Sonntag, 26. Juli 2009

Oder einfach Karl

Charlene Riva und Myla Rose also. Roger und Mirka Federer haben am Donnerstag Zwillinge bekommen. Ich kann mir nicht helfen, ein bisschen klingt das nach Jaden Gil und Jaz Elle. (So heißen die Kinder von Steffi Graf und Andre Agassi).

Das brachte mich auf die Idee, einmal der Frage auf den Grund zu gehen, wie Tennisprofis ihre Kinder typischerweise nennen. Die Datenbasis ist relativ klein. Es gibt nicht viele aktive ATP-Profis mit Kindern. Das ist anders als zum Beispiel bei den Fußballern, die – abgesehen von den Auswärtsspielen – überwiegend in der Nähe ihres Wohnorts arbeiten und problemlos eine Familie gründen können. Tennisspieler reisen zehn Monate im Jahr rund um den Globus. Wenn sie Kinder haben, sehen sie die entweder fast nie oder sie müssen ständig mit ins Flugzeug und ins Hotel.

Von den bekannteren aktiven Spielern habe ich auf die Schnelle außer Roger Federer nur zwei Väter auftreiben können: Lleyton Hewitt und Ivan Ljubicic. Hewitts Tochter heißt Mia Rebecca, Ljubicics Sohn heißt Leonardo. Soweit also alles im grünen Bereich.

Nicht zu vergessen Lindsay Davenport. Das hier ist zwar ein Herrentennisblog, aber nach einer Babypause wieder zurück auf die WTA-Tour zu kommen, ist in dem heute erörterten Zusammenhang so bemerkenswert, dass ich darüber nicht hinweggehen möchte. Jogger Jonathan ist zweieinhalb, und vor ein paar Wochen kam Lauren Andrus auf die Welt.

Eine gewisse Internationalität bei der Namenswahl sei den Spielern zugebilligt, sie sind ja auf der ganzen Welt zu Hause. (Das gilt für die Federers ganz besonders: Mirka stammt ursprünglich aus der Slowakei, Rogers Mutter aus Südafrika.)

Signifikant mehr Spieler mit Kindern finden wir unter den Doppelspezialisten. Vielleicht schieben ihre Familiengründung einfach deshalb nicht bis nach dem Karriereende auf, weil sie oft bis nahe an die 40 aktiv bleiben. Und vielleicht sind sie einfach partnerschaftlicher veranlagt als die Einzelspezialisten..? Um meiner These mehr Durchschlagskraft zu verleihen, zähle ich auch die französischen Universalisten Fabrice Santoro mit seiner Tochter Djenae und Michael Llodra mit seiner Tochter Manon zu den Doppelspezialisten.

Daniel Nestor (Kanada, Nr. 3 im Doppel) hat eine sieben Monate alte Tochter namens Tiana Alexis. Wenige Tage älter als Tiana Alexis sind die Zwillinge von Nenad Zimonjic (Serbien, Nr. 4):Leon und Luna. Die Tochter von Wesley Moodie (Südafrika, Nr. 9) heißt Danica Jade. Die Tochter von Kevin Ullyet (Simbabwe, Nr. 10) heißt Jemima. Max Mirnyis (Weißrussland, Nr. 19) Töchter heißen Melaschka und Petra. Rührend daran ist: Petra heißt auch die Frau von Mirnyis langjährigem Doppelpartner Jonas Björkman (Schweden, trotz Karriereende von acht Monaten immer noch Nr. 23). Björkmans Sohn wiederum heißt wie Mirnyi: Max. Die kleine Schwester von Max Björkman heißt Bianca. Auch der einzige mir bekannte deutsche ATP-Spieler mit Kind ist ein Doppelspezialist: Christopher Kas. Seine Tochter heißt Kimi Sophie.

Wenn also nur wenige Spieler zur aktiven Zeit in die Verlegenheit kommen, sich auf einen Kindesnamen einigen zu müssen, blicken wir mal auf die Legenden von einst.

Boris Beckers Söhne sind bekanntlich Noah Gabriel und Elias Balthasar. (Bei der Benennung seiner Tochter Anna hatte Becker vermutlich nichts mitzureden.) Die Jungs von Pete Sampras heißen Christian Charles und Ryan Nikolaos. Ivan Lendl hat fünf Töchter: Marika, die Zwillinge Isabelle und Caroline, Daniela und Nikola. John McEnroes fünf Kinder heißen Kevin, Sean, Emily, Anna und Ava, Jimmy Connors' Kinder Brett und Aubree Leigh. Die Söhne von Charly Steeb sind Luke und Jeremy. Der Sohn von Thomas Muster heißt Christian.

