdem er als Nummer Eins entthront wurde, etwas schaffen, was vor ihm erst fünf Männern gelungen ist: Nämlich jedes der vier Grand-Slam-Turniere wenigstens einmal zu gewinnen. (Die fünf Männer sind Fred Perry (1930-36), Donald Budge (1938-39), Roy Emerson (1961-67), Rod Laver (1960-69) und Andre Agassi (1992-2003).)

Rafael könnte der siebte Mann werden. Ihm fehlen noch die US Open. Bis vorhin hatte ich keinen Zweifel daran, dass er die gewinnen wird. Wenn nicht in diesem Jahr, dann eben im nächsten. Aber nun, wer weiß? Von dem wenigen, was ich vom Spiel gegen Söderling gesehen habe, schien mir, dass seinen Schlägen die ungeheure Wucht fehlte, mit denen er seine Gegner sonst buchstäblich an die Bande spielte. Vorletzte Woche in Madrid war er auch schon nicht ganz auf der Höhe, musste stundenlang gegen Novak Djokovic kämpfen und verlor dann gegen Roger Federer. Es gibt ja Leute, die seit langem unken, Nadal könne sein Krafttennis auf Dauer körperlich nicht durchhalten. Er wird übermorgen 23 Jahre alt. Man sollte denken, der Höhepunkt seiner Leistungskraft liegt noch vor ihm. Aber vielleicht hat er seinen Zenit tatsächlich schon überschritten. Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, seine Ära sei vorbei. Aber er ist nicht mehr bei den French Open ungeschlagen. Das macht ihn etwas weniger galaktisch.

Sonntag, 24. Mai 2009

Am Ende gewinnt doch wieder Nadal

Vor einer Woche geschah das Wunder: Rafael Nadal verlor ein Tennismatch auf Sand. 4:6 und 4:6 gegen Roger Federer. Ausgerechnet im Endspiel von Madrid, des großen neuen spanischen Sandplatz-Masters, das extra für Rafael Nadal erfunden wurde (und im Turnierkalender den Platz vom Hamburger Rothenbaum übernommen hat).

Roger Federer kann also tatsächlich immer noch gegen Rafael Nadal gewinnen, und sogar auf Sand. Da muss man doch gleich mal fragen: Kann Roger Federer etwa auch den Titel bei den French Open gewinnen, beim einzige Grand-Slam-Turnier, das er noch nie gewonnen hat?

Natürlich kann er. Er war ja gelegentlich schon nah dran. Aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Am Ende gewinnt doch wieder Nadal. Dass Nadal in der Vorbereitung einmal ein Match verloren hat, spielt da keine Rolle. Das ist ihm in den vergangenen Jahren auch passiert: 2008 war es sein Auftaktmatch in Rom gegen Juan Carlos Ferrero, und 2007 war es genau wie in diesem Jahr eine Woche vor Paris im Masters-Finale gegen Roger Federer, nur dass das Finale damals noch in Hamburg stattfand und alle Welt sich damit beruhigte, dass Hamburg ja irgendwie ein Heimspiel für Federer gewesen sei.

In Paris hat Rafael Nadal noch nie verloren. Irgendwann wird sich das gewiss ändern, aber ernsthafte Anzeichen dafür, dass es in diesem Jahr geschehen wird, gibt es nicht. Die Auslosung meint es sogar ausgesprochen gut mit Nadal: Es gibt drei Spieler, die ihm gefährlich werden können: Roger Federer, Novak Djokovic und Juan Martin del Potro. Alle drei spielen in der unteren Hälfte des Tableaus, können also erst im Endspiel auf Nadal treffen, nachdem sie sich vorher gegenseitig müde gespielt haben: Djokovic und del Potro gegeneinander im Viertelfinale und der Sieger dieser Partie danach im Halbfinale gegen Roger Federer. Das ist anders als in Madrid: Dort verlor Nadal nicht zuletzt deshalb, weil er im Halbfinale drei Stunden gegen Djokovic auf dem Platz stand. Diesmal droht ihm im Halbfinale höchstens Andy Murray, der sich – mit der Einschränkung eines Halbfinals in Monte Carlo, bisher an die Regel gehalten hat, dass Briten Sand nicht können. Im Viertelfinale könnte Nadal es mit seinem Landsmann Fernando Verdasco zu tun bekommen, gegen den er im Januar bei den Australian Open fast verloren hätte. Aber Verdasco hält sich nicht an die Regel, dass Spanier auf Sand besonders stark sind. Also keine Gefahr für Nadal.

