Sonntag, 2. Januar 2011

Nicolas Kiefer: Ein bisschen wie Uwe Seeler

Man sollte denken, es besteht überhaupt kein Zusammenhang zwischen Nicolas Kiefer und Uwe Seeler. Aber als ich vorhin darüber nachdachte, was genau ich denn nun schreiben soll in meinem heutigen Blog-Eintrag über Nicolas Kiefers Karriereende, das er vor ein paar Tagen verkündet hat, da kam mir ein Foto in den Sinn:

http://www.welt.de/multimedia/archive/00604/schuettler_04_athen_604022p.jpg

Und dann noch eins:

http://www.dfb.de/uploads/tx_rgsmoothgallery/1966-Uwe-Seeler.jpg

Das verlorene Doppelfinale der Olympischen Spiele in Athen 2004 und das verlorene WM-Endspiel 1966 in Wembley. Uwe Seeler ist niemals Weltmeister geworden. Er war mit dem HSV nur ein einziges Mal zu Beginn seiner Karriere Deutscher Meister. Nicolas Kiefer hat auch niemals einen großen Titel gewonnen. Beide haben gezeigt, dass auch eine große Niederlage den Höhepunkt einer Karriere bilden kann.

Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler hatten das Match gegen Fernando Gonzalez und Nicolas Massu aus Chile im Griff. Deutschland war für wenige Stunden endlich mal wieder im Tennisfieber. Das Endspiel hatte, soviel ich weiß, die höchste Fernseh-Einschaltquote der gesamten Olympischen Spiele.

Im vierten Satz hatten Kiefer und Schüttler vier Matchbälle und vergaben sie alle. Die Siegerehrung war gleich danach. Die Verlierer mussten sich ihre Silbermedaille abholen. Auch Rainer Schüttler ist unübersehbar am Boden zerstört. Aber Nicolas Kiefer sieht nicht nur traurig aus. Mit seinem zerzausten Haar und seinem dunklen Bart sieht er aus wie Jesus mit der Dornenkrone. Die Analogie war so offensichtlich, dass gleich mehrere Reporter sie in ihre Berichte schrieben. Jesus Kiefer trug das Leid einer ganzen Sportnation auf seinen Schultern. Dabei ist seine Dornenkrone in Wirklichkeit ein Lorberrkranz. Die Veranstalter in Athen hatten die Idee, den Athleten nicht nur Gold, Silber und Bronze umzuhängen, sondern ihnen auch Lorbeerkränze auf die Köpfe zu stecken.

Uwe Seeler war gewiss der größere Sportler als Nicolas Kiefer. Aber Nicolas Kiefers Bild aus Athen ist noch größer als Uwe Seelers Bild aus Wembley – vor allem, wenn man bedenkt, dass Uwe Seeler sagt, sein Bild sei schon in der Halbzeit entstanden, und er habe den Kopf nur zufällig unten gehabt.

Aber jetzt zu Nicolas Kiefers Siegen. In seiner 15 Jahre langen Karriere hat er sechs Einzelturniere gewonnen und drei Doppelturniere. Hongkong, Dubai, Halle, Tokio, Taschkent, Toulouse, Los Angeles und Ostrau. Kein Grand-Slam-Titel, nicht einmal ein Masters. Sein letzter Turniersieg im Einzel war im Jahr 2000. Danach hat er zehn weitere Endspiele erreicht und alle verloren. Noch 2008 schaffte er in Toronto sogar ein Masters-Endspiel. Man kann schwerlich bestreiten, dass das Foto aus Athen eine gewisse Symbolkraft für Nicolas Kiefers gesamte Karriere hat.

Wenn man seine Interview-Äußerungen aus den letzten Tagen liest, kann man sich Kiwi dennoch als glücklichen Menschen vorstellen.

Ich erinnere mich daran, wie er wenige Wochen nach dem verlorenen Olympiafinale erzählte, dass nach seiner Rückkehr aus Athen alle seine Freunde unbedingt einmal die Medaille angucken wollten und er dadurch begriffen habe, dass das Silber von Athen in Wahrheit ein großer Erfolg war. Das gilt für seine gesamte Karriere. Er war mal die Nummer 4 der Weltrangliste. Damit ist er nach Boris Becker, Michael Stich und Tommy Haas der viertbeste Deutsche in der Geschichte des Profitennis.

Trotzdem müssen wir uns zum Abschluss kurz mit der Frage befassen, warum Kiwi kein großer Champion geworden ist. Wäre Boris Becker nicht gewesen, stünde diese Frage vielleicht gar nicht im Raum. 1995 gewann Kiwi die Juniorentitel bei den Australian Open und den US Open. Sowas hat normalerweise nicht viel zu zu sagen. Der Junioren-Wimbledonsieger jenes Jahres war ein gewisser Olivier Mutis, der später in der Erwachsenen-Weltrangliste nicht über Platz 71 hinauskam. Aber Nicolas Kiefer startete seine Laufbahn nun einmal zu einem Zeitpunkt, als alle dachten, nun kommt eine riesige Armada von Boris-Nachfolgern. Die Schweden hatten ja schließlich mit Mats Wilander, Stefan Edberg, Anders Järryd und so weiter auch eine Björn-Borg-Nachfolge-Armada. Und es begann ja auch vielversprechend mit Kiwi. 1999, mit 22 Jahren, qualifizierte er sich für den Masters-Cup der besten acht Spieler, der im Vorgriff auf die Expo 2000 in seiner Heimatstadt Hannover ausgetragen wurde. Kiwi kam dort ins Halbfinale.

Danach war er immer wieder mal verletzt und hatte wahrscheinlich auch nicht immer den verbissenen Willen, sich im Training bis zum Gehtnichtmehr zu quälen. Aber ich glaube, auch eine andere Sache ist schuld daran, dass er später an die Erfolge der späten 1990er dauerhaft nicht anknüpfen konnte. Es wird ja viel darüber geredet, dass das Spiel sich seit den Zeiten von Becker und Sampras geändert hat, dass die Bälle schwerer, die Böden langsamer, die Ballwechsel länger, die Spieler athletischer geworden sind. Diese Entwicklung ging zu Lasten von Nicolas Kiefer. Das ist vielleich nicht so ganz offensichtlich, weil Kiwi kein klassischer Serve-und-Volley-Spieler gewesen ist. Aber er war immer ein Mann für die kurzen Ballwechsel, und er konnte mit seinen Returns und Passierbällen grandios dagegenhalten, wenn jemand gut aufschlug. (Es ist kein Zufall, dass Kiwi bis heute der einzige Spieler ist, der jemals bei einem ATP-Turnier dem 2,08-Meter-Aufschlagungeheuer Ivo Karlovic einen Satz mit 6:0 abgenommen hat.) Wäre das Tennis in den Nuller-Jahren dasselbe gewesen wie in den Neunzigern, hätte Nicolas Kiefer zumindest deutlich mehr Wochen unter den Top Ten zugebracht.

Aber das spielt ja alles keine Rolle mehr. Jetzt wünschen wir Kiwi erst einmal alles Gute in seinem neuen Job als Papa und sagen danke für die gute Unterhaltung. Auch wenn er nicht viele Titel gewonnen hat: Mit ihm war es niemals langweilig.

1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Schöner Artikel.

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