Sonntag, 27. Dezember 2009

13 Männer, die älter sind als Rainer Schüttler

Unter dem Stichwort „Tennis“ setzte der Sport-Informationsdienst (sid) über die Weihnachtsfeiertage genau eine Meldung ab: Rainer Schüttler jetzt ältester Spieler auf der ATP-Tour. Die Nachricht haben die Agenturleute clever im Köcher gelassen, um während der Saisonpause etwas zu haben, das sie auf den Markt werfen können: „Nach dem Rücktritt des Franzosen Fabrice Santoro geht der Korbacher Tennis-Profi Rainer Schüttler im Januar als der älteste Spieler der ATP-Tour in die Saison 2010.“

Schüttler (33 Jahre, Platz 85) ist in der Tat der älteste Spieler unter den ersten 100 der Weltrangliste, sofern man sich Fabrice Santoro (37 Jahre, Platz 68) wegdenkt. Damit ist er der älteste Profi, der Woche für Woche um den Erdball reist und im Einzelwettbewerb zu den großen ATP-Turnieren antritt. Der älteste Spieler auf der ATP-Tour ist er aber lange nicht. Da wären zum einen die Doppelspezialisten zu nennen, die traditionell ein paar Jahre länger durchhalten als die Spieler im Einzel, zum anderen gibt es ein paar Teilzeitprofis weit jenseits der Top 100, die hier und da eine Wild Card akzeptieren oder dann und wann eine Qualifikation für ein ATP-Hauptfeld überstehen werden.

Ich habe mal versucht zusammenzustellen, wer wirklich die ältesten Spieler sind, die im neuen Jahr auf ATP-Turnieren auftauchen dürften. Vielleicht habe ich den einen oder anderen übersehen. Rainer Schüttler wurde am 25. April 1976 geboren. Vor diesem Termin erblickten das Licht der Welt:

1. April 1975 - George Bastl
Schweiz, Nr. 525 im Einzel, Nr. 251 im Doppel
Wahrscheinlich werden wir den Schweizer aus Chicago, ehemals die Nr. 73, im Jahr 2010 nicht mehr auf der Tour sehen. Ich habe aber nirgends einen Hinweis darauf gefunden, dass er seine Karriere offiziell beendet hätte. 2009 hat er bis November fleißig Turniere bestritten, aber mit immer geringer werdendem Erfolg. Nachtrag: George Bastl macht tatsächlich weiter! An diesem Wochenende (2./3. Januar) tritt er zur Qualifikation für das ATP-Turnier in Chennai (Indien) an.

31. März 1975 - Alexander Waske
Deutschland, Nr. 275 im Doppel
Der langjährige Davis-Cup-Kämpfer will nach langer Verletzung ein Comeback versuchen. In Chennai (Indien) ab dem 4. Januar und danach bei den Australian Open tritt er im Doppel mit Rainer Schüttler und im Einzel in der Qualifikation an.

23. Februar 1975 - Bohdan Ulihrach
Tschechien, ohne Ranglistenplatz
Nicht auszuschließen, dass der alte Tscheche tatsächlich noch mal irgendwo auftaucht. In diesem Jahr hat er sein Glück auf drei Challengern in Polen, Tschechien und der Slowakei versucht, konnte aber nirgends punkten. Ulihrach war mal die Nummer 22. Schlagzeilen machte er zuletzt 2003, als er wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt wurde.

19. Juli 1974 - Vince Spadea
USA, Nr. 296 im Einzel
Offiziell scheint er seine Karriere nicht beendet zu haben. Trotzdem: Wahrscheinlich war 2009 sein letztes Jahr auf der Tour. Bis vor einem halben Jahr war er ein Top-100-Spieler, aber seither hat er fast jedes Match verloren. Auf der Meldeliste der Qualifikation für die Australian Open im Januar taucht sein Name nicht auf.

7. Juni 1974 Mahesh Bhupathi
Indien, Nr. 7 im Doppel
Einer der beiden indischen Doppel-Olympiasieger von 1996 auf dieser Liste. Vor ein, zwei Jahren schien er schon fast am Ende zu sein. 2009 ist er mit Mark Knowles (Bahamas) noch mal ziemlich weit nach oben gekommen. Für das neue Jahr (mit Max Mirnyi, Weißrussland) bin ich da etwas skeptisch.

