Sonntag, 24. Juli 2011

Tennis-Bundesliga ist okay, Herr Stich!

Juan Ignacio Chela (Argentinien/ATP Nr. 21) hat heute gegen Victor Troicki (Serbien/Nr. 13) gewonnen. Guillermo Garcia-Lopez (Spanien/Nr. 37) schlug Potito Starace (Italien/Nr. 53), Philipp Kohlschreiber (Nr. 43) schlug Alexander Flock (Nr. 283), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 168) bezwang Thomas Muster (Nr. 1006).

Das alles sind Spiele, deren Ergebnisse die Presseagenturen nicht melden und die nur findet, wer im Internet gezielt danach sucht oder die Sportseiten der Lokalzeitungen von Halle/Westfalen, Nürnberg, Aachen oder Amberg studiert. Es sind Ergebnisse vom sechsten Spieltag der Tennis-Bundesliga, der heute ausgetragen wurde.

Auch Jürgen Melzer, Janko Tisparevic, Andreas Seppi, Xavier Malisse, Florian Mayer, Albert Montañes und Ivan Dodig haben in diesem Sommer schon Bundesliga-Partien bestritten. (Für Nicht-Insider: Das sind alles Leute aus den Top 50 der aktuellen Weltrangliste.)

Michael Stich scheint diese Tatsache ein Dorn im Auge zu sein. Der Turnierdirektor am Hamburger Rothenbaum sagte in einem Pressegespräch in dieser Woche, es sollte verboten sein, Bundesliga zu spielen, wenn man in derselben Woche zu einem ATP-Turnier angetreten ist. Das ist ein ganz altes Thema, und es wurde schon diskutiert, als Stich noch Wimbledon gewann. Ich meine mich gar zu erinnern, dass der damalige Davis-Cup-Kapitän Niki Pilic mal mutmaßte, manche Spieler würden absichtlich in der ersten Runde der US Open verlieren, um rechtzeitig zur Bundesligapartie am Freitag wieder in Deutschland zu sein.

Erstaunlich ist, dass die Bundesliga noch immer so viele Spieler der erweiterten Weltklasse anzieht wie in den Jahren des großen deutschen Tennisbooms. Es mag damit zusammenhängen, dass die Liga, deren Saison innerhalb von sechs Wochen von Anfang Juli bis Mitte August ausgespielt wird, von Sponsoren finanziert wird, die damit ihr spleeniges Hobby pflegen. Als Beispiel hier ein Link zu meinem Artikel über den TC Logopak Hartenholm von vor drei Jahren:

http://zackstennis.blogspot.com/2008/08/live-aus-hartenholm-ohne-stich-mit.html

Diese Mannschaft, für die übrigens auch Michael Stich antrat, existiert inzwischen nicht mehr. Als der Geldgeber Chris Hastings-Long die Leitung seines Unternehmens aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, stoppten seine Stiefsöhne, die sein Unternehmen nun führten, als erstes die Ausgaben für dessen aus ihrer Sicht seltsame Tennismannschaft. Stich, Tobias Kamke, Julian Reister und ein paar andere standen plötzlich ohne Bundesligateam da.
(Vor ein paar Wochen übrigens wurde Hastings-Longs Firma verkauft.)

Stich sieht nun also in der Bundesliga eine Konkurrenz für sein Turnier und meint, die ATP sollte mittels ihrer Marktmacht diese Konkurrenz ausschalten. Abgesehen davon, dass ich das kartellrechtlich bedenklich fände (was die ATP nicht weiter scheren wird), könnte ein solches Vorgehen am Ende auch kontraproduktiv für die ATP-Turniere von Hamburg und Stuttgart (und die übrigen Hochsommer-Sandplatz-Events in Mitteleuropa wie Kitzbühel oder Gstaad) sein. Denn vermutlich spielen eine ganze Reihe Profis genau deshalb hier und nicht auf den parallel ausgetragenen amerikanischen Hartplätz-Turnieren, weil sie zwischendurch ein paar gut bezahlte Trainingsmatches in der Bundesliga einstreuen können.

Außerdem: Auch wenn ich die Tennis-Bundesliga selber kaum verfolge, finde ich es wunderbar, dass es ein Wettbewerbsformat gibt, das so völlig anders ist als der übliche ATP-Zirkus.

