Sonntag, 27. März 2011

Andy Murray auf Irrfahrt

Wenn im Juli Großbritannien in der dritten Davis-Cup-Liga gegen Luxemburg antritt, sollte eigentlich nichts schief gehen. Schließlich ist nach einer längeren Kunstpause Andy Murray wieder an Bord. Extra seinetwegen findet die Begegnung in seiner schottischen Heimat statt, in der Braehead Arena bei Glasgow.

Doch wenn man sich anschaut, was Andy Murray seit seinem Australian-Open-Finale, das gerade einmal zwei Monate her ist, zusammengespielt hat, muss man feststellen: Wenn das so weitergeht, hat Luxemburg gute Chancen. Andy Murray (Nr. 5) war in Indian Wells gegen Donald Young (Nr. 143) und in Miami gegen Alex Bogomolov (Nr. 118) völlig chancenlos. Wie will dieser Mann den luxemburgischen Spitzenspieler Gilles Muller (Nr. 110) in die Knie zwingen? Höchstens Luxemburgs Nummer 2, Mike Vermeer (Nr. 1018) könnte Murray vielleicht mit etwas Mühe in Schach halten.

Was ist da los? Noch vor anderthalb Jahren war Andy Murray, damals 22 Jahre, auf Platz 2 der Weltrangliste und der härteste Verfolger des damaligen Weltranglistenersten Roger Federer. Im Januar erreichte er das Endspiel der Australian Open – zum zweiten Mal in Folge. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Großbritannien endlich seinen seit Jahrzehnten ersehnten neuen Wimbledonsieger bekommt. Aber seit Melbourne hat Murray keinen einzigen Satz mehr gewonnen.

Vielleicht schafft Murray das mit dem Wimbledonsieg ja tatsächlich noch irgendwann. Er ist erst 23. Da kann noch viel passieren. Aber es muss auch viel passieren. Im Moment scheint er ernsthaft in der Gefahr zu sein, ein früh verglühender Komet zu werden.

In Großbritannien gibt man sich ostentativ ratlos, was Murrays aktuelle Entwicklung angeht. Manche meinen, Murray habe die glatte Finalniederlage gegen Novak Djokovic im Januar in Melbourne nicht überwunden. Aber dafür gibt es eigentlich keinen Grund. Djokovic spielt derzeit so überragend, da muss sich niemand schämen, gegen ihn unterzugehen.

Manche meinen, Andy Murray sei bei stinknormalen Turnieren nicht mehr richtig motiviert, weil er sich nur noch dafür interessiere, endlich ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Mag ja sein. Aber ein Spieler wie Murray kann in Normalform gar nicht so lustlos sein, dass er mit einem Spieler wie Alex Bogomolov nicht zumindest mithalten kann.

Manche meinen, Andy Murray sei untrainierbar. Ich glaube, die Vergangenheit zeigt, dass das nicht stimmt. Mit dem großartigen Brad Gilbert und auch mit Miles Maclagan (der seit einigen Monaten Philipp Kohlschreiber betreut, ohne dass sich in dessen Spiel irgendeine signifikante Verbesserung oder Verschlechterung feststellen ließe) hat Murray beachtliche Erfolge erreicht. Auch mit Alex Corretja lief es zunächst ganz gut weiter.

Aber jetzt scheint Murray gar keine Lust mehr auf einen Trainer zu haben. Von Corretja hat er sich offiziell getrennt und offiziell den Venezuelaner Daniel Vallverdu als neuen Hauptcoach präsentiert. Vallverdu ist letzte Woche 25 Jahre alt geworden. Als aktiver Spieler war er mal die Nummer 727. Zuletzt verdiente er sich sein Brot als Murrays Hitting-Partner im Training.

Es gibt 30-jährige Spieler, die schon alles gesehen haben auf der Tour und die mit so einem als „Trainer“ zurechtkommen, weil sie sowieso nicht mehr viel lernen müssen. Aber für einen 23-Jährigen wie Murray ist das eine Kapitulation, die sich nur mit fortgeschrittenem Realitätsverlust erklären lässt.

