Sonntag, 29. November 2009

Der ATP-Turnierkalender 2010: Nizza statt Kitzbühel und ein paar andere Details

So, das WTF ist abgehakt, Nikolay Davydenko hat seine Zehn-Prozent-Chance auf den Titel genutzt. Höchste Zeit, einmal einen Blick auf das nächste Jahr zu werfen, schließlich sind es bis dahin nur noch ein Davis-Cup-Finale, ein paar Challengers und eine vernachlässigenswerte Flut von Schauturnieren. In Doha (Katar), Chennai (Indien) und in Brisbane (Australien) geht die ATP-Tour am Montag, 4. Januar, weiter. Während die ATP in diesem Jahr in ihrem Turnierkalender alles mögliche umkrempelte, bleibt 2010 fast alles beim Alten. So ist es jedenfalls geplant. Allerdings muss nicht zwingend alles so kommen, wie geplant.

Aber der Reihe nach. Die wichtigsten Wegmarken, die Grand-Slams, die Masters-Turniere und die Davis-Cup-Runden bleiben, wo sie sind, und ich sehe auch keinen Sponsor, der in der Lage wäre, mit seinem Ausfall daran zu rütteln.

Nehmen wir den Kalender erst einmal so, wie er ist. Zwei Änderungen sind zu vermerken: Das chilenische 250er-Turnier wechselt von Viña del Mar nach Santiago. Vom anderen Ende der Welt aus betrachtet, ist diese Verschiebung um etwas mehr als 100 Kilometer relativ egal.

Die zweite Veränderung betrifft Warschau. Das liegt uns schon wesentlich näher. Und hier beginnen die Unwägbarkeiten. Warschau stand auch 2009 im Turnierkalender, wurde dann aber klammheimlich wieder gestrichen. 2010 soll die Veranstaltung vom 5. bis zum 11. April ausgetragen werden. Ich war noch nie Anfang April in Mittelpolen, aber wenn ich zu dieser Jahreszeut dort hinfahren würde, täte ich sicherheitshalber eine mitteldicke Jacke einpacken. Die Alternativ-Veranstaltungen in derselben Woche finden in Houston (Texas) und Casablanca (Marokko) statt. Der Termin wirkt mäßig bis gar nicht durchdacht. Wahrscheinlich ist der Termin ohnehin nicht der endgültige. Vielleicht fällt Warschau ja auch noch einmal aus. Einen Internet-Auftritt des Turniers habe ich beim flüchtigen Googeln jedenfalls noch nicht finden können. Dabei hätten die Polen derzeit allen Grund, ihr Interesse am Tennissport zu forcieren: Mit Marcin Matkowski, Mariusz Fyrstenberg und Lukasz Kubot haben sie derzeit drei Weltklassespieler im Doppel, und Kubot ist außerdem kürzlich in die Top 100 im Einzel vorgedrungen. Fachleute mögen mich korrigieren, aber ich glaube, das hat seit Wojtek Fibak zwischen 1975 und 1985 kein Pole mehr geschafft.

Vor zwei Jahren wurde das Warschauer Sandplatz-Turnier Anfang Juni gespielt, was klimatisch sinnvoll war, aber nicht recht in den Kalender passte, weil eigentlich schon die Rasensaison begonnen hatte. Bis 2007 spielte man nicht in der Hauptstadt, sondern in Sopot bei Danzig, und zwar Ende Juli. Das war ein ordentlicher Termin zusammen mit einer Reihe weiterer kleiner Sand-Veranstaltungen in Mitteleuropa. 27. Juli bis 3. August war der für 2009 ursprünglich vorgesehene Warschau-Termin. Das passte aber auch schon nicht richtig, denn in jener Woche waren parallel drei weitere Turniere im Kalender.

Für Warschau 2010 zeichnet sich aber eine elegante Lösung ab: Die Woche unmittelbar vor den French Open. Der Kalender, der auf der ATP-Webseite abrufbar ist, verzeichnet für den 17. bis 23. Mai noch die „Interwetten Austrian Open Kitzbühel“. Das ist überholt. Die Stadt Kitzbühel will das sieche Turnier, das schon 2008 und 2009 so gut wie vor dem Aus stand, nicht subventionieren. Einige Leute scheinen diese Entscheidung skandalös zu finden, in Wahrheit wäre es aber nicht minder skandalös, dem millionenschweren Tennisgeschäft noch Steuergelder hinterherzuschmeißen. Österreichs Tennis-Zampano Ronald Leitgeb bleibt Inhaber der Kitzbühel-Lizenz, vermietet die aber nach Nizza. (Das mit den Lizenzen für bestimmte Turniere, die Firmen, Leuten oder Verbänden gehören, die letztlich aber doch wieder vom Gutdünken der ATP abhängig sind, ist äußerst undurchsichtig und soll hier nicht weiter vertieft werden.)

In Nizza gab es bis vor einigen Jahren schon einmal ein Turnier. Die älteren unter uns erinnern sich daran, dass Marc-Kevin Göllner dort 1993 das Finale gegen Ivan Lendl gewann. Nizza fand traditionell Anfang April statt, unmittelbar vor dem großen Turnier im 20 Kilometer entfernten Monte Carlo. Kurze Wege also für die Spieler. Ein Termintausch zwischen Warschau und Nizza ist also dermaßen naheliegend, dass ich mir kaum vorstellen mag, dass man bei der ATP nicht auf diese Idee kommen wird.

