Sonntag, 25. Juli 2010

Kiwi sagt zum Abschied leise „abwarten“

Das langsame Karriereende von Nicolas Kiefer hatten wir ja schon vor einem Jahr eingeläutet. Jetzt könnte es ganz schnell gehen. Im August wird Kiwi Papa, und will er zum Anlass nehmen, sein Leben neu zu ordnen.

Zwar sagt er offiziell noch nicht: „Ich trete vom Profitennis zurück“, aber auf seine Internetseite steht seit ein paar Tagen ein Link, der eine solche Aussagen zumindest vorbereitet. Keine Turniere, bis das Kind da ist, und danach, das müsse man abwarten.

Neu daran ist nicht, dass ein Journalist über Kiwis Karriereende spekuliert. Neu ist, dass Kiwi diese Spekulation mit seinen eigenen Aussagen untermauert – und dass er dann auch noch den Text auf seiner Homepage als „schöne Lesestory“ anpreist und damit ja doch irgendwie zu seinem eigenen offiziellen Statement macht.

Schon die nackten Zahlen zeigen, wie schwer es für Nicolas Kiefer wird, seinen Beruf im früheren Umfang auszuüben:

Kiwi hat in diesem Jahr ganze sechs Matches auf der ATP-Tour gespielt. Fünf davon hat er verloren. Kein Wunder also, dass er in der Weltrangliste in dieser Woche nur noch Platz 272 belegt. Nächste Woche verliert er die 45 Punkte vom Viertelfinale in Gstaad 2009, damit fällt er ungefähr auf Platz 340. Anfang September – und bis dahin wird er ja keine Turniere spielen, also auch keine Punkte machen, verliert er 45 weitere Punkte von den US Open 2009. Dann ist er die Nummer 450 – irgendwo zwischen Wu Di aus China und Adam Kellner aus Ungarn.

Natürlich spielt Kiefer immer noch besser Tennis als Wu Di und Adam Kellner. Das eine von den sechs Matches, das er gewonnen hat in diesem Jahr, das war im Juni in Halle/Westfalen gegen Michail Juschni, und der ist die Nummer 14.

Aber als Nummer 450 steht Kiwi nicht einmal mehr bei zweitklassigen Challengern im Hauptfeld. Also, es sei denn, er fährt zu irgendwelchen Turnieren in Zentralasien, für die sich außer ein paar Einheimischen und Desperados niemand anmeldet. Aber genau das wird er wegen seiner jungen Familie gerade nicht tun.

Nun gibt es ja bei dr ATP das Institut des „Protected Ranking“, das Spielern nach einer langen Verletzungspause die Möglichkeit gibt, für einen gewissen Zeitraum eine gewisse Anzahl von Turnieren zu spielen, für die sie mit ihrem Ranglistenplatz von vor der Verletzung qualifiziert gewesen wären. Das zieht bei Kiwi aber nicht. Er war zwar ständig verletzt, aber nie ein halbes Jahr an einem Stück, wie es für das Protected Ranking erforderich ist. Er ist im April genau zwei Wochen zu früh wieder ins Turniergeschehen eingestiegen – mit einer Erstrundenniederlage in Tunis gegen Daniel Brands. Dass er diese zwei Wochen nicht abgewartet hat, zeigt meines Erachtens, dass er schon im April nicht mehr plante, als Vollzeitprofi weiterzumachen. (Außerdem war er ja 2009 schon für seine Verhältnisse schlecht platziert, sein Protected Ranking hätte bei ungefähr 115 gelegen, was für die meisten ATP-Turnier ohnehin nicht gereicht hätte.)

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kiwi nun zu Challenger-Qualifikationen antritt oder in die dritte Liga des Profitennis, zu den Futures, geht, wo es für einen Erstrundensieg einen Weltranglistenpunkt gibt und und 200 Dollar in bar.

Er wird gewiss noch mal irgendwo eine Wild Card annehmen, schon allein um sich mit einem offiziell letzten Turnier von der Bühne zu verabschieden. Vielleicht macht er auch eine Abschiedstour mit drei, vier Turnieren.

Vielleicht passiert das erst, wenn sein Kind krabbeln kann. Halle/Westfalen im Juni 2011 wäre eine gute Gelegenheit für das Karriereende. Das ist nicht so weit weg von zu Hause, am vorigen Wochenende trat er dort sogar für Blau-Weiß Halle in der Bundesliga an. Vielleicht schlägt er dann zum Abschied noch mal jemanden wie Michail Juschni. Im Bundesliga-Spiel reichte es allerdings nur mit Ach und Krach für einen Sieg über einen Daniel Uhlig vom 1. FC Nürnberg.

