Montag, 31. Oktober 2011

Challenger-Tourfinale mit einem Geisterfahrer namens Bellucci

Voriges Jahr im August machte ich mir mal den Spaß, eine Eine Challenger-Weltrangliste aufzustellen. Eine Rangliste also, die Aufschluss darüber gibt, welche Spieler in der zweiten Liga des Profizirkus am erfolgreichsten sind. Die Spanier Pere Riba und Ruben Ramirez-Hidalgo führten damals vor Alexander Dolgopolow aus der Ukraine.

Aus Spaß ist Ernst geworden. Inzwischen führt die ATP eine solche Rangliste ganz offiziell – und das aus einem guten Grunde. In zwei Wochen beginnt in Brasilien das erste „Challenger Tour Finals“. Es funktioniert fast genau wie das große „World Tour Finals“ (dem ehemaligen Masters-Finale) in London, nur dass halt statt Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer Leute antreten, von denen der Gelegenheitsfan bis dato nichts gehört hat und dass deutlich weniger Preisgeld und deutlich weniger Weltranglistenpunkte verteilt werden. Wie beim großen Masters-Finale spielen die acht besten Spieler des abgelaufenen Jahres in zwei Vierergruppen, deren Erst- und Zweitplatzierte dann im Halbfinale die beiden Endspielteilnehmer ermitteln.

Ein feiner Unterschied: Anders als beim großen Masters-Finale sind auch Deutsche qualifiziert, und zwar gleich drei Stück: Matthias Bachinger (Nr. 90), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 99) und Andreas Beck (Nr. 110). Ein Grund mehr, mal einen genaueren Blick auf die Veranstaltung zu werfen, die vom 14. bis zum 20. November auf Hartplatz in einer Halle in Sao Paolo ausgetragen wird.

Es geht um ein Gesamt-Preisgeld von 220.000 Dollar (155.500 Euro). Das ist deutlich mehr, als es sonst bei Challenger-Turnieren zu gewinnen gibt, aber deutlich weniger als bei Turnieren der ATP-World Tour. Weil nicht 32 Spieler am Start sind wie bei normalen Challengern, sondern lediglich acht, bleibt für jeden Starter ein ganz erkleckliches Sümmchen. Der Gesamtsieger bekommt, sofern er alle Vorrundenmatches gewinnt, 91.000 Dollar. Das ist mehr als das Mindest-Preisgeld für einen Sieg bei einem Turnier 250er-Turnier der World Tour. Allein für die Teilnahme gibt es 6.300 Dollar. Auch das ist mehr, als für man als Erstrundenverlierer eines kleinen 250er-Turniers bekommt.

Bei den Weltranglistenpunkten kann das Challenger-Finale mit den 250er-Turnieren indes nicht mithalten. Der Sieger bekommt höchsten 125 Punkte, also die Hälfte dessen, was es bei einem 250er-Turnier gibt. Das ist so viel, wie es auch bei den höchstdotierten normalen Challengern für den Titel gibt. Für jeden Vorrundensieg gibt es 15 Punkte, für einen Sieg im Halbfinale zusätzlich 30 und für einen Finalsieg weitere 50 Punkte.

Ein paar Unterschiede zum echten World-Tour-Finale gibt es in der Art und Weise, wie die Teilnehmer des Challenger-Finals ermittelt werden. Gewertet werden die zehn besten Challenger-Resultate des Jahres bis vier Wochen vor Beginn des Challenger-Finals. Das Challenger-Finale selbst findet nicht wie das große Finale nach Abschluss der gesamten Saison statt, sondern in der vorletzten Woche (eine Woche vor dem großen World-Tour Finale), während parallel noch weitere Challenger-Turniere stattfinden – darunter das traditionell sehr stark besetzte in Bratislava.

Schaut man sich die ATP-Challenger-Rangliste an, stellt man fest, dass nicht alle Spieler, die für das Challenger-Finale qualifiziert sind, die Reise nach Südamerika tatsächlich auf sich nehmen wollen. Einige bleiben lieber in Europa. Lukas Rosol (Tschechien) und Denis Istomin (Usbekistan) zum Beispiel, die Nummern 4 und 6 der Challenger-Rangliste, spielen lieber das besagte Turnier in Bratislava.

