Sonntag, 31. Oktober 2010

Dustin Brown spielt jetzt als Deutscher

Deutschland hat einen neuen Tennisprofi. Es ist Dustin Brown aus Celle. Er ist 25 Jahre alt, belegt auf der Einzel-Weltrangliste Platz 102 und auf der Doppel-Weltrangliste Platz 68. Dem interessierten Fernsehpublikum wurde der Rasta-Mann bekannt, als er in diesem Jahr die zweite Runde der US Open erreichte und dort gegen Andy Murray spielte.

Bisher führte die ATP ihn als Jamaikaner. Beim Challenger in Eckental bei Nürnberg, das morgen beginnt und bei dem er an Nummer 1 gesetzt ist, steht in den offiziellen Ergebnislisten erstmals „BROWN, Dustin (GER)“ . Seinen Nationalitätenwechsel gab Brown am Wochenende via Facebook bekannt. Ganz überraschend kam der Schritt nicht. Deutscher Staatsbürger ist er sowieso. Er ist hier geboren und auch überwiegend hier aufgewachsen. Seine Mutter heißt Inge und ist eingeborene Niedersächsin. Mit dem jamaikanischen Tennisverband liegt er seit einiger Zeit in einem öffentlich ausgetragenen Clinch, weil er sich vom Verband nicht genügend unterstützt fühlt.

Schon im Sommer – genau genommen während Wimbledon - wurde kolportiert, er könnte seine Länderflagge wechseln. Komischerweise berichteten darüber vorwiegend englische Medien, und man meinte, Brown würde nun gewiss Brite werden, weil sein jamaikanischer Vater britische Vorfahren hat.

Für Großbritannien wäre Dustin Brown für den Davis-Cup hochinteressant gewesen. Nach Andy Murray (Nr. 4) ist derzeit James Ward (Nr. 220) zweitbester Brite. In Deutschland ist er nur der zehntbeste Spieler und damit nicht unbedingt ein Kandidat fürs Davis-Cup-Team. Insofern kann man sich fragen, was sich Brown eigentlich davon verspricht, nun für sein Geburtsland zu spielen. Als Jamaikaner ist er auch nicht schlecht gefahren. Wegen seines Exotenstatus als Bob Marley des Tenniszirkus war ihm überall auf der Welt, wo er zu einem Turnier antrat, eine gewisse Aufmerksamkeit sicher. Und um Unterstützung vom Tennisverband kann es ihn jetzt eigentlich nicht mehr gehen, dieser Phase ist er entwachsen. So etwas wäre in den letzten Jahren hilfreich gewesen, als er im Campingbus durch Deutschland und die Nachbarländer von Future-Turnier zu Future-Turnier gurkte. In diesem Jahr hat er schon 200.000 Dollar Preisgeld verdient. Abzüglich der Reise- und Unterkunftskosten macht ihn das nicht zum reichen Mann, aber er wird auch ohne Hilfe eines Tennisverbandes über die Runden kommen.

Vielleicht spielt für Browns Entscheidung doch der Davis-Cup eine Rolle. Im Einzel dürfte er seinen Zenit bald erreicht haben, aber er ist auch ein exzellenter Doppelspieler. Neulich gewann er in Metz zusammen mit dem Holländer Rogier Wassen sein ersten ATP-Turnier. In dieser Woche standen die beiden in Monpellier im Halbfinale. In der Dopepel-Rangliste ist Dustin Brown schon jetzt der fünftbeste Deutsche, und weil Doppelspieler oft erst jenseits der 30 ihre besten Leistungen bringen, ist da noch Luft nach oben.

Mit Großbritannien würde er in der dritten Davis-Cup-Division gegen Länder wie Tunesien, Litauen oder die Türkei spielen. Das klingt nicht wesentlich spektakulärer als die Einsätze, die er 2003 für Jamaika schon absolviert hat: gegen Bolivien, El Salvador und Puerto Rico. Als Deutscher muss er um eine Platz im Team zwar hart kämpfen, aber wenn er zum Einsatz käme, wäre es immerhin auf der großen Bühne der Davis-Cup-Weltgruppe.

