Sonntag, 30. Januar 2011

Marko, Jamie, Gerald, John und Javier

Nun hat man also auf den Pressetribünen in Melbourne an diesem Wochenende darüber geredet, ob es jemals wieder ein Grand-Slam-Finale zwischen Rafael Nadal und Roger Federer geben wird, weil heute im Endspiel der Australian Open keiner der beiden Matadoren auf dem Feld stand, was es bei einem Grand-Slam-Finale in den letzten sechs Jahren nur ein einziges Mal gegeben hat. (Dieses eine einzige Mal war ebenfalls in Melbourne, und zwar 2008, und der Sieger hieß ebenfalls Novak Djokovic. Damals schlug er nicht Andy Murray, sondern Jo-Wilfried Tsonga.)

Darüber hat man also geredet, und unabhänig davon, dass Rafael Nadal, der ja noch vor ein paar Tagen den Rafa-Slam gewinnen sollte, natürlich noch ganz viele Grand-Slam-Finals spielen wird, und auch Roger Federer weiterhin oben mitmischen wird, schoss mir die Frage durch den Kopf, was denn nun wäre, wenn das Dauerduell um die Nummer 1 nicht mehr Nadal-Federer heißt, sondern so, wie heute das Endspiel in Melbourne, Djokovic-Murray.

Es wäre kein Duell der krassen Gegensätze wie das zwischen dem Berserker Rafa und dem Künstler Roger. Aber ein paar interessante Unterschiede täte man schon noch finden zwischen dem Angreifer Andy und dem Verteidiger Novak.

Dann dachte ich nach über die Gemeinsamkeiten zwischen beiden und stieß auf ihre Brüder: Marko Djokovic (19), Novaks kleiner Bruder ist die Nummer 627 auf der Einzel-Weltrangliste. Jamie Murray (24), Andys großer Bruder, ist die Nummer 64 auf der Doppel-Weltrangliste.

Nun nähern wir uns unserem heutigen Thema. Ich dachte darüber nach, ob ich wirklich auf eine Besonderheit gestoßen bin. Gewiss gibt es ganz viele Tennisspieler, die einen Bruder haben oder eine Schwester oder sogar beides. Und gewiss sind auch eine ganze Reihe Brüder und Schwestern dabei, die ebenfalls gut Tennis spielen können. Man denke nur an die Brüder Bob und Mike Bryan.

Ich ging die ersten zehn Plätze der Weltrangliste durch. Roger Federers Schwester Diana spielt kein Tennis, sondern bloß ein bisschen Hockey. Über Robin Söderlings Schwester Sandra erfährt man auf der ATP-Webseite, dass sie Lehrerin ist. Auch zu Fernando Verdascos Schwestern Sara und Ana habe ich nichts gefunden, was mit Tennis zu tun hat. Tomas Berdych scheint Einzelkind zu sein (Oder erinnert sich irgendein aufmerksamer Leser an Geschwister in seiner Box beim Wimbledonfinale? Ich bin immer so schlecht darin, mir solche Dinge zu merken.)

Aber sonst: David Ferrers älterer Bruder Javier war ein erfolgreicher Junior hat immerhin mal 1998 das Doppel-Viertelfinale eines Future-Turniers in Spanien erreicht, was ihm Weltranglistenplatz 1340 einbrachte. Andy Roddicks älterer Bruder John (34) war 1997 sogar mal die Nummer 871 der Einzel-Weltrangliste. Und dann gibt es natürlich noch Gerald (20), den kleinen Bruder von Österreichs Jürgen Melzer und aktuelle Nummer 437 der Einzel-Weltrangliste.

Von den zehn aktuellen Top-10-Spielern haben also fünf einen Bruder, der es ebenfalls auf die Weltrangliste geschafft hat. Drei davon sind sogar aktuell aktive Spieler, und zwei wiederum jung und halbwegs aussichtsreich genug platziert, dass die Möglichkeit besteht, dass wir sie in den kommenden Jahren regelmäßig auf größeren Turnieren sehen werden. Und Jamie Murray, das als besondere Pointe, hat sogar schon geschafft, was Andy bisher verwehrt blieb: Er gewann Wimbledon – wenn auch nur im gemischten Doppel (2007 mit Jelena Jankovic).