Wahrscheinlich wird Murray nach ein paar weiteren Erstrundenniederlagen auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Aber das wird noch eine Weile dauern. Denn erst einmal kommt die Sandplatz-Saison, für die er sich ohnehin nicht interessieren dürfte. Wenn er dann auf den Rasen des Londoner Queen's Club und von Wimbledon wieder gegen Bogomolov-artige Gestalten verliert, merkt er vielleicht, was los ist. Aber dann ist es nicht mehr lange hin bis zum Davis-Cup-Match gegen Luxemburg. Gute Chancen also für Gilles Muller.

Sonntag, 20. März 2011

Rothenbaum: Werben, ohne zu wetten

Heute habe ich mich mal mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom September vorigen Jahres beschäfigt. Es geht darin um das staatliche deutsche Sportwettenmonopol und damit auch um die Zulässigkeit von Werbung von privaten Wettanbietern auf deutschem Boden.

Anlass ist eine forsch-fröhliche Mitteilung, die der Deutsche Tennis-Bund (DTB) am Freitag rausgehauen hat. Die Überschrift lautet: „Rothenbaum-Turnier wird bet-at-home.com Open heißen“

Diese Meldung lässt aufhorchen. Dem Hamburger Rothenbaumturnier gebricht es seit vielen, vielen Jahren an einem Titelsponsor. Die Turniere in München und Stuttgart heißen längst wie ihre örtlichen Autofabriken, der Düsseldorfer World Team Cup benennt sich neuerdings nach einem Pferde-affinen Energiegetränk.

Wie viel Geld das österreichische Wettbüro hinblättert, dazu schweigt sich der DTB aus. Als Orientierungspunkt hilft vielleicht ein Blick in die Vergangenheit, denn der eine oder andere mag sich erinnern: Da lief schon mal was zwischen Bet-at-home und dem Rothenbaum. Vor zwei Jahren wurde dasselbe Unternehmen schon einmal als Hauptsponsor präsentiert – nach langer Suche und nachdem der damals neu installierte Turnierdirektor Michael Stich trotz seiner angeblich hervorragenden Kontakte in die Hamburger Wirtschaft kein anständiges hanseatisches Unternehmen für diesen Job gewinnen konnte.

Damals war von Anfang an absehbar, dass Behörden und Gerichte den Bet-at-home-Deal einkassieren würde. Sportwettenwerbung war nun einmal verboten, und dieses Verbot war z.B. in der Fußball-Bundesliga auch schon effektiv durchgesetzt worden. Stich und seine Leute taten dann ganz überrascht, als das Verbot tatsächlich auch sie traf und sie plötzlich doch wieder ohne Sponsor dastanden.

Es ist nicht so, dass man beim DTB diese Vorgeschichte unter den Teppich kehren würde. In der Mitteilung vom Freitag wird Michael Stich mit folgenden Worten zitiert: „Nachdem der Europäische Gerichtshof im September vergangenen Jahres entschieden hat, dass das deutsche Glücksspielmonopol gegen europäisches Recht verstößt, ist die Situation heute eine andere.“

Das ist fein formuliert. Die Situation ist „eine andere“. Das ist wohlgemerkt nicht gleichbedeutend mit „Es wird garantiert keine Probleme geben, denn die Situation ist jetzt klar“. Das nämlich ist sie keineswegs. Es kann durchaus sein, dass der Titelsponsorenvertrag dem DTB erneut um die Ohren fliegt. Wer weiß, vielleicht spekuliert man bei Bet-at-home sogar darauf, denn das würde gewiss für mehr Aufmerksamkeit sorgen, als wenn einfach überall im Stadion Sportwetten-Plakate rumhängen. So hat es ja vor zwei Jahren auch schon funktioniert.

