Sonntag, 29. Januar 2012

Tennisspieler für das Dschungelcamp

In den vergangenen zwei Wochen war in Australien nicht nur Tennisspieler im Einsatz. Ungefähr 1300 Kilometer nordöstlich von Melbourne kämpften tapfere Angehörige der deutschen B-Prominenz im Dschungelcamp um die RTL-Dschungelkrone. Ein Tennisspieler war nicht dabei. Dabei liegt doch eigentlich nichts näher als das. Schließlich sind Tennisprofis es ja gewohnt, den Januar in Australien zu verbringen. Das bringt der Turnierkalender so mit sich. Und bisher war noch in jeder Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ ein Ex-Sportler am Start. Wer es genau wissen will, schlägt bei Wikipedia nach: 2004 erst Carlo Thränhardt (Hochsprung) und dann Jimmy Hartwig (Fußball), 2008 Eike Immel (Fußball), 2009 Norbert Schramm (Eiskunstlauf), 2011 Thomas Rupprath (Schwimmen) und diesmal Ailton (Fußball). Ailton ist überhaupt schuld daran, dass ich – in meiner Eigenschaft als Anhänger Werder Bremens - auf die Idee gekommen bin, diesmal reinzuzappen ins Dschungelcamp.

Für diejenigen unter den Lesern, die – was ja verständlich ist – bisher nicht auf die Idee kamen, sich das Dschungelcamp anzusehen und nicht wissen, wovon wir hier überhaupt reden, hier der Link, der hoffentlich alle Fragen klären hilft:
http://de.wikipedia.org/wiki/Dschungelcamp

Wir befassen uns also heute mit der Frage, welchen Tennisspieler wir ins Dschungelcamp 2013 schicken können, damit unsere Sportart dort endlich angemessen vertreten ist. Für die meisten Teilnehmer des Dschungelcamps gilt ja, dass sie nur mit sehr viel Wohlwollen als Prominente durchgehen. Im Vergleich zu ihren Mitbewohnern waren die Sportler indes meist richtig große LinkNummern. Im Fußball ein Nationaltorwart und zwei Deutsche Meister, im Schwimmen ein Weltmeister, im Eiskunstlauf ein Europameister und im Hochsprung ein Halleneuropameister. Da müssten wir im Tennis, wenn wir etwas Vergleichbares aufbieten wollen, schon fast zu Wimbledonsiegern greifen. Aber ehrlich: Boris Becker wäre zwar vom Typ her abenteuerlustig und publicityfreudig genug fürs Dschungelcamp, ist letztlich aber ein zu großer Star für sowas. Steffi Graf ist zu grundsolide, und Michael Stich ist Anzugträger und passt von daher nicht ins Camp. Aber wir haben ja noch andere Wimbledonsieger: Anna-Lena Grönefeld gewann 2009 im Mixed, Philipp Petzschner 2010 im Herren-Doppel. Aber die beiden sind noch aktiv und haben mithin gar keine Zeit. Sie müssen zeitgleich in Melbourne spielen.

Sehen wir uns also unter den nicht mehr aktiven Nicht-Wimbledonsiegern um. Es kommen nicht nur Deutsche in Frage. Es reicht, wenn man Deutsch sprechen kann. Die gestern gekrönte deutsche Dschungelkönigin 2012 kommt bekanntlich aus Dänemark. (Für die Nicht-Fachleute: Es handelt sich um Sylvester Stallones Ex-Frau Brigitte Nielsen). Eigentlich muss man noch nicht einmal richtig Deutsch sprechen können. Es reicht, wenn man die wichtigsten Substantive kennt. Das ha Ailton bewiesen.

Hier also die Liste möglicher Kandidaten:

1.) Thomas Muster
Die Idealbesetzung. Ein ehemaliger Weltranglistenerster, der auf Pro7 an Stefan Raabs Stock-Car-Rennen teilnimmt und mit 43 Jahren auf die Idee kommt, noch mal für Challenger-Turniere den Tennisschläger auszupacken, wird auch bereit sich, sich durchs Dschungelcamp zu kämpfen. Außerdem hat er seinen zweiten Wohnsitz in Queensland, also gar nicht weit weg vom Camp.