11. Mai 1974 - Simon Aspelin
Schweden, Nr. 23 im Doppel
Von Simon Aspelin hört man im Moment fast nichts, man hört aber auch nichts von Rückzugsplänen. Mit seinem letzten Doppelpartner Paul Hanley (Australien) schien es nicht so richtig rund zu laufen.

29. April 1974 - Julian Knowle
Österreich, Nr. 21 im Doppel
Der österreichische Davis-Cup-Spieler wechselt in der neuen Saison wie so viele andere Doppelspezialisten auch den Partner. Sein neuer Kamerad Robert Lindstedt (Schweden) ist mit 32 Jahren fürs Doppel ein nachgerade junger Hüpfer.

11. Januar 1974 - Michael Kohlmann
Deutschland, Nr. 58 im Doppel
Ganz unauffällig hat sich Michael Kohlmann auf diese Liste geschlichen. Nächster Auftritt Anfang Januar im Doppel mit Alexander Peya (Österreich) in Chennai (Indien).

17. Juni 1973 - Leander Paes
Indien, Nr. 8 im Doppel
Noch ein indischer Doppel-Olympiasieger von 1996. Er scheint im neuen Jahr weiterzumachen mit seinem derzeitigen Partner Lukas Dlouhy (Tschechien).

4. September 1972 - Daniel Nestor
Kanada, Nr. 3 im Doppel
Einer der überragenden Doppelspieler des vergangenen Jahrzehnts. Mit ihm und Nenad Zimonjic (Serbien) wird wohl auch im nächsten Jahr bei allen großen Turnieren zu rechnen sein.

1. August 1972 - Martin Damm
Tschechien, Nr. 29 im Doppel
Vor urlangen Zeiten war Martin Damm mal ein respektabler Einzelspieler (1997 auf Platz 42). Fürs Doppel reicht es noch und soll es auch im nächsten Jahr noch reichen, demnächst zusammen mit dem Jungspund Filip Polasek (24) aus der Slowakei.

12. September 1971 - Younes El Aynaoui
Marokko, ohne Platzierung
Younes El Aynaoui, ehemalige Nummer 14 der Welt, hat sein letztes Profiturnier im September 2008 bestritten. Jetzt hat er eine Wild Card für das Turnier in Doha (Katar) bekommen, das am 4. Januar beginnt. Mal schauen, ob er da wirklich auftaucht.

4. September 1971 - Mark Knowles
Bahamas, Nr. 5 im Doppel
Einer der beständigsten Doppelspieler des abgelaufenen Jahrzehnts orientiert sich noch mal neu: Im nächsten Jahr will er regelmäßig mit dem US-Amerikaner Mardy Fish antreten.

1. März 1971 - Dick Norman
Belgien, Nr. 15 im Doppel, Nr. 305 im Einzel
Dick Norman gurkt seit bald 20 Jahren auf Challenger-Turnieren rum und schaffte erst in diesem Jahr im Doppel den Durchbruch in die Weltspitze, als er (mit Wesley Moodie) erst das Endspiel der French Open und dann das Halbfinale in Wimbledon erreichte. 2010 will er mit dem Bayern Christopher Kas (29) spielen. Der erste gemeinsame Auftritt ist Anfang Januar in Doha (Katar).

Sonntag, 20. Dezember 2009

ATP 2000-2009: Ein paar Stichpunkte zu den Nuller Jahren

In ein paar Tagen geht das Jahrzehnt zu Ende, Zeit also für einen Rückblick. Das war das Thema, das ich mir für heute Abend vorgenommen hatte. Aber zehn Jahre an einem Abend angemessen zu bewältigen, das überfordert mich dann doch etwas, wie ich gerade feststelle. Also beschränke ich mich auf ein paar Stichpunkte.

Schnell geklärt ist die Frage nach dem Spieler des Jahrzehnts. Das ist ohne Frage Roger Federer mit 14 Grand-Slam-Titeln. Auf Platz 2 kommt Rafael Nadal mit sechs Grand-Slam-Titeln, dann kommt lange keiner, und dann ein paar Leute, die aus den Neunzigern in unser Jahrtausend hineinragen: Agassi, Sampras, Kuerten.

