Sonntag, 26. Juni 2011

Deutsche Männer in Wimbledon: Das schnellste Fazit seit 24 Jahren

Angeblich war es das schlechteste Abschneiden der deutschen Herren in Wimbledon seit 24 Jahren. 13 waren am Start. Drei kamen in die zweiten Runde, keiner in die dritte. Das Ungerechte an solchen pauschalen Versagensmeldungen ist, dass nicht alle 13 Deutschen individuell schlecht waren. Für manche war es ein Erfolg, überhaupt im Hauptfeld zu stehen, für manche war der Erstrundensieg eine bemerkenswerte Leistung. Nehmen wir also mal alle 13 Deutsche in einer Einzelkritik durch. Dass wir jetzt schon ein nationales Fazit ziehen können, ist ja das Praktische daran, dass schon alle ausgeschieden sind, obwohl das Turnier gerade erst richtig in Gang kommt.

Florian Mayer (Nr. 18/27 Jahre)
1.Runde + (WC) Daniel Evans (GBR/301) 7:6, 7:6, 3:6, 6:4
2.Runde – Xavier Malisse (BEL/42) 6:1, 3:6, 2:6, 2:6

Für einen Top-20-Spieler, und das ist Florian Mayer ja neuerdings, auch wenn sich das immer noch seltsam anfühlt, ist die zweite Runde zu wenig. Trotzdem: Eine Viersatz-Niederlage gegen Xavier Malisse, der kein schlechter Rasenspieler ist und nach einem Sieg über Jürgen Melzer (Österreich) inzwischen im Achtelfinale steht und gut und gern auch noch das Viertelfinale schaffen kann, ist keine Katastrophe.

Philipp Kohlschreiber (Nr. 39/27 Jahre)
1.Runde – Denis Istomin (UZB/65) 6:4, 3:6, 3:6, 3:6

Wenn denn irgendein Ergebnis eines deutschen Spielers eine Katastrophe ist (und das Wort ist natürlich unpassend), dann ist es diese Niederlage. Philipp Kohlschreiber ist mit blendender Rasenform nach Wimbledon gekommen und hat eine Woche vorher das Turnier in Halle/Westfalen gewonnen. Denis Istomin hingegen hatte seit März von acht Spielen auf der ATP-Tour sieben verloren. Nun mag Kohli ein bisschen angeschlagen gewesen sein. Trotzdem hat sich wieder mal gezeigt, dass er nicht beständig genug ist, um sich etwas weiter oben zu etablieren als dort, wo er derzeit steht.

Philipp Petzschner (Nr. 67/27 Jahre)
1.Runde – Robin Söderling (SWE/5) 4:6, 4:6, 6:2, 6:7

Das war Pech. Der Halle-Finalist Petzschner hätte auf dem Rasen von Wimbledon einiges reißen können, hätte die Lostrommel ihm nicht gleich in der ersten Runde einen der besten Spieler der Welt beschert. Robin Söderling ist nicht unschlagbar, das hat Australiens Nachwuchshoffnung Bernard Tomic in Runde 3 bewiesen, und Philipp Petzschner war ja auch dicht dran, hat den dritten Satz überlegen gewonnen und sah streckenweise auch im vierten wie der kommende Sieger aus. Aber es kann ja noch was werden mit Petzsche in Wimbledon: Das Turnier fängt für ihn am Montag noch mal von vorne an. Im Doppel verteidigt er zusammen mit Jürgen Melzer seinen Titel aus dem letzten Jahr. Das Erstrundenmatch gegen Ryan Harrison und Travis Rettenmaier (USA) ist wegen Regens immer wieder verschoben worden. Montag um 12 Uhr (13 Uhr MESZ) soll es endlich losgehen.

Michael Berrer (Nr. 76/30 Jahre)
1.Runde – Feliciano Lopez (SPA/44) 4:6, 5:7, 3:6

Ach, was soll's. Berrer hat zwar keinen Satz gewonnen, ist aber auch in keinem untergegangen. Lopez ist ein exzellenter Rasenspieler. Er war hier schon zwei Mal im Viertelfinale, und morgen gegen Lukasz Kubot (Polen) schafft er es wahrscheinlich ein viertes Mal.

