Sonntag, 19. Dezember 2010

Irgendwo eine Zukunft für den World Team Cup?

Seit Montag ist es offiziell: Der Rochus Club in Düsseldorf wird 2011 nach 33 Jahren den World Team Cup nicht mehr ausrichten.

Es gibt keinen Titelsponsor mehr, nachdem die ARAG ausgestiegen ist. Die Versicherung soll jährlich 1,4 Millionen Euro hingeblättert haben – bei einem Gesamt-Etat der Veranstaltung von 4 bis 5 Millionen Euro.

Während des World Team Cup 2010 war ich der Ansicht, das Ende dieser Veranstaltung wäre nicht wirklich ein Verlust. Das Aus zeichnete sich damals schon ab. Aber ich muss gestehen: Ich habe nicht wirklich an den schnellen Ernstfall geglaubt. Ich hatte gedacht, die wurschteln sich durch. Immerhin zog hinter den Kulissen immer noch Horst Klosterkemper mit an den Strippen, der Mann der 1978 den World Team Cup erfand und zwischenzeitlich als Europachef der ATP fungierte, also ein Mann von gewissem Einfluss im Profitennis ist.

Aber anders als in den 80ern und 90ern waren in Düsseldorf zuletzt kaum noch Top-Spieler am Start, und die Bezeichnung „Mannschafts-Weltmeisterschaft“ war zunehmend irreführend. Die eigentliche Nationen-WM ist ja sowieso seit jeher der Davis-Cup.

Trotzdem. Ein bisschen Wehmut ist nun erlaubt. Das Internet-Portal der WAZ-Gruppe (derwesten.de) hat die Höhepunkte des Turniers seit 1978 zusammengefasst.

Und nun? Ist das Ende des World Team Cups wirklich endgültig besiegelt? Die ATP hat sich zu der Nachricht aus Düsseldorf bislang offiziell nicht geäußert. Auf der ATP-Internetseite steht das Turnier noch im Kalender – einschließlich Ticket-Hotline. Auch auf der offiziellen World-Team-Cup-Seite des Düsseldorfer Rochusclubs steht bisher nichts davon, dass es das Turnier nicht mehr gibt. Stattdessen steht dort das Datum für die nächste Ausgabe: 15. bis 21. Mai 2011.

Im November hieß es, die Veranstalter verhandelten noch mit der ATP über die Höhe der Lizenzgebühr. Theoretisch vorstellbar, dass die Pressekonferenz von Montag, auf der Turnierdirektor Dietloff von Arnim das Ende bekanntgab, der letzte hohe Einsatz in diesem Poker war, die ATP doch noch klein beigibt und es im Mai weitergeht wie gehabt – mit einem neuen Sponsor, der etwas weniger Geld zahlt als die ARAG. Der Rochusclub hat bisher angeblich 750.000 Euro an die ATP bezahlt. Für ein normales 250er-Turnier – und das ist die Preisklasse, der das Düsseldorfer Teilnehmerfeld zuletzt entsprach und der auch die Weltranglistenpunkte, die hier vergeben werden, in etwa entsprechen – werden nur 50.000 Euro fällig.

Inoffiziell heißt es bei der ATP nun, man suche einen anderen Ausrichter als Ersatz für Düsseldorf. Vielleicht schon für 2011, vielleicht aber auch erst ab 2012. Aber wer könnte das sein? Einige Probleme des bisherigen World Team Cups haben gewiss damit zu tun, dass in Deutschland die Tennisbegeisterung seit Jahren so gut wie nicht vorhanden ist. Aber es gibt auch andere Probleme, und die ließen sich nicht lösen, indem man einfach in ein anderes Land umzieht.

Ein großes Problem ist der Termin: In der Woche vor den French Open. Spieler, die die ernsthafte Absicht verfolgen, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, muten sich in der Woche davor nur sehr, sehr selten den Stress eines echten Wettkampfes zu. Roger Federer und Rafael Nadal haben nie in Düsseldorf gespielt. Der Termin war auch schon in den 80ern ein Problem, und Horst Klosterkemper hat oft viel Überredungskunst leisten müssen, um Stars nach Düsseldorf zu locken. Aber es war machbar. Das lag vermutlich nicht nur daran, dass wegen des Boris-Booms in Deutschland viel Geld zu holen war. Es lag auch daran, dass die Topstars damals nicht so viele andere Turniere spielten. Als es den Masters-Serie mit neun großen Pflichtturnieren noch nicht gab, spielten Leute wie Boris Becker oder John McEnroe nur 14 oder 15 Turniere im Jahr – und das mit einer wesentlich weniger kraftraubenden Spielweise, als sie heute üblich ist.

Sollte die ATP am bisherigen Datum festhalten, wäre die Auswahl der möglichen Alternativstandorte begrenzt. Es müsste ein Ort sein, von dem aus die Teilnehmer schnell in Paris sind. In Frankreich selbst wird man so einen Ort nicht finden. Parallel findet bereits ein 250er-Turnier in Nizza statt, und überhaupt ist die Nation mit ATP-Turnieren ausreichend gesättigt. Spanien drängt sich auf. Da ist sowieso Tennisboom, und Geld für großen Sport gibt es da trotz aller wirtschaftlichen Krisen auch immer. Mit einem wesentlich höheren Preisgeld als bisher ließe sich gewiss noch immer der eine oder andere Topstar anlocken. Madrid, Barcelona und Valencia haben schon Turniere in den Wochen davor. Aber ein paar andere Städte wären noch übrig. Vielleicht Nadals Heimat: Palma de Mallorca. Nadal würde wohl trotzdem eine geordnete Vorbereitung auf die French Open dem World Team Cup vorziehen.

Einen anderen Termin zu finden, wäre aufwendig, weil es die ganze mühsam zusammengebastelte Kalenderkonstruktion durcheinander brächte, aber wäre nicht unmöglich. Weltumspannende Sportorganisationen erobern ja immer gern neue Märkte. Russland hat bisher nur zwei kleine ATP-Turniere, da ist also Nachholbedarf. China wird auch immer gern genommen. Übrigens gibt es auch einen World Team Cup im Tischtennis, und der fand in diesem Jahr in Dubai statt.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Jahresrückblick 2010

Wie vor einer Woche angekündigt, gibt es heute den ATP-Tour-Jahresrückblick 2010. Dazu vergegenwärtigen wir uns erst einmal die Ausgangssituation: Rafael Nadal war 2009 von Verletzungen gebeutelt und hatte den Weltranglistenplatz 1 an Roger Federer verloren. Hinter den beiden hatten sich Novak Djokovic und Andy Murray etabliert. Diese Spieler gingen als die großen Vier in die Saison. Der eigentliche Shootingstar war aber Juan Martin del Potro, der 2009 die US Open gewonnen hatte und nach einer Verletzungsunterbrechung beim World-Tour-Finale das Endspiel erreichte.

Aber nun ins Jahr 2010:

Abschnitt 1: Januar mit den Australian Open

Nikolai Dawidenko startet ins Jahr 2010 so gut, wie er das Jahr 2009 beendet hatte: Nach seinem Sieg beim Worldtour-Finale in London im November gewinnt er im Januar in Doha. Den Titel beim anderen wichtige Vorbereitungsturnier in der ersten Woche des Jahren, in Brisbane, holt sich Andy Roddick.

Dann ging es nach Melbourne: Rafael Nadals Mission, Platz 1 der Weltrangliste zurückzuerobern, beginnt mit einem Rückschlag: Er verliert im Viertelfinale gegen Andy Roddick. Am 1. Februar ist Nadal nur noch die Nummer 4 im Ranking – hinter Roger Federer, Novak Djokovic und Murray. Roger Federer gewinnt standesgemäß den Titel, Murray kommt ins Endspiel. 2008, Jo-Wilfried Tsonga. Die große Überraschung war der an 14 gesetzte Kroate Marin Cilic, der im Achtelfinale den neuen Superstar aus Argentinien schlug: Juan Martin del Potro. Es ist del Potros letztes Match vor einer Verletzungspause, die fast das gesamte Jahr andauern wird.
Dann schlägt Cilic auch noch Andy Roddick zieht ins Halbfinale ein, wo er in vier Sätzen gegen Andy Murray verliert. Ach ja: Novak Djokovic, nun Nummer 2 der Welt, kam bis ins Viertelfinale.

Abschnitt 2: Hartplatz-Frühjahr (Februar, März)

Die Frühjahrssaison gehört einem Mann, der schon fast vergessen war und dessen Turniersieg in Brisbane kaum jemand wirklich ernst nahm: Andy Roddick: Endspiele in San Jose und Indian Wells, Turniersieg in Miami. Den Titel in Indian Wells holt sich ein anderer fast Vergessener: Ivan Ljubicic. Roddicks Endspielgegner beim Masters in Miami ist ein ebenfalls fast vergessenes ewiges Talent: Tomas Berdych. Die großen Vier halten sich bei den beiden Frühjahsmasters mit ihren Aktionen eher bedeckt: Von ihnen schafft es nur Rafael Nadal jeweils bis ins Halbfinale. Ganz unauffällig gelingt dasselbe Kunststück (also zwei Mal Halbfinale) auch einem Schweden, der außer mit seinem Roland-Garros-Endspiel 2009 bisher nicht weiter aufgefallen war: Robin Söderling.

Abschnitt 3: Sandplatz-Frühjahr mit den French Open (April und Mai)

Nach Miami hat sich Rafael Nadal immerhin wieder auf Platz 3 zurückgekämpft. Auf europäischem Sand ist er unschlagbar: Er gewinnt hintereinander die Masters-Turniere von Monte Carlo, Rom und Madrid und natürlich auch die French Open und gibt in dieser Zeit nur zwei Sätze ab. Danach ist er wieder die Nummer 1. Ins French-Open-Halbfinale spielen sich Tomas Berdych und überraschend auch Jürgen Melzer. Aber neben Nadal ist eigentlich niemand groß zu erwähnen – außer Robin Söderling. Der schafft es bei den French Open schon wieder ins Endspiel. Dass er unterwegs Roger Federer schlägt, ist bloß noch eine Randnotiz.
Fernando Verdasco, David Ferrer und Roger Federer dürfen sich jeweils eine Masters-Finalniederlage gegen Nadal abholen.

Abschnitt 4: Rasensaison mit Wimbledon (Juni und Anfang Juli)

Bei den Vorbereitungsturnieren in Halle/Westfalen und im Londoner Queen's Club gewinnen diesmal nicht Roger Federer und Rafael Nadal, sondern Lleyton Hewitt und Sam Querrey. Auf dem heiligen Rasen von Wimbledon werden die Verhältnisse wieder zurechtgerückt – jedenfalls aus Nadals Sicht. Der holt sich den Titel im Endspiel gegen Tomas Berdych. Federer muss so früh die Koffer packen wie seit 2002 nicht mehr: Er scheidet im Viertelfinale aus – gegen Berdych. Andy Roddick, der die Frühjahrs-Hartplatzsaison dominiert hatte und der die Sandplatzsaison fast komplett ausfallen ließ, misslingt die Rückkehr auf den Platz: Der Vorjahresfinalist scheidet im Achtelfinale gegen einen gewissen Lu Yen-Hsun aus Taiwan aus. Großbritanniens Titelhoffnung Andy Murray schafft immerhin ein Halbfinale – aber gegen Rafael Nadal ist auch er chancenlos. Auch Novak Djokovic kommt ins Halbfinale – und schafft es damit endlich mal auf den Radar unseres Jahresrückblicks.

Abschnitt 5: Sommer-Hartplatzsaison mit US Open (Juli bis September)

Ach ja, ein paar europäische Sandplatzturniere gibt es im Hochsommer ja auch. Beim größten von ihnen, am Hamburger Rothenbaum, gewinnt ein aus Russland eingebürgerter Kasache: Andrei Golubew, bis dahin die Nummer 82 der Welt. Die eigentliche Musik spielt in Amerika. Im Masters-Finale von Toronto gewinnt Andy Murray gegen Roger Federer. Halbfinalisten sind Nadal und Djokovic – die großen Vier endlich mal unter sich. Beim Masters in Cincinnati kommt von den Großen nur Federer durch: Er schlägt im Finale Mardy Fish.