Etwas enger wird es bei der Frage, wer Deutschlands Spieler des Jahrzehnts ist. Drei Leute, die vor zehn Jahren unter den Top 100 waren, sind noch immer dabei: Nicolas Kiefer, Tommy Haas und Rainer Schüttler. Kiefer ist wohl eher nicht der Spieler des Jahrzehnts, er hatte sein erfolgreichstes Jahr schon 1999, als er sich für den Masters-Cup, die damals wohl gerade ATP-WM hieß, qualifizierte. Tommy Haas schaffte es 2000 für ein paar Wochen auf Platz 2 der Weltrangliste, aber Rainer Schüttler war der einzige, der ein Grand-Slam-Finale erreichte (2003 in Melbourne). In den Neunzigern, da war die Lage mit Boris Becker und Michael Stich freilich eine ganz andere, seither reden alle vom Niedergang des deutschen Tennis. Dabei gibt es heute deutlich mehr deutsche Profis auf der ATP-Tour als vor der Becker-Stich-Ära. Nur sind unter ihnen keine Wimbledonsieger mehr.

Was das öffentliche Interesse betrifft, hat dieser Niedergang unbestritten stattgefunden, entsprechend gibt es auch keine ganz großen Turniere mehr. Es ist ja nicht nur das frisch degradierte Masters in Hamburg, in den Neunzigern gab es auch noch ein Hallen-Masters in Stuttgart und dazu die ATP-WM erst in Frankfurt, später im Hannover.

Was die Turniere angeht, hat Asien in den Nuller Jahren massiv aufgeholt, und hier insbesondere der Universalaufsteiger China. Asiatische Spieler sind dagegen nach wie vor eine Rarität. Was die Spieler angeht, waren die Nuller Jahre das Jahrzehnt der Spanier, der Russen und der Argentinier. 2000 gab es nur zwei Russen unter den besten 100 der Welt, Anfang 2009 waren es neun. Die Spanier waren mit Leuten wie Sergi Bruguera und Carlos Moyá auch in den Neunzigern schon vorn dabei. Seither werden sie unaufhörlich mehr. Neben Rafael Nadal gewannen im angelaufenen Jahrzehnt ja auch Juan Carlos Ferrero und Albert Costa die French Open.

Die Argeninier hatten in den Siebzigern Guillermo Vilas, und dann kam zwei Jahrzehnte lang fast nichts mehr. In den Nuller Jahren war auf Sand immer und überall mit ihnen zu rechnen, dank David Nalbandian und neuerdings Juan Martin del Potro auch auf allen anderen Belägen.

Die Russen haben schon Ende der Neunziger mit Jewgeni Kafelnikov angefangen, nur dass der damals allein auf weiter Flur war, nun kamen erst Marat Safin, dann Nikolai Dawidenko und eine ganze Reihe weiterer respektabler Spieler wie Michail Juschni dazu.

Die US-Amerikaner haben in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch ganz gut was gerissen mit Agassi, Sampras und Andy Roddick. Roddick gibt es immer noch, aber ohne ihn bleibt nicht viel mehr übrig. Sam Querrey, John Isner und Mardy Fish, das sind keine viel größeren Namen als Philipp Kohlschreiner, Andreas Beck und Benjamin Becker.

Fast verschwunden waren die Schweden, aber neuerdings gibt es da ja Robin Söderling.

Bemerkenswert übrigens, dass die ATP vor lauter Chinabegeisterung Russland und Südamerika bisher nicht als Markt für große neue Turniere entdeckt hat. Das könnte sich im neuen Jahrzehnt ändern, denn wenn nicht bald ein paar Stars aus Asien auftauchen (und in Sicht ist höchstens der Japaner Kei Nishikori), könnte es schwierig werden, dort die geplante Tennisbegeisterung am Glühen zu halten. Dann doch lieber dahin gehen, wo die Fans sind.