Tobias Kamke (Nr. 83/25 Jahre)
1.Runde + Blaz Kavcic (SLO/74) 6:3, 7:6, 5:7, 6:1
2.Runde – Andy Murray (GBR/4) 3:6, 3:6, 5:7

Ordentliche Leistung. Letztes Jahr war Kamke noch der „Newcomer des Jahres“ auf der ATP-Tour. Wenn irgendjemand daran hohe Erwartungen geknüpft haben sollte, ist derjenige längst eines Besseren belehrt. Der Lübecker bewegt sich auf demselben Niveau wie Blaz Kavcic. Der Erstrundensieg war also ein zwar schaffbarer, aber nicht selbstverständlicher Erfolg. In der zweiten Runde gegen Andy Murray auf dem Center Court hat Kamke sich respektabal verkauft. (Tim Boeseler vom Tennis-Magazin hat dankenswerterweise via Twitter berichtet, was Boris Becker als BBC-Kommentator dazu sagte: Kamkes Aufschlag tauge nichts, und außerdem werde aus ihm niemals ein Top-10-Spieler. Ich hatte fast vergessen, dass die Poker- und Boulevard-Ikone Becker ursprünglich mal was mit Tennis zu tun hatte. Bei der BBC wusste man das anscheinend noch.

Matthias Bachinger (Nr. 98/24 Jahre)
1.Runde – Gael Monfils (FRA/8) 4:6, 6:7, 3:6

Wenn ich von irgendwelchen deutschen Spielern in Wimbledon gar nichts erwartet habe, dann von Bachinger und dem gleich folgenden Denis Gremelmayr. Beides keine Rasenfreaks. Bachingers Erstrundenergebnis ist also mehr als achtbar.

Denis Gremelmayr (Nr. 101/29 Jahre)
1.Runde – Somdev Devvarman (IND/68) 4:6, 2:4 Aufgabe

Inder gelten grundsätzlich als geborene Rasenspezialisten. Das mit der Verletzung ist ärgerlich. Gremelmayr hätte aber vermutlich ohnehin verloren.

Mischa Zverev (Nr. 103/23 Jahre)
1.Runde – Xavier Malisse (BEL/42) 2:6, 3:6, 2:6

Gegen Malisse darf man verlieren (siehe oben bei Florian Mayer). Aber dieses Ergebnis war schon ein bisschen sehr glatt. Irgendwas stimmt nicht mit Mischa Zverev, und zwar schon ziemlich lange. Vor zwei Jahren war er schon mal die Nummer 45, und er ist immer noch in einem Alter, in dem es eigentlich bergauf gehen sollte und nicht bergab. Er scheint mir körperlich nicht fit zu sein, woran auch immer das liegen mag.

Rainer Schüttler (Nr. 113/35 Jahre)
1.Runde + Thomaz Bellucci (BRA/28) 7:6, 6:4, 6:2
2.Runde – Feliciano Lopez (SPA/44) 6:7, 7:6, 2:6, 2:6

„Chapeau“ sagt man, glaube ich. Der Shaker ist mittlerweile in einem Alter, in dem jeder einzelne Sieg auf der Tour bemerkenswert ist. Und dann auch noch ganz glatt gegen einen Top-30-Spieler (wenn auch gegen einen, der von Rasen nicht viel versteht). Und hinterher hat Schüttler auch noch zwei Sätze gegen den erwähnt exzellenten Feliciano Lopez mitgehalten.

Julian Reister (Nr. 135/25 Jahre)
1.Runde – David Nalbandian (ARG/23) 5:7, 2:6, 3:6

Jetzt geht es zurück auf die Challenger-Tour für Julian Reister. Letztes Jahr hatte er einen grandiosen Sommer und kam als Qualifikant in die dritte Runde der French Open und in die zweite Runde von Wimbledon. Die Punkte halfen ihm nun, kurzzeitig die Top 100 zu knacken und damit die direkte Hauptfeld-Teilnahme in Wimbledon. Immerhin war der erste Satz gegen Nalbandian (Wimbledon-Finalist von 2002) eng.

Andreas Beck (Nr. 156/25 Jahre)
1.Quali + Sergei Bubka (UKR/233) 7:6, 6:3
2.Quali + (WC) Jamie Baker (GBR/371) 6:3, 7:6
3.Quali + Jurgen Zopp (EST/199) 2:6, 6:4, 4:6, 6:3, 6:3
1.Runde – Andy Roddick (USA/10) 4:6, 6:7, 3:6

Mit Andreas Beck ging es in den letzten zwei Jahren ähnlich abwärts wie mit Mischa Zverev, aber bei Beck habe ich das Gefühl, dass er sich wieder fängt. Die Qualifikation geschafft zu haben, auch wenn dabei keine übermächtigen Gegner seinen Weg versperrten, war schon mal nicht schlecht. Und das Match gegen Andy Roddick, das ich nicht gesehen habe, soll ein sehr gutes Niveau gehabt haben.

Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 208/20 Jahre)
1.Quali + Matteo Viola (ITA/209) 6:4, 6:4
2.Quali + Alexander Kudriawstew (RUS/149) 5:7, 6:4, 6:2
3.Quali + Ryan Harrison (USA/122) 6:3, 7:5, 1:6, 4:6, 7:5
1.Runde – Grigor Dimitrov (BUL/62) 5:7, 6:7, 6:7

Dass Stebe einer der interessantesten jungen Spieler aus Deutschland ist, hatten wir ja schon vor ein paar Wochen. Ich hatte ja die leise Hoffnung, er würde auch Grigor Dimitrov schlagen. Dass das nicht geklappt hat, ist nicht weiter schlimm. Dimitrov, der sogar noch ein paar Monate jünger ist als Stebe, wird als kommender Top-10-Spieler oder sogar noch mehr gehandelt. Ein bisschen Sorgen kann es machen, dass Stebe drei enge Sätze nacheinander verloren hat. Da fragt man sich, ob das Nervenschwäche ist. Andererseits: Das Qualifikations-Finale! 7:5 im fünften Satz gegen Ryan Harrison (19), Amerikas einzige Zukunftshoffnung. Harrison übrigens kam als Lucky Loser ins Hauptfeld und schlug dort den beachtlichen Kroaten Ivan Dodig.

Tommy Haas (Nr. 895/33 Jahre)
1.Runde – (WC) Gilles Muller (LUX/92) 6:7, 6:7, 6:3, 3:6

Was soll man von Tommy Haas eigentlich erwarten? Man kann eigentlich nur interessiert beobachten, wie er sich schlägt auf seiner frisch gestarteten Comeback-Tour nach mehr als einem Jahr Verletzungspause. Bisher hat es noch nicht für einen Sieg gereicht. Aber weit entfernt davon scheint er nicht zu sein. Der Luxemburger Gilles Muller hingegen ist ein wahrer Hans im Glück bei diesem Turnier. Dank seines Sieges beim Rasen-Challenger von Nottingham spendierte man ihm eine Wild Card. In Runde 1 bekam er es mit einem Rekonvaleszenten (also Haas) zu tun, in Runde 2 gewann er nach wenigen Minuten, ohne viel tun zu müssen, weil sein Gegner Milos Raonic sich verletzte. In Runde 3 wartete dann Rafael Nadal. Da riss die Glückssträhne.

Das waren sie, die zehn deutschen Männer im Wimbledon-Hauptfeld. Erwähnen wir noch kurz Benjamin Becker, der wegen Ellenbogenproblemen kurzfristig absagen musste, und vor allem Daniel Brands, der hier vor einem Jahr das Achtelfinale erreichte und diesmal in der ersten Qualifikations-Runde unterging, was ihn in der nächsten Rangliste von Platz 135 in Richtung Platz 200 fallen lassen wird.

Sonntag, 19. Juni 2011

Auslosung: Isner, Mahut und andere Merkwürdigkeiten

John Isner und Nicolas Mahut gaben schon vor einem Jahr den Tennisfans unter den Verschwörungstheoretikern eine schöne Vorlage: Ein Satz mit fast 140 Aufschlagspielen ohne Break, das sei doch so unwahrscheinlich, das müsse doch abgesprochen gewesen sein, um mal medienwirksam einen Rekord aufzustellen.

Genau ein Jahr nach dem legendären Wimbledon-Erstrundenmatch, das Isner in über drei Tage verteilten elf Stunden und fünf Minuten mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6, 70:68 gewann, treffen die beiden am Dienstag in der ersten Wimbledon-Runde wieder aufeinander. Die Wahrscheinlichkeit dafür betrug 1:142,5. Für diesen Coup, der die Tennisfreunde weltweit in Euphorie versetzt, müssen die Veranstalter der Lawn Tennis Championships doch nachgeholfen haben beim Griff in die Lostrommel, las man in zahlreichen Foren. Fröhlich zählte man auf, welcherlei Unwahrscheinlichkeiten noch alle so aufgetreten sind bei den Grand-Slam-Auslosungen der vergangenen Jahre. Die größte Unwahrscheinlichkeit: Roger Federer und Novak Djokovic sind seit mehr als drei Jahren bei fast jedem Grand-Slam-Turnier (bei 12 der letzten 14) in derselben Hälfte des Tableaus gelandet, stießen also immer bereits im Halbfinale aufeinander, sofern sie denn beide bis dahin alle ihre Matches gewannen, was sie meisten taten. Die Wahrscheinlichkeit für diese Konstellation ist bei jedem einzelnen Turnier Halbe-Halbe. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies fast immer geschieht, führten die Verschwörungstheoretiker weiter aus, sei aber noch viel geringer als die für ein erneutes Aufeinandertreffen von John Isner und Nicolas Mahut.

