Sonntag, 30. Mai 2010

Trainieren, essen, schlafen: Twitternde Tennisprofis

Jetzt sind mit die Leute von der Presseagentur zuvorgekommen: Seit ich neulich während des ATP-Turniers in München von den Matches getwittert habe, habe ich etwas genauer zu verfolgen begonnen, worüber und wie viel eigentlich die Tennisprofis so durch die Gegen twittern. Ich dachte mir: In der Saure-Gurken-Zeit, also zu Beispiel in der Mitte der French Open, werde ich zu dem Thema mal einen Blogeintrag verfassen. Nun ist gestern eine solche Geschichte über dpa gelaufen.

Ein paar andere Sachen zum Thema fallen mir trotzdem noch ein, und falls ich irgendwas wiederhole, macht das nichts, denn auch das passt zum Thema: Alle twittern wild durcheinander und manchmal schreiben alle dasselbe.

Für einen Überblick darüber, welche Profis mitmachen beim Getwitter, empfehle ich die Seite tennistweets.com. Die ist längst nicht vollständig, aber die wichtigsten Leute stehen drauf. Wie man sieht, ist das Verfassen von Kurzmeldungen unter Amerikanern besonders verbreitet. Meine eigenen Eindrücke davon, wer besonders intensiv twittert und wer eher wenig von sich mitteilt, beruhen auf den drei Wochen seit München und sind deshalb vermutlich nur eingeschränkt aussagekräftig. Andy Roddick war im Mai extrem mitteilsam, was daran gelegen haben dürfte, dass er Zeit zum Schreiben hatte. Er hat die Sandplatzsaison ja weitestgehend geschwänzt.

Repräsentativ genug ist aber mein Eindruck davon, worüber die Spieler so schreiben: Nehmen wir zum Beispiel das hier: „Hey guys, I am going to the press conference now... then going to eat, have a massage and rest for tomorrow ..... :)“ Der Tweet stammt von Marcos Baghdatis am 18. Mai. Datum und Verfasser sind beliebig austauschbar. Immerhin sind die meisten Nachrichten so schlicht, dass man davon ausgehen darf, dass die Spieler sie tatsächlich selbst verfassen und nicht die Ghostwriter von irgendwelchen Management-Agenturen. Sorgen wegen des Twitterns macht sich inzwischen wohl niemand mehr. Letztes Jahr bei den US Open gab es ja noch eine gewisse Aufregung, weil die Veranstalter sich Sorgen machten, Twittern könnte zu Wettmanipulationen führen...

Manche Tweets sind aber auch echt gut. Die von den Indern zum Beispiel. Indien ist ja generell eine eher unauffällige Tennisnation, aber im Twittern sind Somdev Devvarman, Mahesh Bhupati und Rohan Bopanna ganz vorn dabei. Am Tag nachdem Baghdatis erst eine Pressekonferenz gab, dann etwas aß, sich massieren ließ und sich schließlich ausruhte, lachte Devvarman nach eigenen Angaben hysterisch, und zwar über dieses Video.

Wer so gut wie gar nicht twittert, sind die deutschen Herren. Simon Greul hat zwar einen Account, hat den aber erst zweimal benutzt. Philipp Kohlschreiber hat vor ein paar Wochen groß angekündigt, er werde nun zu twittern beginnen. Die meisten der sporadischen Mitteilungen von ihm scheinen aber doch vom Agentur-Ghostwriter zu stammen – bis auf heute Abend, da erfahren wir: „zurück aus paris.etwas schwere beine von der langen fahrt.freue mich auf ein paar tage pause&die anstehenden rasenturniere!“

Mehr getwittert wird unter Deutschlands weiblichen Tennisprofis. Sabine Lisicki, Andrea Petkovic, Julia Görges und Anna-Lena Grönefeld scheinen allerdings zu ahnen, dass sich für ihre Sportart in Deutschland sowieso keiner interessiert: Sie schreiben ihre Nachrichten auf Englisch, und zwar richtig viel, manchmal mehrmals täglich, und dabei kommunizieren sie auch untereinander. Das macht Spaß, mitzulesen, auch wenn die Informationen, die dabei rüberkommen, selten tiefgründig sind. So weiß ich nun, dass Deutschlands Tennisspielerinnen gestern Abend, ebenso wie der Rest der Nation, mit Lena Meyer-Landrut mitfieberten.

