Sonntag, 29. Mai 2011

Der legendäre Alexander Waske ist zurück

Tatsächlich ist es gar nicht so lange her, dass Alexander Waske auf der ATP-Tour gespielt hat. Genau zwei Jahre. 2009 erreichte er im Doppel an der Seite von Michael Kohlmann das Achtelfinale der French Open. Aber das war nur ein kurzes Gastspiel. Seine Karriere als Vollzeitprofi ist seit fast vier Jahren vorbei, seit er sich mit kaputtem Ellenbogen und unfassbarer Willenskraft durch das Davis-Cup-Halbfinal-Doppel gegen Russland quälte. Waske und Philipp Petzschner gewannen das Doppel irgendwie. Seitdem ist Alexander Waskes Ellenbogen nicht mehr das geworden, was er mal war.

Wie lange das her ist, mag man ermessen, wenn man daran denkt, welche Erklärung in Deutschland damals dafür kursierte, dass das Davis-Cup-Halbfinale am Ende trotz des Erfolgs im Doppel verloren ging. Erinnert sich noch jemand an den Gift-Haartest von Tommy Haas? Tommy Haas, damals fast ein Top-Ten-Spieler, fühlte sich hundeelend damals in Moskau. Sein erstes Einzel verlor er deshalb haushoch. Zum zweiten Einzel konnte er gar nicht mehr antreten, und Philipp Petzschner, der damals im Einzel noch weit weg war von der erweiterten Weltspitze und eigentlich nur als Doppelspieler zum Team gehörte, vertrat ihn erfolglos.

Es war Alexander Waske, der später sagte, ein russischer Sportmanager habe angedeutet, es gebe Gerüchte, Tommy Haas sei vor der Partie vergiftet worden. Weil man sich sehr gut vorstellen kann, dass dubiose Funktionäre oder Wettpaten in Moskau genau sowas machen, wurde die Sache in Deutschland ziemlich ernst genommen und Haas ließ Wochen später Blut und Haare auf verdächtige Spuren untersuchen. Soweit ich weiß, hat man später nie wieder was von der Sache gehört.

Das Ganze ist so lange her, damals gab es diesen Blog noch nicht einmal, weshalb ich mich nun zu einem etwas ausführlicheren Exkurs habe hinreißen lassen, um das Thema nachzuholen.

Also zurück zu Waskes Schulter. 2008 konnte er mit diesem Ellenbogen drei Turniere bestreiten, 2009 zwei Turniere, 2010 gar kein Turnier mehr. Danach rechnete er wohl selbst nicht mehr damit, noch einmal als Spieler auf die Profitour zurückzukehren. Als er sich in Moskau verletzte, war er 32 Jahre alt. Jetzt ist er 36. Als ich das letzte Mal in einem Artikel Alexander Waske erwähnte, geschah dass, weil er Trainer von Cedrik-Marcel Stebe ist. Er ist auch Trainer von Michael Berrer, der in dieser Woche für Aufsehen sorgte, weil er der einzige Deutsche war, der in Roland Garros bis in Runde 3 vorstieß.

Jedenfalls war Berrer der einzige Deutsche, der im Herren-Einzel in Runde 3 vorstieß. Im Doppel gelang dies auch Dustin Brown und Michael Kohlmann (gemeinsam) sowie Christopher Kas (zusammen mit Alexander Peya aus Österreich). In die zweite Runde des Herren-Doppel stieß das Duo Rainer Schüttler/Alexander Waske vor. Auch wenn gegen die soliden US-Amerikaner Scott Lipsky und Rajeev Ram dann Schluss war, darf man von einem gelungenen Waske-Comeback sprechen, zumal Alexander Waske schon in der Vorwoche bei einem Challenger in Italien zusammen mit Michael Kohlmann in die zweite Runde gekommen war.