Ich habe gerade mal nachgerechnet – flüchtiger als für die 1:142,5 für Isner-Mahut – und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 1:90 liegt, dass ich zwölf Mal Kopf und zwei Mal Zahl bekommen, wenn ich 14 Mal eine Münze werfe. Mag mich jemand korrigieren? Falls ich richtig liege, wäre die Sache also sogar wahrscheinlicher als die Neuauflage von Isner-Mahut.

Aber die Auslosungsmanipulationstheoretiker geben sich so schnell natürlich nicht geschlagen. Sie verweisen darauf, dass ausgerechnet bei den French Open Novak Djokovic zweimal nicht in dieselbe Hälfte gelost wurde wie Federer, sondern in die Hälfte von Rafael Nadal. Daraus schlossen sie nun: Die Grand-Slam-Organisatoren wollen stets mit aller Macht für ein Endspiel zwischen Rafael Nadal und Roger Federer sorgen und wissen, dass Novak Djokovic derjenige ist, der dieses Traumfinale am ehesten zu verhindern in der Lage ist. Die Theorie besagt weiter, dass auf Hartplatz und auf Rasen Djokovic eher gegen Nadal gewinnen kann als gegen Federer und auf Sand eher gegen Federer.

Nun denn.

Wenn das so wäre, warum dann eigentlich nur bei den Grand Slams? Wieso manipulieren dann die Turnierdirektoren der Masters-Turniere ihre Auslosungen nicht ebenfalls? Sind die zu treudoof dazu? Seit 2008 gab es 17 Masters-Turniere, an denen Federer und Djokovic beide teilgenommen haben und jeweils einer an 1 oder 2 gesetzt war und der andere an 3 oder 4, es also eine 50:50-Chance gab, dass die beiden einander schon im Halbfinale begegnen wie stets bei den Grand Slams. Sie taten es aber nur in sieben dieser 17 Fälle. Das sieht nicht gerade nach Manipulation aus.

Nun muss man allerdings bedenken, dass die Masters-Turniere unter der Regie der ATP ausgetragen werden und die ATP den Supervisor stellt, der die Auslosung verantwortet, während die Grand-Slam-Turniere unter der Regie des Tennis-Weltverbands ITF stehen, die dort die Supevisor stellt. Also, meinetwegen darf man nun darüber spekulieren, ob ITF-Supervisoren bei Auslosungen weniger genau hinschauen als ihre Kollegen von der ATP. Ich habe da keinen Einblick.

Ich halte es nach wie vor für relativ wahrscheinlich, dass bei den großen Turnieren beim Auslosen nicht geschummelt wird. Hundertprozentig sicher bin mir aber nicht. Denn natürlich haben die Veranstalter ein gewisses Interesse an bestimmten Konstellationen. Wer jemals die Auslosung für die Fußball-WM oder die UEFA-Champions-League live verfolgt hat, weiß, wie viele Dinge da vorab festgelegt sind, damit alles schön fernsehkompatibel ist. Die Auslosungsregeln sind für keinen Gelegenheitsfan zu durchschauen, aber sie sind alle irgendwo festgeschrieben, und theoretisch kann man sie nachlesen. Im Vergleich dazu ist die Auslosung im Tennis extrem simpel: Es gibt ein paar gesetzte Spieler, streng nach Weltrangliste – außer bei Wimbledon, wo es eine Extra-Rasenkompenente, die aber ebenso streng angewendet wird, gibt – und alle anderen Spieler werden zufällig irgendwo ins Tableau gelost.

Mancher Turnierdirektor hätte es bestimmt gern, dass seine Lokalmatadoren je nach Spielstärke entweder sich nicht alle schon in der ersten Runde gegenseitig aus dem Wettbewerb kegeln oder aber gerade extra in der ersten Runde gegeneinander antreten, damit wenigstens einer von ihnen gewinnt und die Zuschauer auch noch am Mittwoch was zum Anfeuern haben.

In seltenen Fällen ist es schon vorgekommen, dass ich eine Auslosung sah, und dachte: Da hat doch einer nachgeholfen. Allerdings sind diese Fälle so rar, dass auch sie sich locker mit dem Zufall erklären lassen. Für das beste Beispiel müssen wir fünf Jahre zurückgehen. Dubai 2006. Das hier ist die Auslosung. Die beiden hoffnungslosen heimischen Wild-Card-Spieler Mohammed Al Ghareeb (Kuwait) und Omar Bahrouzyan (VAE) spielten in Runde 1 gegeneinander, der Sieger Al Ghareeb gewann für seine Verhältnisse exorbitant viele Ranglistenpunkte und bekam in Runde zwei, wo er sowieso gegen jeden anderen Teilnehmer des Turniers krasser Außenseiter gewesen wäre, das Match seines Lebens gegen Roger Federer.

