Sonntag, 29. Juli 2012

Plötzlich Einzel: Philipp Petzschner bei Olympia

Philipp Petzschner hat gewonnen. Ein Mann, der offiziell ohne jede Endkampfchance ist. Nach einem lockeren 7:6, 6:1 steht er in der zweiten Runde des olympischen Herrentennis-Turniers. Wer den Wirbel verfolgt hat, den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit seinen Nominierungskriterien ausgelöst hat,  mag sich wundern, wie es Petzschner überhaupt ins Tableau geschafft hat. Bei den Männern erfüllte kein einziger Deutscher diese nationalen Anforderungen. Florian Mayer, aktuell die Nummer 24 der Weltrangliste, nach internationalen Kriterien locker qualifiziert, verzichtete freiwillig. Philipp Kohlschreiber (Nr. 23) wurde per Gnadenakt am Ende doch noch nominiert, kurz bevor er (ebenso wie Mayer) mit seinem Wimbledon-Viertelfinale die DOSB-Kriterien nachträglich doch noch erfüllte. Tommy Haas (Nr. 35) wurde diese Gnade nicht zuteil, was ihn gewaltig aufregte, während Kohlschreiber es für angebracht hielt, unmittelbar vor Olympia  ein kleines österreichisches Sandplatzturnier zu bestreiten, wo er ins Finale kam ,um dann verletzungsbedingt auf Olympia doch noch zu verzichten. Zwar war die Weltranglistenposition von Tommy Haas zum Olympia-Stichtag Anfang Juni nicht gut genug für einen Platz in London, aber wegen seiner atemberaubenden Erfolge seitdem (Turniersieg in Halle, Endspiel in Hamburg) hätte er gute Aussichten auf eine Wild Card gehabt – wenn denn der DOSB ihn nominiert hätte.

Aber Philipp Petzschner, die Nummer 92 auf der Weltrangliste, der war von den deutschen Olympia-Funktionären nicht in ihren wildesten Albträumen für einen Platz in der Einzelkonkurrenz vorgesehen. Nur im Doppel mit Christopher Kas sollte er antreten. In dieser Disziplin ist er amtierender US-Open-Sieger und Wimbledon-Halbfinalist (an der Seite von Jürgen Melzer aus Österreich).

Wie aber kommt Petzschner nun plötzlich ins olympische Einzel-Hauptfeld? Das ist ganz einfach. Anders als bei Grand-Slam- und ATP-Turnieren gibt es bei Olympia keine Qualifikation. Weil es keine Qualifikation gibt, gibt es auch keine Lucky Loser. (Lucky Loser sind ja Spieler, die in der letzten Qualifikationsrunde ausgeschieden sind und dann doch noch ins Hauptfeld nachrücken, weil irgendjemand kurzfristig abgesagt hat.) Wenn bei Olympia jemand kurzfristig absagt, rückt statt eines Lucky Losers einer der Spieler nach, die zuvor nur fürs Doppel nominiert waren. Nachrücker speziell fürs Einzel gibt es nicht. Ausschlaggebend dafür, wer nachrückt, ist die Einzel-Weltranglistenposition des Doppelspielers. Dabei ist Petzschner von allen reinen Doppel-Olympioniken gar nicht der bestplatzierte Einzelspieler. Marcel Granollers (Spanien, Nr. 19) und Michael Llodra (Frankreich, Nr. 74) stehen besser. Die durften aber nicht nachrücken, weil Spanien und Frankreich bereits mit vier Spielern in der Einzelkonkurrenz vertreten sind. Mehr Teilnehmer pro Land sind nicht zugelassen.

Nachdem der kroatische Aufschlagriese Ivo Karlovic verletzungsbedingt absagte, hätte der DOSB, selbst wenn er gewollt hätte, nicht mehr verhindern können, dass Philipp Petzschner seinen Platz einnimmt. Petzschner war schließlich für die Olympischen Spiele nominiert. Dass der nationale Verband ihn nur fürs Einzel vorgesehen hat, interessiert den internationalen Verband nicht. International wird der DOSB ohnehin für seine Extra-Nominierungskriterien kritisiert. Runde 2 hat Philipp Petzschner schon erreicht. Träumen wir mal ein bisschen weiter. Sein nächster Gegner ist ein ausgesprochen harter Brocken – Janko Tipsarevic (Serbien, Nr. 8). Aber völlig chancenlos ist Petzsche da nicht. Dass er Rasentennis gut kann, hat er schon mehrmals bewiesen – mit seinen Finals in Halle im letzten Jahr und in 's Hertogenbosch in diesem Jahr. In Runde 3 könnte dann John Isner (USA, Nr. 11) an die Reihe kommen. Ein Aufschlagriese wie Karlovic. Solche Leute liegen Petzscher, der ein klasse Returnspiel hat. Also warum nicht noch eine Runde mehr? Das wäre dann das Viertelfinale. Da dürfte der Traum von einer Medaille dann aus sein. Voraussichtlicher Gegner: Roger Federer.