Nach ein bisschen juristischer Beratung und ein bisschen Netzrecherche stellt sich mir die Rechtslage folgendermaßen dar: Der Europäische Gerichtshof hat das deutsche Glücksspielmonopol gekippt und verlangt, dass neben dem staatlichen Anbieter Oddset auch andere Sportwettenanbieter auf dem deutschen Markt aktiv sein dürfen (was sie vom Ausland aus über das Internet ja sowieso sind, und zwar sehr erfolgreich). Die deutsche Regelung verstößt aus Sicht des EuGH gegen die Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit. Um Werbung ging es dabei zunächst einmal gar nicht. Bisher gilt grob gesagt: Weil die Wetten selbst verboten sind, darf man für sie auch nicht werben.

Der Glückspiel-Staatsvertrag zwischen den Bundesländern, den der EuGH beanstandet hat, gilt im Prinzip weiterhin. Die Ministerpräsidenten verhandeln derzeit über einen neuen Vertrag, der aber erst im nächsten Jahr in Kraft treten soll. Was das EuGH-Urteil bis dahin für Sportwettenwerbung bedeutet, müssen deutsche Gerichte entscheiden. Viele Behörden sind der Auffassung, Sportwettenwerbung sei noch immer unzulässig. Erst vor ein paar Wochen hat die Stadt Kiel dem Europäischen Handballverband ein Bußgeldbescheid über 250.000 Euro zukommen lassen, weil bei zwei Champions-League-Spielen des THW Kiel für Onlinewetten geworben wurde. Als der mir bis dato unbekannte Wettanbieter „Tipico“ kurz nach dem EuGH-Urteil Bandenwerbung beim Europaleague-Spiel von Bayer Leverkusen gegen Aris Saloniki schaltete, bekam Bayer vom zuständigen Regierungspräsidium einen „Anhörungsbogen“ - allerdings unter Vorbehalt. Im Regierungspräsidium will man abwarten, wie sich die Rechtssprechung entwickelt.

Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die deutschen Gerichte angesichts des EuGH-Urteils so urteilen, wie sich der DTB das wünscht. Es könnte aber trotzdem noch kompliziert werden für den DTB, für Michael Stich und für bet-at-home. Denn man darf auch noch eine ganz andere Frage stellen: Wie findet die ATP den neuen Sponsor eigentlich? Es gibt im Regelwerk der Weltorganisation strenge Richtlinien gegen Wettbetrug. Auf Seite 132 des ATP-Regelbuches heißt es: „No ATP World Tour or ATP Challenger Tour tournament shall, directly or indirectly, solicit or facilitate any person to wager on tennis matches while at the tournament site. Allowing betting companies, directly or through a third party, to accept any tennis wagers (electronically or otherwise) at the tournament site or any tournament related event is prohibited.“

Ich wollte gerade schreiben: „Ein glasklares Werbeverbot ist diese Regelung zwar nicht...“, aber jetzt denke ich: Es ist ein glasklares Werbeverbot. Wenn auf dem Rothenbaum-Gelände überall für Bet-at-home geworben wird (und das wird sich kaum vermeiden lassen, wenn das Turnier „Bet-at-home.com Open“ heißt), verstehe ich als Besucher dies als mindestens indirekte Aufforderung, mein Handy zu zücken, auf die einschlägige Internetseite zu gehen und dort Wetten auf das Spiel, das ich gerade verfolge, zu platzieren. Das ließe sich wohl nur vermeiden, wenn Bet-at-home das Rothenbaum-Turnier komplett aus seinem Angebot nimmt. Aber das werden sie wohl kaum wollen.

Und dann erinnere ich mich grad noch an das hier: Dem österreichischen Enfant Terrible Daniel Köllerer drückten ATP und ITF im letzten Jahr eine Strafe auf, weil er auf seiner Internetseite für – ausgerechnet - Bet-at-home geworben hatte.

Sonntag, 13. März 2011

Cedrik-Marcel Stebe: Aus dem wird was

Cedrik-Marcel Stebe hat heute ein Tennisspiel verloren. Das ist bemerkenswert, denn das ist ihm im ganzen Jahr 2011 noch nicht passiert. Die 17 Spieler, die er in den vergangenen Wochen bezwungen hat, hießen zwar nicht Federer, Nadal und Djokovic, sondern Brydolf, Kiziltuna, Udomchoke, Soeda usw. Bemerkenswert ist diese Beständigkeit trotzdem. Mir scheint – und mit dieser Prognose wage ich mal einen Fernschuss auf das 50 Meter entfernte Tor – Cedrik-Marcel Stebe wird am Ende des Jahres zu den besten 100 Spielern der Welt gehören. In dieser Woche steht der 20-jährige Schwabe noch auf Platz 335. Nächste Woche wird es schon ungefähr Platz 250 sein.