2.) Daniel Köllerer
Noch ein Österreicher mit echten Dschungelcamp-Qualitäten. Er hat zwar keine große Titel gewonnen, aber einen Ruf wie Donnerhall. Näheres hier. So wie er Linienrichter, Gegner und selbst Zuschauer beschimpt, wird er im Camp gewiss für quotenträchtige Spannungen zu sorgen wissen. Im vergangenen Jahr ist er wegen Anstiftung zum Wettbetrug (oder so ähnlich, das genaue Urteil ist geheim) lebenslang gesperrt worden. Er muss sich also nach einem neuen Tätigkeitsfeld umsehen – zum Beispiel bei RTL.

3.) Roscoe Tanner
Den kennt in Deutschland zwar kein Mensch, aber der Kerl ist ein echter Wimbledon-Finalist (1979) und Australian-Open-Sieger (1977). Ob er Deutsch kann, weiß ich nicht, aber für ein paar Ailton-Aussagen sollte es reichen. Schließlich hat er mal in Ettlingen gewohnt, wie der „Spiegel“ zu berichten weiß. Tanner ist notorisch pleite. In Karlsruhe saß er ein halbes Jahr wegen Scheckbetrugs und Urkundenfälschung ins Auslieferungshaft. Körperlich soll der 60-Jährige topfit sein, seine Schulden haben nichts mit Drogen zu tun, sondern mehr mit unglücklichen Geldanlagen und Frauengeschichten. Zwei Wochen Dschungelcamp also kein Problem. Nur was soll er mit einer fünfstelligen Gage, wenn er die sowieso nur wieder bei seinen Gläubigern abliefern muss?

4.) Maxi Abel
In jungen Jahren war er ein hoffnungsvoller Nachwuchsspieler, schaffte es aber nur bis auf Platz 183. Dann wurde er kokainabhängig. In der Umkleide beklaute er seine Mitspieler, um sich den Stoff leisten zu können, 2009 landete er im Gefängnis. Da war er 26. Das machte ihn kurzzeitig zum Bildzeitungs-Promi. Alles in allem keine schlechte Story, um das Interesse des Dschungelcamp-Publikums zu wecken.

5.) Sebastian Waske
Kennt den noch jemand? Es handelt sich um den kleinen Bruder des ehemaligen Davis-Cup-Spielers Alexander Waske, den man vielleicht ebenfalls für das Camp ins Gespräch bringen könnte. Sebastian Waske hat tatsächlich mal an zwei Challenger-Turnieren teilgenommen. 2006 in Mexiko und 2007 in der Schweiz. Beide Mal im Doppel an der Seite seines Bruders. Beide Male verlor er in Runde 1, aber schaffte es immerhin jeweils in einen Tie-Break. Was Sebastian Waske besonders qualifiziert: Er ist der einzige auf dieser Liste, der schon Erfahrung hat als Teilnehmer einer absonderlichen Reality-Show. Das muss 2005 gewesen sein und auf Sat1. Die Sendung hieß „Die Bachelorette“. Er hat nicht gewonnen.

So. Weitere Vorschläge? Stefan Koubek? Franky Moser? Daniel Elsner? Claudia Kohde-Kilsch? Jessica Stockmann?

Auch andere Länder haben ihr Dschungelcamp. Ein Tennisprofi war noch nirgends dabei. Aber in Schweden immerhin mal eine gewisse Jannike Björling, die ihre Bekanntheit daraus bezog, die Ex-Freundin von Björn Borg zu sein. Also vielleicht wirklich Jessica Stockmann.

Sonntag, 22. Januar 2012

Einfach mal die Australian Open weglassen

Preisfrage: Wie oft hat John McEnroe während seiner 16 Jahre währenden Profi-Laufbahn an den Australian Open teilgenommen?

Die Antwort: Fünf Mal.

Und Björn Borg? Seine Laufbahn war nicht ganz so lange, schließlich zog er sich schon mit 26 Jahren als fünffacher Wimbledonsieger zurück. In Melbourne spielte er ein einziges Mal. Das war 1973, er war 17 Jahre alt und kam in die dritte Runde.

Daran darf man in dieser Woche erinnern, nachdem sich insbesondere Rafael Nadal erneut dafür ausgesprochen hat, den Turnierkalender zu straffen (und Roger Federer, dem Vorsitzenden des Spielerrates, vorwarf, sich dafür nicht mit Nachdruck einzusetzen).