Hier das Olympia-Tableau fürs Herren-Einzel mit Philipp Petzschner als einzigem Deutschen

Sonntag, 22. Juli 2012

Live vom Hamburger Rothenbaum

Wie vor einer Woche angekündigt, geht es heute weiter mit einem Vor-Ort-Bericht vom Hamburger Rothenbaum. Es war das erste Mal seit vier Jahren, dass ich es geschafft habe, an einem Werktag dorthin zu fahren. Zuletzt hatte ich immer nur die Qualifikation am Wochenende besucht. Ich habe also zum ersten Mal das Hauptturnier gesehen, seit es kein Masters mehr ist und seit Michael Stich der Direktor ist.

Es hat sich manches geändert. Aber ich erkenne das Turnier trotzdem noch wieder. Der Eintritt zu den Nebenplätzen ist jetzt frei. Das ist ungewöhnlich – nicht nur für ein so großes Turnier der 500er-Serie wie Hamburg. Auch auf kleineren 250er-Turnieren oder auf Challengern kommt man meist nur mit Eintrittskarte auf die Nebenplätze. Aber das Hamburger Konzept scheint zu funktionieren. Die Nebenplätze waren am Dienstagnachmittag fast voll besetzt. Der eine oder andere Nebenplatzbesucher hat gewiss auch Appetit auf den Center Court bekommen, wo die bekannteren Spieler antraten, und sich eine Karte gekauft.

Im Stadion selbst ist ein Teil der oberen Ränge unter großen schwarzen Tüchern versteckt. So sieht es gut gefüllt aus, obwohl es in Wahrheit nicht annähernd ausverkauft ist. Das Stadion hat eben nach wie vor die Ausmaße einer Arena, die für ein Turnier der Masters-Serie mit Federer, Nadal, Djokovic usw. geschaffen ist.

Ein paar Anmerkungen zur Zukunft des Stadions und des Turniers am Ende dieses Artikels. Vorher einige Eindrücke von den Matches, die ich gesehen habe. Weil ich am zweiten Turniertag da war, waren es alles Erstrundenmatches.

Jonathan Erlich /Andy Ram (Israel) – Carlos Berlocq (Argentinien)/Frantisek Cermak (Tschechien) 7:6, 6:7, 10:3
Eines der Nebenplatz-Matches mit freiem Eintritt. Den Gelegenheits-Tennisfans unter den Lesern sei zunächst das 10:3 erklärt. Den „Match-Tie-Break“ gibt es auf der ATP-Tour zwar schon ein paar Jahre, aber nur im Doppel, was ja so gut wie nie im Fernsehen und nur selten auf den Center Courts zu sehen ist. Nach 1:1 Sätzen wird statt eines vollständigen dritten Satzes ein Tie-Break gespielt, und zwar nicht bis sieben Punkte, sondern bis zehn. Das ist mal eingeführt worden, damit die Einzel-Spezialisten häufiger im Doppel antreten, ohne das ihnen die Belastung zu groß wird. Das Konzept ist zwar nur in geringem Maße aufgegangen, aber ein bisschen was hat es meines Erachtens tatsächlich bewirkt. Von den vier Herren in diesem Match war Carlos Berlocq (Nummer 37) der einzige Einzel-Spezialist. Wobei Spezialist eigentlich nicht zutreffend ist. Er steht auch in der Doppel-Weltrangliste in den Top 100 und gewann vor zwei Jahren an der Seite von Eduardo Schwank den Doppel-Titel von Stuttgart. Im Doppel sieht man, dass Berlocq sehr gut Volleys schlagen kann. Als klassischer südamerikanischer Sandplatzspieler macht er das im Einzel ja eher selten.