Noch nicht im offiziellen Kalender vermerkt ist der Wechsel des Turniers von Indianapolis nach Atlanta (parallel zum Hamburger Rothenbaum im Juli / danke an Loreley für den Hinweis).

Weitere Wackelkandidaten im Turnierkalender sehe ich im Moment nicht, außer natürlich Dubai, das ein Großteil seiner Milliardenschulden damit angehäuft haben dürfte, den Agassis, Federers und Nadals dieser Welt so horrende Gagen zu zahlen, dass sie im Februar zwischen ihren Auftritten in Holland und Kalifornien immer brav für ein paar Tage an den Golf jetteten.

Im Herbst sind traditionell die kleinen Turniere in Asien für eine Überraschung gut. Da spielte man mal eine Weile in Vietnam, das Turnier verschwand plötzlich und tauchte in Bombay wieder auf, von dort machte es sich auf den Weg in die indische IT-Metropole Bangalore, wo es aber (angeblich aus Sicherheitsgründen) nie ankam. In diesem Jahr wurde das Turnier in Malaysia gesichtet, und dort soll es auch 2010 bleiben. Mal gucken.

Hier der derzeit offizielle Turnierkalender für 2010

Sonntag, 22. November 2009

Saisonfazit durch die nationale Brille

Die Adventszeit naht, und das bedeutet: Die Tennis-Saison ist fast vorbei. Nur das neuerdings WTF geheißene Masters-Finale, das heute begonnen hat, steht noch aus, und das Davis-Cup-Finale. Weil beide Veranstaltungen ohne deutsche Beteiligung über die Bühne gehen, können wir für unsere Landsleute schon mal ein Jahresfazit ziehen und spekulieren, was im nächsten Jahr von ihnen zu erwarten ist.

Die schlechten Nachrichten haben wir damit schon abgehandelt: Kein Davis-Cup-Titel und auch keinen Masters-Sieger. Und wie immer in den vergangenen 18 Jahren gab es keinen deutschen Wimbledonsieger.

Trotzdem war nicht alles schlecht. Neun Deutsche stehen unter den ersten 100 der Weltrangliste. So viel schaffen weder die Amis noch die Sowjets. USA und Russland haben jeweuls nur sieben Spieler unter den ersten 100. Okay, die Argentinier haben neun wie wir, die Spanier elf und die Franzosen sogar zwölf. Aber immerhin, in dieser Wertung liegen wir auf Platz drei und schneiden somit besser ab als in jeder Pisastudie.

Und das hier sind unsere neun Helden:

Nr. 17 (Vorjahr 82) Tommy Haas (31 Jahre)
Vor gut einem Jahr erschien an dieser Stelle ein Artikel mit dem Titel „Das langsame Karriereende von Tommy Haas“. Fehldiagnose. Wenn ihn im Herbst nicht die Schweinegrippe aufgehalten hätte, Tommy Haas wäre vielleicht noch den einen oder anderen Platz weiter nach oben geklettert. Er hat seit langer Zeit mal wieder ein Jahr ohne ernsthafte Verletzungen durchgespielt.
Im Sommer gehörte er für ein paar Wochen sogar zu den allerbesten Spielern auf der Tour, hätte in Roland Garros beinahe Roger Federer geschlagen und zog in Wimbledon ins Halbfinale ein. Zwischendurch in Halle gewann er das erste Rasenturnier seiner inzwischen nicht so ganz kurzen Karriere. Wenn seine Schulter weiter hält, wird Tommy Haas auch 2010 weiter ein Wörtchen mitreden auf der Tour.

Nr. 27 (Vorjahr 28) Philipp Kohlschreiber (26 Jahre)
Er scheint seinen Zenit erreicht zu haben, was in seinem Alter ja auch normal ist. Philipp Kohlschreiber spielt seit zwei Jahren auf einem stabilen Niveau, und das auf Sand, Hartplatz und Rasen gleichermaßen. 2007 und 2008 gewann er jeweils ein Turnier, das gelang in diesem Jahr nicht, was aber kein Drama ist. Ende 2010 wird er, wenn nichts dazwischenkommt, wieder irgendwo zwischen Platz 25 und 30 landen. Realistische Ziele für ihn wären mal ein Grand-Slam-Viertelfinale oder mal ein Platz unter den ersten 20 der Welt, und sei es bloß für eine Woche.

Nr. 39 (Vorjahr 109) Andreas Beck (23 Jahre)
Der Gewinner des Jahres. Dass er sich in diesem Jahr unter den ersten 100 festsetzen würde, das war zu erwarten. Aber er hat seine Norm klar übererfüllt. Endspiel beim 250er-Turnier in Gstaad, Viertelfinale beim Halbmasters von Monte Carlo, Davis-Cup-Fünfsatzkrimi gegen Fernando Verdasco. In den letzten Wochen hat ihn die Kraft etwas verlassen, aber bis dahin brachte er seine Leistung erstaunlich stabil. Jetzt freilich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Seit diesem Herbst gehört er zum Stammpersonal der Masters-1000-Turniere und muss dort seine Punkte holen. Mag sein, dass es ihm nicht sofort gelingen wird, sich auf diesem Niveau zu etablieren. Außer bei seinem Viertelfinale in Monte Carlo hat in diesem Jahr kein einziges Match gegen einen Spieler gewonnen, der besser platziert war als auf seinem eigenen derzeitigen Ranglistenplatz.