Wie bereits im November thematisiert, ist die Saison 2012 ohnehin schon zwei Wochen kürzer als 2011. Man kann gern darüber sinnieren, ob auch sechs Wochen noch zu wenig Zeit zum Regenerieren sind, zumal die Spieler diese Zeit nicht komplett für Urlaub nutzen können, sondern sie sich rechtzeitig auf dem Trainingsplatz für die neue Saison fit machen müssen.

Allerdings sollte man noch auf einen anderen Aspekt hinweisen: Wir sind hier nicht beim Fußball. Kein Spieler hat eine Verantwortung gegenüber einem Verein, bei dem er unter Vertrag steht. Wenn ein Spieler einfach von sich aus seine Saisonpause verlängert, lässt er damit niemanden hängen außer sich selbst (und seine Sponsoren und Fans). Der Durchschnittsprofi hat sowieso ausreichend Freiraum, sich seinen Turnierkalender nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Die kurze Saisonpause betrifft nur die absoluten Superstars, die im November zum World-Tour-Finale antreten, hinterher vielleicht noch Davis-Cup-Finale spielen und dann die Australian Open im Blick haben. Meistens spielen sie auch noch in der ersten Januar-Woche das 250er-Turnier von Doha (Katar). Das gibt kräftig Antrittsprämie, ist aus sportlicher Sicht aber komplett verzichtbar. Die paar Ranglistenpunkte, die dort zu gewinnen sind, werden nur in seltenen Fällen darüber entscheiden, wer Nummer 1, 2 oder 3 ist. Noch verzichtbarer ist das Schauturnier von Abu Dhabi zwischen Weihnachten und Neujahr. Hier gibt es auch hohe Antrittsprämien, aber gar keine Weltranglistenpunkte. Trotzdem haben Nadal, Djokovic und andere Kollegen, die sich über eine zu kurze Regenerationspause beklagen, dort gespielt.

Und dann also die Australian Open. Wie McEnroe und Borg bewiesen haben, kann man auch die weglassen. Da gehen dann zwar neben dem Preisgeld auch richtig viele Weltranglistenpunkte flöten, aber wer sich eine längere Pause wünscht, kann das in Kauf nehmen. Die ATP sieht nicht einmal Strafen für Spieler vor, die einen Grand Slam schwänzen. (was daran liegen dürfte, dass die ATP gar nicht selber Ausrichter der Grand Slams ist). Strafen gibt es nur für Spieler, die ein ATP-Masters oder das World-Tour-Finale schwänzen. Die Folge können Sperren sein oder der Ausschluss vom Bonus-Pool am Ende des Jahres, in dem Millionen an die Besten der Branche ausgeschüttet werden.

Das World-Tour-Finale ging am 27. November zu Ende. Das erste ATP-Masters-Turnier in diesem Jahr beginnt am 8. März in Indian Wells (Kalifornien). Dazwischen liegen mehr als drei Monate, also eigentlich ausreichend Zeit für eine ausladende Saisonpause.

Das ist natürlich eine extrem provokante Antwort auf Nadal, zu sagen, er soll einfach Australien auslassen, wenn ihm die Saisonpause zu kurz ist. Die Australian Open haben heute einen höheren Stellenwert als in den 70ern und 80ern. Damals war das Preisgeld deutlich niedriger als bei den anderen Grand Slams. Manche Spieler aus den hinteren Regionen der Weltrangliste sparten sich die Reise auch deshalb, weil das Flugticket mehr kostete, als sie bei einer frühen Niederlage an Preisgeld eingenommen hätten. Das ist heute anders. Ein Spitzenspieler, der auf die Australian Open verzichtet, verzichtet auf mögliches Prestige und auf viel Geld. Aber Nadal sollte auch klar sein: Eine kürzere Saison bei vollem Lohnausgleich wäre eine unverfrorene Forderung.

Nadal, Djokovic und ein paar weitere Spitzenspieler, denen die Saison zu lang ist, sollten einfach mal probieren, die Australian Open auszulassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die zuständigen Stellen beim australischen Tennisverband, beim Welttennisverband und der ATP reagieren würden und das Turnier ein paar Wochen nach hinten verschieben. So eine Melbourne-Auslass-Aktion wäre natürlich nur dann glaubwürdig, wenn die Stars dann auch auf ihre Neujahrs-Auftritte am Golf verzichten.