Ich bin gespannt, ob es für Waske diesmal zu mehr als drei oder vier Turnierteilnahmen reicht. Für einen Sportler ist es viel Wert, die Karriere nicht mit einer Verletzung zu beenden, sondern aus freien Stücken und mit einem guten Gefühl. Das ist wohl auch der Grund, warum Tommy Haas in diesen Tagen sein Comeback gestartet hat.

Was Waske nach seinem Erstrundensieg in Paris gegenüber der FAZ sagte, klingt nicht nach einer auf Dauer angelegten Rückkehr als Vollzeitprofi: „Mein Aufschlag ist nicht mehr derselbe wie früher, ich muss meine Kraft einteilen und so wenig aufschlagen wie möglich. Zwei Tage nach dem vorletzten Match hatte ich 15 Prozent weniger Power im Arm.“

Zudem ist er eigentlich längst Vollzeit-Trainer und Trainingscamp-Manager. Waske war früher schon jemand, der genau wusste, wie man mit manchmal auch gezielt provokanten Äußerungen Aufmerksamkeit in den Medien erzielt und der über wirtschaftliche Zusammenhänge nachdachte. Auch wenn er seine Karriere als Spieler wohl in ein paar Monaten offizielle beenden wird – im deutschen Profitennis werden wir ihn garantiert noch an verschiedenen Fronten sehen. Als Trainer, als Turnierdirektor und vielleicht auch mal als Davis-Cup-Kapitän.

Sonntag, 22. Mai 2011

Live vom World Team Cup in Düssedorf

Das Wichtigste vorweg: Power Horse schmeckt auch nicht anders als Red Bull. Vielleicht ein bisschen weniger süß, aber da bin ich mir nicht sicher. Red Bull habe ich schon lange nicht mehr getrunken.

Wie angekündigt, gibt es heute einen Vor-Ort-Bericht vom „Power Horse World Team Cup“ im Düsseldorfer Rochusclub. Zur Erinnerung hier mein Ausblick von vor einer Woche.

Ich war am Dienstag auf der Anlage und habe auf dem Center Court 1 drei Matches gesehen: Florian Mayer (Deutschland) schlug Marcel Granollers (Spanien), Mardy Fish (USA) schlug Andrei Golubew (Kasachstan), Viktor Troicki (Serbien) schlug Michail Juschni (Russland).

Das Match von Florian Mayer (4:6, 6:4, 6:2) war gut, wie wir es von Flo im Moment gewohnt sind, aber zählte gewiss nicht zu den besten Matches, die er in diesem Jahr abgeliefert hat. Gelegentlich wirkte er etwas lethargisch, im fehlte der letzte Biss. Seine gefürchteten Stopps waren nicht immer effektiv, weil Granollers einfach zu flink auf den Beinen war. Es reichte auch so zum Sieg.

Das Spiel von Mardy Fish war bis zum 5:4 im ersten Satz stinklangweilig. Keiner der Spieler schien groß drüber nachzudenken, was sie da eigentlich spielten. Sie schoben einfach die Bälle übers Netz. Dann gab Fish einmal kurz Gas und schaffte das Break zum Satzgewinn. Aber auch das machte mich nicht wirklich wach. So verließ ich meinen Klappstuhl am Center Court und kaufte mir eine Dose des Energiegetränks, dessen Namen das Turnier in diesem Jahr in seinem Titel trägt. Danach wurde ich tatsächlich munterer. Aber das lag wahrscheinlich eher daran, dass ich nicht mehr bei Fish und Golubew zugucken musste als an den Zutaten des Getränks.

Nun sah ich mir die Anlage etwas genauer an. Die Bäume, die über den Center Court ragen, fand ich im Fernsehen immer sehr malerisch. Wenn man vor ihnen steht, relativiert sich das etwas. Der Platz drumherum ist recht eng. Eine richtige Park-Atmosphäre kommt da nicht auf. Die Anlage hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der in München. In München sind die Bäume nicht so hoch, dafür ist das Gelände weitläufiger, was mir besser gefällt.