Nr. 40 (Vorjahr 129) Benjamin Becker (28 Jahre)
Noch so ein Gewinner des Jahres. Und anders als Andreas Beck musste man Benjamin Becker nicht wirklich auf der Rechnung haben. Er hatte sich selber nicht wirklich auf der Rechnung. Im Januar, während andere noch in Melbourne bei den Australian Open waren, trat er beim Challenger in Heilbronn an. Noch vor dem Enspiel (das er gewann) klang er ziemlich pessimistisch. Mit dem damals frisch eingeführten neuen Ranglistensystem, meinte er, sei es so gut wie aussichtslos, wieder unter die ersten 100 und damit in die großen Turniere zu kommen. Aber dann holte er reihenweise Challenger-Titel und im Juni in Den Bosch (Niederlande) sogar seinen ersten Titel auf der ATP-Tour. Der Schlüssel zum Erfolg scheint zu sein, dass er endlich die chronische Entzündung im Oberarm auskuriert hat: Sein Aufschlag hat wieder so viel Schmackes wie im Erfolgsjahr 2006 (als er bei den US Open Andre Agassi in den Ruhestand verabschiedete oder – wie Andy Roddick sagte – „der Typ war, der Bambi abknallte“). Dass das nächste Jahr wieder so gut läuft wie dieses, glaube ich im Moment aber nicht. Im Herbst waren seine Ergebnisse ziemlich enttäuschend. Immerhin scheint sein Arm aber nach wie vor zu halten, es besteht also Grund zur Hoffnung.

Nr. 59 (Vorjahr 126) Simon Greul (28 Jahre)
Zugegeben: Ich bin ein bisschen ratlos. Der Greul hat sich durchgemogelt. ich habe ihn in diesem Jahr, wenn ich mich richtig erinnere, kein einziges Mal spielen sehen, nicht mal in Hamburg, und ausgerechnet dort feierte er seinen größten Erfolg. Ein Viertelfinale bei einem 500er-Turnier ist richtig was wert für die Rangliste, wie man am Beispiel Greul sieht. Er ist, so viel erinnere ich von früher, ein recht unauffälliger Spieler (also, auch dann, wenn man seine Matches nicht verpasst). Mit Unauffälligkeit, das zeigt das Beispiel Greul, kann man im neuen Weltranglistensystem durchaus was reißen. Ganz viele Achtelfinals hat er auf dem Konto, so etwas nützte bis 2008 nicht viel, da ging es erst im Viertelfinale richtig los mit den Punkten. Keine Ahnung, was im nächsten Jahr aus Simon Greul wird, aber vermutlich wird er sich wieder irgendwie unauffällig durchmogeln.

Nr. 62 (Vorjahr 409) Florian Mayer (26 Jahre)
Rückkehr geglückt, und zwar mit Bravour. Anfang 2008 hatte Florian Mayer – Wimbledon-Viertelfinalist 2004 - die Schnauze voll vom Profitennis. Nach einer Niederlagenserie nutzte er eine Finger-Operation, um einfach mal ein halbes Jahr abzuschalten. Das Scheinwerferlicht meidet er noch immer ganz gern. In diesem Jahr hat er fast nur Challenger-Turniere gespielt und haufenweise Turniersiege und Endspielteilnahmen angesammelt. Es ist schon erstaunlich, dass man auf diese Weise bis auf Platz 62 klettern kann. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen er auf der großen ATP-Tour auftauchte, bewies er aber, dass er keineswegs zu hoch platziert ist. Bei den Australian Open, in Hamburg und in Schanghai erreichte er jeweils die zweite Runde. In Schanghai hatte er sogar Matchbälle gegen Tommy Robredo (Nr. 15/Spanien). Florian Mayer wird 2010 vermutlich genau so weitermachen wie 2009 – mit dem Unterschied, dass er alle Grand-Slam-Tunriere und mindestens die Masters von Indian Wells und Miami wird spielen dürfen/müssen.

Nr. 80 (Vorjahr 80) Mischa Zverev (22 Jahre)
Nach hinten raus ließ es etwas nach, bzw. es ließ etwas sehr nach. Jetzt steht Mischa Zverev wieder genau da, wo er vor einem Jahr auch war. Zwischendurch war er mal die Nummer 45, schlug er Leute wie Tomas Berdych und Gilles Simon, erreichte das Viertelfinale vom Masters in Rom. Seit Juli gewann er nur noch ein einziges Match. Gleichzeitig wurde sein Blog beim Hamburger Abendblatt immer langweiliger. Als er im Oktober in Schanghai immerhin einen Satz gegen Fernando Gonzalez gewann, brach er sich die Hand. Aber er wird mit neuer Kraft zurückkommen, da bin ich recht zuversichtlich. Ist ja noch jung, der Junge. Wenn er erstmal so viel Stehvermögen hat, dass er so viele Matches gewinnt wie jetzt schon ersten Sätze, dann hält ihn kaum noch einer auf und ich kann mein altes Loblied wieder anstimmen.

Nr. 81 (Vorjahr 66) Philipp Petzschner (25 Jahre)
Eigentlich war es das erfolgreichste Jahr seiner Laufbahn, jedenfalls wenn man seinen Turniersieg in Wien 2008 weglässt. Durch die dubiose Methode, mit der die ATP die nach dem alten Ranglistensystem erworbenen Punkte auf das neue System umrechnete, wurde dieser Turniersieg im Laufe des Jahres 2009 immer wertvoller, so dass Philipp Petzscher, ohne dafür viel tun zu müssen, bis auf Platz 35 gespült wurde, ehe im Oktober die Punkte aus Wien von seinem Konto verschwanden. Da übersah man fast, dass er nicht so gut durchs Jahr kam, wie man das hatte hoffen dürfen. Verletzungen waren schuld daran, aber auch der Umstand, dass er nach wie vor nicht immer ganz konzentriert bei der Sache ist. Anders als Florian Mayer scheinen Petzschner die großen Turniere besonders zu behagen. Bei den Grand Slams war er gar nicht schlecht (dritte Runde Wimbledon, zweie Runden French und US Open).

