Sonntag, 28. Juni 2009

Im Schatten von Wimbledon: Die Tennis-Bundesliga geht los

Erster Spieltag:
Freitag, 3. Juli, 13 Uhr


Bremerhaven – Aachen
Krefeld – Espelkamp
Düsseldorf – Essen
Neuss – Halle
Mannheim – Amberg

Fünf Tage noch, dann ist wieder Bundesliga. Für mich als Schleswig-Holsteiner ist die Tennis-Bundesliga ja ein Kuriosum aus irgendwelchen fernen Ländern. Die meisten Mannschaften sitzen in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg. In den überregionalen Medien kommt der Wettbewerb so gut wie nicht vor. Aber man muss anerkennen: Dort wird echtes Profitennis gespielt.

Während in Wimbledon Roger Federer auf Novak Djokovic trifft und Andy Murray auf Andy Roddick (oder hat jemand andere Tipps fürs Halbfinale? Hewitt?), spielt in Bremerhaven Victor Crivoi gegen Philipp Kohlschreiber, in Düsseldorf Albert Montanes gegen Christophe Rochus und in Mannheim Jürgen Melzer gegen Kristof Vliegen.

Das sind alles renommierte Namen. Die zehn Bundesligisten haben zusammen an die 30 Profis unter Vertrag, die in Wimbledon im Hauptfeld standen. Ein Viertel aller Wimbledon-Starter spielt also nach der Rasensaison auf Sandplätzen in der deutschen Provinz. Die besten Spieler stehen ihren Mannschaften allerdings nicht an allen neun Spieltagen zur Verfügung. Sie spielen während der Bundesligawochen (bis zum 15. August) weiter auf der ATP-Tour. An den Wochenenden schieben sie, wenn's mal passt und wenn die Kasse stimmt, ein Ligaspiel ein. Manche Spieler halten ihrem Verein über viele Jahre die Treue (zum Beispiel der Rumäne Andrei Pavel bei Blau-Weiß Halle), die meisten wechseln aber noch schneller zwischen den Vereinen als Fußballer. Einige spielen sogar innerhalb einer Saison sowohl in der Bundesliga als auch in der französischen Liga, was problemlos funktioniert, weil die Punktspiele in Frankreich erst im November stattfinden.

Im Schnitt kommen zu einem Bundesliga-Punktspiel 1400 Zuschauer. Sie sehen vier Einzelmatches und zwei Doppel. Die zehn Teams spielen an neun Spieltagen gegeneinander, es gibt also keine Rückspiele. Zwei Teams steigen am Ende ab. Die besten Spieler dürften für jeden Auftritt einen fünfstelligen Betrag kassieren. Auch ein Spieler auf Platz 200 der Weltrangliste kann es dem Vernehmen nach noch auf 3000 Euro pro Einsatz bringen. Für solch eine Summe müsste er bei einem kleinen Challenger-Turnier schon bis ins Halbfinale kommen. Daneben unterstützen die Vereine ihre Spieler auch im Rest des Jahres auf ihren Reisen.

Natürlich sind die Bundesligisten von Sponsoren abhängig, aber mir scheint, diese Abhängigkeit ist nicht ausgeprägter als in anderen Sportarten auch. Aber es gibt auch Mannschaften, die sofort dichtmachen müssen, wenn der Hauptgeldgeber ausfällt. (Der Zweitligist TC Hartenholm, über den ich vor einem Jahr geschrieben hatte, hat seine Mannschaft abgemeldet, weil der Finanzier Chris Hastings-Long plötzlich verschwunden war und seine Firma den Kindern seiner Lebensgefährtin überlassen hat, die sich für Tennis nicht interessieren. Hartenholms Spitzenspieler Julian Reister und Tobias Kamke waren sogar bereit, ohne Gage zu spielen, aber es war nichts zu machen.)

