Sonntag, 28. August 2011

Schummel-Verdacht bei der US-Open-Auslosung

Hurrikan Irene ist vorbei, New York ist stehen geblieben, die US Open können morgen ohne Verzug beginnen. Werfen wir also einen Blick auf die Auslosung. Novak Djokovic trifft in der ersten Runde auf den irischen Qualifikanten Conor Niland (Nr. 199). Das war zu erwarten. Die topgesetzten Spieler bei den US Open haben seit Jahren immer extrem leichte Auftakthürden.

Der mit Abstand stärkste Erstrundengegner, mit dem es ein Weltranglistenerster bei den US Open in den vergangenen Jahren zu tun hatte, war 2010 der Russe Teimuras Gabaschwili (damals die Nummer 98). Die an Nr.1 und Nr. 2 gesetzten Spieler bekommen so gut wie immer Qualifikanten oder Wild-Card-Inhaber zugelost – Leute wie Devin Britton (2009, damals Nr. 1370) oder Scoville Jenkins (2007, damals Nr. 319). Das kann kein Zufall sein, meinen manche Leute. Und diese Meinung ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Zunächst einmal ist freilich festzustellen: So ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass man als gesetzter Spieler in Runde 1 auf einen Qualifikanten oder einen Wild-Card-Inhaber trifft. Im Einzelwettbewerb eines Grand-Slam-Turniers treten 128 Spieler an. 32 von ihnen sind gesetzt, 96 sind ungesetzt. Jedem gesetzen Spieler wird einer der 96 ungesetzten zugelost. Unter diesen 96 ungesetzten sind 16 Qualifikanten und 8 Wild-Card-Spieler. Zusammen machen sie also immerhin ein Viertel der ungesetzten Spieler aus. Zu erwarten wäre also, dass jemand wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer durchschnittlich einmal im Jahr bei einem der vier Grand-Slam-Turniere in Runde 1 gegen einen Qualifikanten oder Wild-Card-Spieler spielt.

Der oben zitierte amerikanische Sportsender ESPN hat die Auslosungen der Grand-Slam-Turniere unter die Lupe genommen und festgestellt: Bei den Australian Open, den French Open und Wimbledon gingen die Auslosungen über die vergangenen Jahre hinweg ziemlich genau so aus, wie es statistisch zu erwarten war. Bei den French Open sollen die Spitzenspieler in Runde 1 sogar überdurchschnittlich starke Gegner bekommen haben. Nur bei den US Open scheint irgendwas faul zu sein. Die Auftaktgegner für die Stars waren extrem schwach – unabhängig davon, ob sie nun Qualifikanten waren, Wild-Card-Spieler oder Spieler, die mit Hängen und Würgen regulär über die Weltrangliste ins Hauptfeld gerutscht sind. Eine Auslosungs-Simulation soll ergeben haben, dass bei den Männern nur in drei von 1000 Fällen die Auslosung für die Weltranglisten-Ersten und -Zweiten so leicht war, wie sie in den vergangenen Jahren tatsächlich ausfiel. Bei den Frauen sollen in keinem einzigen der 1000 simulierten Auslosungen so leichte Gegnerinnen herausgekommen sein wie in der Realität.

Nun ist ja bekanntlich der Haken bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass extrem unwahrscheinliche Ereignisse eben nur extrem unwahrscheinlich sind, aber nicht ausgeschlossen. (Wir erinnern uns an die Isner-Mahut-Wahrscheinlichkeit aus Wimbledon.)

Nichtsdestotrotz ist der amerikanische Tennisverband USTA in Erklärungsnöten. Denn das Motiv, die Auslosung zu manipulieren, liegt auf der Hand: Wenn ein Superstar schon in Runde 1 rausfliegt, gehen Medien- und Zuschauerinteresse im weiteren Turnierverlauf zurück. Da kann es nicht schaden, wenn Novak Djokovic und Rafael Nadal in Runde 1 gegen Leute spielen, gegen die sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewinnen.

Vielleicht sollte man, um Zweifel auszuräumen, dazu zurückkehren, weiße Kügelchen aus einer Glasschüssel zu ziehen, so wie wir es aus dem DFB-Pokal noch immer kennen. Wenn alle weißen Kügelchen, in denen sich die Namen der Spieler verstecken, gleich aussehen und irgendein Ex-Spieler in einer öffentlichen Zeremonie die Kügelchen in der Schüssel durchmischt, bevor er sie rausholt und öffnet, dann dürften die Chancen, irgendwas zu manipulieren, ziemlich gering sein.

