Sonntag, 27. Februar 2011

Davis-Cup - Erste Runde - Meine Tipps

Am nächsten Wochenende (4. bis 6. März) ist die erste Davis-Cup-Runde des Jahres, und nach altem Brauch versuche mich heute darin, die acht Ergebnisse zu tippen.

Meine Tipps werden lauten 3:0, 3:1, 3:2 und nicht 4:1 oder 5:0. Denn sobald ein Land uneinholbar führt, sind die folgenden Matches sowieso keine ernsthaft betriebenen sportlichen Wettkämpfe mehr. Für Nicht-Fachleute: Gespielt wird am nächsten Wochenende (6. bis 8. März), vier Einzel, ein Doppel. Am Freitag spielt die Nummer 1 von Land A gegen die Nummer 2 von Land B und die Nummer 1 von Land B gegen die Nummer 2 von Land A. Am Sonnabend wird das Doppel gespielt, am Sonntag spielen Nummer 1 gegen Nummer 1 und Nummer 2 gegen Nummer 2. Die Reihenfolge der Matches am Freitag und Sonntag wird ausgelost. (Dieser Absatz ist ein Plagiat, vielleicht findet jemand die Originalquelle?)

Los geht’s:

Serbien gegen Indien 3:1
in Novi Sad auf Hartplatz

Nichts leichter als das. Novak Djokovic (Nr. 3) und Viktor Troicki (Nr. 18) gewinnen sowieso sowohl gegen Somdev Devvarman (Nr. 79) als auch gegen Rohan Bopanna (Nr. 629 im Einzel und Nr. 18 im Doppel). Den einen Punkt für Indien holen die Altmeister Mahesh Bhupathi (Nr. 5 im Doppel) und Leander Paes (Nr. 7 im Doppel) im Doppel – aber nur, weil die Serben - Doppelspezialist Nenad Zimonjic (Nr. 4) und wahrscheinlich Janko Tipsarevic (Nr. 52 im Einzel/Nr. 55 im Doppel) nach der 2:0-Führung die Zügel etwas schleifen lassen werden.

Schweden gegen Russland 3:2
in Borås auf Hartplatz

Mit diesem Tipp lehne ich mich weit aus dem Fenster, denn Schweden ist auf den ersten Blick ein Ein-Mann-Team. Robin Söderling (Nr. 4) ist der einzige Schwede unter den ersten 200 der Einzel-Weltrangliste. Die Russen aber spielen ohne ihre beiden besten Leute Michail Juschni (Nr. 11) und Nikolai Dawidenko (Nr. 39). Die Rechnung für Schweden geht so: Söderling gewinnt seine beiden Matches gegen Dmitri Tursunow (Nr. 105) und einen der anderen Russen Teimuras Gabaschwili (Nr. 76), Igor Andrejew (Nr. 88) oder Igor Kunizyn (Nr. 96). Allerdings wird das gegen Tursunow kein Selbstgänger. Der Mann steht im Ranking deshalb so schlecht, weil er eine Weile verletzt war, und ist in diesem Jahr ziemlich gut in Fahrt. Der zweite Einzelspieler bei den Schweden dürfte Joachim Johansson (Nr. 750) sein. Der verletzungsgebeutelte ehemaligeTop-Ten-Spieler kehrt regelmäßig für den Davis-Cup aus dem Vorruhestand zurück und stellt jedes Mal seine Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis. In seiner Davis-Cup-Generalprobe beim Challenger in Bergamo vor drei Wochen hat er in der ersten Runde Andreas Beck (Nr. 129) geschlagen. Außer Tursunow sind die Russen alle so mies im Form, dass Johansson sie schlagen kann. Und falls nicht, dann holen die Schweden den dritten Punkt im Doppel, denn anders als im Einzel sind sie da mit Robert Lindstedt (Nr. 22 im Doppel) und Simon Aspelin (Nr. 33 im Doppel) etwas breiter aufgestellt.