Sehr gewöhnungsbedürftig fand ich die Konstruktion mit zwei Center Courts, einem großen und einem etwas kleineren. Die Zuschauer haben Eintrittskarten entweder für Court 1 oder für Court 2. Bei anderen Turnieren gibt es Platzkarten für den Center Court, und jeder, der eine Eintrittskarte für das Turnier hat, kann bei freier Platzwahl über die Nebenplätze stromern. Nicht so in Düsseldorf, und das hat natürlich auch mit dem besonderen Turnierformat zu tun – mit einer überschaubaren Zahl von Matches auch an den ersten Tagen.

Das Format des World Team Cups ist eigentlich ganz übersichtlich: Acht Nationalmannschaften treten an. In zwei Vorrundengruppen spielt Jeder gegen Jeden, und zwar in der Form, dass der beste Spieler von Land A gegen den besten Spieler von Land B antritt und der zweitbeste Spieler von Land A gegen den zweitbesten Spieler von Land B. Zum Schluss gibt es ein Doppel von Land A gegen Land B. Hinterher hat eines der beiden Länder also mit 2:1 oder 3:0 gewonnen.

Als ich aber auf dem Center Court war, fand ich dieses Format ausgesprochen unübersichtlich. Ich habe drei Matches gesehen, und schön übersichtlich wäre es gewesen, wenn alle drei Matches zur selben Länderbegegnung gehört hätten, wenn ich also nach Florian Mayers Sieg gegen Marcel Granollers das zweite Einzel der Begegnung zwischen Deutschland und Spanien zu Gesicht bekommen hätte und dann das Doppel. Dann hätte ich am Ende des Tages gewusst, wer gewonnen und wer verloren hat. Bis vor ein paar Jahren lief der World Team Cup auch genau so ab. Das Problem dabei war: Deutschland spielte nur an jedem zweiten Tag. Aber ein deutscher Turnierveranstalter muss natürlich seinem deutschen Publikum an jedem Tag deutsche Spieler servieren. Um den Kartenverkauf anzukurbeln, ist das vermutlich sinnvoll, deshalb liegt es mir fern, den Veranstaltern daraus einen Vorwurf zu machen. Aber das Ergebnis ist ein fürchterliches Durcheinander auf dem Spielplan. Am Dienstag fing auf Court 2 das zweite Einzel der Begegnung USA-Kasachstan (Sam Querrey gegen Michail Kukuschkin) schon an, bevor auf Court 1 das erste Einzel (also Fish-Golubev) vorbei war. Zu den besonderen Show-Elementen des World Team Cups gehört ja eigentlich ebenso wie im Davis-Cup, dass der Teamkapitän am Spielfeldrand sitzt und beim Seitenwechsel beschwörend auf seinen Schützling einredet, wähend der einfach nur einen Schluck Wasser trinken will. Aber wie soll der Teamkapitän diese Show ordnungsgemäß abliefern, wenn zwei seiner Schützlinge parallel auf verschiedenen Plätzen antreten müssen? Außerdem, und das fand ich auch schade, habe ich am Dienstag kein einziges Doppel zu Gesicht bekommen, weil einfach den ganzen Tag lang keines auf dem Spielplan stand.

Trotz allen Genörgels: Es war ein netter Tag in Düsseldorf, die Reise hat sich gelohnt – und am Ende der Woche hat Deutschland das Turnier gewonnen, was ja auch nicht alle Tage geschieht.