Folgende acht Spieler gehen in Sao Paolo an den Start:

1 Rui Machado (Portugal/Nr. 77/Nr. 1 der Challenger-Rangliste)
2 Martin Klizan (Slowakei/92/3)
3 Andreas Beck (Deutschland/110/5)
4 Matthias Bachinger (Deutschland/90/6)
5 Dudi Sela (Israel/91/9)
6 Bobby Reynolds (USA/120/11)
7 Cedrik-Marcel Stebe (Deutschland/99/12)
8 Thomaz Bellucci (Brasilien/38/-)

Aufmerksamen Lesern wird auffallen: Einer dieser Spieler passt nicht zu den anderen. Thomaz Bellucci. Nummer 38 der Welt. Er hat in diesem Jahr kein einziges Challenger-Turnier bestritten. Warum sollte er auch? Er ist ein etablierter Spieler auf der ATP-World-Tour. Anders als beim echten World-Tour-Finale sind beim Challenger-Finale nicht die besten acht Spieler qualifiziert, sondern die besten sieben. Der achte Platz wird über eine Wild Card vergeben. Das wäre sinnvoll, hätten sich die brasilianischen Organisatoren für einen Landsmann wie Rogerio Dutra Silva oder Ricardo Mello – Leute, mit denen das Publikum mitfiebern kann und die in diesem Jahr auf der Challenger-Tour tatsächlich ein bisschen was gerissen haben. Stattdessen nahmen sie Thomaz Bellucci. Den mit Abstand besten und populärsten Tennisspieler Brasiliens. Das wird sicher ein paar Zuschauer mehr in die Halle locken. Aber der Knackpunkt ist doch: Bellucci ist zwar Sandplatzspezialist, aber auf Hartplatz immer noch stark genug, um eine sehr gute Chance auf den Titel beim Challenger-Finale zu haben. Wenn aber ein Spieler das Finalturnier der besten Challenger-Spieler gewinnt, der im ganzen Jahr kein einziges Challenger-Turnier bestritten hat, dann wird diese Veranstaltung – dessen Idee ich im Prinzip großartig finde - gleich bei ihrer ersten Auflage zur Farce.

Hier die Challenger-Rangliste für 2011

Hier die offizielle Webseite des Challenger-Finals

Sonntag, 23. Oktober 2011

Respekt für Thomas Muster

Also, ein bisschen albern war es ja schon, was sich Thomas Muster vor bald anderthalb Jahren ausgedacht hat: Mit fast 43 Jahren einfach noch mal zurückzukehren auf den Tenniszirkus. Seither hat er 20 Matches auf der Challengertour verloren und drei auf der ATP-World-Tour (eins davon in der Qualifikation) – aber immerhin zwei Challenger-Matches hat er gewonnen.

In der kommenden Woche tritt der ehemalige Weltranglistenerste aus der Steiermark beim 250er-Turnier in der Wiener Stadthalle an. Und diesmal soll es tatsächlich sein letzter Auftritt auf der großen Tennisbühne sein. Zeit also, ein Fazit seiner zweiten Karriere zu ziehen. Das Fazit lautet: Respekt! Das war eine reife Leistung. Auch wenn er die meisten Matches verloren hat, und viele davon klar, hat er gezeigt, dass er als Mittvierziger besser mit den jungen Hüpfern mithalten kann, als man im Voraus hätte erwarten können. Auch wenn es schade sein mag, dass er rund zwei Dutzend Wild Cards verbraucht hat, die aufstrebende Talente besser hätten gebrauchen können, war es eine starke Show, die das Herrentennis 2010 und 2011 um ein kurioses Detail bereichert hat.

Er ist in manchen Spielen baden gegangen, aber ein 0:6, 1:6 gab es nie. Er hat immer mindestens drei Spiele gewonnen. Der Mann hat wirklich noch richtig Power – und er hat Puste! Vor wenigen Wochen in Todi (Italien) schlug er Leonardo Mayer (Argentinien, seinerzeit Nr. 119) in einem Dreisatz-Match, das über zwei Stunden dauerte.