Sonntag, 18. Juli 2010

Live von der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum

Wenn es drauf ankommt, lässt Geschichte sich zurückdrehen. Die Eisbude ist wieder da, wo sie hingehört: Am linken Fuße der großen Ergebnistafel vor dem Center Court am Rothenbaum.

Da war ich wohl nicht der einzige, der sich vor einem Jahr bitterlich beklagte, dass die Eisbude Platz machen musste für den Informationsstand eines edlen Immobilienbüros. Vielleicht hatte auch bloß Immobilienbüro keine Lust mehr zu kommen oder kein Geld mehr, was weiß ich. Jedenfalls gibt’s jetzt wieder Eis, wenn man vor der Ergenbistefel steht, und das ist in einem Sommer wie diesem eine hervorragende Nachricht.

Hier also mein Vor-Ort-Bericht von Hamburg 2010. Weil ich es in der kommenden Woche nicht nach Hamburg schaffen werde, gibt es den Bericht vom Qualifikations-Sonntag, also taufrisch von heute.

Abgesehen von der Eisbude sieht am Rothenbaum im Jahr 2 nach der Herabstufung vom Masters- zum ATP-500-Turnier alles ungefähr aus wie im Jahr 1. Der Stadionsprecher bewahrt nach wie vor Haltung und spricht vom „Center Court der Welt“, auch wenn auf ihm bloß Björn Phau und Marc Gicquel spielen. Außerdem erklärt er den Rothenbaum zum „schönsten Tennisstadion der Republik“. Meinetwegen. Außerdem behauptet er von Marc Gicquel, der habe zweimal das ATP-Turnier von Lyon gewonnen, was im Gegensatz zu der Geschmackssache mit dem Center Court nachweislich falsch ist.

Björn Phau hatte mit Gicquel wenig Probleme. Das Match war relativ langweilig, was daran lag, das Phau mit seinen 30 Jahren routiniert und nervenstark genug ist, um gegen Leute wie Gicquel einfach sein Standardprogramm abzuspulen.

Auf den Nebenplätzen war mehr Action: Christophe Rochus und Marcel Granollers boten ein sehr ansehnliches Altherrenmatch. Nun mag man einwenden, Granollers sei doch mit seinen 24 Jahren im Gegensatz zu Rochus (31) kein alter Herr. Er spielte aber wie einer. Nicht so hart auf die Bälle draufhauen, dafür mit viel Spielfreude, gern mal ein Stopp, gern mal ein Ball rückwärts durch die Beine, um dem staunenden Publikum zu zeigen, wie beweglich man noch ist. Und auch gern mal ein paar Schritte laufen, aber nicht so hastig. Jeder Stopp war mit Ansage und hoch genug, dass der Gegner ihn gemütlich erreichen und mit einem Gegenstopp antworten konnte, der sich wiederum lässig-elegant zurückspielen ließ. Das war echt unterhaltsam, und Granollers war anzusehen, dass er ein exzellenter Doppelspieler ist. Bis zum 4:4 im ersten Satz dachte ich, der Granollers will clever mit wenig Energieverlust die Qualifikation hinter sich bringen und wird gewiss gleich ein bisschen Gas geben, um mit einem Break im entscheidenden Moment den Satz nach Hause zu fahren. Aber dann gelang Rochus das Break, und Granollers machte überhaupt keine Anstalten, seine Spielweise zu ändern. Rochus gewann glatt mit 6:4 und 6:3 und trifft nun im Hauptfeld auf Jarkko Nieminen.

Marcel Granollers hat hevorragende Chancen, als Lucky Loser doch noch ins Hauptfeld zu rutschen, denn er ist von den sechs Spielern, die in der letzten Qualifikationsrunde verloren haben, derjenigen mit der besten Weltranglistenposition (Nummer 87). Aber während des Spiels gegen Rochus konnte er sich da eigentlich noch nicht so sicher sein. Denn das Spiel seines spanischen Landsmanns Pere Riba (Nummer 80) auf dem Nachbarplatz hatte noch gar nicht angefangen. Riba spielte gegen Ivan Navarro. Navarro (Nr. 146) ist mit seine 28 Jahren schon eine halbe Ewigkeit auf der Tour unterwegs (also, hauptsächlich auf Qualifikationen wie hier und auf Challengern), aber ich hatte ihn noch nie spielen gesehen, bis ich neulich im Fernsehen in sein Spiel im Londoner Queen's Club gegen Andy Murray reinschaltete. Navarro spielt Harakiri-Serve-und-Volley im AD(H)S-Stil. Gegen Riba genauso wie gegen Murray. Seine Ausgangsposition beim Aufschlag sieht aus, als plane er irgendwas zwischen Speerwurf, Harpunenschießen und einem 800-Meter-Lauf.