Hier die offizielle Seite der Tennis-Bundesliga

Sonntag, 17. Juli 2011

Live von der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum

Wie immer zu Beginn des ATP-Turniers am Hamburger Rothenbaum gibt es auch in diesem Jahr einen Erlebnisbericht von der Qualifikation. Ich war am Sonnabend da - und wieder einmal erstaunt, wie viele Menschen außer mir gekommen waren, um sich anzusehen wie Victor Crivoi (Nr. 195) gegen Jan-Lennard Struff (Nr. 245) oder Guillermo Olaso (Nr. 182) gegen Andre Begemann (Nr. 276) spielte. Während des Crivoi-Struff-Spiels am Nachmittag auf dem Center Court waren schätzungsweise 1200 Zuschauer im Stadion – nicht mitgezählt die Zuschauer, die sich zu der Zeit auf den Außenplätzen umtaten. Die Nachricht, dass zur Qualifikation der Eintritt frei war, dürfte den einen oder anderen Besucher mehr angelockt haben. Aber schon zu seligen Masters-Zeiten, als bessere Spieler als jetzt durch die Quali mussten, kostete der Eintritt bloß drei oder fünf Euro.

Was das Ambiente angeht, fasse ich mich diesmal kurz. Es war im wesentlichen alles wie vor einem Jahr. Der Stadionsprecher spricht immer noch vom „Center Court der Welt“, wenn auch messbar seltener als früher. Die Eisbude ist immer noch, wo sie hingehört. Neu ist, dass der Delingsdorfer Erdbeermagnat Enno Glantz auf der Anlage „Erdbeeren to go“ verkaufen lässt.

Nun aber zu einer Auswahl der Matches, die ich gesehen habe. Fangen wir mit den beiden oben erwähnten an.

Victor Crivoi (Rumänien) – Jan-Lennard Struff (Suttrop) 6:7, 7:5, 6:0

Auf Struff war ich besonders neugierig. Ihn habe ich zum ersten und bis dato einzigen Mal vor genau zwei Jahren ebenfalls bei der Qualifikation für den Rothenbaum gesehen. Damals kam er frisch von den Abi-Prüfungen und war nach wenigen Turnieren auf Weltrangslistenplatz eintausendzweihundertirgendwas. Er hatte Matchball gegen den Argentinier Diego Junqueria (damals Nr. 103, heute Nr. 101) und verlor trotzdem, was ich damals als reine Nervensache abtat. Mittlerweile ist Struff 21 Jahre und hat sich auf der Challenger-Tour etabliert. Es machte gestern großen Spaß, ihm zuzuschauen. Präzise Powerschläge (wie schon 2009), auch aus bedrängten Situationen heraus. Außerdem kann er mittlerweile auch vollieren. Und dann hatte er Matchball. Wie vor zwei Jahren. Wieder versemmelte er ihn. Danach ging nichts mehr. Er führte mit 7:6 und 5:4 und verlor am Ende mit 7:6, 5:7, 0:6. Crivoi musste dafür fast nichts tun. Struff machte nicht einmal sonderlich viele leichte Fehler. Er hörte einfach auf, seine oben gelobten präzisen Powerschläge zu spielen. Er schob den Ball einfach so lange immer wieder vorsichtig übers Netz, bis Crivoi in der Position war, ihm ihn um die Ohren zu hauen. Vorher spielte Struff gut genug, dass ich mir vorstellen kann, dass er eines Tages zumindest das Niveau von Leuten wie Florian Mayer oder Philipp Kohlschreiber erreicht. Mithin könnte Struff in den nächsten Jahren eines der Aushängeschilder des deutschen Tennis werden. Wenn er das Nervenbündel bleibt, als das ich ihn bisher kennen gelernt habe, werden sich die deutschen Tennisfans seinetwegen noch viele Haare ausreißen.