Schauen wir uns den Jungen mal näher an. In meinem Blog fand er zuletzt vor zweieinhalb Jahren Erwähnung, als er zusammen mit Niki Moser aus Österreich das Junioren-Doppel bei den US Open gewann und wenig später vom Deutschen Tennis-Bund ob dieser Leistung mit dem „Deutschen Tennis Preis“ ausgezeichnet wurde.

Seine Karriere bei den Erwachsenen begann dann zwar nicht direkt schleppend, aber auch nicht so furios, dass man sonderlich viel von ihm gehört hätte. Dabei hat er auf kleineren Turnieren mehrmals Spieler geschlagen, die kurz darauf den Durchbruch auf der ATP-Tour schafften: Rikardas Berankis (Litauen/heute Nr. 74), Michal Przysiezny (Polen/später Nr. 76), Blaz Kavcic (Slowenien/heute Nr. 81). Aber Stebe selbst blieb bisher weitgehend auf den drittklassigen Future-Turnieren hängen. Das hatte auch damit zu tun, dass er Anfang des vorigen Jahres erst lange krank war, sich dann am Rücken verletzte und im Herbst noch mal wieder krank war.

Im Februar dann startete er mit frischer Kraft durch. Er spielte zwei Future-Turniere in der Türkei und gewann beide. Darauf vorbereitet hat er sich mit einem neuen Trainer, dessen Name vielen noch gut in Erinnerung sein dürfte und der seine eigene aktive Karriere bisher offiziell nicht beendet hat: Alexander Waske (der jetzt übrigens auch Michael Berrer betreut).

Viele der hoffnungsvollen deutschen Talente habe ich bei der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum spielen sehen. Stebe ist dort aber bisher nie aufgetaucht. Zur Beurteilung seiner Spielweise muss ich mich deshalb Youtube-Videos stützen, die sein Vater online gestellt hat. Zum Beispiel dieses (gegen Arnaud Clement in Heilbronn) und dieses (gegen Alexander Peya in München). Stebe ist der linkshändige Blondschopf.

Der Sandplatz in München scheint seinem Spiel eher entgegenzukommen als der Hallen-Hartplatz in Heilbronn. Er rückt in Heilbronn zwar immer wieder ans Netz vor, aber das führt meistens zu nichts Gutem. Ich habe lange gucken müssen, bis ich mal einen Slice entdeckt habe, aber immerhin probiert er überhaupt mal einen aus. Die Rückhand scheint bei ihm hauptsächlich dazu da zu sein, den Ball irgendwie im Spiel zu halten. Aber als Linkshänder hat er ja sowieso da, wo andere ihre Rückhand haben, die Vorhand, und die sieht sehr okay aus. Stebe war eine Zeitlang auf einer Tennisakademie in Italien, und danach sieht sein Spiel auch aus: Kraftvolles Grundlinien-Sandplatztennis.

Spielszenen aus diesem Jahr habe ich leider nicht gesehen. Aber wenn er mit Alexander Waske gearbeitet hat, wird er gewiss offensiver geworden sein. Schließlich ist Waske ein Spezialist für schnelle Hallenteppiche. Und damit sind wir in der aktuellen Woche angekommen: Stebe hat in Japan gespielt und kam als Qualifikant beim Challenger in Kyoto ins Endspiel auf einem Belag, den sein Finalgegner Dominik Meffert als Kunstrasen bezeichnete.

