Sonntag, 24. Juni 2012

Cedrik-Marcel Stebe hat eine bemerkenswert niedrige Boris-Becker-Zahl

Ab morgen versuchen wieder 128 Männer, Wimbledon zu gewinnen. Ein einziger ist darunter, der die Boris-Becker-Zahl 1 hat: Lleyton Hewitt.

Die Boris-Becker-Zahl (BBZ) ist so etwas ähnliches wie die Kevin-Bacon-Zahl. Die Kevin-Bacon-Zahl, deren Genese sich bis ins Jahr 1994 zurückverfolgen lässt, gibt die Länge der kürzesten Kette von Schauspielern, die gemeinsam in einem Film spielen, zu Kevin Bacon an. Wer also mit Kevin Bacon in einem Film gespielt hat, hat die Kevin-Bacon-Zahl 1. Wer mit jemandem in einem Film gespielt hat, der schon mal mit Kevin Bacon in einem Film gespielt hat, hat die Kevin-Bacon-Zahl 2 usw. So hat zum Beispiel Hape Kerkeling die Kevin-Bacon-Zahl 3, weil er 1993 in seinem eigenen Film „Kein Pardon“ zusammen mit Regine Hentschel spielte, die wiederum 2010 in „The Ghost Writer“ (2010) mit Eli Wallach spielte, der wiederum 2003 in „Mystic River“ mit Kevin Bacon vor der Kamera stand. Das habe ich nicht alleine rekonstruiert. Sowas ermittelt man auf dieser Webseite.

Es wird höchste Zeit, dieses Konzept ins Welttennis einzuführen. Und wer würde sich als Anker dieses Systems, gerade wo Wimbledon vor der Tür steht, besser eignen als Boris? Wer je gegen Boris Becker spielte, hat die BBZ 1. Wer gegen jemanden spielte, der je gegen Boris Becker spielte, hat die BBZ 2 usw.

Ganz nebenbei können wir dabei versinnbildlichen, dass seit Boris Abschied vom aktiven Sport genau eine Tennisgeneration vergangen ist. Noch vor wenigen Jahren liefen haufenweise Profis auf den Center Courts der Welt rum, die noch selbst gegen Boris Becker gespielt hatten: Nicolas Kiefer, Carlos Moyá, Marat Safin, Fabrice Santoro, Jonas Björkman. Inzwischen ist Lleyton Hewitt der einzige – es sei denn, wir zählen den 37-jährigen George Bastl mit, der am letzten Wochenende in 's Hertogenbisch zum ersten Mal in diesem Jahr in einem ATP-Qualifikationswettbewerb auftauchte, wo er glatt gegen den späteren Finalisten Philipp Petzschner verlor. Bastl (der auch die Pete-Sampras-Zahl 1 hat) verlor 1998 in Gstaad gegen Becker.

Hewitt ist 31 Jahre alt, und damit noch längst nicht der Methusalem unter den Tennisprofis. Aber er hat schon mit 16 Jahren angefangen, große Turniere zu spielen. Mit 18 Jahren (1999) verlor er in der dritten Runde von Wimbledon gegen Boris in drei Sätzen.

Die Mehrheit der Spieler, die ab morgen im Wimbledon-Hauptfeld spielen, hat die BBZ 2. Wer schon ein paar Jahre auf der Profitour unterwegs ist, hat irgendwann – wenn nicht gegen Lleyto Hewitt – dann doch gegen einen der anderen oben genannten Haudegen wie Safin oder Moya gespielt. Novak Djokovic zum Beispiel spielte erst in diesem Jahr bei den Australian Open gegen Hewitt, Rafael Nadal 2010 bei den French Open, Roger Federer 2011 im Davis-Cup. Federer gehört zwar demselben Jahrgang wie Hewitt an (1981), aber als Hewitt in Wimbledon gegen Boris antrat, stand Federer noch auf Platz 699 der Weltrangliste, womit er weit davon entfernt war, auch nur an der Wimbledon-Qualifikation teilnehmen zu dürfen.