Hier ein Foto:




Ich habe mit meiner Handykamera auch ein Film von Navarros Aufschlag aufgenommen. Den wollte ich jetzt hochladen, was mein erster eigener Youtube-Film gewesen wäre. Irgendwie habe ich da aber technische Probleme. Vielleicht klappt es noch im Laufe der Woche.

Nach dem Aufschlag rennt Navarro immer wie eine besengte Sau zur T-Linie. Ab und zu trifft er dort einen Volley und macht den Punkt, meistens fliegen ihm die Bälle aber um die Ohren. Gegen Riba (wie gegen Murray) hat Navarro glatt verloren. Auf mich wirkte das wie das natürliche Ergebnis einer jeden Tennispartie, an der Navarro beteiligt ist. Andererseits sagt die ATP-Webseite, dass er von seinen bisher 93 Matches auf der ATP-Tour immerhin 33 gewonnen hat.

Zum Schluss ein Wort zum Öko-Anstrich, den Turnierdirektor Michael Stich dem Rothenbaum gegeben hat: („Das erste klimaneutrale internationale Sportevent der Hansestadt“). Wes Geistes Kind diese PR-Kampagne ist, liest man auf den riesigen Transparenten, die auf der Anlage für Sustainability werben: Darauf prangt das Logo des Kohle- und Atomgiganten Eon.

Hier die Ergebnisse der Qualifikation am Rothenbaum (PDF)

Und hier die Turnierwebseite

Montag, 12. Juli 2010

Vorsicht Spoiler: "Der vorsätzlich Handelnde" ist fertig

Das Thema heute lautet: „Der vorsätzlich Handelnde“ und was aus ihm geworden ist. Anfang des Jahres hatte ich an dieser Stelle ein Internet-Buchprojekt vorgestellt. Das Projekt ist jetzt abgeschlossen, und es ist an der Zeit, es einer Buchkritik zu unterziehen. Zur Erinnerung: Die Hauptfigur des Romans von Marc Bensch ist ein Gelegenheitstennisspieler Mitte 20, der in der Neujahrsnacht den guten Vorsatz fasst, in diesem Jahr Wimbledon zu gewinnen. Alle paar Tage erschien ein neues Kapitel des „Tennismärchens“.

Ich verrate nicht alles und vor allem nicht, wie es ausgeht. Aber ich komme nicht umhin, ungefähr zu sagen, wohin die Reise geht. Deshalb die Spoilerwarnung in der Überschrift.

Das komplette Buch umfasst 216 PDF-Seiten. Läge es in gedruckter Form vor, wäre es also kein dicker Wälzer, aber auch kein dünnes Bändchen, sondern im unteren Bereich von eher so mittel.

Etwas skeptisch war ich zu Beginn, ob es wohl eine gute Idee sein würde, das ganze Buch hindurch niemanden beim Namen zu nennen. Die Hauptfigur, die Wimbledon gewinnen will, heißt einfach nur „er“. Wimbledon heißt auch nicht Wimbledon, sondern „das große altehrwürdige Rasentennisturnier“ oder „das wichtigste Rasentennisturnier der Welt“. Das ist ganz putzig, und bei weniger bedeutenden Turnieren, die ähnlich umschrieben werden, darf man miträtseln, was denn nun gemeint ist, und sich freuen, wenn man das Rätsel gelöst hat. Auf die Dauer trägt diese Anonymisierung aber dazu bei, dass die Geschichte immer etwas steril bleibt.