Aber nun ein Blick auf die sportliche Seite: Wer wird denn nun deutscher Meister? Neben Titelverteidiger Kurhaus Aachen dürften Grün-Weiß Mannheim und der Rochusclub Düsseldorf die besten Aussichten haben. Prognosen sind schwierig, weil man im Voraus nie weiß, wie oft die Spitzenspieler antreten werden. Das hängt nicht nur von den vertraglichen Vereinbarungen ab, sondern auch davon, wie gut die Spieler auf der ATP-Tour sind. Wer in Schweden oder Kroatien in der ersten oder zweiten Runde ausscheidet, ist rechtzeitig am Freitag bei der Mannschaft. Wer ins Halbfinale oder Finale kommt, fällt am Wochenende für die Bundesliga aus.

Alle Mannschaften im Kurz-Check:

TK Kurhaus Aachen
(Philipp Kohlschreiber, Rainer Schüttler, Philipp Petzschner, Simone Bolelli, Steve Darcis, Simon Greul, Florian Mayer, Alexander Waske)
Viele starke Spieler. Aber die werden alle nicht viel spielen. Rainer Schüttler ist nur sehr eingeschränkt startberechtigt, weil er Ende des vergangenen Saison unter den Top 30 der Welt stand und für ihn strenge Schaukampf-Regeln gelten. Philipp Kohlschreiber wird nach den ersten Spieltagen zur Hartplatz-Saison in die USA aufbrechen, und Alexander Waske ist wieder mal verletzt. Ich glaube eher nicht, dass Aachen den Titel verteidigt. Tipp: Platz 2-3

Grün-Weiß Mannheim

(Jürgen Melzer, Janko Tipsarevic, Björn Phau, Benjamin Becker, Benedikt Dorsch, Denis Gremelmayr, Alexander Peya)
Ein starkes Team mit einigen Spielern, die die Bundesliga ernst nehmen. Tipp: Platz 2-3

Blau-Weiß Halle

(Victor Troicki, Marc Gicquel, Jarkko Nieminen, Oscar Hernandez, Andrei Pavel, Christopher Kas)
Keine schlechten Namen, aber überwiegend Spieler, die mit Sandplätzen (auf solchen wird die Bundesliga in der Regel gespielt) nicht viel anfangen können. Tipp: Platz 4-6

Rochusclub Düsseldorf
(Albert Montanes, Fabrice Santoro, Mischa Zverev, Guillermo Garcia-Lopez, Martin Vassallo-Argüello, Jewgeni Korolew, Jonas Björkman, Rogier Wassen)
Eine beeindruckende Liste an Spielern. Der Kader ist sehr ausgeglichen mit guten Einzel- und Doppelspielern. Gespannt bin ich auf Jonas Björkman, ehemalige Nummer 1 der Doppel-Waltrangliste. Nach seinem Karriere-Ende im November will er sich jetzt wohl in der Bundesliga fit machen für die Senioren-Tour. Tipp: Platz 1

ETUF Essen
(Christophe Rochus, Leonardo Mayer, Guillermo Canas, Daniel Munoz-de la Nava, Matthias Bachinger)
Drei Top-100-Spieler und dann ganz viele Namenlose. Tipp: Platz 7-8

Blau-Weiß Neuss
(Máximo Gonzalez, Potito Starace, Marcel Granollers, Robin Haase, Daniel Gimeno-Traver, Flavio Cipolla)
In Neuss fehlen die Namen, von denen auch Gelegenheits-Fans mal was gehört haben. Aber das sind richtig gute Spieler. Tipp: Platz 4-6

Blau-Weiß Krefeld
(Diego Junqueira, Brian Dabul, Laurent Recouderc, Ricardo Hocevar)
Das wird eng mit dem Klassenerhalt. Junqueira und Dabul wären zwar keine Schlechten, wenn sie an dritter oder vierter Position stehen würden. Aber als Spitzenspieler halte sich in der Bundesliga für zu schwach. Tipp: Platz 8-9

TV Espelkamp
(Igor Kunitsyn, Fabio Fognini, Nicolas Devilder, Ivan Navarro, Thiago Alves)
Der stärkste der drei Aufsteiger. Die Mannschaft wirkt aber sehr zusammengewürfelt mit Spielern aus allen erdenklichen Weltgegenden. Da wird es schwierig sein, die Gruppeneuphorie zu erreichen, die man für den ganz großen Wurf braucht. Tipp: Platz 4-6