Bei den US Open – und auch bei den meisten anderen Tennisturnieren – macht aber ein Computer-Zufallsprogramm die Auslosung. Das ist äußerst intransparent, denn kein normaler Mensch kann die Programmierung überprüfen.

Was ich mich jetzt frage, ist dies: Ist es ein Zeichen von Zufall oder von Manipulation, dass bei der US-Open-Auslosung an diesem Freitag – also nach dem kritischen ESPN-Bericht – die topgesetzen Spieler wieder so leichte Gegner bekommen haben? Ein cleverer Auslosungsmanipulator hätte ja nun mal für schwere Auftaktgegner für die Stars sorgen können, um zu beweisen, dass nicht manipuliert wird. Doch Novak Djokovic spielt – wie erwähnt – gegen Color Niland. Rafael Nadal spielt gegen Andrei Golubjew, einen der größten Dauerverlierer von 2011. Bei den Frauen spielt die topgesetzte Caroline Wozniacki gegen Nuria Llagostera Vives (Nr. 127), die an 2 gesetzte Vera Zvonareva gegen Stephanie Foretz Gacon (Nr. 115).

Hier die Auslosung der US Open

Sonntag, 21. August 2011

Florian Mayers rätselhafter Doppelpack

Nach einem langen Tag ein relativ kurzer Blogeintrag. Zum heutigen Thema weiß ich ohnehin keine ausführlichen Antworten. Ich wundere mich nur.

Ich wundere mich über Florian Mayer, der plötzlich Doppelspezialist geworden ist. In zwei Wochen hat er bei zwei Masters-Turnieren mit zwei verschiedenen Partnern jeweils das Doppel-Halbfinale erreicht. Mit Tomas Berdych (Tschechien) schlug er in Montreal zuerst Rafael Nadal und dessen Landsmann Marc Lopez, dann die ehemaligen Olympiasieger Mahesh Bhupathi und Leander Paes aus Indien und schließlich Andy Murray und dessen Bruder Jamie.

In dieser Woche in Cincinnati machte Flo an der Seite von Juan Sebastian Cabal (Kolumbien) weiter und bezwang unter anderem die Vorjahres-Wimbledonsieger Jürgen Melzer und Philipp Petzschner. In der Doppel-Weltrangliste klettert er damit innerhalb von 14 Tagen von Platz 136 auf voraussichtlich Platz 63.

Damit reicht er freilich lange noch nicht an seinen derzeit 24. Platz aus der Einzel-Rangliste heran. Apropos Einzel: In dieser Disziplin hat sich Flo in Montreal und Cincinnati so schwach präsentiert, wie seit Äonen nicht mehr, was seine Doppel-Erfolgsserie um so erstaunlicher macht. Er ging in der ersten Runde zwei Mal regelrecht unter. 3:6, 2:6 gegen Richard Gasquet (Frankreich) und 1:6, 3:6 gegen Ivo Karlovic (Kroatien). Für Chefaufschläger Karlovic, der zum Siegen normalerweise den Tie-Break braucht, war das der deutlichste Erfolg im Hauptfeld eines ATP-Turniers seit zweieinhalb Jahren.

Florian Mayers Doppel-Doppelpack finde ich auch deshalb so verwunderlich, weil er überhaupt keine doppeltypische Spielweise hat. Im Doppel zählen meistens Wumm und Reaktionsschnelligkeit – nicht die Mayer-typischen von langer Hand vorbereiteten Stopp-Bälle. Bisher waren Flos Doppel-Resultate denn auch eher bescheiden. Vor sechs Jahren stand er mal mit Alexander Waske im Endspiel von München – aber das reicht nicht annähernd an ein Masters-Halbfinale heran.

Ich würde ja gern mal was sehen von Florian Mayer als Doppelspieler im August 2011. Auf tennistv.com gibt es leider praktisch nur Einzel. Das einzige, was ich auf Youtube von einem Mayer/Cabal-Match in Cincinnati gefunden habe, war die Seitenwahl. Bei diesem Vorgang war Flo eindeutig der am wenigsten aktive Spieler auf dem Platz.

Dann gibt es noch dieses verwaschene Video mit viel Berdych und wenig Mayer aus Montreal. Aber auch daraus werde ich nicht wirklich schlau.

