Sonntag, 27. Mai 2012

In zehn Stunden zum Davis-Cup nach Gijón

Die älteren unter den geneigten Lesern werden sich an den Nichtangriffspakt von Gijón erinnern. Das Vorrundenspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Österreich.

Für die Jüngeren hier ein kleiner Exkurs, bevor wir uns dem eigentlichen Thema, dem Davis-Cup-Halbfinale 2012, zuwenden. Deutschland gewann das besagte Spiel mit 1:0. Nachdem in der 11. Minute Horst Hrubusch Deutschland in Führung gebracht hatte, geschah auf dem Platz nichts mehr, außer dass die Spieler 80 Minuten lang den Ball im Mittelfeld herumschoben. Hätten die Österreicher ausgeglichen, wäre Deutschland ausgeschieden und Algerien wäre weitergekommen. Hätten die Deutschen zwei weitere Tore geschossen, wäre Österreich ausgeschieden und Algerien weitergekommen. Die Kommentare zu diesem Spiel gehören zu meinen Lieblingsstellen in der CD-Sammlung „5 Jahrzehnte Fußball im Originalton“, die der Hessische Rundfunk 2000 herausgegeben hat.

Darauf hört man den österreichischen Torwart Friedl Koncilia seinen verschnarchten Mitspielern zurufen: „Ihr schlafts ja ei!“

ARD-Radioreporter Armin Hauffe spricht den folgenden grammatikalisch einwandfreien Schachtelsatz ins Mikrofon: „Und ich bin schon der Meinung, dass der Deutsche Fußballbund nach diesem Spiel insbesondere der ausländischen Öffentlichkeit, aber auch uns allen in der Bundesrepublik, eine Erklärung schuldig sein wird, denn der Schaden, der dem deutschen Fußball hier von seinen Akteuren – über die Österreicher wollen wir gar nicht mehr reden, das ist im Augenblick deren eigenes Problem – zugefügt wurde, der ist beträchtlich, ganz ohne Frage.“

Bundestrainer Jupp Derwall gibt nach dem Spiel den Medien die Schuld: „Wenn man eine Mannschaft, die Sport betreibt und Leistungen erzielen soll und muss aufgrund des Drucks, der ausgeübt wird über die Öffentlichkeit, die Presse und so weiter, dann wird man demnächst überhaupt keine guten Spiele mehr sehen.“

Dieses Spiel ist der Grund dafür, dass seit 1986 die letzten Spiele jeder WM-Vorrundengruppe stets parallel ausgetragen werden. Denn nur weil das Spiel zwischen Algerien und Chile schon beendet war, wussten Deutsche und Österreicher genau, welches Ergebnis bei ihren herauskommen musste, damit beide weiterkommen. Die Stadt Gijón ist also eine sporthistorische Stätte von Weltrang.

Inzwischen stellt sich in Zusammenhang mit dem Nichtangriffspakt eine ganz andere Frage: Wie sind die Spieler, Trainer, Funktionäre, Reporter und Schlachtenbummler damals 1982 eigentlich nach Gijón gekommen? Glaubt man dem Tennis-Weltverband ITF, dann muss es eine sehr beschwerliche Reise gewesen sein. (Vielleicht war das der Grund für die mäßige Leistung auf dem Platz?) 1982 war die Infrastruktur in Asturien gewiss nicht besser als 2012. Und selbst heute, meint die ITF, liege Gijón in einem derart abgelegenen Winkel des spanischen Königreichs, dass dort kein Davis-Cup-Halbfinale ausgetragen werden darf. Von dieser Einschätzung wurde der spanische Tennisverband gestern überrascht. Die ITF hat Gijón als Spielstätte für die Begegnung gegen die USA vom 14. bis zum 16. September abgelehnt und dabei auf ihre Statuten verwiesen, nach denen nur eine „major city or heavily populated area of the country with an easily accessible airport“ in Frage komme.