TC Amberg
(Kristof Vliegen, Lukas Rosol, Jan Hajek, Jiri Novak, Armin Sandbichler)
Die ersten vier Spieler sind ja ganz nett. Aber danach kommen Spieler, die es in der Regionalliga schwer hätten. Den Klassenerhalt schafft der Aufsteiger nur, wenn die Topbesetzung in allen wichtigen Spielen an Bord ist. Tipp: Platz 10

Bremerhaver TV
(Victor Crivoi, Sergio Roitman, Nicolas Massu, Rui Machado, Edouard Roger-Vasselin)
Die Mannschaft ist als Zweiter der Zweiten Liga Nord nachgerückt, weil der Erfurter TC sich aus der Bundesliga zurückgezogen hat. Besser als Amberg ist Bremerhaven allemal, und vielleicht auch besser als Krefeld. Nicolas Massu, der Olympiasieger von 2004, ist zwar ziemlich abgehalftert, für den Bundesliga-Klassenhalt könnte er aber immer noch gut genug sein. Tipp: Platz 8-9

Hier ein Link zur offiziellen Internetseite der Tennis-Bundesliga mit dem Spielplan und den vollständigen Mannschaftskadern.

Und hier ein Link zu Livebildern und Spielberichten von der Tennis-Bundesliga einschließlich des Faktotums Ulli Potofski ("Locke bleibt am Ball").

Sonntag, 21. Juni 2009

Platz 1: Wimbledon-Halbfinale reicht für Federer – wenn Murray nicht gewinnt

(Achtung: Im Anschluss an diesen Artikel folgen Ranglisten-Rechenbeispiele)

Morgen um 13 Uhr Ortszeit (14 Uhr MESZ) bestreitet Roger Federer das Eröffnungsmatch auf dem Center Court von Wimbledon. Also eigentlich ist alles wie immer. Seit Jahren eröffnet immer Roger Federer Wimbledon. Der einzige Unterschied besteht darin, dass diesmal das Londoner Wetter den Spielplan nicht gefährden wird, weil der Center Court endlich ein verschließbares Dach bekommen hat.

Roger Federer wirkt auf dem Spielplan so selbstverständlich, dass mir fast gar nicht aufgefallen wäre, dass sein Eröffnungsspiel gegen Lu Yen-Hsun aus Taiwan ein außergewöhnliches sein wird. Erstmals seit 2002, als Goran Ivanisevic nicht antrat, eröffnet nicht der Titelverteidiger das Turnier.

Rafael Nadal hat wegen seiner Knieverletzung, die er schon lange mit sich rumschleppt, abgesagt. Jetzt kann man viel rumspekulieren, wie ernst es mit dieser Verletzung ist. Dazu kann ich keine neuen Erkenntnisse beitragen. Deshalb beschränke ich mich darauf, auf diesen Artikel vom Ende vorigen Jahres zu verweisen.

Nadal wird nicht ohne Not Wimbledon abgesagt haben. Nicht nur, weil Wimbledon nun einmal das wichtigste Turnier überhaupt ist, sondern auch, weil diese Absage bedeutet, dass er den Platz 1 in der Weltrangliste wahrscheinlich los ist. Roger Federer erobert Platz 1 zurück, falls er Wimbledon gewinnt. Aber es wird noch viel enger für Nadal: In den zwei Wochen nach Wimbledon wird er weiteren Boden gegenüber Federer und auch gegenüber Andy Murray verlieren. Roger Federer reicht ein Halbfinale in Wimbledon (720 Punkte), um zwei Wochen später an Nadal vorbeizuziehen. Andy Murray reicht das Finale (1200 Punkte). Dass die beiden das schaffen, ist ja nicht ganz unwahrscheinlich. Nadal könnte also sogar hinter Federer und Murray auf Platz 3 zurückfallen. Auch Novak Djokovic könnte mit einem Wimbledonsieg (2000 Punkte) ganz dicht an Nadal herankommen.

