Donnerstag, 13. September 2012

Roddick und Ferrero gehen - Maximilian A. kommt

Erinnert sich noch jemand, wen Roger Federer an der Spitze ablöste, als er nach den Australian Open Anfang 2004 zum ersten Mal Weltranglisten-Erster wurde? Ich musste nachgucken. Es war nicht Carlos Moyá, nicht Marat Safin, nicht Juan Carlos Ferrero und auch nicht Andre Agassi. Es war Andy Roddick. Damals wechselte die Nummer 1 alle paar Wochen. Federer blieb über vier Jahre unangefochten vorn, bevor er zwischendurch für Rafael Nadal und Novak Djokovic Platz machen musste.

Agassi ist schon seit sechs Jahren nicht mehr aktiv, Safin trat vor drei Jahren zurück und Moyá vor zweien. In der letzten Woche bei den US Open spielte nun auch Andy Roddick sein letztes Profimatch. Juan Carlos Ferrero hat vor wenigen Tagen angekündigt, dass er nach dem 500er-Turnier von Valencia Ende Oktober aufhören wird. Dann bleibt von Federers einstigen Rivalen nur noch Lleyton Hewitt übrig. Der Australier ist zwar oft verletzt, aber im Moment spielt er recht regelmäßig – ab morgen zum Beispiel beim Davis-Cup gegen Deutschland in Hamburg. Es würde wohl kaum jemanden überraschen, wenn auch Hewitt – im Moment die Nummer 100 der Weltrangliste – demnächst sein Karriereende verkündet. Dass Ferrero es getan hat, war auch absehbar. Er spielte in diesem Jahr überwiegend lustlos und verlor meistens.

Bei Andy Roddick war das etwas anders. In den Medien und den einschlägigen Internet-Foren traf man zwar schon seit langem auf Schlaumeier, die sagten, es sei Zeit für den alten Mann, den Schläger an den Nagel zu hängen, und Roddick selbst sagte einst, er werde nicht mehr weitermachen, wenn er nicht mehr zu den Besten der Welt zählt. Zuletzt stand er zwar nicht mehr unter den Top 20, aber er war immer noch in der Lage, Turniere zu gewinnen wie kurz vor Wimbledon in Eastbourne und kurz nach Wimbledon in Atlanta. Bei den US Open kam er jetzt ins Achtelfinale. Das sind keine Ergebnisse von jemandem, der nicht mehr mithalten kann. Seine Ergebnisse allein aus diesem Sommer sind so gut, dass er noch bis in den Juni 2013 unter den Top 50 bleiben wird, sofern er sich nicht freiwillig aus dem Ranking streichen lässt. Nach derzeitigem Stand wäre er dann immer noch der viertbeste US-Amerikaner hinter Mardy Fish, Sam Querrey und John Isner.

Roddick ist vor ein paar Tagen 30 Jahre alt geworden. Das ist kein sonderlich hohes Alter im heutigen Tenniszirkus. Er ist jünger als Roger Federer. Geliebt wird man erst mit über 30, wenn man ein alter Haudegen ist, der sich nicht unterkriegen lässt. Er hätte noch ein paar Jahre als Publikumsliebling auf der Tour verbringen können, wie Tommy Haas es gerade tut. Aber er will nicht, und ich finde, das ist ein Zeichen von Größe, und vielleicht zeugt es von einer stabilen Psyche. Pete Sampras hat in seinem Buch „A Champion's Mind“ beschrieben, wie schwer es ist, diesen Entschluss zu fassen. Wer sich selbst darüber definiere, Sportprofi zu sein, sagt er, der empfinde es fast wie Sterben, plötzlich kein Sportprofi mehr zu sein. Deshalb wohl zögern viele Spieler ihr Karriereende so lange hinaus, bis der Körper völliug ruiniert ist. Andy Roddick ist jetzt jung genug, einen neuen Platz für sich in der Welt zu finden.

Zum Schluss ein Schlenker zu einem ganz anderen Thema. Es geht um einen Spieler, der ein paar Monate älter ist als Andy Roddick und seit fünf Jahren kein Profiturnier mehr gespielt hatte: Maximilian A. Das der noch mal zurückkommt, das hätte ich nicht nur nicht gedacht, der Gedanke schien so absonderlich, dass ich nicht im Entferntesten dachte, dass irgendjemand ihn haben könnte. Maximilan Abel – Junioren-Champion und 2003 immerhin mal die Nummer 183 - saß im Gefängnis. Er war wegen mehrfachen Diebstahls verurteilt. Er hatte in der Umkleide seine Mitspieler bestohlen, um seine Kokainsucht zu finanzieren. Vor vier Wochen gewann er die „Bender Open“, ein nationales Ranglistenturnier mit 1250 Euro für den Gewinner. Dieses Ergebnis war dem Gießener Anzeiger eine Erwähnung wert - ohne freilich A.s Vorgeschichte zu erwähnen. Mit seinen Knast-Storys hatte Maximilian A. es einst noch regelmäßig in die „Bild“ geschafft.

Viel bemerkenswerter als die „Bender Open“ ist aber, was am vergangenen Wochenende in Istanbul geschah. Dort trat Abel zur Qualifikation für ein 75.000-Dollar-Challenger an – und er gewann seine drei Matches. In der ersten Runde des Hauptfeldes verlor er dann zwar, aber vorher schlug er mit Denis Matsukevitch (Russland) und Ruan Roelofse (Südafrika) zwei Spieler, die aktuell immerhin in den 400ern der Rangliste rangieren. Dafür gab es fünf Weltranglistenpunkte. Damit wird Maximilian Abel nach fünf Jahren Unterbrechung am nächsten Montag ungefähr auf Platz 1100 wieder ins Raking einsteigen.

Hier die Ergebnisse von der Qualifikation in Istanbul

Kommentare:

jmg hat gesagt…

Mit dem Einzug in die zweite Runde wäre er auf 880 eingestiegen. Du hast wohl für 13 anstatt nach 5 Punkten geguckt.

Zack hat gesagt…

5+8. War mir gar nicht bewusst, eine solche Rechenleistung vollbracht zu haben. Danke für den Hinweis. Fehler ist korrigiert.

Anonym hat gesagt…

Hi Zack!

Ich lese schon ne ganze Weile mit und dein Blog ist hervorragend, es macht unheimlich Spaß!

Freue mich jede Woche erneut auf einen neuen Artikel :)

Keep the good work up!

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