Hier die Ergebnisse vom World Team Cup (PDF)

Zum Abschluss eine Ankündigung in eigener Sache: Ich werde im Laufe der kommenden Woche mal ein paar Videos aus Paris ins Netz stellen. Es sind Spielerinterviews der „Road to Roland Garros“ - geführt im Auto auf dem Weg zum Match. Gesponsert wird die Sache vom Hersteller ebendieses Autos. Viele kennen das gewiss schon aus den Vorjahren aus dem Fernsehen oder anderen Orten im Netz. Die in Deutschland für die Vermarktung dieser Interviews zuständige Agentur fragte, ob ich ein paar der aktuellen Interviews auf Zackstennis veröffentlichen möchte. an die Ich dachte mir: Warum eigentlich nicht. Es verspricht, interessant und unterhaltsam zu werden. (Natürlich kann man sich das alles auch direkt auf roadtorolandgarros.com angucken.)

Hier das Best-Of dieser Interviews aus dem vergangenen Jahr

Sonntag, 15. Mai 2011

Wer wird denn nun Weltmeister?

Ich muss zugeben: Dafür, dass ich den World Team Cup irrelevant finde, beschäftige ich mich in diesem Blog ziemlich oft mit ihm. Dies ist innerhalb von drei Jahren mein siebter Artikel über ihn, und am nächsten Sonntag folgt der achte. In meinem sechsten Artikel, das war im Januar, hatte ich geschrieben, ich würde mir die Veranstaltung in diesem Jahr mal angucken. Daran halte ich mich. Im Laufe der Woche fahre ich für einen Tag nach Düsseldorf. Nächstes Mal gibt es hier also wieder einmal einen Vor-Ort-Bericht.

Nehmen wir die so genannte ATP-Mannschaftsweltmeisterschaft also einfach mal ernst und versuchen zu tippen, wer Weltmeister wird. (Die echten Weltmeister freilich, die sich heute im Masters-Endspiel von Rom gegenüberstanden, halten sich von Düsseldorf fern.)

Folgende acht Team machen mit:
In der „blauen Gruppe“ Deutschland, Serbien, Russland und Spanien.
In der „roten Gruppe“ Argentinien, Schweden, USA und Kasachstan.


In der blauen Gruppe spielen die folgenden Spieler mit:

Deutschland: Florian Mayer (Nr. 28), Philipp Kohlschreiber (Nr. 45), Philipp Petzschner (Nr. 76), Christopher Kas (Nr.47 im Doppel)
Serbien: Viktor Troicki (Nr. 15), Janko Tipsarevic (Nr. 33), Nenad Zimonjic (Nr. 4 im Doppel)
Russland: Michail Juschni (Nr. 13), Dimitri Tursunov (Nr. 75), Igor Andrejew (Nr. 100) und Sparringspartner namens Viktor Baluda (Nr. 640)
Spanien: Marcel Granollers (Nr. 47), Daniel Gimeno-Traver (Nr. 52), Marc Lopez (Nr. 24 im Doppel)

In der roten Gruppe sind dabei:
Argentinien: Juan Monaco (Nr. 37), Juan Ignacio Chela (Nr. 42), Maximo Gonzalez (Nr. 83)
Schweden: Robin Söderling (Nr. 5), Christian Lindell (Nr. 326), Robert Lindstedt (Nr. 22 im Doppel), Simon Aspelin (Nr. 66 im Doppel)
USA: Mardy Fish (Nr. 11), Sam Querrey (Nr. 25), John Isner (Nr. 35), James Blake (Nr. 103)
Kasachstan: Andrei Golubew (Nr. 43), Michail Kukuschkin (Nr. 63), Denis Jewsejew (Nr. 1207)

Die ersten Spiele haben heute schon stattgefunden, wir haben also schon eine ungefähre Ahnung, wohin die Reise gehen könnte.