Und außerdem: Wenn ich ihn in diesem ATP-Video reden höre, klingt mir das doch sehr nach Englisch mit leicht deutschem Akzent:



Also: Willkommen zu Hause, Dustin!


Kleiner Nachtrag am Montagmorgen: Auf der heute veröffentlichten Weltrangliste wird Dustin Brown noch als Jamaikaner geführt.

Noch ein Nachtrag am Montagabend: Jetzt ist er auf der Welttangliste Deutscher. Dafür haben sie ihn auf der Eckentaler Ergebnisliste wieder zum Jamaikaner gemacht. Hoffentlich sehen sich jetzt nicht all diejenigen bestätigt, die meinen, doppelte Staatsbürgerschaften sorgen für Loyalitäts- und sonstige Konflikte.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Live aus Stockholm

Mit zweien hatte ich in Stockholm nicht gerechnet: mit Schnee und mit Florian Mayer. Als ich am Freitagmorgen ankam, war alles weiß. Als ich heute Nachmittag die Stadt wieder verließ, spielte Florian Mayer gerade das Finale gegen Roger Federer.

Zum Viertel- und zum Halbfinale des Stockholmer ATP-250er-Turniers, am Freitag und Sonnabend, war ich in der königlichen Tennishalle am Lidingövägen. Die Veranstaltung gehört zu meinen absoluten Lieblingsturnieren, und nur am Hamburger Rothenbaum habe ich häufiger Profitennis geguckt als in Stockholm. Hier habe ich vor vier Jahren den allerletzten ATP-Auftritt von John McEnroe gesehen, als er mit 47 Jahren an der Seite von Jonas Björkman im Doppel antrat und im Viertelfinale ausschied. Eine Viertelstunde lang, bis ihn seine Kraft verließ, spielte McEnroe schier magische Volleys. Am selben Abend sorgte Joachim Johansson für die knisterndste Stimmung, die ich je bei einem Tennismatch erlebt habe. Bei einem seiner seltenen Comebackversuche wehrte Schwedens dauerverletzter Publikumsliebling Nr. 1 im Viertelfinale gegen Kristof Vliegen ein Matchball mit einem Ass mit dem zweiten Aufschlag ab und gewann wenig später die Partie.

Diesmal hatte das schwedische Publikum nicht so viel zu jubeln, aber weil das hauptsächlich an Florian Mayer lag, den ich genau so gut finde wie das Stockholmer Turnier, kam ich darüber problemlos hinweg.

Meine Faszination für dieses Turnier hat viel mit der Architektur der 1943 erbauten königlichen Tennishalle zu tun. Es ist ein langgestreckter Bau mit gewölbtem Dach und ohne Zwischenwände. Außer auf den ganz teuren Plätzen sitzt man auf den Tribünen auf Holzbänken, und was das Allerbeste ist: Man muss gar nicht auf seinem Platz sitzen, um dem Geschehen auf dem Center Court zu folgen. Man kann auch mit dem Kaffeebecher oder der Bockwurst in der Hand am Geländer oberhalb der Tribünen stehen und von dort zugucken. Als ich das bei meinem vorletzten Besuch einmal tat, stand plötzlich Benjamin Becker neben mir und verfolgte ebenfalls das Match, das unten gerade lief. Ein anderes Mal traf ich Stefan Edberg. Vorgestern trug Christopher Kas nach verlorenem Doppel-Viertelfinale seine während des Matches eingeschlafene dreijährige Tochter durch die Besuchermassen.

Solche Begegnungen hat man als normaler Zuschauer gelegentlich auf Freiluft-Nebenplätzen, aber nicht bei ATP-Hallenturnieren. Die anderen Hallenturniere, die ich kenne, finden in Mehrzweckarenen statt. Auf die Tribünen gelangt dort man durch Treppenhäuser und feuersichere Türen. Die Spieler sieht man nur unten auf dem Platz, weil sie sich sonst in irgendwelchen Katakomben bewegen.

Aber jetzt zu den Matches, die ich gesehen habe, oder zumindest zu einer Auswahl davon.