Viel könnte man jetzt dazu sagen, wie sich das Spiel selbst verändert hat. Pauschal gesprochen, ist es einheitlicher geworden. In den Neunzigern ist es niemandem gelungen, in einer Saison die French Open und ein paar Wochen später Wimbledon zu gewinnen. Zwischen Rasen und Sand lagen Welten. Jetzt ist sowohl Rafael Nadal (2008) als auch Roger Federer (2009) dieses Kunststück gelungen. Der Sand wird schneller und der Rasen langsamer, alles wird irgendwie Hartplatz, fast keiner spielt mehr Serve und Volley.

In den Neunzigern gab es noch Einzel-Stars, die Grand-Slam-Titel im Doppel gewannen, zum Beispiel John McEnroe und Michael Stich (1992 in Wimbledon) oder Jewgeni Kafelnikow (1997 mit Daniel Vacek bei den US Open). Das hat aber vermutlich weniger mit der veränderten Spielweise im Einzel zu tun, sondern damit, dass die Einzelspieler kaum noch ernsthaft Doppel spielen, erst recht nicht bei Grand-Slam-Turnieren. Man hört oft, das liege am überfüllten Turnierplan. Aber wenn ich mir ansehe, wie viele Turniere die besten Leute vor zehn Jahren gespielt haben und wie viele heute, gibt es da kaum einen Unterschied. Die Sache mit dem überfüllten Turnierplan hat schon in den Neunzigern begonnen. Eine Rolle spielt hier vermutlich das in diesem Jahrzehnt massiv gestiegene Preisgeld. Davon haben nebenbei auch die Doppelspezialisten profitiert, von denen es deutlich mehr gibt als in den Neunzigern. Man kann heute auskömmlich davon leben, auf der ATP-Tour ausschließlich Doppel zu spielen. Wenn man die Turniere gewann, konnte man das auch in den Neunzigern, aber so weit musste man erst einmal kommen.

Aber eigentlich hat sich gar nicht so viel geändert seit 1999.
Schauen wir uns mal diese Weltrangliste an: Es ist die erste aus den Nuller-Jahren, vom 10. Januar 2000. So viele vertraute Namen, das hat mich vorhin überrascht. Etwa ein Viertel der Spieler, die damals unter den ersten 100 standen, ist heute noch aktiv, von Nicolas Kiefer auf Platz 4 über Roger Federer auf Platz 61 bis zu Nicolas Massú auf Platz 100.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Gemischtes Doppel bei Olympia: Auf den Spuren von Hazel Wightman und Richard Williams

Kleines Adventsrätsel: Welches dieser Paare passt nicht zu den anderen?

Sania Mirza und Mahesh Bhupathi,
Liezel Huber und Bob Bryan,
Anna-Lena Grönefeld und Mark Knowles,
Carly Gullickson und Travis Parrott,
Lee Yong-Dae und Lee Hyo-Jung.

Lee Yong-Dae und Lee Hyo-Jung sind aktuelle Olympiasieger im Mixed, die anderen vier Paare nicht. Im Badminton ist das gemischte Doppel seit 1996 olympisch. Weil ich vom Spitzenbadminton nicht viel verstehe, kann ich nur ungeprüft glauben, dass in dieser Sportart das Mixed einen sehr hohen Stellenwert hat und als taktisch besonders anspruchsvoll gilt. Unter den oben aufgezählten aktuellen Grand-Slam-Titelträgern befinden sich zwar ein paar herausragende Doppelspezialisten, aber zum Beispiel die US-Open-Gewinner Carly Gullickson und Travis Parrott sind im Einzel oder im gleichgeschlechtlichen Doppel eher zweite oder dritte Wahl.

Im Tennis hat das Mixed bislang die Rolle eines Pausenfüllers ohne großen Wert. Ich behaupte rundheraus, dass in Deutschland selbst viele eingefleischte Tennisfans keine Ahnung davon haben, dass Anna-Lena Grönefeld amtierende Wimbledonsiegerin ist. Wahrscheinlich erinnern sich mehr Leute daran, dass Britta Heidemann letztes Jahr in Peking Gold im Degenfechten gewann und Sabine Spitz im Mountainbike-Fahren, also in Sportarten, für die es eines gewissen Rechercheaufwands bedarf, wenn man beweisen will, dass sie außerhalb von olympischen Spielen überhaupt irgendwo auf der Welt ausgeübt werden.

