Montag, 28. Juni 2010

Isner und Mahut - Das 200-Jahre-Match

Das Wimbledon-Erstrundenmatch zwischen John Isner und Nicolas Mahut in dieser Woche hat Wikipedia-Einträge in 17 Sprachen. Selbst die enorm kritische deutsche Wikipediagemeinde hat die Löschung des Artikels abgelehnt. Das allein schon ist epochal. Hier noch mal das genaue Ergebnis: Isner gewann mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6, 70:68. Das Match begann am Dienstag, 22. Juni, wurde zwei Mal wegen Dunkelheit unterbrochen und endete am Donnerstag, 24. Juni, am späten Nachmittag nach elf Stunden und fünf Minuten Spielzeit. Es ist das mit Abstand längste Tennismatch aller Zeiten. Den bisherigen Rekord hielten die Franzosen Fabrice Santoro und Arnauld Clement mit sechs Stunden und 33 Minuten (French Open 2004, 6:4, 6:3, 6:7, 3:6, 16:14 für Santoro).

Isner und Mahut schafften es am Donnerstag sogar in die Vier-Minuten-Radionachrichen des NDR. Alle mir bekannten Zeitungen berichteten trotz Fußball-WM großflächig in ihren Sportteilen. Auch das ist epochal. Manchen hat das Match trotzdem nicht gefallen.

Der geschätzte österreichische Kollege Unbreakbar sprach in Zusammenhang mit dem Match zwischen Isner und Mahut von „fast echtem Tennis“.Ass. „Aufschlag - Returnfehler. Aufschlag - Returnwinner. Aufschlag - Volley. Ständig verspringt der Ball. Rahmenbälle sind die Regel. Das macht keinen Spaß!“

Mir hat das Match sehr wohl Spaß gemacht. Deshalb folgt nun eine Verteidigungsschrift.

Ich würde niemals behaupten, das Match sei besonders hochklassig gewesen. Ganz genau kann ich es freilich nicht beurteilen, weil ich nicht zu den ganz wenigen Menschen gehöre, die alle elf Stunden gesehen haben, sondern auch ich nur Teile der zweiten Hälfte des letzten Satzes kenne. Es stimmt, die Ballwechsel waren ruckzuck vorbei. Isner machte Aufschläge und sonst nicht viel, Mahut spielte viele platzierte Volleys hinterher. Insbesondere über Mahuts Volleyspiel habe ich mich gefreut. Es trifft nämlich leider überhaupt nicht mehr zu, dass man auf Rasen nur Serve und Volley zu sehen bekomme. Das war zu Boris Beckers Zeiten vielleicht so, und ein bisschen vermisse ich diese Zeiten, in denen unterschiedliche Bodenbeläge auch deutlich unterschiedliche Spielertypen hervorbrachten. In den letzten zehn Jahren ist der heilige Rasen immer langsamer geworden und die Matches ähnelten immer mehr denen auf Hartplätzen. Die Unterschiede lagen – ich übertreibe etwas – nur noch im etwas anderen Sprungverhalten des Balles und darin, dass die Spieler leichter ausrutschten. Dass Wimbledon keine Überraschungssieger wie Michael Stich, Richard Krajicek oder Goran Ivanisevic gehabt hat, liegt gewiss auch daran und nicht nur an der Dominanz von erst Pete Sampras und dann Roger Federer und Rafael Nadal.