Freitag
Doppel-Viertelfinale
Johan Brunström (Schweden) / Jarkko Nieminen (Finnland) – Christopher Kas / Michael Kohlmann (Deutschland) 7:5, 6:3

Michael Kohlmann und der oben erwähnte Christopher Kas fingen fulminant an mit zwei Return-Winnern und einem Break. Danach haben die Deutschen im ersten Satz zwar noch lange mithalten können, insbesondere Kohlmann fing nach dem 4:2 an, etwas zu viele Volleys zu verschlagen. Im zweiten Satz kam bei den Deutschen fast kein erster Aufschlag mehr. Sie gerieten in jedem Ballwechsel ganz schnell in die Defensive, was aber auch daran lag, dass Nieminen und insbesondere Brunström überragend spielte. Im Halbfinale am Sonnabend gegen Wesley Moodie und Dick Normann waren die beiden sogar nah dran am Prädikat „Weltklasse“, so dass ich keinen Zweifel hatte, dass sie auch das Endspiel gewinnen würden. Taten sie aber nicht. Doppel-Ergebnisse sind eben nicht sehr sicher vorhersagbar.

Einzel-Viertelfinale
Florian Mayer (Deutschland/Nr. 47) – Robin Söderling (Schweden/Nr. 5) 7:6, 6:1

Die Spieler betraten die Spielfläche mit jeweils einem Auflaufkind an der Hand. Das Wort Auflaufkind kannte ich bisher nur aus dem Fußball, aber meinetwegen. Nach den ersten Ballwechseln machte ich mir die Notiz: „Flo spielt Welttennis. Ist der bessere Spieler, sobald echte Ballwechsel.“ Zu dem Zeitpunkt war ich mir noch unsicher, ob diese Diagnose wirklich zutrifft und vor allem, ob sie von Dauer sein würde. Aber es war nicht zu übersehen: Robin Söderling, Schwedens große Hoffnung auf den Turniersieg, der Weltranglistenfünfte, der French-Open-Finalist von 2009 und 2010, hatte keine Chance. Im ersten Satz schlug Söderling grandios auf, was ihm in jedem Aufschlagspiel die nötigen Punkte brachte, die er brauche, um ein Break zu verhindern. Aber mehr hatte er nicht zu bieten. Vor allem gelang es ihm überhaupt nicht, seine starken Aufschläge irgendwie für sein sonstiges Spiel auszunutzen. Sobald Florian Mayer nach dem Return einen weiteren Ball ins Feld spielen konnte, gab Söderling das Heft aus der Hand. Es war nicht erkennbar, dass er irgendein Konzept gehabt hätte. Es kam mir vor, als hätte er gedacht, den Mayer, den schlägt er mit links, und nicht rechtzeitig gemerkt, dass es so einfach nicht wird. Flo hingegen sah aus, als wäre er „in the zone“ (so nennen es die Spieler, wenn ihnen plötzlich alles gelingt – Pete Sampras hat diesen nahezu hypnotischen Zustand in seinem Buch „A champion's mind“ schön beschrieben). Flo spielte seinen lang gezogenen Slice nicht nur traumwandlerisch sicher in der richtigen Länge kurz vor die Grundlinie, sondern ebenso traumwandlerisch sicher zentimetergenau über die Netzkante und so gut wie nie unter die Netzkante. Er, der ja herzerfrischend variantenreich spielen kann, benötigte gar nicht so viele Varianten. Eigentlich benötigte er nur diesen einen langgezogenen Slice. Mit dem kam Söderling bis zum Ende nicht zurecht. Er spielte die Bälle irgendwie zurück, mal etwas kürzer, mal etwas länger, immer flach - und früher oder später zu lang hinter die Grundlinie.