Drei Wochen nach Wimbledon verfallen nämlich die Punkte vom Masters-Turnier in Toronto 2008, das wegen der olympischen Spiele anders als sonst bereits im Juli stattfand. Weltranglistenpunkte bleiben immer genau 52 Wochen in der Wertung, unabhängig davon, wann das Turnier, auf dem sie gewonnen wurden, im folgenden Jahr ausgetragen wird. Die 1000 Punkte, die Nadal am 27. Juli verliert, kann er erst am 15. August zurückerobern. Roger Federer hingegen verlor vor einem Jahr in Toronto schon in der ersten Runde gegen Gilles Simon und verliert nur 10 Punkte. Andy Murray war letztes Jahr im Halbfinale von Toronto (450 Punkte), Novak Djokovic im Viertelfinale (250 Punkte).

Um das Ganze noch etwas komplizierter zu machen: Murray wird zusätzlich schon am 20. Juli 250 Punkte bekommen, und zwar für seinen Turniersieg im Londoner Queen's Club in der vorletzten Woche. Die Punkte zählen bisher nicht, weil Murray einen Straf-Abzug in der Wertung hat, weil er seinen Start beim Turnier von Indianapolis im Juli 2008 zu spät absagte. Dieser Straf-Abzug verfällt am 20. Juli.

Nadal, Federer, Murray und Djokovic werden in den drei Wochen nach Wimbledon vermutlich allesamt keine Turniere spielen. Zumindest haben sie für keines gemeldet, sie könnten höchstens irgendwo eine Wild Card annehmen, aber das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich. Möglich wäre höchstens noch, dass Nadal nach Wimbledon beim Davis-Cup gegen Deutschland antritt, da könnte er mit zwei Einzelsiegen 130 Punkte einfahren. Aber vermutlich wird er den Davis-Cup absagen.

Also lässt sich schon jetzt ausrechnen, wie die Rangliste vom 27. Juli nach verschiedenen Wimbledon-Szenarien aussehen wird.

Rafael Nadal hat am
6. Juli 10735 Punkte und am
27. Juli 9735 Punkte






Die folgende Liste zeigt die Punkte, die Federer, Murray und Djokovic am 7. Juli und am 27. Juli haben werden. Gefettete Punktzahlen bedeuten: Mehr als Nadal.

Roger Federer

Sieg 11220/11210
Finale 10420/10410
Halbfinale 9940/9930
Viertelfinale 9580/9570

Andy Murray
Sieg 10730/10540
Finale 9930/9740
Halbfinale 9450/9260

Novak Djokovic

Sieg 9790/9540
Finale 8990/8740
Halbfinale 8510/8260
Viertelfinale 8150/7900

Auf Basis dieser Zahlen kann sich jeder seine Wunschrangliste zusammenstellen (natürlich immer daran denken, dass es kein Wimbledonfinale Federer-Djokovic geben kann, weil die beiden schon im Halbfinale aufeinander treffen würden (hier das Tableau).

Zum Abschluss ein paar Beispielranglisten für den 27. Juli:
Sieg Federer
Finale Murray
Halbfinale Djokovic


Federer 11180
Murray 9740
Nadal 9735
Djokovic 8260

Sieg Murray
Finale Federer
Halbfinale Djokovic


Murray 10540
Federer 10410
Nadal 9735
Djokovic 8260

Sieg Djokovic
Halbinale Murray
Achtelfinale Federer


Nadal 9735
Djokovic 9540
Federer 9390
Murray 9260


Die Rechungen ließen sich auch noch für den 3. August fortschreiben. Dann verliert Andy Murray 1000 Punkte von seinem Sieg beim Masters in Cincinnati, und Nadal macht wieder Boden gut - aber nur bis zum 17. August, wenn Nadals 800 Punkte vom Olympiasieg verfallen. Aber bis dahin spielen die Kollegen ja hoffentlich wieder selber Tennis und verkomplizieren mit ihren Siegen und Niederlagen alles noch weiter.


(Wer mehr über die ATP-Punkteverteilung lesen möchte, klickt hier.)