Tschechien gegen Kasachstan 3:1
in Ostrau auf Hartplatz

Das kasachische Davis-Cup-Team besteht ausschließlich aus eingebürgerten Russen, und der Hauptsponsor hat es jetzt geschafft, seine Mannschaft in die erste Liga zu bringen. Mit dem Rothenbaum-Sieger Andrei Golubjew (Nr. 44) und Michail Kukuschkin (Nr. 66) sind zwei Leute dabei, die die Russen gegen Schweden vielleicht ganz zu hätten gebrauchen können. Aber gegen die Tschechen, die mit Tomas Berdych (Nr. 7) und Radek Stepanek (Nr. 65) in Bestbesetzung auflaufen, wird es kaum reichen. Vielleicht verliert Stepanek eines seiner Matches, aber notfalls mit einem Sieg im Doppel wird es schon reichen für Tschechien. Doppel spielen können die Russen ja traditionell nicht so gut.

Argentinien gegen Rumänien 3:2
in Buenos Aires auf Sand

Eigentlich wollte ich routinemäßig 3:0 tippen, aber als ich mir die Konstellation ansah, dachte ich: Das könnte knapper werden als gedacht. Juan Martin del Potro, der heute in Delray Beach (Florida) nach seiner fast einjährigen Verletzungspause zum ersten Mal wieder ein ATP-Turnier gewonnen hat, ist noch nicht wieder ins Team zurückgekehrt. David Nalbandian (Nr. 19) ist eher ein Hallenspezialist, und Juan Monaco (Nr. 30) und Juan Ignacio Chela (Nr. 31), sind zwar ganz solide, aber der beste Rumäne, Victor Hanescu (Nr. 57) ist ja nun auch nicht schlecht. Der kann durchaus eines seiner Matches gewinnen. Und im Doppel haben die Rumänen mit Horia Tecau (Nr. 20 im Doppel) einen ziemlich starken Mann an Bord.

Chile gegen USA 0:3
in Santiago auf Sand

Die US-Amerikaner sind zwar in südamerikanischen Sandplatz-Hexenkesselns schon manches Mal auf die Schnauze gefallen. Aber das sollte diesmal eigentlich nicht passieren. Die Chilenen sind nur noch ein Schatten von einst. Weltklassemann Fernando Gonzalez ist seit einem halben Jahr verletzt. Nicolas Massú (Nr. 228), der Olympiasieger von Athen 2004, hat seinen Zenit schon lange überschritten, und auch Paul Capdeville (Nr. 179) in seiner aktuellen Verfassung dürfte Andy Roddick (Nr. 8) und John Isner (Nr. 32) kaum gefährlich werden. Im Doppel gewinnen die Bryan-Zwillinge (Nr. 1 im Doppel) sowieso.

Belgien gegen Spanien 0:3
in Charleroi auf Hartplatz

Auch hier gilt: beim besten Willen keine Chance für den Gastgeber. Spanien tritt mit Rafael Nadal (Nr. 1) und David Ferrer (Nr. 8) an und kann es sich leisten, Fernando Verdasco (Nr. 9 im Einzel) nur im Doppel einzusetzen. Was sollen Xavier Malisse (Nr. 49), Olivier Rochus (Nr. 113), Steve Darcis (Nr. 128) und Ruben Bemelmans (Nr. 180) da groß ausrichten?

Kroatien gegen Deutschland 3:2
in Zagreb auf Hartplatz

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich falsch liege und Deutschand gewinnt, ist gar nicht so gering, nur eben niedriger als 50 Prozent. Die kroatische Nummer 1, Marin Cilic (Nr. 21) ist in das Jahr ganz gut reingekommen, aber er ist gegen Philipp Kohlschreiber (Nr. 35) und Florian Mayer (Nr. 38) nicht unverwundbar. Der zweite Kroate, Ivan Dodig (Nr. 60) ist im Moment in der Form seines Lebens und hat vor vier Wochen – ausgerechnet in Zagreb – sein erstes ATP-Turnier gewonnen. Ich fürchte, Dodig gewinnt gegen Phililpp Kohlschreiber und vielleicht auch gegen den momentan stärkeren Florian Mayer. Im Doppel sehe ich dafür die Deutschen leicht vorn, egal ob Philipp Petzschner (Nr. 15 im Doppel) mit Christopher Kas (Nr. 53 im Doppel) oder mit Philipp Kohlschreiber spielt.
Ach ja: Ich werde hinfahren nach Zagreb. In der nächsten Woche gibt es an dieser Stelle also einen Vor-Ort-Bericht. Mal sehen, wie ich es einrichten kann, vielleicht erscheint er erst am Montag.