Der in der Weltrangliste bestplatzierte Spieler mit einer BBZ größer als 2 ist der Ukrainer Alexandr Dolgopolov auf Platz 21. Dolgopolov ist Jahrgang 1988. Er ist in dem Alter, in dem es losgeht, dass die BBZ 2 nichts Selbstverständliches mehr ist. Von den Spielern im Wimbledon-Hauptfeld, die 1990 oder später geboren sind, habe ich nur zwei mit BBZ 2 gefunden. Einer davon ein Deutscher: Cedrik-Marcel Stebe verlor in diesem Januar ein spannendes Viersatzmatch in der Rod-Laver-Arena von Melbourne gegen Lleyton Hewitt. Der zweite 1990er mit BBZ 2 ist Milos Raonic. Auch er verlor in diesem Januar in Melbourne gegen Hewitt.

Außerhalb des Wimbledon-Hauptfeldes gibt es noch ein paar weitere Spieler aus den 90ern mit BBZ 2. Ze Zhang zum Beispiel, der neulich in Halle als erster Chinese seit sieben Jahren außerhalb seines Heimatlandes ein ATP-Match gewann. Er spielte in diesem Jahr im Davis-Cup gegen Australien – und unterlag Hewitt. Ein paar andere Nachwuchskräfte, unter ihnen der Niedersachse Jaan-Frederik Brunken, trafen in Challenger-Qualifikationen auf George Bastl.

Die BBZ lässt sich in natürlich nicht nur auf Spieler in der Gegenwart anwenden. Auch historische Gestalten haben eine BBZ. Die von Gottfried von Cramm ist 4. Das ist jedenfalls die Zahl, zu der ich auf der dürren Basis der mir vorliegenden Ergebnisse aus der Mitte der vergangenen Jahrhunderts gelange. Die Reihe geht so: Cramm – Drobny - Rosewall – Connors – Becker. 1951, im Alter von 41 Jahren, nahm Cramm zum letzten Mal an Wimbledon teil und verlor in Runde 1 gegen den späteren Turniersieger Jaroslav Drobny. Drobny gewann den Titel auch 1954, als er im Endspiel den damals 19-jährigen Ken Rosewall schlug.  Rosewall wiederum verlor 1974 – mit 39 Jahren – das Wimbledon-Finale gegen Jimmy Connors (und spielte in den 70ern auch noch eine Reihe weiterer Matches gegen Connors). Connors wiederum spielte sechs Mal gegen Boris (und verlor immer), zuletzt 1992 in Indianapolis.

Montag, 18. Juni 2012

Live aus Halle/Westfalen


Ein symbolisches Bild. Diese Szene beendete heute das Endspiel im altehrwürdigen Londoner Queen's Club. David Nalbandian, der das Schienbein eines Linienrichters, den er wohl eigentlich gar nicht treffen wollte, blutig trat, wurde disqualifiziert. Immerhin bekamen die Zuschauer damit eine unvergessliche Szene geboten, das tröstet aber nur mäßig darüber hinweg, dass das Turnier, das einst als die einzige echte Vorbereitung für Wimbledon galt, im Begriff ist, diese Rolle an das parallel ausgetragene Turnier in Halle/Westfalen zu verlieren.

Der eben gesehene David Nalbandian stand vor zehn Jahren im Wimbledon-Endspiel. Aktuellere Endspielteilnehmer wie Roger Federer, Rafael Nadal und Tomas Berdych spielten in Halle. Insbesondere bei Nadal liegt das auch am britischen Steuerrecht. Das aber wollen wir nicht weiter vertiefen.

Ich war am Donnerstag in Halle; es gibt heute also wieder einmal einen Vor-Ort-Bericht zu lesen. Die Reise hat sich gelohnt. Ich habe fantastische Spiele gesehen. Aber Halle/Westfalen wird so schnell nicht mein Lieblingsturnier werden. Ich wundere mich im Nachhinein, wie sehr die Fernsehreporter stets die familiäre Atmosphäre bejubeln. Dort, wo die Spieler und die Fernsehreporter sich rumtreiben, mag diese Atmosphäre herrschen: Alles schön dicht beieinander. Ich als unbedarfter Besucher hatte einen anderen Eindruck, nämlich den einen seelenlosen Retortenturniers.

Wer ein familiäres ATP-Turnier erleben möchte, der fährt nach München. Halle mit München zu vergleichen, ist ungerecht. Denn in München spielt kein Federer und kein Nadal. In München muss man keine Millionenumsätze generieren, die mit denen in Halle/Westfalen vergleichbar wären. Aber auch den Hamburger Rothenbaum zu Zeiten, als er noch den Masters-Status genoss, also auch mit Federer und Nadal aufwarten konnte, fand ich zwar nicht familiärer, aber authentischer.