Nr. 86 (Vorjahr 33) Rainer Schüttler (33 Jahre)
Es ist nicht zu fassen, er ist immer noch dabei, unser Shaker. Ein Wimbledon-Halbfinale wie 2008 hat er diesmal zwar nicht aus dem Hut gezaubert, aber er schafft es immer noch, wochenlang unterirdische Matches abzuliefern und gern auch mal 0:6 und 0:6 zu verlieren und dann plötzlich irgendwo ein Halbfinale rauszuhauen. Die Argumente dafür, dass es mit seiner Karriere jetzt aber wirklich mal zu Ende geht, sind so stichhaltig wie seit fast fünf Jahren, aber vermutlich wird er einfach wieder weitermachen wie gehabt, mindestens so lange, bis man ihn zum ATP-Alterspräsidenten ausruft.

Von den Spielern außerhalb der Top 100 wären zu erwähnen: Daniel Brands (Nr. 103, Tendenz steigend) und vor allem Nicolas Kiefer (Nr. 114). Letzterer wäre wohl problemlos unter den ersten 100, wenn nicht 50, wäre er nicht unentwegt verletzt. Aber vielleicht ändert sich das ja 2010. Tommy Haas ist ja schließlich auch wieder voll im Geschäft

Sagte ich eingangs, es gab keinen deutschen Wimbledonsieger? Das ist natürlich Quatsch. Kevin Krawietz hat gewonnen, und zwar im Junioren-Doppel. Nun wird zwar nicht aus jedem jugendlichen Wimbledonsieger im späteren Leben ein Superstar, aber eine Erwähnung ist dieser Titel allemal wert.

Sonntag, 15. November 2009

World Tour Finals in London: Alle außer Verdasco

Jetzt ist sie fast wie vorbei, die ATP-Saison 2009. Heute hat Novak Djokovic das letzte Masters des Jahres gewonnen (6:2, 5:7, 7:6 im Endspiel von Paris-Bercy gegen Gael Monfils), und die acht Heroen stehen fest, die das „WTF“ bestreiten, wie das Masters-Finale seit diesem Jahr heißt und was weder "who the fuck" noch "why the fuck" sondern "World Tour Finals" bedeuten soll. Zeit für uns, die Acht mal genauer anzuschauen und zu überlegen, wer das Turnier denn wohl gewinnen wird. Das Rennen scheint mir so offen zu sein wie lange nicht mehr. Der einzige, den ich mir nicht als Sieger vorstellen kann, ist Fernando Verdasco, und selbst bei dieser Prognose bin ich mir unsicher.

Gespielt wird vom 22. bis zum 29. November im inzwischen nach einem Mobilfunkunternehmen benannten ehemaligen Millenium Dome von London – zunächst Gruppenspiele in zwei Viergruppen, dann Halbfinale und Finale. Aber nun der Reihe nach zu den Teilnehmern.

Roger Federer (Schweiz)
In Paris in dieser Woche hat er sein Auftaktspiel gegen Julien Benneteau verloren. Diese Niederlage sollte man nicht zu ernst nehmen. Benneteau (Nr. 49) ist spielerisch solide Hausmannskost und hat von den rund 140 ATP-Turnieren, die er bisher gespielt hat, noch keines gewonnen. Federer kann gar nicht so schlecht in Form sein, dass er, wenn er ernsthaft zu gewinnen versucht, es gegegn Benneteau nicht schafft. Federer hatte – wie jedes Jahr - schlicht keine Lust auf Paris-Bercy. Wenn er so spielt wie in der vorigen Woche in Basel, wo er ins Finale kam, dann ist er auch in London wieder der Favorit, und zwar genau deshalb, weil er sich im Gegensatz zu einigenseiner schärfsten Mitbewerbern in dieser Woche geschont hat. In den vergangenen Jahren ist er schon häufiger auf den Zahnfleisch zum Masters-Finale gegangen – und hat gewonnen. Er ist zwar nicht mehr so überlegen wie vor zwei, drei Jahren, aber dafür erreicht er das Saisonfinale diesmal ohne ernsthafte Verletzungsprobleme. Siegwahrscheinlichkeit: 25 Prozent.

Rafael Nadal (Spanien)
Seit seiner Verletzung im Sommer, die ihn den Platz 1 in der Rangliste kostete, hat Nadal noch kein Turnier gewonnen. Außerdem hat er überhaupt erst einmal ein Hallenturnier gewonnen, und das ist schon vier Jahre her. Bei seinen beiden bisherigen Teilnahmen am Masters-Finale scheiterte er jeweils im Halbfinale. In den letzten Monaten hat er sich zwar be allen Turnieren souverän durch die ersten Runden gespielt, aber sobald er auf einen Spitzenspieler traf, war Schluss. Er hat seit über einem halben Jahr keinen der anderen sieben WTF-Teilnehmer bezwingen können. Trotzdem: Diese Serie wird irgendwann zu Ende gehen. Siegwahrscheinlichkeit: 10 Prozent.