Aber für all das ist die Wahrscheinichkeit ausgesprochen hoch im Vergleich zu dem was, dem Portugiesen Frederico Gil und dem Franzosen Jeremy Chardy im Jahr 2008 passierte. Sie spielten bei drei Grand-Slam-Turnieren hintereinader in Runde 1 gegeneinander. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass zwei Spielern so etwas passiert, beträgt 1:20.306,25. Gil und Chardy gehören zu den grauesten Mäusen, die auf der ATP-Tour unterwegs sind. Dass hier jemand manipulatiert hat, ist also schon allein deshalb extrem unwahrscheinlich, weil selbst die besten Verschwörungstheoretiker noch kein Motiv gefunden haben. Übrigens hat Chardy alle drei Spiele gewonnen. Gil und Chardy hatten vorher noch nie gegeneinander gespielt und sind auch später bei keinem Turnier je wieder aufeinander getroffen.

Das hier ist die Auslosung fürs Herreneinzel in Wimbledon 2011 im Überblick (PDF)

Sonntag, 12. Juni 2011

Auf den Spuren von Hans Jürgen Pohmann und Karl Meiler

Das heutige Endspiel von Halle/Westfalen zwischen Philipp Kohlschreiber und Philipp Petzschner war, das wurden die ZDF-Reporter nicht müde zu betonen, das erste rein deutsche Finale auf der ATP-Tour seit Tommy Haas und Nicolas Kiefer im Jahr 2004 in Los Angeles. Es wurde also mal wieder Zeit.

Was aber noch viel höhere Zeit wurde, war dies: Das Endspiel heute Nachmittag war das allererste rein deutsche ATP-Finale in Deutschland, seitdem ich auf der Welt bin. In anderen Ländern passiert so was alle paar Monate. Selbst unsere österreichischen Freunde haben in meiner bisherigen Lebensspanne schon zwei rein-österreichische Endspiele daheim in Österreich gesehen: 1988 schlug Horst Skoff Thomas Muster in Wien, 2010 schlug ebenfalls in Wien Jürgen Melzer Andreas Haider-Maurer. Das letzte rein deutsche Endspiel in Deutschland trugen Hans Jürgen Pohmann und Karl Meiler am 16. Juni 1973 in Berlin aus. Pohmann gewann mit 6:3, 3:6, 6:3, 6:3. (Was die Frauen-Tour betrifft, habe ich Kindheitserinnerungen an ein Finale zwischen Steffi Graf und Claudia Kohde-Kilsch in Berlin und zwischen Steffi Graf und Isabel Cueto in Hamburg.)

Ich habe mir heute den Spaß erlaubt, eine Übersicht aller ATP-Endspiele seit 1988 zusammenzustellen, in dem zwei Spieler in ihren Heimatland gegeneinander antraten. Es waren 109 Spiele, fast zwei Drittel davon in den USA. Jenseits von 1988 ist deshalb Schluss, weil ich zurück bis zu jenem Jahr eine leicht auszuwertende Übersicht in der englischsprachigen Wikipedia gefunden habe. Wäre ich zurückgegangen bis zu Pohmann und Meiler, hätte ich meinen Artikel wohl erst irgendwann nächste Woche posten können und hätte den Rest von Pfingsten weitgehend verpasst. Seit 1988 hat es in jedem Jahr mindestens drei dieser mononationalen Endspiele gegeben. Bis 2003 indes gab es mehere Jahre, in denen sich dies ausschließlich in den USA abspielte. Seitdem die Herren Agassi, Sampras, Chang und Courier zu dieser Statistik nichts mehr beitragen, ist es etwas ruhiger geworden um die Amis. Beachtlich finde ich, dass die USA, obwohl sie ihre erste Geige längst an die Spanier abgegeben haben und auch Länder wie Frankreich und Deutschland meistens mehr Spieler in den Top 100 haben, trotzdem 2009 und 2010 jeweils zwei reine US-Endspiele in den USA hatten. Das hat freilich auch damit zu tun, dass in keinem anderen Land annähernd so viele ATP-Turniere stattfinden.

