Sonntag, 22. Juli 2012

Live vom Hamburger Rothenbaum

Wie vor einer Woche angekündigt, geht es heute weiter mit einem Vor-Ort-Bericht vom Hamburger Rothenbaum. Es war das erste Mal seit vier Jahren, dass ich es geschafft habe, an einem Werktag dorthin zu fahren. Zuletzt hatte ich immer nur die Qualifikation am Wochenende besucht. Ich habe also zum ersten Mal das Hauptturnier gesehen, seit es kein Masters mehr ist und seit Michael Stich der Direktor ist.

Es hat sich manches geändert. Aber ich erkenne das Turnier trotzdem noch wieder. Der Eintritt zu den Nebenplätzen ist jetzt frei. Das ist ungewöhnlich – nicht nur für ein so großes Turnier der 500er-Serie wie Hamburg. Auch auf kleineren 250er-Turnieren oder auf Challengern kommt man meist nur mit Eintrittskarte auf die Nebenplätze. Aber das Hamburger Konzept scheint zu funktionieren. Die Nebenplätze waren am Dienstagnachmittag fast voll besetzt. Der eine oder andere Nebenplatzbesucher hat gewiss auch Appetit auf den Center Court bekommen, wo die bekannteren Spieler antraten, und sich eine Karte gekauft.

Im Stadion selbst ist ein Teil der oberen Ränge unter großen schwarzen Tüchern versteckt. So sieht es gut gefüllt aus, obwohl es in Wahrheit nicht annähernd ausverkauft ist. Das Stadion hat eben nach wie vor die Ausmaße einer Arena, die für ein Turnier der Masters-Serie mit Federer, Nadal, Djokovic usw. geschaffen ist.

Ein paar Anmerkungen zur Zukunft des Stadions und des Turniers am Ende dieses Artikels. Vorher einige Eindrücke von den Matches, die ich gesehen habe. Weil ich am zweiten Turniertag da war, waren es alles Erstrundenmatches.

Jonathan Erlich /Andy Ram (Israel) – Carlos Berlocq (Argentinien)/Frantisek Cermak (Tschechien) 7:6, 6:7, 10:3
Eines der Nebenplatz-Matches mit freiem Eintritt. Den Gelegenheits-Tennisfans unter den Lesern sei zunächst das 10:3 erklärt. Den „Match-Tie-Break“ gibt es auf der ATP-Tour zwar schon ein paar Jahre, aber nur im Doppel, was ja so gut wie nie im Fernsehen und nur selten auf den Center Courts zu sehen ist. Nach 1:1 Sätzen wird statt eines vollständigen dritten Satzes ein Tie-Break gespielt, und zwar nicht bis sieben Punkte, sondern bis zehn. Das ist mal eingeführt worden, damit die Einzel-Spezialisten häufiger im Doppel antreten, ohne das ihnen die Belastung zu groß wird. Das Konzept ist zwar nur in geringem Maße aufgegangen, aber ein bisschen was hat es meines Erachtens tatsächlich bewirkt. Von den vier Herren in diesem Match war Carlos Berlocq (Nummer 37) der einzige Einzel-Spezialist. Wobei Spezialist eigentlich nicht zutreffend ist. Er steht auch in der Doppel-Weltrangliste in den Top 100 und gewann vor zwei Jahren an der Seite von Eduardo Schwank den Doppel-Titel von Stuttgart. Im Doppel sieht man, dass Berlocq sehr gut Volleys schlagen kann. Als klassischer südamerikanischer Sandplatzspieler macht er das im Einzel ja eher selten.

Florian Mayer (Deutschland/Nr. 23) - Horacio Zeballos (Argentinien/Nr. 108) 7:6, 7:5
Flo hatte Glück, dass er zum Auftakt auf einen nicht ganz so starken Spieler traf. Der Stadionsprecher gratulierte ihm im Kurzinterview nach dem Matchball zum „souveränen Sieg“, was Flo souverän mit der Bemerkung konterte: „Das war nicht souverän.“ Er selbst führte das darauf zurück, dass es sein erstes Sandplatzmatch nach der Rasensaison war und er noch nicht ganz im Rhythmus war. In der zweiten Runde (6:2, 6:1 gegen Robin Haase) schien Mayer den Rhythmus dann gefunden zu haben, ehe er ihn im Viertelfinale gegen Tommy Haas wieder verlor. Auf manche Zuschauer mag Mayer etwas lethargisch und kraftlos gewirkt haben, aber so spielt er eigentlich immer. Aber wenn er gut drauf ist, zermürbt er seine Gegner mit atemberaubenden Slices, die nur wenige Zentimeter über das Netz segeln. Das gelang ihm gegen Zeballos nur selten.