Die letztes Olympiasieger im gemischen Tennisdoppel waren – laut Wikipedia - Hazel Wightman und Richard Williams 1924 in Paris. Am diesem Donnerstag nun beschloss das IOC, dass das gemischte Doppel ab 2012 in London olympisch ist.

Ein ebenso kühner wie schöner Schritt, wie ich finde. Im Gegensatz zu den Disziplinen Fechten und Mountainbike-Fahren, die – unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit – von den Weltklasseathleten natürlich ganzjährig betrieben werden, findet das gemischte Doppel im Weltklassetennis tatsächlich kaum statt. In London werden also Sportler in einer Disziplin antreten, die sie selbst nur ausgesprochen sporadisch ausüben. Man kann die existierenden Profiturniere an einer Hand abzählen: Jeweils 32 Männer und Frauen spielen es bei den vier Grand-Slam-Turnieren, jeweils acht Männer und Frauen treten Anfang Januar für ihre Länder beim Hopman-Cup in Perth auf, wo sie sich für die Australian Open aufwärmen, wo wiederum die meisten dieser 16 Spieler/innen auf einen Start im Mixed verzichten, um sich auf die wichtigen Wettbewerbe zu konzentrieren. Weltranglistenpunkte sind im Mixed nirgends zu verdienen.

Dabei glaube ich, dass Mixed auch für Zuschauer eine spannende und interessante Sache ist. Das ist allerdings eine bloße Vermutung, denn außer kurzen Zusammenfassungen mit ein paar Ballwechseln von Hopman-Cup oder alle Jubeljahre mal von einem Grand-Slam-Endspiel habe ich noch nie eines der seltenen Profimatches im gemischten Doppel zu sehen.

Dabei ist im wirklichen Leben, dort, wo es nicht um ATP- und WTA-Punkte geht, das gemischte Doppel eine ganz alltägliche Sache. Es gibt sogar deutsche Meisterschaften. Gestern war das Endspiel. Nicola Geuer (TC BW Neuss) und Peter Torebko (Ratinger TC GW) schlugen Angelika Roesch (TC BW Ludwigshafen) und Marcel Zimmermann (TC Großhesselohe) mit 3:6, 6:1, 10:6. Für London 2012, diese Prognose darf man wagen, wird niemand von diesen vieren nominiert werden. Da werden die richtigen Profis hinfahren.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Sofort lesen: "Open" von Andre Agassi


Andre Agassi: „Doping-Geständnis“

Andre Agassi: „Ich trug auf dem Platz ein Toupet“




Unter all den Schlagzeilen, die Andre Agassi in diesem Herbst mit den Bekenntnissen aus seiner Autobiographie machte, ging das Buch selbst fast unter. Trotzdem hat es „Open“ auf Platz 14 auf der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Nicht so gefragt wie Sebastian Deisler, aber gefragter als Peter Maffay.

Einer der zahlreichen Käufer war ich. Also gibt es heute mal wieder eine Buchbesprechung. Eigentlich hatte ich ja vor, noch vor Weihnachten mit dem Tenniswälzer von David Foster Wallace durch zu sein, aber das wird wohl nichts. Von den 1400 Seiten habe ich erst 595 (zuzüglich 65 Seiten Anmerkungsapparat) bewältigt.

Die 590 Seiten Agassi lasen sich deutlich flotter. Falls irgendjemand anders da draußen auch gerade mit „Unendlicher Spaß“ beschäftigt sein sollte: Agassis „Open“ ist eine prima Begleitlektüre. Bei Bücher bieten verrückte Väter, einen weisen Fitness-Guru, Schauspieler, Depressionen und eine abenteuerliche Tennis-Akademie. (Im Vergleich zur Bolletieri-Academy von Agassi ist Foster Wallace' Enfield Tennis Academy übrigens der reinste Partykeller). Ich frage mich ernsthaft, ob Andre Agassi das, was er in den letzten Jahren seinem Ghostwriter J.R. Moehringer erzählt hat, Mitte der 90er Jahre auch schon einmal gegenüber David Foster Wallace erwähnte.