Alle Ranglisten seit 1973 durchzugehen, um zu sehen, ob schon jemals fünf der zehn bestplatzierten Spieler einen Bruder auf der Weltrangliste hatten, überfordert mich etwas. Aber ich glaube, das ist einmalig. Für den Fall, dass irgendjemand mich widerlegen kann, lobe ich irgendeinen Hauptgewinn aus.

Diese Geschwister von ehemaligen Top-Ten-Spielern fallen mir spontan ein: Patrick McEnroe, Javier und Arantxa Sanchez, Dinara Safina. Nicht ganz so erfolgreich: Eduard Dawidenko und Sabine Haas.

Sonntag, 23. Januar 2011

Was ist eigentlich ein Rafa-Slam?

Bei den Fernsehübertragungen von den Australian Open in dieser Woche habe ich ein neues Wort gelernt: Rafa-Slam.

Ein Rafa-Slam, so scheint es, ist ein Grand Slam, der sich über zwei Kalenderjahre erstreckt. So etwas kann Rafael Nadal am nächsten Sonntag gelingen. Dazu muss er noch vier Matches gewinnen. Im Achtelfinale ist er ja schon, und bis hierhin hat er kaum Schwächen gezeigt.

Aber jetzt von vorn. Einen Grand Slam nennt man es bekanntlich, wenn ein Tennisspieler in einem Jahr alle vier Grand-Slam-Turniere gewinnt. Also die Australian Open in Melbourne, die French Open in Paris, die Wimbledon Championships in London und die US Open in New York. Bei den Männern hat das erst zwei Spieler geschafft: Donald Budge (USA) 1938 undder Australier Rod Laver gleich zwei Mal 1962 und 1969. Bei den Frauen waren es drei: Maureen Connolly (USA) 1953, Margaret Smith Court (Australien) 1970 und Steffi Graf (Deutschland) 1988.

Steffi Graf ist übrigens die einzige Spielerin, die für den Grand Slam auf drei verschiedenen Bodenbelägen erfolgreich sein musste: Hartplatz (Melbourne und New York), Sand (Paris) und Rasen (Wimbledon). Bei den US Open wird erst seit 1978 auf Hartplatz gespielt, in Melbourne seit 1988. Ursprünglich spielte man dort auf Rasen (und bei den US Open in den 70ern zwischenzeitlich auch mal auf Sand).

Den Grand Slam zu gewinnen, ist nach überwiegend herrschender Meinung der größte Erfolg, der im Profitennis möglich ist. Beschäftigen wir uns nun also mit der Frage, ob ein Rafa-Slam einem echten Grand Slam in seiner Bedeutung gleichkommt. Für das Herrentennis ist das eine offene Frage. Es hat noch nie jemand einen Rafa-Slam geschafft.

Rafael Nadal hat 2010 die letzten drei der vier Grand-Slam-Turniere gewonnen: die French Open, Wimbledon und die US Open. Bei den Australian Open vor einem Jahr musste er im Viertelfinale gegen Andy Murray verletzt aufgeben.

Es gab in der Tennishistorie erst einen einzigen Spieler, der dichter dran war am Rafa-Slam, als Rafael Nadal es jetzt ist. Das ist Roger Federer, und der war gleich zwei Mal ganz dicht dran. 2006 und 2007 in Paris. Beide Male hatte er zuvor in Wimbledon, bei den US Open und in Melbourne gewonnen. Beide Male verlor er das Endspiel in Paris in vier Sätzen – gegen Rafael Nadal. Der Unterschied: Auf Sand war Nadal damals schon klar der bessere Spieler und ging als Favorit ins Turnier. Federers Aussichten, den Rafa-Slam, der damals wohl Roger-Slam geheißen hätte, waren also eher gering. Das ist diesmal anders. Nadal und Federer sind auf Hartplatz auf Augenhöhe, Nadal hat meines Erachtens leichte Vorteile, auch wenn Federer das letzte Aufeinandertreffen im Endspiel des Tour-Finales 2010 für sich entschieden hat.