Das Problem ist das Gerry-Weber-Stadion. Es ist eine Mehrzweckhalle mit Schiebedach. Wenn man in Deutschland ein Wimbledon-Vorbereitungs-Turnier ausrichten will, braucht man sowas wahrscheinlich. Bei einem Rasenturnier ist ein Dach überm Stadion wichtiger als bei einem Sandplatzturnier. Sandplatztennis kann man schließlich auch im Nieselregen spielen. Der Rasen aber darf nicht einmal leichtfeucht sein, weil er dann sofort zu rutschig wird. Außerdem darf man mit dem Zeitplan nicht zu sehr in Verzug geraten. Die Finalisten wollen ihr für Sonntag geplantes Endspiel nicht erst am Montag oder Dienstag zu Ende spielen. Sie wollen ganz schnell weiter nach London.

Ich sehe also ein, dass das Turnier von Halle/Westfalen möglicherweise nicht anders sein kann, als es ist. Und es ist eine wunderbare Sache, dass in der westfälischen Provinz ein Textilunternehmer seit 20 Jahren eine solche Veranstaltung aus dem Boden stampft. Es ist inzwischen das einzige Tennisturnier in Deutschland, auf dem man die Topstars erleben kann. Es ist auch toll, dass das Gerry-Weber-Stadion einen eigenen Bahnhof hat, so dass ich ganz bequem am Morgen in der schleswig-holsteinischen Provinz in den Zug steigen konnte und am Mittag im Stadion war.

Aber mit fehlte das Schlendern. Mir fehlte das Gefühl, auf einer großzügigen Tennisanlage herumzustöbern, wie es sonst auf Freiluftturnieren möglich ist. Der Raum um das Gerry-Weber-Stadion herum ist wahnsinnig eng. Selbst am Donnerstag, was nicht der Tag mit dem größen Besucheransturm gewesen sein dürfte, herrschte überall Gedränge. Der Rasen im Stadion wirkte auf mich wie ein Fremdkörper – einfach weil das Stadion dank seiner geschlossenen Treppenhäuser den Besucher den Eindruck vermittelt, er sei in einem Gebäude. Und in einem Gebäude erwartet man Teppich oder einen Linoleumboden, aber keinen Rasen.

Abgesehen davon hat mit der Rasen von Halle aber durchaus gefallen. Ich schließe mich gern denjenigen Beobachtern an, die sagen, dieser Rasen sei wenigstens echter Rasen und kein Bremsbelag wie seit einigen Jahren in Wimbledon. Ich habe seit langer Zeit mal wieder Serve-und-Volley-Tennis gesehen, und zwar reihenweise. Und ich habe Spieler mit einhändigen Rückhandslice-Bällen gewinnen sehen. Dass Rafael Nadal am Freitag gegen Philipp Kohlschreiber keinen Stich bekam, lag teilweise auch daran. Schon am Donnerstag gegen Lukas Lacko hatte Nadal seinen Sieg der Einfallslosigkeit seines Gegners zu verdanken. (Wenn Nadal ernsthaft vorgehabt hätte, das Turnier zu gewinnen, hätte die Spiele wahrscheinlich trotzdem anders ausgesehen.) Außerdem sei nicht verschwiegen, dass es auch in Halle echtes Freiluft-Rasentennis zu sehen gab, nämlich auf dem Nebenplatz am Fuße des Stadions. Das folgende Bild aus dem Doppel-Viertelfinale zeigt vorne Treat Conrad Huey (Philippinen) und Scott Lipsky (USA) und hinten Franticek Cermak (Tschechien) und Julian Knowle (Österreich).


Ein Turnierbericht aus Halle kann nicht auskommen ohne ein Wort zum heutigen Überraschungssieger Tommy Haas. Zwar gilt auch für Haas gegen Federer das, was Kohlschreiber gegen Nadal gilt, nämlich dass dieselbe Begegnung in Wimbledon ein ganz anderer Schnack wäre. Aber Federer hat mit mehr Engagement gespielt als Nadal. Und während die Theorie nicht ganz von der Hand zu weisen ist, Nadal habe ganz gern schon im Viertelfinale verloren, weil er bis dahin ausreichend Spielpraxis auf Rasen gesammelt hatte und nun noch ein paar Tage auf Mallorca regenerieren wollte, kann Roger Federer ein solches Motiv nicht gehabt haben. Nach dem Endspiel ist das Turnier für ihn ja ohnehin vorbei, egal ob er gewinnt oder verliert. Federer hatte heute einfach eine eklatante Vorhandschwäche und einen Gegner, der praktisch fehlerlos spielte und dank seiner Erfahrung stets wusste, was er zu tun hatte.

