Sonntag, 24. Oktober 2010

Live aus Stockholm

Mit zweien hatte ich in Stockholm nicht gerechnet: mit Schnee und mit Florian Mayer. Als ich am Freitagmorgen ankam, war alles weiß. Als ich heute Nachmittag die Stadt wieder verließ, spielte Florian Mayer gerade das Finale gegen Roger Federer.

Zum Viertel- und zum Halbfinale des Stockholmer ATP-250er-Turniers, am Freitag und Sonnabend, war ich in der königlichen Tennishalle am Lidingövägen. Die Veranstaltung gehört zu meinen absoluten Lieblingsturnieren, und nur am Hamburger Rothenbaum habe ich häufiger Profitennis geguckt als in Stockholm. Hier habe ich vor vier Jahren den allerletzten ATP-Auftritt von John McEnroe gesehen, als er mit 47 Jahren an der Seite von Jonas Björkman im Doppel antrat und im Viertelfinale ausschied. Eine Viertelstunde lang, bis ihn seine Kraft verließ, spielte McEnroe schier magische Volleys. Am selben Abend sorgte Joachim Johansson für die knisterndste Stimmung, die ich je bei einem Tennismatch erlebt habe. Bei einem seiner seltenen Comebackversuche wehrte Schwedens dauerverletzter Publikumsliebling Nr. 1 im Viertelfinale gegen Kristof Vliegen ein Matchball mit einem Ass mit dem zweiten Aufschlag ab und gewann wenig später die Partie.

Diesmal hatte das schwedische Publikum nicht so viel zu jubeln, aber weil das hauptsächlich an Florian Mayer lag, den ich genau so gut finde wie das Stockholmer Turnier, kam ich darüber problemlos hinweg.

Meine Faszination für dieses Turnier hat viel mit der Architektur der 1943 erbauten königlichen Tennishalle zu tun. Es ist ein langgestreckter Bau mit gewölbtem Dach und ohne Zwischenwände. Außer auf den ganz teuren Plätzen sitzt man auf den Tribünen auf Holzbänken, und was das Allerbeste ist: Man muss gar nicht auf seinem Platz sitzen, um dem Geschehen auf dem Center Court zu folgen. Man kann auch mit dem Kaffeebecher oder der Bockwurst in der Hand am Geländer oberhalb der Tribünen stehen und von dort zugucken. Als ich das bei meinem vorletzten Besuch einmal tat, stand plötzlich Benjamin Becker neben mir und verfolgte ebenfalls das Match, das unten gerade lief. Ein anderes Mal traf ich Stefan Edberg. Vorgestern trug Christopher Kas nach verlorenem Doppel-Viertelfinale seine während des Matches eingeschlafene dreijährige Tochter durch die Besuchermassen.

Solche Begegnungen hat man als normaler Zuschauer gelegentlich auf Freiluft-Nebenplätzen, aber nicht bei ATP-Hallenturnieren. Die anderen Hallenturniere, die ich kenne, finden in Mehrzweckarenen statt. Auf die Tribünen gelangt dort man durch Treppenhäuser und feuersichere Türen. Die Spieler sieht man nur unten auf dem Platz, weil sie sich sonst in irgendwelchen Katakomben bewegen.

Aber jetzt zu den Matches, die ich gesehen habe, oder zumindest zu einer Auswahl davon.

Freitag
Doppel-Viertelfinale
Johan Brunström (Schweden) / Jarkko Nieminen (Finnland) – Christopher Kas / Michael Kohlmann (Deutschland) 7:5, 6:3

Michael Kohlmann und der oben erwähnte Christopher Kas fingen fulminant an mit zwei Return-Winnern und einem Break. Danach haben die Deutschen im ersten Satz zwar noch lange mithalten können, insbesondere Kohlmann fing nach dem 4:2 an, etwas zu viele Volleys zu verschlagen. Im zweiten Satz kam bei den Deutschen fast kein erster Aufschlag mehr. Sie gerieten in jedem Ballwechsel ganz schnell in die Defensive, was aber auch daran lag, dass Nieminen und insbesondere Brunström überragend spielte. Im Halbfinale am Sonnabend gegen Wesley Moodie und Dick Normann waren die beiden sogar nah dran am Prädikat „Weltklasse“, so dass ich keinen Zweifel hatte, dass sie auch das Endspiel gewinnen würden. Taten sie aber nicht. Doppel-Ergebnisse sind eben nicht sehr sicher vorhersagbar.

