Sonntag, 28. November 2010

Einige ungerechte Ranglisten

Vor drei Wochen schrieb ich an dieser Stelle, dass ich Tobias Kamke langweilig finde. Damit habe ich massiven Widerspruch geerntet, und das ist doch eine feine Sache. Beim Bloggen sollen ja auch mal Meinungen aufeinanderprallen.

Also treibe ich die Subjektivität in der Spielerbeurteilung heute mal auf die Spitze und stelle in paar Ranglisten auf, die einzig und allein auf meinem persönlichen Geschmack basieren. Also: Ich freue mich auf Widerspruch, aber zum Beispiel der Hinweis, welche Titel Rafael Nadal alle gewonnen hat und dass er verdient auf Platz 1 der Weltrangliste steht, wird meine Meinung in bezug auf die folgenden Listen nicht erschüttern.

Die Fähigkeit, Tennis zu spielen, spielt hier nur insofern eine Rolle, als dass man mit attraktivem Spiel bei mir als Tennisfan natürlich Symptahiepunkte sammeln kann. Aber Sympathiepunkte kann man halt auch auf tausend anderen Wegen sammeln oder verlieren. Man kann sogar mit unattraktivem Spiel Sympathiepunkte sammeln. Das gilt zum Beispiel für den Spieler Gilles Simon. Über den habe ich mich in der Vergangenheit so oft aufgeregt, dass er mir mit der Zeit ans Herz gewachsen ist. (Tobias Kamke spielt nicht so unattraktiv wie Simon, sondern auf der Attraktivitätsskala eher so mittel – es ist eben unter anderem der Mangel an Extremen, der mich auf die Idee kommen ließ, Kamke langweilig zu finden.

Ich hatte erwogen, die kompletten Top 50 der Weltrangliste durchzusortieren. Aber weil ich mich schwer damit tue, 50 Spieler auf einen Haufen zu vergleichen, ohne beliebig zu weden, bilde ich jetzt Zehnergruppen: Die Spieler von Platz 1-10, von Platz 11-20 usw. Außerdem sortiere ich die 10 besten Deutschen.

Also, los geht’s

Plätze 1-10
1. Roger Federer (Schweiz, 2)
2. Robin Söderling (Schweden, 5)
3. Andy Roddick (USA, 8)
4. Andy Murray (Großbritannien, 4)
5. Fernando Verdasco (Spanien, 9)
6. Novak Djokovic (Serbien, 3)
7. Tomas Berdych (Tschechien, 6)
8. Rafael Nadal (Spanien, 1)
9. Michail Juschni (Russland, 10)
10. David Ferrer (Spanien, 7)

Plätze 11-20
1. Gael Monfils (Frankreich, 12)
2. Jürgen Melzer (Österreich, 11)
3. Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich, 13)
4. Ivan Ljubicic (Kroatien, 17)
5. John Isner (USA, 19)
6. Mardy Fish (USA, 16)
7. Marcos Baghdatis (Zypern, 20)
8. Marin Cilic (Kroatien, 14)
9. Sam Querrey (USA, 18)
10. Nicolas Almagro (Spanien, 15)

Plätze 21-30
1. Michael Llodra (Frankreich, 23)
2. Stanislas Wawrinka (Schweiz, 21)
3. David Nalbandian (Argentinien, 27)
4. Juan Carlos Ferrero (Spanien, 28)
5. Albert Montanes (Spanien, 25)
6. Richard Gasquet (Frankreich, 29)
7. Ernests Gulbis (Lettland, 24)
8. Nikolai Dawidenko (Russland, 22)
9. Viktor Troicki (Serbien, 30)
10. Juan Monaco (Argentinien, 26)
(Hier finde ich fast alle Spieler gut. Ungerecht, dass trotzdem einige auf den hinteren Plätzen stehen müssen.)