Mir scheint, und ich bin mir bei dieser Diagnose noch nicht ganz sicher, dass der Rasen von Wimbledon in diesem Jahr wieder ein ganz klein wenig mehr Rasen und weniger Hartplatz ist. Das Match am Sonnabend zwischen Rafael Nadal und Philipp Petzschner am Sonnabend, das Petzschner fast gewonnen hätte, bestärkt mich in dieser Theorie. Mal sehen, was die kommende Woche bringt, wenn das Gras abgelatscht ist. Vielleicht spielte der etwas schnellere Rasen eine Rolle dabei, dass Mahut und Isner stundenlang keine Breaks schafften. Der Hauptgrund ist aber, glaube ich, ein anderer: Ab einem gewissen Punkt, als beide nur noch auf dem Zahnfleisch gingen, hat keiner mehr ernsthaft Energie auf die Aufschlagspiele des Gegners verschwendet. Beide haben nur noch daran gedacht, irgendwie ihre eigenen Aufschläge durchzubringen, keiner wollte unnötig Risiko eingehen. Keiner der beiden erschöpften Helden wollte im Returnspiel Energie in vergebliche Lauferei verschwenden. Diese volle Konzentration führte dazu, dass keinem von beiden irgendwann beim Aufschlag der Faden riss, wie es sonst in fast jedem Match vorkommt. Isner und Mahut gehören sicher nicht zu den stärksten Returnspielern des Planeten, aber dass sie unter normalen Umständen trotzdem zu Breaks in der Lage sind, haben sie in den beiden ersten Sätzen bewiesen (6:4 und 3:6). Vor zwei Jahren trafen die beiden schon einmal auf Rasen aufeinander. Mahut gewann im Londoner Queen's Club mit 6:4 und 7:5.

Damals im Queen's Club hätte es beim Stande von 6:6 im dritten Satz einen Tiebreak gegeben. Nur bei drei der vier Grand-Slam-Turnieren und im Davis-Cup wird im letzten Satz kein Tiebreak gespielt. Ich hoffe, das wird so bleiben. John McEnroe kam kurzzeitig auf die Idee, einen Tiebreak wenigstens beim Stande von 30:30 zu fordern. Wahrscheinlich würde es 30 Jahre dauern, bis eine solche Regel erstmals zum Einsatz käme. Isner sagte nach dem Match: „So etwas wird es nie wieder geben.“ Ich glaube, da hat er recht. So etwas hat es ja auch vorher nie gegeben (auch nicht in den aufschlagstarken 80er und 90er Jahren). Dass die Partie so lange dauerte, lag nicht nur an den Spielern und ihrer Spielweise, sondern auch an ganz vielen Zufällen. Es war ja nicht so, dass bis zum 68:68 beide Spieler ihre Aufschläge zu Null durchgebracht hätten. Es gab Breakchancen, Matchbälle. Wäre irgendwann mal ein Ball an der Netzkante hängengeblieben anstatt haarscharf drüberzusegeln oder wäre ein anderer Ball knapp vor statt hinter der Grundlinie gelanden, würde heute niemand mehr über Isner und Mahut reden. Ein renommierter Mathematik-Blogger meldet, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist ein solches Match nur alle 200 Jahre zu erwarten. (Den Link fand ich bei Thilo Kuessner.)

Kommen wir nun zum Maßband: 1,87 Meter oder genau genommen 187,1875 cm. Das ist die Körpergröße des durchschnittlichen Achtelfinalteilnehmers im Herreneinzelwettbewerb von Wimbledon 2010. Der kleinste Achtelfinalteilnehmer ist David Ferrer (Spanien, 1,75 Meter), der größte ist Sam Querrey (USA, 1,98 Meter). Die Titanen Federer und Nadal begegnen sich auf Augenhöhe: Sie sind – genau wie ich und Millionen anderer Männer - 1,85 Meter groß.
Der typische Tennisprofi ist zwar relativ hoch gewachsen, bewegt sich dabei aber im absolut normalen Rahmen.

Es scheint angebracht, auf diese Zahl hinzuweisen. Denn nach dem Duell zwischen Isner (2,08 Meter) und Mahut (1,90 Meter) kamen doch einige Kritiker aus ihren Löchern, die das Rasentennis insgesamt deshalb in Frage stellen wollten, weil es hier anscheinend möglich sei, über einen gewaltigen Aufschlag Matches mit schierer Körpergröße für sich zu entscheiden. Nun scheint niemand genau zu wissen, wie viele Männer über zwei Metern es auf der Welt eigentlich gibt, aber es dürfte eine stolze Zahl sein, und kein einziger von ihnen hat es ins Wimbledon-Achtelfinale geschafft. Es ist ja auch nicht so ganz einfach, wenn man ein Riese ist, mit seinem Schläger an die auf dem Rasen flach abspringenden Bälle heranzukommen. Dass der deutsche Überraschungsachtelfinalist Daniel Brands (bisher die Nummer 98 der Welt) das mit seinen 1,96 Metern so gut kann, ist durchaus bemerkenswert.