Einzel-Viertelfinale
Florian Mayer (Deutschland/Nr. 47) – Robin Söderling (Schweden/Nr. 5) 7:6, 6:1

Die Spieler betraten die Spielfläche mit jeweils einem Auflaufkind an der Hand. Das Wort Auflaufkind kannte ich bisher nur aus dem Fußball, aber meinetwegen. Nach den ersten Ballwechseln machte ich mir die Notiz: „Flo spielt Welttennis. Ist der bessere Spieler, sobald echte Ballwechsel.“ Zu dem Zeitpunkt war ich mir noch unsicher, ob diese Diagnose wirklich zutrifft und vor allem, ob sie von Dauer sein würde. Aber es war nicht zu übersehen: Robin Söderling, Schwedens große Hoffnung auf den Turniersieg, der Weltranglistenfünfte, der French-Open-Finalist von 2009 und 2010, hatte keine Chance. Im ersten Satz schlug Söderling grandios auf, was ihm in jedem Aufschlagspiel die nötigen Punkte brachte, die er brauche, um ein Break zu verhindern. Aber mehr hatte er nicht zu bieten. Vor allem gelang es ihm überhaupt nicht, seine starken Aufschläge irgendwie für sein sonstiges Spiel auszunutzen. Sobald Florian Mayer nach dem Return einen weiteren Ball ins Feld spielen konnte, gab Söderling das Heft aus der Hand. Es war nicht erkennbar, dass er irgendein Konzept gehabt hätte. Es kam mir vor, als hätte er gedacht, den Mayer, den schlägt er mit links, und nicht rechtzeitig gemerkt, dass es so einfach nicht wird. Flo hingegen sah aus, als wäre er „in the zone“ (so nennen es die Spieler, wenn ihnen plötzlich alles gelingt – Pete Sampras hat diesen nahezu hypnotischen Zustand in seinem Buch „A champion's mind“ schön beschrieben). Flo spielte seinen lang gezogenen Slice nicht nur traumwandlerisch sicher in der richtigen Länge kurz vor die Grundlinie, sondern ebenso traumwandlerisch sicher zentimetergenau über die Netzkante und so gut wie nie unter die Netzkante. Er, der ja herzerfrischend variantenreich spielen kann, benötigte gar nicht so viele Varianten. Eigentlich benötigte er nur diesen einen langgezogenen Slice. Mit dem kam Söderling bis zum Ende nicht zurecht. Er spielte die Bälle irgendwie zurück, mal etwas kürzer, mal etwas länger, immer flach - und früher oder später zu lang hinter die Grundlinie.

Roger Federer (Schweiz/Nr. 2) - Stanislas Wawrinka (Schweiz/Nr. 21) 2:6, 6:2, 6:3