In der blauen Gruppe ist Deutschland ist gegen Serbien mit 1:0 in Führung gegangen, weil Philipp Kohlschreiber (Nr. 45) einen guten Tag hatte und Janko Tipsarevic (Nr. 33) mit 6:4 und 7:6 geschlagen hat. Russland führt gegen Spanien uneinholbar mit 2:0, was damit zusammenhängt, dass die acht bestplatzierten Spanier allesamt auf einen Start in Düsseldorf verzichtet haben, währen der derzeit stärkste Russe Michail Juschni einer der ganz wenigen echten Weltklasseleute bei dieser Weltmeisterschaft ist. Mit Marcel Granollers, Daniel Gimeno-Traver und Doppelspezialist Marc Lopez sind die Spanier in dieser Gruppe der klare Außenseiter. Russland, Deutschland und Serbien sind ziemlich gleichwertig, wobei die Russen den Nachteil haben, traditionell im Doppel schlecht zu sein. Zwischen Florian Mayer und Viktor Troicki könnte es morgen schon eine Vorentscheidung geben. Flo ist im Moment bärenstark, und vorletzte Woche in Madrid hat er gegen Troicki gewonnen, aber wegen seiner bekannten Unbeständigkeit glaube ich, dass diesmal Troicki mit einem Sieg an der Reihe ist. Im Doppel halte ich die Serben mit Zimonjic auch für favorisiert, also dürfte Serbien den aktuellen 0:1-Rückstand noch drehen – und dann mit weiteren Siegen gegen Russland und Spanien ins Endspiel einziehen.

In der roten Gruppe hat Argentinien heute Kasachstan mit 3:0 geschlagen. Damit ist klar: Im Gegensatz zu Aserbaidschan wird Kasachstan Düsseldorf nicht als strahlender Sieger verlassen. (Wer wissen will, wieso es überhaupt kasachische Tennisprofis gibt, klickt hier.) Die Schweden können wir auch schon gleich aussortieren. Die haben zwar mit Robin Söderling den besten Einzelspieler des gesamten Turniers, aber mit einem Mann allein gewinnt man keine Mannschafts-WM. Der zweite Einzelspieler Christian Lindell (selbst den mussten die Schweden aus Brasilien holen, wo er aufgewachsen ist), wird nichts gewinnen. Die beiden Doppelspezialisten sind zwar ganz okay, aber auch keine überragenden Leute, auf deren Siege man sich verlassen könnte. Es wird sich also zwischen Argentinien und den USA entscheiden. Die Argentinier sind die besseren Sandplatzspieler, aber die Amis sind die insgesamt besseren Spieler. Hier hängt einiges davon, welche US-Spieler überhaupt antreten werden. Morgen spielen John Isner und Sam Querrey die Einzel gegen Schweden. Möglicherweise heißt das, dass Fish und Blake dann Doppel spielen und nicht das im Moment überragende Duo Isner/Querrey. Alle vier werden unter der Prämisse nach Düsseldorf gefahren sein, für die French Open Spielpraxis auf Sand zu sammeln. Wenn am Ende sogar irgendwann Blake im Einzel antritt, wird es eng. Ich glaube, die Argentinier werden WTC etwas ernster nehmen als die US-Amerikaner. Also Finaleinzug für Argentinien.

Im auf diese Weise hergeleiteten Endspiel zwischen Serbien und Argentinien siegt dann Argentinien mit 2:1, weil deren Einzelspieler im Moment etwas besser in Form sind.

Hier die offizielle Webseite des World Team Cup


Ach ja: Bei aller Häme über die Pseudo-WM: Das Teilnehmerfeld ist in diesem Jahr gar nicht so übel. Mit Söderling, Fish, Juschni und Troicki sind vier Top-20-Spieler dabei. Und wenn wir einfach mal ganz forsch Florian Mayer mitzählen, der ab morgen immerhin die Nummer 21 ist, sind es sogar fünf.

Sonntag, 8. Mai 2011

Die Ära Djokovic beginnt bald auch offiziell

Novak Djokovic hat schon wieder gewonnen. So wie immer seit Jahresbeginn. Sieben Matches gewann er bei den Australian Open, fünf in Dubai, jeweils sechs in Indian Wells und Miami, fünf in Belgrad und in dieser Woche nochmals fünf in Madrid. Macht 32 Siege bei null Niederlagen im Jahr 2011. Zwei dieser Siege feierte er gegen Roger Federer, drei gegen Rafael Nadal – heute im Endspiel von Madrid ganz locker mit 7:5, 6:4. Die Frage, wer der beste Tennisspieler der Welt ist, erübrigt sich da eigentlich.