Plätze 31-40
1. Florian Mayer (Deutschland, 37)
2. Jarkko Nieminen (Finnland, 38)
3. Lu Yen-Hsun (Taiwan, 35)
4. Guillermo Garcia-Lopez (Spanien, 33)
5. Philipp Kohlschreiber (Deutschland, 34)
6. Thomaz Bellucci (Brasilien, 31)
7. Denis Istomin (Usbekistan, 40)
8. Andrei Golubew (Kasachstan, 36)
9. Feliciano Lopez (Spanien, 32)
10. Juan Ignacio Chela (Argentinien, 39)

Plätze 41-50
1. Gilles Simon (Frankreich, 42)
2. Marcel Granollers (Spanien, 41)
3. Julien Benneteau (Frankreich, 44)
4. Alexandr Dolgopolov (Ukraine, 48)
5. Janko Tipsarevic (Serbien, 49)
6. Thiemo de Bakker (Niederlande, 43)
7. Tommy Robredo (Spanien, 50)
8. Jeremy Chardy (Frankreich, 45)
9. Sergiy Stakhovsky (Ukraine, 46)
10. Potito Starace (Italien, 47)

Die 10 besten Deutschen
1. Florian Mayer (37)
2. Philipp Petzschner (57)
3. Mischa Zverev (83)
4. Dustin Brown (93)
5. Benjamin Becker (53)
6. Daniel Brands (94)
7. Rainer Schüttler (85)
8. Michael Berrer (55)
9. Tobias Kamke (66)
10. Philipp Kohlschreiber (34)

Sonntag, 21. November 2010

Hundert Jahre Carlos Moyá

In Gabriel García Márquez' epochalem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ gibt es eine Frau, die uralt wird und zugleich immer kleiner, bis sie irgendwann ganz verschwunden ist. Das ist jedenfalls die Version der Geschichte, an die ich mich erinnere. Es ist ewig her, dass ich das Buch gelesen habe. Wahrscheinlich ungefähr so lange her wie Carlos Moyás erster Auftritt auf der ATP-Tour. Das wären dann 15 Jahre.

Als Carlos Moyá (34) an diesem Mittwoch sein Rücktritt vom Profitennis erklärte, erinnerte ich mich an die alte Frau aus dem Roman. Carlos Moyá hat mit 22 Jahren mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, die French Open 1998. Mit 23 Jahren, Anfang 1999, war er mal die Nummer 1 der Weltrangliste, für genau zwei Wochen. Am Ende desselben Jahres stand er nur noch auf Platz 22. Ein paar Jahre später kehrte er noch mal unter die Top 10 zurück. Er gewann im Laufe seiner Karriere die beachtliche Zahl von 20 Turnieren. Aber die meiste Zeit seiner Karriere war er ein Mitläufer im Tenniszirkus, wenn auch einer, der sich stets bemühte und bis Mitte 2009 all die Jahre fast durchgehend zu den besten 50 Spielern zählte.

Aber was 1998/99 seine großen Stärken, die ihn zum besten Spieler der Welt machen? Ich erinnere mich daran nur noch so vage wie an „Hundert Jahre Einsamkeit“, also habe ich vorhin in Zeitzeugenberichten geblättert: in den Autobiographien von Pete Sampras und Andre Agassi. Viel habe ich nicht gefunden. Sampras erwähnt Moyá, den er in vier Begegnungen drei Mal glatt besiegte, nur in verschiedenen Aufzählungen von Jungspunden, die ihm gegen Ende seiner Ära das Leben schwer machten. Agassi geht etwas mehr ins Detail und erzählt vom French-Open-Achtelfinale 1999. Agassi war nach seiner Sinnkrise wieder auf dem Weg zurück auf den Tennisthron, Moya war Titelverteidiger. Daran, dass Moyá „auf Sand ein Ass“ war, wie Agassi berichtet, erinnerte ich mich auch von alleine. (Ich erinnere mich allerdings auch daran, dass Moyá der erste spanische Sandkastenschaufler war, der auch richtig gut Hartplatz konnte.) Agassi war der Ansicht, dass gegen Moyás Vorhand eigentlich kein Kraut gewachsen war, es sei denn, man selbst schlage den Ball „wie ein Unwetter“. Weil das nicht immer geht, sollte man also am besten seine Rückhand attackieren. Außerdem, meine Agassi, mochte Moya es nicht, wenn er laufen muss.