Stefan Edbergs Kinder heißen Emilie und Christopher, Björn Borgs Kinder Robin und Leo. Am besten gefallen mir die schwedischen Namen von Mats Wilanders Kindern: Emma, Karl, Erik, Oscar.

Wenn jemand noch andere Kinder von Spielern weiß, immer her damit. Ich hab mich mit dem Thema bisher nie befasst und jetzt nicht den ganzen Tag nach Namen gegoogelt.

Sonntag, 19. Juli 2009

Live von der Qualifikation am Rothenbaum

So etwas nennt man wohl „Haltung bewahren“. Wenn die goldenen Zeiten vorbei sind, soll nach außen alles scheinen wie immer. „Willkommen auf dem Center Court der Welt“, begrüßte der Stadionsprecher das Publikum am ersten Tag der Qualifikation für das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum. Der „Center Court der Welt“, das war bis vor einem Jahr ein schönes Schlagwort. Bis vor einem Jahr war Hamburg Spielstätte eines Masters-Turniers. Die besten Tennisprofis waren fast alle am Start. Für eine Woche im Mai stand der Center Court der Welt tatsächlich in Hamburg.

Das ist vorbei. An diesem Montag beginnt am Rothenbaum die Nach-Masters-Ära. Es ist nur noch ein einziger Top-Ten-Spieler am Start, und bei dem handelt es sich ausgerechnet um den weitgehend unbekannten und von mir gern geschmähten Gilles Simon aus Nizza.

Pere Riba und Nils Langer auf dem "Center Court der Welt"

Gestern begann die Qualifikation für die letzten sechs Plätze in 48 Spieler umfassenden Hauptfeld. Als durch den Lautsprecher das Wort vom „Center Court der Welt“ klang, standen unten auf dem Platz der Spanier Pere Riba (Nr. 144) und der Affalterbacher Nils Langer (Nr. 512). Das Match war nicht der Rede wert und endete 6:3, 6:4 für Riba. Dass der 19-jährige Langer Talent hat, sah man, als Riba im ersten Satz mit einem Break vorne lag und in seinen Returnspielen einen Gang zurück schaltete. Jetzt hatte Nils Langer Zeit, sich für seine wunderschöne einhändige Rückhand in Ruhe hinzustellen. Sobald er laufen musste, sahen seine Schläge immer wieder ein bisschen hilflos aus.

Es lohnte sich, den Center Court der Welt zu verlassen und stattdessen auf den Nebenplatz M4 zu schauen. Dort spielten Diego Junqueira aus Argentinien (Nr. 103) und Jan-Lennard Struff aus Suttrop (Nr. 1294). Ich habe nur den ersten Satz gesehen, und den gewann Struff mit 6:2 und mit präzise platzierten Powerschlägen. Wenn er mal einen Volley schlagen musste, ging das meistens schief, alles andere wirkte sehr souverän. Ich hatte während dieses Satzes nicht den geringsten Zweifel daran, dass Struff das Match locker gewinnen und außerdem in der zweiten Qualifikationsrunde am Sonntag gegen Pere Riba keine Probleme haben würde. Struff ist genau so jung wie Langer, aber wenn die Tagesform von Sonnabend repräsentativ ist, das deutlich größere Talent. Das mit dem Weltranglistenplatz 1294 wird sich schnell ändern. Der Junge hat vor ein paar Wochen Abi gemacht und erst im Juni angefangen, Weltranglistenpunkte zu sammeln. Das Spiel gegen Junqueira hat er mit 6:7 im dritten Satz verloren, nachdem er bei eigenem Aufschlag Matchball hatte, aber das dürfte eine reine Nervensache gewesen sein. Mir ist übrigens erst vorhin, als ich meine Bilder am Bildschirm bearbeitet habe, aufgefallen, was für ein Milchgesicht der Struff noch ist. Auf dem Platz machte er einen richtig erwachsenen Eindruck.
Jan-Lennard Struff