Apropos Eurovision: Ein anderes Thema, das die Agenturen mittlerweile auch schon entdeckt haben und das als Alternative zum Twittern sonst auch noch was für diesen Blog gewesen wäre, ist der Flitzer, der während des spanischen Beitragsliedes auf die Bühne stürmte. Es war derselbe „professionelle Spielverderber“ (El Pais) Jaume Marquet Cot alias „Jimmy Jump“, der vor fast genau einem Jahr im Finale der French Open auf den Platz stürmte und versuchte, Roger Federer eine katalanische Mütze aufzusetzen.

Hier ein paar weitere twitternde Spieler:

Bob Bryan
Talyor Dent
Henri Kontinen
Gael Monfils
Andy Murray
Frederik Nielsen
Rajeev Ram
Robin Söderling
Rik de Voest

Sonntag, 23. Mai 2010

Schafft den World Team Cup ab!

Zum Einstieg in unser heutiges Thema setze ich einfach mal einen Link zu meinem Artikel über den World Team Cup in Düsseldorf, den ich vor einem Jahr geschrieben habe:

Vovk-WM mit Vinciguerra

Dem ist nicht wirklich viel hinzuzufügen, außer dass alles noch schlimmer geworden ist und ich inzwischen eine noch radikalere Ansicht vertrete. Letztes Jahr hab ich mich bloß an der bezeichnung „ATP-Mannschaftsweltmeisterschaft“ gestört, die angesichts des mediokren Teilnehmerfelds etwas übertrieben wirkte. Inzwischen merke, ich dass mich die ganze Veranstaltung kaum noch interessiert, egal, ob sie nun eine WM ist oder nicht. Ich habe mir im Fernsehen keinen einzigen Ballwechsel aus Düsseldorf angesehen. Das hatte damit zu tun, dass ich arbeiten musste und das Wetter, wenn ich nicht arbeiten musste, zu schön zum fernsehen war. Aber es hatte nicht nur damit zu tun. Dass ich die French Open, die heute begonnen haben, komplett verpassen werde, halte ich für unvorstellbar. Auch das Rasenturnier in Halle/Westfalen in zwei Wochen werde ich gewiss verfolgen. Aber der World Team Cup – bei dem muss sich schon einiges ändern, wenn ich mich nächstes Jahr wieder für ihn erwärmen will.

Es gibt in der Ranglisten fünf Franzosen, die besser platziert sind, als die WTC-Teilnehmer Jeremy Chardy und Paul-Henri Mathieu. Fünf! Wäre das Fußballturnier, das in drei Wochen in Südafrika beginnt, noch eine „Weltmeisterschaft“, wenn Nicolas Anelka, Thierry Henry, Yoann Gourcuff, Franck Ribéry und Jeremy Toulalan mitteilten, dass sie auf eine Teilnahme verzichten, weil die Veranstaltung nicht in ihren Jahreskalender passt?

Vor einem Jahr waren mit Juan Martin del Potro (Argentinien) und den beiden Franzosen Gilles Simon und Jo-Wilfried Tsonga immerhin drei Spieler aus den Top Ten dabei. Diesmal war der bestplatzierte Teilnehmer Tomas Berdych (Nummer 17). Der größte Lichblick war der abgehalferte australische Altstar Lleyton Hewitt. Den Argentiniern kann man zu Gute halten, dass sie ohne den verletzten del Potro tatsächlich mit dem stärkstmöglichen Team angereist sind. Mit Juan Monaco (Nr. 30), Horacio Zeballos (Nr. 49) und Eduardo Schwank (Nr. 53) sind sie verdientermaßen „Weltmeister“ geworden. Aber wenn alle Länder, die für die WM über die Weltranglistenposition ihrer beiden besten Spieler qualifiziert waren, mitgemacht hätten, wären die Argentinier gar nicht dabei gewesen. Die Schweiz und Russland aber sagten gleich ganz ab. (Vielleicht weil Stanislav Vovk, russischer WM-Teilnehmer von 2009, inzwischen in Rangliste an Boden verloren hat und von Platz 1135 auf Platz 1171 abgerutscht ist?)