Nadal wird also in zwei Wochen als erster Spieler in die Geschichte eingehen, der fünf Mal in Folge die French Open gewinnt, und das ein Jahr nachdem er verhindert hat, dass Roger Federer der erste Spieler wird, der sechs Mal in Folge Wimbledon gewinnt. (In beiden Fällen ging es übrigens darum, Björn Borg zu überbieten.)

Hier die Auslosung für die French Open

Sonntag, 17. Mai 2009

World Team Cup in Düsseldorf: Vovk-WM mit Vinciguerra

Das war ein Schreibfehler. Irgendeine verunglückte Abkürzung, ein Rutscher in die falsche Zeile. Ich war mir völlig sicher, dass das ein Schreibfehler war, als ich las, wer heute zum Auftaktmatch des World Team Cup in Düsseldorf für Russland antreten sollte. Vovk stand da. Einfach nur Vovk.

Nun habe ich den Spleen, mir Weltrang- und Ergebnislisten etwas gründlicher anzuschauen, als es eigentlich erforderlich wäre, und bin außerdem der Meinung, ein gut trainiertes Namensgedächtnis zu haben. Aber Vovk?

Stanislav Vovk ist 18 Jahre alt und steht in der Weltrangliste auf Platz 1135. Bis dort unten sehe nicht mal ich mir die Weltrangliste regelmäßig an. Selbst wenn ich die Juniorenturniere aufmerksamer verfolgen würde, als ich es tue, wäre mir Stanislas Vovk möglicherweise entgangen. Seine beste Platzierung war dort Platz 56.

Jetzt spielt Vovk also Wolrd Team Cup, die ATP-Mannschafts-Weltmeisterschaft. Nun muss man zugeben, dass nicht alle teilnehmenden Länder Spieler mit vierstelligen Weltranglistenpositionen aufbieten. Andreas Vinciguerra (Schweden) ist immerhin die Nummer 658. Alle anderen stehen wenigstens unter den Top 100.

Aber was ist das im Vergleich zu den 80er, 90er und auch noch frühen 00er Jahren? Die Tschechoslowakei gewann mit Ivan Lendl, die USA mit John McEnroe und Jimmy Connors und später mit Pete Sampras und Michael Chang, Schweden mit Stefan Edberg, Deutschland mal mit Boris und mal mit Michael Stich, Australien mit Patrick Rafter und Lleyton Hewitt.

Noch bis vor wenigen Jahren war es für alle Superstars selbstverständlich, wenigstens hin und wieder in der Woche vor den French Open in Düsseldorf anzutreten. Von den großen Vier der Gegenwart war noch keiner jemals in Düsseldorf, Roger Federer nicht, Rafael Nadal nicht, Andy Murray nicht und Novak Djokovic auch nicht. Immerhin ist Juan Martin Del Potro (Argentinien/Nr. 5) in diesem Jahr dabei, und die beiden bestplatzierten Franzosen (Gilles Simon und Jo-Wilfried Tsonga) auch. (Hier die Übersicht über alle Teams)

Aber dass die Spieler nicht kommen, das ist ja noch gar nicht das Schlimmste. Inzwischen bleiben ganze Länder weg. Wer qualifiziert ist, richtet sich nach den Weltranglistenplatzierungen der zwei besten Spieler eines Landes zum Jahresende. Dazu kommt ein Land per Wild Card. Für dieses Jahr waren qualifiziert: Spanien, Frankreich, Schweiz, USA, Argentinien, Russland, Tschechien. Deutschland bekam die Wild Card.

Spanien, die Schweiz und Tschechien haben abgesagt. Dafür sind Serbien, Italien und Schweden nachgerückt. Schweden! Man kann den Schweden nicht vorwerfen, dass sie mit Andreas Vinciguerra (der mit der Nummer 658) als zweitem Mann anreisen. Die Schweden haben wirklich keinen besseren. Die einst so glorreiche Nation hat mit Robin Söderling nur noch einen Top-200-Spieler. Viniciguerra, der lange verletzt war und seine Karriere eigentlich schon beendet hatte, half im Februar auch im Davis-Cup aus (mit zwei sehr knappen Niederlagen gegen israelische Vollprofis).