Edit: Hier noch ein Youtube-Clip mit ein paar Ballwechseln von Mayer und Cabal. (Dank an em_ampm via Twitter.)

Hier die Doppel-Ergebnisse aus Montreal (PDF)

Und aus Cincinnati (auch PDF)

Sonntag, 14. August 2011

George Bastl hat sich die Barthaare geschnitten



Der Bart von Matthias Holst ist immer noch nicht ab. Das Foto des aus Husum stammenden Innenverteidigers von Hansa Rostock ging in dieser Woche durch die Republik. Vor einem Jahr setzte ihn eine Knieverletzung außer Gefecht. Er will sich erst wieder rasieren, wenn er wieder ein Pflichtspiel bestreitet. Heute beim 0:0 in Duisburg saß Holst auf der Bank – und wurde nicht eingewechselt. Also kann er sich frühestens am nächsten Freitag nach dem Heimspiel gegen Aachen rasieren.

Aber nun zum Tennis. Holsts Bild erinnerte mich an ein anderes Bild: Das von George Bastl.



Und jetzt die schockierende Nachricht: Bastls Bart ist ab! Jedenfalls zu relevanten Teilen. Neulich beim ATP-Turnier in Gstaad trug er statt seines Rausche- nur noch einen Ziegenbart. Das Drama ist in eidgenössischen Medien dokumentiert.

Auch George Bastl hatte eine Knieverletzung. Die war aber, soweit ich er überblicken kann, nicht so langwierig wie die von Matthias Holst, und außerdem trug Bastl seinen prächtigen Bart schon vor der Verletzung und nahm ihn erst Monate nach seiner Rückkehr auf den Court wieder ab.

George Bastl, ein in den USA geborener Schweizer, ist 36 Jahre alt und aktuell die Nummer 845 der Welt. Es ist anderthalb Jahre her, dass ich ihn das letzte Mal erwähnte: Es ging um Männer, die älter sind als Rainer Schüttler und immer noch auf der ATP-Tour aktiv.

Neun Jahre ist es her, dass George Bastl für einen Tag richtig berühmt war. In der zweiten Runde von Wimbledon 2002 gewann er - glattrasiert - gegen Pete Sampras mit 6:3, 6:2, 4:6, 3:6, 6:4. Es war Sampras' letztes Match auf dem heiligen Rasen. Zuvor hatte Sampras in Wimbledon elf Jahre lang fast nie verloren, und wenn, dann nur gegen Spieler, die selber entweder in demselben Jahr oder später Wimbledonsieger wurden. George Bastl war damals die Nummer 145 der Welt. Seine höchste Platzierung, die er jemals erreichte, war Nr. 71. Das Match fand auf Platz 2 statt, dem so genannten „Friedhof der Stars“. Pete Sampras ist heute noch sauer deshalb. Also, jedenfalls war er 2008 noch sauer, als seine Autobiographie „A Champion's Mind“ erschien. Er habe sonst immer auf dem Center Court oder auf Court 1 gespielt. Court 2 war für ihn „unfamiliar territory“ (S. 255). Sampras behauptet, er habe in den ersten beiden Sätzen noch nicht einmal schlecht gespielt, es habe ihm bloß an Selbstbewusstsein gefehlt. Dieses Match, diese Niederlage war wohl der letzte Auslöser dafür, dass Pete Sampras seine Karriere beendete – ohne weitere desaströse Niederlagen. Es war das letzte Grand-Slam-Match, das Pete Sampras verlor. Ein paar Wochen später gewann er seinen letzten Titel bei den US Open und beendete seine Karriere.

Und George Bastl – der spielt immer noch. Und das finde ich fast kurioser als die Sache mit seinem Bart. Seine Ergebnisse erinnern mich fast an die von Thomas Muster, nur dass Bastl nicht zwischendurch zwölf Jahre pausiert hat, sondern die ganze Zeit durchspielte. Wild Cards bekommt er allerdings seltener als Muster. Also reist er rund um die Welt immer dorthin, wo er ein möglichst großes Turnier findet, bei dem er mit seiner Ranglistenposition zumindest in die Qualifikation kommt. Meistens also verliert er. Aber anders als Pete Sampras, scheint ihm das den Spaß an seinem Beruf nicht zu verderben.