Als ich davon las, erinnerte ich mich sofort an die Davis-Cup-Erstrundenbegegnung 2009 zwischen Deutschland und Österreich in Garmisch-Partenkirchen. Dieser Ort ist nicht nur keine „major city“, er ist überhaupt keine Stadt. Von München aus benötigte ich weitere zwei Stunden mit der Regionalbahn bis nach Garmisch. Ich vermutete zunächst, dass für ein Halbfinale strengere Vorschriften gelten als für eine Erstrundenbegegnung. Ein Blick ins Davis-Cup-Regelbuch zeigt aber, dass eine solche Unterscheidung nicht vorgesehen ist. In Spanien verweist man zudem aufs Davis-Cup-Halbfinale 2009 zwischen Kroatien und Tschechien 2009 in Porec, das mit 17.000 Einwohnern 16 Mal kleiner ist als Gijón (277.000).

Auf der Liste von Spaniens größten Städten rangiert Gijón auf Platz 15. Ob das reicht, um eine „major city of the country“ zu sein, ist Interpretationssache. Der spanische Tennisverband hat Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid des ITF eingelegt. Am Dienstag wird darüber entschieden. Vielleicht hilft es ja, wenn man darauf hinweist, dass es gar nicht so schlimm ist, dass Gijón keinen internationalen Flughafen hat. Die Stadt ist vom nächstgelegenen Flughafen auf dem Landweg bequem erreichbar. Vom Flughafen Asturias aus, der offiziell der Provinzhauptstadt Oviedo zugeordnet ist, ist man über die A8 ganz schnell in Gijón.

Für die ITF-Funktionäre, die nach dem Finale der US Open am 9. September von New York nach Spanien fliegen wollen, habe ich mal zwei alternative Verbindungen rausgesucht.

Air Berlin bietet New York – Oviedo für 531 Euro an und ist damit der günstigste Anbieter. Ich gebe allerdings zu, dass die Route etwas umständlich ist. Sie führt über Malle:

Montag, 10. September 17.30 Uhr Abflug in New York (JFK)
Dienstag, 11. September, 7.25 Uhr Ankunft Berlin

8.45 Uhr Abflug Berlin
11.20 Uhr Ankunft Palma de Mallorca

14.45 Uhr Abflug Palma de Mallorca
16.30 Uhr Ankunft Asturias (Oviedo).

Wer etwas mehr Geld auszugeben bereit ist, kann die Strecke aber auch in zehn Stunden schaffen. Mit der Iberia muss man nur einmal umsteigen, nämlich in Madrid:

Montag, 10. September, 17.55 Uhr Abflug in New York (JFK)
Dienstag, 11. September, 7.10 Uhr Ankunft Madrid

8.55 Uhr Abflug Madrid
10 Uhr Ankunft Asturias (Oviedo).

Für die weitere Reise sei den Funktionären der ITF folgende Webseite empfohlen: http://advanced.shuttledirect.com/ Für 37,41 Euro können sie sich ein Taxi buchen, das sie in weniger als einer dreiviertel Stunde nach Gijon bringt. („Fahrer trifft Sie persönlich.“) Ich glaube, das Taxi von Manhattan zum JFK-Flughafen ist länger unterwegs.

Also, hoffentlich gibt die ITF dem spanischen Widerspruch statt. Alles andere wäre ein unschöner Präzedenzfall, zumal der gedankliche Weg von der nordspanischen Küstenstadt Gijón zur norddeutschen Küstenstadt Kiel nicht weit ist, und ich immer noch hoffe, dass es eines Tages mal eine schöne Davis-Cup-Partie bei mir um die Ecke in der Ostseehalle gibt. Der Nichtangriffspakt wird sich schon nicht wiederholen. Auf Ergebnis zu spielen, das geht im Tennis ja nicht.

Update am 11. Juni: Die ITF hat eingelenkt, die Begegnung darf jetzt doch in Gijón stattfinden.