Ich war erschüttert. Was Roger Federer im ersten Satz bot, hatte ich bis dahin für unvorstellbar gehalten. Es sah aus, als wollte er absichtlich verlieren. Dieses Abschenken im Viertelfinale kleinerer ATP-Turniere ist in gewissen Spielerkreisen ja durchaus verbreitet. Man tut seine Pflicht, man kassiert die Antrittsprämie, gewinnt anstandshalber ein oder zwei Matches und fährt am Freitagabend nach Hause. Aber Roger Federer hat so etwas noch nie getan. Würde er so etwas aber tun, wäre Stockholm genau das richtige Turnier dafür gewesen. Letzten Sonntag noch spielte er in Schanghai ein Masters-Endspiel. Viele haben sich gewundert, dass er sofort in der Woche drauf für Stockholm gemeldet hatte, zumal er in der übernächsten Woche ja auch noch in Basel spielen muss, worum er aus landsmannschaftlichen Gründen kaum herumkommt. Seinen ehemaligen Spielerkollegen Thomas Johansson und Jonas Björkman, die jetzt die Turnierdirektoren sind, hatte er den Auftritt in Stockholm aber wohl schon lange versprochen. Also: Manch anderer Spieler hätte an Federers Stelle das Viertelfinale in Stockholm lässig abgeschenkt. Mein Verdacht ist: Federer hatte tatsächlich genau dies vor. Aber es ist ihm nicht gelungen, das rechte Maß zu finden. Dazu muss man nämlich exakt das bisschen schlechter als normal spielen, dass es nicht auffällt, dass es aber zur Niederlage reicht. Federer aber stand im ersten Satz ständig so dermaßen schlecht zum Ball, reagierte so dermaßen spät auf Wawrinkas Schläge und schlug viele Bälle so dermaßen weit ins Aus, dass es absolut auffiel. Es fiel auch deshalb auf, weil man als Tennisfan ja kaum einen Spieler aus unzähligen Grand-Slam-Finals so gut wie Federer kennt und weiß, wie er sich normalerweise bewegt, wie er normalerweise die Bälle schlägt. Gegen Wawrinka nun lag er ganz schnell 2:6 und 0:2 zurück und produzierte dabei noch nicht einmal einen missmutigen Gesichtsausdruck. Hinterher sagte er, er habe einfach sein Timing nicht gefunden. Mir scheint, ihm wurde nach dem ersten Satz bewusst, dass er gerade eine große Peinlichkeit produziert, und hat den Versuch, das Match abzuschenken, klugerweise abgebrochen. Ich habe einfach keine andere Erklärung dafür, wieso plötzlich wieder der Federer, wie man ihn kennt, auf dem Platz war. Vorher hatte ich gehofft, er wäre vielleicht einfach verletzt oder hätte eine Magenverstimmung oder sowas. Aber dann hätte er ja auch im zweiten Satz weiter schlecht spielen müssen.

Sonnabend
Einzel-Halbfinale
Florian Mayer – Jarkko Nieminen (Finnland/Nr. 45) 4:6, 6:4, 7:6

Jarkko Nieminen wird in Stockholm stets fast so gefeiert, als wäre er ein Schwede. Das hat mit panskandinavischer Solidarität zu tun und damit, dass Nieminen nach den Spielen seine Interviews in flüssigem Schwedisch gibt. Florian Mayer scheint es nichts ausgemacht zu haben, dass das Publikum gegen ihn war. Das war schon im Match gegen Söderling so. Flo war nicht „in the zone“ wie gegen Söderling, dafür spielte er variantenreich mit vielen Stops und Lobs und brillanten Netzangriffen. Und er war nervenstark. Beim 4:5 im dritten Satz und Aufschlag Mayer hatte Nieminen einen Matchball. Vor wenigen Jahren hätte Flo daraufhin einen Doppelfehler serviert oder den Ball irgendwie anders in Netz oder ins Aus gezittert. Diesmal ging er ans Netz und setzte einen Volley im extremen Winkel auf die Seitenlinie. Nieminen hechtete vergeblich nach dem Ball und zog sich dabei eine dicke Schürfwunde am Ellenbogen zu. Im Tie-Break war Nieminen derjenige, der die Bälle verzitterte.

Das Endspiel gegen Roger Federer hat Florian Mayer 4:6 und 3:6 verloren. Aber das ist ja völlig egal und war auch nicht anders zu erwarten. Florian Mayer ist in der Form seines Lebens, und vor allem hat er mit jetzt 27 offensichtlich zu der Gelassenheit gefunden, die er braucht, um enge Matches vor großem Publikum erfolgreich zu überstehen. Für den theoretischen Fall, dass er das Endspiel heute gewonnen hätte, wäre er schon morgen in der Weltrangliste an Philipp Kohlschreiber vorbeigezogen und hätte ihm seinen geliebten Status als „deutsche Nummer 1“ abspenstig gemacht. Aber vielleicht dauert es nicht mehr lange. Im Moment halte ich Mayer für den eindeutig stärkeren Spieler als Kohlschreiber.

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Stockholm (PDF)

und hier die Doppel-Ergebnisse (PDF)

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