Der im Moment verletzte Kroate Ivo Karlovic (2,08 Meter), mit dem John Isner oft verglichen wird und dessen Spiel noch mehr als das von Isner vorrangig vom Aufschlag lebt, hat zwar im vergangenen Jahr in Wimbledon das Viertelfinale erreicht, in den vier vorangegangenen Jahren schied er aber jedes Mal gleich in der ersten Runde aus - 2008 gegen den deutschen Qualifikanten Simon Stadler (1,83 Meter).

Sonntag, 20. Juni 2010

Thomas Musters Comeback in Braunschweig: "Es ist kein PR-Gag"

Ich erinnere mich noch an den 13. Oktober 2006. Okay, das genaue Datum musste ich gerade nachschlagen, aber egal. Es war der Tag, an dem John McEnroe sein letztes Match auf der ATP-Tour bestritt, und ich war dabei. Das hatte ich ein paar Wochen zuvor, als ich meine Reise nach Schweden buchte, kaum zu hoffen gewagt. Es war ein magischer Moment, als er den Platz in der königlichen Tennishalle von Stockholm betrat, es war ein magischer Moment, als er den Platz verließ, und im ersten Satz spielte John McEnroe sogar 15 Minuten lang schlichtweg magisch.

In einer Woche wird ein anderer ehemaliger Weltranglistenerster ebenso überraschend wie damals McEnroe den Platz für sein letztes Profitennismatch betreten. Elf Jahre nach seinem Karriereende spielt Thomas Muster auf der BTHC-Anlage am Friedrich-Kreiß-Weg in Braunschweig. „Es ist kein PR-Gag“, sagt Musters Manager Herwig Straka zu diesem vom Braunschweiger Turnierdirektor Michael Stich eingefädelten PR-Gag.

Ich werde wahrscheinlich nicht dabei sein können, aber egal. Magische Momente wie mit John McEnroe sind diesmal wohl nicht zu erwarten. Thomas Muster ist eben kein Magier, sondern einfach ein fleißiger Arbeiter mit Tennisschläger. Außerdem ist Braunschweig bloß zweite Liga, ein Challengerturnier. Das Welttennis wird in der übernächsten Woche ein paar hundert Kilometer westlich in Wimbledon gespielt. Ein Hammer ist Musters Auftritt trotzdem – vor allem deshalb, weil er nicht nur im Doppel, wo man ja nicht so viel laufen muss, antritt, sondern auch in der Einzelkonkurrenz. Wenn der 42-jährige Steirer auf einen ungnädigen Gegner trifft, dürfte das ein Debakel geben. Auf der Meldeliste stehen immerhin fünf Top-100-Spieler, darunter Florian Mayer und Andreas Beck. Vielleicht spielt Muster auch gegen seinen Landsmann Daniel Koellerer, das wäre ein Spaß.

Es kommt immer wieder mal vor, dass ein alter Champion ein paar Jahre nach seinem Karriereende auf die Idee kommt, noch mal ein Doppel-Match unter ernsthaften Bedingungen zu spielen. Erst vor einem Jahr gab am Hamburger Rothenbaum Turnierdirektor Michael Stich sich selbst eine Wild Card für die Doppelkonkurrenz. An der Seite von Mischa Zverev verlor er glatt in der ersten Runde. Genauso erging es 2005 Jim Courier an der Seite von Andre Agassi in Houston. Auch Boris Becker hat es zwei Jahre nach seinem offiziellen Karriereende noch mal im Doppel versucht: 2001 schied er zusammen mit dem damaligen Wimbledonsieger Goran Ivanisevic in Cincinnati in der ersten Runde aus.