Sonntag, 14. Juni 2009

Die Meldeliste für das ATP-Turnier am Rothenbaum: Niemand für die Plakatwand

Wegen der werten Leser, die über Google auf diese Seite stoßen. Dieser Artikel ist von 2009.
Hier geht's zur Meldeliste für das Turnier am Hamburger Rothenbaum 2012


Seit dieser Woche steht die Teilnehmerliste für das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum (18. bis 26. Juni). Zwei Top-Ten-Spieler gehen an den Start: Gilles Simon und Fernando Verdasco. Also eigentlich nur ein Top-Ten-Spieler. Gilles Simon steht vor allem deswegen noch auf Platz 7, weil er im Herbst letzten Jahres überragend gespielt hat und Erfolge aus dem Vorjahr im Moment in der Weltrangliste überbewertet sind (siehe Artikel von letzter Woche). Bleibt nur Fernando Verdasco, der mit seinem Platz 9 als Top-10-Spieler auch hart am Wind segelt.
„Wie angekündigt, erwartet das Publikum am Rothenbaum ein überaus attraktives Teilnehmerfeld, spannende Matches und ein hochklassiges Finale“, sagte Turnierdirektor Michael Stich, als er das Teilnehmerfeld vorstellte – oder genauer: als er ein Teil des Teilnehmerfeldes vorstellte. Das komplette Feld ist nämlich offiziell noch immer nicht veröffentlicht. (Weil zuverlässige Nutzer des menstennisforums.com die internen Meldelisten regelmäßig posten, kennt man sie indes trotzdem.

Riesenglück hat Michael Stich mit Robin Söderling. Durch sein Finale bei den French Open vor einer Woche verleiht der dem Hamburger Turnier wenigstens ein bisschen Glanz. Ansonsten ist nur ein einziger weiterer Spieler dabei, der jemals in einem Grand-Slam-Finale stand. Aber das war in einem anderen Zeitalter: Es geht um Rainer Schüttler (2003 in Melbourne).

Dass Roger Federer nicht mehr nach Hamburg kommen würde, nachdem das Turnier seinen Masters-Status verloren hat, war klar. Wenn Michael Stich in der Lage wäre, hohe Antrittsgelder zu zahlen, hätte man vielleicht leise von Rafael Nadal träumen dürfen, denn der hat anders als Federer in der jüngeren Vergangenheit auch nach Wimbledon noch die eine oder andere Sandplatz-Veranstaltung in Europa besucht. Für ein großes Star-Aufgebot ist der neue Juli-Termin einfach ungeeignet. Die meisten Spitzenspieler sind längst in Amerika, um sich auf die US Open vorzubereiten. Nicht einmal alle deutschen Spitzenspieler kommen diesmal an den Rothenbaum: Die Namen Nicolas Kiefer und Tommy Haas fehlen auf der Meldeliste.

Der Status als 500er-Turnier allein ist offenbar nicht viel wert. Das musste man befürchten, ganz klar war zu Beginn des Jahres aber nicht, wie die Profis auf die neue Kategorisierung der ATP reagieren würden. Unterhalb der neun Masters-Turniere, bei denen die besten Spieler zum Start verpflichtet sind, gibt es nun elf dieser 500er-Turniere. Die Top 30 müssen zu mindestens vier dieser Veranstaltungen antreten. Die Spieler jenseits von Platz 10 mühen sich offensichtlich, möglichst viele 500er-Turniere zu spielen. Deshalb konnte Michael Stich verkünden: „Acht Top-20-Spieler kommen an den Rothenbaum“, sechs dieser acht stehen auf den Plätzen 12 bis 19. Das zeigt auch: In der Masse ist das Feld sehr ansehnlich. Was fehlt, sind Spieler, deren Gesichter man zur Werbung für das Turnier großflächig auf Plakatwände kleben kann.

Den echten Stars scheint die 500er-Regel egal zu sein. Roger Federer hat in diesem Jahr noch gar kein Turnier dieser Kategorie bestritten. (Nur in Monte Carlo war er, die Veranstaltung ist ein Zwitter aus 500er- und Masters-Turnier.) Es sieht nicht so aus, als würde Federer bis Jahresende die vorgeschriebenen vier 500er schaffen.

Von den 500er-Turnieren, die schon stattgefunden haben, hatten die in Rotterdam, Dubai und Barcelona etwas mehr Stars als Hamburg. In Memphis und Acapulco dagegen sah es noch trostloser als an der Elbe aus. Aber das Bild in Hamburg kann sich durchaus noch verdüstern: Erfahrungsgemäß sagt der eine oder andere Profi aus den oberen Regionen der Meldeliste kurzfristig doch noch ab.