Nervenbündel Jan-Lennard Struff


Guillermo Olaso (Spanien) – Andre Begemann (Lemgo) 7:6, 6:3

Serve-und-Volley-Tier Andre Begemann

Hier war ich auf beide Spieler neugierig. Auf Begemann, weil er das letzte Serve-und-Volley-Tier in Zentraleuropa ist, auf Olaso, weil in seinem Profil auf ATP-Internetseite steht, er spiele „ambidextrous“, also beidhändig. Sowas ist bisher nur von Luke Jensen verbürgt, der 1993 zusammen mit seinem Bruder Murphy im Finale von Roland Garros gegen Marc-Kevin Göllner und David Prinosil gewann. Jensen hielt den Schläger beim Aufschlag mal in der linken, mal in der rechten Hand. Irgendwo las ich mal einen Foren-Eintrag, in dem jemand schrieb, er habe Olaso gefragt, und Olaso habe gesagt, er sei reiner Rechtshänder. So scheint es tatsächlich zu sein. Zwischendurch hielt er den Schläger zwar immer wieder mal in der linken Hand, zum Beispiel, wenn er beim Seitenwechsel zu seinem Sitzplatz schlenderte, aber während der Ballwechsel spielte Olaso stets mit rechts. Dabei hatte er im ersten Satz massive Probleme mit Andre Begemanns Serve-und-Volley-Spiel. Mir schien, sowas hatte der Spanier in seinem Berufsleben noch nie erlebt: Dass da einer nach jedem gelungen ersten Aufschlag sofort ans Netz marschiert. Ich fand es wunderbar anzuschauen. Solche eleganten Netzangriffe habe ich zuletzt von Tim Henman gesehen. Begemann hat im ersten Satz fast jeden Volley, und es waren unzählige, sauber verwandelt. Dabei freilich kam ihm zupass, dass Olaso völlig ratlos war und die Bälle reihenweise direkt in Begemanns Schläger spielte. Von Lobs oder Longline-Passierbällen schien er nie was gehört zu haben. Das Problem mit Begemann ist, dass er außer Aufschlägen und Volleys nicht viel kann. Das ist insbesondere deshalb ein Problem, weil man zum Gewinnen ja ab und an mal ein Break schaffen muss, und dabei hilft einem der Aufschlag nicht. Trotzdem: Wäre Andre Begemann, der jetzt 28 ist, 15 oder 20 Jahre früher zur Welt gekommen und hätte er zu einer Zeit gespielt, als die Bodenbeläge noch schneller waren, wäre aus ihm wohl ein deutlich erfolgreicherer Tennisspieler geworden.

Guillermo Olaso mit links...
... und mit rechts



Simone Bolelli (Italien) – Tobias Hinzmann (Hamburg) 6:0, 6:3

Bei diesem Match herrschte eine Atmosphäre wie bei einem Schulturnier. Die Kumpels des Lokalmataren saßen in den ersten Reihen, feuerten ihren Tobi an und feierten jeden einzelnen Punkt, den er machte. Im zweiten Satz schaltete Bolelli ein paar Gänge zurück, so dass Tobis Freunde etwas mehr zu jubeln hatten als zu Beginn. Hinzmann, 28 Jahre alt und nicht auf der Weltrangliste vertreten, ist Spitzenspieler des „Club an der Alster“, der am Rothenbaum seine Heimat hat. Fand ich eine sehr charmante Idee, ihm hier eine Wild Card für die Qualifikation zu geben.

Pablo Galdon (Argentinien) – Thomas Schoorel (Niederlande) 6:7, 6:1, 7:6

An diesem Spiel fand ich Thomas Schoorel interessant. Der 22-jährige Holländer hatte in diesem und ihm vergangenen Jahr ein paar beachtliche Erfolge und stand neulich schon mal für ein paar Wochen unter den Top 100. Er ist 2,03 Meter groß, aber ein etwas anderer Spielertyp als andere Tennis-Riesen. Er lebt nicht wie Ivo Karlovic oder John Isner überwiegend von seinem Aufschlag. Er serviert keineswegs schlecht, aber nicht überragend. Er nutzt seine Körpergröße aus, indem er die Bälle trifft, wenn sie sehr hoch in der Luft stehen. Von dort kann er sie kraftvoll nach unten dreschen. Das dürfte seine guten Ergebnisse auf Sand, wo die Bälle hoch abspringen, erklären. Diesmal hat er trotzdem verloren. Galdon hat es im Laufe des Matches geschafft, Schoorel unter Druck zu setzen, womit der nicht klarkam. Denn für seine Von-oben-Herab-Spielweise muss er selber die Ballwechsel diktieren. Übrigens hat Schoorel, auch hier unterscheidet er sich von Karlovic und Isner, eine leicht gebeugte Kopfhaltung, wie man sie oft bei sehr großen Menschen antrifft, die nicht mit der Stirn an Türrahmen stoßen wollen oder einfach gern ihren Mitmenschen in die Augen sehen. Wenn man ein echtes Aufschlag-Ungeheuer werden will, muss man wohl furchtloser auftreten.


