Sonntag, 26. September 2010

Mischa Zverev gibt es also auch noch

Man hat lange nichts mehr von Mischa Zverev (23) gehört, es sei denn, man verfolgte die Ergebnisse der ATP-Qualifikationswettbewerbe und der Challenger und warf dabei einen Blick auf die Namen der Erstrundenverlierer. Dabei schien der junge Hamburger vor einem Jahr noch auf dem Sprung nach ganz vorn. Im Mai 2009 stand er beim Masters von Rom im Viertelfinale, was ihn auf Platz 45 der Weltrangliste beförderte.

In dieser Woche war er nur noch die Nummer 155. Aber das ändert sich morgen, dann dürfte immerhin wieder zwischen den Plätzen 115 und 120 rangieren. Denn in Metz (Frankreich) spielte er heute Nachmittag plötzlich das erste ATP-Finale seiner Laufbahn. Mit einem solchen Erfolg war beim besten Willen nicht zu rechnen. Zuletzt ließ er Anfang Juni auf dem Rasen von Halle (Westfalen) aufhorchen, als er den späteren Doppel-Wimbledonsieger Jürgen Melzer schlug.

Dass Mischa Zverev jetzt in Metz bis ins Endspiel kam, zeigt, dass man Erfolge manchmal auch mit mehr Glück als Verstand erringen kann. Im Viertelfinale schlug er den seit langen unter massiven Leistungsschwankungen leidenden Finnen Jarkko Nieminen (Nr. 62). Ansonsten marschierte er durch die Runden, als würde stets jemand das Meer vor ihm teilen. Immerhin überstand er grundsolide die Qualifikation und schlug in Runde 1 den notorisch formschwachen Argentinier Horacio Zeballos (Nr 72). In Runde 2 hätte dann eigentlich Endstation sein sollen, und zwar in Gestalt des US-Open-Viertelfinalisten Gael Monfils (Nr. 15). Monfils aber, am vorigen Wochenende noch für Frankreich im Davis-Cup-Halbfinal-Einsatz, sagte kurzfristig ab und wurde von einem Lucky Loser ersetzt, dem legendären Nicolas Mahut (Nr. 158) . Es folgte das Viertelfinale gegen Nieminen (der wiederum in Runde 2 davon profitierte, dass ein weiterer französischer Davis-Cup-Spieler, Michael Llodra, abgesagt hatte), und danach hätte eigentlich wieder einmal Endstation sein sollen für Mischa Zverev. Aber sein Halbfinalgegner, das einstige Jahrhunderttalent Richard Gasquet (Nr. 30), hatte Fieber und konnte nicht antreten. So stand Mischa Zverev plözlich im Endspiel.

Dort wartete der von mir gern geschmähte Gilles Simon (Nr. 41). Ich habe mir das Spiel über weite Strecken angesehen – und zwar im briefmarkengroßen Livestream von bet365.com. Diese Übertragungform ist wirklich nur was für die ganz harten unter den Tennisfans, aber ich war halt neugierig, wie Mischa Zverev denn nun drauf ist im Moment. Denn auch wenn ich etwas über seine leichten Gegner in dieser Woche gelästert habe, bleibt natürlich festzustellen, dass er sie alle geschlagen hat, und zwar locker. Nur in der Quali gab er einen Satz im Tie-Break ab. Ganz vielleicht, dachte ich, hat er ja eine Chance gegen Simon. Im letzten Jahr, als Zverev noch auf dem Sprung nach vorn war, hat er ihn immerhin zweimal bezwungen.

Aber es war eine Enttäuschung. Simon gewann 6:2 und 6:3. Zverev schlug ganz ordentlich auf, und er spielte seinen bekannten Stil mit vielen Netzangriffen, er bereitete diese Netzangriffe oft auch ganz ordentlich vor, aber eine Volleys waren trostlos. Wenn sie mal nicht im Netz hängen blieben, spielte er sie meistens exakt dorthin, wohin Simon gerade lief. Der konnte dann zu hübsch anzusehenden Passierschlägen ausholen. Ich habe Gilles Simon überhaupt selten so schön spielen gesehen wie heute.

In einschlägigen Foren war zu lesen, Zverev hätte sich wehrlos seiner Niederlage ergeben. Das möchte ich in dieser Deutlichkeit nicht unterschreiben. Ein verlierender Angriffspieler sieht immer weniger kämpferisch aus als ein Verlierer vom Schlage eines Rainer Schüttler, der unermüdlich die Grundlinie auf- und abwetzt.