Roger Federer (Schweiz/Nr. 2) - Stanislas Wawrinka (Schweiz/Nr. 21) 2:6, 6:2, 6:3

Ich war erschüttert. Was Roger Federer im ersten Satz bot, hatte ich bis dahin für unvorstellbar gehalten. Es sah aus, als wollte er absichtlich verlieren. Dieses Abschenken im Viertelfinale kleinerer ATP-Turniere ist in gewissen Spielerkreisen ja durchaus verbreitet. Man tut seine Pflicht, man kassiert die Antrittsprämie, gewinnt anstandshalber ein oder zwei Matches und fährt am Freitagabend nach Hause. Aber Roger Federer hat so etwas noch nie getan. Würde er so etwas aber tun, wäre Stockholm genau das richtige Turnier dafür gewesen. Letzten Sonntag noch spielte er in Schanghai ein Masters-Endspiel. Viele haben sich gewundert, dass er sofort in der Woche drauf für Stockholm gemeldet hatte, zumal er in der übernächsten Woche ja auch noch in Basel spielen muss, worum er aus landsmannschaftlichen Gründen kaum herumkommt. Seinen ehemaligen Spielerkollegen Thomas Johansson und Jonas Björkman, die jetzt die Turnierdirektoren sind, hatte er den Auftritt in Stockholm aber wohl schon lange versprochen. Also: Manch anderer Spieler hätte an Federers Stelle das Viertelfinale in Stockholm lässig abgeschenkt. Mein Verdacht ist: Federer hatte tatsächlich genau dies vor. Aber es ist ihm nicht gelungen, das rechte Maß zu finden. Dazu muss man nämlich exakt das bisschen schlechter als normal spielen, dass es nicht auffällt, dass es aber zur Niederlage reicht. Federer aber stand im ersten Satz ständig so dermaßen schlecht zum Ball, reagierte so dermaßen spät auf Wawrinkas Schläge und schlug viele Bälle so dermaßen weit ins Aus, dass es absolut auffiel. Es fiel auch deshalb auf, weil man als Tennisfan ja kaum einen Spieler aus unzähligen Grand-Slam-Finals so gut wie Federer kennt und weiß, wie er sich normalerweise bewegt, wie er normalerweise die Bälle schlägt. Gegen Wawrinka nun lag er ganz schnell 2:6 und 0:2 zurück und produzierte dabei noch nicht einmal einen missmutigen Gesichtsausdruck. Hinterher sagte er, er habe einfach sein Timing nicht gefunden. Mir scheint, ihm wurde nach dem ersten Satz bewusst, dass er gerade eine große Peinlichkeit produziert, und hat den Versuch, das Match abzuschenken, klugerweise abgebrochen. Ich habe einfach keine andere Erklärung dafür, wieso plötzlich wieder der Federer, wie man ihn kennt, auf dem Platz war. Vorher hatte ich gehofft, er wäre vielleicht einfach verletzt oder hätte eine Magenverstimmung oder sowas. Aber dann hätte er ja auch im zweiten Satz weiter schlecht spielen müssen.

Sonnabend
Einzel-Halbfinale
Florian Mayer – Jarkko Nieminen (Finnland/Nr. 45) 4:6, 6:4, 7:6

Jarkko Nieminen wird in Stockholm stets fast so gefeiert, als wäre er ein Schwede. Das hat mit panskandinavischer Solidarität zu tun und damit, dass Nieminen nach den Spielen seine Interviews in flüssigem Schwedisch gibt. Florian Mayer scheint es nichts ausgemacht zu haben, dass das Publikum gegen ihn war. Das war schon im Match gegen Söderling so. Flo war nicht „in the zone“ wie gegen Söderling, dafür spielte er variantenreich mit vielen Stops und Lobs und brillanten Netzangriffen. Und er war nervenstark. Beim 4:5 im dritten Satz und Aufschlag Mayer hatte Nieminen einen Matchball. Vor wenigen Jahren hätte Flo daraufhin einen Doppelfehler serviert oder den Ball irgendwie anders in Netz oder ins Aus gezittert. Diesmal ging er ans Netz und setzte einen Volley im extremen Winkel auf die Seitenlinie. Nieminen hechtete vergeblich nach dem Ball und zog sich dabei eine dicke Schürfwunde am Ellenbogen zu. Im Tie-Break war Nieminen derjenige, der die Bälle verzitterte.