Österreich gegen Frankreich 2:3
in einem Wiener Flughafen-Hangar auf Sand

Es fällt mir schwer, aber ich glaube, dass die Österreicher hauchdünn scheitern werden. Ihnen fehlt neben Jürgen Melzer (Nr. 10 im Einzel und Nr. 8 im Doppel) der zweite gute Mann. Und bei den Franzosen sind Richard Gasquet (Nr. 28) und Gilles Simon (Nr. 33) so gut in Form, dass man damit rechnen muss, dass einer von ihnen sogar Melzer bezwingen könnte. Der zweite österreichische Einzelspieler, Martin Fischer (Nr. 137) dürfte kaum eine Chance haben. Andreas Haider-Maurer (Nr. 116) fällt wegen einer Lungenentzündung aus, von der er sich noch nicht ganz erholt hat. Aber selbst wenn Melzer seine beiden Einzel gewinnt, müsste ja noch irgendwo ein dritter Punkt herkommen. Melzer ist ein überragender Doppelspieler, aber sein Partner Julian Knowle (Nr. 37 im Doppel) hat mich in letzter Zeit alles andere als überzeugt, und die Franzosen haben mit Julien Benneteau (Nr. 80 im Einzel/Nr. 38 im Doppel) und Michael Llodra (Nr. 27 im Einzel/ Nr. 24 im Doppel) ein überragend eingespieltes Duo.

Sonntag, 20. Februar 2011

Das Phänomen Milos Raonic


Heute Abend spielt er schon wieder ein Finale, diesmal in Memphis, Tennessee. Wir müssen dringend über Milos Raonic reden, den jungen Mann, der in den vergangenen Wochen aus dem Nirgendwo gekommen ist (genau genommen aus Thornhill bei Toronto, dorthin zogen seine montenegrinischen Eltern mit ihm, als er drei Jahre alt war).

Ende Dezember wurde er 20 Jahre alt, damals war er die Nummer 157 der Welt. Wenn er heute das Endspiel in Memphis verliert, ist er morgen die Nummer 37. Gewinnt er dort gegen Andy Roddick – was man als realistische Möglichkeit in Betracht ziehen sollte – wäre er die Nummer 30. Im Moment scheinen fast alle, die Milos Raonic spielen sehen, davon auszugehen, dass er im Sommer unter den ersten 20 ist, Ende des Jahres in den Top 10 und im nächsten oder übernächsten Jahr sein erstes Grand-Slam-Turnier gewinnt. Manche vergleichen ihn schon mit Pete Sampras.

Wer vor den Australian Open überhaupt etwas von Milos Raonic gehört hatte, der hatte vor allem gehört, dass der Junge fast zwei Meter groß ist und sehr gut aufschlagen kann, sich sonst aber etwas hilflos über den Platz bewegt. Mir begegnete der Name bewusst zum ersten Mal Ende Juli, als Tobias Kamke in Granby, Kanada, seinen ersten Challenger-Titel gewann und im Finale auf Raonic traf. Auf dem Weg dahin hatte Raonic, damals knapp in den Top 300, ein paar Spieler geschlagen, die zwischen 100 und 150 platziert waren. In den folgenden Monaten spielte Raonic weiter solide auf dem Niveau eines Challenger-Finalisten. Bei den US Open schaffte er die Qualifikation, unterlag aber in Runde 1 einem Wild-Card-Spieler.

Dann kam 2011. Auch bei den Australian Open überstand er die Qualifikation. Und diesmal gewann er auch sein Erstrundenmatch, und zwar gegen Björn Phau (Nr. 85), was niemand groß beachtete. Aber Raonic gewann auch seine beiden nächsten Matches gegen Michael Llodra (Nr. 24) und Michail Juschni (Nr. 10) und zog ins Achtelfinale ein. Wieder hörte man über ihn vor allem eines: Der Junge schlägt wahnsinnig gut auf. Wann immer Roger Federer, Andy Murray, Novak Djokovic oder wer auch immer ein Ass schlug, erzählten die Fernsehkommentatoren die Geschichte von dem jungen unbekannten Kanadier, der die meisten Asse des laufenden Turniers geschlagen hatte.