Noch so ein Talent: Jaan-Frederik Brunken aus Verden (Nr. 1004), auch er 19 Jahre alt. Den hatte ich schon vor einem Jahr an selber stelle beobachtet. Damals gewann er gegen Jürgen Melzer aus Österreich, damals um die 80 in der Welt, inzwischen wieder unter den Top 30. Allerdings sah es damals zu keinem Zeitpunkt so aus, als hätte Melzer zu irgendwas Lust. Trotzdem brauchte Brunken drei Sätze. Diesmal war sein Gegner Adrian Mannarino (Frankreich, Nr. 116). Auch Mannarino wirkte nicht so, als hätte er zu irgendwas Lust. Aber wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, spielte er trotzdem besser als Melzer letztes Jahr. Brunken gewann mit 6:2 und 6:3. (Sein zweites Quali-Match verlor er dann allerdings mit demselben Ergebnis gegen Marcel Granollers aus Spanien, dem ich vor einem Jahr eine große Zukunft prophezeit hatte – bisher vergeblich.)

Bemerkenswert war auch der Auftritt eines anderen deutschen Spielers: Philipp Hammer (Foto). Der Mann aus Reinbek ist freilich kein hoffnungsvolles Talent mehr. Er hat sich vor ein paar Jahren schon auf Platz 338 gespielt. Jetzt hat er sein Sportstudium abgeschlossen und dachte sich, solange ich keinen besseren Job finde, kann ich es ja auch noch mal als Berufstennisspieler probieren. Er schaffte es, dem österreichischen Davis-Cup-Spieler Stefan Koubek einen Satz abzunehmen. (3:6, 7:6, 1:6).

Julian Reister wäre aus Hamburger Sicht noch zu erwähnen (3:6, 6:7 gegen Jewgeni Korolew. Letztes Jahr gegen Marat Safin hatte Reister mehr Feuer.

Von den erwähnten Spielern haben Jewgeni Korolew, Marcel Granollers und Pere Riba die Qualifikation erfolgreich überstanden. Außerdem Potito Starace (Italien) und Victor Crivoi (Rumänien) – die habe ich beide nicht gesehen, weil sie am Sonnabend ein Freilos hatten. (Die Freilose für die beiden bestplatzierten Qualifikationsteilnehmer gab es, weil sich nicht für alle 24 Startplätze ein Interessent gefunden hatte. So etwas passierte zu Masters-Zeiten nicht.) Der sechste Qualifikant ist Pablo Cuevas aus Uruguay. (Das ist der Spieler, der seit fast einem Jahr den Titelkopf meines Blogs ziert.)

So viel zu den Matches. Kommen wir zum Ambiente. Der Rothenbaum bewahrt Haltung. Beim neuen Turnierdirektor Michael Stich sieht manches sogar noch edler aus als zu seligen Masters-Zeiten. Die Anzeigentafel am Center Court scheint mir neu zu sein. Außerdem bedecken dunkelblaue Stoffbezüge die mintgrünen Plastik-Schalensitze. Schmerzlich ist der Verlust der Eisbude neben der Ergebnistafel auf dem Hof vor dem Stadion. Statt Erdbeer und Malaga werden dort jetzt Appartements mit Elbblick verkauft oder so – im Detail habe ich mir das nicht angesehen, die Bude wirkte nicht so, als wäre sie für Leute wie mich aufgestellt. Natürlich bekommt man nach wie vor auch Eis am Rothenbaum – aber dasselbe ist es nicht, und so habe ich verzichtet.

Wegen der ständig drohenden Wolkenbrüche, die aber ausblieben, war das Zeltdach über dem Center Court den ganzen Sonnabend über geschlossen. Das ehemals weiße Tuch hat sichtlich Mühe, Haltung zu bewahren.

Zum Schluss ein Wort zu den Wild Cards: Neben den 38 über die Weltrangliste zugelassenen Spielern und den sechs Qualifikanten nahmen der Deutsche Tennis-Bund und Stich Daniel Brands und Florian Mayer ins Hauptfeld auf, zwei Mal eine sehr gut Wahl. Auch die dritte Wild Card (Simon Greul) geht in Ordnung. Aber die vierte? Kevin Krawietz. 17 Jahre alt und seit wenigen Tagen Wimbledon-Sieger im Junioren-Doppel. Bei den Erwachsenen indes ist er bisher ohne Weltranglistenpunkt. Das Vorhaben, junge Talente zu fördern, in allen Ehren, aber den Jungen in ein ATP-Hauptfeld aufzunehmen, das ist dann wohl doch der fünfte Schritt vor dem zweiten. Eine Wild Card für die Qualifikation hätte es auch getan.