Die Quintessenz ist: Ich hatte nicht den Eindruck, dass Zverev zu seiner alten Spielstärke zurückgefunden hat. Es besteht die Gefahr, dass das Finale von Metz bloß ein Strohfeuer war. Es besteht aber auch die leichte Hoffnung, dass dieses Finale ihm das Selbstbewusstsein geben wird, das ihm zuletzt gefehlt hat (und das ihm allerdings im Endspiel immer noch fehlte). Eine schlüssige Erklärung für Zverevs Langzeittief habe ich allerdings immer noch nicht. Die Handverletzung aus dem letzten Winter kann dafür mittlerweile nicht mehr herhalten.

Immerhin war endlich mal wieder in Radio und Fernsehen zu hören, dass ein deutscher Tennisprofi in einem ATP-Finale stand. (Das letzte Mal gelang dies, wenn ich mich recht erinnere, Michael Berrer im Februar in Zagreb.)

Mischa Zverevs bevorstehender Sprung von Weltranglistenplatz 155 auf ungefähr Platz 116 erschien mir auf den ersten Blick etwas mickrig, und ich war kurz davor, dies auf das neue Weltranglistensystem zurückzuführen, in dem es für 250er-Turniere wie das in Metz nicht eben viele Punkte gibt. Aber dann hab ich in der Rangliste mal zwei Jahre zurückgeblättert und nachgesehen, auf welchen Platz sich damals ein Weltranglisten-155. mit einem Finale in Metz verbessert hätte: ebenfalls auf Platz 116.

Hier die Ergebnisse aus Metz (PDF)

Sonntag, 19. September 2010

TSG 1899 Kasachstan

Bulat Utemuratow hat es geschafft: Er ist in die Davis-Cup-Weltgruppe aufgestiegen. Kasachstan gewann das Relegationsspiel gegen die Schweiz. Dabei gibt es in Kasachstan eigentlich gar keine echten Tennisprofis.

Das Davis-Cup-Team, das an diesem Wochenende in der kasachischen Retortenhauptstadt Astana die Schweiz in Abwesenheit von Roger Federer mit 5:0 nach Hause schickte, bestand ausschließlich aus gebürtigen Russen: Andrei Golubew (Nr. 39), Jewgeni Koroljow (Nr. 73), Michail Kukuschkin (Nr. 81) und Juri Schukin (Nr. 132) (Das ist die deutsche Transskription aus der kyrillischen Schrift. Im Englischen, und somit auch auf der ATP-Webseite, heißen sie Andrey Golubev, Evgeny Korolev, Mikhail Kukushkin und Yuri Schukin). Der beste tatsächlich in Kasachstan geborene Tennisspieler steht auf Platz 449 und hat keine Chance auf einen Platz im Davis-Cup-Team.

Bulat Utemuratow, der Präsident des kasachischen Tennisverbands, hat sich sein Team zusammengekauft. Wie viel er den vier Russen für den Wechsel ihrer Staatsbürgerschaft bezahlt hat, weiß man nicht. Er wird wohl nicht so tief in die Tasche gegriffen haben wie Roman Abramowitsch beim FC Chelsea oder auch nur Dietmar Hopp bei der TSG 1899 Hoffenheim. Geld genug hat Utemuratow auf jeden Fall. Das Magazin Forbes führt ihn auf seiner Milliardärsliste.

Wer wissen will, wer dieser Kerl ist, liest nach im Blog von Sean R. Roberts, einem Professor für International Development aus Washington D.C. und Fachmann für Zentralasien. Bei ihm lernen wir, dass man in einem so undurchsichtigen Land wie Kasachstan nie so genau weiß, ob jemand, der offiziell Milliardär ist, das Geld wirklich selber besitzt oder nicht vielleicht ein Strohmann ist für Leute wie Präsident Nursultan Nasarbajew, zu dessen engsten Beratern Utemuratow zählt. Roberts meint aber, dass Utemuratows Einfluss so groß ist, dass er tatsächlich eine Milliarde Dollar oder noch mehr besitzen könnte. Öffentlich geworden ist Utemuratows Milliardenvermögen anscheinend erst, als er seien Anteil an einer Bank namens ATF an die italienische UniCredit verkaufte. Apropos Italien: Folgen wie Sean R. Roberts, dann kann der italienische Cavaliere Silvio Berlusconi von seinem Kollegen Nasarbajew noch einiges lernen: Eine der schillerndsten Aufgaben seines milliardenschweren und tennisbegeisterten Beraters Utemuratow ist es nämlich, die regimekritischen Medien unter seinen Fittichen zu halten (und dafür zu sorgen, dass sie es mit der Regimekritik nur gerade so weit treiben, dass sie Nasarbajews Macht nicht gefährden, man Nasarbajew aber allenthalben für die Meinungsfreiheit loben kann, die er gewährt).