Novak Djokovic (Serbien)
Der Titelverteidiger ist in bestechender Form. Innerhalb von acht Tagen hat er Titel von Basel und von Paris-Bercy eingefahren. Damit hat er gleichzeitig wieder einmal bewiesen, dass er in der Halle prima zurechtkommt. Das ist aber auch sein Nachteil: Keiner hat in den vergangen Wochen so viele Matches bestritten wie Novak Djokovic, keiner wird in London so müde sein wie er. Deshalb sehe ich seine Siegwahrscheinlichkeit nicht höher als die von Roger Federer: 25 Prozent.

Andy Murray (Großbritannien)
Also diese Woche, das war ja nicht so doll. Da flog Andy Murray im Achtelfinale raus. Aber vermutlich gilt für ihn Ähnliches wie für Roger Federer: Paris-Bercy interessiert ihn nicht. Ganz Großbritannien erwartet von ihm eine Heldentat in London. Jetzt kann man viel erzählen von wegen zu hohem Erwartungsdruck und so, letztlich bleibt der Heimvorteil in erster Linie dieses: ein Vorteil. Murray hat in diesem Jahr alle anderen WTF-Teilnehmer mindestens einmal besiegt. Er ist im Rennen um den Titel fraglos mit dabei: Siegwahrscheinlichkeit: 15 Prozent

Juan Martin del Potro (Argentinien)
Die große Frage lautet: Ist er fit? Seit seinem Sieg bei den US Open hat Juan Martin del Potro nur zwei nur zwei Matches gewonnen, eins davon durch Aufgabe seines Gegners, aber immerhin waren diese beiden Matches in dieser Woche in Paris. In Tokio schied er in der ersten Runde gegen einen gewissen Edouard Roger-Vasselin von Platz 189 aus. Im Viertelfinale von Paris gab del Potro gegen Radek Stepanek beim Stand von 0:4 im ersten Satz auf – wegen Schmerzen im Bauchmuskel. Er sagte aber anschließend, dass ihn dieses Problem in London nicht mehr behindern wird. Wenn das stimmt (was man freilich nicht weiß), könnte er durchaus zu seiner Form von den US Open zurückkehren, das ist ja schließlich gar nicht lange her. Ich hab vorhin mal einen Blick auf die Wettquoten geworfen, nach denen ist del Potro mit 1:16,5 der krasseste Außenseiter von allen. Das sehe ich nicht so. Siegwahrscheinlichkeit: 10 Prozent.

Andy Roddick (USA)
Mir scheint, der WTC interessiert ihn nicht wirklich. Wäre das anders, er könnte ihn glatt gewinnen. Schließlich hat er in diesem Jahr in London schon einmal beinahe ein epochales Finale gewonnen (Falls irgendjemand sich nicht erinnert: 14:16 im fünften Satz des Wimbledon-Endspiels). Danach wurde ihm die Saison irgendwann zu lang. Nachdem er vor vier Wochen sein Auftaktmatch in Schanghai aufgegeben hatte, war von ihm nicht mehr viel zu hören. Zum WTF will er nun aber wohl doch kommen, nach allem was man hört. Vielleicht gefällt es ihm ja dort, deshalb Siegwahrscheinlichkeit immerhin 5 Prozent.
Edit am Dienstag: Jetzt hat Roddick doch noch abgesagt, und Robin Söderling (Schweden) ist nachgerückt, für den ähnliche Dinge gelten wie unten für Fernando Verdasco beschrieben werden.

Nikolai Dawidenko (Russland)
Ihn darf man niemals vergessen. Vor einem Jahr, als das Saisonfinale noch in China ausgespielt wurde, hatte ihn auch keiner auf der Rechnung, und dann stand er plötzlich im Endspiel. Das kann glatt noch einmal passieren. Das Masters in Schanghai neulich hat er schließlich auch gewonnen, dort bezwang er erst Novak Djokovic und dann Rafael Nadal. Siegwahrscheinlichkeit 10 Prozent.

Fernando Verdasco (Spanien)

Er war der letzte, der sich für das WTF qualifizierte, und er ist auch der letzte, den ich auf der Rechnung habe, wenn es um den Sieg geht. Seine beste Zeit in diesem Jahr hatte er im Januar, als er das Halbfinale der Australian Open erreichte. Seither spielt er solide vor sich hin und ist auch absolut verdient in der illustren Runde der besten Acht vertreten, aber dass er das Turnier gewinnt, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Deshalb bin ich kompromisslos und sage: Siegwahrscheinlichkeit 0 Prozent. … aber was ich mir schon alles nicht vorstellen konnte und was dann doch eintrat...

Hier die Webseite des WTF

Sonntag, 8. November 2009

Paris-Bercy: Das letzte Turnier für Marat Safin und Fabrice Santoro

Zwei Legenden treten ab. Marat Safin (Russland) und Fabrice Santoro (Frankreich) bestreiten in dieser Woche beim Masters in Paris-Bercy ihr letztes Profiturnier. Safin ist derjenige, der in seiner Karriere mehr Ruhm geerntet hat. Sein Name ist auch Gelegenheitsfans ein Begriff. Er war die Nummer 1 der Weltrangliste, er gewann die US Open und die Australian Open. Safin gewann mehr Preisgeld (14,3 Millionen zu 9,9 Millionen) und mehr Turniere (15 zu 6). Aber von den neun Begegnungen, die er und Fabrice Santoro in den vergangenen zehn Jahren gegeneinander bestritten, gewann Santoro sieben. In der aktuellen Weltrangliste steht Santoro (Platz 53) vor Safin (Platz 65). In Paris-Bercy brauchte Safin eine Wild Card, Santoro war direkt fürs Hauptfeld qualifiziert.