Im Doppel hat Michael Stich sich einfach selber eine Wild Card gegeben. Clever, denn wahrscheinlich lockt er mehr Zuschauer an als alle etablierten Doppelspezialisten zusammen. Stich tritt an der Seite von Hamburgs frisch gebackenem Davis-Cup-Spieler Mischa Zverev an. Das ist mit Sicherheit interessanter, als wenn Stich zum 57. Mal ein Showmatch gegen die Tennisnervensäge Henri Leconte absolviert hätte. Man darf nicht einmal ausschließen, dass Stich immer noch konkurrenzfähig ist. Als sich John McEnroe 2006 den Spaß erlaubte, zusammen mit Jonas Björkman in San Jose im Doppel anzutreten, gewann er das Turnier. Aber Stich ist nicht McEnroe, Zverev nicht Björkman, und Hamburg zwar kein Masters mehr, aber immer noch eine Nummer größer als San Jose.

Hier die Ergebnisse von der Qualifikation (PDF),
und hier die Homepage des Rothenbaum-Turniers

Sonntag, 12. Juli 2009

Die abenteuerliche Woche des Rajeev Ram

Gar nicht so einfach zu entscheiden, worüber ich in dieser Woche schreiben soll. Über das überraschend enge Davis-Cup-Viertelfinale, das Deutschland in Spanien verloren hat? Das ATP-Turnier von Stuttgart, das morgen beginnt? Oder über Mathieu Montcourt, den 24-jährigen französischen Profi, der am Montag vor seiner Wohnung an einem Herzinfarkt gestorben ist?

Ich besinne mich auf mein ursprüngliches Vorhaben, als ich vor bald anderthalb Jahren mit diesem Blog angefangen habe: Ich wollte auch über Nischenthemen schreiben, die es in die etablierten Medien nicht schaffen. Also schauen wir jetzt mal nach Newport, Rhode Island. Parallel zum Davis-Cup-Viertelfinale fand dort ein ganz normales ATP-Turnier statt. Obwohl, ganz normal ist es nicht. Es ist das einzige Rasenturnier außerhalb Westeuropas und das einzige Rasenturnier, das nicht der Vorbereitung auf Wimbledon dient. Und auch sonst ist dort immer wieder mal einiges nicht ganz normal. Das erzählen wir am besten am Beispiel des diesjährigen Finalisten Rajeev Ram.


Rajeev Ram (Foto: Wikipedia)

Rajeev Ram ist nicht zu verwechseln mit Weltklasse-Doppelspieler Andy Ram, der an diesem Wochenende mithalf, Israel erstmals ins Davis-Cup-Halbfinale zu bringen. Rajeev Ram kommt aus Denver, Colorado, ist 25 Jahre alt, Vorname und Aussehen lassen darauf schließen, dass seine Familie aus Indien stammt. Auf seinem ATP-Profil gibt er Ping-Pong als Hobby und Boris Becker als Vorbild an.

Rajeev Ram war bislang die Nummer 181 der Welt. Das hätte um ein Haar gereicht, um direkt fürs Hauptfeld von Newport qualifiziert zu sein. Der letzte direkt qualifizierte Teilnehmer war ein gewisser Brendan Evans von Platz 159. Zum Vergleich: Beim Turnier in Stuttgart in der kommenden Woche, das in dieselbe 250er-Kategorie gehört, brauchte man Platz 89, um direkt ins Hauptfeld zu kommen.

Rajeev Ram also musste ganz knapp in die Qualifikation. Dort hatte er in der ersten Runde ein Freilos und bezwang in der zweiten Runde den Australier Lindahl. Übrigens nicht auf Naturrasen, sondern in einer Halle. Für Qualifikationsmatches ist so etwas zulässig. Der Rasen im Stadion war nämlich noch zu nass, weil es wochenlang nur geregnet hatte in Newport.

Zur dritten und letzten Qualifikationsrunde trat Rajeev Ram nicht an. Offiziell wegen einer Beinverletzung. Vermutlich aber wollte er sich einfach schonen, weil er schon wusste, dass er als bestplatzierter Verlierer der letzten Qualifikationsrunde als Lucky Loser ins Hauptfeld nachrücken würde, denn während in Newport, Rhode Island, die Qualifikation lief, spielte man in Wimbledon gerade ganz großes Tennis, und nachdem Andy Roddick im epochalen Finale gegen Roger Federer den fünften Satz mit 14:16 verloren hatte, sagte er, um zu regenerieren, für das Davis-Cup-Viertelfinale in Kroatien ab.