Aber zurück zum Tennis: Was kann die TSG 1899 Kasachstan in der Davis-Cup-Weltgruppe anstellen? Koroljow, Golubew und Kukuschkin waren stark genug für den Aufstieg und sind es somit auch für den Klassenerhalt. Mit Heimrecht können die eingebürgerten Kasachen auch gegen durchschnittliche Weltgruppenmannschaften gewinnen. Gegen Spitzenteams reicht es aber wohl kaum. Jetzt frage ich mich, ob Utemuratow dasselbe tut, was ambitionierte Aufsteiger im Fußball für gewöhnlich tun: Nämlich Verstärkungen einkaufen. Dafür aber wird die Luft langsam dünn: Er müsste nach Spielern greifen, die stark genug sind, um für ihr Geburtsland aufzulaufen.

Golubew (der im Juli bekanntlich das Turnier am Hamburger Rothenbaum gewann), Koroljow und Kukuschkin wären für Russland zwar auch interessant gewesen, als sie die Nationalität wechselten, was das aber noch nicht unbedingt abzusehen. Für sie war Kasachstan also nicht nur wegen des Geldes interessant, sondern auch, um überhaupt im Davis-Cup spielen zu können. Wenn sich Utemuratow weiter bei den großen Nachbarn im Norden bedienen will, blieben nur noch die Top-Ten-Spieler Nikolai Dawidenko und Michail Juschni. Alles andere hat er schon aufgekauft.

Wir können ja mal ein bisschen rumspinnen: Vielleicht Andy Murray? Wenn er Champions League spielen will, muss er sich einen neuen Verein suchen. Mit Großbritannien wird er sowieso niemals den Davis-Cup gewinnen können. Bis zum vergangenen Jahr hat er immer brav mitgespielt und seine Einzelmatches gewonnen, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass die Briten in die dritte Liga abstiegen. In diesem Jahr verzichtete Murray auf einen Davis-Cup-Einsatz. Die Briten verloren in Runde 1 gegen Litauen und verhinderten mit einem furiosen Sieg gegen die Türkei den Abstieg in die vierte Division.

Noch andere Vorschläge? Vielleicht ein paar Spanier, die keine Chance auf einen Platz im Team haben? Wenn man merkt, dass man auf der Bank versauert, muss man sich woanders eine neue Herausforderung suchen! Oder vielleicht Philipp Petzschner, wenn er wieder seine Nada-Papiere nicht unterschreiben will? Florian Mayer wegen der entspannten Challenger-Atmosphäre in Astana? Wir sind gespannt...

Hier die Playoff-Ergebnisse der Davis-Cup-Weltgruppe

Halbfinale war übrigens auch an diesem Wochenende. Frankreich gewann gegen Argentinien und Serbien gegen Tschechien.

Sonntag, 12. September 2010

Flaute in Dänemark: Keine Männer neben Caroline

Kim Clijsters hat gestern also ihren Titel verteidigt. 6:2 und 6:1 gegen Vera Zvonareva. Der Ausgang der US-Open-Damenkonkurrenz verhunzt mir gewaltig den Einstieg in diesen Artikel. Mit dem belgischen Herrentennis ist nämlich alles in Ordnung. Unter den männlichen Flamen und Wallonen ist zwar kein Grand-Slam-Sieger in Sicht, aber mit Xavier Malisse (Nr .50) und Olivier Rochus (Nr. 74) gibt es zwei solide Profis, die regelmäßig zu ATP-Turnieren antreten und auch schon den einen oder anderen Achtungserfolg erringen konnten. Vier weitere Belgier rangieren zwischen den Plätzen 100 und 200. Unter den rund 1600 Spielern auf der aktuellen Weltrangliste befinden sich 24 Belgier. Für ein Land mit 10,6 Millionen Einwohnern ist das mehr, als man verlangen kann. Auch der belgische Profi-Nachwuchs hat ordentliche Startbedingungen. Erst vor zwei Wochen endete eine Serie von drei Future-Turnieren in Eupen, Koksijde und Huy, bei denen es um jeweils 10.000 Dollar Gesamt-Preisgeld und 18 Ranglistenpunkte für den Sieger ging. In Eupen gewann der 19-jährige Belgier David Goffin die Einzelkonkurrenz, in Huy gewannen die 21 und 22 Jahre alten Belgier Marco und Mario Dierckx die Doppelkonkurrenz.