Für das mäßige Teilnehmerfeld in Hamburg gibt es vielleicht immerhin ein kleines Trostpflaster: Dafür sorgt die "field expectation" aus dem ATP-Regelbuch: Das ist eine Garantie dafür, dass mindestens zwei Superstars ("A-Plus-Spieler") und zwei normale Stars ("A-Spieler") an den Start gehen. Es gibt aber eine Entschädigung von bis zu 270.000 Euro, wenn die Stars ausbleiben. Allerdings habe ich bisher nirgends einen Hinweis darauf gefunden, dass die ATP jemals kundgetan hätte, wer diese A-Plus-Spieler und A-Spieler sind. (Das können für jede Weltregion unterschiedliche Spieler sein.) Es gibt sechs A-Plus- und sechs A-Spieler. Ich fürchte nur, das Gilles Simon und Nikolai Davidenko in Europa als A-Plus-Spieler gelten, auch wenn sie nicht gerade magnetisch auf das Publikum wirken. Und eine ganze Reihe von potenziellen A-Spielern stehen auch noch auf der Teilnehmerliste.

Die 270.000 Euro Kompensationszahlung hätten die Finanzierung des Turniers vermutlich ohnehin nicht entscheidend gesichert. Auch wenn man keine genauen Zahlen kennt, darf man wohl sagen: Mit dem Geld gestaltet es sich etwas schwieriger, als Michael Stich sich das vorgestellt hatte. Als er im Winter als neuer Rothenbaum-Chef antrat, sprach er von seinen exzellenten Kontakten in die Hamburger Wirtschaft. Einen Titelsponsor hat er aber weder in Blankenese noch an der Außenalster auftreiben können. In ein paar Tagen wird er jetzt wohl den österreichischen Wettanbieter „bet-at-home“ präsentieren. Wenn man sich daran erinnert, das Werder Bremen in den meisten Bundesländern nicht mit Bwin als Trikotsponsor auflaufen durfte, kann man sich vorstellen, dass Stichs Partnerwahl nicht ganz unproblematisch sein könnte. Auch die ATP hat ja neuerdings strenge Regeln gegen Wettbetrug. Zum Beispiel darf man auf dem Turniergelände in der Regel keine Wetten abschließen. Allerdings erinnere ich mich, dass im letzten Jahr beim ATP-Turnier in Stuttgart auch an jeder Ecke Promotion-Stände von bet-at-home standen und daran offenbar niemand Anstoß nahm.


Und zum Abschluss noch die vollständige Meldeliste für Hamburg:






1 Gilles Simon, Frankreich (Nr. 7)
2 Fernando Verdasco, Spanien (8)
3 Nikolay Davydenko, Russland (11)
4 Robin Söderling, Schweden (12)
5 Gael Monfils, Frankreich (14)
6 Tommy Robredo, Spanien (15)
7 David Ferrer, Spanien (18)
8 Stanislas Wawrinka, Schweiz (19)
9 Tomas Berdych, Tschechien (21)
10 Philipp Kohlschreiber, Deutschland (24)
11 Igor Andreev, Russland (26)
12 Jürgen Melzer, Österreich (28)
13 Victor Hanescu, Rumänien (31)
14 Rainer Schüttler, Deutschland (32)
15 Viktor Troicki, Serbien (33)
16 Albert Montanes, Spanien (35)
17 Paul-Henri Mathieu, Frankreich (37)
18 Jose Acasuso, Argentinien (42)
19 Jeremy Chardy, Frankreich (43)
20 Mikhail Youzhny, Russland (44)
21 Mischa Zverev, Deutschland (45)
22 Andreas Seppi, Italien (48)
23 Nicolas Almagro, Spanien (51)
24 Guillermo Garcia-Lopez, Spanien (52)
25 Andreas Beck, Deutschland (53)
26 Janko Tipsarevic, Serbien (54)
27 Juan Ignacio Chela, Argentinien (@54)
28 Florent Serra, Frankreich (56)
29 Fabio Fognini, Italien (57)
30 Martin Vassallo Arguello, Argentinien (58)
31 Philipp Petzschner, Deutschland (59)
32 Juan Monaco, Argentinien (60)
33 Christophe Rochus, Belgien (61)
34 Oscar Hernandez, Spanien (63)
35 Maximo Gonzalez, Argentinien (64)
36 Simione Bolelli, Italien (66)
37 Jan Hernych, Tschechien (68)
38 Teimuraz Gabashvili, Russland (70)
39-44 Qualifikanten
45-48 Wild Cards