So. Das war jetzt alles etwas einseitig. Aber ab und zu muss man in so einem Blog auch mal eine Polemik verfassen, sonst schockt das nicht. Ein bisschen sachliche Analyse des WTC-Problems hab ich ja letztes Jahr schon geliefert. Mich jedenfalls würde es nicht stören, wenn der World Team Cup bald nicht mehr existierte. (Man hört ja davon, dass es für das kommende Jahr noch keinen Hauptsponsor gibt und der Vertrag des Veranstalters mit der ATP 2012 ausläuft..)

Hier die Webseite des World Team Cups

Sonntag, 16. Mai 2010

Rafael Nadal ist wieder da - Ausblick auf die French Open

Auf einmal ist wieder alles wie früher: Es ist Sandplatzsaison, und im Endspiel gewinnt Rafael Nadal gegen Roger Federer. 6:4 und 7:6 endete das Finale des Masters-Turniers von Madrid. Man mag es kaum glauben, aber die beiden Dauerrivalen der letzten Jahre haben tatsächlich zum ersten Mal genau einem Jahr an selber Stelle wieder gegeneinander gespielt. Zum Vergleich: 2008 gab es dieses Duell vier Mal, 2007 fünf Mal, 2006 sogar sechs Mal. Meistens gewann Nadal, im direkten Vergleich führt er jetzt mit 14 zu 7. In den vergangenen Jahren gab es das Duell nach meinem Geschmack sogar viel zu häufig. Man stelle sich vor, Bayern und Werder oder Real und Barca würden sechs Mal in einem Jahr aufeinander treffen, das wird irgendwann langweilig.

Dass Federer und Nadal sich so lange nicht begegneten, lag in erster Linie am Spanier. Nicht erst seit er bei den French Open 2009 im Achtelfinale ausschied – damals noch als nahezu unangefochtener Weltranglistenerster, hatte er immer mit Verletzungen zu kämpfen, manch einer weissagte schon sein frühes Karriereende herbei. Diese Prognose war wegen seiner kraftraubenden Spielweise nicht ganz abwegig. Im Moment aber sieht es so aus, als könnte er tatsächlich noch mal auf Platz 1 der Weltrangliste zurückkehren. Zwischenzeitlich war er bis auf Platz 4 zurückgefallen, aber nach seinem Sieg in Madrid wird er ab diesem Montag immerhin wieder auf Platz 2 geführt. Wenn er nun die French Open, die in einer Woche beginnen, gewinnt, könnte er schon danach wieder ganz oben stehen, falls Titelverteidiger Roger Federer in Roland Garros nicht übers Viertelfinale hinauskommt.

Ich glaube allerdings nicht, dass das geschehen wird. Ich glaube eher, dass wir auch in Paris wieder ein Endspiel Federer gegen Nadal sehen werden. Nadal hat in dieser Sandplatzsaison noch überhaupt nichts anbrennen lassen. In Madrid feierte er seinen dritten Turniersieg hintereinander. Federer hat in der vorigen Woche in Estoril mit Sicherheit und meiner Ansicht nach auch davor in Rom mit halber Kraft gespielt. Die beiden frühen Niederlagen fallen für ihn nicht wirklich ins Gewicht. In Paris wird er – wie schon zur Generalprobe in Madrid – voll da sein.