Dann die US Open: Titelverteidiger del Potro sitzt noch immer verletzt in Argentinien. Mittlerweile häufen sich Meldungen, er habe nicht nur mit einem lädierten Handgelenk zu kämpfen, sondern auch mit einer angeknacksten Psyche. Rafael Nadal gewinnt erstmals in seiner Laufbahn die US Open. Er dominiert die Szene längst wieder wie vor seinem Verletzungsjahr 2009. Auch Djokovic ist wieder da: Im Halbfinale ringt er Federer mit 7:5 im fünften Satz nieder. Der vierte Halbfinalist ist Michail Juschni aus Russland.

Abschnitt 6: Asiatische Hartplatz- und europäische Hallensaison (Oktober und November)

Der chinesische Markt ist ja von überragender Bedeutung, also fliegen die Spitzenprofis alle schnell nach Schanghai. Roger Federer und Andy Murray strengen sich dort sogar an und ziehen ins Endspiel ein, das Murray gewinnt. Juan Martin del Potro, der eigentlich auch wieder dabei sein wollte, verzichtet nach einer ehrbaren und einer vernichtenden Erstrundenniederlage (Bangkok und Tokio) auch Schanghai und beendet die Saison nach nur drei bestrittenen Turnieren. Nun kommt noch das Masters von Paris-Bercy. Es gewinnt Robin Söderling (im Finale gegen Gael Monfils), damit bricht er endgültig in die Viererphalanx von Nadal, Federer, Djokovic und Murray ein. Beim Worldtour-Finale in London aber muss sich Söderling wieder hinten anstellen: Das Endspiel gewinnt Federer gegen Nadal. Murray und Djokovic spielen Halbfinale.


Das war es also, dieses Jahr. Die große Titel teilten sich Rafael Nadal und Roger Federer unter sich auf. Im Gegensatz zu Andy Murray hat Novak Djokovic einen starken Trost: Er holte mit Serbien den Davis-Cup. Andy Murray hatte ein starkes Frühjahr, Tomas Berdych einen starken Sommer und Robin Söderling mischte sich konstant immer mal wieder oben ein.

Und wie geht es nun weiter? Interessant wird sein, ob und wie schnell Juan Martin del Potro sein überragendes Talent wird ausspielen können und ob Roger Federer sein Topniveau weiter wird halten können. Er wird im Sommer 30 und gehört dann zur Seniorenfraktion auf der Tour. Dass Rafael Nadal schlapp macht, glaube ich im Moment nicht. Er scheint einen Weg gefunden zu haben, mit seinem Körper etwas ressourcenschonender umzugehen als noch vor zwei Jahren.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Saisonfazit durch die nationale Brille

Die Saison ist vorbei, Roger Federer hat das Tourfinale in London gewonnen, Serbien hat den Davis-Cup geholt. Zeit für ein Fazit – oder sogar für zwei. Heute setzen wir die nationale Brille auf und beschäftigen uns damit, was die deutschen Profis 2010 geleistet haben, nächste Woche kommt dann der Rest der Welt.

Wie im Vorjahr, gehe ich der Reihe nach die deutschen Spieler in den Top 100 durch. Es sind neun Leute, genau so viele wie Mitte November 2009, als ich damals das Fazit zog. Überhaupt sind viele Dinge genau wie 2009. Ein Spieler ist sogar dabei, bei dem ich meinen Text vom letzten Jahr praktisch unverändert übernehme. Das klappt besser als bei jeder Neujahrsansprache. Ein augenfälliger Unterschied ist, dass wir diesmal keinen Top-20-Spieler mehr haben. Erinnert sich noch jemand daran, wer Ende 2009 auf Platz 18 stand? Es ist jemand, der auf der folgenden Liste gar nicht mehr auftaucht und außerdem zwischenzeitlich unter US-Flagge firmierte, sofern er denn überhaupt noch mal antreten sollte.

Nr. 34 (Vorjahr 27) Philipp Kohlschreiber (27 Jahre)
Vor einem Jahr mutmaßte ich, Kohli habe seinen Zenit erreicht, was bei seinem Alter ja auch normal sei. Und tatsächlich stagniert Philipp Kohlschreiber. Er ist ein Ausbund an Stabilität. Bei drei der vier Grand-Slam-Turnieren erreichte er die dritte Runde. Seine besten Ergebnisse waren zwei Viertelfinals bei den Masters in Monte Carlo und Toronto. Bei zwei 250er-Turnieren kam er ins Halbfinale. Die realistischen Ziele, die er sich seit Jahren stecken kann, warten weiterhin darauf, erreicht zu werden: vielleicht mal ein Grand-Slam-Viertelfinale, vielleicht mal ein Platz unter den ersten 20 der Weltrangliste. Den Biss dazu hat Philipp Kohlschreiber auf jeden Fall. Im September engagierte er Miles MacLaghan als Coach. Der Mann trainierte vorher Andy Murray und wird somit als einer der ganz Großen der Branche gehandelt. Nun sind Wundertrainer im Tennis noch seltener als im Fußball. MacLaghan wird seinen neuen Schützling kaum zum Weltranglistenvierten machen können. Aber vielleicht gehn es ja tatsächlich noch mal einen kleinen oder mittleren Schritt nach vorn.

Nr. 37 (Vorjahr 61) Florian Mayer (27 Jahre)
Flo ist genau so alt wie Philipp Kohlschreiber, also könnte man auch bei ihm annehmen, er hätte seinen Zenit erreicht. Neulich in Stockholm habe ich ihn live gesehen, als er den Lokalmatadoren Robin Söderling schlug. In diesem Match stand Florian Mayer vielleicht tatsächlich in seinem Zenit. Wenn er dieses Niveau für die kommenden Monate halten kann, dann wird er – gemessen an den nackten Zahlen – noch einmal einen merklichen Schritt nach oben machen. Im Moment halte ich ihn für den besten deutschen Tennisspieler, wenn auch nicht so konstant wie Philipp Kohlschreiber.

Nr. 53 (Vorjahr 40) Benjamin Becker (29 Jahre)
Apropos Zenit: Im Vorjahr war ich skeptisch, ob Benni Becker sein Niveau würde halten können. Aber siehe da: Von Platz 40 auf Platz 53, das ist schon noch innerhalb der normalen statistischen Schwankungen (auch wenn Platz 40 einen Stammplatz auf den Mastersturnieren bedeutet, Platz 53 allenfalls einen aussichtsreichen Nachrückerplatz). Becker spielte das zweite Jahr in Folge weitgehend verletzungsfrei. Er verlor ausgesprochen selten in der ersten Runde und fast nie gegen Spieler, gegen die er auf dem Papier der Favorit war. So kann es weitergehen.

Nr. 57 (Vorjahr 80) Philipp Petzschner (26 Jahre)
Petzsches relativ erfolgreiche Einzel-Saison steht natürlich völlig im Schatten von Wimbledon: An der Seite von Jürgen Melzer aus Österreich gewann er den Doppel-Titel auf dem heiligen Rasen. Der letzte Deutsche, dem das gelang, war Michael Stich 1992 mit John McEnroe als Partner. Auch im Einzel wäre es für ihn noch ein Stück weiter nach oben gegangen, hätte er sich Anfang September an der Hand verletzt, so dass für ihn der Rest der Saison ausfiel. (Erst beim Tourfinale der besten acht Doppel, für das er und Melzer sich dank des Wimbledonsiegs qualifiziert hatte, war er wieder dabei. Mit einem Sieg und zwei Niederlagen schlugen die beiden sich wacker.) Jetzt wird es für Petzsche wichtig sein, sofort gut ins neue Jahr zu starten, damit er seinen aktuellen Weltranglistenplatz mindestens hält. Andernfalls würden wir ihn wohl seltener auf denselben Turnieren spielen sehen wie Superösi Jürgen Melzer, und das wäre schade um das Wimbledon-Erfolgsdoppel.

Nr. 58 (Vorjahr 74) Michael Berrer (30 Jahre)
Der Mann hat nach hinten raus noch mal ein richtig gutes Jahr rausgehauen. Eigentlich fing es schon Ende 2009 an. Zum Zeitpunkt meines damaligen Saisonfazits war er unter den besten 100 noch gar nicht dabei. Aber dann gewann er noch schnell zwei große Challenger, während die Kollegen schpn in der Weihnachtspause waren. Im Februar legte er ein Finale beim 250er-Turnier von Zagreb nach, im März ein Viertelfinale beim 500er-Turnier in Dubai. Im Sommer hielt er sich mit seinen Aktionen etwas bedeckt. Erst im Oktober stand er in Wien wieder im Halbfinale. Man kann Michael Berrer also getrost als Hallenspezialisten bezeichnen. Allerdings glaube ich nicht, dass er noch einmal eine Saison hinlegen wird wie diese.

Nr. 67 (Vorjahr 254) Tobias Kamke (24 Jahre)
Seine Spielerkollegen haben ihn zum „Newcomer des Jahres“ gewählt, angesichts seiner Leistungen absolut zu Recht. Ansonsten brauche ich mich nicht zu wiederholen. Er war ja neulich erst Thema in diesem Blog. Top 50 könnte für das nächste Jahr ein erreichbares Ziel sein.

Nr. 82 (Vorjahr 78) Mischa Zverev (23 Jahre)
Komisch. Wenn man nur die Ranglistenplatzierung zum Jahresende betrachtet, dann tut sich bei Mischa praktisch gar nichts. 2007: Platz 88. 2008: Platz 80. 2009: Platz 78. 2010: Platz 82. Aber was er zwischendurch hinlegt, das sind Achterbahnfahrten vom feisten. Vor anderthalb Jahren schien er auf dem Weg nach ganz weit vorne. Nach seinem Viertelfinale beim Masters in Rom stand er auf Platz 45. Aber danach verlor er mehr als ein Jahr lang fast nur noch und fand sich in diesem August, also vor dreieinhalb Monaten, auf Platz 157 wieder. Dann mogelte er sich als Qualifikant ins Endspiel des 250er-Turniers von Metz, und von da ihn lief es bei ihm wieder einigermaßen. Also: Im Moment geht die Tendenz nach oben. Ob es so schnell wieder bis auf Platz 45 hoch geht, weiß ich nicht.

Nr. 84 (Vorjahr 85) Rainer Schüttler (34 Jahre)
Es ist nicht zu fassen, er ist immer noch dabei, unser Shaker. Ein Wimbledon-Halbfinale wie 2008 hat er diesmal zwar nicht aus dem Hut gezaubert, aber er schafft es immer noch, wochenlang unterirdische Matches abzuliefern und gern auch mal 0:6 und 0:6 zu verlieren und dann plötzlich irgendwo ein Halbfinale rauszuhauen. Die Argumente dafür, dass es mit seiner Karriere jetzt aber wirklich mal zu Ende geht, sind so stichhaltig wie seit fünf Jahren, aber vermutlich wird er einfach wieder weitermachen wie gehabt, mindestens so lange, bis man ihn zum ATP-Alterspräsidenten ausruft.

Nr. 92 (Vorjahr 144) Dustin Brown (25 Jahre)
Unser jüngster Neuzugang in den Top 100, und das gleich in doppelter Hinsicht. Der ehemalige Jamaikaner spielt erst seit ein paar Wochen unter deutscher Flagge (mehr dazu hier). Er ist ein unterhaltsamer Typ, sowohl – um mal eine Phrase zu gebrauchen – auf dem Platz wie auch daneben. Dieses Jahr war das erfolgreichste seiner bisherigen Karriere, und ich kann mir gut vorstellen, dass er auch der Challenger-Tour noch einige Titel holen wird. Dass es für eine dauerhafte Präsenz unter den Top 100 reicht, glaube ich eher nicht. Falls ich mich irren sollte, würde mich das diebisch freuen.

Von den Spielern außerhalb der Top 100 wären zu erwähnen:
Björn Phau (102): Der 31-Jährige ist der Last Man Standing aus dem „Boris Becker Junior Team“ und einfach nicht klein zu kriegen. Respekt!
Daniel Brands (104): Dass er es schafft, mit einem Wimbledon-Achtelfinale die Top 100 zu verpassen, zeigt, wie verkorkst der Rest der Saison für ihn war.
Tommy Haas (373): Nach einigen Monaten des Vaterlandsverrats dürfen wir ihn hier wieder aufführen. Wie mir soeben auffiel, führt die ATP ihn plötzlich wieder als Deutschen und nicht wie seit dem Frühjahr als US-Amerikaner. Turniere gespielt hat er seit dem letzten März nicht. Ob sich daran demnächst was ändert, weiß kein Mensch.
Nicolas Kiefer (720): Kiwi wird im neuen Jahr wohl tatsächlich noch mal durchstarten - nach einer Saison, die er fast komplett ausfallen ließ. Ich bin gespannt.