Das Endspiel gegen Roger Federer hat Florian Mayer 4:6 und 3:6 verloren. Aber das ist ja völlig egal und war auch nicht anders zu erwarten. Florian Mayer ist in der Form seines Lebens, und vor allem hat er mit jetzt 27 offensichtlich zu der Gelassenheit gefunden, die er braucht, um enge Matches vor großem Publikum erfolgreich zu überstehen. Für den theoretischen Fall, dass er das Endspiel heute gewonnen hätte, wäre er schon morgen in der Weltrangliste an Philipp Kohlschreiber vorbeigezogen und hätte ihm seinen geliebten Status als „deutsche Nummer 1“ abspenstig gemacht. Aber vielleicht dauert es nicht mehr lange. Im Moment halte ich Mayer für den eindeutig stärkeren Spieler als Kohlschreiber.

Hier die Einzel-Ergebnisse aus Stockholm (PDF)

und hier die Doppel-Ergebnisse (PDF)

Sonntag, 17. Oktober 2010

Wette gegen Federer? Forstmanns 40.000 Dollar

Eine kuriose Schlagzeile kam in dieser Woche aus Amerika und wurde zwar nicht von den deutschen Medien, wohl aber von den schweizerischen aufgegriffen: In einer Klageschrift in Los Angeles, in der es um Wettbetrug geht, taucht der Name Roger Federer auf.

Das Klatschportal TMZ hat die Geschichte aufgebracht, und ganz verstanden habe ich sie noch nicht. Soweit ich die Sache bisher zu durchdringen in der Lage bin, gibt es keine ernsthaften Anzeichen dafür, dass Roger Federer ein Wettbetrüger sein könnte. Es könnte aber sehr wohl sein, dass er sich in absehbarer Zeit immer wieder mal mit entsprechenden Verdächtigungen wird herumschlagen müssen. Deshalb sehen wir uns diese Sache jetzt mal näher an.

Im Vordergrund der TMZ-Geschichte steht Golfstar Tiger Woods, mit dem man in den USA mehr Aufmerksamkeit erregen kann als mit Federer. Inhaltlich geht es aber genauso um Federer. Theodore Forstmann, der Haupteigentümer des Sportmanagement-Unternehmens IMG, das sowohl Woods als auch Federer betreut, soll Wetten abgeschlossen haben auf Niederlagen von Woods und Federer – und er soll dabei Insider-Wissen genutzt haben. Forstmann soll eine Wette auf das French-Open-Finale zwischen Rafael Nadal und Federer 2006 oder 2007 (da gibt es widersprüchliche Angaben) von 10.000 auf 40.000 Dollar erhöht haben, nachdem er mit Federer über das bevorstehende Match gesprochen haben soll. Beide Endspiele, 2006 und 2007, gewann Nadal. In beiden Fällen war das Ergebnis keine Überraschung. Federer war damals zwar die Nummer 1, aber auf Sand war Nadal ihm überlegen.

Der Vorwurf, wie er auf TMZ formuliert ist, lautet nun, Federer habe Frostmann Insider-Informationen gegeben. Das ist natürlich banal, wenn es bedeutet, dass Federer vor seinem Match mit seinem Manager sprach und dabei Sachen sagte wie „Ich bin der Außenseiter.“ Wettbetrug wäre es, wenn er absichtlich verlöre und einen Strohmann Geld gegen sich setze ließe. Darauf deutet aber nichts hin. (Außerdem haben die Schweizer Medien natürlich Recht, wenn sie sagen, dass Federer bei seinem Millionenverdienst keinerlei Veranlassung hatte, seine Reputation und einen möglichen Grand-Slam-Titel für eine 40.000-Dollar-Wette aufzugeben.)

Bleibt die Frage, ob Frostmann unabhängig von Federers Plänen auf Nadal gesetzt haben könnte, weil er nach einem Gespräch mit seinem Klienten den Eindruck bekam, dass die Nadal-Wette aussichtsreich sein könnte. Ich kenne Frostmanns Vermögensverhältnisse nicht, aber wer das Unternehmen besitzt, dass Roger Federer und Tiger Woods managt, wird nicht so klamm sein, dass er wegen 40.000 Dollar die Ante-Sapina-Schiene fährt. Laut englischer Wikipedia stand er 2008 auf der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner. Was ich natürlich nicht weiß, ist, ob Frostmann den Nervenkitzel liebt und gern mal irgendwo ein paar Tausender setzt so wie unsereins mal zwei, drei Euro riskiert.