Wie viel Respekt sich Muster erspielt hat, sieht man an den Wettquoten für sein Erstrundenmatch in Wien. Ich habe vorhin bei Bwin, nachgesehen. Sein Gegner Dominic Thiem wird als Favorit gehandelt, aber nur ganz leicht. Reich wird man nicht, wenn man auf Muster tippt und damit richtig liegt. Nun liegt Thiem (Nr. 1897) in der aktuellen Weltrangliste sogar noch hinter Muster (Nr. 1073), aber das liegt nur daran, dass der 18-jährige Nachwuchs-Ösi auf der Erwachsenentour noch nicht viele Matches bestritten hat. Neulich in Bangkok verlor Thiem gegen Jarkko Nieminen – immerhin heute Endspielteilnehmer beim 250er-Turnier in Stockholm – erst mit 5:7 im dritten Satz. Doch in der ausverkauften Wiener Stadthalle gegen die größte Tennislegende der Nation dürfte es nicht einfach werden für Thiem. Wäre nicht uncool, wenn Thomas Muster zum Abschied tatsächlich noch mal ein Match auf der ATP-World-Tour gewönne. In der zweiten Runde wartet dann eventuell Nikolai Dawidenko (Russland/Nr. 38) – und wenn der spielt, weiß man ja vorher nie, wie es ausgeht.

Seltsam freilich, dass Muster in Runde 1 ausgerechnet gegen den nominell schwächsten Gegner des Tableaus gelost wird. Man mag sich da in die jüngsten Spekulationen um gezinkte Auslosungen erinnern. Aber hier scheint tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Die Auslosung war öffentlich und mit Jürgen Melzer als Glücksfee. Manipulation wäre da ausgesprochen aufwendig gewesen.

Thomas Muster verabschiedet sich in Wien offiziell nur von der ganz großen Tennis-Bühne. Danach wird er mindestens noch ein Challenger-Turnier bestreiten, nämlich in Salzburg (14. bis 20. November). Ob danach wirklich Schluss ist? Skepsis ist angebracht. Neulich sagte er, er habe seiner Frau versprochen, mit 45 Jahren nicht mehr ständig zu Tennisturnieren zu reisen. Bis zum 2. Oktober 2012 ist Thomas Muster noch 44.

Hier die Auslosung vom ATP-Turnier in der Wiener Stadthalle

Sonntag, 16. Oktober 2011

Rafael Nadal auf dem Weg ins deutsche Steuerparadies

Philipp Kohlschreiber gegen Philipp Petzschner – in Halle/Westfalen gab es in diesem Jahr das erste rein deutsche Endspiel eines deutschen ATP-Turniers seit 38 Jahren. Wenn alles glatt geht, sind die Chancen auf eine Wiederholung im kommenden Jahr eher mau. Denn wenn alles glatt geht, dann gehen 2012 in Halle Rafael Nadal und Roger Federer als die haushohen Favoriten ins Turnier.

Man spricht von einer Million Euro, die die Veranstalter der „Gerry Weber Open“ an Nadal zahlen, damit er in NRW auftritt und nicht, wie in den vergangenen Jahren, im Londoner Queen's Club. Eine Million – das ist ungefähr das Gesamtpreisgeld, das am Hamburger Rothenbaum gezahlt wird, was offiziell noch immer das größte deutsche Tennisturnier ist und wo es nach wie vor doppelt so viele Weltranglistenpunkte gibt wie in Halle.

Roger Federer hat längst einen Dauervertrag mit den „Gerry Weber Open“, der auch nicht gerade niedrig dotiert sein dürfte. Allerdings kam es in diesem Jahr nicht zum ersten Mal vor, dass Federer kurzfristig absagte, weil er am Sonntag vor Turnierbeginn ein kraftraubendes French-Open-Finale zu bestreiten hatte. So etwas kann mit Nadal freilich ebenfalls geschehen. Einmal in seiner Karriere war Nadal schon in Halle. Das war 2005 unmittelbar nach seinem ersten French-Open-Sieg. Er kam ausgelaugt an und verlor gleich in Runde 1 gegen Alexander Waske.

Der Nadal-Deal dürfte als Haller Sicht dazu dienen, dafür zu sorgen, dass wenigstens einer der ganz großen Stars nach NRW kommt. Richtig problematisch wird es dann erst, wenn Nadal und Federer wieder im Endspiel von Paris aufeinandertreffen sollten, wie in diesem Jahr geschehen. Aber da mag Novak Djokovic vor sein, der – soviel man bisher weiß, seine Wimbledon-Vorbereitung weiterhin – wenn überhaupt - im Londoner Queen's Club zu beginnen beabsichtigt. Aber auch er hat die Woche nach den French Open in den vergangenen Jahren gelegentlich ausfallen lassen. Der einzige Topstar, auf den man sich im Queen's Club noch verlassen kann, ist mithin der britische neue Weltranglistendritte Andy Murray, dem auch kaum was anderes übrig bleibt, will er als Schotte in England nicht völlig untendurch sein.