Aber Belgien ist nicht unser Thema. Hätte hingegen die bei den US Open an Nummer 1 gesetzte Spielerin, Caroline Wozniacki, ihren ersten Grand-Slam-Titel geholt, anstatt im Halbfinale recht sang- und klanglos auszuscheiden, hätte ich diesen Artikel mit einem epochalen Gegensatz beginnen können. Nun aber kann ich mit diesem epochalen Gegensatz erst in Absatz zwei kommen: Ein Volk verbringt Nächte vor dem Fernseher, wie wir es in Deutschland noch aus Zeiten von Steffi und Boris kennen. Das Tennis im Staate Dänemark erklimmt schwindelnde Höhen. Das aber gilt nur fürs Frauentennis. Das dänische Männertennis hat innerhalb weniger Jahre in einem Ausmaß an Relevanz verloren, wie es selbst für ein relativ kleines Land für Dänemark kaum nachzuvollziehen ist.

Mitten im Damentennisboom ist Dänemark im Herrentennis zu einem weißen Fleck geworden, wie man ihn in Europa kaum ein zweites Mal findet. Kürzlich nahm ich mir vor, in diesem Blog über die Schwierigkeiten zu schreiben, in der völligen Diaspora eine Profitennis-Karriere zu starten, also in einem Land ohne jede Möglichkeit, Weltranglistenpunkte zu sammeln, ohne Chancen für die Juniorenmeister, die eine oder andere Wild Card für ein Future oder gar ein Challenger zu ergattern. Es ist gar nicht so leicht, in Europa ein solches Land zu finden. Wenigstens ein Future-Turnier, die unterste Kategorie im Profitennis, gibt es so gut wie überall – ob in Estland, Lettland, Litauen, Slowenien oder Mazedonien. Sogar San Marino hat ein Challenger. Abgesehen von Zwergstaaten wie Liechtenstein fand ich drei europäische Länder ohne ATP-Punktevergabe: die Ukraine, Zypern und eben Dänemark. Auch Zypern und die Ukraine sind erstaunliche Fälle. Zypern hat zwar nicht einmal ein Fünftel der Einwohnerzahl Dänemarks, aber mit Marcos Baghdatis (Nr. 18) einen amtierenden Tennis-Nationalhelden. Und die Ukraine ist ein weites Land mit aktuell drei Top-100-Spielern (die übrigens alle ihre ersten Ranglistenpunkte in der Heimat sammelten, als es noch ukrainische Futures gab).


Auch in Dänemark wurde bis vor kurzem noch Profi-Herrentennis gespielt. Am Freitag telefonierte ich mit Niels Persson (Foto), dem Geschäftsführer des dänischen Tennisverbands. Ich sagte ihm, ich sei überrascht gewesen, als ich feststellte, dass es in Dänemark kein einziges Herren-Weltranglistenturnier mehr gibt. Ja, sagte Niels Persson, ihn habe das auch überrascht.

Das große ATP-Turnier in Kopenhagen wurde bereits 2004 in die USA verkauft. Wenig später gab auch die dänische Sandplatz-Futureserie ihren Geist auf. Bisher aber gab es immerhin noch das Challenger-Turnier im Oktober in Kolding (80 Kilometer hinter der deutschen Grenze). Für dieses Jahr aber ist das Challenger abgesagt. Der Hauptsponsor ist abgesprungen.