Sonntag, 20. Mai 2012

Tennisgedichte 4: "Vergleich"

Die Liebe gleicht dem Tennisspiel,
Denn in gar manchem Falle
Hängt gute Chance und das Glück
Nur ab von einem Balle

Schweini weiß, dass dies nicht nur für den Tennissport gilt... Das dramatische Ende des Champions-League-Finales gestern Abend in München soll uns Anlass sein, mit der im Winter begonnenen Serie von Tennis-Gedichten fortzufahren.

Ich kann nicht sagen, dass mich dieses Gedicht von Martha Lasker besonders tief berührt. Es ist recht schlicht. Der zentrale Gedanke, der Vergleich zwischen Glück und Pech im Sport mit dem in der Liebe, ist nicht schlecht, vielleicht war er zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar ein bisschen originell. Viel draus gemacht hat die Dichterin nicht. Wenn wir das Wort „Chance“ zweisilbig aussprechen („Schong-se“), stimmt immerhin das Versmaß (Jambus).

Dennoch – Martha Lasker brachte es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts unter dem Pseudonym „L. Marco“ zu einer gewissen Berühmtheit. Wenn dem Leser der Name Lasker in Zusammenhang mit Gedichten bekannt vorkommt, liegt dies vermutlich weniger an Martha (1867-1942) als an ihrer Schwippschwägerin Else Lasker-Schüler (1869-1945), die zu Recht sehr viel berühmter ist. Von Else Lasker-Schüler habe ich bisher kein Tennisgedicht entdeckt. Falls jemand eines kennt, bitte melden! Überhaupt bin ich dankbar für Hinweise auf Gedichte für diese Serie. Den Namen Lasker haben beide Dichterinnen von ihren Ehemännern, den Brüdern und Schachmeistern Emanuel (1868-1941) und Bertold Lasker (1860-1928).

Während Else die bessere Dichterin war, war Marthas Mann Emanuel der bessere Schachspieler: der bislang einzige deutsche Weltmeister, und das über einen Zeitraum von 27 Jahren. Beim Blick auf das oben zitierte Gedicht ist dieser Aspekt interessant. Ihr Mann war Meister eines Sports, in dem gute Chance und das Glück nicht abhängt von einem Balle - oder einem Zuge. Natürlich kann ein unbedachter Zug ein ganzes Spiel vermasseln, aber dann gilt stets: Das hätte man vorher wissen können, hätte man nur weit genug gedacht. Einfach mal draufhauen und hoffen, dass der Ball unerreichbar auf die Linie klatscht und nicht dicht daneben, das ist eine Methode, die ich zwar beim Schachspielen auch schon mal – mit großem Spaß - angewandt habe, aber ich bin ja auch weit entfernt von jeder Meisterschaft.

Was wiederum bedeutet dieser Vergleich zwischen Tennis und Schach für die Liebe? Und was für das Champions-League-Finale, das Chelsea mit Rasenschach und viel Glück gewann? Und was hat das alles mit dem sowjetischen Tennis-Altmeister Andrei Chesnokov zu tun, dem man nachsagte, er spiele Asche-Schach? Vielleicht stecken ja doch noch Abgründe in diesen schlichten vier Zeilen Martha Laskers.

(Das Gedicht ist zitiert aus dem Band „Unartige Musenkinder“, herausgegeben von Richard Zoozmann, Leipzig 1914)


Hier die bisherigen Folgen der Tennisgedichte-Serie:

1.) „Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff
2.) „So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe“ von Arno Holz
3.) „Steffi-Graf-Gospel“ von Robert Gernhardt

Sonntag, 13. Mai 2012

Eine vorsichtige Verteidigung des blauen Sandes von Madrid

(Serena Williams auf der Pressekonferenz nach ihrem heutigen Turniersieg in Madrid, auf die Frage, warum sich einige ihrer männlichen Kollegen über den blauen Sand beklagten, auf dem die Spiele ausgetragen wurden, zitiert nach Eurosport.)  