Halle könnte damit dem Queen's Club den Rang als wichtigstes Rasenturnier nach Wimbledon ablaufen. Das Brisante daran ist Rafael Nadals Begründung, warum er lieber in Deutschland spielt als in Großbritannien: In Deutschland zahlt er weniger Steuern, und zwar nach seinen Berechnungen (oder vermutlich den Berechnungen seines Management) deutlich weniger. In Großbritannien nämlich müssen Sportler neuerdings nicht nur 50 Prozent ihres Preisgelds/Gehalts abführen, sondern auch 50 Prozent aller Sponsorengelder, die sie einnehmen, während sie sich im Vereinigten Königreich befinden. Dabei wird offenbar einfach pro Tag ein 365stel (oder – 2012 ist ein Schaltjahr – ein 366stel) der jährlichen Sponsoreneinnahmen als Basis genommen. Laut Nadal könnte er deshalb, wenn ihm im Queen's Club ein ähnliches Schicksal ereilt wie 2005 in Halle gegen Alexander Waske, am Ende mehr Steuern zahlen müssen, als er bei diesem Turnier an Preisgeld gewinnt. Diese Regelung ist noch von der im vergangenen Jahr abgewählten Labour-Regierung eingeführt worden. Möglich, dass die Sportler jetzt darauf setzen, dass die konservativ-liberale Koalition sie wieder kassiert. Angesichts des radikalen Sparkurses, den die britische Regierung derzeit fährt, wäre das allerdings eine seltsame Entscheidung.

Als ich von dieser Geschichte hörte, dachte ich an die Fifa und ihr Prinzip, Fußball-Weltmeisterschaften nur dort auszutragen, wo man ihr Steuerfreiheit gewährt, was so gut wie jedes Land bereitwillig tut. Für die WM 2006 war es offenbar – es muss 1998 oder 1999 gewesen sein, der damalige Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, der den Milliarderos aus Zürich dieses Privileg gewährte.

Gegenüber Rafael Nadal wird man vermutlich nicht ganz so großzügig sein wie gegenüber Sepp Blatter. Aber so ganz absurd ist es nicht, dass ein internationaler Niedrigsteuerwettbewerb um die größten Sportstars eintritt. Die britische Sportlerbesteuerung jedenfalls hat auch schon Widerstand aus der Fußball-Premier-League hervorgerufen, wo man über bedrohliche Wettbewerbsnachrichten sinniert.

Eines aber scheint mit gewiss, und das ist die gute Nachricht: Der All England Lawn Tennis Club wird für keine Steuerersparnis der Welt von Wimbledon aufs Festland umziehen. Und Rafael Nadal wird nicht wegen der Steuer auf Wimbledon verzichten.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Wer schafft es nach London?

Wieder einmal neigt sich eine Saison mit aller Macht dem Ende entgegen. Wieder einmal ist es höchste Zeit, einen Blick darauf zu werfen, welche acht Spieler wohl ab dem 20. November am großen Finale in London (WTF) teilnehmen werden. Das ist nicht mehr lange hin, aber es sind noch eine ganze Reihe Punkte zu vergeben. Heute beginnt das Masters in Schanghai, es folgen zwei Wochen mit 250er-Turnieren, die für die höheren Sphären der Rangliste, um die es hier geht, von nur nachrangiger Bedeutung sind, aber dann kommen noch parallel die 500er-Turniere von Basel und Valencia und zum Abschluss das Masters von Paris-Bercy.

Das hier ist der aktuelle Stand des „ATP-Year-To-Date-Ranking“:
http://www.atpworldtour.com/Rankings/YTD-Singles.aspx

Diese Liste entspricht der Weltrangliste ohne die Punkte, die die Spieler noch aus dem Herbst des vergangenen Jahres auf ihrem Konto haben und die sie also bis zur Entscheidung um die Teilnahme am WTF einbüßen werden. Novak Djokovic, Rafael Nadal und Andy Murray sind bereits qualifiziert. Auch Roger Federers Vorsprung auf Platz 9 ist so groß, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in London spielen darf, selbst wenn er bis dahin kein einziges Match mehr gewinnen sollte. Auch um David Ferrer auf Platz 5 muss man sich wohl keine Sorgen machen. (Es sei denn, man findet, wofür es Gründe gibt, seine Spielweise so öde, dass man ihn lieber nicht dabei hätte in London. Dann in der Tat müsste man sich sehr, sehr große Sorgen machen.)