Auf der Webseite des dänischen Tennisverbands steht zwar noch, man arbeite daran, das Turnier 2011 wieder ausrichten zu können, aber Niels Persson klingt da nicht wirklich zuversichtlich. Ihm fehlen die Spieler. Es gibt demnächst nur noch einen einzigen Dänen auf der ATP-Weltrangliste: Frederik Nielsen auf Platz 272. Kristian Pless (Junioren-Weltmeister von 1999 als Nachfolger von Roger Federer und Vorgänger von Andy Roddick) hat seine enttäuschende und von Verletzungen überschattete Karriere vor fast einem Jahr beendet und verliert in zwei Wochen seine letzten acht Ranglistenpunkte.

Aber für Turniere ohne dänische Teilnehmer, sagt Niels Persson, interessieren sich die Zuschauer nicht und also auch nicht die Sponsoren. Ein Challenger auszurichten, das koste 700.000 Kronen (94.000 Euro). „Das Geld hat unser Verband nicht.“ Vielleicht könne man wenigstens irgendwann wieder ein Future ausrichten. An eine eigene dänische Future-Serie mit drei Turnieren denkt er dabei nicht, eher an eine Zusammenarbeit mit den Nachbarn in Schweden. 2011 werde das aber mit Sicherheit noch nichts.

In Schweden gibt es mehrere Futures. An diesem Wochenende schaffte ein einzelner Däne in Danderyd bei Stockholm die Qualifikation fürs Hauptfeld. Wenn Philip Orno sein Erstrundenmatch gewinnen sollte (was ihm gegen den Finnen Juho Paukku wohl nicht gelingen wird), bekäme er seinen ersten Weltranglistenpunkt und könnte von Platz 1600 aus Frederik Nielsen Gesellschaft leisten.

Es ist unwahrscheinlich, dass Dänemark so viele ATP-Profis hätte wie Belgien, wenn es bloß ebenso viele ATP-Turniere hätte. Aber die Entscheidung, ob man es auf der Profitour versuchen oder sich doch lieber auf die Berufsausbildung konzentrieren soll, fällt im Einzelfall gewiss anders aus, wenn das nächste Future-Turnier gleich um die Ecke stattfindet und der Veranstalter mit einer Wild Card lockt. Vielleicht wäre die Karriere von Martin Pedersen, der als 19-Jähriger ein Challenger-Finale in Dublin erreichte, dann anders verlaufen. Er hat den Versuch, Profi zu werden aufgegeben. Vor zwei Jahren habe ich ihn in der zweiten Bundesliga in Hartenholm spielen gesehen, und er machte einen absolut Challenger-tauglichen Eindruck. Er spielt auch immer noch für Dänemark im Davis-Cup (das kann Frederik Nielsen ja nicht alleine) und liefert dort Ergebnisse auf solidem Challenger-Niveau ab.

So bleibt Frederik Nielsen der einzige männliche dänische Tennisprofi. Vor zwei Jahren waren es neun Dänen auf der Weltrangliste. Vor fünf Jahren gewann zuletzt ein Däne ein ATP-Turnier (Kenneth Carlsen in Memphis).

Auf der WTA-Rangliste sind immerhin vier Däninnen geführt, von denen Caroline Wozniacki mit ihren 20 Jahren die älteste ist. Da ist also sogar noch Luft nach oben. Und ein WTA-Turnier in Kopenhagen gibt es – Caroline sei Dank – seit diesem Jahr auch.

Und die weitere Zukunft? Die dänischen Tennisclubs haben tausende neue Mitglieder gewonnen, seit Caroline Wozniacki auf der Bildfläche erschienen ist. „Vorher sind unsere Mitgliederzahlen 18 Jahre lang gesunken“, sagt Niels Persson. Es seien durchaus auch Jungs unter den Kindern, die jetzt mit dem Tennisspielen beginnen. Aber besonders häufig, sagt er, sehe man Mädchen mit gelben Rackets. „Da sieht man deutlich, wer das Vorbild ist.“

(Im übrigens weise ich darauf hin, dass Niels Persson „Caroline“ sagt und nicht „Cärolein“ wie die deutschen Eurosport-Kommentatoren. Am Freitag durften wir die kuriose Situation erleben, dass Eurosport-Expertin Amelie Mauresmo auf Englisch von „Caroline“ sprach und der deutsche Dolmetscher das mit „Cärolein“ übersetzte.)