Das Masters von Madrid ist vorbei. Roger Federer und Serena Williams sind die Könige des blauen Sandes – und werden in dieser Disziplin vielleicht nicht so schnell entthront. Denn es sieht fast so aus, als sollte Turnier-Zampano Ion Tiriac im kommenden Jahr wieder zurückkehren zum herkömmlichen Rotbraun. Das fände ich ein bisschen schade. Dabei war ich Anfang der Woche, wie fast jeder traditionsbewusste Tennisfreund, noch strikt gegen blau.

Aber der Reihe nach. Den Scoop mit dem blauen Sand hatte Tiriac von langer Hand geplant. 2009 nahm sein Masters-Turnier von Madrid im ATP-Turnierkalender den Platz im Mai ein, den bis dahin Hamburg belegt hatte, das zurückgestuft und in den Juli verlegt wurde. Bis 2008 hatte Madrid ein Hallen-Masters im Oktober, das auf einem Hartplatz ausgetragen wurde. Im Mai wurde zunächst selbstverständlich auf rotem Sand gespielt, auf dem genau dem Bodenbelag, den auch die French Open wenige Wochen später verwenden. Die europäische Turnierserie im Frühjahr ist eine Vorbereitung auf die French Open. 

Aus spanischer Sicht schien das eine glückliche Entwicklung zu sein. Nun gab es endlich ein Masters auf dem Bodenbelag, auf dem Rafael Nadal und fast alle seine Landsleute ihre besten Ergebnisse erzielen. Aber Tiriac wollte mehr. Er wollte für das Turnier in Madrid einen Stellenwert, der dem eines fünften Grand-Slam-Turniers entspricht. Er baute ein neues Stadion, die „Caja Mágica“, das er als das modernste der Welt bezeichnen ließ. 

Nebenbei ergab es sich, dass sich Nadal dort nie richtig wohl fühlte. Vier mal hat er jetzt in dem magischen Kasten gespielt, nur einmal (2010) gewann er das Turnier. Keine gute Quote für einen wie ihn. Immerhin ist er in diesem Jahr überhaupt angetreten. Sein Onkel und Trainer Toni will ihm davon abgeraten haben, auch weil es die falsche Vorbereitung für Paris sei. Als Rafael dann draufstand auf dem blauen Sand, war das Geschrei groß. Genau wie Novak Djokovic fand er den Boden viel zu rutschig, um auf ihm vernünftig Tennis zu spielen. Ob das die Ursache dafür war, warum Nadal im Achtelfinale ausschied (gegen Fernando Verdasco) und Djokovic im Viertelfinale (gegen Janko Tipsarevic), wird sich nicht ermitteln lassen. Jedenfalls kündigten die beiden derzeit nominell besten Tennisspieler der Welt unisono an, nächstes Jahr nicht wiederzukommen, wenn der blaue Sand bleibt.

Eine solche Ankündigung bringt selbst einen Ion Tiriac zum Nachdenken, der bisher sinngemäß erklärt hatte, die Spieler sollten sich nicht so anstellen, schließlich sei er es, der die Sponsorengelder und die Zuschauer heranschaffe, und das gehe nun einmal besser mit blauem Sand. Dass Tennisprofis Dienstleister in einer Unterhaltungsbranche sind und dabei die Bedürfnisse des zahlenden Publikums nicht ignorieren können, ist richtig. Aber warum braucht es dazu blauen Sand? Tiriacs am häufigsten genannte Erklärung ist: Als Fernsehzuschauer sehe man den gelben Ball auf dunkelrotem Grund so schlecht. Ich muss gestehen: Das ist ein Problem, das mir in über 25 Jahren Tennisgucken noch nie aufgefallen ist. Sollte das Problem dennoch bestehen, könnte man ja auch die Farbe des Balles ändern. Das wäre ein kleinerer Eingriff ins Spiel gewesen. Tiriac denkt wohl auch darüber nach... 