Sonntag, 15. Januar 2012

Deutsche Männer in Melbourne - ein Ausblick

Gleich beginnen die Australian Open. Ab 1 Uhr in der Nacht wie immer live auf Eurosport. Und ich mach mal was ganz Gewagtes: Ich versuche zu prognostizieren, wie die deutschen Männer abschneiden werden – und das, obwohl nur wenige von euch diesen Text lesen werden, bevor die ersten Spieler schon wieder ausgeschieden sind.

Einer ist ja jetzt schon draußen: Florian Mayer – Nummer 22 in der Welt und Nummer 1 in Deutschland – hat wegen seiner Leistenverletzung, die ihn schon seit zwei Wochen außer Gefecht setzt, kurzfristig abgesagt.

Insgesamt sind zehn Deutsche am Start. Keiner von ihnen zählt zum erlauchten Kreis der 32 gesetzten Spieler. Alle werden also spätestens in Runde 2 nominell Außenseiter sein. Beginnen wir sicherheitshalber mit den Akteuren, die erst am Dienstag ins Geschehen eingreifen. Das ist dann wenigstens morgen noch aktuell.

Am Dienstag ruhen die deutschen Hoffnungen vor allem auf Philipp Petzschner (Nr. 63). Er ist ganz passabel ins Jahr gestartet, als er in der ersten Runde von Brisbane seinen österreichischen Doppelpartner Jürgen Melzer schlug, der im Einzel eigentlich der Stärkere ist. In Runde 2 war dann aber Schluss. So wird es in Melbourne wohl auch kommen. In Runde 1 trifft er auf den Tschechen Lukas Rosol (Nr. 69). Der Mann ist Sandplatzspezialist, den sollte Petzsche gern schlagen. Aber in Runde 2 wartet dann wohl der kanadische Geheimfavorit Milos Raonic, der sich anschickt, in diesem Jahr ganz großen Stars zu ärgern An dem wird kaum ein Vorbeikommen sein.

Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 83) steht in Melbourne zum ersten Mal ohne Qualifikation direkt im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Da wäre es kein Beinbruch, schiede er in der ersten Runde aus. Er wird auf jeden Fall eine große Erfahrung sammeln können. Sein Gegner ist die australische Legende Lleyton Hewitt. Der ist inzwischen nur noch Nr. 181, was aber auch daran liegt, dass er oft verletzt ist und selten spielt. Das Match wird gewiss auf einem der großen Show-Courts ausgetragen. Stebe ist Außenseiter, aber nicht völlig chancenlos. In Runde 2 könnte ein weiterer Altmeister warten: Andy Roddick (Nr. 16), auch der längst nicht mehr unverwundbar. Sollte Stebe das Kunststück gelingen, erst Hewitt und dann Roddick zu bezwingen (woran wir freilich nicht zu sehr glauben sollten), wäre er in aller Munde – bevor auch er dann in Runde 3 von Milos Raonic gestoppt wird.


Matthias Bachinger (Nr. 89) hat sich geduldig mit vielen Challenger-Erfolgen in die Top 100 gespielt und hält sich da seit über einem halben Jahr. In Wimbledon und bei den US Open durfte er deshalb auch schon mitmachen, ohne Erfolg. Diesmal aber hat er einen Erstrundengegner, der auch nicht viel besser als er ist: Ryan Sweeting aus den USA. Der ist zwar Nr. 68, aber das liegt hauptsächlich an einem Turniersieg von vor fast einem Jahr. In Runde 2 wartet die spanische Nadal-Kopie David Ferrer (Nr. 5). Gegen dessen Powerschläge hat einer wie Bachinger keine Chance.

Das waren die Spieler vom Dienstag. Die Auslosung spielt mir übel mit und sorgt dafür, dass sieben der zehn Deutschen schon heute Nacht im Einsatz sind. Als da wären:

Philipp Kohlschreiber (Nr. 41) hat sich inzwischen Gott sei Dank von seinem Coach Miles MacLagan getrennt, der berühmt wurde, weil er mal Andy Murray betreute, bei Kohlschreiber aber eher so wirkte wie Steve McLaran beim VfL Wolfsburg. So wie die Wolfsburger ihren alten Felix Magath zurückholten, besann sich Kohlschreiber auf Stefan Eriksson, den wir aber ansonsten mit Magath nicht vergleichen wollen. Es besteht also Grund zur Hoffnung, dass es wieder bergauf geht mit Kohli. Diese Woche in Auckland sah es schon mal ganz gut aus. Da kam er ins Halbfinale. Ich glaube, in Melbourne kann er richtig weit kommen – zumindest bis ins Achtelfinale. Die Auslosung meint es gut mit ihm. In Runde 1 wartet Juan Monaco (Argentinien, Nr. 27), einer der schwächsten gesetzten Spieler im Feld. Den kann Kohli in seiner aktuellen Form ebenso knacken wir Albert Montanes in Runde 2. In Runde 3 käme eventuell Mardy Fish (USA, Nr. 8) dran, der hat aber in letzter Zeit so wenig gerissen, dass ich meine Zweifel habe, ob er überhaupt bis Runde 3 dabei bleibt. Im Achtelfinale käme Juan Martin del Potro (Argentinien, Nr. 11). Wenn der gut in Form, ist spätestens da Schluss für Kohlschreiber. Aber del Potro ist in seinen Leistungen noch längst nicht wieder so stabil wie vor seinem Burn-Out. Also wer weiß? Über ein Viertelfinale gegen Roger Federer denken wir aber erst einmal nicht weiter nach.

Tobias Kamke (Nr. 98) hat sich als Spieler, der mit Ach und Krach stets unter den ersten 100 bleibt, etabliert. Sein Gegner Victor Hanescu (Nr. 90, Rumänien) schwächelte zuletzt gewaltig. Runde 2 sollte drin sein für Kamke. Dort verliert er dann wohl gegen Alexander Dolgopolov (Ukraine, Nr. 13).

Andreas Beck (25 Jahre) war vor zwei Jahren schon mal die Nummer 33, da war er wohl etwas zu hoch geflogen und stürtze ab. Inzwischen hat er sich einigermaße berappelt und ist wenigstens wieder die Nummer 93 und damit in Melbourne im Hauptfeld. Er wird hier sein Erstrundenmatch gegen Eric Prodon (Frankreich, Nr. 96) gewinnen und sich in Runde 2 gegen Roger Federer wacker schlagen und doch glatt verlieren.

Björn Phau (Nr. 174), der alte Haudegen, hat sich Downunder noch mal durch die Qualifikation gekämpft. Vielleicht hat er ja Glück, und sein belgischer Gegner Olivier Rochus (Nr. 54) ist müde vom Finale in Auckland, das er am Sonnabend gegen David Ferrer verlor. Aber weil Phau (31 Jahre) ja selber die drei Qualifikationsmatches in den Knochen hat, gleicht sich das wohl aus und wir brauchen nicht an die Zweitrundenniederlage gegen Tomas Berdych (Tschechien, Nr. 7) zu denken.

Für Benjamin Becker (Nr. 304), der nach mehr als sechs Monaten Verletzungspause über sein „Protected Ranking“, also die Ranglistenposition von vor der Verletzung Zugang zu den Australian Open hat, beginnt das Turnier mit einer ziemlich hohen Hürde: Marcos Baghdatis (Zypern, Nr. 44), Melbourne-Finalist von 2006. Der Mann ist im Moment wieder ganz gut in Form – zu gut für den noch nicht wieder hundertprozentig in Fahrt gekommenen Becker. Falls aber Becker wider Erwarten stark genug für Baghdatis sein sollte, kann er auch noch ein oder zwei Runden mehr gewinnen.

Peter Gojowczyk (Nr. 248) hat zum ersten Mal in seiner Karriere an der Qualifikation zu einem Grand-Slam-Turnier teilgenommen – und ist auf Anhieb durchgekommen ins Hauptfeld. Er zählt schon seit Jahren zu den wenigen Nachwuchshoffungen in Deutschland. Mit 22 Jahren wird es langsam Zeit für den Durchbruch. Gegen Donald Young (USA, Nr. 42) wird das aber wohl noch nichts. Falls ich mich irre, gilt wie bei Becker: Wenn Gojowczyk stark genug für Young ist, gewinnt er auch noch eine Runde mehr. Dann aber käme Rafael Nadal.

Tommy Haas (Nr. 190) ist wie Benjamin Becker über sein „Protected Ranking“ ins Hauptfeld gekommen – und hat einen deutlich einfacheren Auftaktgegner als Becker, den Qualifikanten Denis Kudla aus den USA (Nr. 276). Den schlägt Haas und verliert dann in Runde 2 ganz glatt gegen Nadal.