Nachrücker
1. Björn Phau, Deutschland (72)
2. Steve Darcis, Belgien (73)
3. Andrey Golubev, Kasachstan (74)
4. Ivan Ljubicic, Kroatien (75)
5. Ivo Minar, Tschechien (77)
6. Julien Benneteau, Frankreich (80)

(Das „@54“ bei Juan Ignacio Chela bedeutet: Geschützter Ranglistenplatz nach Verletzungspause.)

Sonntag, 7. Juni 2009

Das neue Weltranglistensystem: Eine Zwischenbilanz

Er hat es geschafft. Roger Federer ist French-Open-Sieger. 6:1, 7:6, 6:4 gegen Robin Söderling. Das soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Darüber, dass Federer nun der sechste Spieler in der Tennisgeschichte ist, der alle vier Grand-Slam-Turniere gewonnen hat, hatte ich mich ja schon vor einer Woche ausgelassen.

Aber jetzt Schluss mit Ergebnisberichterstattung. Unser Thema ist heute ein anderes. Zwei von vier Grand-Slam-Turnieren 2009 sind vorbei. Die Sandplatz-Hauptsaison ist abgeschlossen. Es ist nahezu Halbzeit im Tennisjahr. Da kann man ja mal eine Bestandsaufnahme machen, wie die tiefgreifenden Änderungen im Turnierkalender und im Weltranglistensysten sich so auswirken. Ich beschränke mich heute auf die Weltrangliste. Der Turnierkalender kommt dann nächste Woche an die Reihe.

Zum besseren Verständnis sei kurz auf diesen Artikel aus dem Januar verwiesen, in dem ich die Änderungen erklärt hatte.

Kurz zusammengefasst: Das neue Weltranglistensystem macht Turniersiege wertvoller, Halb- oder Viertelfinals bringen eher nicht mehr so viel. Auch große Turniere sind gegenüber kleineren Veranstaltungen weiter aufgewertet worden.

Die Spitzenspieler wie Rafael Nadal und Federer haben sich deswegen - jedenfalls öffentlich – nicht viele Sorgen gemacht. Im Kampf um die Plätze eins, zwei oder drei hat sich ohnehin nicht viel geändert. Der Vorsprung vor der kläffenden Meute ist noch weiter gewachsen. Aber die relativen Punktabstände zwischen Nadal, Federer, Andy Murray und Novak Djokovic sind nach dem neuen System nicht großartig anders, als sie es nach dem alten System wären.

Aber für die Superstars ist es doch sowieso wichtiger, ob sie Wimbledon oder die French Open gewinnen, als ob sie nun die Nummer 3 oder 4 der Welt sind. Weiter unten, da geht es um Existenzen. Da entscheidet sich, ob ein Spieler in großen Stadien spielen darf oder auf Tennisplätzen mit Behelfstribünen in Kolding oder Fürth. Dort entscheidet sich, ob das Preisgeld reicht, um das Flugticket zum nächsten Turnier zu bezahlen, oder ob auch noch Geld übrig bleibt, um sich nach der Karriere ein Häuschen zu bauen.

Und hier wirken sich die Änderungen im Ranglistensystem tatsächlich aus. Vor der Saison befürchteten viele Spieler, die auf den zweitklassigen Challenger-Turnieren unterwegs sind, es werde für sie jetzt nahezu unmöglich, mit guten Ergebnissen dort in die Phalanx der etablierten Profis auf der ATP-Tour einzubrechen.