An dieser Stelle ist es unbedingt erforderlich, Moyá mit Rafael Nadal zu vergleichen, dem zweiten Mallorquiner, der es zur Nummer 1 gebracht hat – obwohl: Eigentlich kann man die beiden ja gar nicht vergleichen. Das räumte Moyá im Rücktritts-Interview mit der deutschssprachigen Lokalpresse seiner Heimatinsel selber ein: „Rafa ist einer der absolut Besten der Geschichte. Ich weiß, dass ich niemals zu dieser Gruppe gehört habe und habe auch kein Problem damit. Rafa spielt in einer anderen Liga.“

Für das spanische Tennis ist Moyá trotzdem eine herausragende Figur. Er war, flankiert von Leuten wie Sergi Bruguera, Alex Corretja und Felix Mantilla, derjenige, der die spanische Armada an die Spitze des Welttennis führte, wo sie seither nicht mehr wegzudenken ist.

Jetzt hat er seine Karriere also offiziell beendet. Wegen einer Fußverletzung hat er schon seit einem halben Jahr kein Match mehr bestritten. Sein letztes war eine glatte Erstrundenniederlage im Mai beim Masters in Madrid gegen Benjamin Becker. Der hat jetzt also nach Andre Agassi (US Open 2006) schon die zweite Ex-Nummer-1 in den Ruhestand geschickt.

Ein Detail zum Abschluss: Moyá war einer ungefähr fünf noch aktiven Profis, gegen die Thomas Muster in seiner ersten Karriere vor seinem Comeback noch gespielt hat. Ungefähr deshalb, weil sich der Aktivitätsgrad der letzen verbliebenen Muster-Zeitzeugen oft nicht sicher bestimmen lässt. Nicolas Lapentti (Ecuador) und Fernando Vicente (Spanien) haben seit dem Sommer kein Match mehr bestritten, ohne - soweit ich das überblicken kann - offiziell ihren Rücktritt erklärt zu haben. Bei Tommy Haas weiß man auch nicht so genau. Nicolas Kiefer spielt neuerdings immerhin wieder Future- und Challenger-Doppel. Musters einziger noch äußerst aktiver Gegner von damals ist sein Landsmann Stefan Koubek, der heute Nachmittag im Finale des Challengers von Bratislava stand.

Hier das ATP-Profil von Carlos Moyá

Sonntag, 14. November 2010

Geheimwissenschaft Weltrangliste

In London sitzt ein junger Mann, der täglich die Weltrangliste vom nächsten Montag vorausberechnet. Zu verfolgen sind diese Berechnungen in einem Thread des Menstennisforums. Wer zum Beispiel am Donnerstag ins Viertelfinale eines 500er-Turniers eingezogen ist, dem schreibt Judio, so nennt sich der junge Mann, schon mal die 90 Punkte gut, die es dafür gibt. Judio macht das schon seit einigen Jahren, und anfangs war es vor allem eine Fleißarbeit. Punkte von vor einem Jahr abziehen, neue Punkte dazuzählen – fertig.

Seit der letzten Reform von Anfang 2009 aber, deren Regeln seither stetig nachgebessert werden, ist aus der Weltrangliste eine Geheimwissenschaft geworden. Selbst Judio, der das System durchschaut wie kaum ein zweiter Außenstehender, kann am Sonntagabend, wenn alle Ergebnisse der Woche vorliegen, oft nur mutmaßen, was für eine Rangliste wir am nächsten Morgen auf der ATP-Webseite vorfinden werden. Tomas Berdych zum Beispiel, die Nummer 6, wird morgen 3755 oder 3760 Punkte haben. Ivan Ljubicic wird Nummer 16 sein mit 2010 Punkten, vielleicht aber auch Nummer 17 mit 1965 Punkten. Philipp Kohlschreiber werden wir auf Platz 34 finden – entweder mit 1215 oder mit 1270 Punkten.

Es gab mal Zeiten, da haben die ATP-Kommunikationsdirektoren Änderungen im Ranglistensystem mit dem Argument verkauft, nun werde für die Fans alles viel besser zu verstehen sein. Davon redet lange keiner mehr. Das Weltranglistensystem erinnert mich an das deutsche Steuerrecht. Im Bestreben, möglichst gerecht zu sein und zugleich immer neue Steuerungseffekte zu erzielen, wird es immer undurchschaubarer. Wahrscheinlich werden die Spieler bald hoch dotierte Weltranglistenberater engagieren, um ihre Punkteausbeute zu optimieren. Im Gegensatz zum Steuerrecht, in dem die einschlägigen Gesetzestexte und Gerichtsurteile wenigstens öffentlich zugänglich sind, kann man bei der Weltrangliste manchmal nur spekulieren, wie die geheimen Regularien genau aussiehen, die das offizielle ATP-Regelbuch in wichtigen Details ergänzen. Auskünfte bekommt man von der ATP praktisch gar nicht, und wenn, dann nur floskelhaft.