Sonntag, 28. November 2010

Einige ungerechte Ranglisten

Vor drei Wochen schrieb ich an dieser Stelle, dass ich Tobias Kamke langweilig finde. Damit habe ich massiven Widerspruch geerntet, und das ist doch eine feine Sache. Beim Bloggen sollen ja auch mal Meinungen aufeinanderprallen.

Also treibe ich die Subjektivität in der Spielerbeurteilung heute mal auf die Spitze und stelle in paar Ranglisten auf, die einzig und allein auf meinem persönlichen Geschmack basieren. Also: Ich freue mich auf Widerspruch, aber zum Beispiel der Hinweis, welche Titel Rafael Nadal alle gewonnen hat und dass er verdient auf Platz 1 der Weltrangliste steht, wird meine Meinung in bezug auf die folgenden Listen nicht erschüttern.

Die Fähigkeit, Tennis zu spielen, spielt hier nur insofern eine Rolle, als dass man mit attraktivem Spiel bei mir als Tennisfan natürlich Symptahiepunkte sammeln kann. Aber Sympathiepunkte kann man halt auch auf tausend anderen Wegen sammeln oder verlieren. Man kann sogar mit unattraktivem Spiel Sympathiepunkte sammeln. Das gilt zum Beispiel für den Spieler Gilles Simon. Über den habe ich mich in der Vergangenheit so oft aufgeregt, dass er mir mit der Zeit ans Herz gewachsen ist. (Tobias Kamke spielt nicht so unattraktiv wie Simon, sondern auf der Attraktivitätsskala eher so mittel – es ist eben unter anderem der Mangel an Extremen, der mich auf die Idee kommen ließ, Kamke langweilig zu finden.

Ich hatte erwogen, die kompletten Top 50 der Weltrangliste durchzusortieren. Aber weil ich mich schwer damit tue, 50 Spieler auf einen Haufen zu vergleichen, ohne beliebig zu weden, bilde ich jetzt Zehnergruppen: Die Spieler von Platz 1-10, von Platz 11-20 usw. Außerdem sortiere ich die 10 besten Deutschen.

Also, los geht’s

Plätze 1-10
1. Roger Federer (Schweiz, 2)
2. Robin Söderling (Schweden, 5)
3. Andy Roddick (USA, 8)
4. Andy Murray (Großbritannien, 4)
5. Fernando Verdasco (Spanien, 9)
6. Novak Djokovic (Serbien, 3)
7. Tomas Berdych (Tschechien, 6)
8. Rafael Nadal (Spanien, 1)
9. Michail Juschni (Russland, 10)
10. David Ferrer (Spanien, 7)

Plätze 11-20
1. Gael Monfils (Frankreich, 12)
2. Jürgen Melzer (Österreich, 11)
3. Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich, 13)
4. Ivan Ljubicic (Kroatien, 17)
5. John Isner (USA, 19)
6. Mardy Fish (USA, 16)
7. Marcos Baghdatis (Zypern, 20)
8. Marin Cilic (Kroatien, 14)
9. Sam Querrey (USA, 18)
10. Nicolas Almagro (Spanien, 15)

Plätze 21-30
1. Michael Llodra (Frankreich, 23)
2. Stanislas Wawrinka (Schweiz, 21)
3. David Nalbandian (Argentinien, 27)
4. Juan Carlos Ferrero (Spanien, 28)
5. Albert Montanes (Spanien, 25)
6. Richard Gasquet (Frankreich, 29)
7. Ernests Gulbis (Lettland, 24)
8. Nikolai Dawidenko (Russland, 22)
9. Viktor Troicki (Serbien, 30)
10. Juan Monaco (Argentinien, 26)
(Hier finde ich fast alle Spieler gut. Ungerecht, dass trotzdem einige auf den hinteren Plätzen stehen müssen.)

Plätze 31-40
1. Florian Mayer (Deutschland, 37)
2. Jarkko Nieminen (Finnland, 38)
3. Lu Yen-Hsun (Taiwan, 35)
4. Guillermo Garcia-Lopez (Spanien, 33)
5. Philipp Kohlschreiber (Deutschland, 34)
6. Thomaz Bellucci (Brasilien, 31)
7. Denis Istomin (Usbekistan, 40)
8. Andrei Golubew (Kasachstan, 36)
9. Feliciano Lopez (Spanien, 32)
10. Juan Ignacio Chela (Argentinien, 39)

Plätze 41-50
1. Gilles Simon (Frankreich, 42)
2. Marcel Granollers (Spanien, 41)
3. Julien Benneteau (Frankreich, 44)
4. Alexandr Dolgopolov (Ukraine, 48)
5. Janko Tipsarevic (Serbien, 49)
6. Thiemo de Bakker (Niederlande, 43)
7. Tommy Robredo (Spanien, 50)
8. Jeremy Chardy (Frankreich, 45)
9. Sergiy Stakhovsky (Ukraine, 46)
10. Potito Starace (Italien, 47)

Die 10 besten Deutschen
1. Florian Mayer (37)
2. Philipp Petzschner (57)
3. Mischa Zverev (83)
4. Dustin Brown (93)
5. Benjamin Becker (53)
6. Daniel Brands (94)
7. Rainer Schüttler (85)
8. Michael Berrer (55)
9. Tobias Kamke (66)
10. Philipp Kohlschreiber (34)

Sonntag, 21. November 2010

Hundert Jahre Carlos Moyá

In Gabriel García Márquez' epochalem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ gibt es eine Frau, die uralt wird und zugleich immer kleiner, bis sie irgendwann ganz verschwunden ist. Das ist jedenfalls die Version der Geschichte, an die ich mich erinnere. Es ist ewig her, dass ich das Buch gelesen habe. Wahrscheinlich ungefähr so lange her wie Carlos Moyás erster Auftritt auf der ATP-Tour. Das wären dann 15 Jahre.

Als Carlos Moyá (34) an diesem Mittwoch sein Rücktritt vom Profitennis erklärte, erinnerte ich mich an die alte Frau aus dem Roman. Carlos Moyá hat mit 22 Jahren mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, die French Open 1998. Mit 23 Jahren, Anfang 1999, war er mal die Nummer 1 der Weltrangliste, für genau zwei Wochen. Am Ende desselben Jahres stand er nur noch auf Platz 22. Ein paar Jahre später kehrte er noch mal unter die Top 10 zurück. Er gewann im Laufe seiner Karriere die beachtliche Zahl von 20 Turnieren. Aber die meiste Zeit seiner Karriere war er ein Mitläufer im Tenniszirkus, wenn auch einer, der sich stets bemühte und bis Mitte 2009 all die Jahre fast durchgehend zu den besten 50 Spielern zählte.

Aber was 1998/99 seine großen Stärken, die ihn zum besten Spieler der Welt machen? Ich erinnere mich daran nur noch so vage wie an „Hundert Jahre Einsamkeit“, also habe ich vorhin in Zeitzeugenberichten geblättert: in den Autobiographien von Pete Sampras und Andre Agassi. Viel habe ich nicht gefunden. Sampras erwähnt Moyá, den er in vier Begegnungen drei Mal glatt besiegte, nur in verschiedenen Aufzählungen von Jungspunden, die ihm gegen Ende seiner Ära das Leben schwer machten. Agassi geht etwas mehr ins Detail und erzählt vom French-Open-Achtelfinale 1999. Agassi war nach seiner Sinnkrise wieder auf dem Weg zurück auf den Tennisthron, Moya war Titelverteidiger. Daran, dass Moyá „auf Sand ein Ass“ war, wie Agassi berichtet, erinnerte ich mich auch von alleine. (Ich erinnere mich allerdings auch daran, dass Moyá der erste spanische Sandkastenschaufler war, der auch richtig gut Hartplatz konnte.) Agassi war der Ansicht, dass gegen Moyás Vorhand eigentlich kein Kraut gewachsen war, es sei denn, man selbst schlage den Ball „wie ein Unwetter“. Weil das nicht immer geht, sollte man also am besten seine Rückhand attackieren. Außerdem, meine Agassi, mochte Moya es nicht, wenn er laufen muss.

An dieser Stelle ist es unbedingt erforderlich, Moyá mit Rafael Nadal zu vergleichen, dem zweiten Mallorquiner, der es zur Nummer 1 gebracht hat – obwohl: Eigentlich kann man die beiden ja gar nicht vergleichen. Das räumte Moyá im Rücktritts-Interview mit der deutschssprachigen Lokalpresse seiner Heimatinsel selber ein: „Rafa ist einer der absolut Besten der Geschichte. Ich weiß, dass ich niemals zu dieser Gruppe gehört habe und habe auch kein Problem damit. Rafa spielt in einer anderen Liga.“

Für das spanische Tennis ist Moyá trotzdem eine herausragende Figur. Er war, flankiert von Leuten wie Sergi Bruguera, Alex Corretja und Felix Mantilla, derjenige, der die spanische Armada an die Spitze des Welttennis führte, wo sie seither nicht mehr wegzudenken ist.

Jetzt hat er seine Karriere also offiziell beendet. Wegen einer Fußverletzung hat er schon seit einem halben Jahr kein Match mehr bestritten. Sein letztes war eine glatte Erstrundenniederlage im Mai beim Masters in Madrid gegen Benjamin Becker. Der hat jetzt also nach Andre Agassi (US Open 2006) schon die zweite Ex-Nummer-1 in den Ruhestand geschickt.

Ein Detail zum Abschluss: Moyá war einer ungefähr fünf noch aktiven Profis, gegen die Thomas Muster in seiner ersten Karriere vor seinem Comeback noch gespielt hat. Ungefähr deshalb, weil sich der Aktivitätsgrad der letzen verbliebenen Muster-Zeitzeugen oft nicht sicher bestimmen lässt. Nicolas Lapentti (Ecuador) und Fernando Vicente (Spanien) haben seit dem Sommer kein Match mehr bestritten, ohne - soweit ich das überblicken kann - offiziell ihren Rücktritt erklärt zu haben. Bei Tommy Haas weiß man auch nicht so genau. Nicolas Kiefer spielt neuerdings immerhin wieder Future- und Challenger-Doppel. Musters einziger noch äußerst aktiver Gegner von damals ist sein Landsmann Stefan Koubek, der heute Nachmittag im Finale des Challengers von Bratislava stand.

Hier das ATP-Profil von Carlos Moyá

Sonntag, 14. November 2010

Geheimwissenschaft Weltrangliste

In London sitzt ein junger Mann, der täglich die Weltrangliste vom nächsten Montag vorausberechnet. Zu verfolgen sind diese Berechnungen in einem Thread des Menstennisforums. Wer zum Beispiel am Donnerstag ins Viertelfinale eines 500er-Turniers eingezogen ist, dem schreibt Judio, so nennt sich der junge Mann, schon mal die 90 Punkte gut, die es dafür gibt. Judio macht das schon seit einigen Jahren, und anfangs war es vor allem eine Fleißarbeit. Punkte von vor einem Jahr abziehen, neue Punkte dazuzählen – fertig.

Seit der letzten Reform von Anfang 2009 aber, deren Regeln seither stetig nachgebessert werden, ist aus der Weltrangliste eine Geheimwissenschaft geworden. Selbst Judio, der das System durchschaut wie kaum ein zweiter Außenstehender, kann am Sonntagabend, wenn alle Ergebnisse der Woche vorliegen, oft nur mutmaßen, was für eine Rangliste wir am nächsten Morgen auf der ATP-Webseite vorfinden werden. Tomas Berdych zum Beispiel, die Nummer 6, wird morgen 3755 oder 3760 Punkte haben. Ivan Ljubicic wird Nummer 16 sein mit 2010 Punkten, vielleicht aber auch Nummer 17 mit 1965 Punkten. Philipp Kohlschreiber werden wir auf Platz 34 finden – entweder mit 1215 oder mit 1270 Punkten.