Leicht gebeugt: Thomas Schoorel


Hier die Ergebnisse von der Qualifikation (PDF)

Und hier die Auslosung fürs Hauptfeld (PDF)

Sonntag, 10. Juli 2011

Die Schlange hat zugebissen, das Kaninchen Daniel Brands hüpft wieder

Heute behandeln wir ein Phänomen, das auf der ATP-Tour seit Jahren immer wieder zu beobachten ist, aber selten in einer solchen Vollendung wie in dieser Woche am Beispiel Daniel Brands (23) aus Deggendorf: Das Kaninchen vor der Schlange. Ob Kaninchen wirklich dazu neigen, im Angesicht einer Schlange reglos zu verharren, anstatt wegzuhüpfen, mögen Biologen beurteilen. Fest steht: Daniel Brands wurde immer verkrampfter, je näher Wimbledon rückte. Aus seiner Sicht begann Wimbledon offenbar schon Ende Januar bedrohlich näher zu rücken. Seitdem gewann er fast nichts mehr.

Dabei hatte er eigentlich gar keinen Anlass, Angst vor Wimbledon zu haben. Vor einem Jahr feierte er dort den größten Erfolg seiner Profilaufbahn. Er kam ins Achtelfinale. Dabei half dem 1,96-Meter-Hünen sein starker Aufschlag, es half ihm, dass sein Zweitrundengegner, der damalige Weltranglistenfünfte Nikolai Dawidenko (Russland), sich wie so oft auf Rasen überhaupt nicht zurechtfand und dass sein Drittrundengegner Victor Hanescu (Rumänien) die Nerven verlor und bei 0:3 im fünften Satz nach mehreren Doppelfehlern hintereinander einfach wutentbrannt das Stadion verließ (ein unvergesslicher Auftritt).

Das also war vor einem Jahr. Daniel Brands verbesserte sich dank dieses Erfolges in der Weltrangliste von Platz 98 auf Platz 68. Danach spielte Brands weiter wie vor Wimbledon. Starker Aufschlag, solide Grundschläge. Er spielte weiter wie jemand, der ungefähr auf Platz 100 der Weltrangliste gehört. Ab und zu eine zweite Runde bei einem 250er-Turnier, im Oktober in Bangkok kam er mal ins Viertelfinale. Auch ins Jahr 2011 startete er ganz munter. Er kam beim traditionell stark besetzten Challenger von Heilbronn ins Endspiel und schlug zwei Tage später in Zagreb den riesenhaften Lokalmatadoren Ivo Karlovic (2,08 Meter).

Aber dann, scheint es, hat er irgendwann angefangen, zu rechnen anstatt Tennis zu spielen. Das ist jedenfalls mein Eindruck, ohne dass ich Gelegenheit gehabt hätte, Daniel Brands danach zu fragen. Falls er es bestreiten sollte, wäre ich der Ansicht, dass er es halt unbewusst getan hat.
Er dachte an die 180 Weltranglistenpunkte aus seinem Achtelfinale und daran, dass er diese Punkte irgendwie verteidigen muss, um nicht wieder zurückzufallen auf Platz 100 oder noch weiter. Wie das Kaninchen vor der Schlange saß er vor seinen Punkten und viel schon in den Monaten vor Wimbledon immer weiter zurück. Nach seinem Sieg über Ivo Karlovic gewann er in mehr als fünf Monaten nur noch ein einzies Match, das war im März in der ersten Qualifikationsrunde von Indian Wells gegen den amerikanischen Doppelspezialisten Scott Lipsky. Nach Wimbledon fuhr er als Nummer 139. Das hat es nicht oft gegeben, dass ein Vorjahres-Achtelfinalist in die Qualifikation musste. In der ersten Qualifikationsrunde von Wimbledon tat Daniel Brands das, was er seit März immer getan hatte: Er verlor. Gegen den Japaner Yuichi Sugita war es immerhin die erste richtig knappe Niederlage seit März: 3:6, 6:3, 8:10.