Auch wenn ich keines von diesen Comebacks mit eigenen Augen gesehen habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendeines annähernd so magisch war wie das von John McEnroe. McEnroe hat 2006, mit damals 47 Jahren, nicht nur einfach ein Match auf der Profitour bestritten, er hat mit seinem Doppelpartner Jonas Björkman zwei Turniere gespielt. Das erste, im Frühjahr in San Jose, haben sie gewonnen. Beim zweiten, im Herbst in Stockholm, kamen sie ins Viertelfinale – und McEnroe wurde auf seine alten Tage noch mal auf Platz 238 der Doppel-Weltrangliste geführt.

Noch ein anderer Comebackversuch kommt mir gerade in den Sinn: Der passt nicht ganz in diese Reihe. Es ist der Comebackversuch von Björn Borg zwischen 1991 und 1993. Anders als den zuvor genannten Herren war es Borg nämlich bitterernst. Er bestritt zehn Turniere und verlor jedes Mal in der ersten Runde. Am Anfang waren die Ergebnisse regelrecht trostlos (zum Beispiel 1:6 und 0:6 gegen Goran Prpic in München). Bei seinen beiden letzten Auftritten 1993 in Zaragoza und Moskau gewann er immerhin jeweils einen Satz. Thomas Muster scheint zwar nicht völlig auszuschließen, ebenfalls wieder häufiger zu Profiturnieren anzutreten, aber, so versichert er, ausschließlich „aus Spaß an der Sache“.

Hier die Internetseite des Challengers in Braunschweig.

Sonntag, 13. Juni 2010

Wimbledon: Historische Wild Card für Nicolas Kiefer

An diesem Montag beginnt in London das Qualifikationsturnier für Wimbledon. Eigentlich wollte da auch Nicolas Kiefer mitmachen. Nach mehreren Verletzungen und eher mäßigen Ergebnissen bei den wenigen Turnieren, an denen er in den letzten zwölf Monaten teilgenommen hat, ist unser 32-jähriger Altmeister nur noch die Nummer 181 auf der Weltrangliste und damit weit entfernt von den ersten 100, die direkt ins Wimbledon-Hautpfeld gelangen.

Aber nun hat Kiwi eine Woche länger Zeit, sich auf den heiligen Rasen vorzubereiten: Er hat eine Wild Card fürs Hauptfeld bekommen. Damit erleben wir die Morgendämmerung einer neuen Epoche der fragilen deutsch-britischen Freundschaft: Es ist die erste Wimbledon-Wild-Card für einen deutschen Spieler seit Einführung des Profitennis, der Weltrangliste, der Wild Cards und des ganzen Restes vor fast 40 Jahren.

Nebenbei soll dies ein Anlass sein, einmal die Wild-Card-Politik der Grand-Slam-Turniere im Allgemeinen und der All England Championships im Speziellen zu beleuchten. Um es vorwegzunehmen: Es war gewiss keine antideutsche Gesinnung, die dazu geführt hat, dass bisher die Deutschen übergangen wurden. Wenn Boris Becker oder Michael Stich jemals auf eine Wild Card angewiesen gewesen wären, hätten sie gewiss eine bekommen. Haben andere ausländische Altstars schließlich auch. Erinnert sei nur an Goran Ivanisevic, der 2001 sogar das Turnier gewann.

Acht der 128 Startplätze bei Grand-Slam-Turnieren darf der Veranstalter unabhängig von Weltrangliste und Qualifikationsturnier nach eigenem Gutdünken besetzen. Typischerweise gehen diese Wild Cards an Talente oder ewige Talente aus dem eigenen Land, damit die Zuschauer was zum Anfeuern haben. Bis vor ein paar Jahren war es üblich, dass alle acht Wimbledon-Wild-Cards an britische Spieler gingen. Zuletzt geschah dies 2003. Dann dämmerte den Veranstaltern, dass dieses Verfahren nicht besonders sinnvoll war. In der Regel schieden alle acht Wild-Card-Spieler sang- und klanglos in der ersten oder spätestens der zweiten Runde aus. Die Engländer schaffen es nämlich seit Jahrzehnten nicht, wettbewerbsfähige Tennisprofis hervorzubringen. (Tim Henman war die einzige Ausnahme, Andy Murray ist Schotte und Greg Rusedski eigentlich Kanadier.) 2009 gingen nur noch vier Wild Cards an britische Spieler.