Daraufhin nominierte US-Teamkapitän Patrick McEnroe den Spieler Mardy Fish nach, der eigentlich in Newport antreten wollte und als Nummer 25 der Welt dort an Nummer 1 gesetzt war. Das Hauptfeld war schon ausgelost, und Fish hätte ein sehr leichtes Programm gehabt: In der ersten Runde gegen einen Qualifikanten, in der zweiten Runde gegen den Sieger einer Partie von zwei weiteren Qualifikanten. (Wenn meine angestaubten stochasischen Kenntnisse aus dem Mathe-Leistungskurs bei Herrn Kabus mich nicht im Stich lassen, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines solchen Losglücks 0,197 Prozent). Aber weil das Vaterland Fish rief, konnte er das Glück nicht nutzen und musste den bequemen Platz im Hauptfeld dem Lucky Loser Rajeev Ram überlassen.
Für Rajeev Ram indes gestaltete sich die Sache schwieriger als erwartet. Während sich Mardy Fish unter der Sonne der kroatischen Adriaküste auf seinen Davis-Cup-Einsatz vorberetete, goss es über Rhode Island wie aus Kübeln. Sein Erstrundenmatch gegen den kolumbianischen Qualifikanten Alejandro Falla war für Dienstag angesetzt. Aber weil es den ganzen Tag regnete, musste Rajeev Ram am Abend unverrichteter Dinge in sein Hotelzimmer zurückkehren.

Am Mittwoch regnete es nicht. Rajeev Ram konnte trotzdem nicht spielen. Das Gras war noch zu nass. Trotz 22 Grad und Sonnenschein änderte sich daran nichts. Die Spieler sollen stinksauer gewesen sein, denn die Planen, die die Plätze bei Regen trocken halten sollten, waren offenbar zu klein: Sie deckten nur das Spielfeld selbst ab, nicht aber den Bereich hinter der Grundlinie. Dort soll es rutschig gewesen sein wie auf Eis.

Also Donnerstag. Wenigstens das Erstrundenmatch gegen Alejandro Falla konnte Rajeev Ram an diesem Tag spielen. Falla verkraftete das Warten offenbar nicht so gut: Das entscheidende Break im zweiten Satz gelang Rajeev Ram, weil Falla drei Doppelfehler hintereinander machte.

Dann kam der Freitag. Das war der Tag, an dem Rajeev Ram sich seinen Platz in sporthistorischen Kuriositätensammlungen sicherte: Bis Sonntag musste das Turnier zu Ende sein, es waren also nur noch drei Tage Zeit für zweite Runde, Viertelfinale, Halbfinale und Finale. Zweite Runde und Viertelfinale fanden deshalb am selben Tag statt. Ein Match am Morgen, eines am Abend, das ist zwar heftig, kommt aber immer wieder mal vor. Regen wurde ja nicht erst in Newport 2009 erfunden. Rajeev Ram aber spielt auch gern und gut Doppel. Darin ist er normalerweise erfolgreicher als im Einzel, konnte sein Können im verregneten Newport bis dahin aber noch überhaupt nicht unter Beweis stellen. So kam es, dass er am Freitag vier Matches an einem einzigen Tag bestritt – und alle vier gewann. Erste Runde Doppel an der Seite von Jordan Kerr gegen Arnaud Clement und Olivier Rochus 2:6, 6:4, 1:0 (11:9 im Match-Tiebreak), dann zweite Runde Einzel 6:4, 6:2 gegen den Qualifikanten Samuel Groth 6:4, 6:2, dann Viertelfinale Einzel gegen Jesse Levine 5:7, 6:2, 7:6 und nach dem Abendbrot Viertelfinale Doppel 6:2, 6:2 gegen Nicolas Mahut und Fabrice Santoro.

Gestern, am Sonnabend, musste Rajeev Ram nur noch zwei Mal auf den Platz: 6:3, 6:4 im Einzel-Halbfinale gegen Olivier Rochus und 7:6, 7:6 im Doppel-Halbfinale gegen Sebastian Prieto und Horacio Zeballos.