Meffert, ein Kölner, den ich guten Gewissens als Rasen-Fachmann bezeichnen möchte (letztes Jahr in Halle/Westfalen schlug er Juan Carlos Ferrero), gewann 4:6, 6:4, 6:2 und sagte hinterher: „Es war ein hart umkämpftes Match, indem ich nur im dritten Satz leichte Vorteile hatte.“

In der neuen Woche geht es für Stebe und Meffert in Guangzhou
(China) weiter. Meffert führt übrigens auf seiner Internet-Seite einen stets sehr lebendigen Blog, in dem er auch berichtet, wie es ihm in dieser Woche in Japan ergangen ist: „Obwohl wir hier recht weit weg sind, und somit momentan nichts befürchten müssen, so bleibt doch eine Restgefahr bestehen. Ich kann nur hoffen, dass die Platten tief unter uns jetzt still halten und es nicht zu einem weiteren Erdbeben kommt, und dass der Nordostwind weiter bläst! Die Japaner um uns rum stört das alles übrigens recht wenig. Während wir Europär permanent am Internet sitzen, um uns zu informieren, sind die Einheimischen die Ruhe in Person.“

Hier die Ergebnisse aus Kyoto (PDF)

Und hier das ATP-Profil von Cedrik-Marcel Stebe

(Falls sich bei den Youtube-Videos, die Stebes Vater online gestellt hat, jemand gefragt haben sollte, ob es sich dabei um Charly handelt: Dem ist selbstredend nicht so. Bei Carl-Uwe Steebs Nachnamen sind die beiden letzten Buchstaben in einer anderen Reihenfolge.)

Sonntag, 6. März 2011

Live aus Zagreb

Heute also der versprochene Vor-Ort-Bericht vom Davis-Cup zwischen Kroatien und Deutschland. Ich bin noch in Zagreb und tippe diesen Text gerade in eine winzige Tastatur. Verzeiht mir also mögliche Schreibfehler. Links und das eine oder andere Bild reiche ich am Dienstag zu Hause nach. Dann überprüfe ich auch, ob es stimmt, was ich gehört habe, nämlich dass das 3:2 gegen Kroatien der erste deutsche Auswärtssieg in der Davis-Cup-Weltgruppe seit 1996 in der Schweiz war. Spontan fällt mir jedenfalls kein Gegenbeweis ein.

Mit den Spielen selbst möchte ich mich nicht über Gebühr aufhalten. Die waren im Fernsehen zu verfolgen, und die ganzen Mainstream-Medien haben längst über sie berichtet. Nur so viel: Der Hartplatz, den die Kroaten für ihre Aufschlagmonster verlegt hatten, war einer der schnellsten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Am Freitag schien mir Ivan Dodig (Nr. 57) davon noch stärker zu profitieren als Marin Cilic (Nr. 20), obwohl Dodig ja verloren und Cilic gewonnen hat. Cilics Aufschläge gegen Florian Mayer (Nr. 36) fand ich gar nicht so überragend. Dafür hat Cilic es grandios verstanden, den Ball aus dem Spiel heraus zu beschleunigen und damit Mayers gefährliche Waffe, nämlich die dezente Spielverschleppung, entschärft. Dodig hat gegen Philipp Kohlschreiber (Nr. 35) überwiegend vom Aufschlag gelebt. Kohli gewann schließlich den fünften Satz, weil Dodigs Kräfte nachließen und damit auch die Präzision beim Aufschlag. Am Sonnabend lief es so ähnlich, als Dodig mit Ivo Karlovic das Doppel gegen Christopher Kas (Nr. 52 im Doppel/Nr. 1005 im Einzel) und Philipp Petzschner (Nr. 13 im Doppel/Nr. 65 im Einzel) verlor.