Ich wage also einfach mal die Prognose, auch wenn ich mir keinesfalls sicher bin: Rafael Nadal gelingt der Rafa-Slam mit einem Viersatzerfolg gegen Roger Federer. (Oder vielleicht auch gegen Novak Djokovic oder Tomas Berdych? Kann ich mir irgendwie nicht richtig vorstellen im Moment.)

Die sportliche Leistung ist zweifellos ebenso groß, wie wenn er die vier Grand-Slam-Turniere in der korrekten Reihenfolge gewonnen hätte, also erst Melbourne, dann Paris, dann die beiden anderen. In der Tennisgeschichte wird er trotzdem nicht auf einer Stufe mit Rod Laver stehen. Ein Rafa-Slam ist nun einmal kein echter Grand Slam. Sonst könnte man ja ebenso gut an jedem beliebigen Spieltag jede Fußball-Mannschaft zum Deutschen Meister erklären, die in den letzten 34 Spielen die meisten Punkte geholt hat, egal, ob zwischendurch Saisonpause war oder nicht.

Falls Rafa es schafft, wäre ich übrigens dafür, von einem Martina-Slam zu sprechen und nicht von einem Rafa-Slam. Anders als bei den Männern ist ein solches Kunststück bei den Frauen nämlich schon gelegentlich vorgekommen, und Martina Navratilova 1984/85 war die erste. Steffi Graf gelang es ein paar Jahre nach ihrem echten Grand Slam, nämlich 1993/94. Die letzte war Serena Williams 2002/03.

Sonntag, 16. Januar 2011

Trotz Lena Meyer-Landrut: Der World Team Cup wird doch nicht abgeschafft

Theoretisch vorstellbar war es ja schon vor vier Wochen, dass der World Team Cup in Düsseldorf 2011 stattfindet, als wäre nie was gewesen.

Jetzt ist aus der Theorie plötzlich Praxis geworden. Einen Monat, nachdem Turnierdirektor Dietloff von Arnim auf einer Pressekonferenz das sofortige Ende des traditionsreichen Nationenwettbewerbs verkündet hat, scheint die Veranstaltung gerettet. Erste Meldungen in diese Richtung gab es schon seit Mittwoch; heute Abend hat die ATP es offiziell bestätigt.

Nachdem die ARAG-Versicherung als Hauptsponsor abgesprungen ist, springt also ein oberösterreichischer Getränkeanbieter namens Power Horse Energy Drinks ein. Über österreichische Energy-Drinks wusste ich bisher nur, dass Red Bull schmeckt wie ein Knüppel auf den Kopf. Power Horse aber ist wohl was ganz anderes, auch wenn das Getränk weitgehend dieselben Zutaten zu haben scheint wie Red Bull. Laut eigener Webseite operiert das Unternehmen weltweit mit Niederlassungen in Dubai und San Francisco. Zu einem Wikipedia-Eintrag hat es bisher aber nur in der deutschsprachigen Welt gereicht.

Der World Team Cup also soll Power Horse weltweit bekannt machen. Wie viel Geld die Österreicher dafür hinblättern, dazu schweigt man sich in Düsseldorf bisher aus. Es scheint aber messbar weniger zu sein als die 1,4 Millionen, die die ARAG zahlte. Zumindest ist in den offiziellen Statements die Rede von einer Finanzierungslücke von 1,3 Millionen Euro, die mit Hilfe von Power Horse und anderen Sponsoren geschlossen worden sei.

Wahscheinlich war es tatsächlich so wie spekuliert: Der Rochus Club als Veranstalter hat mit seiner Ankündigung, das Turnier aufzugeben, auch die ATP unter Druck gesetzt, bei den Lizenzgebühren, die 750.000 Euro betragen haben sollen, einen Rabatt zu gewähren.

So definitiv, wie Dietloff von Arnim im Dezember tat, war das Ende des World Team Cups wohl sowieso nicht. Die ATP strich ihn jedenfalls zu keinem Zeitpunkt aus ihrem Kalender und kündigte stattdessen stets bald folgende Details zum Ticketverkauf an. In dieser Woche beeilte man sich außerdem zu versichern, dass die Zimmer in den Spielerhotels selbstverständlich weiterhin frei gehalten worden seien, und das, obwohl am Vorabend des World Team Cups in Düsseldorf das größte Medienereignis seit Ben Hur ansteht: Lena Meyer-Landrut verteidigt am 14. Mai ihren Titel beim Eurovision Song Contest. (Außerdem bindet angeblich die Verpackungsmesse Interpack in der fraglichen Woche gewisse Hotelkapazitäten in der Landeshauptstadt..)