Die Verteidigungsstrategie von Frostmann besteht anscheinend darin, die Glaubwürdigkeit des Mannes zu unterminieren, der die Vorwürfe erhoben hat. Es handelt sich um einen gewissen James Agate von der Firma Agate Printing, der als Mittelsmann für Forstmanns Wetteinsätze gehandelt haben will.

Zu den Dingen, die ich bisher nicht durchschaut habe, gehört, um was für eine Art von Klage es vor dem Los Angeles County Superior Court überhaupt geht. James Agate scheint der Kläger zu sein. Es ist also kein Strafverfahren (dann müsste ja die Staatsanwaltschaft Anklage erheben), sondern eine zivilrechtliche Auseinandersetzung, in der es um Geld gehen dürfte, das Agate von Forstmann haben will.

Einen allgemeinen Einstieg ins Thema Wettmanipulation gibt es hier.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Supreme Court für Hamburg

Heute hat das Masters-Turnier von Schanghai begonnen – das Turnier also, das die ATP vor zwei Jahren in ihren Kalender aufnahm, als zugleich das Turnier am Hamburger Rothenbaum seinen Masters-Status verlor. Dies nehmen wir zum Anlass, einmal einen Blick auf den Rechtsstreit zu werfen, den der Deutsche Tennis-Bund um ebendiesen Vorgang noch immer mit der ATP führt.

Neulich erschien auf tennisnet.com ein aufschlussreiches Interview mit DTB-Präsident Georg von Waldenfels.

Der DTB ruft nun also den Obersten Gerichtshof der USA an, den Supreme Court. Das finanzielle Risiko dieser Aktion dürfte, wenn ich Waldenfels richtig verstehe, zu einem nicht geringen Teil der Tennisverband von Katar tragen.

In zwei Instanzen hat der DTB verloren, und realistischerweise denkt auch in Hamburg kaum ein Mensch mehr daran, den Masters-Status an den Rothenbaum zurückzubekommen. Dieses Ziel war von Anfang an nicht so richtig realistisch, und nach meinem Eindruck hat der DTB daran viel zu lange festgehalten, was dem Turnier am Rothenbaum eher geschadet hat als genutzt. Das Gejammer aus Hamburg war 2008 so groß, dass jeder beiläufig interessierte Tennisfan denken musste, ein Besuch beim herabgestuften 500er-Turnier würde sich sowieso nicht mehr lohnen. Das änderte sich erst, als Michael Stich als Turnierdirektor einstieg.

In erster Linie geht es nun um eine finanzielle Entschädigung. Dass die ATP nicht bereit ist, diese zu zahlen, ist in der Tat schäbig. Wie Waldenfels in dem Interview (soweit ich es beurteilen kann, absolut zutreffend) darstellt, hat der DTB Millionen in sein Hamburger Stadion investiert, um die Standards zu erfüllen, die die ATP von einem Masters-Turnier verlangt. Grotesk ist, dass die ATP vom DTB Prozesskosten verlangt, die den vermutlichen Streitwert um mehre Millionen übersteigen (17,7 Millionen Dollar Prozesskosten waren es 2008, seit her ist es vermutlich sogar noch mehr geworden). Damit immerhin ist die ATP also vor Gericht nicht durchgekommen.

Wenn der Supreme Court die Revisionsklage annimmt, könnte es wirklich noch mal spannend werden, um zwar im Hinblick auf all die grundsätzlichen sportpolitischen Fragen, die bereits ventiliert wurden, als der DTB damals die ersten Schritte auf dem langen Rechtsweg unternahm („Wird der Rothenbaum zum Bosman des Tennis?“)

Aus Hamburger Sicht scheint mir das alles nicht mehr wichtig zu sein. Der Karriere von Jean-Marc Bosman hat das Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs ja auch nichts genützt. In Hamburg geht es inzwischen darum, ob es auf Dauer überhaupt noch ein ATP-Turnier gibt. Ein Hauptsponsor ist auch für 2011 wieder nicht in Sicht. Daran würde sich ja nichts ändern, bloß weil der DTB doch noch eine finanzielle Entschädigung rausholt.