Dabei lassen sich die Turniere und auch alle Profispieler, die in der Geschichte auftauchen, entschlüsseln. Wie gut das geht, ist mir erst relativ spät aufgefallen. Man nimmt sich einfach die ATP-Ergebnislisten des Jahres 2009 und liest mit. Zum Beispiel das Sandplatz-ATP-250-Turnier von München, das auf Seite 147 beginnt. Hier kommt der Spoiler: Unser Held gewinnt dieses Turnier. In der ersten Runde der Qualifikation trifft er auf einen 23-jährigen Wuschelkopf aus einem ungenannten Land, das leicht als Österreich zu identifizieren ist. Im 32 Spieler umfassenden Qualifikationsfeld von München 2009 standen drei Ösis: Tristan Weißborn, Alexander Peya und Philipp Oswald. Von ihnen war nur einer im Mai 2009 23 Jahre alt. Also gewinnt unser Held gegen den Wuschelkopf Philipp Oswald. Im wirklichen Leben überstand Oswald die erste Quali-Runde und traf in der zweiten auf den an Nummer 6 gesetzten Amerikaner Amer Delic. Wir lesen im „vorsätzlich Handelnden“: „Er bekam es mit einem an Nummer sechs gesetzten US-Boy zu tun“. In der dritten und letzten Qualirunde folgt dann also Sascha Kloer. Im wirklichen Leben schlug Kloer Delic und stand im Hauptfeld. Im Tennismärchen verliert Klör gegen unseren Helden. Im wirklichen Leben traf Klör in der ersten Runde des Hauptfeldes auf den späteren Turniersieger Tomas Berdych aus Tschechien. Im Tennismärchen gewinnt Berdych das Turnier nicht, sondern scheidet in der ersten Runde aus, und all die Gegner, die im wirklichen Leben gegen Berdych verloren, verlieren nun gegen unseren Helden: Andreas Beck, Lleyton Hewitt, Jeremy Chardy und im Endspiel Michail Juschni.

Diese Anbindung an die Realität was das, was mir beim Lesen am meisten Spaß gemacht hat. Die Kapitel des Romans erschienen dabei sozusagen in Echtzeit: Anfang Mai, parallel zum Münchner ATP-Turnier von 2010, waren die Kapitel zu lesen, die in München 2009 spielten. Dieser Kniff hat gewiss dazu beigetragen, dass ich immer weiter gelesen habe. Ich muss aber gestehen, dass ich das Buch zwischenzeitlich auch mal für ein paar Wochen aus den Augen verloren hatte, und zwar in Wochen, als unser Held keine Turniere mit Gegnern, die es zu entschlüsseln galt, bestritt, sondern irgendwo in Trainingslager abgetaucht war. Ich habe die Kapitel dann hinterher nachgeholt, man will ja nichts verpassen, und es las sich alles geschmeidig genug, dass dieses Nachholen keine große Last war.

Es hat Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen. Ob es denselben Spaß macht, jetzt erst damit anzufangen, sie zu lesen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich fehlt doch etwas, wenn man sich beim Lesen nicht in genau der Kalenderwoche befindet, in der das aktuelle Kapitel spielt. Man merkt dann wahrscheinlich viel deutlicher, dass man die Figuren des Buches nur oberflächlich kennen lernt. Es spielen sich kaum Dramen ab. Dem Helden scheint alles, was er sich vornimmt, zu gelingen. Er steht über viele, viele Kapitel nie auch nur ansatzweise vor dem Scheitern. Er ist wahnsinnig zielstrebig, was sein Leben trotz aller Erfolge – abgesehen von ein paar unangenehmen Bild-Schlagzeilen – langweilig macht. Weil ich das Ende, das ich ja nicht verrate, kenne, verstehe ich, warum die Geschichte so aufgebaut ist. Mehr Drama unterwegs wäre trotzdem unterhaltsamer gewesen. Mehr Drama unterwegs hätte die Geschichte auch für Leser interessant gemacht, die – anders als ich – nicht mit Inbrunst die ATP-Tour verfolgen.

Hier ein Link zum Buch

Sonntag, 4. Juli 2010

Philipp Petzschner und Jürgen Melzer - die heimlichen Wimbledonsieger

Wenn ich mich richtig erinnere, hat die Sache auch 1992 keine großen Wellen geschlagen. Stattdessen erinnert man sich an dies: Die dänischen Strandurlauber schlugen Deutschland im EM-Finale in Schweden. Ein verdienter Sieg. Die Vorrunde hatten Bertis Buben ohnehin nur überstanden, weil Häßler in der letzten Minute einen Freistoß gegen die GUS oder so ins Eck zirkelte.

In demselben Sommer wurde Michael Stich Wimbledonsieger im Doppel, und zwar zusammen mit John McEnroe und mit einem an Dramatik nur alle 200 Jahre von Leuten wie John Isner und Nicolas Mahut zu überbietenden 19:17 im fünften Satz.

Doppel interessiert halt nicht. Das war sogar damals so, als Boris und Steffi und auch Stich die Szene dominierten und der deutsche Sportfan Tennis fast genauso wichtig fand wie Fußball. Doppel zählt nur, wenn es im Davis-Cup drauf ankommt oder es bei den Olympischen Spielen eine Medaille gibt.