Es werden noch andere Gründe für Tiriacs Farbwahl kolportiert. Zum Beispiel der, dass Blau die Unternehmensfarbe des Turnier-Hauptsponsors ist, eines großen Versicherungsvereins. Und der, dass das Masters von Madrid eben etwas Einmaliges sein soll, das sich von den anderen Masters – und auch von den Grand Slams – unterscheidet. Da brauchte man eben einen anderen Sand als den in Monte Carlo, Rom und Roland Garros. Zu Wochenbeginn bekräftigten Tiriac und seine Turnierdirektoren Manuel Santana und Carlos Moyá noch, der blaue Sand sei doch eigentlich gar nicht anders der rote. 

In diese Kerbe haut auch ein Spiegel-Artikel zum Thema. Die Argumentation erscheint mir aber nicht ganz überzeugend. Roter Sand ist eigentlich gar kein Sand, sondern gemahlener Ziegelstein. Jeder, der schon mal eine Ziegelsteinmauer gesehen hat, weiß, dass Ziegelsteine typischerweise dunkelrot sind. Es gibt auch hellgelbe Steine, und entsprechend gibt es tatsächlich vereinzelt Tennisplätze mit hellgelbem Sand, ohne dass die Spieler sich drüber aufregen. Der in Amerika verbreitete grüne Sand wird aus Basaltsteinen gemacht und nicht aus Ziegeln. Von Natur aus blaue Ziegelsteine kenne ich nicht. Das Dunkelrot, das habe ich in dieser Woche gelernt, kommt vom Eisenoxid (also Rost) im Stein. Um blauen Sand zu gewinnen, wird der Rost dem roten Ziegelmehl chemisch entzogen. Dadurch allein wird der Sand vermutlich tatsächlich nicht rutschiger als roter. In einem zweiten Schritt wird ihm aber ein blauer Farbstoff hinzugefügt. Ich habe leider nicht herausfinden können, was für ein Farbstoff das genau ist. Aber dass der blaue Sand offenbar mit einem blauen Material beschichtet ist, das spricht durchaus für die These, dass seine Oberflächeneigenschaften andere sind als die von normalem Tennisplatzsand.

Dass der Platz von Madrid für einen Sandplatz ausgesprochen schnell war, das war meines Erachtens zu sehen. Und dafür sprechen auch die Ergebnisse. Roger Federer als Sieger, Tomas Berdych als Endspielgegner und Janko Tipsarevic und Juan Martin del Potro als Halbfinalisten, das erinnert mehr an ein Hartplatz-Masters als an eines auf Sandplatz. Aber ist das schlimm? Ist das ein Grund, das Turnier fürderhin zu boykottieren, wie es die beiden früh ausgeschiedenen Großmeister Nadal und Djokovic androhen? Das wäre es, wenn die Verletzungsgefahr auf dem rutschigen Boden erhöht wäre. Von den 55 Matches im Herren-Hauptfeld endete ein einziges mit einer verletzungsbedingten Aufgabe. Da haben wir auf gelenkfeindlichen stumpfen Hartplätzen schon ganz andere Quoten gesehen. Zudem sagte Igor Andreev, das war der Mann, der auf dem blauen Sand verletzt aufgab, er sei schon mit einer leichten Verletzung ins Match hineingegangen. Das Blau erwähnte er mit keinem Wort. 

Also: Ich glaube, man kann durchaus auf blauem Sand spielen. Es sieht zwar ganz schrecklich künstlich aus, aber ich finde es gut, dass es mal einen anderen Bodenbelag gibt als sonst. Es ist der erste Schritt weg von der fortschreitenden Vereinheitlichung der Tennisbeläge im Profitennis. Es gibt auf der ATP-Tour keine Hallenturniere auf Teppich mehr, die Rasensaison ist extrem kurz. Das letzte amerikanische Sandplatzturnier in Houston hat längst vom etwas schnelleren grünen Sand auf den europäischen roten umgesattelt, und fast alle Hartplatzturniere halten sich an die Norm, die US Open und Australian Open vorgeben, damit bloß kein Spieler sich zu sehr umgewöhnen muss. Da ist ein bisschen blauer Sand doch ein Lichtblick! 