Im Achtelfinale verlor Raonic gegen David Ferrer (Nr. 7), und viele dachten sich nichts weiter, außer vielleicht, dass sich Raonic jetzt vielleicht unter den Top 100 etablieren wird.

In der folgenden Woche schien er zurechtgestutzt, als er in Johannesburg in Runde zwei gegen Simon Greul (Nr. 130) ausschied. Das aber hatte wohl mit verständlicher Erschöpfung zu tun. (Auch in Johannesburg musste Raonic durch die Qualifikation.)

Dann ging es weiter in die USA, wo man einen Faible für junge Helden hat und Milos Raonic sofort Wild Cards für das 250er-Tunrier in San Jose (letzte Woche) und das 500er-Turnier in Memphis bekam. In San Jose holte er den Titel (7:6, 7:6 im Endspiel gegen Fernando Verdasco (Nr. 9)). Und jetzt also gleich hinterher das Finale von Memphis.

Was ist los mit dem Kerl? Wieso spielt der auf einmal so gut? Wenn man ihn fragt, sagt er, dass er in der Winterpause in Spanien mit seinem neuen Trainer Galo Blanco sehr hart an seiner Fitness gearbeitet hat. Aber sowas tun andere Spieler auch, ohne dass es viel nützt.

Wahrscheinlich ist Raonic in diesem Jahr tatsächlich fitter als früher, sonst könnte er nicht in so kurzer Zeit so viele Matches gewinnen. Aber mir scheint, es kommen noch ein paar andere Dinge hinzu: Er hat ein unbändiges Selbstbewusstsein, das ihm Flügel verleiht. Und es ist fast nichts von den früheren Diagnosen zu sehen, er würde nach dem Aufschlag hilflos über den Platz irren. Im Gegenteil: Als ich mir jetzt ein paar Ausschnitte aus Raonic-Matches angesehen habe, wirkten seine Bewegungen auf mich so kontrolliert wie bei kaum einem anderen Spieler.

Meine erste Assoziation war: Er spielt, wie Sophie Ellis-Bextor im Murder-on-the-Dancefloor-Video tanzt. Jeder Schritt ein Treffer. Er hat alles im Griff. Er kann es sich leisten, sich auf dem Platz aufreizend langsam zu bewegen. Das alles sieht aber auch wenig instinktiv aus. Es sieht aus, als würde er über jeden einzelnen Schlag genau nachdenken. Das Ergebnis: Er spielt anders als der Durchschnitt, und deshalb macht es Spaß, ihm zuzusehen.

Was den Vergleich mit Pete Sampras betrifft: Es ist schwer, ihn nicht zu ziehen. Sein Aufschlag und sein dunkler Wuschelkopf verleiten dazu, seine Herkunft aus einer Einwandererfamilie, die mit Tennis nicht viel am Hut hatte und die entsprechend gelassen mit dem Talent ihres Sprösslings umgeht. Seine Eltern haben Raonic dazu angehalten, neben dem Tennis ein Fernstudium zu absolvieren, solange er es nicht unter die besten 100 der Welt geschafft hat. Jetzt könnte er das Studium also abbrechen. Das scheint er aber noch nicht getan zu haben.

Hier das offizielle ATP-Profil von Milos Raonic

Fotohinweis: Christopher Johnson, Wikipedia

Sonntag, 13. Februar 2011

Roland Garros bleibt in Roland Garros

Vielleicht wird es den Honoratioren aus dem All England Lawn Tennis Club ja irgendwann zu eng in in Wimbledon und sie ziehen um mit ihrem Tennisturnier irgendwohin, wo Platz ist für ein größeres Stadion. Nach Epping oder nach Hillingdon oder was weiß ich, wo man in der Nähe von London eine grüne Wiese finden kann.

Eine absurde Vorstellung. Annähernd so absurd ist höchstens noch die Vorstellung, dass die French Open ihr angestammtes Stadion Roland Garros verlassen. Genau das aber wäre beinahe passiert. Jetzt aber hat die Vollversammlung des französischen Tennisverbands das Vorhaben gestoppt - beziehungsweise: Man hat sich in einer Prozedur, die an die Vergabe von olympischen Spielen erinnerte, für einen Standort entschieden, und dieser Standort ist derselbe wie seit 85 Jahren.