Marat Safin 2008 in Hamburg

In vielen Statistiken liegt Santoro nicht nur Lichtjahre vor Safin, sondern auch vor allen anderen Spielern in der Geschichte des Profitennis. Er bestritt 913 Matches auf der Tour. Davon gewann er 470 und verlor 442 – Rekord. Er trat zu 69 Grand-Slam-Turnieren an, die Nummer 2 in dieser Statistik, Andre Agassi, brachte es nur auf 61.

Fabrice Santoro liegt nicht nur im direkten Vergleich mit Marat Safin vorn, sondern auch im Vergleich mit Jimmy Connors, Mats Wilander und Henri Leconte (jeweils 1:0). Gegen Yannick Noah und Boris Becker gewann er jeweils einmal und verlor einmal. Michael Stich war Santoros Angstgegner: Die Bilanz lautet genau wie die gegen Safin, nur umgekehrt: 2:7. Seinen Spitznamen „Magicien“ soll Santoro von Pete Sampras (direkter Vergleich: 3:4) bekommen haben. Er spielt Vorhand, Rückhand und gern auch die Volleys beidhändig, was eigentlich eine Eigenart von Hauruck-Spielern ist. Santoro aber ist immer ein brillanter Techniker gewesen, anders hätte er auch kaum zwei Jahrzehnte im Profisport durchhalten können. Dass er zudem auch mit 36 Jahren noch Ausdauer hatte, musste Philipp Kohlschreiber Anfang dieses Jahres erfahren.

Fabrice Santoro wird in einem Monat 37 Jahre. In dem Alter haben auch andere vor ihm noch Profitennis gespielt. Aber keiner war ein solcher Dauerläufer. Seit Santoro 1988 in Cherbourg seine ersten Weltranglistenpunkte holte, war er so gut wie nie verletzt. 1990 schaffte er es erstmals unter die Top 100, und da steht er heute noch. Während kurzer Schwächephasen, als er 23, 24 Jahre alt war, fiel er mal etwas zurück, aber das ist ja wohl längst verjährt.

Im Doppel gewann er zwei Mal die Australian Open (mit Michael Llodra), aber im Einzel ist er nie ganz nach oben gekommen. Erst bei seinem 54. Grand-Slam-Turnier, 2006 in Melbourne, schaffte es Santoro ins Viertelfinale. Die sechs Turniere, die er gewann, waren allesamt eher unbedeutende. Ein Kunststück gelang ihm dabei immerhin: Als die ATP im Jahr 2000 die bald wieder begrabene Idee gebar, statt der Weltrangliste das „Champions Race“ in den Vordergrund zu stellen, in dem die Punktwertung zu Beginn des Jahres für alle Spieler bei 0 beginnt, gewann Santoro das erste Turnier Anfang Januar in Doha (im Finale gegen Rainer Schüttler) und wurde zum ersten Ranglistenersten dieser neuen Wertung.

Im Einzel ist Santoros Karriere seit heute Nachmittag vorbei. Er verlor sein Erstrundenmatch in Paris mit 4:6 und 3:6 gegen James Blake. Marat Safin spielt erst morgen. Sein Gegner ist der Qualifikant Thierry Ascione, da hat Safin gute Chancen zu gewinnen. Auch für Santoro ist sein bisheriger Beruf noch nicht ganz vorbei: Er spielt noch mit Sebastien Grosjean im Doppel, und zwar frühestens am Dienstag. Gerüchte, er könnte vielleicht doch noch mal bei den Australian Open 2010 antreten, hat der Magier mittlerweile dementiert. Er wäre dann der erste Spieler geworden, der in vier verschiedenen Jahrzehnten bei Grand-Slam-Turnieren gespielt hätte: von en 1980ern bis in die 2010er.

Bei all dem Santoro-Gejubel sei freilich angemerkt: Marat Safin ist der großartigere Tennisspieler von den beiden gewesen. Wenn ich eine Liste von den beeindruckendsten Matches machen sollte, die ich je gesehen habe, wäre Santoro nicht auf dieser Liste, Safin zwei Mal. Da wäre zum einen das Australian-Open-Halbfinale von 2005, in dem er im vierten Satz gegen Roger Federer einen Matchball mit einem Lob abwehrte und dann den fünften Satz mit 9:7 gewann. Safin gewann anschließend auch noch das Finale gegen Lleyton Hewitt. Danach gewann er kein einziges Turnier mehr, aber einzelne großartige Partien vollbrachte er noch immer: Ich erinnere mich an sein Erstrundenmatch ein paar Monate später am Hamburger Rothenbaum gegen den Spanier Alberto Martin, der seinerzeit ziemlich gut in Form war. Es war das letzte Spiel des Tages, es war kalt und windig, und die meisten Zuschauer waren schon gegangen. Safin gewann 6:1 und 6:0. Fast jeder einzelne Ball, den er schlug, war für Martin unerreichbar, und ich war mir sicher, auch Roger Federer hätte an diesem Abend nur unwesentlich knapper verloren.

Sein Zweitrundenmatch am übernächsten Tag aber verlor Safin. Er hat seine Genialität nie konstant ausspielen können. Wäre er so diszipliniert und ehrgeizig wie Roger Federer, hätte er ihn wahrscheinlich häufiger als nur 2005 in Melbourne (und 2002 in Moskau) bezwungen. (Zu dieser Seite von Safin verlinken wir mal zu Loreleys Artikel von vorhin.) Statt der Federer-Ära hätte es eine Federer-Safin-Ära geben können, und sie wäre 2009 nicht zu Ende gegangen. Marat Safin mit 29 Jahren eigentlich noch zu jung für die Rente. Aber er sagt: Wenn man mal die Nummer 1 war und dann zwischen Platz 30 und 60 rumgurkt, ist es schwer sich zu motivieren. Das mit der Nummer 1 ist neun Jahre her. So gesehen, hat Safin bemerkenswert lange durchgehalten.