Und der Hammer: Diese Schweden sind Titelverteidiger! Dabei waren sie 2008 nicht viel stärker besetzt als jetzt. (Der damals noch aktive Jonas Björkman war nicht dabei.) Düsseldorf ist eben schon seit ein paar Jahren im Sturzflug. Antrittsgelder über das offizielle Preisgeld hinaus kann der Veranstalter offenbar nicht bezahlen. Ein weiteres Problem ist der ATP-Turnierkalender, der die Spitzenspieler in den Wochen vor Düsseldorf zu einem strammen Programm zwingt. Da ist es schon beachtlich, dass Juan Martin Del Potro, Gilles Simon und Jo-Wilfried Tsonga überhaupt angereist sind. Aber was nützen drei relativ unbekannte Top-Ten-Spieler, wenn das Gesamtprogramm einbricht?

Das wäre ja im Prinzip alles kein Drama. Man kann ja auch eine Traditionsveranstaltung in einem kleineren Rahmen als früher fortsetzen und dabei Spaß haben. Aber dass die ATP die Veranstaltung als offizielle Mannschafts-Weltmeisterschaft verkauft und in ihrem Regelwerk in demselben Kapitel behandelt wie das Tourfinale der besten acht Spieler am Jahresende, das grenzt schon an Lug und Trug. Wenn irgendwas wirklich eine Mannschafts-Weltmeisterschaft ist, dann ja wohl der Davis-Cup.

Bei den Weltranglistenpunkten, die es für Düsseldorf in diesem Jahr – ebenso wie für den Davis-Cup - erstmals gibt, war die ATP da etwas realistischer: Wer alle seine World-Team-Cup-Matches gewinnt und mit der Mannschaft den Titel holt, bekommt 250 Punkte. Das sind so viele wir für den Sieg bei einem kleinen ATP-Turnier wie dem vor zwei Wochen in München. Das entspricht wohl tatsächlich der Bedeutung des World Team Cups.

Ja, und was nun? Der Vertrag der ATP mit dem Ausrichter läuft noch bis 2012. Turnierdirektor Dietloff von Arnim klingt nicht so, als wäre eine Verlängerung selbstverständlich: „Was danach passiert, das steht in den Sternen. Frühestens in zwei Jahren werden wir mit der ATP über eine weitere Verlängerung reden.“

Wir der World Team Cup etwa in ein anderes Land verlegt, wo Tennis mehr Zuschauer anlockt und mehr Geld einspielt? So recht vorstellen kann ich mir das nicht. Die Situation ist eine andere als zum Beispiel beim Masters-Turnier am Hamburger Rothenbaum. Der World Team Cup ist eine Düsseldorfer Erfindung. In den Anfangsjahren war die Veranstaltung der ATP sogar ein Dorn im Auge. Irgendwann hat man sich mit der ATP auf den offiziellen Status als Mannschafts-WM geeinigt, und Düsseldorf hatte eine starke Lobby: Der ehemalige ATP-Europachef Horst Klosterkemper war über viele Jahre Turnierdirektor in Düsseldorf. Jetzt ist Klosterkemper in Rente. Vielleicht sollte auch der Weltmeisterschafts-Status in Rente gehen. Der World Team Cup kann dann ganz gelassen als nettes Schauturnier unter malerischen Baumkronen weitermachen, so ähnlich wie der Hopman-Cup in Perth, dem Mixed-Länderkampf vor den Australian Open. Bei einem Einladungsturnier hätte der Veranstalter auch etwas mehr Chancen mitzureden, aus welchen Spielern die Mannschaften bestehen. Derzeit bestimmen die Spitzenspieler (indirekt über die Wahl des Teamchefs). Das ist überhaupt die einzige logische Erklärung für die Anwesenheit Stanisav Vovks. Da hat einfach ein russischer Spitzenspieler seinen Trainingspartner mitgenommen.

Hier geht's zur Webseite des World Team Cups

Sonntag, 10. Mai 2009

Richard Gasquet: Zwei Jahre Sperre wegen Koks?



Die Bilder in diesem Youtube-Clip passen nicht ganz zu dem Lied von Udo Lindenberg, finde ich, aber man muss halt nehmen, was man findet.

Die Geschichte von Bodo Ballermann ist mehr eine wie die des sanften Richard Gasquet. Als er 18 war, wurde er als zukünftige Nummer 1 gefeiert. Damals kam er beim Masters-Turnier in Hamburg ins Finale. Mit 19 war er die Nummer 12, mit 21 die Nummer 7.