Über das erste Sonntagsspiel gibt es nicht viel zu sagen. Marin Cilic war in allen Belangen besser als Philipp Kohlschreiber. Ich bin nicht böse drum, denn so stand es 2:2, und es kam zum Showdown zwischen Ivo Karlovic und Philipp Petzschner. Planmäßig hätte das letzte Einzel ja lauten müssen: Ivan Dodig gegen Florian Mayer. Dass der müde Dodig nicht spielen würde, war schon am Sonntagmorgen klar, als sich Karlovic, der nach langer Verletzungspause auf Platz 239 im Ranking zurückgefallen ist, sehr gewissenhaft in der Halle einspielte. Da hat Kapitän Patrik Kühnen gut reagiert, als er Mayer gegen Philipp Petzschner austauschte. Tennis spielen gegen Ivo Karlovic ist eine Sportart, die sich von normalem Tennis signifikant unterscheidet. Es kommt im Wesentlichen darauf an, die Aufschläge von Karlovic (2,08 Meter) irgendwie ins Feld zurückzuspielen. Petzsche hatte am Sonnabend im Doppel bewiesen, dass er diese Sportart exzellent beherrscht. Außerdem war die Erfahrung vom Vortag noch so frisch, dass er im Einzel keine Eingewöhnungsphase brauchte. Er begann sofort mit einem Break. Von da an war Karlovics Zahn gezogen, auch wenn noch zwei spannende Tie-Breaks folgten. Das Publikum übrigens jubelte keinem anderen Kroaten so frenetisch zu wie Karlovic. Er scheint für die Kroaten im doppelten Sinne der größte Tennisheld zu sein.

Und damit zum Ambiente. Gespielt wurde im "Dom Sportova". Die Sportkathedrale der Hauptstadt einer so sportverrückten Nation wie Kroatien hatte ich mir glanzvoller vorgestellt. Es ist ein Wellblechkasten im Gewerbegebiet. Von der nächsten Straßenbahnhaltestelle erreicht man ihn, indem man eine viergleisige Bahntrasse überquert. Es gibt dazu einen Bahnübergang, dessen Schranken immer geschlossen zu sein scheinen. Jungvolk wie ältere Damen krabbeln einfach unter der Schranke hindurch und gehen zügigen Schrittes über die Gleise. Dass ein Zug kam, habe ich nicht erlebt. Der Bahnhof nebenan scheint aber durchaus in Betrieb zu sein.

In der Halle - deren Größe einem abstiegsbedrohten Handball-Bundesligisten angemessen sein dürfte und in der auch das Zagreber ATP-Turnier Anfang Februar ausgespielt wird - versuchte niemand, künstlichen Glamour zu erzeugen. Keine Lasershow zum Einmarsch der Gladiatoren, keine Werbe-Sperenzchen. Überhaupt war die Ausstattung karg. Obwohl am Freitag nicht einmal die Hälfte der Plätze besetzt war, waren die Sandwiches so schnell ausverkauft, dass ich keines mehr abbekam. Es gab nur noch Popcorn, sonst nichts. Eine Kartenkontrolle, die ihren Namen verdient, konnte ich nicht feststellen. Wäre ich zügigen Schrittes, so wie ich zuvor die Bahngleise überquert hatte, einfach in den Dom Sportova marschiert, niemand hätte mich aufgehalten. Platzmummern gab es sowieso nicht.

Die einzige Sonderausstattung war das aufblasbare Lärmgerät auf jedem Platz. Von diesen grünen Klapperstangen haben die Zuschauer reichlich Gebrauch gemacht. Über die Geräte ließe sich gewiss herrlich eine Verbotsdiskussion führen wie über Vuvuzelas in Fußballstadien. Mir gefällt dieses Klappern aber deutlich besser als das in Deutschland seit Boris übliche rhythmische Klatschen mit abgespreiztem kleinen Finger.

Überhaupt machen die Zagreber auf mich einen sehr bodenständigen Eindruck. Sie erliegen nicht der Versuchung, Weltmetropole zu spielen, bloß weil ihre Stadt die Hauptstadt eines souveränen Staates ist. Anders als in anderen Hauptstädten verkehren hier kaum protzige Limousinen. Der einzige BMW X5, den ich sah, hatte ein bosnisches Nummernschild.


Edit:
Hier jetzt die versprochenen Fotos aus Zagreb.

Der Dom Sportova von außen.



Der Dom Sportova von innen.


Das siegreiche deutsche Team: Christopher Kas, Philipp Petzschner
Florian Mayer, Philipp Kohlschreiber, Kapitän Patrik Kühnen (von links nach rechts).


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