Montag, 8. August 2011

Ein kleiner Dancevic-Chvojka-Tomic-Eklat in Montreal

Heute blicken wir mal nach Kanada. Keine wirklich große Tennisnation, aber eine mit einem sehr traditionsreichen Turnier, einem, das zudem eine Skurrilität innerhalb des Tenniszirkus darstellt: Das kanadische ATP-Masters hat kein festes Zuhause. Sein Pendant auf der WTA-Frauentour auch nicht. Die Turniere werden immer abwechselnd in Toronto und Montreal ausgetragen. Immer dort, wo die Frauen sind, sind die Männer nicht. In ungeraden Jahren spielen die Männer in Montreal und die Frauen in Toronto. In geraden Jahren ist es umgekehrt. Das geht schon seit über 30 Jahren so, und es geht anscheinend ganz gut. Jedenfalls habe ich bisher nichts davon gehört, dass die englischsprachigen und die französischsprachigen Kanadier in Tennisangelegenheiten miteinander in Streit geraten wären. Man hat sich arrangiert.

Was nicht heißt, dass alles in Butter ist in Tennis-Kanada. An diesem Montag beginnt das ATP-Masters von Montreal. Man freute sich auf den Auftritt von Milos Raonic. Der 20-Jährige, der im Frühjahr einen beeindruckenden Höhenflug hingelegt hatte, ist seit Jahrzehnten der erste Kanadier, der in Montreal/Toronto ohne Wild Card direkt fürs Hauptfeld qualifiziert war. Aktuell ist er die Nummer 29 der Welt. In Wimbledon, und damit kurz vor Beginn der amerikanischen Hartplatz-Saison, hat er sich verletzt. Irgendwas an der Hüfte. Was genau, weiß man nicht. Er wurde operiert und ist jetzt wohl auf dem Wege der Besserung. Aber in Montreal ist er nur als TV-Kommentator im Einsatz, nicht als Spieler.

Also ruhen wieder alle kanadischen Hoffnungen auf den Wild-Card-Spielern von Platz Hundertnochwas. Einer von denen, nämlich Frank Dancevic, hat vor vier Jahren in Montreal sogar mal das Viertelfinale erreicht. In Toronto erreichte er zwei Mal die zweite Runde. Er ist 26 Jahre alt und als Nummer 179 aktuell der bestplatzierte Kanadier nach Milos Raonic. In diesem Jahr indes gab es einen kleinen Eklat um Frank Dancevic. Nach acht Wild Cards in acht Jahren fand man beim kanadischen Tennisverband, dass man auf die neunte Wild Card verzichten sollte.

Vier Wild Cards hat der kanadische Tennisverband jedes Jahr zu verteilen. Eine ging diesmal an den drittbesten Kanadier, den 21-jährigen Vasek Pospisil (Nr. 186). Zwei weitere sollten an den viert- und den fünftbesten Kanadier, Philip Bester (22 Jahre/Nr. 258) und Peter Polansky (23 Jahre/Nr. 291) gehen. Aber beide sagten ab. Polansky hat was an der Leiste, Bester am Handgelenk.

Jetzt wenigstens hätte Dancevic ja nachrücken können, aber beim Tennisverband blieb man dabei, dass der Mann nach so langer Zeit nun endlich mal keine Wild Card bekommen soll. Dancevic, der in diesem Sommer immerhin die Qualifikation für die French Open und für Wimbledon schaffte, empfand das als Affront und beschloss, dann auch nicht zur Qualifikation in Montreal anzutreten. Lieber wollte er die Qualifikation für das 50.000-Dollar-Challenger-Turnier in Binghamton (New York) bestreiten. Dort wäre er auch ohne Quali locker im Hauptfeld gewesen, hätte er sich rechtzeitig vier Wochen im Voraus angemeldet. Aber vor vier Wochen vertraute er wohl noch auf die Montreal-Wild-Card.

Die Turnierveranstalter suchten nun noch weiter hinten in der Weltrangliste und fanden auf Platz 315 einen weiteren Kanadier, den 24-jährigen Erik Chvojka, und gaben ihm die zweite Wild Card. Wild Card Nummer 3 ging an Ernests Gulbis aus Lettland (22 Jahre/Nr. 55), eine nachvollziehbare Wahl, hat er doch erst vor zwei Wochen das ATP-Turnier von Los Angeles gewonnen, gilt trotz einiger Rückschläge als mögicher kommender Star und hat auch dank seiner attraktiven Spielweise eine ansehnliche Fangemeinde.