Es gab mal Zeiten, da haben die ATP-Kommunikationsdirektoren Änderungen im Ranglistensystem mit dem Argument verkauft, nun werde für die Fans alles viel besser zu verstehen sein. Davon redet lange keiner mehr. Das Weltranglistensystem erinnert mich an das deutsche Steuerrecht. Im Bestreben, möglichst gerecht zu sein und zugleich immer neue Steuerungseffekte zu erzielen, wird es immer undurchschaubarer. Wahrscheinlich werden die Spieler bald hoch dotierte Weltranglistenberater engagieren, um ihre Punkteausbeute zu optimieren. Im Gegensatz zum Steuerrecht, in dem die einschlägigen Gesetzestexte und Gerichtsurteile wenigstens öffentlich zugänglich sind, kann man bei der Weltrangliste manchmal nur spekulieren, wie die geheimen Regularien genau aussiehen, die das offizielle ATP-Regelbuch in wichtigen Details ergänzen. Auskünfte bekommt man von der ATP praktisch gar nicht, und wenn, dann nur floskelhaft.

Genau wie im Steuerrecht, wo die Arbeitnehmer mit eher geringen Einkommen die Höhe ihrer monatlichen Lohnsteuer einigermaßen zuverlässig kennen, haben es auch die Tennisspieler aus den hinteren Regionen der Weltrangliste recht einfach. Sie bekommen wöchentlich ihre Punkte, die sie den Punktetabellen entnehmen können, gutgeschrieben. Die besten 18 Ergebnisse der letzten zwölf Monate fließen in die Wertung ein. Grand-Slam- und Masters-Turniere zählen immer zu den 18 Ergebnissen, die in die Wertung einfließen – auch dann, wenn man in der ersten Runde ausscheidet oder – trotz Startplatz – nicht teilnimmt. Das ist eine Regelung, die vor allem die Oberschicht und die obere Mittelschicht betrifft, die aber noch leicht zu begreifen ist.

Rätselhaft wird es aber ganz oben bei den so genannten „Commitment Players“. Das sind die Spieler, die am Ende des vergangenen Jahres unter den ersten 30 standen. Für diese Spieler gelten nämlich – teils bekannte, teils geheime – Sonderregeln. Diese Spieler müssen vier 500er-Turniere spielen (und für die Weltrangliste werten lassen), also Turniere aus der Kategorie direkt unterhalb der Masters-Turniere. (Der Hamburger Rothenbaum ist so ein Turnier, auch das Hallenturnier von Basel in der vorigen Woche.) Eines der vier 500er-Turniere, die man als „Commitment Player“ zu bestreiten hat, muss zwischen September und November stattfinden, besagt das Regelwerk. Auch der Davis-Cup zählt als 500er-Turnier. Ebenso das Turnier von Monte Carlo, obwohl es sich offiziell weiterhin Masters nennen darf und es für den Sieger nicht 500 Punkte gibt, sondern 1000.

Das klingt jetzt vielleicht etwas kompliziert. In Wahrheit ist es aber noch viel komplizierter. Es gibt nämlich Sonderregeln, nach denen Commitment-Spieler unter bestimmten Voraussetzungen nur drei statt vier 500er-Turniere werten lassen müssen. Judio und eine Armada von Zahlenfexen, die sich regelmäßig im oben erwähnten Weltranglisten-Vorhersagethread äußern, versuchen seit Monaten, die Einzelheiten dieser Regelung und ein paar anderer Regeln zu ergründen. Dabei haben sie beachtliche Teilerfolge erzielt, aber eben nur Teilerfolge. Sie wissen eben noch nicht, ob Philipp Kohlschreiber morgen 1215 oder 1270 Punkte haben wird.

Einen wichtigen Hinweis könnte übrigens ein geheimnisvoller und extrem selten postender Forenbenutzer namens Jorbaty aus Abu Dhabi gegeben haben, der vor ein paar Tagen in dem Thread auftauchte. Ihm zufolge spielt es eine Rolle, ob sich ein Spieler für ein 500er-Turnier zwölf Wochen im Voraus anmeldet anstatt der üblichen sechs Wochen. Dabei beruft er sich auf eine Quelle innerhalb der ATP. Jorbatys Erscheinen erinnerte mich an ein herrlich schwülstiges Rilke-Gedicht: „Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.“

Ich halte es für sehr gut möglich, dass der geheimnisvolle Informant Recht hat. Es wird sich nicht überprüfen lassen.Denn ebensowenig wie die genannte Regel macht die ATP öffentlich, wer sich zwölf Wochen im Voraus für ein Turnier angemeldet hat.

Die morgige Rangliste entscheidet darüber, welche acht Spieler am World-Tour-Finale in London teilnehmen. Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic, Robin Söderling, Andy Murray, Tomas Berdych, David Ferrer und Andy Roddick haben so viel Vorsprung vor dem Rest des Feldes, dass wir ihre Qualifikation auch ohne Geheimwissenschaft einigermaßen zuverlässig voraussagen können.

Hier geht’s zur aktuellen Weltrangliste

Sonntag, 7. November 2010

Tobias Kamke. Hm.

Es wird Zeit, dass ich mal einen Artikel über Tobias Kamke (24) schreibe. Das Problem dabei: Ich finde ihn langweilig.

Das ist natürlich ein völlig unmöglicher Einstieg in diesen Text. Warum sollte irgend jemand weiterlesen, wenn ich gleich im zweiten Satz Langeweile ankündige? Aber es ist nun mal die Wahrheit.

Dabei habe ich Tobias Kamkes Erfolge schon in der Regionalpresse verfolgt, als er noch zur Schule ging. Er ist mein schleswig-holsteinischer Landsmann, und das erste Mal spielen gesehen habe ich ihn, als er sich als 18-Jähriger im Februar 2005 für das Challenger in seiner Heimatstadt Lübeck qualifizierte und in der ersten Runde gegen den damals noch irgendwo in den 200ern platzierten Michael Berrer verlor. Bei demselben Turnier kam Mischa Zverev aus Hamburg, damals 17 Jahre alt, ins Viertelfinale, und ich war mir sicher, dass ich Zverev sehr viel dringender im Auge behalten muss als Tobias Kamke. Ich behielt Zverev also im Auge und musste drei Monate später lesen, dass Zverev bei einem Future in Finnland gegen Tobias Kamke sang- und klanglos verlor.

In dieser Woche hat Kamke zum ersten Mal gegen einen Top-10-Spieler gewonnen. In Basel schlug er in der ersten Runde den tschechischen Wimbledonfinalisten Tomas Berdych. Kamke steht in der Rangliste jetzt auf Platz 70, zwölf Plätze vor Zverev, und ich wage die Prognose: Er wird noch weiter nach oben klettern, wahrscheinlich sogar unter die ersten 50, und es wird ganz fürchterlich langweilig sein.

Sogar sein Sieg gegen Tomas Berdych war langweilig. Kamke hat großartig gespielt, er hat passgenaue und kräftige Vorhände übers Netz gedroschen, er stand fast immer richtig zum Ball. Berdych sah aber nicht so aus, als würde ihn dieses Match irgendwie interessieren, wie er sich seit seinem Wimbledonfinale überhaupt für keine Turniere mehr zu interessieren scheint, die keine Grand Slams sind.

Tobias Kamke ist als Lucky Loser ins Baseler Hauptfeld gerutscht. Andere Lucky Loser hätten beim Matchball gegen den Wimbledonfinalisten vor Aufregung zwei Doppelfehler serviert, und der Wimbledonfinalst hätte gar nicht anders gekonnt, als das Match, für das er sich eigentlich gar nicht interessiert, doch noch zu gewinnen.

Aber Tobias Kamke umgibt einfach keinerlei Drama. Wenn er der bessere Mann auf dem Platz ist, dann gewinnt er auch. Damit qualifizierte er sich in diesem Jahr für die French Open und für Wimbledon und erreichte die zweite und die dritte Runde. Damit gewann er zwei Challengers und kam bei zwei weiteren ins Finale. Er ist einfach unglaublich solide.
Ganz im Gegensatz zum oben erwähnten Mischa Zverev. Nicht nur, dass der in seinen jungen Jahren Kamikaze-Serve-und-Volley gespielt hat, wie es Tobias Kamke im Traum nicht einfallen würde. Tobias Kamke würde es auch im Traum nicht einfallen, wie Zverev dutzendfach Matches zu vergeigen, nachdem er den ersten Satz 6:1 gewonnen hat. Aber anders als Kamke hat Zverev schon mal ein Endspiel auf der ATP-Tour erreicht (in diesem September in Metz) und ein Masters-Viertelfinale (letztes Jahr in Rom).

Vielleicht schafft Kamke sowas in den nächsten zwei, drei Jahren auch noch – ganz unspektakulär wie bei seinem Sieg gegen Berdych in dieser Woche. Zverev wird in der Rangliste weiter zwischen Platz 40 und 140 herumschwanken, während Kamke Pünktchen für Pünktchen nach oben klettern wird. Dabei wachsen die Bäume für ihn nicht in den Himmel. So unspektakulär, wie er gegen Berdych gewann, verlor er in der zweiten Runde gegen Richard Gasquet. Und gestern schied er in der Qualifikation für das Masters in Paris-Bercy aus.

Die ATP hat Kamke übrigens für den Preis Newcomer of the year nominiert.

Hier das ATP-Profil von Tobias Kamke

Sonntag, 31. Oktober 2010

Dustin Brown spielt jetzt als Deutscher

Deutschland hat einen neuen Tennisprofi. Es ist Dustin Brown aus Celle. Er ist 25 Jahre alt, belegt auf der Einzel-Weltrangliste Platz 102 und auf der Doppel-Weltrangliste Platz 68. Dem interessierten Fernsehpublikum wurde der Rasta-Mann bekannt, als er in diesem Jahr die zweite Runde der US Open erreichte und dort gegen Andy Murray spielte.

Bisher führte die ATP ihn als Jamaikaner. Beim Challenger in Eckental bei Nürnberg, das morgen beginnt und bei dem er an Nummer 1 gesetzt ist, steht in den offiziellen Ergebnislisten erstmals „BROWN, Dustin (GER)“ . Seinen Nationalitätenwechsel gab Brown am Wochenende via Facebook bekannt. Ganz überraschend kam der Schritt nicht. Deutscher Staatsbürger ist er sowieso. Er ist hier geboren und auch überwiegend hier aufgewachsen. Seine Mutter heißt Inge und ist eingeborene Niedersächsin. Mit dem jamaikanischen Tennisverband liegt er seit einiger Zeit in einem öffentlich ausgetragenen Clinch, weil er sich vom Verband nicht genügend unterstützt fühlt.

Schon im Sommer – genau genommen während Wimbledon - wurde kolportiert, er könnte seine Länderflagge wechseln. Komischerweise berichteten darüber vorwiegend englische Medien, und man meinte, Brown würde nun gewiss Brite werden, weil sein jamaikanischer Vater britische Vorfahren hat.

Für Großbritannien wäre Dustin Brown für den Davis-Cup hochinteressant gewesen. Nach Andy Murray (Nr. 4) ist derzeit James Ward (Nr. 220) zweitbester Brite. In Deutschland ist er nur der zehntbeste Spieler und damit nicht unbedingt ein Kandidat fürs Davis-Cup-Team. Insofern kann man sich fragen, was sich Brown eigentlich davon verspricht, nun für sein Geburtsland zu spielen. Als Jamaikaner ist er auch nicht schlecht gefahren. Wegen seines Exotenstatus als Bob Marley des Tenniszirkus war ihm überall auf der Welt, wo er zu einem Turnier antrat, eine gewisse Aufmerksamkeit sicher. Und um Unterstützung vom Tennisverband kann es ihn jetzt eigentlich nicht mehr gehen, dieser Phase ist er entwachsen. So etwas wäre in den letzten Jahren hilfreich gewesen, als er im Campingbus durch Deutschland und die Nachbarländer von Future-Turnier zu Future-Turnier gurkte. In diesem Jahr hat er schon 200.000 Dollar Preisgeld verdient. Abzüglich der Reise- und Unterkunftskosten macht ihn das nicht zum reichen Mann, aber er wird auch ohne Hilfe eines Tennisverbandes über die Runden kommen.

Vielleicht spielt für Browns Entscheidung doch der Davis-Cup eine Rolle. Im Einzel dürfte er seinen Zenit bald erreicht haben, aber er ist auch ein exzellenter Doppelspieler. Neulich gewann er in Metz zusammen mit dem Holländer Rogier Wassen sein ersten ATP-Turnier. In dieser Woche standen die beiden in Monpellier im Halbfinale. In der Dopepel-Rangliste ist Dustin Brown schon jetzt der fünftbeste Deutsche, und weil Doppelspieler oft erst jenseits der 30 ihre besten Leistungen bringen, ist da noch Luft nach oben.