Nur die Weltrangliste ist weiterhin anderer Meinung. Auch in der neuen Rangliste, die morgen erscheint, wird Rafael Nadal mit einem scheinbar bequemen Vorsprung an der Spitze stehen. Nadal hat dann 12470 Punkte, Djokovic hat 10665. Das liegt an den Ergebnissen von 2010, denn alle Weltranglistenpunkte bleiben ja ein ganzes Jahr in der Wertung. Nadal hat alle 2010 drei Grand-Slam-Turniere gewonnen, die noch in die aktuelle Wertung einfließen, was ihm jeweils 2000 Punkte bringt. Djokovic kann – was die Ergebnisse aus 2010 betrifft - nur ein für seine diesjährigen Verhältnisse ausgesprochen bescheidenes Viertelfinale in Roland Garros, ein Halbfinale in Wimbledon und ein Finale bei den US Open entgegensetzen.

Das bedeutet aber auch: Rafael Nadal muss in den kommenden Wochen enorm viele Punkte verteidigen. Im Fußball redet man gegen Ende einer Saison ja viel davon, ob eine Mannschaft noch „aus eigener Kraft“ Meister werden oder dem Abstieg entrinnen kann. Das Konzept lässt sich auch aufs Tennis übertragen: Rafael Nadal kann seinen Platz 1 nicht mehr aus eigener Kraft über Wimbledon hinaus retten. Selbst wenn er ab sofort alles gewönne, wäre er darauf angewiesen, dass Djokovic irgendwo frühzeitig ausscheidet, wonach es im Moment nicht aussieht. Wenn beim Masters in Rom in der kommenden Woche, dann bei den French Open und dann im Londoner Queen's Club und in Wimbledon das Endspiele jeweils Nadal gegen Djokovic heißt und Nadal jedes Mal gewinnt, ist hinterher trotzdem Djokovic die neue Nummer 1.

Die Rechnung geht so: Nadal muss drei Turniersiege verteidigen: 1000 Punkte in Rom, dann 2000 Punkte in Roland Garros und 2000 in Wimbledon. Nur im Queen's Club kann er marginal Boden gutmachen (250 Punkte für den Sieger im Vergleich zu 150 für den Endspielverlierer). Djokovic hingegen kann in Rom nur gewinnen, weil er vor genau einem Jahr gar nicht am Start war (also: Er war vor einem Jahr in Madrid nicht am Start. Weil damals das Madrider Turnier eine Woche später stattfand und das römische eher, ersetzen in der Rangliste die Ergebnisse aus Rom 2011 die von Madrid 2010. Die Rangliste interessiert sich nicht dafür, wo jemand seine Punkte geholt hat, sondern nur dafür, wann.). In Paris verliert er 360 Punkte und in Wimbledon 720. Rechnet man alles zusammen, kommt man zum Ergebnis, dass Djokovic selbst bei vier Finalniederlagen gegen Nadal nach Wimbledon einen hauchdünnen Vorsprung vor Nadal hat: 12690 zu 12630. Natürlich alles nur, wenn ich mich nicht verrechnet habe.

Ach ja, dann war da noch die amtierende Nummer 3. Roger Federer. Wenn der alle vier Turniere gewinnt - statt Queen's Club wäre es bei ihm Halle/Westfalen) – käme er auf beachtliche 12580 Punkte, wäre also auch wieder ganz dicht an Platz 1. Aber daran glaubt wohl im Moment kaum jemand. Als er in dieser Woche in Madrid sein Auftaktmatch gegen Feliciano Lopez beinahe verloren hätte, ertappte ich mich dabei, diese Sache ganz und gar nicht sensationell zu finden. Federer ist nicht mehr galaktisch, dachte ich. Er ist jetzt ein ganz normaler Topspieler, der an einem normal formschwachen Tag gegen einen normalen Top-50-Spieler im Topform wie Lopez halt mal verlieren kann. Aber wie er gegen Lopez den Kopf aus der Schlinge zog, das war dann doch wieder ziemlich galaktisch. Also, wer weiß, vielleicht gewinnt er ja doch noch das eine oder andere Grand-Slam-Turnier.