Nach dem Match fabulierte der ZDF-Reporter, der DOSB müsse nun über seinen Schatten springen und Tommy Haas für die Olympischen Spiele nominieren. Ein kompliziertes Thema. Damit befassten wir uns ja bereits in der vergangenen Woche.  Es sieht so aus, als sei der DOSB noch nicht ganz so willig wie erhofft, Florian Mayer von Platz 25 auf Platz 24 der „bereinigten Weltrangliste“ hochzurechnen. Ein paar Tage Zeit haben die Funktionäre noch, sich zu entscheiden. DTB-Vorstand Klaus Eberhardt klingt nicht ganz pessimistisch: „Wir befinden uns in guten Gesprächen mit dem DOSB“, zitiert ihn die „Welt“.

Aber ob Tommy Haas bei Olympia spielen darf, das entscheidet nicht der DOSB. Im Gegensatz zu Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber ist Haas nämlich nach internationalen Regeln nicht qualifiziert. International geht es nach Weltranglistenplatzierung. Der Stichtag war am letzten Montag, also vor dem Turnier von Halle. Für einen Platz in der olympischen Herreneinzel-Konkurrenz zu bekommen, musste man ungefähr auf Platz 70 stehen. Weil der eine oder andere Spieler noch absagt oder von seinem nationalen Verband nicht nominiert wird, reicht vielleicht auch Platz 75 oder 78. Tommy Haas aber stand diese Woche auf Platz 87. Es ist nicht gänzlich ausgeschlossen, dass auch das noch für einen Startplatz reicht, aber es ist eher unwahrscheinlich. Zwar gibt es auch ein paar Extra-Startplätze, die so ähnlich wie Wild Cards vergeben werden. Diese sind gemäß dem Reglement des Tennis-Weltverbandes ITF aber vorgesehen für Länder und Weltregionen, die sonst unterpräsentiert wären. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die ITF eine solche Wild Card an einen Deutschen vergibt, wenn Deutschland einzig deshalb unterrepräsentiert ist, weil der DOSB seine anderen - sportlich qualifizierten - Spieler nicht nominiert.

Hier die Ergebnisse aus Halle im Einzel und im Doppel (PDF)

Sonntag, 10. Juni 2012

Endkampfchance für Florian Mayer?

In Paris sind sie nicht fertig geworden heute Abend mit ihrem historischen Endspiel, in dem entweder Rafael Nadal einen Rekord von sieben French-Open-Titeln aufstellen wird oder Novak Djokovic sich den „unechten Grand Slam“ von vier gewonnenen Grand-Slam-Turnieren in Serie holt, was bei den Männern seit dem „echten“ Grand Slam von Rod Laver 1969 niemand mehr geschafft hat.

Ein paar hundert Kilometer weiter östlich gab es ein anderes Profitennis-Turnier, und das wurde rechtzeitig fertig, obwohl sich das Finale zäh in die Länge zog. Florian Mayer gewann gestern nach mehreren vergebenen Matchbällen das Challenger-Finale von Prostejov in Tschechien gegen Jan Hajek mit 7:6, 3:6, 7:6.

Es wird kolportiert, Mayer habe nach dem letzten Ballwechsel gejubelt, als hätte er gerade Roland Garros gewonnen. Erstaunlich. Für einen Weltranglisten-35. wie ihn ist so ein Titel nichts Spekatuläres, spektakulär ist eher, dass er überhaupt nach seiner Zweitrundenniederlage in Paris gleich nach Prostejov geeilt ist sich dort tatsächlich Mühe gegeben hat zu gewinnen.

Der Grund war diesmal wohl nicht, dass er beschauliche Turniere ohne große öffentliche Aufmerksamkeit schätzt, sondern dass die vergleichsweise wenigen Weltranglistenpunkte, die in Prostejov zu gewinnen waren, die entscheidenden gewesen sein könnten, die er noch brauchte, um sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.