Die aufstrebenden Nachwuchskräfte, die Nadal und Federer in jüngster Vergangenheit zu entthronen drohten, sind indessen zur Zeit etwas indisponiert. Novak Djokovic könnte sich noch am ehesten berappeln, der hat derzeit mit starkem Heuschnupfen zu kämpfen und deshalb sein Heimturnier in Belgrad abgebrochen und dann Madrid abgesagt. Was mit US-Open-Sieger Juan Martin del Potro ist, weiß man nicht so genau. Seit den Australian Open pausiert er offiziell wegen einer Handgelenksverletzung. In Argentinien machen auch Meldungen von psychischen Problemen die Runde. Da muss aber nicht unbedingt was dran sein. Ich erinnere mich, dass schon vor zwei, drei Jahren, als del Potro noch ganz am Anfang seiner Laufbahn stand, aus Argentinien, wann immer er mal eine kleine Blessur hatte, regelmäßig Meldungen kamen, er müsse seine Karriere beenden, ehe sie überhaupt angefangen habe.

Andy Murray und Andy Roddick können auf Sand wir getrost vergessen. Wer könnte Federer und Nadal dann noch gefährlich werden in Paris? Nikolai Davydenko hat bei Grand-Slam-Turnieren noch nie eine Rolle gespielt. Spaniens Nummer 2, Fernando Verdasco, hat vielleicht eine Außenseiterchance. Und dann natürlich der Überraschungsfinalist des Vorjahres, Robin Söderling. Letztes Jahr war er von seinem Erfolg gegen Nadal noch so überwältigt, dass er in der anschließenden Pressekonferenz geweint hat. Inzwischen ist er in der Weltspitze etabliert und würde sogar dann, wenn er in Paris in der ersten Runde ausschiede und alle Punkte vom Vorjahr verlöre, locker in den Top Ten bleiben.

Als Shootingstar des Turniers kommt am ehesten Ernests Gulbis aus Lettland in Frage. Ich habe mich lange Zeit schwer damit getan, ihn auf der Rechnung zu haben, was damit zu tun hat, dass er, als ich ihn zum ersten Mal live habe spielen sehen, in München gegen Tobias Summerer verloren hat, was nun wahrlich keine Empfehlung für höhere Weihen ist. Aber in diesem Jahr ist er eindeutig auf dem Weg in die Weltspitze, nicht nur weil er in Rom Federer geschlagen hat.

Weil die French Open in Frankreich stattfinden, sollten wir auch den besten Franzosen nicht vergessen: Jo-Wilfried Tsonga. Auf Sand traue ich ihm bei günstiger Auslosung immerhin ein Halbfinale zu.

Sonntag, 9. Mai 2010

Live vom ATP-Turnier in München

Mann, war das kalt. Manche Spieler spielten in langen Hosen, ich sah mich am am Mittwochmittag genötigt, in einem der Sportgeschäft-Zelte vor dem Center-Court einen zusätzlichen grauen Kapuzenpulli zu erwerben. Meine Regenjacke hatte ich zum Glück mitgebracht. Das ATP-Turnier von München begrüßte Zuschauer und Teilnehmer mit reinstem Hamburger Schmuddelwetter.

Wie am letzten Sonntag angekündigt, liefere ich heute einen Vor-Ort-Bericht aus München. Meine spontanen Eindrücke von den Matches hatte ich ja schon am Dienstag und Mittwoch getwittert. Nun ist es an der Zeit, die Geschichte von ihrem Ende her zu erzählen. Wenn man weiß, wer das Turnier gewonnen hat, kann man bei der Einschätzung der Vorrundenleistungen ja immer viel fachkundiger tun.