An diesem Montag war Daniel Brands in der neuen Weltrangliste – ohne die 180 Punkte von Wimbledon 2010 – zurückgefallen auf Platz 220. So schlecht stand er zuletzt vor drei Jahren. Die Schlange hatte zugebissen. Und plötzlich war alles okay. Brands fuhr nach Oberstaufen zum Challengerturnier – und gewann. Er gewann nicht nur ein Match, er gewann das ganze Turnier. Er schlug unter anderem den aufstrebenden Österreicher Martin Fischer, er schlug Cedrik-Marcel Stebe, von dem ich nach wie vor behaupte, dass er Ende des Jahres zu den Top 100 gehören wird, und er schlug im Finale den ganz langsam wiedererstarkenden ehemaligen Top-50-Spieler Andreas Beck. 80 der 180 Wimbledon-Punkte hat er sich damit nach nur einer Woche schon wieder zurückgeholt. Bis Daniel Brands wieder da steht, wo er vor seinem Wimbledon-Achtelfinale war, nämlich auf Platz 98, wird es noch eine Weile dauern, aber mir scheint, er wird wieder ankommen.

Hier die Ergebnisse aus Oberstaufen (PDF)

Und hier das ATP-Profil von Daniel Brands

Sonntag, 3. Juli 2011

Newport: Greg Jones auf Kennedys Spuren

Greg Jones ist ein junger Mann aus Sydney, der versucht, sich als Profi-Tennisspieler durchzuschlagen. Es ist ein hartes Brot. Im Mai reiste er nach Usbekistan, wo er 3000 Dollar gewann, weil er beim Challenger-Turnier in Fergana an der Seidenstraße bis ins Finale kam. Dieser Erfolg brachte dem 22-Jährigen so viele Weltranglistenpunkte, dass er von Platz 278 auf Platz 218 kletterte. Ein wichtiger Sprung, denn damit kommt er in einen Bereich, in dem er Aussicht auf Startplätze im Hauptfeld von Challenger-Turnieren hat, die in weniger entlegenen Weltregionen stattfinden.

Bis zu den großen Turnieren der ATP-World-Tour, dort wo es 3000 Dollar nicht erst gibt, wenn man ins Endspiel kommt, sondern allein fürs Mitmachen, auch wenn man in der ersten Runde verliert, wo man also von Vornherein weiß, dass man das Geld fürs Flugticket wieder reinbekommt, ist es noch immer ein weiter Weg für Greg Jones. Dazu müsste er zu den Top 100 zählen. Bei weniger begehrten Turnieren reicht manchmal auch Platz 120 oder 130. Dazu müsste er noch fünf oder sechs weitere Challenger-Endspiele erreichen.

Erst ein einziges Mal stand er im Hauptfeld eines ATP-World-Tour-Turniers. Das war 2008 in seiner Heimatstadt Sydney kurz vor seinem 19. Geburtstag. Als heimische Nachwuchshoffnung bekam er eine Wild Card und verlor in der ersten Runde glatt gegen Agustin Calleri aus Argentinien. Seither bekam er nie wieder eine Wild Card.

Morgen aber beginnen die Campbell's Hall of Fame Tennis Championships in Newport, Rhode Island - eines der erstaunlichsten Tennisturniere der Welt, wie in diesem zwei- Jahre alten Artikel nachzulesen ist. Greg Jones steht im Hauptfeld.

Dass dort der Ranglistenplatz 140, 150 oder manchmal gar 160 für eine Teilnahme ausreicht, das war schon immer so, also jedenfalls schon so lange, wie meine Erinnerung und die im Internet abrufbaren Statistiken reichen. Newport liegt abseits der üblichen Reiserouten des Tenniszirkus, und es ist das einzige Rasenturnier, das nach Wimbledon ausgetragen wird, also nicht wie Halle, Queen's Club, 's Hertogenbosch und Eastbourne als Vorbereitung für Wimbledon dient.

Aber dass Platz 218 fürs Hauptfeld reicht, das hat es, soweit ich zurückblicken kann, selbst in Newport noch nicht gegeben, und es hat auch damit zu tun, dass ein paar Spieler sehr kurzfristig abgesagt haben und viele Nachrücker von den Ranglistenplätzen 150 bis 200 sich längst anderweitig orientiert hatten. Greg Jones wollte in Newport eigentlich die Qualifikation spielen, die Quali-Auslosung mit ihm als Teilnehmer war sogar schon abgeschlossen, als er doch noch direkt ins Hauptfeld rutschte mit seinem Platz 218.