Mit Großbritannien würde er in der dritten Davis-Cup-Division gegen Länder wie Tunesien, Litauen oder die Türkei spielen. Das klingt nicht wesentlich spektakulärer als die Einsätze, die er 2003 für Jamaika schon absolviert hat: gegen Bolivien, El Salvador und Puerto Rico. Als Deutscher muss er um eine Platz im Team zwar hart kämpfen, aber wenn er zum Einsatz käme, wäre es immerhin auf der großen Bühne der Davis-Cup-Weltgruppe.

Und außerdem: Wenn ich ihn in diesem ATP-Video reden höre, klingt mir das doch sehr nach Englisch mit leicht deutschem Akzent:



Also: Willkommen zu Hause, Dustin!


Kleiner Nachtrag am Montagmorgen: Auf der heute veröffentlichten Weltrangliste wird Dustin Brown noch als Jamaikaner geführt.

Noch ein Nachtrag am Montagabend: Jetzt ist er auf der Welttangliste Deutscher. Dafür haben sie ihn auf der Eckentaler Ergebnisliste wieder zum Jamaikaner gemacht. Hoffentlich sehen sich jetzt nicht all diejenigen bestätigt, die meinen, doppelte Staatsbürgerschaften sorgen für Loyalitäts- und sonstige Konflikte.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Live aus Stockholm

Mit zweien hatte ich in Stockholm nicht gerechnet: mit Schnee und mit Florian Mayer. Als ich am Freitagmorgen ankam, war alles weiß. Als ich heute Nachmittag die Stadt wieder verließ, spielte Florian Mayer gerade das Finale gegen Roger Federer.

Zum Viertel- und zum Halbfinale des Stockholmer ATP-250er-Turniers, am Freitag und Sonnabend, war ich in der königlichen Tennishalle am Lidingövägen. Die Veranstaltung gehört zu meinen absoluten Lieblingsturnieren, und nur am Hamburger Rothenbaum habe ich häufiger Profitennis geguckt als in Stockholm. Hier habe ich vor vier Jahren den allerletzten ATP-Auftritt von John McEnroe gesehen, als er mit 47 Jahren an der Seite von Jonas Björkman im Doppel antrat und im Viertelfinale ausschied. Eine Viertelstunde lang, bis ihn seine Kraft verließ, spielte McEnroe schier magische Volleys. Am selben Abend sorgte Joachim Johansson für die knisterndste Stimmung, die ich je bei einem Tennismatch erlebt habe. Bei einem seiner seltenen Comebackversuche wehrte Schwedens dauerverletzter Publikumsliebling Nr. 1 im Viertelfinale gegen Kristof Vliegen ein Matchball mit einem Ass mit dem zweiten Aufschlag ab und gewann wenig später die Partie.

Diesmal hatte das schwedische Publikum nicht so viel zu jubeln, aber weil das hauptsächlich an Florian Mayer lag, den ich genau so gut finde wie das Stockholmer Turnier, kam ich darüber problemlos hinweg.

Meine Faszination für dieses Turnier hat viel mit der Architektur der 1943 erbauten königlichen Tennishalle zu tun. Es ist ein langgestreckter Bau mit gewölbtem Dach und ohne Zwischenwände. Außer auf den ganz teuren Plätzen sitzt man auf den Tribünen auf Holzbänken, und was das Allerbeste ist: Man muss gar nicht auf seinem Platz sitzen, um dem Geschehen auf dem Center Court zu folgen. Man kann auch mit dem Kaffeebecher oder der Bockwurst in der Hand am Geländer oberhalb der Tribünen stehen und von dort zugucken. Als ich das bei meinem vorletzten Besuch einmal tat, stand plötzlich Benjamin Becker neben mir und verfolgte ebenfalls das Match, das unten gerade lief. Ein anderes Mal traf ich Stefan Edberg. Vorgestern trug Christopher Kas nach verlorenem Doppel-Viertelfinale seine während des Matches eingeschlafene dreijährige Tochter durch die Besuchermassen.

Solche Begegnungen hat man als normaler Zuschauer gelegentlich auf Freiluft-Nebenplätzen, aber nicht bei ATP-Hallenturnieren. Die anderen Hallenturniere, die ich kenne, finden in Mehrzweckarenen statt. Auf die Tribünen gelangt dort man durch Treppenhäuser und feuersichere Türen. Die Spieler sieht man nur unten auf dem Platz, weil sie sich sonst in irgendwelchen Katakomben bewegen.

Aber jetzt zu den Matches, die ich gesehen habe, oder zumindest zu einer Auswahl davon.

Freitag
Doppel-Viertelfinale
Johan Brunström (Schweden) / Jarkko Nieminen (Finnland) – Christopher Kas / Michael Kohlmann (Deutschland) 7:5, 6:3

Michael Kohlmann und der oben erwähnte Christopher Kas fingen fulminant an mit zwei Return-Winnern und einem Break. Danach haben die Deutschen im ersten Satz zwar noch lange mithalten können, insbesondere Kohlmann fing nach dem 4:2 an, etwas zu viele Volleys zu verschlagen. Im zweiten Satz kam bei den Deutschen fast kein erster Aufschlag mehr. Sie gerieten in jedem Ballwechsel ganz schnell in die Defensive, was aber auch daran lag, dass Nieminen und insbesondere Brunström überragend spielte. Im Halbfinale am Sonnabend gegen Wesley Moodie und Dick Normann waren die beiden sogar nah dran am Prädikat „Weltklasse“, so dass ich keinen Zweifel hatte, dass sie auch das Endspiel gewinnen würden. Taten sie aber nicht. Doppel-Ergebnisse sind eben nicht sehr sicher vorhersagbar.

Einzel-Viertelfinale
Florian Mayer (Deutschland/Nr. 47) – Robin Söderling (Schweden/Nr. 5) 7:6, 6:1

Die Spieler betraten die Spielfläche mit jeweils einem Auflaufkind an der Hand. Das Wort Auflaufkind kannte ich bisher nur aus dem Fußball, aber meinetwegen. Nach den ersten Ballwechseln machte ich mir die Notiz: „Flo spielt Welttennis. Ist der bessere Spieler, sobald echte Ballwechsel.“ Zu dem Zeitpunkt war ich mir noch unsicher, ob diese Diagnose wirklich zutrifft und vor allem, ob sie von Dauer sein würde. Aber es war nicht zu übersehen: Robin Söderling, Schwedens große Hoffnung auf den Turniersieg, der Weltranglistenfünfte, der French-Open-Finalist von 2009 und 2010, hatte keine Chance. Im ersten Satz schlug Söderling grandios auf, was ihm in jedem Aufschlagspiel die nötigen Punkte brachte, die er brauche, um ein Break zu verhindern. Aber mehr hatte er nicht zu bieten. Vor allem gelang es ihm überhaupt nicht, seine starken Aufschläge irgendwie für sein sonstiges Spiel auszunutzen. Sobald Florian Mayer nach dem Return einen weiteren Ball ins Feld spielen konnte, gab Söderling das Heft aus der Hand. Es war nicht erkennbar, dass er irgendein Konzept gehabt hätte. Es kam mir vor, als hätte er gedacht, den Mayer, den schlägt er mit links, und nicht rechtzeitig gemerkt, dass es so einfach nicht wird. Flo hingegen sah aus, als wäre er „in the zone“ (so nennen es die Spieler, wenn ihnen plötzlich alles gelingt – Pete Sampras hat diesen nahezu hypnotischen Zustand in seinem Buch „A champion's mind“ schön beschrieben). Flo spielte seinen lang gezogenen Slice nicht nur traumwandlerisch sicher in der richtigen Länge kurz vor die Grundlinie, sondern ebenso traumwandlerisch sicher zentimetergenau über die Netzkante und so gut wie nie unter die Netzkante. Er, der ja herzerfrischend variantenreich spielen kann, benötigte gar nicht so viele Varianten. Eigentlich benötigte er nur diesen einen langgezogenen Slice. Mit dem kam Söderling bis zum Ende nicht zurecht. Er spielte die Bälle irgendwie zurück, mal etwas kürzer, mal etwas länger, immer flach - und früher oder später zu lang hinter die Grundlinie.

Roger Federer (Schweiz/Nr. 2) - Stanislas Wawrinka (Schweiz/Nr. 21) 2:6, 6:2, 6:3

Ich war erschüttert. Was Roger Federer im ersten Satz bot, hatte ich bis dahin für unvorstellbar gehalten. Es sah aus, als wollte er absichtlich verlieren. Dieses Abschenken im Viertelfinale kleinerer ATP-Turniere ist in gewissen Spielerkreisen ja durchaus verbreitet. Man tut seine Pflicht, man kassiert die Antrittsprämie, gewinnt anstandshalber ein oder zwei Matches und fährt am Freitagabend nach Hause. Aber Roger Federer hat so etwas noch nie getan. Würde er so etwas aber tun, wäre Stockholm genau das richtige Turnier dafür gewesen. Letzten Sonntag noch spielte er in Schanghai ein Masters-Endspiel. Viele haben sich gewundert, dass er sofort in der Woche drauf für Stockholm gemeldet hatte, zumal er in der übernächsten Woche ja auch noch in Basel spielen muss, worum er aus landsmannschaftlichen Gründen kaum herumkommt. Seinen ehemaligen Spielerkollegen Thomas Johansson und Jonas Björkman, die jetzt die Turnierdirektoren sind, hatte er den Auftritt in Stockholm aber wohl schon lange versprochen. Also: Manch anderer Spieler hätte an Federers Stelle das Viertelfinale in Stockholm lässig abgeschenkt. Mein Verdacht ist: Federer hatte tatsächlich genau dies vor. Aber es ist ihm nicht gelungen, das rechte Maß zu finden. Dazu muss man nämlich exakt das bisschen schlechter als normal spielen, dass es nicht auffällt, dass es aber zur Niederlage reicht. Federer aber stand im ersten Satz ständig so dermaßen schlecht zum Ball, reagierte so dermaßen spät auf Wawrinkas Schläge und schlug viele Bälle so dermaßen weit ins Aus, dass es absolut auffiel. Es fiel auch deshalb auf, weil man als Tennisfan ja kaum einen Spieler aus unzähligen Grand-Slam-Finals so gut wie Federer kennt und weiß, wie er sich normalerweise bewegt, wie er normalerweise die Bälle schlägt. Gegen Wawrinka nun lag er ganz schnell 2:6 und 0:2 zurück und produzierte dabei noch nicht einmal einen missmutigen Gesichtsausdruck. Hinterher sagte er, er habe einfach sein Timing nicht gefunden. Mir scheint, ihm wurde nach dem ersten Satz bewusst, dass er gerade eine große Peinlichkeit produziert, und hat den Versuch, das Match abzuschenken, klugerweise abgebrochen. Ich habe einfach keine andere Erklärung dafür, wieso plötzlich wieder der Federer, wie man ihn kennt, auf dem Platz war. Vorher hatte ich gehofft, er wäre vielleicht einfach verletzt oder hätte eine Magenverstimmung oder sowas. Aber dann hätte er ja auch im zweiten Satz weiter schlecht spielen müssen.

Sonnabend
Einzel-Halbfinale
Florian Mayer – Jarkko Nieminen (Finnland/Nr. 45) 4:6, 6:4, 7:6

Jarkko Nieminen wird in Stockholm stets fast so gefeiert, als wäre er ein Schwede. Das hat mit panskandinavischer Solidarität zu tun und damit, dass Nieminen nach den Spielen seine Interviews in flüssigem Schwedisch gibt. Florian Mayer scheint es nichts ausgemacht zu haben, dass das Publikum gegen ihn war. Das war schon im Match gegen Söderling so. Flo war nicht „in the zone“ wie gegen Söderling, dafür spielte er variantenreich mit vielen Stops und Lobs und brillanten Netzangriffen. Und er war nervenstark. Beim 4:5 im dritten Satz und Aufschlag Mayer hatte Nieminen einen Matchball. Vor wenigen Jahren hätte Flo daraufhin einen Doppelfehler serviert oder den Ball irgendwie anders in Netz oder ins Aus gezittert. Diesmal ging er ans Netz und setzte einen Volley im extremen Winkel auf die Seitenlinie. Nieminen hechtete vergeblich nach dem Ball und zog sich dabei eine dicke Schürfwunde am Ellenbogen zu. Im Tie-Break war Nieminen derjenige, der die Bälle verzitterte.