Also: Gewonnen hat Michail Juschni aus Russland. Dem Mann scheint das Turnier zu liegen, egal bei welchem Wetter. Als ich das letzte Mal in München war, 2007, kam er ins Finale, und ich holte mir ein knallrotes Gesicht, weil ich nicht ahnte, dass man in Bayern Anfang Mai Sonnencreme braucht. Seither war ich der Ansicht, dass das Münchner Turnier dasjenige in Deutschland mit dem schönsten Ambiente ist. Auch wenn es daran liegen mag, dass der erste Eindruck so sonnig war, bin ich noch immer dieser Ansicht. (Den World Team Cup in Düsseldorf muss ich ausnehmen – da war ich noch nie.)

Aber nun zur Auswahl einiger Matches, von denen ich mehr als ein paar Ballwechsel gesehen habe:

Einzel:

Marcos Baghdatis (Zypern) – Peter Gojowczyk (Deutschland) 3:6, 6:1, 6:2

Den ersten Satz habe ich verpasst. Der Rest war ausgesprochen öde. Es nieselte die ganze Zeit gerade so viel, dass der Schiedsrichter die Partie nicht abbrechen musste. Den Spielern schienen die Bedingungen nicht zu liegen. Überwiegend standen sie in der Mitte der Grundlinie und spielten sich die Bälle zu, als würden sie sich einschlagen. Irgendwann haute dann Gojowczyk seinen Topspin ins Aus, manchmal tat das auch Baghdatis, und ganz, ganz manchmal spielte Baghdatis erfolgreich einen Stopp. Dieses Schauspiel kann unmöglich repräsentativ für das Leistungsvermögen der beiden Akteure gewesen sein, sonst wäre Baghdatis später nicht ins Halbfinale gekommen, und Gojowczyk hätte vorher nicht die Qualifikation überstanden. Die ganz schweren Gegner hatte er in der Quali allerdings nicht. Nach diesem Match jedenfalls kann ich nicht beurteilen, ob der 20-jährige Bayer unser großen Nachwuchstalent ist, das manche in ihm sehen.

Simon Greul (Deutschland) – Nicolas Kiefer (Deutschland) 7:5, 6:2
Kiefer spielte wie einer, der von einer sehr, sehr langen Verletzungspause zurückkehrt. Dabei war seine Auszeit, nachdem er im Winter auf Glatteis ausgerutscht war, noch relativ überschaubar. Ab und zu gelang ihm mal ein Zauberschlag wie früher, aber meistens brauchte Greul nur auf Kiwis Fehler warten. Und auf Fehler warten, ist etwas, was Greul ganz gut kann. Im Moment glaube ich nicht recht daran, dass Kiwi noch mal dauerhaft auf die ATP-Tour zurückkehrt.

Kevin Anderson (Südafrika) – Mischa Zverev (Deutschland) 6:5, Aufgabe
Schwierige Bedingungen auf einem nassen, kalten, windigen Außenplatz. Zverev nahm sich seine Behandlungspause, als ich gerade unterwegs war, um mir meinen grauen Kapuzenpulli zu kaufen. Es war wohl eine Rippenprellung, die ihm in der Atmung behinderte. Kurz vorher war bei einem seiner wenigen Ausflüge ans Netz hingefallen und blieb eine Weile am Boden liegen. Irgendwie muss er sich seinen eigenen Ellenbogen in den Rumpf gerammt haben. Ganz so schlimm wie im Herbst in Schanghai, als er sich bei einer ähnlichen Aktion das Handgelenk bracht, scheint es diesmal nicht zu sein. Zverev spielt inzwischen völlig anders als noch vor zwei Jahren, als er praktisch nach jedem Aufschlag an Netz stürmte. Damals war ich der Meinung, er soll ein bisschen geduldiger werden. Das ist er jetzt. Aber erfolgreicher ist der damit nicht unbedingt geworden. Ich fürchte, er hätte das Match gegen Kevin Anderson, der kein überragender Gegner ist, auch ohne die Rippenprellung verloren.