2006 in Peking reichte mal Platz 205 fürs Hauptfeld. Das Glück der "last direct acceptance" traf seinerzeit den Japaner Go Soeda. Das Turnier in China war damals noch neu, und es gab das Masters in Schanghai noch nicht, zu dem die Spieler heutzutage von Peking aus gleich weiterreisen können. Peking hatte damals allerdings ein paar Spitzenspieler verpflichtet, allen voran Rafael Nadal. Da fiel es gar nicht auf, dass die zweite Garde im Teilnehmerfeld ungewöhnliche schwachbrüstig war.

Das ist in Newport anders. Wie schon häufiger in den vergangenen Jahren, liegen die Campbell's Hall of Fame Tennis Championships diesmal in derselben Woche wie das Davis-Cup-Viertelfinale. Eine Reihe Davis-Cup-spielender Spitzenkräfte fallen also schon mal von vornherein aus. Die meisten dieser Spitzenkräfte wären ohnehin nie auf die Idee gekommen, nach Newport zu fahren.

Nach den Absagen der beiden US-Amerikaner Mardy Fish (dem Titelverteidiger) und Sam Querrey war plötztlich Grigor Dimitrov (Bulgarien) mit Platz 64 der bestplatzierte Starter in Newport. Das ist selbst für die bescheidenen Newporter Verhältnisse unterirdisch. Man polierte die Lage ein bisschen auf, indem man nach Ende der Meldefrist noch John Isner (Nr. 31) eine Wild Card gab.

Muss man sich Sorgen machen um die Zukunft dieses ganz speziellen ATP-Turniers? Das Teilnehmerfeld entspricht der Paperform nach dem eines knapp überdurchschnittlichen Challengers. Die 250 Weltranglistenpunkte für einen Turniersieg sind der Papierform nach nirgends so leicht zu kriegen wie hier. Dennoch rufe ich an dieser Stelle - auch wenn vielleicht kein Entscheidungsträger mich hören wird - zur Verteidigung von Newport auf. Es ist das letzte Turnier, das sich vom ATP-Einheitsbrei abhebt. All die Standardturniere auf Sand und Hartplatz sind sich immer ähnlicher geworden, und auch der Rasen von Wimbledon ist so langsam, dass Sandplatz-Spezialisten dort ihr Spiel durchziehen können, sofern sie gelernt haben, dass man auf Rasen anders laufen muss als auf dem Sand, auf dem sie sonst herumschliddern. Nur in Newport kann noch - wie vor zwei Jahren - einer wie Rajeev Ram gewinnen.

Vielleicht kan Ram sein Husarenstück ja wiederholen und als Lucky Loser den Titel einfahren. Hätte noch ein weiterer Spieler abgesagt, dann wäre nach Greg Jones auch Rajeev Ram (Nr. 226) ins Hauptfeld nachgerückt. Nun aber spielt er morgen sein Qualifikations-Finale.

Und Greg Jones? Den ereilt vielleicht das Schicksal seines Landsmannes Adam Kennedy. Der war im August 2003 der letzte Spieler, der mit einem noch schlechteren Ranking als Jones direkt ins Hauptfeld eines ATP-Turniers rutschte. Damals fanden zwei eigentlich ganz ordentlich situierte Turniere in den USA (Los Angeles und Washington) parallel in derselben Woche statt. Das allein sorgte schon für schwache Hauptfelder. Dann gab es ein paar kurzfristige Absagen, viele mögliche Nachrücker standen längst auf Challengern in der Pflicht, und so reichte in Los Angeles Platz 376 für Adam Kennedy, in Washington Platz 303 für den damals gelegentlich noch Einzel spielenden Doppel-Dauergewinner Bob Bryan. Für die Veranstalter und Zuschauer war das verschmerzbar, denn beide Turniere hatten trotz allem ein beachtliches Star-Aufgebot
Bryan kam in Runde 2. Kennedy verlor in Runde 1 glatt gegen Mark Philippoussis. Das war der Höhepunkt seiner Karriere. Danach kehrte er zurück auf die drittklassige Future-Tour. Immerhin waren seine beiden letzten Gegner, eher er 2008 seine Karriere beendete, namhaft: Der heute in Newport an 1 gesetzte John Isner (damals die Nummer 839) und Amerikas einzige Nachwuchshoffnung Ryan Harrison (damals die Nummer 1363). Kennedy verlor gegen beide.


Hier die Auslosung aus Newport (PDF)

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