Juan Monaco (Argentinien/Nr. 14) – Cedrik Stebe (Deutschland/Nr. 83) 6:4, 3:6, 7:5
Das war ein klassischer Choke. Ein Choke ist, wenn ein Spieler ein Match eigentlich schon gewonnen hat, beim oder kurz vorm Matchball nervös wird und dann nichts mehr auf die Reihe bekommt. Juan Monaco hat am Ende das ganze Turnier gewonnen. Hätte Stebe nicht gechokt, Monaco hätte schon nach der ersten Runde nach Hause fahren können. Vermutlich war er ebenso wie Flo Mayer noch nicht ganz im Rhyhtmus. Das hat Stebe im zweiten Satz und über weite Strecken des dritten Satzes klasse ausgenutzt, und zwar mit einer Spielweise, die so ähnlich wie die Monacos war. Er wartete auf seine Chance, und wenn sie kam, machte er von der Grundlinie den direkten Punkt. Stebes Vorhand-Bälle sahen oft aus, als würden sie einen Meter ins Aus fliegen, fielen dann aber kurz vor der Grundlinie wie ein Stein zu Boden. Das klappte, bis er im dritten Satz mit 5:4 und einem Break führte und nur noch ein einziges Mal sein Aufschlagspiel durchbringen musste. Plötzlich flogen die gleichen Bälle zweieinhalb Meter zu weit. Ab dem 5:5 wurde Stebe übervorsichtig, was Monaco dazu nutzte, seinem chokenden Gegner die Bälle um die Ohren zu hauen, dass der kaum noch hinterher gucken konnte. Stebe versuchte sogar – obwohl keinerlei körperliche Beeinträchtigungen erkennbar waren - sich mit einer Verletzungspause zu berappeln, aber auch das half nichts.

Tommy Haas (Deutschland/Nr. 49) – Martin Klizan (Slowakei/Nr. 59) 6:2, 6:1
Da gibt es nicht viel zu sagen. Haas war einfach in allen Belangen überlegen. Es war fast wie weiland die Erstrundenmatches von Steffi Graf, als die Gegnerinnen überhaupt keine Chance hatten zu beweisen, dass sie auch Tennis spielen konnten. Seit Dienstag glaube ich, dass Tommy Haas bald wieder unter den ersten 20 der Welt stehen wird, wenn nicht gar noch besser. Es sei denn, er verletzt sich wieder.

Nicolas Almagro (Spanien/Nr. 10) – Tobias Kamke (Deutschland/Nr. 97) 6:4, 6:1
Das Ergebnis sagt es: Kamke hatte keine Chance. Gegen Almagro auf Sand keine Chance zu haben, ist keine Schande. Aber während des gesamten ersten Satzes hatte ich ein bisschen Hoffnung. Vorjahresfinalist Almagro war mit einer lädierten Schulter angereist, und noch am Montag war unklar, ob er überhaupt würde spielen können. Zwischen den Ballwechseln fasste er sich immer wieder an die Schulter. Aber ganz so schlimm scheint es dann doch nicht gewesen zu sein. Almagro kam immerhin bis ins Halbfinale.

Und jetzt die angekündigten Anmerkungen zur Zukunft des Stadions und des Turnieres. Vor einigen Monaten war die Rede davon, das Stadion solle abgerissen werden, weil der Hockeyclub, der das Erbbaurecht auf dem Grundstück hat, ein Hockeystadion errichten möchte. Sonderlich konkret scheinen diese Pläne nicht zu sein. Außerdem wäre es für das Tennisturnier wohl nicht der Todesstoß, weil man es zur Not auch in einem Stadion austragen könnte, in dem normalerweise Hockey gespielt wird.