Montag, 7. Mai 2012

Live vom ATP-Turnier in München

Den dicken grauen Kapuzenpullover, den ich mir auf meiner letzten Turnierreise nach München bibbernd kaufte, konnte ich diesmal zu Hause lassen. Stattdessen hatte ich Sonnenbrille und Sonnencreme im Gepäck. Was ich – anders als viele andere Turnierbesucher - nicht dabei hatte, waren kurze Hosen. Der Himmel über München war tiefblau am Montag und am Dienstag.

Das Wetter war nicht die einzige Sache, die bei den BMW Open 2012 anders war als vor zwei Jahren. Auch der Biersponsor hat gewechselt. Als es am späten Nachmittag Zeit für eine Erfrischung war, musste ich feststellen, dass es kein bayerisches Helles gab wie sonst, sondern nur die weißglasigen Flaschen einer mexikanischen Stylo-Marke. Ich war so entrüstet, dass ich spontan auf Alkoholkonsum während des Turniersbesuchs komplett verzichtete. Dabei habe ich in anderen Zusammenhängen eigentlich gar nichts gegen Corona.

Apropos Sponsoren: Die sind in München sehr, sehr präsent. Deutlich präsenter als auf den anderen ATP-Turnieren, die ich bisher besucht habe. Das geht schon auf der Straße los. Um zum Besuchereingang zu gelangen, muss man sich erst einmal an einer Reihe ostentativ abgestellter Luxuslimousinen aus der Herstellung des Hauptsponsors vorbeischlängeln. Hat man es auf das Turniergelände geschafft, wartet die nächste Hürde: Man muss den Center Court finden. Mittlerweile war ich ja schon ein paar Mal auf diesem Turnier und weiß, dass ich erst rechtsrum muss und mich dann halblinks zu halten habe. Bei meinem ersten Besuch war das aber eine echte Herausforderung, und das wird es für Turnier-Neulinge auch diesmal wieder gewesen sein. Zuerst geht man an Dutzenden von weißen Zelten vorbei, in denen irgendwelche Sachen verkauft werden und die einen praktischen Nutzen wirklich nur bei meinem Besuch vor zwei Jahren hatten, als ich in einem dieser Zelte besagten grauen Kapuzenpullover bekam. Hat man den Weg durch die Zeltstadt gefunden, gelangt man zur Fressmeile, deren praktischen Nutzen ich nicht bestreiten möchte, auch wenn ich mir ein anderes Bier gewünscht hätte.

Hinter der Fressmeile sieht man linkerhand ein großes zweistöckiges weißes Gebilde und denkt sich: Das ist so groß, das wird was mit dem Center Court zu tun haben. Geht man hin, stellt man aber fest: Das ist das VIP-Zelt. Man findet das VIP-Zelt leichter als den Center-Court! Da lobe ich mir den Hamburger Rothenbaum, an dem das VIP-Zelt so gut versteckt ist, dass der herkömmliche Besucher gar nicht merkt, dass es überhaupt eins gibt. Vor dem VIP-Zelt findet man den so genannten Platz 4, der eigentlich Platz 2 heißen müsste, weil er der zweitwichtigste Platz nach dem Center Court ist. Auf ihm fanden diesmal einige Spiele statt, die interessanter waren als die auf den Center Court, aber dazu gleich mehr.

Hinter dem VIP-Zelt gibt es weitere Plätze, die aussehen wie reine Trainingsplätze, also gar keine Zuschauerränge haben. An denen kann man einfach vorbeischlendern, stehen bleiben und den Profis ganz aus der Nähe zuschauen. Dort finden nur wenige Matches statt und ab der zweiten Runde gar keine mehr. Eine Vorstellung davon, wie das aussieht, vermittelt diese Bilderserie im Blog von Loreley aus dem Match von Ernests Gulbis (Lettland) gegen Xavier Malisse (Belgien).