Hier die komplette Auslosung für die Australian Open

Sonntag, 8. Januar 2012

Der Ball fliegt wieder: Was verrät uns die erste Tenniswoche 2012?

Die erste ATP-Woche 2012 liegt hinter uns. Schauen wir also, ob sich schon erkennen lässt, was das neue Tennisjahr bringen wird. Zwar standen nur drei kleine 250er-Turniere auf dem Kalender, aber fast alle Spitzenspieler waren im Einsatz, um sich für die Australian Open in Schwung zu bringen, die in einer Woche losgehen.

Nur Novak Djokovic pausierte. Er hat bei einem Schau-Turnier in Abu Dhabi zwischen den Tagen seine Konkurrenten routiniert in die Schranken gewiesen. Der sportliche Wert von sowas ist ungewiss. Aber gehen wir als Arbeitshypothese einfach mal davon aus, dass die alte Nummer 1 auch im neuen Jahr das Maß aller Dinge sein wird.

Bei der Suche nach den Djokovic-Jägern richten sich nach wie vor die meisten Augen auf Rafael Nadal und Roger Federer. Beide spielten in dieser Woche in Doha (Katar). Beide gewannen das Turnier nicht. Nadal hatte in der ersten Runde ganz, ganz leichte Probleme gegen Philipp Kohlschreiber, als er einen Satz im Tie-Break abgab, und kam anschließend geräuschlos bis ins Halbfinale. Dort verlor er glatt gegen Gael Monfils (Frankreich, Nr. 16).

Roger Federer spielte sich problemlos durch die ersten beiden Runden und hatte dann im Viertelfinale größte Mühe, Andreas Seppi (Italien, Nr. 38) zu bezwingen. Zum Halbfinale gegen Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich, Nr. 6) trat er wegen Rückenbeschwerden nicht an. Wohl eine reine Vorsichtsmaßnahme. Für Melbourne will er wieder fit sein.

Möglich, dass Nadal in Doha nur mit halber Kraft gespielt hat, um seine Kräfte für Wichtigeres zu schonen. Es fällt auf, dass er inzwischen fast nur noch bei den Grand Slams wirklich überzeugend auftritt. Seit den French Open im Frühsommer gewann er kein einziges Turnier mehr, erreichte aber in Wimbledon und bei den US Open jeweils das Endspiel und trug mit lockeren Siegen entscheidend zum spanischen Davis-Cup-Titel bei. Bei den Australian Open wird er wieder Gas geben – aber mit Erfolg? In der Vergangenheit hat er sich bei diesem Turnier fast immer schwer getan.

Mit Roger Federer dürfte zu rechnen sein, wenn er seine Rückenprobleme in den Griff bekommt. Seit seiner US-Open-Halbfinal-Fünfsatz-Niederlage gegen Djokovic hat er kein offizielles Match mehr verloren und im Herbst drei Turniere hinterander gewonnen (Basel, Paris-Bercy und das Tourfinale in London). Dass man trotzdem Argumente für seinen Niedergang finden kann, wenn man will, bewies an Weihnachten Spiegel Online.

Nun aber zum einzigen unter den ernsthaften Djokovic-Konkurrenten, der noch nie einen großen Titel gewann und noch nie die Nummer 1 war: Andy Murray. Vor ihm wird man sich in Acht nehmen müssen. Er ist schon dort, wo die anderen jetzt erst hinfliegen: In Australien. Dort gewann er – mit Ivan Lendl als neuem Coach - das Turnier von Brisbane. Nach mühsamen Siegen in den ersten Runden kam er richtig in Schwung. Viertelfinale, Halbfinale und Endspiel gewann er so locker, dass er überhaupt keinen Grund gesehen haben dürfte, irgendwelche Kräfte für die Australian Open zu schonen. Der Kräfteverschleiß bei einem munteren 6:1, 6:3 (Finale gegen Alexander Dolgopolov) hält sich in Grenzen.