Bis hierhin hatte Rajeev Ram von Mardy Fishs Losglück profitiert und war ins Endspiel gekommen, ohne einen einzigen Spieler aus den Top 100 der Welt zu schlagen. Nun wartete der an Drei gesetzte Sam Querrey, Nummer 39 der Welt und eine der großen Nachwuchshoffnungen des amerikanischen Tennis. Aber selbstverständlich ging das Rajeev-Ram-Märchen weiter. 6:7, 7:5, 6:3.

Rajeev Ram soll der siebte Lucky Loser in der Geschichte des Profitennis sein, der ein Turnier gewonnen hat. 2008 gelang dem Ukrainer Sergyi Stakhovsky dieses Kunststück in Zagrab, davor ist so etwas 17 Jahre lang nicht vorgekommen – und mit vier Siegen an einem Tag gewiss noch nie.
Und was macht Rajeev Ram jetzt, wähend ich über ihn schreibe? Er bestreitet sein zweites Match an diesem Tag: Das Doppel-Finale gegen Michael Kohlmann (Deutschland) und Rogier Wassen (Holland). Für Kohlmann ist es das erste Finale seit zweieinhalb Jahren. Im Moment steht es 3:3 im ersten Satz. Aber will irgendjemand glauben, dass Rajeev Ram dieses Match verlieren kann?

Mögen uns die Campell's Hall of Fame Tennis Championships von Newport, Rhode Island, noch lange erhalten bleiben. Ich liebe dieses Turnier. Es hat eines der schwächsten Teilnehmerfelder aller ATP-Veranstaltungen, es hat keine Planen, die die Plätze vollständig trocken halten können, es wird auf Rasen ausgetragen, obwohl die Rasensaison schon vorbei ist, und die Teilnehmer müssen weite Wege in Kauf nehmen: Weder unmittelbar vor noch unmittelbar nach diesem Turnier findet im Umkreis von mehreren tausend Meilen ein anderes ATP-Turnier statt. Das alles macht Newport, Rhode Island, liebenswert.
Das Schönste aber, das ist der Hauptsponsor. Die meisten deutschen ATP- und WTA-Turniere sind ja nach irgendwelchen Autofabriken benannt, die ich in meinem Blog stets totschweige. Newport, Rhode Island, aber hat seit vielen Jahren die Campbell-Konservendosen im Logo, genau die, die Andy Warhol einst auf Leinwand bannte.

Ein schöner Ort für Rajeev Ram, sich seine 15 Minuten Ruhm zu holen. Im Doppelfinale hat gerade der Tiebreak des ersten Satzes begonnen.

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Newport,

hier die Doppel-Ergebnisse,

und hier die Qualifikation.

Sonntag, 5. Juli 2009

Wimbledon: Ein guter Platz für alte Hasen

Boris Becker war bei seinem dritten Wimbledonsieg 21 Jahre alt. Nach 1989 hat er noch viele große Titel gewonnen, aber nie wieder Wimbledon. Damals war der heilige Rasen etwas für Jungspunde, die beim Matchball einfach mal draufhauten.

Das ist lange her. Mir scheint, Wimbledon ist in den letzten Jahren zu einem Turnier geworden, bei dem es von großem Vorteil ist, ein Spieler zu sein, der schon etwas länger dabei ist. Unsere Endspiel-Titanen von heute Nachmittag, Roger Federer (27) und Andy Roddick (26) sind zwar keine Greenhorns mehr, aber ja nun auch noch keine echten alten Hasen. Wenn wir aber ins Halbfinale und ins Viertelfinale schauen, dann ist das schon auffällig. Im Halbfinale stand Tommy Haas (31), von dem nicht nur ich vor gut einem halben Jahr behauptete, seine Karriere neige sich dem Ende zu. Im Viertelfinale standen Akteure, die zwar etwas jünger sind, deren beste Zeiten aber gefühlte 80 Jahre zurückliegen: Lleyton Hewitt (28) war 2001 die Nummer 1 der Welt und war vor Wimbledon die Nummer 56, Juan Carlos Ferrero (29) war 2003 die Nummer 1 und zuletzt auf Platz 70.

Ähnliche Phänomene waren in Wimbledon vor einem Jahr zu beobachten: Seinerzeit hießen die abgehalfterten Typen, die plötzlich zu ansatzweise alter Stärke zurückfanden, Marat Safin, Rainer Schüttler und Arnaud Clement. 2006 und 2005 standen die alten Schweden Jonas Björkman und Thomas Johansson im Halbfinale.