Zum Beispiel Benjamin Becker: Als ich im Januar beim Challenger-Turnier in Heilbronn war, war Becker, obwohl er das Turnier gewann, richtig frustriert. Nach Verletzungen und Formkrise war er von Platz 38 auf Platz 135 zurückgefallen. Mit dem neuen System, sagte er, sei es kaum noch möglich, in die Top 100 zurückzukehren.

Benjamin Becker hat den Gegenbeweis inzwischen persönlich erbracht. Inzwischen ist er immerhin wieder 84ster. Das verdankt der Heilbronn und drei weiteren Turniersiegen bei Challengern. Die Befürchtung, die nicht nur Spieler wie er hatten, sondern auch viele Hardcore-Fans, dass die Challengers an Bedeutung verlieren könnten, war also unberechtigt. Challenger-Siege sind zwar in Relation zu Turniersiegen auf der ATP-Tour weniger wert als früher. Aber auf Platz 84 der Weltrangliste konkuriert man ja nicht mit den Siegern der großen Turniere, sondern mit Spielern, die dort hin und wieder mal mit Ach und Krach ein Viertelfinale erreichen. Diese Viertelfinals sind aber ebenso abgewertet worden im Vergleich zu Turniersiegen.

Trotzdem: Ohne jetzt die komplette Weltrangliste aufs alte System umgerechnet zu haben, bin ich mir sicher, dass Benjamin Becker nach dem alten System noch weiter geklettert wäre als bloß bis Platz 84. Das liegt an der kuriosen die Übergangsregelung, die die ATP sich ausgedacht hat: Weil Weltranglistenpunkte 52 Wochen lang in der Wertung bleiben, enthält die aktuelle Rangliste eine Mischung aus Punkten nach dem alten und dem neuen System. Für einen Grand-Slam-Sieg gab es zum Beispiel bis 2008 1000 Punkte, jetzt sind es 2000. Diese Verdoppelung war für die ATP Anlass, einfach pauschal alle 2008 erzielten Punkte zum Ende des Jahres mit 2 zum multiplizieren. Und das, obwohl bei den meisten anderen Turnierkategorien und auch für frühere Runden bei Grand-Slam-Turnieren die Punkte nicht ansatzweise verdoppelt wurden.

Daraus folgt: In den meisten Fällen sind Ergebnisse aus dem zweiten Halbjahr 2008 viel mehr wert als solche aus dem ersten Halbjahr 2009. Weil Benjamin Becker die meisten seiner guten Ergebnisse in 2009 erzielt hat, ist er im Nachteil. Vergleichen wir Becker mal mit dem Spieler, der unmittelbar vor ihm auf Platz 83 steht: Bobby Reynolds aus den USA hatte in dieser Woche 860 Punkte. Umgerechnet aufs alte System wären es 458. Benjamin Becker hatte nach neuem System 845 Punkte. Nach dem alten System wären es 576 gewesen. Er würde also deutlich vor Reynolds stehen. Reynolds hat fast alle seine Punkte noch aus 2008. Nach neuem System hat er heute 88 Prozent mehr Punke, als er nach dem alten hätte. Beckers Punktzahl ist nur 46 Prozent höher. Nur mal ein Gedankenspiel: Mit einer Steigerung der Punkte aus dem alten System um 88 Prozent hätte Becker jetzt 1083 Punkte. Das wäre Platz 57.

Das Problem für aufstrebende Spieler ist also nicht das neue Punktesystem als solches, sondern die hanebüchene Übergangsregelung. Das hat sich zum Glück in gut einem halben Jahr von selbst erledigt, wenn alle Punkte aus 2008 aus der Wertung gefallen sind.

Pech für Benjamin Becker, Glück für Bobby Reynolds – und auch für einige deutsche Spieler: Zum Beispiel für Philipp Petzschner, der Ende 2008 das ATP-Turnier von Wien gewann. Aus seinen 250 Punkten machte die ATP 500, und das, obwohl es in Wien in diesem Jahr wieder bloß 250 Punkte zu gewinnen gibt. Petzschners Sieg in Wien wird von Woche zu Woche wertvoller. Obwohl er – unter anderem wegen einer Verletzung – in diesem Jahr noch fast gar keine Punkte holen konnte, hält er sich in der Rangliste nahezu unverändert auf Platz 70.

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