Es folgen auf den Plätzen 6 bis 8 Jo-Wilfried Tsonga (ab morgen 2870 Punkte), Mardy Fish (2865) und Tomas Berdych (2530). Ich glaube, damit haben wir die Teilnehmer des Tourfinales tatsächlich bereits zusammen. Von Nicolas Almagro auf Platz 9 (2280) wird wird während der europäischen Hallensaison nicht viel zu erwarten sein – außer vielleicht daheim in Valencia, aber das wird nicht reichen, denn Tsonga, Fish und Berdych sehen nicht so aus, als würden sie großartig zu schwächeln beginnen in den kommenden Wochen. Auf Platz 10 folgt Robin Söderling (2080), der im Moment sein Pfeiffersches Drüsenfieber auskuriert und möglicherweise bis Ende der Saison überhaupt nicht mehr auf die Tour zurückkehrt. Gefahr für die Top 8 droht, wenn überhaupt, höchstens noch von den Plätzen 11 und 12. Gilles Simon (2065) und Juan Martin del Potro (2050) haben allerdings schon fast 500 Punkte Rückstand auf Berdych. Wenn aber einer der beiden einen Masters-Titel holt, ist das ganz fix aufgeholt. Del Potro lässt in dieser Woche Schanghai ausfallen, was aber wohl nicht an einer ernsthaften Verletzung liegt, sondern daran, dass er eine Erholungspause braucht. Wenn er danach wieder zu der Form zurückfindet, die er im Frühjahr hatte, können wir von ihm noch einiges erwarten. Gilles Simon habe ich vor allem deshalb auf der Rechnung, weil ich vor drei Jahren schon einmal einen Final-Ausblick geschrieben habe – und schrieb: „Unter den ersten acht kann ich mir Gilles Simon beim besten Willen nicht vorstellen.“ Am Ende war er Achter. Geschichte wiederholt sich manchmal, also bin ich vorsichtig. Dafür kann ich mir diesmal Janko Tipsarevic (2030 Punkte) beim besten Willen nicht unter den ersten acht vorstellen.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Betrachtungen zu Mayer, Petzschner, Williams, Kerber und del Potro

Vier Wochen Pause, und es ist so viel passiert, worüber ich hätte schreiben können. Jetzt muss ich mich langsam erst wieder herantasten an die Materie. Beginnen wir also heute mit einem bunten Strauß von Themen, einem Potpourri, einer Tour d'Horizon, einem Festival der oberflächlichen Kurzbetrachtung und starten wir mit einer Doppelexkursion ins Frauentennis.

Da gab es nämlich in den vergangenen vier Wochen zwei Nachrichten, die mich beschäftigt haben. Zum ersten natürlich das US-Open-Halbfinale von Angelique Kerber aus Kiel. Dass eine Weltranglisten-91. bei einem Grand-Slam-Turnier einen solchen Erfolg feiert, ist fast unfassbar – aber auch nicht völlig einmalig. In mir kam eine Jugenderinnerung an Claudia Porwik hoch. Als 21-Jährige bei den Australian Open 1990 kam sie als ungefähr Siebzigste oder Achtzigste der Weltrangliste ins Halbfinale. Danach ist ihr nichts annähernd Vergleichbares mehr gelungen, und ein Jahr drauf stand sie wieder genau da, wo sie vor ihrem Sensationshalbfinale war. Im Moment scheint es mir, Angelique Kerber wird stabilere Leistungen bringen als Claudia Porwik. Aber eine weitergehende Prognose wage ich nicht abzugeben.