Kein Wunder also, dass im Fußball-Märchensommer 2010 nur der sehr aufmerksame Medienbeobachter davon Notiz nimmt, dass Deutschland erstmals seit Michael Stich 1992 wieder einen Wimbledonsieger hat und Österreich sogar zum ersten Mal in der Weltgeschichte. Dabei kamen Philipp Petzschner und Jürgen Melzer gestern sogar in der Tagesschau. Aber wer hat gestern schon Tagesschau geguckt? Die Leute tanzten ja alle in den Straßen und feierten das 4:0.

Einen Vorteil immerhin hat es, dass keiner das Doppelfinale von Wimbledon gesehen hat. So konnte keiner sehen, dass es ein eher langweiliges Match war. Petzschner und Melzer schlugen Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien) mit 6:1, 7:5, 7:5. Auch wenn die Sätze zwei und drei dem Ergebnis nach knapp aussehen, hatten Lindstedt und Tecau eigentlich keine Chance. Es tat dem Spielverlauf nicht gut, dass die beiden nicht besonders gut Tennis spielen können – jedenfalls nicht im Vergleich zu Melzer und Petzschner. Es gab fast keine artistischen Hochgeschwindigkeitsballwechsel am Netz, die Doppelmatches sonst so sehenswert machen.

Lindstedt und Tecau sind reine Doppelspezialisten, die deshalb Erfolg haben, weil sie – im Gegensatz zu manchen Stars aus der Einzelkonkurrenz – wissen, wie man Tennis erfolgreich als Teamsport betreibt. Melzer und Petzschner wissen das auch – das haben sie in den letzten Jahren immer wieder mal unter Beweis gestellt. Und sie können eben außerdem gut Tennis spielen, was ja, wie Melzer nach dem Sieg bemerkte, auch im Doppel kein Nachteil sein muss. Petzschner hat in der dritten Einzelrunde beinahe den späteren Turniersieger Rafael Nadal aus dem Wettbewerb genommen. Melzer stand vor vier Wochen im Halbfinale der French Open und scheiterte in Wimbledon erst im Achtelfinale an Roger Federer.

Ihr Glück war, dass sie im Doppel noch nicht ausgeschieden waren, als das Turnier im Einzel für beide beendet war. Da entschieden sie sich, das Doppel einfach mal genauso ernst zu nehmen wie sonst das Einzel. Plötzlich hatten die reinen Doppelspezialisten wie Lindstedt und Tecau oder vorher im Halbfinale Wesley Moodie und Dick Norman oder im Viertelfinale Rohan Bopanna und Aisam Qureshi das Nachsehen.

Ich glaube, dass Jürgen Melzer und Philipp Petzschner stark genug sind, noch ein paar weitere Grand-Slam-Titel einzufahren - wenn sie denn im Einzel früh genug ausscheiden und sich aufs Doppel konzentrieren. Jedenfalls haben sie sich schon seit Anfang des Jahres vorgenommen, immer dann, wenn beide im Einzel zum selben Turnier antreten, auch gemeinsam Doppel zu spielen. So dürfen wir hoffen, das Wimbledonsiegerduo künftig auch regelmäßig auf den Masters-Turnieren gemeinsam anzutreffen. Dort ist es wahnsinnig schwierig, in die meist nur 24 Teams umfassenden Doppelwettbewerbe reinzukommen. Um sicher zu sein, muss man in der Weltrangliste (im Einzel oder Doppel) unter den ersten 30 sein. Da stand Philipp Petzschner bisher nicht. Mit den 2000 Punkten aus Wimbledon auf dem Konto ist das aber ab sofort kein Problem mehr. Auf der morgen erscheinenden Doppel-Weltrangliste wird er einen Sprung von Platz 60 auf ungefähr Platz 20 machen.

Noch weniger Aufmerksamkeit als ein Wimbledonsieg im Herrendoppel erregt ein Wimbledonsieg im gemischten Doppel. Erinnert sich jemand, wer 2009 den Titel holte? Anna-Lena Grönefeld (zusammen mit Mark Knowles von den Bahamas). 2012 in London ist das gemischte Doppel erstmals olympisch. Das olympische Tennisturner wird übrigens auf dem Rasen von Wimbledon ausgetragen. Wäre doch gelacht, wenn das Gespann Grönefeld/Petzschner da nicht Edelmetall holt. Dann jedenfalls wäre die öffentliche Beachtung gewiss. Mit einer Medaille um den Hals werden schließlich selbst Kanuten, Judoka und Kleinkaliberschützen von Waldemar Hartmann interviewt.

Für eine Olympiateilnahme sollte Philipp Petzschner allerdings sicherheitshalber noch sein Verhältnis zum Code der Nationalen Doping-Agentur klären.

Hier die Ergebnisse vom Herrendoppel in Wimbledon

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