Hier das ATP-Profil von Fabrice Santoro und
hier das von Marat Safin

Und hier die Ergebnisse aus Paris-Bercy (PDF)

Sonntag, 1. November 2009

Live aus der Wiener Stadthalle

Sie sind selten geworden, aber es gibt sie auch 2009 noch, die „Horsti“-Rufe aus dem Dunkel der oberen Sitzreihen, für die das ATP-Turnier der Wiener Stadthalle seit vielen Jahren berühmt ist. Vor 21 Jahren gewann Horst Skoff hier das Endspiel gegen seinen Erzrivalen Thomas Muster.

Nie wieder gelang es seither einem Österreicher, vor heimischer Kulisse diesen Titel zu holen. Bis heute Nachmittag. Jürgen Melzer schlug den an Eins gesetzten Kroaten Marin Cilic mit 6:4 und 6:3.

Ob sich zu den Horsti-Rufen künftig auch Jürgen-Rufe gesellen werden? Ich kann mir das nicht recht vorstellen, erstens weil „Jürgen“ so banal klingt, zweitens, weil Horst Skoff zu einer neuen Kategorie von Legende geworden ist, seit er vor anderthalb Jahren in Hamburg (150 Meter von meiner damaligen Wohnung entfernt) aufgefunden wurde.

Jürgen Melzers Endspiel habe nicht miterlebt, aber immerhin sein Erstrundenmatch am Dienstag gegen Marco Chiudinelli (Schweiz, 28 Jahre, Nummer 71). Es war tatsächlich das beste Spiel, das ich in meinen drei Tagen in Wien gesehen habe. Melzer und Chiudinelli waren zwar gewiss nicht die beiden besten Spieler der ersten Runde, aber die einzigen, die sich ein packendes Duell auf Augenhöhe lieferten. Dabei half es durchaus, dass sie ihre klaren Chancen nicht immer kraftvoll verwandelten, sondern ihre Überkopf-Flugbälle regelmäßig so trafen, dass der Gegner sie noch aus der Ecke fischen konnte. 7:6 und 7:6 – das Ergebnis lässt schon erahnen, welch spannendes Spektakel dieses Match war. Insbesondere der Tie-Break im zweiten Satz (12:10) war der Hammer. Chiudinelli, den ich bisher ehrlich gesagt unterschätzt habe und dessen Achtelfinale bei den US Open ich für einen Glückstreffer hielt, war absolut ebenbürtig. („Variantenreich und ballsicher“ hab ich auf meinem Notizzettel stehen.) Das gilt natürlich auch für Melzer, dessen Fußverletzung nicht so dramatisch gewesen zu sein scheint, wie die österreichischen Medien es vor dem Turnier beschworen. Eigenartig fand ich die Reaktion des Publikums, nachdem Melzer den vierten Matchball verwandelt hatte: 15 Sekunden Klatschen, dann standen die Leute auf und drängten an die überteuerten Würschtelstände (3,40 Euro für eine Cola). Erst als Melzer zum Interview gebeten wurden, brandeten doch noch Jubelstürme auf.

Weil dieses Match so spannend war, hätte ich beinahe das parallele Spiel in Halle B verpasst, das ich unbedingt sehen wollte: Andreas Seppi (Italien, Nr. 52) gegen Jan Hajek (Tschechien, Nr. 113). Nicht wegen Seppi. Der macht auf mich zwar einen grundsympatischen Eindruck, sein destruktives Tennis ist als Zuschauer aber kaum auszuhalten. Aber auf Jan Hajek war ich gespannt. Der Kerl spielte sich vor drei Jahren innerhalb kürzester Zeit mit einer atemberaubenden Siegesserie auf Challenger-Turnieren von Platz 350 auf Platz 70. Von da an durfte er bei den großen ATP-Turnieren mitmachen und traf fortan keinen Ball mehr. Dann war er wohl auch noch mal verletzt, jedenfalls war er bald wieder zurück auf Platz 350, wo er drei Jahre lang blieb – bis er in diesem Jahr wieder eine atemberaubende Siegesserie auf Challenger-Turnieren hinlegte. Nun ist er wieder nah an Platz 100 angekommen, was in Wien für einen Platz im Hauptfeld reichte. Sein erstes ATP-Turnier in diesem Jahr. Hajek gewann gegen Seppi. Vermutlich lag das an der Challenger-Atmosphäre in Halle B. Dass man auf den Nebenplätzen der ATP-Turniere viel dichter an den Spielern dran ist als auf dem Center Court, ist ja normal. Aber in der Wiener Halle B ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt, insbesondere wenn man den Charme der Stehplätze am Kopfende des Platzes entdeckt. Ich stand auf einer Empore einen Meter über den Linienrichter hinter der linken Grundlinie und war Seppi und Hajek sehr dankbar, dass sie sich meistens nur Vorhand-Duelle lieferten, denn immer wenn einer zur Rückhand ausholte, machte ich mir sorgen, bei der Ausholbewegung könnte mich das Racket im Gesicht treffen. Von Seppis Selbstgesprächen hörte ich jedes Wort (leider verstehe ich nicht viel Italenienisch), und ich sah all den dunkelroten Sand an Hajeks Socken, die er offenbar seit seinen Challenger-Erfolgen im Sommer nicht gewechselt hat.