Genau wie im Steuerrecht, wo die Arbeitnehmer mit eher geringen Einkommen die Höhe ihrer monatlichen Lohnsteuer einigermaßen zuverlässig kennen, haben es auch die Tennisspieler aus den hinteren Regionen der Weltrangliste recht einfach. Sie bekommen wöchentlich ihre Punkte, die sie den Punktetabellen entnehmen können, gutgeschrieben. Die besten 18 Ergebnisse der letzten zwölf Monate fließen in die Wertung ein. Grand-Slam- und Masters-Turniere zählen immer zu den 18 Ergebnissen, die in die Wertung einfließen – auch dann, wenn man in der ersten Runde ausscheidet oder – trotz Startplatz – nicht teilnimmt. Das ist eine Regelung, die vor allem die Oberschicht und die obere Mittelschicht betrifft, die aber noch leicht zu begreifen ist.

Rätselhaft wird es aber ganz oben bei den so genannten „Commitment Players“. Das sind die Spieler, die am Ende des vergangenen Jahres unter den ersten 30 standen. Für diese Spieler gelten nämlich – teils bekannte, teils geheime – Sonderregeln. Diese Spieler müssen vier 500er-Turniere spielen (und für die Weltrangliste werten lassen), also Turniere aus der Kategorie direkt unterhalb der Masters-Turniere. (Der Hamburger Rothenbaum ist so ein Turnier, auch das Hallenturnier von Basel in der vorigen Woche.) Eines der vier 500er-Turniere, die man als „Commitment Player“ zu bestreiten hat, muss zwischen September und November stattfinden, besagt das Regelwerk. Auch der Davis-Cup zählt als 500er-Turnier. Ebenso das Turnier von Monte Carlo, obwohl es sich offiziell weiterhin Masters nennen darf und es für den Sieger nicht 500 Punkte gibt, sondern 1000.

Das klingt jetzt vielleicht etwas kompliziert. In Wahrheit ist es aber noch viel komplizierter. Es gibt nämlich Sonderregeln, nach denen Commitment-Spieler unter bestimmten Voraussetzungen nur drei statt vier 500er-Turniere werten lassen müssen. Judio und eine Armada von Zahlenfexen, die sich regelmäßig im oben erwähnten Weltranglisten-Vorhersagethread äußern, versuchen seit Monaten, die Einzelheiten dieser Regelung und ein paar anderer Regeln zu ergründen. Dabei haben sie beachtliche Teilerfolge erzielt, aber eben nur Teilerfolge. Sie wissen eben noch nicht, ob Philipp Kohlschreiber morgen 1215 oder 1270 Punkte haben wird.

Einen wichtigen Hinweis könnte übrigens ein geheimnisvoller und extrem selten postender Forenbenutzer namens Jorbaty aus Abu Dhabi gegeben haben, der vor ein paar Tagen in dem Thread auftauchte. Ihm zufolge spielt es eine Rolle, ob sich ein Spieler für ein 500er-Turnier zwölf Wochen im Voraus anmeldet anstatt der üblichen sechs Wochen. Dabei beruft er sich auf eine Quelle innerhalb der ATP. Jorbatys Erscheinen erinnerte mich an ein herrlich schwülstiges Rilke-Gedicht: „Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.“

Ich halte es für sehr gut möglich, dass der geheimnisvolle Informant Recht hat. Es wird sich nicht überprüfen lassen.Denn ebensowenig wie die genannte Regel macht die ATP öffentlich, wer sich zwölf Wochen im Voraus für ein Turnier angemeldet hat.

Die morgige Rangliste entscheidet darüber, welche acht Spieler am World-Tour-Finale in London teilnehmen. Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic, Robin Söderling, Andy Murray, Tomas Berdych, David Ferrer und Andy Roddick haben so viel Vorsprung vor dem Rest des Feldes, dass wir ihre Qualifikation auch ohne Geheimwissenschaft einigermaßen zuverlässig voraussagen können.

Hier geht’s zur aktuellen Weltrangliste

Sonntag, 7. November 2010

Tobias Kamke. Hm.

Es wird Zeit, dass ich mal einen Artikel über Tobias Kamke (24) schreibe. Das Problem dabei: Ich finde ihn langweilig.