Apropos Supreme Court: Den Begriff kannte ich schon als Zwölfjähriger. Allerdings hatte ich keine Ahnung, dass er auch den Obersten Gerichtshof bezeichnet. Es war damals der schnelle Hallenboden-Kunststoffbelag, auf dem Boris Becker und Stefan Edberg ihr Serve-und-Volley-Spiel besonders erfolgreich betrieben. Das wäre vielleicht eine Lösung für das Hamburger Problem: Den Rothenbaum verlassen, den ungeliebten Juli-Termin aufgeben und im Herbst in die Color-Line-Arena gehen. Es gibt in Deutschland seit Jahren kein ATP-Hallenturnier mehr, und dabei sind die deutschen Spieler traditionell drinnen viel stärker als draußen. Vielleicht lässt sich ja die ATP im Rahmen eines Vergleichs darauf ein. Und wenn dann auch noch der Supreme Court als Bodenbelag reaktiviert wird...

Sonntag, 3. Oktober 2010

Commonwealth Games ohne Murray - mit Königskobra

Mahesh Bhupathi hat vorhin getwittert: „Sensational stuff. From an Indian perspective I say this is better then Beijing. Kudos to the CWG team, every one of them!!“

In Neu Delhi wurden heute die Commonwealth Games eröffnet. Die Berichterstattung im Vorfeld, die sich vor allem um mögliche Versäumnisse der indischen Ausrichter drehte, hatte ich nur am Rande wahrgenommen, bis ich vor ein paar Tagen die Meldung las, im Tennisstadion sei eine Königskobra entdeckt worden. Dabei überraschte mich weniger die Königskobra, sondern eher der Umstand, dass man bei den Commonwealth Games nicht nur Cricket spielt, schwimmt, läuft und springt, sondern auch Tennis spielt – und das anscheinend mit dem Anspruch, tatsächlich die besten Profis aus den Ländern des ehemaligen britischen Kolonialreichs antreten zu lassen.

Ein Blick auf diese Veranstaltung könnte sich also lohnen. Zunächst ein paar grundlegende Infos: Die Commonwealth Games wurden 1930, damals noch als „British Empire Games“, erstmals ausgetragen, und zwar in Edmonton (Kanada). Seither wurden sie – mit Unterbrechung während des und nach dem Zweiten Weltkrieg alle vier Jahre ausgetragen, und zwar exakt immer in den Jahren, in denen auch Fußball-WM war. Bis auf zwei Ausnahmen (Kingston/Jamaika 1966 und Kuala Lumpur/Malayisa 1998) fanden sie stets in Großbritannien, Kanada, Australien oder Neuseeland statt. Es sind mehr als 3000 Athleten aus 72 Nationen am Start.

Die Commonwealth Games in Neu Delhi sind zählen zu den größten Sportereignissen in der an sportlichen Höhepunkten armen Geschichte Indiens. Wenn man bedenkt, wie sehr man sich in Indien beim Bestreben, wirtschaftlich zur Weltspitze aufzuschließen, an China misst, kann man sich leicht vorstellen, wie wichtig für Indien der Vergleich mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking ist, den ja auch Mahesh Bhupathi in seiner Twitter-Meldung bemühte.

Wie gut oder schlecht die Spiele vorbereitet sind, kann ich aus meiner beheizten Stube in Schleswig-Holstein aus nicht beurteilen, wenn ich mir aber die Webseite der Commonwealth-Games ansehe, finde ich schon, dass es da Verbesserungsbedarf gibt. Bis gestern war überhaupt nicht herauszukriegen, welche Tennisspieler denn nun mitmachen. Heute Nachmittag hatte ich eine entsprechende Liste entdeckt. Jetzt, wo ich sie verlinken will, finde ich sie nicht mehr.