Das Endspiel gegen Roger Federer hat Florian Mayer 4:6 und 3:6 verloren. Aber das ist ja völlig egal und war auch nicht anders zu erwarten. Florian Mayer ist in der Form seines Lebens, und vor allem hat er mit jetzt 27 offensichtlich zu der Gelassenheit gefunden, die er braucht, um enge Matches vor großem Publikum erfolgreich zu überstehen. Für den theoretischen Fall, dass er das Endspiel heute gewonnen hätte, wäre er schon morgen in der Weltrangliste an Philipp Kohlschreiber vorbeigezogen und hätte ihm seinen geliebten Status als „deutsche Nummer 1“ abspenstig gemacht. Aber vielleicht dauert es nicht mehr lange. Im Moment halte ich Mayer für den eindeutig stärkeren Spieler als Kohlschreiber.

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Stockholm (PDF)

und hier die Doppel-Ergebnisse (PDF)

Sonntag, 17. Oktober 2010

Wette gegen Federer? Forstmanns 40.000 Dollar

Eine kuriose Schlagzeile kam in dieser Woche aus Amerika und wurde zwar nicht von den deutschen Medien, wohl aber von den schweizerischen aufgegriffen: In einer Klageschrift in Los Angeles, in der es um Wettbetrug geht, taucht der Name Roger Federer auf.

Das Klatschportal TMZ hat die Geschichte aufgebracht, und ganz verstanden habe ich sie noch nicht. Soweit ich die Sache bisher zu durchdringen in der Lage bin, gibt es keine ernsthaften Anzeichen dafür, dass Roger Federer ein Wettbetrüger sein könnte. Es könnte aber sehr wohl sein, dass er sich in absehbarer Zeit immer wieder mal mit entsprechenden Verdächtigungen wird herumschlagen müssen. Deshalb sehen wir uns diese Sache jetzt mal näher an.

Im Vordergrund der TMZ-Geschichte steht Golfstar Tiger Woods, mit dem man in den USA mehr Aufmerksamkeit erregen kann als mit Federer. Inhaltlich geht es aber genauso um Federer. Theodore Forstmann, der Haupteigentümer des Sportmanagement-Unternehmens IMG, das sowohl Woods als auch Federer betreut, soll Wetten abgeschlossen haben auf Niederlagen von Woods und Federer – und er soll dabei Insider-Wissen genutzt haben. Forstmann soll eine Wette auf das French-Open-Finale zwischen Rafael Nadal und Federer 2006 oder 2007 (da gibt es widersprüchliche Angaben) von 10.000 auf 40.000 Dollar erhöht haben, nachdem er mit Federer über das bevorstehende Match gesprochen haben soll. Beide Endspiele, 2006 und 2007, gewann Nadal. In beiden Fällen war das Ergebnis keine Überraschung. Federer war damals zwar die Nummer 1, aber auf Sand war Nadal ihm überlegen.

Der Vorwurf, wie er auf TMZ formuliert ist, lautet nun, Federer habe Frostmann Insider-Informationen gegeben. Das ist natürlich banal, wenn es bedeutet, dass Federer vor seinem Match mit seinem Manager sprach und dabei Sachen sagte wie „Ich bin der Außenseiter.“ Wettbetrug wäre es, wenn er absichtlich verlöre und einen Strohmann Geld gegen sich setze ließe. Darauf deutet aber nichts hin. (Außerdem haben die Schweizer Medien natürlich Recht, wenn sie sagen, dass Federer bei seinem Millionenverdienst keinerlei Veranlassung hatte, seine Reputation und einen möglichen Grand-Slam-Titel für eine 40.000-Dollar-Wette aufzugeben.)

Bleibt die Frage, ob Frostmann unabhängig von Federers Plänen auf Nadal gesetzt haben könnte, weil er nach einem Gespräch mit seinem Klienten den Eindruck bekam, dass die Nadal-Wette aussichtsreich sein könnte. Ich kenne Frostmanns Vermögensverhältnisse nicht, aber wer das Unternehmen besitzt, dass Roger Federer und Tiger Woods managt, wird nicht so klamm sein, dass er wegen 40.000 Dollar die Ante-Sapina-Schiene fährt. Laut englischer Wikipedia stand er 2008 auf der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner. Was ich natürlich nicht weiß, ist, ob Frostmann den Nervenkitzel liebt und gern mal irgendwo ein paar Tausender setzt so wie unsereins mal zwei, drei Euro riskiert.

Die Verteidigungsstrategie von Frostmann besteht anscheinend darin, die Glaubwürdigkeit des Mannes zu unterminieren, der die Vorwürfe erhoben hat. Es handelt sich um einen gewissen James Agate von der Firma Agate Printing, der als Mittelsmann für Forstmanns Wetteinsätze gehandelt haben will.

Zu den Dingen, die ich bisher nicht durchschaut habe, gehört, um was für eine Art von Klage es vor dem Los Angeles County Superior Court überhaupt geht. James Agate scheint der Kläger zu sein. Es ist also kein Strafverfahren (dann müsste ja die Staatsanwaltschaft Anklage erheben), sondern eine zivilrechtliche Auseinandersetzung, in der es um Geld gehen dürfte, das Agate von Forstmann haben will.

Einen allgemeinen Einstieg ins Thema Wettmanipulation gibt es hier.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Supreme Court für Hamburg

Heute hat das Masters-Turnier von Schanghai begonnen – das Turnier also, das die ATP vor zwei Jahren in ihren Kalender aufnahm, als zugleich das Turnier am Hamburger Rothenbaum seinen Masters-Status verlor. Dies nehmen wir zum Anlass, einmal einen Blick auf den Rechtsstreit zu werfen, den der Deutsche Tennis-Bund um ebendiesen Vorgang noch immer mit der ATP führt.

Neulich erschien auf tennisnet.com ein aufschlussreiches Interview mit DTB-Präsident Georg von Waldenfels.

Der DTB ruft nun also den Obersten Gerichtshof der USA an, den Supreme Court. Das finanzielle Risiko dieser Aktion dürfte, wenn ich Waldenfels richtig verstehe, zu einem nicht geringen Teil der Tennisverband von Katar tragen.

In zwei Instanzen hat der DTB verloren, und realistischerweise denkt auch in Hamburg kaum ein Mensch mehr daran, den Masters-Status an den Rothenbaum zurückzubekommen. Dieses Ziel war von Anfang an nicht so richtig realistisch, und nach meinem Eindruck hat der DTB daran viel zu lange festgehalten, was dem Turnier am Rothenbaum eher geschadet hat als genutzt. Das Gejammer aus Hamburg war 2008 so groß, dass jeder beiläufig interessierte Tennisfan denken musste, ein Besuch beim herabgestuften 500er-Turnier würde sich sowieso nicht mehr lohnen. Das änderte sich erst, als Michael Stich als Turnierdirektor einstieg.

In erster Linie geht es nun um eine finanzielle Entschädigung. Dass die ATP nicht bereit ist, diese zu zahlen, ist in der Tat schäbig. Wie Waldenfels in dem Interview (soweit ich es beurteilen kann, absolut zutreffend) darstellt, hat der DTB Millionen in sein Hamburger Stadion investiert, um die Standards zu erfüllen, die die ATP von einem Masters-Turnier verlangt. Grotesk ist, dass die ATP vom DTB Prozesskosten verlangt, die den vermutlichen Streitwert um mehre Millionen übersteigen (17,7 Millionen Dollar Prozesskosten waren es 2008, seit her ist es vermutlich sogar noch mehr geworden). Damit immerhin ist die ATP also vor Gericht nicht durchgekommen.

Wenn der Supreme Court die Revisionsklage annimmt, könnte es wirklich noch mal spannend werden, um zwar im Hinblick auf all die grundsätzlichen sportpolitischen Fragen, die bereits ventiliert wurden, als der DTB damals die ersten Schritte auf dem langen Rechtsweg unternahm („Wird der Rothenbaum zum Bosman des Tennis?“)

Aus Hamburger Sicht scheint mir das alles nicht mehr wichtig zu sein. Der Karriere von Jean-Marc Bosman hat das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs ja auch nichts genützt. In Hamburg geht es inzwischen darum, ob es auf Dauer überhaupt noch ein ATP-Turnier gibt. Ein Hauptsponsor ist auch für 2011 wieder nicht in Sicht. Daran würde sich ja nichts ändern, bloß weil der DTB doch noch eine finanzielle Entschädigung rausholt.

Apropos Supreme Court: Den Begriff kannte ich schon als Zwölfjähriger. Allerdings hatte ich keine Ahnung, dass er auch den Obersten Gerichtshof bezeichnet. Es war damals der schnelle Hallenboden-Kunststoffbelag, auf dem Boris Becker und Stefan Edberg ihr Serve-und-Volley-Spiel besonders erfolgreich betrieben. Das wäre vielleicht eine Lösung für das Hamburger Problem: Den Rothenbaum verlassen, den ungeliebten Juli-Termin aufgeben und im Herbst in die Color-Line-Arena gehen. Es gibt in Deutschland seit Jahren kein ATP-Hallenturnier mehr, und dabei sind die deutschen Spieler traditionell drinnen viel stärker als draußen. Vielleicht lässt sich ja die ATP im Rahmen eines Vergleichs darauf ein. Und wenn dann auch noch der Supreme Court als Bodenbelag reaktiviert wird...

Sonntag, 3. Oktober 2010

Commonwealth Games ohne Murray - mit Königskobra

Mahesh Bhupathi hat vorhin getwittert: „Sensational stuff. From an Indian perspective I say this is better then Beijing. Kudos to the CWG team, every one of them!!“

In Neu Delhi wurden heute die Commonwealth Games eröffnet. Die Berichterstattung im Vorfeld, die sich vor allem um mögliche Versäumnisse der indischen Ausrichter drehte, hatte ich nur am Rande wahrgenommen, bis ich vor ein paar Tagen die Meldung las, im Tennisstadion sei eine Königskobra entdeckt worden. Dabei überraschte mich weniger die Königskobra, sondern eher der Umstand, dass man bei den Commonwealth Games nicht nur Cricket spielt, schwimmt, läuft und springt, sondern auch Tennis spielt – und das anscheinend mit dem Anspruch, tatsächlich die besten Profis aus den Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreichs antreten zu lassen.

Ein Blick auf diese Veranstaltung könnte sich also lohnen. Zunächst ein paar grundlegende Infos: Die Commonwealth Games wurden 1930, damals noch als „British Empire Games“, erstmals ausgetragen, und zwar in Edmonton (Kanada). Seither wurden sie – mit Unterbrechung während des und nach dem Zweiten Weltkrieg alle vier Jahre ausgetragen, und zwar exakt immer in den Jahren, in denen auch Fußball-WM war. Bis auf zwei Ausnahmen (Kingston/Jamaika 1966 und Kuala Lumpur/Malayisa 1998) fanden sie stets in Großbritannien, Kanada, Australien oder Neuseeland statt. Es sind mehr als 3000 Athleten aus 72 Nationen am Start.

Die Commonwealth Games in Neu Delhi sind zählen zu den größten Sportereignissen in der an sportlichen Höhepunkten armen Geschichte Indiens. Wenn man bedenkt, wie sehr man sich in Indien beim Bestreben, wirtschaftlich zur Weltspitze aufzuschließen, an China misst, kann man sich leicht vorstellen, wie wichtig für Indien der Vergleich mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking ist, den ja auch Mahesh Bhupathi in seiner Twitter-Meldung bemühte.

Wie gut oder schlecht die Spiele vorbereitet sind, kann ich aus meiner beheizten Stube in Schleswig-Holstein aus nicht beurteilen, wenn ich mir aber die Webseite der Commonwealth-Games ansehe, finde ich schon, dass es da Verbesserungsbedarf gibt. Bis gestern war überhaupt nicht herauszukriegen, welche Tennisspieler denn nun mitmachen. Heute Nachmittag hatte ich eine entsprechende Liste entdeckt. Jetzt, wo ich sie verlinken will, finde ich sie nicht mehr.