Sonntag, 5. September 2010

Jack Sock, Joao Zwetsch und der Satz von Wolstenholme

In der ersten Runde der US Open verlor Jack Sock mit 1:6, 4:6, 6:1 und 1:6 gegen Marco Chiudinelli aus der Schweiz. Jack Sock ist hoffnungsvolle 17 Jahre alt und belegt auf der Weltrangliste den 651. Platz. Die Wild Card verdiente er sich als US-Jugendmeister. Aufmerksamkeit erregte er in dieser Woche weniger dadurch, dass er gegen Chiudinelli (immerhin die Nummer 63) einen Satz gewann, sondern durch die geniale Schlichtheit seines Namens: Jack Sock – das rockt. Wer so heißt, der kann ganz groß rauskommen. Womit wir bei unserem heutigen Thema wären: Spieler mit einprägsamen, abseitigen oder anderweitig auffälligen Namen. (Chiudinelli ist auch kein schlechter Name, übrigens)

Der einzige aktuelle Weltklassemann in dieser Kategorie ist ohne Frage Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 11). Tsonga allein ist ja schon bemerkenswert. Aber dann auch noch als Franzose mit dem äußeren Erscheinungsbild des legendären Muhammed Ali als zweiten Vornamen in Verbindung mit dem schlichten Jo den alten deutschen Namen Wilfried zu tragen, das ist kaum zu toppen.

Mit Jo-Wilfried Tsonga assoziierte ich stets Jesse Huta Galung (Niederlande/Nr. 144). Die beiden Namen habe ich vor einigen Jahren ungefähr zur gleichen Zeit entdeckt und fand sie in ihrer Seltsamkeit derart ähnlich, dass ich meinen Augen kaum glauben mochte, als ich Jesse Huta Galung zum ersten Mal sah: Er hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit Tsonga. Er scheint indonesische Vorfahren zu haben, das sieht man aber nur, wenn man genau hinguckt.

Aus dem aktuellen Teilnehmerfeld der US Open (dem Huta Galung nicht angehört) ist Carsten Ball (Australien, Nr. 145) zu nennen. Als Profi-Ballsportler Ball zu heißen, ist von vorbildlicher Konsequenz. Das ist mir aber anfangs gar nicht aufgefallen. Am meisten staune ich noch immer über den Vornamen: Carsten. Da kommt einer aus Australien und trägt als Namen die plattdeutsche Variante von Christian.

Überhaupt sorgen ja deutsche Namen, deren Träger von der Südhalbkugel kommen, immer wieder für ein gewisses Hurra, was wir nicht erst seit dem brasilianischen Champion Gustavo Kuerten wissen, der seine ersten Triumphe feierte, als Dieter Kürten noch das ZDF-Sportstudio moderierte. Aktuell haben die Argentinier insbesondere Leonardo Mayer (Nr. 79) und Eduardo Schwank (Nr. 57) zu bieten. Schwanks Vorfahren sollen Schweizer gewesen sein und keine Deutschen, aber das tut nichts zu Sache, hier geht es ja um Namen und nicht um Blut. Überhaupt sind im argenitischen Tennis die deutschnamigen Spieler viel häufiger als im Fußball (wo mir im Moment nur Gabriel Heinze einfällt – und Paolo Rink, aber ist ja sowieso Deutscher).
Der zweitschönste dieser Namen: Leonardo Kirche (Brasilien/Nr. 392). Den allerschönsten deutsche Namen in Brasilien aber trägt nur einer: Joao Zwetsch. Den Namen las ich Ende der 80er mal im Tennis-Magazin in einem Artikel über das ATP-Regelwerk. Der Autor wählte als Schlusspointe, dass die meisten Regeln für alle Spieler gleich seien – von Ivan Lendl bis Joao Zwetsch. Zwetsch war damals nämlich Weltranglistenletzter, und diese Ehre hatte er seinem Namen zu verdanken. Am Ende der Rangliste waren alle Spieler mit genau einem Weltranglistenpunkt alphabetisch sortiert. Damals hatten wir ja noch kein Internet, und das Tennis-Magazin druckte die Rangliste immer nur monatlich bis Platz 75 ab. Es schien also schier aussichtslos, jemals den Namen des Weltranglistenletzten zu erfahren. Schon allein deshalb bewahrte ich Joao Zwetsch tief in meinem Herzen. Tröstlich übrigens, dass Zwetsch nicht Letzter blieb, sondern kurz darauf bis auf Platz 231 kletterte. Er gewann sogar mal einen Satz gegen Bernd Karbacher. Ich hatte fast Tränen der Rührung, als ich ihm neulich wieder begegnete: Er ist heute Brasiliens Davis-Cup-Kapitän.