Legendär ist ein Spieler namens Alex Bogdanovic. Auch er ist kein gebürtiger Brite, sondern stammt ursprünglich aus Belgrad, und seine Eltern zogen mit ihm nach England, als er acht war. Er hat es vor ein paar Jahren immerhin mal bis auf Platz 108 der Weltrangliste geschafft. Im Moment steht er auf Platz 166 und ist damit nach Andy Murray (Nummer 4) der mit Abstand beste Brite. Er hat seit 2002 jedes Jahr in Wimbledon gespielt. Jedes Mal kam er mit einer Wild Card ins Hauptfeld. Jedes Mal schied er in der ersten Runde aus. In seinen acht Erstrundenmachtes gewann er insgesamt drei Sätze.

Jetzt wurde es den Funktionären zu bunt. Im Jahr 2010 gibt es keine Wild Card für Alex Bogdanovic mehr. Das Problem dabei: Die anderen Engländer sind alle noch viel schlechter als Bogdanovic. Jamie Baker (Nr. 254 der Welt und mit seinen 23 Jahren drei Jahre jünger als Boggo) hat trotzdem wieder eine Wild Card bekommen. Es ist seine vierte. Auch er ist natürlich bei seinen bisherigen drei Auftritten in Wimbledon in Runde 1 ausgeschieden. Aber Spielern wie Daniel Evans (Nr. 334) oder Daniel Smethurst (Nr. 356) Wild Cards zu geben und sie Bogdanovic vorzuenthalten, das wäre nun wirklich nicht mehr vermittelbar gewesen.

Also ist Jamie Baker der einzige Brite, der in diesem Jahr eine Wild Card bekommt. Drei der acht Wild Cards werden diesmal einfch gar nicht vergeben. Das Teilnehmerfeld wird mit Spielern aufgefüllt, die im Ranking kurz hinter Platz 100 stehen. Baker und Andy Murray sind Schotten: Wenn in der Qualifikation nicht noch ein Wunder geschieht, wird also erstmals in der Geschichte der All England Championships im Herreneinzel kein einziger Engländer am Start sein.

Eine Wild Card geht an den 19-jährigen Russen Andrei Kusnezow (Nr. 270), den Vorjahressieger des Junioren-Wettbewerbs. Die Junioren-Champions bekommen zwar nicht immer eine solche Wild Card, aber doch relativ oft – manchmal auch erst zwei Jahre nach ihrem Sieg bei den Junioren. Der Erste, der von dieser Praxis profitierte, war übrigens Roger Federer 1999.

Eine weitere Wild Card geht an den japanischen Nachwuchsspieler Kei Nishikori (20 Jahre/Nr. 201). Das hat vermutlich damit zu tun, dass Japan ein interessanter Markt ist mit wenigen heimischen Spielern. Nishikori war eine Weile verletzt und wäre ohne diese Verletzung vermutlich gut genug platziert, um direkt ins Hauptfeld zu kommen, insofern ist die Entscheidung vertretbar – zwingend ist sie mit Sicherheit nicht.

Die vierte Wild Card geht an Teimuraz Gabashvili, einem in Georgien geborenen Russen. Diese Entscheidung zeigt nun endgültig, dass die Veranstalter nicht mehr wussten, wohin mit ihren Wild Cards. Das einzige Argument für Gabashvili ist, dass er vor zwei Wochen bei den French Open als Qualifikant ins Achtelfinale gekommen ist und auf dem Weg dahin unter anderem Andy Roddick geschlagen hat. Nun ist er Weltranglisten-88. und wäre ins Wimbledon-Hauptfeld gekommen, wenn der Stichtag dafür nicht vor den French Open gelegen hätte. Aber sowas kommt vor. Deswegen gibt man normalerweise keine Wild Card an eine 25-jährigen Durchschnittsspieler.