Eine kleine Unwägbarkeit scheint noch zu sein, ob der WDR wieder die Fernsehübertragung in alle Welt sicherstellt, ohne die den österreichischen Engergydrinkbrauern ihre Sponsorenschaft ja nix nützt. Aber auch das wird sich wohl einrenken.

Nur: Was haben wir nun davon? In den letzten Jahren, ich wiederhole mich, ist der World Team Cup zu einer durch und durch verzichtbaren Veranstaltung geworden. Bisher ist nur davon die Rede, dass das Turnier für dieses Jahr gerettet ist. Danach geht das Geschrei vielleicht von vorne los. Aber vielleicht tut der Wirbel um die Beinahe-Abschaffung der Veranstaltung ja auch ganz gut.

Ich jedenfalls werde wohl mal hinfahren und mir die ganze Sache angucken. Vorausgesetzt, ich finde trotz Lena und trotz Interpack irgendwo eine Unterkunft.

Ach ja: Vor lauter Aufregung hat sich noch fast niemand damit befasst, welche Länder 2011 eigentlich qualifiziert sind. Die Zeiten, in denen die besten Teams tatsächlich alle antraten, sind zwar vorbei, aber man kann ja trotzdem mal nachschauen, wer es gewesen wäre. Es zählt die kombinierte Weltranglistenposition der beiden bestplatzierten Spieler eines Landes vom 6. Dezember 2010, als da wären:

Spanien 8 Rafael Nadal (1), David Ferrer (7)
Schweiz 23 Roger Federer (2), Stanislas Wawrinka (21)
USA 24 Andy Roddick (8), Mardy Fish (16)
Frankreich 25 Gael Monfils (12), Jo-Wilfried Tsonga (13)
Serbien 31 Novak Djokovic (3), Viktor Troicki (28)
Kroatien 31 Marin Cilic (14), Ivan Ljubicic (17)
Argentinien 31 Juan Martin del Potro (PR 5), Juan Monaco (26)

Die Wild Card würde dann, wie gewohnt, an Deutschland gehen: Philipp Kohlschreiber (34), Florian Mayer (37) = 71

Erster Nachrücker wäre Russland: Michail Juschni (10), Nikolai Dawidenko (22) = 32.

Und hier die Webseite des World Team Cups

Sonntag, 9. Januar 2011

Der legendäre Steve G. hat aufgehört


Update am 25. Januar: Das Steve-G.-Projekt geht nun doch weiter - auch ohne Steve an vorderster Front.


Das Karriereende von Nicolas Kiefer, das wir vor einer Woche an dieser Stelle behandelten, das hat man kommen sehen, darauf hat man sich seelisch einstellen können.

Das Tennisjahr 2011 begann aber auch mit der Nachricht von einem anderen Ende. Dem Ende der Internetseite www.stevegtennis.com.

Steve G. ist eine Legende. Bei ihm stehen alle ATP-Ergebnisse seit 1997 und ganz viele weitere Statistiken. Als ich – es muss kurz nach 1997 gewesen sein – zum ersten Mal länger als ein paar Minuten im Internet rumklickte und Namen von Tennisspielern googelte (damals hieß diese Tätigkeit noch nicht einmal Googeln, und wahrscheinlich benutzte ich nicht Google, sondern Altavista oder die Suchfunktion von web.de oder), damals stieß ich meistens zuerst auf die Seite von Steve G. Es begleitet mich also kaum eine Internetseite schon so lange wie die von Steve G.