In den letzten Tagen war immer wieder zu lesen, wer alles abgesagt habe: Andy Murray, Lleyton Hewitt, Marcos Baghdatis. Bei den Damen sieht es nicht viel anders aus. Gelegentlich konnte man den Eindruck gewinnen, diese Spieler hätten alle aus Angst vor der Königskobra auf die eigentlich fest gebuchte Indienreise verzichtet. Dazu hätten sie aber hellseherische Fähigkeiten benötigt, denn sie standen alle schon vor sechs Wochen auf den Meldelisten der ATP-Turniere von Peking und Tokio, die in dieser Woche parallel zu den Commonwealth Games gespielt werden. Dort gibt es vielleicht nicht ganz so viel Ehre zu gewinnen wie in Neu Delhi, aber dickes Preisgeld und ordentlich Weltranglistenpunkte. (In der Ranglistenregelung wird von den Spitzenspielern sogar verlangt, dass sie mindestens ein 500er-Turnier spielen, das im Kalenderjahr nach den US Open liegt. Da ist die Auswahl nicht sehr groß. Außer dieser Woche bleibt als Alternative nur eine einzige andere Woche Anfang November in Valencia und Basel.)

Nun, der eine oder andere Profi ist trotzdem nach Neu Delhi gereist. Ein bisschen Glück haben die Veranstalter damit, dass der Tenniszirkus im Moment sowieso gerade durch Asien tourt. Global gesehen, liegt das Masters in Schanghei nächste Woche ja gleich um die Ecke.

Die indischen Gastgeber sind mehr oder weniger vollzählig angetreten, einschließlich des oben zitierten Mahesh Bhupathi, Doppel-Olympiasieger von Atlanta und noch heute die Nummer 13 in der Doppel-Weltrangliste. Im Einzel ist der Inder Somdev Devvarman (Nr. 100) topgesetzt vor dem Australier Peter Luczak (Nr. 130). Das sieht also nach einem Wettbewerb auf unterem Challenger-Niveau aus. Im Doppel allerdings dürften die Commonwealth Games einen etwas interessanteren Wettbewerb erleben, insbesondere wegen der Gastgeber, die drei Top-20-Spieler haben: die Olympiasieger von 1996, Bhupathi und Leander Paes (Nr. 9), sowie Rohan Bopanna (Nr. 17), der zusammen mit Somdev Devvarman antritt. Außerdem sind für England die soliden ATP-Tour-Spieler Ken Skupksi (Nr. 59) und Ross Hutchins (Nr. 63) dabei. Der pakistanische Weltklassemann Aisam Qureshi (Nr. 22) spielt mangels stärkerer Landsleute mit einem gewissen Aqeel Khan. Hätte sich Andy Murray für eine Teilnahme entschieden, würde er übrigens – anders als im Davis-Cup – nicht für Großbritannien antreten, sondern in Fußballer-Manier für Schottland. Ohne Andy spielt sein Bruder Jamie Murray (Nr. 105) mit Colin Fleming (Nr. 64).

Hier die Auslosungen (auf der Webseite des Tennis-Weltverbands ITF, auf der Commonwealth-Games-Seite sind sie nicht zu finden)

Die Sache mit der Königskobra im Tennisstadion hat mich übrigens deshalb nicht weiter bekümmert, weil vor einigen Jahren mal mitten in Neu Delhi in Büro eines Unternehmensberaters zu Besuch war (rein privat, bevor jemand falsche Vorstellungen von meinen Tätigkeiten bekommt) und dort eine riesige grüne Echse die Wand hinaufkletterte und sich darüber niemand zu wundern schien. Im Gegensatz zur Kobra war diese Echse wahrscheinlich völlig ungefährlich – aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Zum Schluss ein Blick nach China. Die Olympischen Spiele waren unendlich viel größer oder wahrscheinlich besser organisiert. Trotzdem gibt es Dinge, in denen Neu Delhi besser ist. Das zeigt eine Nachricht von Bob Bryan, der in dieser Woche bei 500er-Turnier in Peking spielt und versicht nebenbei ein wenig zu twittern: "Tweeting isn't easy in China. Everything is blocked." In Neu Delhi genießen nicht nur die Echsen und die Königskobras mehr Freiheiten als in Peking, sondern auch die Menschen.

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