Moehringer landete schon mit seiner eigenen Autobiographie „Tender Bar“ einen internationalen Erfolg. Natürlich ist es überwiegend sein Verdienst, dass Agassis „Open“ ein Stück großartige Literatur geworden ist. Es liegt aber auch daran, dass Agassi nur wenig Blätter vor den Mund nimmt und dass er ein phänomenales Gedächtnis hat. (Er sagt, er erinnere sich alle 1000 Matches, die er auf der ATP-Tour gespielt hat.) Für einen Tennisverrückten wie mich die Beschreibungen einzelner Spiele zu den Höhepunkten dieses Buches. Grand-Slam-Finals kommen darin vor, aber auch scheinbar belanglose Begegnungen gegen weniger bekannte Spieler. (Großartig die Beschreibung von Bernd Karbacher: O-Beine, als sei er gerade nach einem sehr langen Ritt von seinem Pferd gestiegen, dazu eine Rückhand, die zu den besten der Welt zähle, die er aber nur benutze, um nicht laufen zu müssen. Auf den Internet-Seiten der ATP kann man für jeden Spieler die Liste aller seiner Profimatches in chronologischer Reihenfolge aufrufen. „Open“ ist Andre Agassis „Playing Activity“ in Romanform. Die Zahlen und Daten erzählen die Geschichte des 16-Jährigen, der in Stratton Mountain, Vermont, die Nummer 12 der Welt bezwingt, der 22 werden muss, bis er nach mehreren Finalniederlagen endlich ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, und zwar ausgerechnet in Wimbledon, um dessen Rasen er jahrelang einen Bogen machte, der sich danach auf Platz 1 der Weltlangliste spielt, immer wieder gegen seinen Rivalen Pete Sampras verliert und mit 27 Jahren plötzlich nur noch die Nummer 141 ist und Challenger-Turniere bestreitet und es von dort wieder zurück auf Platz 1 schafft und der schließlich mit 35 Jahren ein letztes Mal das Endspiel der US Open erreicht.

Aber „Open“ ist noch viel mehr. Wer sich für Tennis überhaupt nicht interessiert, wird solche Passagen wie die über Karbacher nicht mit derselben Intensität lesen wie ich, wird das Buch aber vermutlich trotzdem nicht so schnell beiseite legen. Es ist die Geschichte eines Jungen aus einfachen Verhältnissen, der früh weit weg von zu Hause zurechtkommen muss, plötzlich mit Hollywoodstars verkehrt, kurz vor dem totalen Absturz steht, sich wieder aufrappelt und am Ende sein privates Glück findet. Wir können schon mal anfangen zu spekulieren, wer in der Hollywood-Verfilmung die Hauptrolle spielen wird.

Der Film würde beginnen mit dem siebenjährigen Andre, der jeden Tag 2500 Bälle schlägt, die das Monster von Ballmaschine ausspuckt, das sein Vater selbst gebaut und in die Wüste hinter seinem Haus in einem Vorort von Las Vegas gestellt hat. Als nächstes käme der arme Jeff Tarango ins Bild, der 1995 traurige Berühmtheit erlangte, als seine Frau im Wimbledon den Schiedsrichter ohrfeigte.

Tarango war der erste Spieler, gegen den Agassi bei einem echten Turnier verlor. Agassi war acht Jahre, Tarango vermutlich schon neun. Nach Agassis Darstellung hat Tarango im entscheidenden Tie-Break geschummelt, was Agassi ihm bis heute nicht verziehen hat. Verlieren ist für ihn der größte Horror. So schön kann kein Sieg sein, dass er für eine Niederlage entschädigen könnte.

Die Wimbledon-Episode von 1995 kommt im Buch vor. Hätte Tarango den Platz damals nicht wutschnaubend verlassen, wäre er nicht disqualifiziert worden und hätte er das besagte Spiel gegen Alexander Mronz gewonnen, wäre sein Gegner im Achtelfinale Agassi gewesen. (Dass Mronz, heute Schwager von Guido Westerwelle, damals schon der Ex-Freund seiner heutigen Gattin Steffi Graf war, erwähnt Agassi nicht.)