Jetzt aber wenden wir uns dem Platz 4 zu, dem großen Nebenplatz mit richtigen Tribünen. Dieser Platz war völlig überlaufen, als ich am Montag eintraf. Dort spielte nämlich Publikumsliebling Dustin Brown. (Mehr über den Mann steht hier) Dass der Deutsch-Jamaikaner ein Publikumsliebling ist, schien den Turnierveranstaltern um Direktor Patrik Kühnen nicht ganz klar zu sein, sonst hätten sie seine Spiele vielleicht auf dem Center Court angesetzt, der zeitgleich halbleer war. Außerdem hätten sie ihm vielleicht eine Wild Card gegeben. So musste er sich als Nummer 159 der Welt durch die Qualifikation spielen, was er locker schaffte. Weil Platz 4 so überlaufen war, hatte ich Schwierigkeiten, wirklich viel von Brown zu Gesicht zu bekommen. Was ich sah, war okay, manchmal auch ein bisschen spektakulär – zum Beispiel, als er mit wehendem Haarschopf zum Schmetterball in die Luft stieg, sich unterwegs entschloss, den Ball lieber nicht zu schlagen, sondern ins Aus fliegen zu lassen, und dann sekundenlang in der Luft zu stehen schien, als er dem Ball hinterhersah, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich ins Aus fliegt. Trotzdem glaube ich: Hätte er aschblondes Haar, wäre sein Spiel kaum jemandem aufgefallen. Brown hat ein gutes Turnier gespielt. Er kam – wie schon im vergangenen Jahr – im Einzel in die zweite Runde. Im Doppel erreichte er an der Seite von Alexander Waske das Halbfinale.

Apropos Waske. Der war nicht nur als Spieler im Einsatz, sondern auch als Coach. Als sein Schützling Cedrik-Marcel Stebe in Runde 1 gegen Sergiy Stakhovsky (auf Platz 4) spielte, saß Waske in der ersten Reihe der Zuschauerränge mit demselben hochkonzentriertem Blick, den er hat, wenn er selber auf dem Platz steht. Stebe, 21 Jahre, Nummer 91 der Welt und eine der wenigen Nachwuchshoffnungen, die das deutsche Tennis derzeit hat, verlor mit 6:7 und 3:6. Für ihn wäre mehr drin gewesen, wenn er einen Weg gefunden hätte, Stakhovskys Aufschläge zu returnieren. Weil er die Bälle aber meist nur mühsam im hohen Bogen zurückschlug, konnte Stakhovsky lässig ein sehr elegant aussehendes Serve-und-Volley-Tennis spielen, was man heutzutage ja nicht mehr oft zu sehen bekommt und was mir durchaus gefiel.

Ein anderes Spiel auf Platz 4, das mir gefiel, war das Erstrunden-Doppel von Michael Kohlmann und Jamie Murray gegen Marcos Baghdatis und Michail Juschni. Kohlmann/Murray gewannen im Match-Tiebreak mit 6:7, 6:2, 11:9. Ich bin während dieses Matches zum Jamie-Murray-Fan geworden. Bisher dachte ich immer: Das ist halt der große Bruder von Andy Murray, und der spielt halt Doppel auf der Tour, weil er es im Einzel nicht kann. Dass er schaffte, was sein Bruder bisher vergeblich versucht, nämlich Wimbledon zu gewinnen, habe ich nie ernst genommen. Es war ja nur im Mixed (2007 mit Jelena Jankovic). Im Moment ist Jamie Murray die Nummer 39 der Doppel-Weltrangliste. Würde er nicht ab und zu erfolgreich mit seinem Bruder spielen (die beiden haben zum Beispiel das 500er-Turnier von Tokio gewonnen), stünde er deutlich weiter hinten. Jamie Murray ist kein begnadeter Vorhand- und Rückhandspieler, aber er hat, wenn er zum Volley am Netz steht, einen fantastischen Blick dafür, wohin der Ball muss und ob der Ball, der vom Gegner kommt, ins Aus geht oder nicht. Mit seinen 26 Jahren ist er für Doppel-Verhältnisse ein junger Hüpfer. Mit ihm wird in den kommenden Jahren noch zu rechnen sein.