Unter diesen Umständen führte an der Wild Card für Nicolas Kiefer kaum ein Weg mehr vorbei. Er ist seit vielen Jahren als guter Rasenspieler bekannt und war – wenn auch im vorigen Jahrhundert – in Wimbledon schon mal im Viertelfinale. In dieser Woche in Halle/Westfalen ist er zwar in der zweiten Runde ausgeschieden, aber in Runde 1 hat er gegen Michail Juschni (Russland/Nr. 14) gewonnen, der definitiv zur erweiterten Weltklasse gehört.

Sonntag, 6. Juni 2010

French Open 2010: Zweiter Holzlöffel für Rainer Schüttler

Siegerlisten gibt es in Hülle und Fülle, heute ist wieder einmal der Name Rafael Nadal hinzugekommen. Zeit, sich endlich einmal den Verlierern zuzuwenden – den Holzlöffelträgern. Aber der Reihe nach:

Es ist immer wieder ein schöner Trost, wenn man sich sage kann, man sei in einem Turnier zwar früh ausgeschieden, habe aber schließlich gegen den späteren Sieger, Finalisten usw. verloren.

Was aber, wenn derjenige, gegen den man verloren hat, gleich in der nächsten Runde auch wieder verliert, und zwar gegen jemanden, der wiederum gleich in der darauf folgenden Runde ausscheidet gegen jemanden, der... usw. Dann muss man wohl besonders schlecht gewesen sein. Mit einer gewissen (wenn auch nicht bierernsten) Berechtigung, darf man sich als Letzter fühlen, als Träger der Roten Laterne, oder – wie es in der englischen Sportsprache heißt, Gewinner des „Wooden Spoon“.

Um dies mal am aktuellen Beispiel zu erklären. Bei den heute zu Ende gegangenen French Open holte Rainer Schüttler seinen zweiten Holzlöffel bei einem Grand-Slam-Turnier nach den Australian Open 2004. Und das kam so:

Erste Runde: Rainer Schüttler
unterliegt Guillermo Garcia-Lopez

Zweite Runde: Guillermo Garcia-Lopez
unterliegt Thiemo de Bakker

Dritte Runde: Thiemo de Bakker
unterliegt Jo-Wilfried Tsonga

Achtelfinale: Jo-Wilfried Tsonga
unterliegt Michail Juschni

Viertelfinale: Michail Juschni
unterliegt Tomas Berdych

Halbfinale: Tomas Berdych
unterliegt Robin Söderling

Endspiel: Robin Söderling
unterliegt Rafael Nadal

Um das Prinzip deutlich zu machen, spielen wir nun dasselbe für die Australian Open 2010 durch:

Erste Runde: Robin Haase
unterliegt Tomas Berdych

Zweite Runde: Tomas Berdych
unterliegt Jewgeni Korolew

Dritte Runde: Jewgeni Korolew
unterliegt Fernando Gonzalez

Achtelfinale: Fernando Gonzalez
unterliegt Andy Roddick

Viertelfinale: Andy Roddick
unterliegt Marin Cilic

Halbfinale: Marin Cilic
unterliegt Andy Murray

Endspiel: Andy Murray
unterliegt Roger Federer

Um diesen Spielkram auf die Spitze zu treiben, können wir nun analog zu den Siegerlisten der Grand-Slam-Turniere der vergangenen Jahre auch eine Verliererliste erstellen. Hier ist sie:

Australian Open
2000 (13) Cedric Pioline (Frankreich)
2001 David Sanchez (Spanien)
2002 Flavio Saretta (Brasilien)
2003 Hicham Arazi (Marokko)
2004 (6) Rainer Schüttler (Deutschland)
2005 Felix Mantilla (Spanien)
2006 Fernando Vicente (Spanien)
2007 Luis Horna (Peru)
2008 Donald Young (USA)
2009 Kristof Vliegen (Belgien)
2010 Robin Haase (Niederlande)