Nun ist es an der Zeit, dass ich das ganze Drama einmal beleuchte. Davor hatte ich mich bisher gedrückt, weil die meisten Informationen, die ich zu dem Thema fand, auf Französisch waren und meine Französischkenntnisse leider irgendwo zwischen katastrophal und erbärmlich sind. Ich weiß nicht mal mehr, in welcher Stadt die Kinder aus den ersten Seiten meines Französischbuches in der neunten Klasse wohnten. Vielleicht war es Gonesse. Würde passen, denn das oben erwähnte Epping ist das Städtchen, in dem die Kinder aus einem Englischbuch in der fünften Klasse wohnten. Gonesse, ein Städtchen nordöstlich von Paris, stand auf der Liste der möglichen neuen Standorte für die French Open. Außerdem waren im Rennen: Versailles und Euro-Disneyland. Ich weiß gar nicht, was die komischere Wahl gewesen wäre. Man stelle sich vor, es schafft jemals wieder ein Deutscher das French-Open-Finale und trifft dort womöglich noch auf einen Franzosen, wenn das Match dann in Versailles stattfindet...

Aber so weit wird es nun nicht kommen. Dabei haben die Franzosen in Roland Garros tatsächlich ein Platzproblem. Das Stadiongelände ist 8,5 Hektar groß. Das ist nicht einmal die Hälfte der Fläche von Wimbledon. Und es ist ja nicht so, dass noch nie ein Grand-Slam-Turnier umgezogen wäre: Die US Open wechselten in den 70ern von Forest Hills nach Flushing Meadows, die Australian Open in den 80ern von Kooyong in den Flinders Park (der inzwischen einfach Melbourne Park heißt).

Wenn die French Open nicht mehr im Stade Roland Garros stattfänden, müsste das Turnier wohl auch seinen offiziellen Namen („Tournoi de Roland Garros“) ändern. Das würde meinem traditionalistischen Gemüt vermutlich ähnlich wehtun wie der Umstand, dass das Turnier in irgendeinem zweckmäßigen Stadionkomplex vor den Toren der Stadt stattfindet. (Eigentlich sollte ich als friedliebender Mensch ja daran stören, dass das Turnier nach einem Kampfflieger benannt ist, aber da ist mir in diesem Fall die Tradition irgendwie wichtiger als meine Ideale.)

Roland Garros findet seit 85 Jahren in Roland Garros statt. Das ist praktisch seit immer. Vorher gab es das Turnier zwar auch schon, aber für die Jahrzehnte zuvor kann man es schwerlich als Grand-Slam-Turnier bezeichnen, denn es durften nur Franzosen mitmachen.

Jetzt also soll Roland Garros von 8,5 auf 13,5 Hektar wachsen. Das Thema waberte seit langem durch die Pariser Kommunalpolitik. Soweit ich es verstanden habe, wehrten sich Anwohner gegen eine Stadionvergrößerung. Und im Tennisverband waren einige Leute der Ansicht, 13,5 Hektar wären immer noch zu wenig für ein echtes Grand-Slam-Turnier. Mit einer solchen Einschätzung wird auch Amélie Mauresmo zitiert, die zwar die Australian Open und Wimbledon gewinnen konnte, im kleinen Roland Garros aber nie übers Viertelfinale hinauskam.

Sonntag, 6. Februar 2011

Goran Ivanisevic in der 88. Minute eingewechselt

Komisch, im Fußball kommt keiner auf die Idee: Die Bayern könnten einfach mal in der 88. Minute, wenn das Spiel gelaufen ist, Kalle Rummenigge einwechseln, Schalke könnte Marc Wilmots bringen, Dortmund Michael Zorc – oder bei Werder schießt Michael Kutzop bei 0:4-Rückstand einen unbedeutenden Elfmeter.

Und das alles nur, um Werbung für den Fußballsport zu machen. Wahrscheinlich würden diese Werbegags zu imagemäßigen Rohrkrepierern.