Wild Card Nummer 4 geht an Bernard Tomic (Nr. 71), den im Stuttgart geborenen 18-jährigen Australier mit kroatischen Eltern. Auch er eine nachvollziehbare Wahl, nachdem er jüngst mit seinem Wimbledon-Viertelfinale für Furore sorgte.

Dennoch spricht einiges dafür, dass die Wild Card für Tomic ein heftiges Geschmäckle hat. In dem oben bereits verlinkten Bericht heißt es, als Gegenleistung für Tomics Wild Card habe dessen Management-Firma IMG, die zugleich das Frühjahrs-Turnier in Miami ausrichtet, zugesichert, dort im kommenden Jahr einer kanadischen Spielerin eine Wild Card zu geben. Wenn das zutrifft, ist das ein Verstoß gegen das ATP-Regelbuch. Dort heißt es auf Seite 68: „Tournaments may not receive compensation and players may not offer compensation in exchange for the awarding of a wild card.“ Nun mag man argumentieren, mit „compensation“ sei nur Geld gemeint, das hielte ich aber für eine etwas zu enge Auslegung.

Bei Grand-Slam-Turnieren sind Wild-Card-Austauschprogramme zwischen den veranstaltenden Nationen gang und gäbe. Aber die Grand Slams werden nicht von der ATP veranstaltet, sondern vom Tennis-Weltverband ITF, und der hat seine eigenen Regeln. Aber vermutlich wird auch die ATP die Sache mit der Tomic-Wild-Card nicht weiter verfolgen. Wenn es denn dem Geschäft nützt, nimmt man es dort mit den eigenen Regeln nicht so genau. Das haben wir ja auch beim Hamburger Rothenbaum-Turnier gesehen, das trotz aller Anti-Sportwetten-Bekundungen seitens der ATP einen Sportwettenanbieter als Namenssponsor tragen durfte. Wenn man Michael Stich im fernen Hamburg schon nicht mit dem Regelbuch kommt, dann wird Montreal, geschweige denn der Management-Gigant IMG aus Florida, erst recht nichts zu befürchten haben.

Und Frank Dancevic, der ist nie angekommen in Binghamton, New York, wo er aus Protest die Qualifikation spielen wollte. Er kam nur bis zu den Niagarafällen. Dort streckte ihn eine Bronchitis nieder.

Hier die Auslosung für das ATP-Masters in Montreal.
Übrigens mit erstaunlich vielen Deutschen. Neben den direkt qualifizierten Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber ist auch Tommy Haas dank seinem Nach-Verletzungspausen-„Protected Ranking“ am Start, und Philipp Petzschner und Tobias Kamke haben beide die Qualifikation geschafft. Edit: Und Tommy Haas hat schon wieder verletzt abgesagt.

Und hier die Auslosung fürs Doppel
Inklusive dem 38-jährigen Daniel Nestor, der Nummer 4 der Doppel-Weltrangliste, der einer der ganz wenigen derzeit unverletzten kanadischen Tennisprofis ist.

Montag, 1. August 2011

Manche Länder dopen mehr als andere, oder?

Es gab mal wieder einen Dopingfall auf der ATP-Tour in dieser Woche. Diesmal ist es der 31-jährige Kalifornier Robert Kendrick (Nr. 105).

Vielleicht erinnert sich irgendjemand: Vor fünf Jahren, in Wimbledon 2006, war er drauf und dran, Rafael Nadal zu bezwingen. Nach einer 2:0-Satzführung verlor er ganz knapp in fünf Sätzen. In diesem Jahr sagte er seine Wimbledon-Teilnahme ganz kurzfristig ab. Jetzt wissen wir, warum: Er hatte erfahren, dass er kurz zuvor bei den French Open positiv auf eine Substanz namens Methylhexanamine getestet wurde. Im irischen Blog Shank Tennis ist der Vorgang sehr schön aufgedröselt.

Hier die dazugehörige Pressemitteilung des Tennis-Weltverbandes ITF

Und hier die vollständige Urteilsbegründung (PDF)

Kurz zusammengefasst: Kendrick sagt, die Dopingsubstanz stamme aus einem Mittel, das er gegen den Jetlag eingenommen habe, weil er erst ganz kurzfristig aus Amerika nach Paris geflogen sei, weil er so lange wie möglich bei seiner schwangeren Freundin bleiben wollte. Er habe sich mit seinem Trainer beraten, ob das Anti-Jetlag-Mittel wohl unbedenklich sei. Außerdem habe er gegoogelt und sei auf eine Blog-artige Internetseite gestoßen, auf der gestanden habe, dass das Mittel unbedenklich sei.

