Sonntag, 5. Juni 2011

Geheimakte Köllerer: Lebenslange Sperre ohne konkrete Begründung

Die Nachricht kam am Dienstag dieser Woche: Der österreichische Tennisprofi Daniel Köllerer (27) wird lebenslang gesperrt. Die Sperre gilt ab sofort.

Die „Tennis Integrety Unit“ hat ihn der Spielmanipulation für schuldig befunden. Auf Deutsch: Wettbetrug.

Schön, könnte man denken. Tut also mal jemand was gegen die latente Seuche, von der niemand genau weiß, wie weit sie im Profitennis tatsächlich verbreitet ist.

Bei genauerer Betrachtung aber sieht die Sache an mehreren Ecken etwas eigenartig aus. Das erste, was mich erstaunte, als ich von der Sache erfuhr, war das Strafmaß. Lebenslang. Wer des Dopings überführt wird, muss sich schon ziemlich viel Zeugs spritzen, und das ausdauernd, und vor allem muss er nach einer abgesessenen Sperre munter weiter dopen, bis ihm eine lebenslange Sperre droht. Ich dachte sofort an den Fall des Dopers Wayne Odesnik, den wir vor gut einem Jahr an dieser Stelle behandelten. Odesnik wurde zunächst für zwei Jahre gesperrt, aber nach knapp der Hälfte der Zeit wurde ihm der Rest der Strafe erlassen.

Köllerer war zwar vor Jahren schon einmal gesperrt, aber nicht einschlägig, also nicht wegen Spielmanipulation, sondern wegen unflätigen Verhaltens. Seither pflegte er sein Image als Tennis-Rüpel und nennt sich selbst „Crazy Dany“.

Allerdings hat Köllerer im vergangenen Jahr bereits eine Bewährungsstrafe in Zusammenhang mit Sportwetten aufgebrummt bekommen. Allerdings ging es dabei nicht um Spielmanipulation, sondern darum, dass auf seiner Internet-Seite Werbung für einen Wettanbieter publiziert wurde. Schon diese Strafe fand ich grenzwertig. Derselbe Wettanbieter tritt unbeanstandet von den Tennis-Weltverbänden als Namenssponsor von ATP-Turnieren auf.

Aber nun zu den konkreten Vorwürfen gegen Köllerer. Es soll um drei Fälle gehen, die sich zwischen Oktober 2009 und Juli 2010 zugetragen haben. Er soll – mit oder ohne Erfolg – versucht haben, die Ergebnisse von Spielen zu beeinflussen, und er soll anderen Spielern Geld dafür geboten haben, dass sie nicht ihre beste Leistung abliefern. Mehr hat die „Tennis Integrity Unit“ nicht mitgeteilt. Weil der Anhörungsprozess vertraulich sei, würden keine Details zu der Entscheidung öffentlich gemacht, heißt es. Das Ergebnis spottet jedem rechtsstaatlichen Prinzip. Da wird die härteste Strafe verhängt, die einen Profisportler überhaupt treffen kann, aber es wird geheim gehalten, was ihm überhaupt konkret vorgeworfen wird. Kein Wunder, dass da die Spekulationen ins Kraut schießen. Aus Daniel Köllerers Lager wird lanciert, einige Spielerkollegen, die ihn wegen seines Verhaltens auf Platz nicht ausstehen können, hätten ihm eins auswischen wollen und selbst nicht damit gerechnet, welche dramatischen Folgen das für Köllerer haben würde.

Eine der Spekulationen betrifft den oben erwähnten Wayne Odesnik. Ihm soll seine Dopingsperre erlassen worden sein, weil er gegen Köllerer ausgesagt haben soll. Nun, die Begründung für seine Begnadigung lässt so etwas durchaus erahnen In der offiziellen Mitteilung des Tennis-Weltverbandes heißt es, er habe substanziell geholfen, professionelle Verhaltensregeln durchzusetzen.

Und dann gibt es natürlich Spekulationen, welche Matches es eigentlich waren, die mit Köllerers Hilfe verschoben worden sein sollen. Er soll ja andere Spieler zum Wettbetrug angestiftet haben. Die Frage liegt nahe, wieso diese anderen Spieler straffrei ausgehen und sogar ihre Anonymität gewahrt wird. Das riecht nach heimlicher Kronzeugenregelung.

In den österreichischen Medien ist die Rede von Daniel Köllerers Spiel beim ATP-Turnier in der Wiener Stadthalle im vorletzten Jahr gegen Jarkko Nieminen (Finnland). Köllerer gewann 6:1, 6:2. Das war im Oktober 2009, also genau in dem Monat, in dem sich laut „Tennis Integrity Unit“ der erste Vorfall ereignet haben soll. Köllerer müsste dann also seinem eigenen Gegner erfolgreich Geld dafür geboten haben, dass der verliert, damit seine Hintermänner auf dieses Spiel wetten können.

Ich war dabei in der Wiener Stadthalle am 28. Oktober 2009, und ich erinnere mich noch gut an das Spiel. Es war tatsächlich ausgesprochen seltsam. Weil ich nicht glaubte, dass Nieminen absichtlich verlieren könnte, schrieb ich: „Nieminen war vollkommen indisponiert. Um mal einen landsmannschaftlich naheliegenden Vergleich zu ziehen: Er wirkt wie ein Skispringer, der das Gefühl für den Absprung verloren hat. Fast keiner seiner Bälle hatte die Länge, die er haben sollte. Köllerer gewann, ohne dass er irgendeinen Punkt aktiv herausspielen musste.“ Nieminen kam damals von einer langwierigen Verletzung zurück, deshalb fand ich es nachvollziehbar, dass er nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Und wenn ich drüber nachdenke: Hätte er absichtlich verloren, hätte er das gewiss unauffälliger bewerkstelligt, mit einem dezenten 4:6, 4:6 und nicht ganz so vielen offensichtlichen Fehlschlägen. Außerdem, und dies ist eine steile These, halte ich Jarkko Nieminen für einen anständigen Sportsmann. Ich gebe zu, dass ich ihn nicht zuverlässig beurteilen kann, weil ich ihn persönlich nicht kenne. Hinzu kommt: Nieminen ist ein etablierter Spitzenprofi, der schon über vier Millionen Euro Preisgeld gewonnen hat. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass er für ein paar Tausend dubiose Wett-Taler seine Karriere aufs Spiel setzt. Ich glaube nach wie vor, dass Wettbetrug eher eine Sache von Profis aus der zweiten Reihe ist, die sich auf diese Weise ihr Flugticket zum nächsten Challenger-Turnier finanzieren.

Wie es aussieht, wird Köllerer wohl den internationalen Sport-Gerichtshof anrufen. Mal sehen, ob die Tennis-Weltverbände dann damit durchkommen, aus Gründen der Vertraulichkeit nicht zu sagen, was sie Köllerer eigentlich vorwerfen.

1 Kommentar:

maismehl hat gesagt…

Ich hatte Bedenken. Aber vielleicht hat Nieminen das Angebot bekommen, abgelehnt, dennoch verloren und Köllerer dann angezeigt.

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