Jetzt ist er bald 23 Jahre alt und steht auf Platz 23. Weiter nach oben wird er in absehbarer Zeit kaum kommen. Ihm droht eine Dopingsperre, denn er wurde er neulich in Miami positiv auf Kokain getestet. Das berichtete am Wochenende die französische Sportzeitung L'Equipe, und vorhin hat Gasquet selber die Nachricht bestätigt. Er sagt, er wolle seine Unschuld beweisen. Gelingt ihm das nicht, könnte er bis zu zwei Jahre aussetzen müssen.

Der Tennis-Weltverband ITF, der für die Dopingkontrollen zuständig ist, hat sich bisher nicht geäußert. Gut vorstellbar, dass er das in diesem Jahr auch nicht mehr tun wird. Die Mühlen dort mahlen extrem langsam. Die letzte Dopingsperre, die die ITF ausgesprochen hat (gegen die US-amerikanische Doppelspeziaistin Courtney Nagle), ist auf den 2. April datiert, und es geht darin um ein Vergehen aus dem Juli vergangenen Jahres. Im August hatte die ITF mal angekündigt, ihre Verfahren zu beschleunigen. Bisher ist daraus nichts geworden. Bisher ist es allerdings noch nicht vorgekommen, dass das Ergebnis einer Dopingprobe vorzeitig durchgesickert ist und dass ein Spieler, von dem jeder weiß, dass er vermutlich bald gesperrt wird, monatelang weiterspielt.



DER SPIEGEL




Seinen Start beim Turnier in Miami, wo die Dopingprobe genommen wurde, hatte Gasquet unmittelbar vor seinem ersten Match wegen einer Schulterverletzung abgesagt. (Für ihn rückte der Deutsche Björn Phau als Lucky Loser ins Hauptfeld.) In Barcelona und Rom hat Gasquet dann allerdings wieder gespielt. Diese Woche in Estoril (Portugal) sagte er ab, weil er Ellenbogen hatte. Auch das Masters in Madrid, das heute begonnen hat, hat Gasquet abgesagt.

Auf Kokain stehen zwei Jahren Sperre. Der inzwischen zu einer Haftstrafe verurteile Maximilian Abel hat diese zwei Jahre bekommen, ebenso Martina Hingis, die daraufhin ihre gerade wieder begonnene Karriere neuerlich beendete. Es wird schwierig werden für Gasquet, mit weniger davonzukommen. Soweit ich es bisher habe herausfinden können, sind für Kokain keine Ausnahmen vorgesehen, da hilft es auch nicht, dass Gasquet in Miami ja gar nicht zum Match angetreten ist.

Manche meinen, Richard Gasquet sei nicht so tennisverrückt, dass er sich zwei Jahre lang für ein Comeback fit halten würde. In zwei Jahren, mit 25 Jahren, wäre er noch jung genug für einen neuen Anlauf Richtung Weltspitze. Ich hoffe sehr, dass er ihn unternimmt. Aber vielleicht wird ihm ja auf Dauer auch das Partyfeiern langweilig und er trainiert dann stattdessen wieder mehr? Der Tennissport kann auf Ballkünstler wie ihn eigentlich nicht verzichten. Da draußen laufen schon genug Muskelprotze rum, von denen so mancher schon mit ganz anderen leistungssteigernden Substanzen erwischt wurde (und manch anderer nicht).

In den 1990er Jahren waren Koks-Sperren nach wenigen Monaten abgesessen. In noch tieferer Vergangenheit wurde gar nicht getestet. Mats Wilanders Reputation hat es nicht geschadet, dass er mit Koks erwischt wurde. Boris Becker erzählte 1996, dass unter Tennisprofis selbstverständlich gekokst werde: „Die Frage ist, ob die Spielergewerkschaft ATP eine Probe überhaupt positiv ausfallen lassen kann, weil dann die ganze Szene in Verruf gerät und die Sponsoren erst recht weggehen.“

Hier der immer wieder gern gesetzte Link zu meinem ersten Artikel über Doping im Tennis. Da steht auch ein Absatz zur Frage drin, ob Koksen denn nun wirklich Doping ist.

Sonntag, 3. Mai 2009

Loblied auf Mischa Zverev

Das Masters-Turnier von Rom, sagt man, habe in Wahrheit gar keinen Sandplatz, es liege dort lediglich eine etwas dickere Staubschicht auf dem Hartplatz. Deshalb hat dort einst selbst Pete Sampras den Titel gewonnen, und Tommy Haas kam ins Finale.