Ich glaube, dass diese Häufung nicht zufällig ist. Es gibt drei Gründe dafür, warum sich in Wimbledon neuerdings die alten Hasen. Zu Boris Beckers Zeiten unterschied sich das Rasentennis in Wimbledon vor allem durch eines von anderen Turnieren: Die Bälle sprangen wahnsinnig schnell ab. Wer beim Aufschlag ordentlich Bum-Bum machte, hatte schon fast gewonnen. Ein großer Vorteil für kräftige junge Burschen. Das Gras in London ist auch heute noch einer der schnellsten Untergründe auf der Profitour. Federer und Roddick haben nicht umsonst bis zum 16:14 gebraucht, bis endlich jemand im fünften Satz ein Break schaffte. Aber es ist viel langsamer als noch in den Neunzigern. Das liegt am Gewicht der Bälle und an Rasensorte und Bodenbeschaffenheit. (Die Einzelheiten weiß nur der Platzwart, und der verrät es nicht.) Die Umstellung soll etwas längere Ballwechsel und damit mehr Unterhaltung für das Publikum garantieren. Diese etwas gedrosselte wahnsinnige Geschwindigkeit ist der erste Vorteil für die älteren Spieler. Die Bälle fliegen immer noch so schnell, dass es sich oft nicht lohnt, Bällen hinterherzurennen, die in die hintersten Winkel fliegen. Auch die ganz flinken jungen Hüpfer schaffen das nicht. Und ob man ganz knapp zu spät an den Ball kommt und ein paar Stunden zu spät, das ist dann auch egal. Schlagtechnik wird wichtiger als Einsatzbereitschaft, und die Schlagtechnik verlernt man im Alter nicht so schnell. Dies ist ein kleiner Vorteil für die alten Spieler, der sich in Nuancen bemerkbar macht.

Noch wichtiger sind die Vorteile Nummer 2 und 3.

Vorteil 2: Rasentennis will gelernt sein. Die Spieler bewegen sich das ganze Jahr über auf Hart- und Sandplätzen. Auf Rasen wird nur noch in Wimbledon und bei den Vorbereitungsturnieren in den zwei Wochen vor Wimbledon gespielt. (Für die Grasfanatiker gibt es noch das kleine Turnier in Newport, Rhode Island, in der Woche nach Wimbledon, aber das dürfen wir vernachlässigen.) Die Bälle springen auf Rasen zwar nur noch mäßig schneller als auf anderen Bodenbelägen, aber immer noch charakteristisch anders. Auch muss man sich auf Rasen anders bewegen. Der Halt ist nicht so fest wie auf Hartplatz, und man kann nicht rumrutschen wie im Sand. Wer schon zehn Mal in Wimbledon gespielt hat, kann damit naturgemäß besser umgehen als jemand, der zum zweiten Mal dabei ist.

Vorteil 3: Die Motivation. Natürlich sind auch junge Spieler in Wimbledon heißer auf den Sieg als in der Woche vorher in Eastbourne oder Den Bosch. Aber bei den Älteren fällt das mehr ins Gewicht. Jonas Björkman, der vor einem halben Jahr mit 36 seine Karriere beendete, hat das einmal ganz offen gesagt: Er könne nicht mehr bei jedem Turnier alles geben. Er müsse sich genau überlegen, wo er seine Schwerpunkte setzt. Wimbledon ist für jeden dieser Spieler ein solcher Schwerpunkt. Man darf sich nämlich fragen, wofür sich Leute wie Marat Safin, Juan Carlos Ferrero oder Lleyton Hewitt sonst noch motivieren sollen. Weltranglistenerste waren sie schon, das werden sie nie wieder erreichen, dafür sind Federer und Rafael Nadal zu stark. Ein einziges Mal in Wimbledon für Furore zu sorgen, das ist ein realistischeres Ziel. Wie wichtig die Sache mit der Motivation ist, zeigt auch ein Blick auf die US Open: Das ist das Turnier, das den US-Amerikanern unter den Tennisprofis noch wichtiger ist als Wimbledon. Es ist gewiss kein Zufall, dass Andre Agassi als 35-Jähriger seinen letzten Achtungserfolg mit dem Finale der US Open 2005 feierte, und dass Pete Sampras 2002 zum Abschluss seiner Karriere dort noch einmal den Titel holte.

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