Hier die Ergebnisse aus Madrid (PDF)

Sonntag, 1. Mai 2011

Career High für Florian Mayer

Heute bietet sich eine prima Gelegenheit, endlich mal wieder über einen meiner Lieblingsspieler zu schreiben, über Florian Mayer. Der letzte Artikel, der sein Wirken ausführlich würdigt, liegt schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Es war mein Vor-Ort-Bericht aus Stockholm im Oktober, wo Flo das Finale erreichte.

In dieser Woche hat er wieder ein Finale erreicht, und zwar im heimatlichen München. Er hat das Finale wieder verloren, und anders als in Stockholm ist diese Niederlage etwas ärgerlich. In Stockholm war der übermächtige Roger Federer sein Gegner. Heute in München war es der zuletzt sehr schwächelnde russische Altmeister Nikolai Dawidenko, den Flo mit durchgängig konzentriertem Spiel durchaus in die Schranken hätte weisen können.

Aber blicken wir auf die positive Seite: Auf Florian Mayers Profil auf der ATP-Internetpräsenz ändert sich am morgigen Montag eine statistische Angabe, die seit fast sieben Jahren in Stein gemeißelt schien. Hier noch einmal zur Erinnerung ein Screenshot von heute, 1. Mai 2011:



„Career High - 33 – 27.09.2004“ steht da. Florian Mayer war damals 20 Jahre alt, als er auf Weltranglistenplatz 33 stand. Ein Alter, in dem es eigentlich nur aufwärts gehen kann. Heute, 2011, gibt es nur einen einzigen 20-Jährigen, der vergleichbar gut platziert ist, und das ist der kanadische Superstar in spe Milos Raonic auf Platz 27.

Zwar erklärte die ATP Mayer 2004 zum Nachwuchsspieler des Jahres („Rookie of the year“), aber als kommender Superstar galt er schon damals nicht. Doch dass es sieben magere Jahre dauern würde, bis er in der Weltrangliste wieder so gut steht wie als 20-Jähriger, dass ahnte dann wohl doch niemand. Ich weiß spontan gar nicht, ob schon jemals jemand nach so langer Durststrecke sein „Career High“ getoppt hat.

Es waren keine ernsthaften Verletzungen, die Flo zurückwarfen. Offenbar fühlte er sich im Scheinwerferlicht der ATP-Tour unwohl, und er verlor die Lust am Tennisspielen. 2008 war er nicht einmal mehr unter den ersten 100 und legte eine schöpferische Pause ein. Als er wiederkam, war er vielleicht nicht sofort wieder so stark wie als 20-Jähriger, aber es ging stetig voran. Spätestens seit dem vergangenen Jahr, als er erst das Halbfinale am Hamburger Rothenbaum erreichte und dann das erwähnte Endspiel in Stockholm, spielt er eindeutig stärker als vor sieben Jahren.

Den 33. Weltranglistenplatz vom 27. September 2004 verdankte er im Wesentlichen einem einzigen Turnier, nämlich seinem Wimbledon-Viertelfinale. 2010 und 2011 hat er zwar nicht unbedingt beständig auf hohem Niveau gespielt, seine Formkurve ist und bleibt erratisch, aber er hat über das Jahr verteilt viele gute Ergebnisse abgeliefert. Ab Montag steht er hochverdient in den Top 30 der Weltrangliste.

Hier die Ergebnisse aus München (PDF)

Und hier die aktuelle Weltrangliste

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