In dieser Woche erreichte Mischa Zverev das Viertelfinale. Es ist das erste Masters-Viertelfinale in seiner Laufbahn. Der 21-jährige Hamburger ist einer der letzten Serve-und-Volley-Spieler, die auf der ATP-Tour rumlaufen. Dass er ausgerechnet in Rom groß rauskommt, bestätigt die These, dass der Sand dort nach wie vor schneller ist als andernorts.

Vor zwei Wochen kam ein anderer junger Deutscher ebenfalls als Qualifikant ins Viertelfinale eines Sandplatz-Masters, Andreas Beck in Monte Carlo. Beide hatten auch ein wenig Glück mit der Auslosung. (Beide gewannen gegen den meines Erachtens schwächsten aktuellen Top-Ten-Spieler, den von mir seit jeher unterschätzten Gilles Simon.)

Jetzt sind sie beide unter den ersten 60 in der Weltrangliste. An diesem Dienstag spielen Beck und Zverev gegeneinander – auf Münchener Standard-Sand. Da wird wahrscheinlich Beck gewinnen. Aber trotzdem: Mit Mischa Zverev ist in Zukunft zu rechnen, und zwar nicht nur auf schnellen Belägen. Dass er in Hamburg zu Hause ist, hat aus meiner Perspektive den Vorteil, dass ich ihn seit Jahren regelmäßig habe beobachten können. Das erste Mal war im Frühjahr 2005 beim Challenger in Lübeck. Damals war er 17 und auf Platz Fünfhundertirgendwas. Er kam ins Viertelfinale und verlor dort knapp gegen Alexander Waske, der zu jener Zeit ein Top-Hundert-Mann war. Der schnelle Teppich dort hatte aus den entlegensten Weltgegenden Halbprofis angelockt, die alle fast nur den Aufschlag beherrschten. Mischas Spielweise fiel dort nur insofern auf, als dass er zusätzlich auch den Volley beherrschte.

Ein paar Monate später sah ich ihn wieder. Diesmal auf Sand, bei der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum. Mischa spielte gegen einen klassischen spanischen Sandkastenschaufler, Santiago Ventura, und verlor mit 5:7 im dritten Satz. Es war eines der skurrilsten Matches, dass ich am Rothenbaum je gesehen habe. Mischa ging konsequent nach dem ersten Aufschlag ans Netz, meistens auch nach dem zweiten – und verlor fast jedes Aufschlagspiel. Bei Venturas Aufschlag blieb er geduldig an der Grundlinie und wartete auf die Fehler seines Gegners – und schaffte reihenweise Breaks.

Später sagte Mischa mal, Serve und Volley sei sein Spiel, das habe er für sich gefunden und dem bleibe er treu. Für uns Zuschauer ist das spektakulär, und für seine Gegner kann das sehr unangenehm werden. Die kennen so etwas ja kaum noch. (Und dann spielt Mischa auch noch mit links.) Allerdings war er oft nur einen Satz lang unangenehm, dann hatten seine Gegner begriffen, was los ist, und drehten das Match.

Vor ein paar Monaten zog er daraus die Konsequenzen. Er geht noch immer viel ans Netz, aber seine Gegner können sich darauf nicht mehr blind verlassen. Und dass Mischa auch Grundlinie kann, das hat er ja schon damals bei den Aufschlagspielen von Santiago Ventura bewiesen.

Vorletzte Woche in Barcelona spielte er wieder gegen jenen Venura – und verlor wieder in drei Sätzen. So etwas wird ihm weiterhin passieren. Er überrascht uns seit Jahren mit starken Formschwankungen, und ich glaube irgendwie nicht, dass sich daran jemals etwas ändern wird.

In zwei Wochen spielt Mischa Zverev übrigens zum ersten Mal für Deutschland, beim World Team Cup. In dieser Woche in München probt er dafür im Doppel mit Nicolas Kiefer. Ganz selbstverständlich ist das nicht. Mischa hätte auch Russe werden können. Er wurde in Moskau geboren und seine Eltern spielten im Davis-Cup und im Fed-Cup für die Sowjetunion.

Hier die Ergebnisse aus Rom

Und hier ein Link zu Mischas nahezu täglichem Blog beim Hamburger Abendblatt

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de