Daniel Koellerer (Österreich) – Mario Ancic (Kroatien) 7:6, 7:5
Das hat Spaß gemacht. Ancic hat – zu Koellerers Glück nur phasenweise – Weltklasse-Angriffstennis gespielt, und Koellerer hat geschimpft wie ein Rohrspatz – auf sich, auf den Schiedsrichter, wahrscheinlich auch auf die Ballkinder, aber das war nicht genau zu erkennen. Was die Show angeht, war das „Crazy Dany“ Koellerer in Bestform. Zu seinem Glück war es nicht so schlimm, dass er immer wieder Bälle aus Wut ins Nirgendwo drosch, denn Ancic hat immer wieder leichte Fehler begangen. Er zeigte wie Kiefer Licht und Schatten, aber der Lichtanteil war deutlich höher, und ich kann mir gut vorstellen, dass Ancic zur Rasensaison im Sommer wieder in der erweiterten Weltspitze auftaucht.

Doppel:

Mario Ancic (Kroatien)/Julian Knowle (Österreich) – Philipp Kohlschreiber/Kevin Krawietz (Deutschland) 6:2, 5:7, 10:8
Ein paar Worte zu Kevin Krawietz: Der 18-Jährige mit Weltranglistenplatz Tausendirgendwas, der letztes Jahr in Wimbledon das Juniorendoppel gewann, hat von Turnierdirektor und Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen im Einzel und im Doppel eine Wild Card bekommen. Sein Einzelmatch habe ich nicht gesehen, aber das Ergebnis von 1:6 und 1:6 gegen Tomas Berdych spricht dafür, dass ein ATP-Turnier im Einzel für ihn noch zwei Nummern zu groß ist. Im Doppel kann er mithalten, jedenfalls eines erfahrenen Partners wie Philipp Kohlschreiber. Mit Ancics Aufschlag-Hämmern hatte Krawietz zwar bis zum Schluss Probleme, aber er hat viel Spielübersicht, und seine Vorhand sieht so aus, als könnte sie irgendwann auch die ganz großen Gegner in Verlegenheit bringen.

Oliver Marach (Österreich)/Santiago Ventura (Spanien) – Philipp Marx (Deutschland)/Igor Zelenay (Slowakei) 5:7, 6:3, 10:6
Auf Philipp Marx war ich sehr neugierig. Nachdem Marx und Zelenay im vergangenen Herbst auf der Challenger-Tour für Furore gesorgt haben, spielen sie seit Jahresbeginn hauptsächlich auf der ATP-Tour. Bei den Australian Open waren sie im Achtelfinale. Philipp Marx ist inzwischen – selbst von vielen eingefleischten Tennisfans unbemerkt – auf Platz 62 der Doppel-Weltrangliste vorgerückt. Ich hatte von ihm bisher nur einmal ein paar wenige Ballwechsel gesehen, im letzten Jahr beim Hallen-Challenger in Heilbronn. Damals beeindruckte mich vor allem sein Aufschlag. Der war diesmal etwas unauffälliger. Dafür spielte er im ersten Satz Volleys von einer Präzision, die mich an keinen Geringeren als John McEnroe erinnerte. Im zweiten Satz konnte er das Niveau allerdings nicht mehr halten. Zelenay fand ich während des gesamten Matches nicht besonders überzeugend. Obwohl beide schon seit über einem halben Jahr nahezu wöchentlich zusammen spielen, wirkten sie auf mich nicht besonders eingespielt. Möglicherweise hätten sie das Match gewonnen, wenn sie nicht reihenweise Punkte verschenkt hätten, weil sie miteinander zusammenstießen, wenn sie beide denselben Ball erlaufen wollten.

Hier ein Überblick über die Ergebnisse im Einzel und im Doppel (PDF).

Ach ja, ein kleiner Nachtrag noch: Der arme Fernando Gonzalez. Kein Wunder, dass der diesmal nicht hier gespielt hat. Da hat man endlich einen Stern auf dem Walk of Fame, auch wenn es nur der für die Titelträger in München ist, und dann wird man verkehrt geschrieben:

Sonntag, 2. Mai 2010

Verregneter Ausblick auf das ATP-Turnier in München

In der nächsten Woche liefere ich endlich mal wieder einen Turnierbericht. Dienstag und Mittwoch bin ich in München. Falls zwischen den Regenpausen irgendwann mal der Ball fliegt, werde ich auch meinen hoffnungslosen Twitter-Account aktivieren und direkt von den Matches berichten.