Die Endspiele, in denen sich zwei Landsleute im Ausland gegenüberstanden, habe ich nicht gezählt. Mein Eindruck war aber, dass das merklich seltener vorkommt. Der Heimvorteil schlägt also messbar zu. Umso erstaunlicher, dass es in den vergangenen Jahrzehnten zwar immer wieder rein deutsche Endspiele gegeben hat, dies aber nie in Deutschland. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass einige der besten deutschen Spieler eine Weile einen Bogen und die deutschen Sandplatzturniere gemacht haben. Tommy Haas und Nicolas Kiefer spielten das eingangs erwähne Endspiel von Los Angeles am 18. Juli 2004 am selben Tag, als auch in Stuttgart ein ATP-Endspiel ausgetragen wurde. Dort standen sich seinerzeit zwei Argentinier gegenüber (Guillermo Cañas und Gaston Gaudio). Im berühmtesten rein deutschen Endspiel bezwang bekanntlich 1991 Michael Stich auf dem heiligen Rasen von Wimbledon Boris Becker. Wenn ich jetzt irgendwelche Gewinne zur Hand hätte, die ich unters Volk streuen könnte, würde ich eine Preisfrage stellen: Wer bestritt das bis heute Nachmittag vorletzte und seither vorvorletzte rein deutsche Endspiel auf der ATP-Tour? Ich erinnerte mich nicht einmal daran, dass in dieser Stadt jemals ein Turnier stattfand.

Erstmal aber aber die Übersicht über alle mononationalen Finals seit 1988 samt Länderranking. Ganz unten unter der Liste gibt es die Antwort auf die Nicht-Preisfrage.


Spanien 14
Frankreich 9
Australien 4
Österreich 2
Kroatien/Jugoslawien 2
Schweden 2
Argentinien 2
Russland 2
Niederlande 1
Deutschland 1
USA 70

1988
Adelaide (AUS) Woodforde – Masur
Nizza (FRA) Leconte – Potier
Schenectady (USA) Mayotte – Kriek
Stratton Mountain (USA) Agassi – Annacone
Livingston (USA) Agassi – Tarango
San Francisco (USA) Chang – Kriek
Wien (AUT) Skoff – Muster
Detroit (USA) J. McEnroe – Krickstein

1989
Memphis (USA) Gilbert – Kriek
Dallas (USA) J. McEnroe – Gilbert
Charleston (USA) Berger – Duncan
Washington (USA) Mayotte – Gilbert
Stratton Mountain (USA) Gilbert – Pugh
Indianapolis (USA) J. McEnroe – Berger
Los Angeles (USA) Krickstein – Chang
Orlando (USA) Agassi – Gilbert

1990
San Francisco (USA) Agassi – Witsken
Umag (YUG) Prpic – Ivanisevic
Washington (USA) Agassi – Grabb
US Open (USA) Sampras – Agassi

1991
Chicago (USA) J. McEnroe – P. McEnroe
Miami (USA) Courier – Wheaton
Orlando (USA) Agassi – Rostagno
Barcelona (SPA) E. Sanchez – Bruguera
Los Angeles (USA) Sampras – Gilbert

1992
San Francisco (USA) Chang – Courier
Atlanta (USA) Agassi – Sampras
Madrid (SPA) Bruguera – Costa
Cincinnati (USA) Sampras – Lendl
Indianapolis (USA) Sampras – Courier

1993
San Francisco (USA) Agassi – Gilbert
Memphis (USA) Courier – Martin
Miami (USA) Sampras – Washington
Coral Springs (USA) Martin – Wheaton
Toulouse (FRA) Boetsch – Pioline

1994
Memphis (USA) Martin – Gilbert
Miami (USA) Sampras – Agassi
Atlanta (USA) Chang – Martin
Pinehurst (USA) Palmer – Martin

1995
San Jose (USA) Agassi – Chang
Rotterdam (NED) Krajicek – Haarhuis
Indian Wells (USA) Sampras – Agassi
Miami (USA) Agassi – Sampras
Atlanta (USA) Chang – Agassi
Cincinnati (USA) Agassi – Chang
US Open (USA) Sampras – Agassi

1996
Marseille (FRA) Forget – Pioline
San Jose (USA) Sampras – Agassi
Memphis (USA) Sampras – Martin
Philadelphia (USA) Courier – Woodruff
Cincinati (USA) Agassi – Chang
US Open (USA) Sampras – Chang

1997
Adelaide (AUS) Woodbridge – Draper
Barcelona (SPA) Costa – Portas
Marbella (SPA) Costa – Beratasegui

1998
Adelaide (AUS) Hewitt – Stoltenberg
San Jose (USA) Agassi – Sampras
Orlando (USA) Courier – Chang

1999
Marseille (FRA) Santoro – Clément
Los Angeles (USA) Sampras – Agassi
US Open (USA) Agassi – Martin
Mallorca (SPA) Ferrero – Corretja
Stockholm (SWE) Enqvist – Gustafsson