In den letzten Tagen war immer wieder zu lesen, wer alles abgesagt habe: Andy Murray, Lleyton Hewitt, Marcos Baghdatis. Bei den Damen sieht es nicht viel anders aus. Gelegentlich konnte man den Eindruck gewinnen, diese Spieler hätten alle aus Angst vor der Königskobra auf die eigentlich fest gebuchte Indienreise verzichtet. Dazu hätten sie aber hellseherische Fähigkeiten benötigt, denn sie standen alle schon vor sechs Wochen auf den Meldelisten der ATP-Turniere von Peking und Tokio, die in dieser Woche parallel zu den Commonwealth Games gespielt werden. Dort gibt es vielleicht nicht ganz so viel Ehre zu gewinnen wie in Neu Delhi, aber dickes Preisgeld und ordentlich Weltranglistenpunkte. (In der Ranglistenregelung wird von den Spitzenspielern sogar verlangt, dass sie mindestens ein 500er-Turnier spielen, das im Kalenderjahr nach den US Open liegt. Da ist die Auswahl nicht sehr groß. Außer dieser Woche bleibt als Alternative nur eine einzige andere Woche Anfang November in Valencia und Basel.)

Nun, der eine oder andere Profi ist trotzdem nach Neu Delhi gereist. Ein bisschen Glück haben die Veranstalter damit, dass der Tenniszirkus im Moment sowieso gerade durch Asien tourt. Global gesehen, liegt das Masters in Schanghei nächste Woche ja gleich um die Ecke.

Die indischen Gastgeber sind mehr oder weniger vollzählig angetreten, einschließlich des oben zitierten Mahesh Bhupathi, Doppel-Olympiasieger von Atlanta und noch heute die Nummer 13 in der Doppel-Weltrangliste. Im Einzel ist der Inder Somdev Devvarman (Nr. 100) topgesetzt vor dem Australier Peter Luczak (Nr. 130). Das sieht also nach einem Wettbewerb auf unterem Challenger-Niveau aus. Im Doppel allerdings dürften die Commonwealth Games einen etwas interessanteren Wettbewerb erleben, insbesondere wegen der Gastgeber, die drei Top-20-Spieler haben: die Olympiasieger von 1996, Bhupathi und Leander Paes (Nr. 9), sowie Rohan Bopanna (Nr. 17), der zusammen mit Somdev Devvarman antritt. Außerdem sind für England die soliden ATP-Tour-Spieler Ken Skupksi (Nr. 59) und Ross Hutchins (Nr. 63) dabei. Der pakistanische Weltklassemann Aisam Qureshi (Nr. 22) spielt mangels stärkerer Landsleute mit einem gewissen Aqeel Khan. Hätte sich Andy Murray für eine Teilnahme entschieden, würde er übrigens – anders als im Davis-Cup – nicht für Großbritannien antreten, sondern in Fußballer-Manier für Schottland. Ohne Andy spielt sein Bruder Jamie Murray (Nr. 105) mit Colin Fleming (Nr. 64).

Hier die Auslosungen (auf der Webseite des Tennis-Weltverbands ITF, auf der Commonwealth-Games-Seite sind sie nicht zu finden)

Die Sache mit der Königskobra im Tennisstadion hat mich übrigens deshalb nicht weiter bekümmert, weil vor einigen Jahren mal mitten in Neu Delhi in Büro eines Unternehmensberaters zu Besuch war (rein privat, bevor jemand falsche Vorstellungen von meinen Tätigkeiten bekommt) und dort eine riesige grüne Echse die Wand hinaufkletterte und sich darüber niemand zu wundern schien. Im Gegensatz zur Kobra war diese Echse wahrscheinlich völlig ungefährlich – aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Zum Schluss ein Blick nach China. Die Olympischen Spiele waren unendlich viel größer oder wahrscheinlich besser organisiert. Trotzdem gibt es Dinge, in denen Neu Delhi besser ist. Das zeigt eine Nachricht von Bob Bryan, der in dieser Woche bei 500er-Turnier in Peking spielt und versicht nebenbei ein wenig zu twittern: "Tweeting isn't easy in China. Everything is blocked." In Neu Delhi genießen nicht nur die Echsen und die Königskobras mehr Freiheiten als in Peking, sondern auch die Menschen.

Sonntag, 26. September 2010

Mischa Zverev gibt es also auch noch

Man hat lange nichts mehr von Mischa Zverev (23) gehört, es sei denn, man verfolgte die Ergebnisse der ATP-Qualifikationswettbewerbe und der Challenger und warf dabei einen Blick auf die Namen der Erstrundenverlierer. Dabei schien der junge Hamburger vor einem Jahr noch auf dem Sprung nach ganz vorn. Im Mai 2009 stand er beim Masters von Rom im Viertelfinale, was ihn auf Platz 45 der Weltrangliste beförderte.

In dieser Woche war er nur noch die Nummer 155. Aber das ändert sich morgen, dann dürfte immerhin wieder zwischen den Plätzen 115 und 120 rangieren. Denn in Metz (Frankreich) spielte er heute Nachmittag plötzlich das erste ATP-Finale seiner Laufbahn. Mit einem solchen Erfolg war beim besten Willen nicht zu rechnen. Zuletzt ließ er Anfang Juni auf dem Rasen von Halle (Westfalen) aufhorchen, als er den späteren Doppel-Wimbledonsieger Jürgen Melzer schlug.

Dass Mischa Zverev jetzt in Metz bis ins Endspiel kam, zeigt, dass man Erfolge manchmal auch mit mehr Glück als Verstand erringen kann. Im Viertelfinale schlug er den seit langen unter massiven Leistungsschwankungen leidenden Finnen Jarkko Nieminen (Nr. 62). Ansonsten marschierte er durch die Runden, als würde stets jemand das Meer vor ihm teilen. Immerhin überstand er grundsolide die Qualifikation und schlug in Runde 1 den notorisch formschwachen Argentinier Horacio Zeballos (Nr 72). In Runde 2 hätte dann eigentlich Endstation sein sollen, und zwar in Gestalt des US-Open-Viertelfinalisten Gael Monfils (Nr. 15). Monfils aber, am vorigen Wochenende noch für Frankreich im Davis-Cup-Halbfinal-Einsatz, sagte kurzfristig ab und wurde von einem Lucky Loser ersetzt, dem legendären Nicolas Mahut (Nr. 158) . Es folgte das Viertelfinale gegen Nieminen (der wiederum in Runde 2 davon profitierte, dass ein weiterer französischer Davis-Cup-Spieler, Michael Llodra, abgesagt hatte), und danach hätte eigentlich wieder einmal Endstation sein sollen für Mischa Zverev. Aber sein Halbfinalgegner, das einstige Jahrhunderttalent Richard Gasquet (Nr. 30), hatte Fieber und konnte nicht antreten. So stand Mischa Zverev plözlich im Endspiel.

Dort wartete der von mir gern geschmähte Gilles Simon (Nr. 41). Ich habe mir das Spiel über weite Strecken angesehen – und zwar im briefmarkengroßen Livestream von bet365.com. Diese Übertragungform ist wirklich nur was für die ganz harten unter den Tennisfans, aber ich war halt neugierig, wie Mischa Zverev denn nun drauf ist im Moment. Denn auch wenn ich etwas über seine leichten Gegner in dieser Woche gelästert habe, bleibt natürlich festzustellen, dass er sie alle geschlagen hat, und zwar locker. Nur in der Quali gab er einen Satz im Tie-Break ab. Ganz vielleicht, dachte ich, hat er ja eine Chance gegen Simon. Im letzten Jahr, als Zverev noch auf dem Sprung nach vorn war, hat er ihn immerhin zweimal bezwungen.

Aber es war eine Enttäuschung. Simon gewann 6:2 und 6:3. Zverev schlug ganz ordentlich auf, und er spielte seinen bekannten Stil mit vielen Netzangriffen, er bereitete diese Netzangriffe oft auch ganz ordentlich vor, aber eine Volleys waren trostlos. Wenn sie mal nicht im Netz hängen blieben, spielte er sie meistens exakt dorthin, wohin Simon gerade lief. Der konnte dann zu hübsch anzusehenden Passierschlägen ausholen. Ich habe Gilles Simon überhaupt selten so schön spielen gesehen wie heute.

In einschlägigen Foren war zu lesen, Zverev hätte sich wehrlos seiner Niederlage ergeben. Das möchte ich in dieser Deutlichkeit nicht unterschreiben. Ein verlierender Angriffspieler sieht immer weniger kämpferisch aus als ein Verlierer vom Schlage eines Rainer Schüttler, der unermüdlich die Grundlinie auf- und abwetzt.

Die Quintessenz ist: Ich hatte nicht den Eindruck, dass Zverev zu seiner alten Spielstärke zurückgefunden hat. Es besteht die Gefahr, dass das Finale von Metz bloß ein Strohfeuer war. Es besteht aber auch die leichte Hoffnung, dass dieses Finale ihm das Selbstbewusstsein geben wird, das ihm zuletzt gefehlt hat (und das ihm allerdings im Endspiel immer noch fehlte). Eine schlüssige Erklärung für Zverevs Langzeittief habe ich allerdings immer noch nicht. Die Handverletzung aus dem letzten Winter kann dafür mittlerweile nicht mehr herhalten.

Immerhin war endlich mal wieder in Radio und Fernsehen zu hören, dass ein deutscher Tennisprofi in einem ATP-Finale stand. (Das letzte Mal gelang dies, wenn ich mich recht erinnere, Michael Berrer im Februar in Zagreb.)

Mischa Zverevs bevorstehender Sprung von Weltranglistenplatz 155 auf ungefähr Platz 116 erschien mir auf den ersten Blick etwas mickrig, und ich war kurz davor, dies auf das neue Weltranglistensystem zurückzuführen, in dem es für 250er-Turniere wie das in Metz nicht eben viele Punkte gibt. Aber dann hab ich in der Rangliste mal zwei Jahre zurückgeblättert und nachgesehen, auf welchen Platz sich damals ein Weltranglisten-155. mit einem Finale in Metz verbessert hätte: ebenfalls auf Platz 116.

Hier die Ergebnisse aus Metz (PDF)

Sonntag, 19. September 2010

TSG 1899 Kasachstan

Bulat Utemuratow hat es geschafft: Er ist in die Davis-Cup-Weltgruppe aufgestiegen. Kasachstan gewann das Relegationsspiel gegen die Schweiz. Dabei gibt es in Kasachstan eigentlich gar keine echten Tennisprofis.

Das Davis-Cup-Team, das an diesem Wochenende in der kasachischen Retortenhauptstadt Astana die Schweiz in Abwesenheit von Roger Federer mit 5:0 nach Hause schickte, bestand ausschließlich aus gebürtigen Russen: Andrei Golubew (Nr. 39), Jewgeni Koroljow (Nr. 73), Michail Kukuschkin (Nr. 81) und Juri Schukin (Nr. 132) (Das ist die deutsche Transskription aus der kyrillischen Schrift. Im Englischen, und somit auch auf der ATP-Webseite, heißen sie Andrey Golubev, Evgeny Korolev, Mikhail Kukushkin und Yuri Schukin). Der beste tatsächlich in Kasachstan geborene Tennisspieler steht auf Platz 449 und hat keine Chance auf einen Platz im Davis-Cup-Team.

Bulat Utemuratow, der Präsident des kasachischen Tennisverbands, hat sich sein Team zusammengekauft. Wie viel er den vier Russen für den Wechsel ihrer Staatsbürgerschaft bezahlt hat, weiß man nicht. Er wird wohl nicht so tief in die Tasche gegriffen haben wie Roman Abramowitsch beim FC Chelsea oder auch nur Dietmar Hopp bei der TSG 1899 Hoffenheim. Geld genug hat Utemuratow auf jeden Fall. Das Magazin Forbes führt ihn auf seiner Milliardärsliste.

Wer wissen will, wer dieser Kerl ist, liest nach im Blog von Sean R. Roberts, einem Professor für International Development aus Washington D.C. und Fachmann für Zentralasien. Bei ihm lernen wir, dass man in einem so undurchsichtigen Land wie Kasachstan nie so genau weiß, ob jemand, der offiziell Milliardär ist, das Geld wirklich selber besitzt oder nicht vielleicht ein Strohmann ist für Leute wie Präsident Nursultan Nasarbajew, zu dessen engsten Beratern Utemuratow zählt. Roberts meint aber, dass Utemuratows Einfluss so groß ist, dass er tatsächlich eine Milliarde Dollar oder noch mehr besitzen könnte. Öffentlich geworden ist Utemuratows Milliardenvermögen anscheinend erst, als er seien Anteil an einer Bank namens ATF an die italienische UniCredit verkaufte. Apropos Italien: Folgen wie Sean R. Roberts, dann kann der italienische Cavaliere Silvio Berlusconi von seinem Kollegen Nasarbajew noch einiges lernen: Eine der schillerndsten Aufgaben seines milliardenschweren und tennisbegeisterten Beraters Utemuratow ist es nämlich, die regimekritischen Medien unter seinen Fittichen zu halten (und dafür zu sorgen, dass sie es mit der Regimekritik nur gerade so weit treiben, dass sie Nasarbajews Macht nicht gefährden, man Nasarbajew aber allenthalben für die Meinungsfreiheit loben kann, die er gewährt).