Hier im nördlichen Schleswig-Holstein lachte heute den ganzen Tag über der blaue Himmel, aber schon in Niedersachsen soll die Lage ja eine ganz andere gewesen sein, und die Vorhersage für München lässt Böses ahnen.

Die geplanten Qualifikationsmatches haben mit einer Ausnahme heute zwar alle stattfinden können, aber der angekündigte innovative „Sunday Start“ des Hauptfeldes fiel ins Wasser. Das Einzel zwischen Michail Juschni (Russland) und Jeremy Chardy (Frankreich) findet nun doch erst morgen statt und das Doppel von Philipp Kohlschreiber und Kevin Krawietz gegen Julian Knowle (Österreich) und Mario Ancic (Kroatien) anscheinend frühestens am Dienstag.

Zeit für uns, einen Blick auf das Teilnehmerfeld zu werfen. Um es etwas abzukürzen, versuche ich mal, die Viertelfinalisten zu tippen:

Erstes Achtel:
Marin Cilic (Kroatien/11) – Michael Berrer (Deutschland/44)
Nicoals Kiefer (Deutschland/146) – Simon Greul (Deutschland/61)

Topfavorit ist natürlich Cilic, Nummer elf der Welt und hier an Nummer 1 gesetzt. Seit seinem Halbfinale bei den Australian Open und seinen Turniersiegen in Chennai (Indien) und zu Hause in Zagreb hat er zwar keine überragenden Ergebnisse mehr abgeliefert, aber um Berrer und dann Greul oder den rekonvaleszenten Nicolas Kiefer zu schlagen, wird es allemal reichen.

Zweites Achtel:
Mischa Zverev (Deutschland/95) – Kevin Anderson (Südafrika/88)
Kristof Vliegen (Belgien/163) – Nicolas Almagro (Spanien/34)

Eine noch klarere Sache als für Cilic: Hier kann keiner Almagro stoppen, der in letzter Zeit in ausgenommen guter Form ist. Vliegen und Zverev sind in diesem Jahr nach langer Verletzungspause noch überhaupt nicht in Tritt gekommen. Der Anderson ist, glaube ich, auf Sand stärker, als man es bei einem Südafrikaner denkt, aber gegen Almagro wird es nicht annähernd reichen.

Drittes Achtel:
Philipp Kohlschreiber (Deutschland/29) – Daniel Brands (Deutschland/89)
Santiago Ventura (Spanien/139) – Oleksandr Dolgopolov (Ukraine/68)

Kohli ist der Favorit, aber spannender als in den beiden ersten Achteln geht es hier mit Sicherheit zu, denn Kohlschreiber ist durchaus mal für einen Ausrutscher gut, und Daniel Brands hat in dieser Woche mit seinem Finale beim Challenger in Tunis gezeigt, dass er in Form ist, und im vergangenen Jahr stand er hier in München im Halbfinale. Mit Ventura dürfte eher nicht zu rechnen sein, der hat seit Februar sechs Erstrundenmatches hintereinander verloren, eines davon gegen Dolgopolov (in der Qualifikation von Monte Carlo). Dolgopolov ist einer der Challenger-Könige dieser Saison, er hat bis jetzt allerdings noch nicht bewiesen, dass ihm der Sprung auf die ATP-Tour glückt.

Viertes Achtel:
Marco Chiudinelli (Schweiz/57) – Qualifikant
Marcos Baghdatis (Zypern/33) – Qualifikant

Wer die beiden Qualifikanten sind, wird erst morgen Abend ausgelost. Bis dahin ist diese Aufgabe kaum zu lösen. Chiudinelli und Baghdatis sind beides keine Sandplatzspezialisten, denen ich pauschal Siege gegen jedweden Qualifikanten zutrauen würde. Im schlimmsten Fall droht jemand wie Pere Riba (Spanien), die aufstrebende Nummer 100. Der könnte sich hier ins Viertelfinale durchkämpfen. Andernfalls sehe ich eher Baghdatis als Chiudinelli vorne.