2000
Sydney (AUS) Hewitt – Stoltenberg
Bastad (SWE) Norman – Vinciguerra
Los Angeles (USA) Chang – Gambill

2001
Indian Wells (USA) Agassi – Sampras
Miami (USA) Agassi – Gambill
Barcelona (SPA) Ferrero – Moya
Los Angeles (USA) Agassi – Sampras

2002
Memphis (USA) Roddick – Blake
Houston (USA) Roddick – Sampras
Newport (USA) Dent – Blake
Los Angeles (USA) Agassi – Gambill
US Open (USA) Sampras – Agassi

2003
Memphis (USA) Dent – Roddick
Delray Beach (USA) Gambill – Fish
Houston (USA) Agassi – Roddick
Cincinnati (USA) Roddick – Fish

2004
San Jose (USA) Roddick – Fish
Valencia (SPA) Verdasco – Montanes
Metz (FRA) Haehnel – Gasquet

2005
Buenos Aires (ARG) Gaudio – Puerta
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrero
Indianapolis (USA) Ginepri – Dent
Washington (USA) Roddick – Blake

2006
Barcelona (SPA) Nadal -Robredo
Indianapolis (USA) Blake – Roddick
Moskau (RUS) Dawidenko – Safin
Lyon (FRA) Gasquet – Gicquel

2007
Washington (USA) Roddick – Isner
New Haven (USA) Blake – Fish
Lyon (FRA) Grosjean – Gicquel

2008
Buenos Aires (ARG) Nalbandian – Acasuso
Valencia (SPA) Ferrer – Almagro
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrer
Moskau (RUS) Kunizyn – Safin

2009
Zagreb (CRO) Cilic – Ancic
Marseille (FRA) Tsonga – Llodra
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrer
Newport (USA) Ram – Querrey
Indianapolis (USA) Ginepri – Querrey

2010
Marseille (FRA) Llodra – Benneteau
Memphis (USA) Querrey – Isner
Atlanta (USA) Fish – Isner
Wien (AUT) Melzer – Haider-Maurer
Valencia (SPA) Ferrer – Granollers

2011
Barcelona (SPA) Nadal – Ferrer
Halle (GER) Kohlschreiber - Petzschner

Das Finale von Sun City, Südafrika, 1994:

Markus Zoecke – Hendrik Dreekmann 6:4, 6:1


Sonntag, 5. Juni 2011

Geheimakte Köllerer: Lebenslange Sperre ohne konkrete Begründung

Die Nachricht kam am Dienstag dieser Woche: Der österreichische Tennisprofi Daniel Köllerer (27) wird lebenslang gesperrt. Die Sperre gilt ab sofort.

Die „Tennis Integrety Unit“ hat ihn der Spielmanipulation für schuldig befunden. Auf Deutsch: Wettbetrug.

Schön, könnte man denken. Tut also mal jemand was gegen die latente Seuche, von der niemand genau weiß, wie weit sie im Profitennis tatsächlich verbreitet ist.

Bei genauerer Betrachtung aber sieht die Sache an mehreren Ecken etwas eigenartig aus. Das erste, was mich erstaunte, als ich von der Sache erfuhr, war das Strafmaß. Lebenslang. Wer des Dopings überführt wird, muss sich schon ziemlich viel Zeugs spritzen, und das ausdauernd, und vor allem muss er nach einer abgesessenen Sperre munter weiter dopen, bis ihm eine lebenslange Sperre droht. Ich dachte sofort an den Fall des Dopers Wayne Odesnik, den wir vor gut einem Jahr an dieser Stelle behandelten. Odesnik wurde zunächst für zwei Jahre gesperrt, aber nach knapp der Hälfte der Zeit wurde ihm der Rest der Strafe erlassen.

Köllerer war zwar vor Jahren schon einmal gesperrt, aber nicht einschlägig, also nicht wegen Spielmanipulation, sondern wegen unflätigen Verhaltens. Seither pflegte er sein Image als Tennis-Rüpel und nennt sich selbst „Crazy Dany“.

Allerdings hat Köllerer im vergangenen Jahr bereits eine Bewährungsstrafe in Zusammenhang mit Sportwetten aufgebrummt bekommen. Allerdings ging es dabei nicht um Spielmanipulation, sondern darum, dass auf seiner Internet-Seite Werbung für einen Wettanbieter publiziert wurde. Schon diese Strafe fand ich grenzwertig. Derselbe Wettanbieter tritt unbeanstandet von den Tennis-Weltverbänden als Namenssponsor von ATP-Turnieren auf.