Das zweite Thema aus dem Frauentennis betrifft Venus Williams, die zu ihrem Zweitrundenspiel bei den US Open gegen Sabine Lisicki nicht angetreten ist und wenig später den Grund nannte, der wohl auch der Grund für zahlreiche andere Spielabsagen in diesem Jahr war: Sie leidet am Sjögren-Syndrom. Als sie das bekanntgab, sagte sie auch, dass sie Kampf gegen die Krankheit aufnehmen wird und so bald wie möglich auf den Tennisplatz zurückkehren will. Diese Reaktion entspricht ihrem Wesen. Sie ist eine Kämpfernatur, wie man sie sein muss, wenn man im Profisport oben mitspielen will. Aber wer sich etwas mit dem Sjögren-Syndrom beschäftigt hat, der weiß: Sie hat keine Chance. Wenn die Diagnose stimmt, ist ihre Karriere vorbei. Es gibt bisher keine Therapie gegen diese Krankheit, die ihr dazu verhelfen könnte, wieder Leistungssport zu betreiben. Und was noch tragischer ist: Die Krankheit wird sie auch im Alltag einschränken.

Aber jetzt zu einem angenehmeren Thema. Philipp Petzschner und Jürgen Melzer. Über das deutsch-österreichische Doppel durften wir schon vor gut einem Jahr jubeln, als es in Wimbledon den Titel holte. Es deutete sich damals schon an, dass der Erfolg keine Eintagsfliege bleiben würde. Jetzt ist der Beweis erbracht: Bei den US Open holten die beiden bereits ihren zweiten Grand-Slam-Titel und sind damit zudem zum zweiten Mal in Folge für das Tourfinale der besten acht Doppel im November in London qualifiziert. Ich habe mich ja längst einigermaßen damit arrangiert, dass Tennis in Deutschland nur sporadisch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird, aber das vermutlich immer noch die überwiegende Mehrheit meiner Landsleute nicht weiß, wer Philipp Petzschner ist – geschweige denn, dass er ein doppelter Grand-Slam-Gewinner ist – das wurmt mich schon irgendwie. Es ist in den vergangenen Jahren nicht sehr vielen Spielern gelungen, im Einzel auf der ATP-Tour mitzuhalten und gleichzeitig konstant große Siege im Doppel einzufahren. Das sind Melzer/Petzschner eine Ausnahmeerscheinung. Aus Deutschland kann mit Petzschners Erfolgen allerhöchstens noch Michael Stich mithalten, der 1992 mit John McEnroe Wimbledon gewann und mit Boris Becker die Olympischen Spiele.

Viertes und letztes Thema: Burn-out. Das große Tabuthema, über das Fußballdeutschland dank Ralf Rangnick in den letzten Wochen tabulos geredet hat. Natürlich gibt es Burn-outs, auch Depressionen genannt, auch im Tennis. Das bekannteste Beispiel aus Deutschland ist Florian Mayer, unsere aktuelle Nummer 1 und der beeindruckende Beweis dafür, dass man, wenn man sein Burn-out überwunden hat, hinterher stärker – vor allem auch psychisch stärker – sein kann als vorher. Letzte Woche gewann er in Bukarest sein erstes ATP-Turnier, was nach vier Finalteilnahmen höchste Zeit war. Flo Mayer hat sein Burn-out übrigens nicht tabuisiert. Schon 2008, als er es gerade überwunden hatte, aber noch nicht wieder angefangen hatte, Turniere zu spielen, sprach er darüber relativ offen, auch wenn das Wort Burn-out noch nicht fiel. Immer wieder mal, wie zum Beipsiel hier im Januar 2010, kamen Medien darauf zu sprechen. Die "Bild" machte daraus dann vor ein paar Wochen eine Enthüllung.

Ein Burn-out sollte man wohl betrachten wie eine ganz normale Verletzung. Auch wenn ich mich außerstande sehe, kompetente Ursachenforschung zu betreiben, drängen sich die Parallelen auf: So wie Knie oder Ellenbogen unter starker Belastung irgendwann schlapp machen, kann es auch der Psyche gehen. Allerdings konnte Florian Mayer vor drei Jahren nicht einfach zur ATP gehen und sich für ein halbes Jahr wegen Burn-out krank melden. Dazu brauchte er eine andere, körperliche Verletzung. In seinem Fall war es eine Fingeroperation. Im Fall von Juan Martin del Potro, dem argentinischen US-Open-Sieger von 2009, war es ähnlich. Er hatte wohl wirklich ein lädiertes Handgelenk, das dann auch der offizielle Grund dafür war, dass er 2010 fast komplett ausgesetzt hat. Doch deutet einiges darauf hin, dass auch er einen Burn-out hatte.

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