Flüchtige Beobachter schrieben, das bestehende Tennisstadion sei „marode“. Mein Eindruck ist: Marode Gebäude sehen deutlich anders aus. Das Rothenbaum-Stadion ist in einem guten Zustand. Das Problem ist wohl eher das Zeltdach. Während des Stebe-Matches war es geschlossen, weil gleich zu Beginn ein Fünf-Minuten-Wolkenbruch niederprasselte. Da sah man deutlich, wie sparkig es ist. Das ehemals weiße Tuch ist übersät mit schwarzen Flecken. Keine Ahnung, ob das mehr als ein optisches Problem ist. Man sagt eine Sanierung des Daches würde über eine Million Euro kosten, und das Geld hat der Deutsche Tennis-Bund (DTB) nicht. Ein paar Jahre dürfte das Dach aber wohl noch durchhalten.

Das Dach ist indes nicht die einzige Baustelle für das Rothenbaum-Turnier. In seiner Existenz bedroht wie noch vor zwei, drei Jahren ist es nicht mehr. Michael Stich hat ganz gut die Werbetrommel gerührt und den Schaden behoben, der dadurch entstand, dass der DTB, als er noch um den Erhalt des Masters-Status kämpfte, überall rumerzählte, dass ein 500er-Turnier totaler Mist sei. Inzwischen ist den Hamburger Tennisfans klar, dass hier auch in etwas kleinerem Rahmen weiterhin Weltklasse-Tennis geboten wird. Fünf Top-20-Spieler waren am Start und fast alle bekannten Deutschen. Trotzdem: Ein 500er-Turnier hat eigentlich das Potenzial für ein noch stärkeres Teilnehmerfeld. Da muss es möglich sein, dass zumindest mal einer von den Superstars wie Federer, Nadal, Djokovic oder wenigens Murray vorbeischaut.

Das funktioniert in Hamburg im Moment nicht nur deshalb nicht, weil das Geld für Antrittsprämien fehlt. (Die dafür nötigen Sponsoren ließen sich vielleicht akquirieren, wenn sie im Gegenzug tatsächlich einen Federer serviert bekommen.) Es funktioniert auch deshalb nicht, weil die Stars sich nach Wimbledon auf die Hartplatzsaison in Nordamerika vorbereiten. Derzeit zieht Hamburg vor allem Sandplatzspezialisten ab Weltranglistenplatz 10 an, die sich ausrechnen, dass sie hier – in Abwesenheit der Topstars – kräftig Ranglistenpunkte sammeln können. (Florian Mayer: „Das Teilnehmerfeld ist stark besetzt, aber es ist niemand da, wo man ohne Chance ist.“)

Michael Stich hatte bei der ATP vorgefühlt, ob er das Turnier in diesem Jahr ausnahmsweise auf Rasen austragen dürfe. Dann wäre es eine exquisite Vorbereitung für die Olympischen Spiele in London zwei Wochen später gewesen. Die ATP lehnte das ab

Aber vielleicht ist das Thema Rasen in Hamburg noch nicht endgültig vorbei. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Wimbledon ab 2015 im Kalender um eine Woche verschoben wird. Das soll den Spielern mehr Zeit geben, sich nach den French Open von Sand auf Rasen umzustellen, und nebenbei kollidiert Wimbledon nicht mehr ständig mit der Fußball-WM oder -EM. Es gibt dann also drei statt zwei Wochen Rasenturniere vor Wimbledon. Dafür bleibt zwischen Wimbledon und den US Open eine Woche weniger. Die Veranstalter des 250er-Sandplatzturnieres von Gstaad (Schweiz), das in dieser Woche parallel zu Hamburg ausgetragen wurde, haben schon angemerkt, dass sie sich für einen Wechsel in die Wochen vor Wimbledon interessieren – und zum Rasenturnier werden wollen. Das wäre auch für Hamburg eine Option. Die heimischen Spieler sind auf Rasen sowieso am stärksten.

Hier die Ergebnisse vom Rothenbaum im Einzel (PDF)

Und im Doppel (PDF)

1 Kommentar:

jmg hat gesagt…

Leider ist Stebe mittlerweile für seine taktischen Timeouts bekannt. Peinlicher Spieler. An seinem Spiel gibts auch nichts sehenswertes.

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de