Aber nun zu den konkreten Vorwürfen gegen Köllerer. Es soll um drei Fälle gehen, die sich zwischen Oktober 2009 und Juli 2010 zugetragen haben. Er soll – mit oder ohne Erfolg – versucht haben, die Ergebnisse von Spielen zu beeinflussen, und er soll anderen Spielern Geld dafür geboten haben, dass sie nicht ihre beste Leistung abliefern. Mehr hat die „Tennis Integrity Unit“ nicht mitgeteilt. Weil der Anhörungsprozess vertraulich sei, würden keine Details zu der Entscheidung öffentlich gemacht, heißt es. Das Ergebnis spottet jedem rechtsstaatlichen Prinzip. Da wird die härteste Strafe verhängt, die einen Profisportler überhaupt treffen kann, aber es wird geheim gehalten, was ihm überhaupt konkret vorgeworfen wird. Kein Wunder, dass da die Spekulationen ins Kraut schießen. Aus Daniel Köllerers Lager wird lanciert, einige Spielerkollegen, die ihn wegen seines Verhaltens auf Platz nicht ausstehen können, hätten ihm eins auswischen wollen und selbst nicht damit gerechnet, welche dramatischen Folgen das für Köllerer haben würde.

Eine der Spekulationen betrifft den oben erwähnten Wayne Odesnik. Ihm soll seine Dopingsperre erlassen worden sein, weil er gegen Köllerer ausgesagt haben soll. Nun, die Begründung für seine Begnadigung lässt so etwas durchaus erahnen In der offiziellen Mitteilung des Tennis-Weltverbandes heißt es, er habe substanziell geholfen, professionelle Verhaltensregeln durchzusetzen.

Und dann gibt es natürlich Spekulationen, welche Matches es eigentlich waren, die mit Köllerers Hilfe verschoben worden sein sollen. Er soll ja andere Spieler zum Wettbetrug angestiftet haben. Die Frage liegt nahe, wieso diese anderen Spieler straffrei ausgehen und sogar ihre Anonymität gewahrt wird. Das riecht nach heimlicher Kronzeugenregelung.

In den österreichischen Medien ist die Rede von Daniel Köllerers Spiel beim ATP-Turnier in der Wiener Stadthalle im vorletzten Jahr gegen Jarkko Nieminen (Finnland). Köllerer gewann 6:1, 6:2. Das war im Oktober 2009, also genau in dem Monat, in dem sich laut „Tennis Integrity Unit“ der erste Vorfall ereignet haben soll. Köllerer müsste dann also seinem eigenen Gegner erfolgreich Geld dafür geboten haben, dass der verliert, damit seine Hintermänner auf dieses Spiel wetten können.

Ich war dabei in der Wiener Stadthalle am 28. Oktober 2009, und ich erinnere mich noch gut an das Spiel. Es war tatsächlich ausgesprochen seltsam. Weil ich nicht glaubte, dass Nieminen absichtlich verlieren könnte, schrieb ich: „Nieminen war vollkommen indisponiert. Um mal einen landsmannschaftlich naheliegenden Vergleich zu ziehen: Er wirkt wie ein Skispringer, der das Gefühl für den Absprung verloren hat. Fast keiner seiner Bälle hatte die Länge, die er haben sollte. Köllerer gewann, ohne dass er irgendeinen Punkt aktiv herausspielen musste.“ Nieminen kam damals von einer langwierigen Verletzung zurück, deshalb fand ich es nachvollziehbar, dass er nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Und wenn ich drüber nachdenke: Hätte er absichtlich verloren, hätte er das gewiss unauffälliger bewerkstelligt, mit einem dezenten 4:6, 4:6 und nicht ganz so vielen offensichtlichen Fehlschlägen. Außerdem, und dies ist eine steile These, halte ich Jarkko Nieminen für einen anständigen Sportsmann. Ich gebe zu, dass ich ihn nicht zuverlässig beurteilen kann, weil ich ihn persönlich nicht kenne. Hinzu kommt: Nieminen ist ein etablierter Spitzenprofi, der schon über vier Millionen Euro Preisgeld gewonnen hat. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass er für ein paar Tausend dubiose Wett-Taler seine Karriere aufs Spiel setzt. Ich glaube nach wie vor, dass Wettbetrug eher eine Sache von Profis aus der zweiten Reihe ist, die sich auf diese Weise ihr Flugticket zum nächsten Challenger-Turnier finanzieren.

Wie es aussieht, wird Köllerer wohl den internationalen Sport-Gerichtshof anrufen. Mal sehen, ob die Tennis-Weltverbände dann damit durchkommen, aus Gründen der Vertraulichkeit nicht zu sagen, was sie Köllerer eigentlich vorwerfen.

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