Sonntag, 4. März 2012

Tennisgedichte 3: "Steffi-Graf-Gospel"

oder:
Die „Frankfurter Allgemeine“ zitiert die Brühlerin nach deren Spiel gegen Gabriela Sabatini am 7.6.1995

Erzähl uns, Steffi, wie hast du gespielt?

Ich war vom ersten Punkt an
Was warst du?
voll konzentriert
Das warst du, bei Gott!
Ich habe extrem beständig
Was hast du?
gespielt
Beim Himmel! Das hast du getan.

Ich habe perfekt serviert
Halleluja!
Ich habe auf
Was hast du, Schwester?
den richtigen Moment
für den richtigen Schlag
gewartet und bin
ans Netz vorgerückt -


Dein Mund spricht die lautere
Wahrheit, Schwester!
Nur sag uns, Schwester,
wann, Schwester, bist du
ans Netz vorgerückt?
- wenn ich es musste!

Wenn du es musstest! So war's, Schwester! Amen!


Heute die dritte Folge unserer Serie von Tennisgedichten. Der „Steffi-Graf-Gospel“ ist nicht das einzige Tennisgedicht von Robert Gernhardt (1937-2006). Er hat auch über Boris Becker geschrieben – aber davon mehr in einer der späteren Folgen.

Dieser Gospel zählt gewiss nicht zu den herausragendsten Beispielen Gernhardtscher Dichtkunst. Aber er ist durchaus exemplarisch für sein Werk. Gernhardt beherrschte jedwede lyrische Stilrichtung virtuos und konnte alles sanft parodieren.

Ein nichtssagendes Sportler-Interview formal zu überhöhen, um dadurch zu verdeutlichen, wie inhaltsleer die Worte sind, ist für sich genommen nicht sonderlich originell. Dass Tennisspieler nach dem Matchball meistens immer dieselben Floskeln loslassen, hatten wir schon vorher erkannt, und es sei ihnen angesichts der Anstrengungen, die zum Interview-Zeitpunkt gerade hinter ihnen liegen, auch verziehen.

Aber das Gedicht veranschaulicht noch mehr. Wer es heute liest, erinnert sich daran, welchen Stellenwert Steffi Graf in den 1980er und 1990er Jahren in Deutschland hatte. Das Interview ist ja nicht einfach nur übers Fernsehen geflimmert. Es wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckt. Das Blatt war damals noch mehr als heute der Tempel betulicher deutscher Seriosität. Natürlich war es nichts Ungewöhnliches, dass die Sportredaktion über ein wichtiges Tennismatch schrieb und die Siegerin zitierte.

Steffi Graf sprach übrigens über ihren Viertelfinal-Sieg bei den French Open: 6:1, 6:0 gegen Gabriela Sabatini. Im Finale ein paar Tage später hatte Steffi etwas mehr Mühe: 7:5, 4:6, 6:0 gegen Arantxa Sanchez-Vicario.

Dass Gernhardt Steffi Grafs Worte ausgerechnet aus der FAZ zitiert und nicht aus irgendeiner beliebigen anderen Quelle, wird gewiss nicht nur daran liegen, dass er nun einmal zufällig FAZ-Abonnent war. Die Information, die den Zeilen vorangestellt ist, wirkt sich auch auf die Fallhöhe der folgenden Sätze aus. Und dann macht er daraus einen Gospel, womit er die Sache ins Religiöse hebt. Damit ist keine völlig neue Erkenntnis verbunden. Dass Sport in unseren modernen Zeiten, die ja in den 90ern auch schon angebrochen waren, manchen Fans als Religionsersatz dient, zeigt sich ja auch in Begriffen wie „Fußballtempel“ für ein modernes Stadion.

Zu Steffi Graf passt der Gospel besonders gut. Ich erinnere mich an eine Umfrage aus der damaligen Zeit, derzufolge – ich referiere freihändig, ohne die Quelle zur Hand zu haben - 100 Prozent der Deutschen wussten, wer Steffi Graf ist, aber nur 99 Prozent Helmut Kohl kannten. Steffi Graf war eine solche Lichtgestalt, die konnte man eigentlich gar nicht anders feiern als mit einem Gospel.

Die FAZ ließ es sich seinerzeit nicht nehmen, darüber zu berichten, dass Gernhardt in einem seiner Gedichte aus ihr zitiert. Darin erwähnte der Autor noch eine andere Dimension: nämlich dass Steffi Graf Worte von einer solchen Selbstgewissheit gesprochen habe, die einen erhabenen Schlusssatz wie "Und ich sah, dass es gut war", habe erwarten lassen - und dann (Fallhöhe!) ist sie bloß ans Netz vorgerückt, wenn sie es musste... (Diese Info entstammt der Seite 133 des Buches "Robert Gernhardt. Theorie und Lyrik" von Tobias Eilers, Münster 2011)

Um die Zeilen vollständig auszukosten, sollte man sie sich ruhig einmal laut vorsingen – mit verteilten Rollen, falls gerade mehrere Kehlen greifbar sind.

Hier die bisherigen Folgen der Tennisgedichte-Serie:

1.) „Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff

2.) „So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe“ von Arno Holz

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