Das ist natürlich ein völlig unmöglicher Einstieg in diesen Text. Warum sollte irgend jemand weiterlesen, wenn ich gleich im zweiten Satz Langeweile ankündige? Aber es ist nun mal die Wahrheit.

Dabei habe ich Tobias Kamkes Erfolge schon in der Regionalpresse verfolgt, als er noch zur Schule ging. Er ist mein schleswig-holsteinischer Landsmann, und das erste Mal spielen gesehen habe ich ihn, als er sich als 18-Jähriger im Februar 2005 für das Challenger in seiner Heimatstadt Lübeck qualifizierte und in der ersten Runde gegen den damals noch irgendwo in den 200ern platzierten Michael Berrer verlor. Bei demselben Turnier kam Mischa Zverev aus Hamburg, damals 17 Jahre alt, ins Viertelfinale, und ich war mir sicher, dass ich Zverev sehr viel dringender im Auge behalten muss als Tobias Kamke. Ich behielt Zverev also im Auge und musste drei Monate später lesen, dass Zverev bei einem Future in Finnland gegen Tobias Kamke sang- und klanglos verlor.

In dieser Woche hat Kamke zum ersten Mal gegen einen Top-10-Spieler gewonnen. In Basel schlug er in der ersten Runde den tschechischen Wimbledonfinalisten Tomas Berdych. Kamke steht in der Rangliste jetzt auf Platz 70, zwölf Plätze vor Zverev, und ich wage die Prognose: Er wird noch weiter nach oben klettern, wahrscheinlich sogar unter die ersten 50, und es wird ganz fürchterlich langweilig sein.

Sogar sein Sieg gegen Tomas Berdych war langweilig. Kamke hat großartig gespielt, er hat passgenaue und kräftige Vorhände übers Netz gedroschen, er stand fast immer richtig zum Ball. Berdych sah aber nicht so aus, als würde ihn dieses Match irgendwie interessieren, wie er sich seit seinem Wimbledonfinale überhaupt für keine Turniere mehr zu interessieren scheint, die keine Grand Slams sind.

Tobias Kamke ist als Lucky Loser ins Baseler Hauptfeld gerutscht. Andere Lucky Loser hätten beim Matchball gegen den Wimbledonfinalisten vor Aufregung zwei Doppelfehler serviert, und der Wimbledonfinalst hätte gar nicht anders gekonnt, als das Match, für das er sich eigentlich gar nicht interessiert, doch noch zu gewinnen.

Aber Tobias Kamke umgibt einfach keinerlei Drama. Wenn er der bessere Mann auf dem Platz ist, dann gewinnt er auch. Damit qualifizierte er sich in diesem Jahr für die French Open und für Wimbledon und erreichte die zweite und die dritte Runde. Damit gewann er zwei Challengers und kam bei zwei weiteren ins Finale. Er ist einfach unglaublich solide.
Ganz im Gegensatz zum oben erwähnten Mischa Zverev. Nicht nur, dass der in seinen jungen Jahren Kamikaze-Serve-und-Volley gespielt hat, wie es Tobias Kamke im Traum nicht einfallen würde. Tobias Kamke würde es auch im Traum nicht einfallen, wie Zverev dutzendfach Matches zu vergeigen, nachdem er den ersten Satz 6:1 gewonnen hat. Aber anders als Kamke hat Zverev schon mal ein Endspiel auf der ATP-Tour erreicht (in diesem September in Metz) und ein Masters-Viertelfinale (letztes Jahr in Rom).

Vielleicht schafft Kamke sowas in den nächsten zwei, drei Jahren auch noch – ganz unspektakulär wie bei seinem Sieg gegen Berdych in dieser Woche. Zverev wird in der Rangliste weiter zwischen Platz 40 und 140 herumschwanken, während Kamke Pünktchen für Pünktchen nach oben klettern wird. Dabei wachsen die Bäume für ihn nicht in den Himmel. So unspektakulär, wie er gegen Berdych gewann, verlor er in der zweiten Runde gegen Richard Gasquet. Und gestern schied er in der Qualifikation für das Masters in Paris-Bercy aus.

Die ATP hat Kamke übrigens für den Preis Newcomer of the year nominiert.

Hier das ATP-Profil von Tobias Kamke

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de