Abschließend zum Kapitel mit den deutschen Namen: Mariusz Fyrstenberg (Nr. 18 im Doppel) schätze ich besonders wegen der eingepolnischten Form mit dem Y. Die meisten aktuellen polnischen Tennisprofis sind für deutsche Zungen relativ gut aussprechbar, aber einen Mann gibt es, für den hat irgendjemand sämtliche Klischees über die polnische Sprache zu einem Nachnamen zusammengerührt: Michał Przysiężny (Nr. 90). Dagegen agieren wir mit Philipp Petzschner (Nr. 52), Philipp Kohlschreiber (Nr. 31) und Denis Gremelmayr (Nr. 135) im Sinne internationaler Aussprechbarkeit noch geradezu vorbildlich. Auch den Tschechen kann man mit Lukas Dlouhy (Nr. 5 im Doppel) nur geringfügige Vorwürfe machen.

Sehr schöne Namen hat man traditionell in Thailand zu bieten. Unvergessen ist Paradorn Srichaphan (ehemals Nr. 9). Sein Landsmann Danai Udomchoke (ehemals Nr. 77) kann da nicht nur sportlich, sondern auch namentlich nicht wirklich konkurrieren. Aber es gibt ja noch die Zwillinge Sanchai und Sonchat Ratiwatana (Nr. 93 im Doppel) und natürlich der wegen seiner Wild Cards für das ATP-Turnier von Bangkok bekannte Kittipong Wachiramanowong (Nr. 534).

Auch die Philippinen haben unterhaltsame Namen zu bieten, auch wenn die beiden folgenden Spieler eigentlich aus den USA kommen und im Wesentlichen aus Davis-Cup-Gründen für das Land ihrer Vorfahren spielen: Cecil Mamiit (ehemals Nr. 72) erzielt Coolness dank seines doppelten i. Treat Conrad Huey (Nr. 108 im Doppel) klingt cool ganz ohne jede Dopplung in der Schreibweise.

Wegen ungewöhnlicher Buchstabenkombinationen schaffen es auch Michael Llodra (Frankreich, Nr. 35) und Carlos Berlocq (Argentinien, Nr. 101) in diese Zusammenstellung. Lovro Zovko (Kroatien, Nr. 90 im Doppel) schätze ich wegen des um Haaresbreite abgewendete Reimes.

In eine ganz andere Kategorie auffälliger Namen gehören Sergei Bubka (Ukraine, Nr. 306) und Miloslav Mecir (Slowakei, Nr. 318), die genau wie ihre berühmten Väter heißen.

Zum Abschluss ein paar unvergessene Namen aus den Tiefen des vergangenen Jahrhunderts: Wir beginnen mit Ricki Osterthun (Hamburg, ehemals Nr. 58).

Erinnert sei zudem an die australischen Doppelspezialisten Todd Woodbridge und Mark Woodforde, denen gar nichts anderes übrig blieb, als gemeinsam Grand-Slam-Titel zu sammeln. Ich fand es tragisch, als Woodforde, der etwas Ältere der beiden, eines Tages seine Karriere beendete und Woodbridge mit einem anderen Doppelpartner (immerhin war es Jonas Björkman) weitermachen musste.

Der Franzose Guy Forget (ehemals Nr. 4) war bemerkenswert, weil sich sein Name so schön auf Englisch aussprechen ließ.

Wer wissen will, was das Besondere an Jaime Yzaga (Peru, ehemals Nr. 18) war, liest den Nachnamen einfach mal rückwärts.

Wenn Christo van Rensburg (Südafrika, ehemals Nr. 19) gewann, freute ich mich damals stets über den Sieg für meine Nachbarstadt (auch wenn Rendsburg natürlich mit d geschrieben wird).

Warum mir Martin Wostenholme (Kanada, ehemals Nr. 84) tief im Gedächtnis geblieben ist, kann ich nicht sagen. Ich fand immer, der Name habe etwas Magisches. Beim Googeln fand ich den mathematischen „Satz von Wostenholme“. An dem kann es aber nicht liegen. Der Satz heißt nämlich korrekt „Satz von Wolstenholme“, was bloß noch kompliziert klingt und gar nicht magisch.

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