Das Olympische Tennisturnier wird vom 30. Juli bis zum 5. August auf dem Rasen von Wimbledon ausgetragen. In der Einzelkonkurrenz gehen 64 Spieler an den Start. Vor diesem Hintergrund mag es verwundern, dass Florian Mayer als aktuelle Nummer 35 unbedingt noch die Punkte aus Prostejov brauchte. Es liegt an den Nominierungskriterien des Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Dort gilt nämlich nicht das oft zitierte olympische Motto „Dabeisein ist alles“, sondern es gilt: „Die Endkampfchance ist alles.“

Der DOSB nominiert einen Sportler nur dann für die Olympischen Spiele, wenn der eine Chance hat, in den Endkampf einzuziehen. Was ein Endkampf ist, das bestimmt der DOSB. Bei einem 400-Meter-Lauf gibt es da nicht viel zu bestimmen, da ist die Sache klar. Das ist der Lauf, in dem die acht Schnellsten der Welt gemeinsam um die Medaillen rennen. Im Tennis hat der DOSB bestimmt, dass das Viertelfinale der Endkampf ist. Und vor allem: Der DOSB hat bestimmt, woran man erkennt, ob ein Spieler die Chance hat, ins Viertelfinale zu kommen: Man muss auf Platz 24 der „bereinigten Weltrangliste“ vom 11. Juni (also von morgen) stehen oder innerhalb der letzten zwölf Monate vor den Olympischen Spielen schon mal ein Viertelfinale geschafft haben, und zwar bei einem Grand-Slam-Turnier. Ersatzweise reicht auch ein Halbfinale bei einem Masters-Turnier in diesem Frühjahr, also in Indian Wells, Miami, Monte Carlo, Madrid oder Rom. Diese „sportartspezifischen Nominierungskriterien“ finden sich in diesem PDF-Dokument (Tennis ab Seite 97).

Nun reichen die 125 Punkte, die Florian Mayer in Prostejov gewonnen hat, nicht aus, um ihn von Platz 35 auf Platz 24 zu katapultieren; aber in den Regeln des DOSB ist ja nicht einfach von der Weltrangliste die Rede, sondern von der „bereinigten Weltrangliste“. Bereinigt wird die Weltrangliste um alle Spieler, die gemäß den Regeln des IOC nicht für die Olympischen Spiele nominiert werden können.

Hier gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens dürften pro Land nur vier Einzelspieler teilnehmen. Von den Spielern, die im Ranking vor Florian Mayer stehen, wird diese Regel zwei Spaniern (Feliciano Lopez und Marcel Granollers) und einem Franzosen (Julien Benneteau) zum Verhängnis. Denn es gibt vier Spanier (Rafael Nadal, David Ferrer, Nicolas Almagro, Fernando Verdasco) und vier Franzosen (Jo-Wilfried Tsonga, Gilles Simon, Gael Monfils, Richard Gasquet), die in der Rangliste besser platziert sind als die genannten drei Herren. Zweitens darf nur mitspielen, wer für sein Land auch für den Davis-Cup zur Verfügung steht. Wegen dieser Regel scheidet der Ukrainer Alexander Dolgopolov aus.

Bereinigen wir die Weltrangliste also um diese vier Plätze, rutscht Florian Mayer hoch auf Platz 25. Danach wäre er also knappestmöglich an einer Olympiateilnahme gescheitert. Möglicherweise plant der DOSB aber eine für seine sonst strengen Verhältnisse gnädige Auslegung seiner Regeln anzuwenden und wird die Rangliste auch um den derzeit verletzten US-Amerikaner Mardy Fish bereinigen, weil der für Olympia bereits abgesagt hat. Und schwupps hüpft Flo auf Platz 24 und darf nach London fahren.