Aber zurück zum Tennis: Was kann die TSG 1899 Kasachstan in der Davis-Cup-Weltgruppe anstellen? Koroljow, Golubew und Kukuschkin waren stark genug für den Aufstieg und sind es somit auch für den Klassenerhalt. Mit Heimrecht können die eingebürgerten Kasachen auch gegen durchschnittliche Weltgruppenmannschaften gewinnen. Gegen Spitzenteams reicht es aber wohl kaum. Jetzt frage ich mich, ob Utemuratow dasselbe tut, was ambitionierte Aufsteiger im Fußball für gewöhnlich tun: Nämlich Verstärkungen einkaufen. Dafür aber wird die Luft langsam dünn: Er müsste nach Spielern greifen, die stark genug sind, um für ihr Geburtsland aufzulaufen.

Golubew (der im Juli bekanntlich das Turnier am Hamburger Rothenbaum gewann), Koroljow und Kukuschkin wären für Russland zwar auch interessant gewesen, als sie die Nationalität wechselten, was das aber noch nicht unbedingt abzusehen. Für sie war Kasachstan also nicht nur wegen des Geldes interessant, sondern auch, um überhaupt im Davis-Cup spielen zu können. Wenn sich Utemuratow weiter bei den großen Nachbarn im Norden bedienen will, blieben nur noch die Top-Ten-Spieler Nikolai Dawidenko und Michail Juschni. Alles andere hat er schon aufgekauft.

Wir können ja mal ein bisschen rumspinnen: Vielleicht Andy Murray? Wenn er Champions League spielen will, muss er sich einen neuen Verein suchen. Mit Großbritannien wird er sowieso niemals den Davis-Cup gewinnen können. Bis zum vergangenen Jahr hat er immer brav mitgespielt und seine Einzelmatches gewonnen, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass die Briten in die dritte Liga abstiegen. In diesem Jahr verzichtete Murray auf einen Davis-Cup-Einsatz. Die Briten verloren in Runde 1 gegen Litauen und verhinderten mit einem furiosen Sieg gegen die Türkei den Abstieg in die vierte Division.

Noch andere Vorschläge? Vielleicht ein paar Spanier, die keine Chance auf einen Platz im Team haben? Wenn man merkt, dass man auf der Bank versauert, muss man sich woanders eine neue Herausforderung suchen! Oder vielleicht Philipp Petzschner, wenn er wieder seine Nada-Papiere nicht unterschreiben will? Florian Mayer wegen der entspannten Challenger-Atmosphäre in Astana? Wir sind gespannt...

Hier die Playoff-Ergebnisse der Davis-Cup-Weltgruppe

Halbfinale war übrigens auch an diesem Wochenende. Frankreich gewann gegen Argentinien und Serbien gegen Tschechien.

Sonntag, 12. September 2010

Flaute in Dänemark: Keine Männer neben Caroline

Kim Clijsters hat gestern also ihren Titel verteidigt. 6:2 und 6:1 gegen Vera Zvonareva. Der Ausgang der US-Open-Damenkonkurrenz verhunzt mir gewaltig den Einstieg in diesen Artikel. Mit dem belgischen Herrentennis ist nämlich alles in Ordnung. Unter den männlichen Flamen und Wallonen ist zwar kein Grand-Slam-Sieger in Sicht, aber mit Xavier Malisse (Nr .50) und Olivier Rochus (Nr. 74) gibt es zwei solide Profis, die regelmäßig zu ATP-Turnieren antreten und auch schon den einen oder anderen Achtungserfolg erringen konnten. Vier weitere Belgier rangieren zwischen den Plätzen 100 und 200. Unter den rund 1600 Spielern auf der aktuellen Weltrangliste befinden sich 24 Belgier. Für ein Land mit 10,6 Millionen Einwohnern ist das mehr, als man verlangen kann. Auch der belgische Profi-Nachwuchs hat ordentliche Startbedingungen. Erst vor zwei Wochen endete eine Serie von drei Future-Turnieren in Eupen, Koksijde und Huy, bei denen es um jeweils 10.000 Dollar Gesamt-Preisgeld und 18 Ranglistenpunkte für den Sieger ging. In Eupen gewann der 19-jährige Belgier David Goffin die Einzelkonkurrenz, in Huy gewannen die 21 und 22 Jahre alten Belgier Marco und Mario Dierckx die Doppelkonkurrenz.

Aber Belgien ist nicht unser Thema. Hätte hingegen die bei den US Open an Nummer 1 gesetzte Spielerin, Caroline Wozniacki, ihren ersten Grand-Slam-Titel geholt, anstatt im Halbfinale recht sang- und klanglos auszuscheiden, hätte ich diesen Artikel mit einem epochalen Gegensatz beginnen können. Nun aber kann ich mit diesem epochalen Gegensatz erst in Absatz zwei kommen: Ein Volk verbringt Nächte vor dem Fernseher, wie wir es in Deutschland noch aus Zeiten von Steffi und Boris kennen. Das Tennis im Staate Dänemark erklimmt schwindelnde Höhen. Das aber gilt nur fürs Frauentennis. Das dänische Männertennis hat innerhalb weniger Jahre in einem Ausmaß an Relevanz verloren, wie es selbst für ein relativ kleines Land für Dänemark kaum nachzuvollziehen ist.

Mitten im Damentennisboom ist Dänemark im Herrentennis zu einem weißen Fleck geworden, wie man ihn in Europa kaum ein zweites Mal findet. Kürzlich nahm ich mir vor, in diesem Blog über die Schwierigkeiten zu schreiben, in der völligen Diaspora eine Profitennis-Karriere zu starten, also in einem Land ohne jede Möglichkeit, Weltranglistenpunkte zu sammeln, ohne Chancen für die Juniorenmeister, die eine oder andere Wild Card für ein Future oder gar ein Challenger zu ergattern. Es ist gar nicht so leicht, in Europa ein solches Land zu finden. Wenigstens ein Future-Turnier, die unterste Kategorie im Profitennis, gibt es so gut wie überall – ob in Estland, Lettland, Litauen, Slowenien oder Mazedonien. Sogar San Marino hat ein Challenger. Abgesehen von Zwergstaaten wie Liechtenstein fand ich drei europäische Länder ohne ATP-Punktevergabe: die Ukraine, Zypern und eben Dänemark. Auch Zypern und die Ukraine sind erstaunliche Fälle. Zypern hat zwar nicht einmal ein Fünftel der Einwohnerzahl Dänemarks, aber mit Marcos Baghdatis (Nr. 18) einen amtierenden Tennis-Nationalhelden. Und die Ukraine ist ein weites Land mit aktuell drei Top-100-Spielern (die übrigens alle ihre ersten Ranglistenpunkte in der Heimat sammelten, als es noch ukrainische Futures gab).


Auch in Dänemark wurde bis vor kurzem noch Profi-Herrentennis gespielt. Am Freitag telefonierte ich mit Niels Persson (Foto), dem Geschäftsführer des dänischen Tennisverbands. Ich sagte ihm, ich sei überrascht gewesen, als ich feststellte, dass es in Dänemark kein einziges Herren-Weltranglistenturnier mehr gibt. Ja, sagte Niels Persson, ihn habe das auch überrascht.

Das große ATP-Turnier in Kopenhagen wurde bereits 2004 in die USA verkauft. Wenig später gab auch die dänische Sandplatz-Futureserie ihren Geist auf. Bisher aber gab es immerhin noch das Challenger-Turnier im Oktober in Kolding (80 Kilometer hinter der deutschen Grenze). Für dieses Jahr aber ist das Challenger abgesagt. Der Hauptsponsor ist abgesprungen.

Auf der Webseite des dänischen Tennisverbands steht zwar noch, man arbeite daran, das Turnier 2011 wieder ausrichten zu können, aber Niels Persson klingt da nicht wirklich zuversichtlich. Ihm fehlen die Spieler. Es gibt demnächst nur noch einen einzigen Dänen auf der ATP-Weltrangliste: Frederik Nielsen auf Platz 272. Kristian Pless (Junioren-Weltmeister von 1999 als Nachfolger von Roger Federer und Vorgänger von Andy Roddick) hat seine enttäuschende und von Verletzungen überschattete Karriere vor fast einem Jahr beendet und verliert in zwei Wochen seine letzten acht Ranglistenpunkte.

Aber für Turniere ohne dänische Teilnehmer, sagt Niels Persson, interessieren sich die Zuschauer nicht und also auch nicht die Sponsoren. Ein Challenger auszurichten, das koste 700.000 Kronen (94.000 Euro). „Das Geld hat unser Verband nicht.“ Vielleicht könne man wenigstens irgendwann wieder ein Future ausrichten. An eine eigene dänische Future-Serie mit drei Turnieren denkt er dabei nicht, eher an eine Zusammenarbeit mit den Nachbarn in Schweden. 2011 werde das aber mit Sicherheit noch nichts.

In Schweden gibt es mehrere Futures. An diesem Wochenende schaffte ein einzelner Däne in Danderyd bei Stockholm die Qualifikation fürs Hauptfeld. Wenn Philip Orno sein Erstrundenmatch gewinnen sollte (was ihm gegen den Finnen Juho Paukku wohl nicht gelingen wird), bekäme er seinen ersten Weltranglistenpunkt und könnte von Platz 1600 aus Frederik Nielsen Gesellschaft leisten.

Es ist unwahrscheinlich, dass Dänemark so viele ATP-Profis hätte wie Belgien, wenn es bloß ebenso viele ATP-Turniere hätte. Aber die Entscheidung, ob man es auf der Profitour versuchen oder sich doch lieber auf die Berufsausbildung konzentrieren soll, fällt im Einzelfall gewiss anders aus, wenn das nächste Future-Turnier gleich um die Ecke stattfindet und der Veranstalter mit einer Wild Card lockt. Vielleicht wäre die Karriere von Martin Pedersen, der als 19-Jähriger ein Challenger-Finale in Dublin erreichte, dann anders verlaufen. Er hat den Versuch, Profi zu werden aufgegeben. Vor zwei Jahren habe ich ihn in der zweiten Bundesliga in Hartenholm spielen gesehen, und er machte einen absolut Challenger-tauglichen Eindruck. Er spielt auch immer noch für Dänemark im Davis-Cup (das kann Frederik Nielsen ja nicht alleine) und liefert dort Ergebnisse auf solidem Challenger-Niveau ab.

So bleibt Frederik Nielsen der einzige männliche dänische Tennisprofi. Vor zwei Jahren waren es neun Dänen auf der Weltrangliste. Vor fünf Jahren gewann zuletzt ein Däne ein ATP-Turnier (Kenneth Carlsen in Memphis).

Auf der WTA-Rangliste sind immerhin vier Däninnen geführt, von denen Caroline Wozniacki mit ihren 20 Jahren die älteste ist. Da ist also sogar noch Luft nach oben. Und ein WTA-Turnier in Kopenhagen gibt es – Caroline sei Dank – seit diesem Jahr auch.

Und die weitere Zukunft? Die dänischen Tennisclubs haben tausende neue Mitglieder gewonnen, seit Caroline Wozniacki auf der Bildfläche erschienen ist. „Vorher sind unsere Mitgliederzahlen 18 Jahre lang gesunken“, sagt Niels Persson. Es seien durchaus auch Jungs unter den Kindern, die jetzt mit dem Tennisspielen beginnen. Aber besonders häufig, sagt er, sehe man Mädchen mit gelben Rackets. „Da sieht man deutlich, wer das Vorbild ist.“

(Im übrigens weise ich darauf hin, dass Niels Persson „Caroline“ sagt und nicht „Cärolein“ wie die deutschen Eurosport-Kommentatoren. Am Freitag durften wir die kuriose Situation erleben, dass Eurosport-Expertin Amelie Mauresmo auf Englisch von „Caroline“ sprach und der deutsche Dolmetscher das mit „Cärolein“ übersetzte.)

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