Vielleicht provozierte Tarango seine Disqualifikation absichtlich, weil er Angst davon hatte, gegen Agassi spielen zu müssen? Die Idee kam mir gerade, als ich eine Überleitung zum nächsten Thema suchte: Boris Becker. Agassi sagt, er habe im Halbfinale der Australian Open 1996 absichtlich gegen Michael Chang verloren, weil er Angst davor hatte, im Endspiel gegen Boris Becker antreten zu müssen. Agassi hasste Becker damals. Chang mochte er auch nicht besonders leiden, aber gegen ihn zu verlieren war das deutlich kleinere Übel gegenüber einer Niederlage gegen Becker. Das Schwierigste an einer absichtlichen Niederlage, sagt Agassi, sei, sie so hinzubekommen, dass es nicht auffällt. In Anbetracht der Aufregung, die der Verdacht einer absichtlichen Niederlage heute regelmäßig auslöst, weil immer auch der Verdacht von Wettbetrug mitschwingt, ist es erstaunlich, dieses Bekenntnis noch keine Schlagzeilen ausgelöst hat – im Gegensatz zu der Sache mit dem Toupet, mit dem Agassi auf den Platz ging, ehe er sich zu seinem Haarausfall bekannte.

Die meisten Schlagzeilen freilich machte das Drogenbekenntnis. Dabei ist die Nachricht, dass Agassi 1997 irgendwelches Zeug genommen hat, eigentlich viel weniger überraschend als die Sache mit dem Haarteil. 1997 war das Jahr, als er aus den Top 100 fiel. Agassi schluckte das Methylamphetamin Crystal Meth, was irgendwann bei einer Dopingkontrolle auffiel. Ein Geschmäckle hat die Sache, weil er danach der ATP mit einer Ausrede kam, die Ähnlichkeit mit Dieter Baumanns Zahnpasta-Story hat und die ATP diese Ausrede begeistert akzeptierte, weil niemand ein Interesse daran hatte, einen der wichtigsten Stars und damit den Sport insgesamt in Misskredit zu bringen. Dass Sergi Bruguera, der Mann, der 1996 das olympische Finale gegen Agassi verlor, nun nachträglich eine Goldmedaille haben will, ist allerdings nur drollig. Das von der ATP als „Partydroge“ eingestufte Crystal Meth war offensichtlich leistungshemmend und nicht -fördernd. Agassi wäre, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, für drei Monate gesperrt worden. Völlig zu Recht machte er sich damals nicht wegen dieser Sperre Sorgen, sondern weil die ganze Welt erfahren hätte, wie dumm er sich angestellt hatte. Dass er damals Depressionen hatte und eine Psychotherapie anfing, erwähnt er nur mit wenigen Sätzen.

„Ich hasse Tennis“, sagt Agassi. Im Angesicht der oben erwähnten Ballmaschine zweifelt der Leser daran keine Sekunde. Als Fan kann man da ein schlechtes Gewissen bekommen, dass der Mann im Fernseher für das eigene gemütliche Unterhaltungsprogramm so leiden musste. „Aber du hasst Tennis nicht wirklich“, ist die ahnungslose Antwort, die Agassi jahrelang erhält, wem immer er seinen Hass bekennt. Nur Steffi Graf sagt das nicht. Im Buch steht, sie habe ihn angesehen, als wollte sie sagen: „Tun wir das nicht alle?“ Die Szene mit Steffi Graf war die erste, an der ich als Leser nicht mehr glaubte, dass er Tennis wirklich immer noch hasst. Mir scheint, während seines Comebacks nach der Crystal-Meth-Episode hat er seinen Frieden mit diesem Sport gemacht. Er beendete seine Karriere mit 36 Jahren, obwohl er locker drei, vier Jahre eher hätte aufhören können, ohne dass sich jemand gewundert hätte. Warum er das nicht tat, sondern sich haufenweise Cortisonspritzen geben ließ, um durchzuhalten, kann er nicht wirklich überzeugend erklären. Vermutlich liegt es daran, dass aus seinem Hass eine Hassliebe wurde.

Andre Agassi: „Open. Das Selbstporträt“, Droemer, 590 Seiten, 22,95 Euro


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Open
Die Autobiographie von Andre Agassi

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de