Schlechter sieht es für Philipp Kohlschreiber aus. Noch steht er auf Platz 26, also vor Florian Mayer. Aber in der Weltrangliste, die morgen Abend – sofern das Roland-Garros-Finale bis dahin beendet ist – erscheinen wird, rutscht er ab auf Platz 33. Er verliert nämlich die 250 Punkte von seinem Turniersieg in Halle/Westfalen vor einem Jahr. Das überrascht auf den ersten Blick, weil das Turnier in Halle ja erst morgen anfängt und Ranglistenpunkte bekanntlich stets genau ein Jahr in der Wertung bleiben. 2011 war das Turnier aber eine Woche eher. Die Punkte verfallen also schon jetzt.
Es wäre meines Erachtens grotesk, Kohlschreiber deswegen nicht zu nominieren. Schließlich hat er mit seinem Sieg in Halle 2011 ja bewiesen, dass er auf Rasen durchaus eine Endkampfchance hat. Ich bin gespannt, ob der DOSB sich zu einer Ausnahme für Kohli hinreißen lässt.

Update am 16. Juni: Kohlschreiber sagt, der DOSB sagt ihm, kein Deutscher sei für Olympia qualifiziert. Eine offizielle Aussage vom DOSB gibt es noch nicht. So ganz einfach scheint es nicht zu sein, Flo Mayer auf Platz 24 zu rechnen.

Bei den Frauen ist die Lage deutlich entspannter. Angelique Kerber, Sabine Lisicki und Andrea Petkovic sind alle unter den ersten 24, und – soweit ich das überblicke – wird auch Julia Görges es morgen schaffen, punktgenau auf einen „bereinigen“ Platz 24 zu rutschen. Eine fünfte Deutsche wäre ohnehin nicht zugelassen. Sollte aber Andrea Petkovic nach ihrer Verletzung nicht rechtzeitig fit sein, würde der DOSB vermutlich Mona Barthel (Platz 37) nicht nachnominieren.

Und dann gibt es ja auch noch die Doppel-Konkurrenz. Was diese betrifft, hoffe ich, dass ich die DOSB-Regeln falsch verstehe. Ich verstehe sie nämlich so, dass ein Platz unter den besten 24 auf der Doppel-Weltrangliste nicht reicht, sondern dass es ein Platz unter den ersten zehn sein muss, und dass außerdem die zusätzliche Möglichkeit, sich über ein Grand-Slam-Viertelfinale oder Masters-Halbfinale zu qualifizieren, nicht besteht. Damit wären Philipp Petzschner (Nummer 18 im Doppel und amtierender US-Open-Sieger) und Christopher Kas (Nummer 22 im Doppel und amtierender Wimbledon-Halbfinalist) raus. Dabei hätten Kas und Petzschner meines Erachtens – im Gegensatz zu den deutschen Einzelspielern – tatsächlich eine Außenseiterchance auf eine Medaille.

Mit dem Gemischten Doppel beschäftigten wir uns schon im März einmal, das ist hier nachzulesen.

Hier die internationalen Nominierungskriterien für Olympia 

Und hier noch einmal die nationalen (PDF) 

Hier die Ergebnisse vom Challenger in Prostejov (PDF)

Eine Ankündigung zum Schluss: Nächste Woche gibt es an dieser Stelle einen Report aus Halle/Westfalen. Am Donnerstag bin ich da. Ich habe die leise Hoffnung, dann Rafael Nadal in Aktion zu sehen. Wenn sich das Finale in Paris noch lange hinzieht, wird er wohl absagen in Halle. Wenn nicht, spielt er vermutlich am Donnerstag sein Zweitrundenmatch, nachdem er in Runde 1 ein Freilos hat.

Sonntag, 3. Juni 2012

Rettet die Marathon-Matches!

Ob Martina Navratilova an ihr Wimbledon-Halbfinale 1980 gedacht hat? Damals verlor sie, nachdem sie den ersten Satz noch gewonnen hatte, in drei Sätzen gegen Chris Evert mit 6:4, 4:6, 2:6. Navratilova hatte ein Marathon-Halbfinale in den Knochen: 7:6, 1:6, 10:8 gegen Billie Jean King. Chris Evert hingegen war mit einem lockeren 6:1, 6:1 über Andrea Jaeger durchs Viertelfinale gerauscht. Für Navratilova muss das Aus im Halbfinale schmerzhaft gewesen sein. Sie war damals Weltranglistenerste und hatte in den beiden Vorjahren in Wimbledon jeweils den Titel geholt.