Über Steve G. persönlich ist öffentlich nicht viel bekannt. Vor Jahren gab er mal irgendwo ein Interview, aus dem ich erfuhr, dass Steve sein echter Vorname ist und G tatsächlich der erste Buchstabe seines Nachnamens. Außerdem erfuhr man, dass er selbst kein Tennis spielt und all die Ergebnisse die ersten Jahre per Hand eingetippt hat. Die Webseite, auf der dieses Interview erschien, existiert längst nicht mehr. Stevegtennis.com aber existierte weiter, Jahr für Jahr und immer auf dem aktuellsten Stand. Mit der Zeit sammelte er ein paar Mitstreiter, aber die Hauptlast scheint Steve bis zum Ende allein geschultert zu haben. Geld wird Steve damit kaum verdient haben. Lange Zeit war gar keine Werbung auf seinen Seiten, irgendwann tauchte ein einziger Sponsorenhinweis auf.

Soweit ich mich erinnere, hat sich das Layout der Seite, seit ich sie vor ungefähr zwölf Jahren zum ersten Mal anklickte, nicht geändert. Stevegtennis.com wurde über die Jahre zu einem Online-Museum, zu einem VW Käfer der Tennisdatenbanken. Wer wissen will, wie in den 90ern eine Internetseite aufgebaut war, findet hier die Antwort.

Seit kurz vor Jahresende steht oben auf seiner Seite ein Link mit dem Titel Important Site News“. Klickt man darauf, gelangt man auf eine schlichte Textdatei, wie sie schon 1997, als Steve sein Projekt begann, altbacken gewirkt haben muss: Schwarz auf weiß bedankt sich Steve bei all den Menschen auf der ganzen Welt, die geholfen haben, seine Seite am Laufen zu halten. Ohne sie hätte er schon viel früher aufgegeben. Er schreibt, er werde seine Seite vermissen, aber er gewinne auch einen großen Brocken Lebenszeit zurück. Die bestehenden Daten werden wohl bis 2013 online bleiben.

Steve schreibt auch, es gebe inzwischen viele andere Internetseiten, die dieselben Informationen vorhalten wie er. Das sei anders gewesen, als er 1997 anfing. Das stimmt. Ich habe seine Seite in den letzten Jahren nur noch selten angeklickt. Erste Anlaufstelle für Ergebnisse und Statistiken ist für mich wie wohl für die meisten Tennisfreaks die offizielle ATP-Seite. Und wo die nicht weiterhilft, ist es die Seite des Tennis-Weltverbandes ITF.

Aber insbesondere wenn es um Ergebnisse aus früheren Jahren geht, fand man sie nach wie vor nirgends so einfach wie bei Steve. Auf der ATP-Seite findet man zwar mit wenigen Klicks alle Matches, die ein bestimmter Spieler je gespielt hat, aber wenn man alte Ergebnisse von einem bestimmten Turnier sucht, findet man die auf der ATP-Seite nur unvollständig und extrem unübersichtlich und bei der ITF zwar vollständig, aber auch nicht viel übersichtlicher. Steve G. hat alle Ergebnisse in schlichter Schönheit. Hier zum Beispiel der Turnierkalender von 1997 , und hier die Ergebnisse des Challengers von Lübeck aus jenem Jahr. Rainer Schüttler kam ins Finale.

Ein einziges Mal habe ich Steve eine Sache verübelt. Das war Ende 2007. Bis dahin wurden in seinem Forum Woche für Woche die offiziellen Teilnehmerlisten der ATP-Turniere veröffentlicht. Die Listen stehen sechs Wochen vor Turnierbeginn fest (bei Challengern vier Wochen) und werden laufend aktualisiert, weil ständig irgendwelche Spieler abspringen. Die ATP versucht seit jeher, diese Listen geheim zu halten bzw. den Turnierveranstaltern die Möglichkeit zu lassen, selbst zu entscheiden, wann und wie sie bekanntgeben, wer bei ihnen antritt. Es kommt immer wieder vor, dass Turniere offensiv damit werben, dass ein bestimmter Spieler bei ihnen antreten wird, der sich von der offiziellen Liste längst hat streichen lassen. Ende 1997 meldete sich die ATP bei Steve und verlangte, er solle die Veröffentlichung dieser Listen unterbinden. Steve wollte keinen Stress und gab diesem Verlangen nach. Wohl gemerkt: Er hatte die Listen nicht selbst veröffentlicht, sondern Poster im seinem Forum taten das. Die Listen stammen aus dem internen Onlinebereich der ATP, und es lässt sich nicht vermeiden, dass tausende Personen darauf Zugriff haben: Die Spieler und ihre Trainer und Manager müssen ja irgendwie erfahren, bei welchem Turnier sie es ins Hauptfeld geschafft haben. Irgendjemanden gibt es also immer, der diese Listen irgendwo ins Netz stellt. Der Versuch der ATP, dieses Leck zu schließen, indem sie Steve G. raten, die Listen nicht mehr zu veröffentlichen, war also ungefähr so sinnvoll wie das Schild vor der BND-Zentrale in Pullach, auf dem bis 1996 „Behördenunterkunft“ stand, damit niemand erfährt, dass hier der Geheimdienst sitzt.