Fünftes Achtel:
Julien Benneteau (Frankreich/36) – Philipp Petzschner (Deutschland/45)
Daniel Köllerer (Österreich/109) – Mario Ancic (Kroatien/422)

Enge Sache mit leichten Vorteilen für Philipp Petzschner gegenüber Julien Benneteau und mit Ancic als Joker. Benneteaus Resultate in den vergangenen Wochen waren nicht gerade überragend, die von Köllerer sogar unterirdisch, und der frühere Top-Ten-Spieler Mario Ancic versucht seit Monaten vergeblich, an alte Leistungen anzuknüpfen. Das wird ihm irgendwann wenigstens teilweise gelingen, aber ich gaube, noch nicht in München. Philipp Petzschner dagegen hat es nach vielen unsteten Jahren endlich geschafft, auf stabil hohem Niveau zu spielen.

Sechstes Achtel:
Lukas Lacko (Slowakei/71) – Qualifikant
Kevin Krawietz (Deutschland/1119) – Tomas Berdych (Tschechien/14)

Hier dürfte Berdych durchkommen, sofern er denn Lust hat, seinen Titel zu verteidigen, was man bei ihm insbesondere bei eher kleinen Turnieren wie diesem nie weiß. Andernfalls hat der solide Lukas Lacko freie Bahn. Dass die Direktoren deutscher ATP-Turniere jetzt meinen, Kevin Krawietz Einzel-Wild-Cards geben zu müssen, weil er im letzten Jahr in Wimbledon das Junioren-Doppel gewonnen hat, finde ich weiterhin bedenklich. Auf drittklassigen Future-Turnieren verliert er gegen Leute, die um Platz 500 rangieren. Er kann von Glück sagen, dass sich die deutsche Öffentlichkeit nicht für Tennis interessiert, sonst wäre er ganz schnell verbrannt. Andererseits: In seinem Erstrundenmatch am Hamburger Rothenbaum im letzen Sommer hat er immerhin einen Satz gewonnen.

Siebtes Achtel:
Benjamin Becker (Deutschland/41) – Stephane Robert (Frankreich/65)
Jan Hajek (Tschechien/86) – Qualifikant

Noch so ein Achtel, in dem ein Qualifikant vom Schlage Pere Ribas sich durchkämpfen könnte. Benni Becker kann kein Sandplatz. Robert und Hajek sind keine Überspieler. Ich sehe minimale Vorteile für Robert gegenüber Hajek.

Achtes Achtel:
Denis Istomin (Usbekistan/81) – Andreas Beck (Deutschland/83)
Jeremy Chardy (Frankreich/46) – Michail Juschni (Russland/13)

Wahrscheinlich gewinnt Juschni sein Erstrundenmatch gegen Chardy, dann kommt er auch weiter ins Viertel- und dann ins Halbfinale und wahrscheinlich ins Endspiel wie bei seinen beiden letzten Teilnahmen 2007 und 2009. Komischerweise habe ich Berdych nicht auf der Rechnung, was vielleicht ein Fehler ist. Die untere Hälfte des Tableaus ist die leichtere, während sich oben Cilic, Almagro und Kohlschreiber gegenseitig auf den Füßen stehen. Chardy allerdings ist ein gefährlicher Auftaktgegner. Vielleicht erinnert sich jemand: Der hat im vergangenen Jahr das ATP-Turnier am Stuttgarter Weissenhof gewonnen. Mit Andi Beck rechne ich eher nicht, der hat seit dem Ende seine Verletzungspause im März noch kein einziges Match gewonnen.

Hier die Webseite des Münchner Turniers

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