Im Tennis ist das anders. Da gehört es fast schon zum guten Ton, dass man als ehemaliger Weltstar. In dieser Woche war Goran Ivanisevic dran. Der Wimbledonsieger von 2001 trat beim ATP-Turnier von Zagreb an der Seite von Kroatiens aktueller Nummer 1 Marin Cilic im Doppel an. Man verlor in der ersten Runde in zwei Sätzen gegen die Slowaken Filip Polasek und Igor Zelenay. In Satz 1 retteten sich Ivanisevic und sein Partner immerhin in den Tie-Break.

Morgen beginnt das 500er-Turnier von Rotterdam. Das topgesetzte polnische Doppel Mariusz Fyrstenberg/Marcin Matkowski trifft in der ersten Runde auf die Holländer Jacco Eltingh und Paul Haarhuis, die im Doppel zwischen 1994 und 1998 mehrere Grand-Slam-Titel holten.

Wenn sich Ex-Profis viele Jahre nach Ende ihrer Laufbahn zu einem Auftritt im Doppel bei einem echten ATP-Turnier überreden lassen, dann meistens mit der Begründung, sie wollten das Turnier, das ihnen besonders am Herzen liege, unterstützen. Vor anderthalb Jahren stellte sich Turnierdirektor Michael Stich am Hamburger Rothenbaum selber auf den Platz: Erstrunden-Niederlage an der Seite von Mischa Zverev gegen Simon Aspelin (Schweden) und Paul Hanley (Australien). Patrick Rafter spielte 2005 – vier Jahre nach seinem Karriereende – sogar noch einmal bei den Australian Open mit – auch er schied mit seinem Doppelpartner Joshua Eagle in Runde 1 aus. Im folgenden Jahr in Houston verlor Jim Courier in Runde 1 in Houston (zusammen mit Andre Agassi). Boris Becker spielte 2001 - zwei Jahre nach seinem Rücktritt – zusammen mit dem damals frisch gebackenen Sensationswimbledonsieger Ivanisevic - aus irgendwelchen Gründen ein Doppel in Cincinnati und verlor.

Es gibt bestimmt noch ein paar andere Beispiele, die ich nicht alle kenne. Ernst gemeinte Comebackversuche wie das derzeit laufende von Thomas Muster zähle ich mal nicht mit.

Nie gewinnt irgendeiner dieser Altstars sein Match. Ihre Auftritte sind Freakshows, und es kann einem das Herz bluten, dass die Wild Cards, die für diese PR-Auftritte verballert werden, aufstrebenden jungen Talenten verwehrt bleiben.

Eigentlich. Aber es gibt einen Spieler, der mich versöhnt mit dieser eigenartigen Werbepraxis der Turnierveranstalter: John McEnroe. Mit 47 Jahren spielte er 2006 in San Jose an der Seite von Jonas Björkman. Björkman/McEnroe gewannen nicht nur ihr Erstrundenmatch – sie gewannen das ganze Turnier! Ein halbes Jahr später kamen die beiden in Stockholm ins Viertelfinale. McEnroe stieß mit bloß zwei Turnieren noch einmal auf Platz 238 der Doppel-Weltrangliste vor.

Es ist damals viel gespottet worden, was dieser Erfolg über das Niveau des aktuellen Doppeltennis aussage, eine Disziplin, in der sich, so sagte man, vornehmlich Akteure tummelten, die fürs Einzel zu schlecht seien. (Ich hab mal darüber geschrieben, dass diese These nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Ich mag die Doppelspieler trotzdem.) Aber das ist jetzt nicht mein Thema. Ich hab McEnroes Viertelfinale in Stockholm gesehen. Der Mann hat sich nicht viel bewegt. Die meiste Zeit stand er am Netz rum. Aber von dort hat er – jedenfalls in der ersten Viertelstunde, bis anscheinend seine Kraft und seine Konzentration nachließen, einige der brillantesten Volleys gespielt, die ich je gesehen habe. Dafür hat sich der ganze Klamauk mit den einmaligen Blitzcomebacks ehemaliger Stars allemal gelohnt – und ich kann schreiben, ich wäre dabei gewesen, als John McEnroe sein allerletztes ATP-Match bestritt. (Also, jedenfalls kann ich das schreiben, bis er irgendwann noch mal irgendwo zu einem allerallerletzten Comeback antritt.)

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