Zu Glück haben ohne schuldhaftes Zögern andere Webseiten die Aufgabe übernommen, die geheimen Tennisturnier-Teilnehmerlisten zu veröffentlichen. Zum Beispiel tennisteen.it.
In Steves Forum ist es seither ziemlich still gewesen.

Sonntag, 2. Januar 2011

Nicolas Kiefer: Ein bisschen wie Uwe Seeler

Man sollte denken, es besteht überhaupt kein Zusammenhang zwischen Nicolas Kiefer und Uwe Seeler. Aber als ich vorhin darüber nachdachte, was genau ich denn nun schreiben soll in meinem heutigen Blog-Eintrag über Nicolas Kiefers Karriereende, das er vor ein paar Tagen verkündet hat, da kam mir ein Foto in den Sinn:

http://www.welt.de/multimedia/archive/00604/schuettler_04_athen_604022p.jpg

Und dann noch eins:

http://www.dfb.de/uploads/tx_rgsmoothgallery/1966-Uwe-Seeler.jpg

Das verlorene Doppelfinale der Olympischen Spiele in Athen 2004 und das verlorene WM-Endspiel 1966 in Wembley. Uwe Seeler ist niemals Weltmeister geworden. Er war mit dem HSV nur ein einziges Mal zu Beginn seiner Karriere Deutscher Meister. Nicolas Kiefer hat auch niemals einen großen Titel gewonnen. Beide haben gezeigt, dass auch eine große Niederlage den Höhepunkt einer Karriere bilden kann.

Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler hatten das Match gegen Fernando Gonzalez und Nicolas Massu aus Chile im Griff. Deutschland war für wenige Stunden endlich mal wieder im Tennisfieber. Das Endspiel hatte, soviel ich weiß, die höchste Fernseh-Einschaltquote der gesamten Olympischen Spiele.

Im vierten Satz hatten Kiefer und Schüttler vier Matchbälle und vergaben sie alle. Die Siegerehrung war gleich danach. Die Verlierer mussten sich ihre Silbermedaille abholen. Auch Rainer Schüttler ist unübersehbar am Boden zerstört. Aber Nicolas Kiefer sieht nicht nur traurig aus. Mit seinem zerzausten Haar und seinem dunklen Bart sieht er aus wie Jesus mit der Dornenkrone. Die Analogie war so offensichtlich, dass gleich mehrere Reporter sie in ihre Berichte schrieben. Jesus Kiefer trug das Leid einer ganzen Sportnation auf seinen Schultern. Dabei ist seine Dornenkrone in Wirklichkeit ein Lorberrkranz. Die Veranstalter in Athen hatten die Idee, den Athleten nicht nur Gold, Silber und Bronze umzuhängen, sondern ihnen auch Lorbeerkränze auf die Köpfe zu stecken.

Uwe Seeler war gewiss der größere Sportler als Nicolas Kiefer. Aber Nicolas Kiefers Bild aus Athen ist noch größer als Uwe Seelers Bild aus Wembley – vor allem, wenn man bedenkt, dass Uwe Seeler sagt, sein Bild sei schon in der Halbzeit entstanden, und er habe den Kopf nur zufällig unten gehabt.