Und jetzt ein paar kurze Eindrücke von fünf weiteren Erstrundenmatches:

Daniel Brands (Deutschland, Nr. 125) –
Robert Kendrick (USA, Nr. 80) 7:6, 7:5

Ich glaube, ein Spiel wie dieses habe ich zuletzt irgendwann Anfang der 90er in einer Fernsehübertragung aus Wimbledon gesehen. Nur Aufschläge und ab und zu mal ein Return, der aber in der Regel nicht den Weg ins Feld fand. Daniel Brands (22) schlägt gut auf, aber das ist ja keine Neuigkeit. Ob er sonst noch was kann, ist nach diesem Spiel schwer zu sagen. Kendricks Aufschläge returnieren kann er jedenfalls nicht. Zu Brands' Glück kann Kendrick Brands' Aufschäge aber auch nicht returnieren. Im Vergleich zu Brands und Kendrick entpuppte sich tags darauf der berüchtigte 2,06-Meter-Spieler John Isner als reinstes Grundlinienmonster.

Feliciano Lopez (Spanien, Nr. 45) –
Andreas Haider-Maurer (Österreich, Nr. 184) 6:4, 6:4
Den Haider-Maurer braucht man sich nicht zu merken, scheint mir. Ich hatte relativ hohe Erwartungen, weil der Junge seit Jahren regelmäßig Wild Cards für Turniere in Österreich bekommt, man ihn also offenbar für ein wichtiges Talent hält. Wieso, davon war nicht viel zu sehen. Haider-Maurer drosch unentwegt Topspins über den Platz, ansonsten war sein Spiel vollkommen einfallslos. Anscheinend beherrscht der 22-Jährige nur diesen einen Schlag. Das Ergebnis sieht zwar relativ knapp aus, aber das hat auch damit zu tun, dass Lopez es sich nichtz groß anstrengte.

Philipp Kohlschreiber (Deutschland, Nr. 24) –
Dieter Kindlmann (Deutschland, Nr.203) 6:1, 6:3

Dieter Kindlmann kann deutlich mehr als Andreas Haider-Maurer, aber er ist ein Nervenbündel. Spielerisch stellte Kindlmann (27) den großen Favoriten Kohlschreiber immer wieder vor Probleme, aber immer wenn es eng wurde, versemmelte er es. Bei nahezu jedem Breakball gegen sich machte Kindlmann einen Doppelfehler – auch beim Matchball.

Mariusz Fyrstenberg / Marcin Matkowski (Polen) –
Martin Fischer / Philipp Oswald (Österreich) 6:4, 7:6
Das österreichische Duo Fischer/Oswald hat heuer schon drei Challengers gewonnen, zuletzt neulich in Kolding (Dänemark). Auf der ATP-Tour scheinen sie mir durchaus konkurrenzfähig zu sein, für die ganz großen Erfolge wird es aber wohl nicht reichen. Bis zum 4:4 im ersten Satz hielten sie gegen das brachiale Weltklasse-Doppel aus Polen gut mit, was nicht zuletzt daran lag, dass Fyrstenberg nur mühsam ins Spiel fand und das Punktemachen anfangs weitgehend seinem Partner überließ. Im zweiten Satz versäumten es die Österreicher dann, mal einen ihrer vielen Breakbälle zu verwandeln. Am überraschendsten war für mich, wie klein Martin Fischer aussieht. Er misst laut seiner eigenen – übrigens sehr lesenswerten – Homepage 1,80 Meter. Neben den drei anderen Spielern, die alle um die 1,90 Meter sind, erinnerte er mich aber massiv an den kleinsten mir bekannten Doppelspezialisten Jeff Coetzee (Südafrika, 1,73 Meter).

Daniel Köllerer (Österreich, Nr.55) –
Jarkko Nieminen (Finnland, Nr. 116) 6:1, 6:2

Cräzy Däny, die österreichische Nummer 2 und mithin Jürgen Melzers Widerpart, haben wir ja neulich schon thematisiert. Beim morgen beginnenden Turnier in Basel treffen die Erzfeinde Köllerer und Melzer in der ersten Runde aufeinander. Schade, dass das nicht schon in Wien passierte, das wäre ein Gaudi geworden... Das Ergebnis gegen Nieminen sagt über Köllerer nichts aus. Nieminen, immerhin ein ehemaliger Top-20-Spieler und Anfang des Jahres noch auf Platz 38, war vollkommen indisponiert. Er war im Sommer knapp vier Monate verletzt und sagte anschließend, ihm fehle noch etwas Muskelkraft. Aber ihm fehlt offenbar auch die Koordination. Um mal einen landsmannschaftlich naheliegenden Vergleich zu ziehen: Er wirkt wie ein Skispringer, der das Gefühl für den Absprung verloren hat. Fast keiner seiner Bälle hatte die Länge, die er haben sollte. Köllerer gewann, ohne dass er irgendeinen Punkt aktiv herausspielen musste. Das letzte Mal, dass ich einen gestanden Profi so sehr neben sich habe stehen sehen, war vor anderthalb Jahren in der Qualifikation von Hamburg. Da verlor die Nummer 79 der Welt gegen einen 18-jährigen Wild-Card-Spieler von Platz 951. Die damalige Nummer 79 hat sich später wieder berappelt: Es handelte sich um Jürgen Melzer. Abschreiben sollte man Nieminen also nicht.

Hier die Ergebnisse aus Wien im Einzel und im Doppel

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