Vielleicht ist das eine Überinterpretation, und Navratilova hat diese Schmach längst abgehakt. Sie hat sich aber in dieser Woche mit einer solchen Vehemenz dafür stark gemacht, bei Grand-Slam-Turnieren den Tie-Break im entscheidenden Satz einzuführen, dass ich dachte: Die Frau muss aus Erfahrung sprechen. Die einzige Erfahrung, die ich auf die Schnelle in den alten Ergebnislisten entdecken konnte, war jenes Wimbledon-Halbfinale 1980. Dabei ist den Frauen ja eigentlich alles halb so wild. Die spielen auch bei Grand Slams nur auf zwei Gewinnsätze und nicht wie die Männer auf drei. (Ob diese Unterscheidung sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt.)

Das French-Open-Zweitrundenmatch zwischen Paul-Henri Mathieu (Frankreich) und John Isner (USA) am Donnerstag dauerte 5 Stunden und 41 Minuten. Es war das zweitlängste in der Geschichte des Turniers. Mathieu gewann mit 6:7, 6:4, 6:4, 3:6, 18:16. Im Vergleich zum Elf-Stunden-Match, das derselbe Isner in Wimbledon 2010 gegen Nicolas Mahut mit 70:68 im fünften Satz gewann, war das ein Klacks. Martina Navratilova, als Fernsehkommentatorin in Paris vor Ort, startete noch während des Spiels auf Twitter eine Kampagne für den Tie-Break – unterstützt unter anderem von John McEnroe und mit Argumenten, die es wert sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Hier eine kleine Auswahl ihrer Tweets aus den letzten paar Tagen:

- „The players need to have more of a say about the length of matches as it is their health which is at stake here...“
- „No tie breaks was the tradition, that doesn't make it right. Whoever wins this match is cooked for the next one, you can't train for this.“
- „And why is it ok to have the final set TB at the us open but not the other slams?“
- „Maybe a tiebreak at 12-12, so at least there is a finish line and the winner has a chance to go on in the tournament.“
- „Very few matches go to 12 all in final set and with a tiebreak at least the winner has a chance in the next match.“

Sie bemängelt also, dass ein Spieler, der ein Marathon-Match gewonnen hat, in der nächsten Runde praktisch schon als Verlierer feststeht, weil er mit seinen Kräften am Ende ist. Spontan würde ich sagen, mit dieser Problembeschreibung liegt sie richtig. Allerdings habe ich keine statistische Auswertung zur Hand, die dies belegt. John Isner verlor nach dem Elf-Stunden-Match seine nächste Begegnung tatsächlich glatt. Dauerhaft geschadet hat es ihm nicht; er ist – ebenso wie Mahut – heute ein besserer Spieler als noch vor zwei Jahren. Paul-Henri Mathieu hat in dieser Woche sein Match nach dem Marathon zwar verloren, es hätte aber auch anders ausgehen können. Gegen Marcel Granollers (Spanien) verlor er die ersten beiden Sätze, gewann den dritten und vierten – und erst, als es dann wiederum in einen fünften Satz ging, verließ ihn die Kraft und er ging mit 1:6 unter.

Ich war versucht, Martina Navratilova zuzustimmen, habe mich aber eines Besseren besonnen. Natürlich ist es ärgerlich für einen Spieler, wenn er geschlaucht in die nächste Runde geht. Aber im Profisport geht es eben nicht nur darum, was für die Spieler das Beste ist. Sie spielen ja nicht für sich, wie es Amateure tun. Sie spielen für das Publikum. Das ist ihr Beruf. Matches, die ewig dauern, sind unvergesslich. Und unvergessliche Momente sind wichtig für einen Zuschauersport. Das erste Tennismatch, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnere, war das Daviscup-Match zwischen Michael Westphal (Deutschland) und Tomas Smid (CSSR) im Herbst 1985, das Westphal mit 17:15 im fünften Satz gewann. Ich erinnere mich zwar auch daran, wie Boris Becker wenige Monate zuvor Wimbledon gewann, und ohne diesen Wimbledonsieg hätte ich mir das Westphal-Match gar nicht angesehen, geschweige denn, dass es in voller Länge im Fernsehen übertragen worden wäre. Aber während Beckers ungefährdetem Wimbledon-Finale hatte ich noch nicht einmal die Spielregeln ganz verstanden. Erst nach Michael Westphals Sechs-Stunden-Match wusste ich alle wesentlichen Dinge über Tennis, die man als Fan wissen sollte. Nur wie ein Tie-Break funktioniert, das wusste ich noch nicht. Aber das lernte ich dann bald auch noch.

Hier die Ergebnisse von den French Open

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