Wie der aufmerksame Leser festgestellt haben wird, liegen richtig belastbare Informationen darüber, wer 2012 glänzen und wer versagen wird, nicht vor. Aber immerhin hat die neue Saison begonnen, und das ist doch auch schon was wert. Und vielleicht brechen ja auch neue Spieler in die Phalanx der großen Vier ein. Zum Beispiel die anderen beiden Turniersieger dieser Woche. Jo-Wilfried Tsonga wird seit langer Zeit schleichend immer stärker. Ich kann ihn mir bislang nicht als Sieger eines Grand-Slam-Turniers vorstellen, aber immrhin war er in Melbourne 2008 schon einmal im Finale – und damals war er längst nicht so stark wie heute. Das Turnier von Chennai (Indien) gewann Milos Raonic (Kanada, Nr.31). Es spricht also einiges dafür, dass der junge Mann, der Anfang 2011 die Szene aufmischte und sich im Sommer verletzte, 2012 mit dem Aufmischen weitermacht und vielleicht schon in diesem Jahr die Top 10 knackt.

Hier die Ergebnisse der Woche (PDF)
- Chennai
- Brisbane
- Doha

Sonntag, 1. Januar 2012

Rainer Schüttler will tatsächlich aufhören

Achtung, dieser Einstiegsvergleich könnte auf manche Leser etwas makaber wirken, aber ich mag mich nicht von ihm trennen. Also: Los geht’s.

Es gibt Ereignisse, von denen man weiß, dass sie bald eintreten werden, aber dann lassen sie so lange auf sich warten, dass man aufhört, an sie zu glauben. Wer hätte gedacht, dass Johannes Heesters (108) doch noch mal stirbt? Und wer hätte gedacht, dass Rainer Schüttler (35) doch noch mal sein Karriereende ankündigt? Er hat es tatsächlich getan, jedenfalls mehr oder weniger Kurz vor Weihnachten sagte er der dpa: „Es gibt kein festes Rücktrittsdatum oder eine Entscheidung über mein letztes Turnier. Aber mit Sicherheit werde ich 2013 nicht mehr als Tennisprofi unterwegs sein.“
Irgendwann in diesem Jahr ist also Schluss. Wann, das wird wohl auch davon abhängen, wie gut er in die Saison startet. Im April wird er 36, bis dahin wird er wohl am Ball bleiben und dann vielleicht irgendwann im Sommer seinen Abschied feiern – auf einem der deutschen Sandplatzturniere, wo man dem alten Zirkuspferd noch mal eine Wild Card geben wird. Denn für den direkten Zugang in die Hauptfelder von ATP-Turnieren reicht es bei ihm schon seit einiger Zeit nicht mehr. Seit Ende Mai 2011 stand er nicht mehr unter den ersten 100 der Welt. Den Großteil seiner Ranglistenpunkte holt er inzwischen auf Challenger-Turnieren – und da leistet er durchaus noch Beachtliches. Im August gewann er das Challenger von Astana in Kasachstan. Das hat ein bisschen was von einem abgehalfterten Schlagerstar, der jetzt auf Sparkassen-Jubiläumsfeiern sein Geld verdient. Aber ich habe bei Rainer Schüttler nie das Gefühl, dass er unter seinem sportlichen Abstieg leidet. Er ist in Würde gealtert, und gelegentlich hat er auch immer wieder Glanzlichter auf der großen Bühne setzen können – zum Beispiel als er in Wimbledon – bei seinem wohl letzten Auftritt – in der ersten Runde mit Thomaz Bellucci einen gesetzten Spieler bezwang. Und was für einen grandiosen Auftritt legte er 2008 in Wimbledon hin! Kurze Zeit vorher stand er in der Rangliste noch weiter hinten als jetzt – und dann kam er ins Halbfinale und bewies allen Moserern, dass seine Zeit keineswegs schon abgelaufen war.

Andere Spieler müssen irgendwann aufhören, weil ihnen alle Knochen wehtun und sie mehr bei Dr. Müller-Wohlfahrt sind als auf dem Trainingsplatz. Das Erstaunliche an Rainer Schüttler – der ja eine durchaus kraftraubende Spielweise mit viel Laufeinsatz pflegt - ist, dass er sich praktisch nie verletzt – und vermutlich auch deshalb nicht so schnell auf die Idee kam, zu alt für den Tennis-Zirkus zu sein.

In dieser Woche spielt er in Doha (Katar). Das ist das Turnier, auf dem er vor 13 Jahren seinen ersten ATP-Titel gewann. Er muss diesmal durch die Qualifikation. Die beiden ersten Matches hat er schon gewonnen. Im dritten und entscheidenden Match trifft er morgen auf Denis Gremelmayr. Auch da dürfte Rainer Schüttler gute Chancen haben.

Hier das Tableau aus Doha
Qualifikation
Hauptfeld

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