Aber jetzt zum Center Court. Ich weiß ja inzwischen, wo man ihn findet, also konnte ich mir auch dort ein paar Spiele ansehen. Zum Beispiel das von Matthias Bachinger gegen Alejandro Falla aus Kolumbien. Bachinger kam – wie man so schön sagt – mit der Empfehlung einer Halbfinalteilnahme in Bukarest nach München. Sein Erstrundenmatch gegen Falla, der als Nummer 55 der Welt formal favorisiert war, gewann er relativ locker mit 7:6, 6:2. Das geschah vor den erwähnten halbleeren Rängen, während nebenan Dustin Brown gegen den Bukarest-Viertelfinalisten Daniel Brands gewann. Bachinger spielte zwar nicht spektakulär, aber sehr ballsicher. Auch wenn er in der zweiten Runde gegen den späteren Finalisten Marin Cilic verloren hat, glaube ich im Moment: Bachinger wird sich in diesem Jahr auf der ATP-Tour etablieren. Nach München ist er immerhin wieder unter den Top 100. Er spielte wie jemand, der sich ungefähr auf Platz 60-70 einreihen könnte. Außerdem auf dem Center Court: Tommy HaasMichael Berrer 6:0, 6:2. Ja, solange Haas unverletzt bleibt, ist er immer noch vorne dabei. Nach Berrer schlug er keinen Geringeren als Jo-Wilfried Tsonga und dann Marcos Baghdatis. Im Halbfinale gegen Cilic zwickte dann sein Rücken. Den Sieg über Tsonga darf man sicher nicht zu hoch hängen. Tsonga wird nach München gekommen sein, um vor den French Open unter Mitnahme eines Antrittsgeldes ein paar Bälle unter Wettkampfbedinungen zu schlagen, mehr nicht. Trotzdem ist es beachtlich, was Tommy Haas hier gezeigt hat.

Außerdem sei Bernard Tomic erwähnt, der 19-jährige Australier, der mit drei Jahren mit seinen kroatischen Eltern von seiner Geburtstadt Stuttgart ans andere Ende der Welt umzog. Spätestens seit seinem Wimbledon-Viertelfinale im vergangenen Jahr gilt er als einer der kommenden Stars, und auch wenn für ihn in München im Viertelfinale gegen Feliciano Lopez Schluss war, gilt er das wohl nicht zu Unrecht. Ich sah ihn im Erstrundenmatch gegen Oliver Rochus (Belgien). Tomic war manchmal etwas ungestüm wie weiland Marat Safin, aber Safin hat ja mit seiner ungestümen Art auch so manchen Gegner plattgemacht. Kommende Grand-Slam-Finals zwischen Tomic und dem sehr rational spielenden Milos Raonic könnten echte Klassiker werden.

Den späteren Turniersieger Philipp Kohlschreiber habe ich nicht zu Gesicht bekommen. Er hatte sein erstes Spiel erst, als ich München schon wieder verlassen hatte. Was ich heute vom Livestream aus dem Finale sah, machte einen sehr ordentlichen Eindruck. In der Weltrangliste von diesem Montag ist er als Nummer 25 nur noch einen Platz hinter dem schwächelnden bestplatzierten Deutschen Florian Mayer auf Rang 24 und wird ihn sicher in den kommenden Wochen überholen. Kohli spielt, nachdem er sich von Andy Murrays Ex-Trainer Miles MacLagan getrennt hat, eine starke Saison und könnte endlich sein Ziel erreichen, die Top 20 zu knacken.

Hier die Ergebnisse aus München im Einzel 
 und im Doppel

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de