So klingt dies alles nach einem verzeihlichen Versehen, das im Normalfalle höchstens eine dreimonatige Sperre nach sich zieht. Das ITF-Anti-Doping-Tribunal kommt aber zu einem anderen Schluss: Es fragt, wieso ein so erfahrener Spieler wie Kendrick nur seinen Coach konsultiert und ein bisschen rumgegoogelt hat, anstatt einen Arzt oder Apotheker fragen. Auch habe er nicht bei der Doping-Hotline angerufen, bei der jeder Spieler um Rat fragen kann. Deshalb das relativ harte Urteil: Ein ganzes Jahr Sperre.

Über Doping habe ich in den letzten drei Jahren ein halbes Dutzend Mal geschrieben, zum Beispiel hier und hier.

Aber man findet doch immer wieder neue Aspekte, unter denen sich das Thema betrachten lässt. Zum Beispiel das Thema Vorurteile. Ich habe vorhin mal versucht, eine Rangliste aufzustellen, in der ich die Top 50 danach sortierte, von wem ich am ehesten glaube, dass sie gedopt sein könnten. Diese Liste werde ich hier nicht veröffentlichen, dafür wären die damit verbundenen Verdächtigungen viel zu haltlos. Ein bisschen was sei aber verraten: Diese Liste zeigte eindeutig, wo meine Vorurteile liegen. Offensichtlich glaube ich, dass Südeuropäer mehr dopen als Nordeuropäer, Osteuropäer mehr als Westeuropäer, Amerikaner sowieso mehr als Europäer und Südamerikaner mehr als Nordamerikaner.

Teilweise kann ich mir erklären, wie ich zu diesen Vorurteilen gekommen bin. Natürlich hat es mit Dopingfällen aus der Vergangenheit zu tun. Der letzte halbwegs prominente Doper, der vor Robert Kendrick erwischt wurde, war ebenfalls US-Amerikaner: Wayne Odesnik Anfang 2010. Vor ein paar Jahren gingen den Fahndern ein paar Argentinier ins Netz. Auch Osteuropäer wurden schon erwischt: Karol Beck (Slowakei) zum Beispiel und – ganz lange her, aber als Nummer 2 der Welt der prominenteste von allen: Petr Korda (Tschechien).

Und dann hat es was mit der Spielweise zu tun. Doping hilft bei Kraft und Ausdauer. Fürs Ballgefühl hilft es eher nicht. Also trifft mein Vorurteil Spieler aus Ländern, in denen typischerweise viel mit Kawumm auf den Ball gedroschen wird. Zum Beispiel Spanien. Nun kommt auch noch hinzu, dass die spanischen Tennisspieler einen ganz berüchtigten Landsmann haben, nämlich Dr. Fuentes, der Mann, der einst Jan Ullrich dopte und viele andere Fahrradfahrer ebenfalls. Eufemiano Fuentes raunte einmal, zu seinen Kunden würden auch Tennisspieler zählen. Aber wer sagt eigentlich, dass es spanische Tennisspieler gewesen sein müssen? Es waren ja auch nicht bloß spanische Radfahrer, die er dopte.

Ich habe die Liste der ITF-Doping-Entscheidungen, die online bis zurück ins Jahr 2004 abrufbar ist, durchgeblättert. Es war kein einziger Spanier dabei, der irgendwelche Spuren auf der ATP-Tour hinterlassen hätte. Nur Leute wie Alejandro Vargas-Aboy (Ex-Nr. 329) oder Luis Feo Bernabé (Ex-Nr. 731). Da kommen die Deutschen (Westeuropäer, Nordeuropäer...) nicht besser weg. Deutsche und andere Mitteleuropäer lassen sich allerdings in der Regel nicht mit Testosteron oder so erwischen, sondern beim Koksen und Kiffen. So ging es den weniger berühmten Holger Fischer (aktuell Nr. 445), Franz Stauder (Ex-Nr. 322) und dem später inhaftierten Maximilian Abel (Ex-Nr. 183) , aber auch Richard Gasquet (Frankreich, aktuell Nr. 13) und Martina Hingis (Schweiz/ Ex-Nr.1).

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