French Open
2000 Galo Blanco (Spanien)
2001 Martin Damm (Tschechien)
2002 (29) Max Mirnyi (Weißrussland)
2003 Justin Gimelstob (USA)
2004 Joachim Johansson (Schweden)
2005 Fabrice Santoro (Frankreich)
2006 Oliver Marach (Österreich)
2007 (5) Fernando Gonzalez (Chile)
2008 Viktor Troicki (Serbien)
2009 Lu Yen-Hsun (Taiwan)
2010 Rainer Schüttler (Deutschland)

Wimbledon
2000 (Q) Michael Russell (USA)
2001 (28) Franco Squillari (Argentinien)
2002 (19) Juan Ignacio Chela (Argentinien)
2003 (Q) Dick Norman (Belgien)
2004 John van Lottum (Niederlande)
2005 Vince Spadea (USA)
2006 Greg Rusedski (Großbritannien)
2007 (32) Juan Mónaco (Argeninien)
2008 Igor Kunitsyn (Russland)
2009 Nicolas Lapentti (Ecuador)

US Open
2000 (WC) Bob Bryan (USA)
2001 Nikolai Dawidenko (Russland)
2002 Agustin Calleri (Argentinien)
2003 (Q) Joachim Johansson (Schweden)
2004 (13) Marat Safin (Russland)
2005 (Q) Noam Okun (Israel)
2006 (Q) Jeff Morrison (USA)
2007 (7) Fernando Gonzalez (Chile)
2008 (WC) Brendan Evans (USA)
2009 Dimitri Tursunow (Russland)

Rainer Schüttler, dem einzigen Deutschen auf dieser Liste, ist es tatsächlich gelungen, gleich im Jahr nach seiner Finalteilnahme der Australian Open an gleicher Stelle den Holzlöffel zu erringen. Und zwar, indem er in der ersten Runde gegen den damals noch unbekannten Roland-Garros-Finalisten von 2009 und 2010, Robin Söderling verlor, der wiederum in der zweiten Runde gegen den Wild-Card-Spieler Nicolas Escudé verlor, der usw.

Schüttler war 2004 in Melbourne an Nummer 6 gesetzt und damit nach Fernando Gonzalez (2007 in Paris) der zweitbestplatzierte Holzlöffelsieger des Jahrzehnts. Fernando Gonzalez seinerseits ist es gelungen, in einem Jahr gleich zweimal den Holzlöffel zu erringen, und das als Top-Ten-Spieler: 2007 bei den French Open und den US Open.

Zwei weitere Spieler neben Schüttler und Gonzalez haben in den vergangenen zehn Jahren zwei Holzlöffel geholt: Joachim Johansson und Franco Squillari. Squillari ist der einzige von diesen vier, der es im Laufe seiner Karriere nicht in die Top 10 geschafft hat. Er war nur mal Elfter.

Augenscheinlich ist es nicht von Vorteil, besonders schlecht zu sein, wenn man den Holzlöffel holen will. Wild-Card-Spieler, denen man, weil sie ja ohne sportliche Qualifikation ins Hauptfeld gelangen, unterstellen darf, im langjährigen Mittel die schwächsten Teilnehmer zu sein, tauchen in Melbourne, Paris und Wimbledon gar nicht auf der Liste auf. Nur die USTA, der US-Tennisverband, hat ein Händchen dafür, spätere Löffelgewinner für ihre Wild Cards auszuwählen. Wild-Card-Spieler Bob Bryan hat aus seinem Löffel im Jahr 2000 die Konsequenzen gezogen: Er spielte fürderhin fast nur noch Doppel – und gewann die US Open zusammen mit seinem Zwillingsbruder Mike bisher zwei Mal.

Marat Safin ist der einzige Holzlöffelträger (US Open 2004), dem es auch gelungen ist, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen (US Open 2000, Australian Open 2005), schöne Symbolik für seine unsteten Leistungen.

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