Aber jetzt zu Nicolas Kiefers Siegen. In seiner 15 Jahre langen Karriere hat er sechs Einzelturniere gewonnen und drei Doppelturniere. Hongkong, Dubai, Halle, Tokio, Taschkent, Toulouse, Los Angeles und Ostrau. Kein Grand-Slam-Titel, nicht einmal ein Masters. Sein letzter Turniersieg im Einzel war im Jahr 2000. Danach hat er zehn weitere Endspiele erreicht und alle verloren. Noch 2008 schaffte er in Toronto sogar ein Masters-Endspiel. Man kann schwerlich bestreiten, dass das Foto aus Athen eine gewisse Symbolkraft für Nicolas Kiefers gesamte Karriere hat.

Wenn man seine Interview-Äußerungen aus den letzten Tagen liest, kann man sich Kiwi dennoch als glücklichen Menschen vorstellen.

Ich erinnere mich daran, wie er wenige Wochen nach dem verlorenen Olympiafinale erzählte, dass nach seiner Rückkehr aus Athen alle seine Freunde unbedingt einmal die Medaille angucken wollten und er dadurch begriffen habe, dass das Silber von Athen in Wahrheit ein großer Erfolg war. Das gilt für seine gesamte Karriere. Er war mal die Nummer 4 der Weltrangliste. Damit ist er nach Boris Becker, Michael Stich und Tommy Haas der viertbeste Deutsche in der Geschichte des Profitennis.

Trotzdem müssen wir uns zum Abschluss kurz mit der Frage befassen, warum Kiwi kein großer Champion geworden ist. Wäre Boris Becker nicht gewesen, stünde diese Frage vielleicht gar nicht im Raum. 1995 gewann Kiwi die Juniorentitel bei den Australian Open und den US Open. Sowas hat normalerweise nicht viel zu zu sagen. Der Junioren-Wimbledonsieger jenes Jahres war ein gewisser Olivier Mutis, der später in der Erwachsenen-Weltrangliste nicht über Platz 71 hinauskam. Aber Nicolas Kiefer startete seine Laufbahn nun einmal zu einem Zeitpunkt, als alle dachten, nun kommt eine riesige Armada von Boris-Nachfolgern. Die Schweden hatten ja schließlich mit Mats Wilander, Stefan Edberg, Anders Järryd und so weiter auch eine Björn-Borg-Nachfolge-Armada. Und es begann ja auch vielversprechend mit Kiwi. 1999, mit 22 Jahren, qualifizierte er sich für den Masters-Cup der besten acht Spieler, der im Vorgriff auf die Expo 2000 in seiner Heimatstadt Hannover ausgetragen wurde. Kiwi kam dort ins Halbfinale.

Danach war er immer wieder mal verletzt und hatte wahrscheinlich auch nicht immer den verbissenen Willen, sich im Training bis zum Gehtnichtmehr zu quälen. Aber ich glaube, auch eine andere Sache ist schuld daran, dass er später an die Erfolge der späten 1990er dauerhaft nicht anknüpfen konnte. Es wird ja viel darüber geredet, dass das Spiel sich seit den Zeiten von Becker und Sampras geändert hat, dass die Bälle schwerer, die Böden langsamer, die Ballwechsel länger, die Spieler athletischer geworden sind. Diese Entwicklung ging zu Lasten von Nicolas Kiefer. Das ist vielleich nicht so ganz offensichtlich, weil Kiwi kein klassischer Serve-und-Volley-Spieler gewesen ist. Aber er war immer ein Mann für die kurzen Ballwechsel, und er konnte mit seinen Returns und Passierbällen grandios dagegenhalten, wenn jemand gut aufschlug. (Es ist kein Zufall, dass Kiwi bis heute der einzige Spieler ist, der jemals bei einem ATP-Turnier dem 2,08-Meter-Aufschlagungeheuer Ivo Karlovic einen Satz mit 6:0 abgenommen hat.) Wäre das Tennis in den Nuller-Jahren dasselbe gewesen wie in den Neunzigern, hätte Nicolas Kiefer zumindest deutlich mehr Wochen unter den Top Ten zugebracht.

Aber das spielt ja alles keine Rolle mehr. Jetzt wünschen wir Kiwi erst einmal alles Gute in seinem neuen Job als Papa und sagen danke für die gute Unterhaltung. Auch wenn er nicht viele Titel gewonnen hat: Mit ihm war es niemals langweilig.

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