Florian Mayer (Deutschland/Nr. 23) - Horacio Zeballos (Argentinien/Nr. 108) 7:6, 7:5
Flo hatte Glück, dass er zum Auftakt auf einen nicht ganz so starken Spieler traf. Der Stadionsprecher gratulierte ihm im Kurzinterview nach dem Matchball zum „souveränen Sieg“, was Flo souverän mit der Bemerkung konterte: „Das war nicht souverän.“ Er selbst führte das darauf zurück, dass es sein erstes Sandplatzmatch nach der Rasensaison war und er noch nicht ganz im Rhythmus war. In der zweiten Runde (6:2, 6:1 gegen Robin Haase) schien Mayer den Rhythmus dann gefunden zu haben, ehe er ihn im Viertelfinale gegen Tommy Haas wieder verlor. Auf manche Zuschauer mag Mayer etwas lethargisch und kraftlos gewirkt haben, aber so spielt er eigentlich immer. Aber wenn er gut drauf ist, zermürbt er seine Gegner mit atemberaubenden Slices, die nur wenige Zentimeter über das Netz segeln. Das gelang ihm gegen Zeballos nur selten.

Juan Monaco (Argentinien/Nr. 14) – Cedrik Stebe (Deutschland/Nr. 83) 6:4, 3:6, 7:5
Das war ein klassischer Choke. Ein Choke ist, wenn ein Spieler ein Match eigentlich schon gewonnen hat, beim oder kurz vorm Matchball nervös wird und dann nichts mehr auf die Reihe bekommt. Juan Monaco hat am Ende das ganze Turnier gewonnen. Hätte Stebe nicht gechokt, Monaco hätte schon nach der ersten Runde nach Hause fahren können. Vermutlich war er ebenso wie Flo Mayer noch nicht ganz im Rhyhtmus. Das hat Stebe im zweiten Satz und über weite Strecken des dritten Satzes klasse ausgenutzt, und zwar mit einer Spielweise, die so ähnlich wie die Monacos war. Er wartete auf seine Chance, und wenn sie kam, machte er von der Grundlinie den direkten Punkt. Stebes Vorhand-Bälle sahen oft aus, als würden sie einen Meter ins Aus fliegen, fielen dann aber kurz vor der Grundlinie wie ein Stein zu Boden. Das klappte, bis er im dritten Satz mit 5:4 und einem Break führte und nur noch ein einziges Mal sein Aufschlagspiel durchbringen musste. Plötzlich flogen die gleichen Bälle zweieinhalb Meter zu weit. Ab dem 5:5 wurde Stebe übervorsichtig, was Monaco dazu nutzte, seinem chokenden Gegner die Bälle um die Ohren zu hauen, dass der kaum noch hinterher gucken konnte. Stebe versuchte sogar – obwohl keinerlei körperliche Beeinträchtigungen erkennbar waren - sich mit einer Verletzungspause zu berappeln, aber auch das half nichts.

Tommy Haas (Deutschland/Nr. 49) – Martin Klizan (Slowakei/Nr. 59) 6:2, 6:1
Da gibt es nicht viel zu sagen. Haas war einfach in allen Belangen überlegen. Es war fast wie weiland die Erstrundenmatches von Steffi Graf, als die Gegnerinnen überhaupt keine Chance hatten zu beweisen, dass sie auch Tennis spielen konnten. Seit Dienstag glaube ich, dass Tommy Haas bald wieder unter den ersten 20 der Welt stehen wird, wenn nicht gar noch besser. Es sei denn, er verletzt sich wieder.

Nicolas Almagro (Spanien/Nr. 10) – Tobias Kamke (Deutschland/Nr. 97) 6:4, 6:1
Das Ergebnis sagt es: Kamke hatte keine Chance. Gegen Almagro auf Sand keine Chance zu haben, ist keine Schande. Aber während des gesamten ersten Satzes hatte ich ein bisschen Hoffnung. Vorjahresfinalist Almagro war mit einer lädierten Schulter angereist, und noch am Montag war unklar, ob er überhaupt würde spielen können. Zwischen den Ballwechseln fasste er sich immer wieder an die Schulter. Aber ganz so schlimm scheint es dann doch nicht gewesen zu sein. Almagro kam immerhin bis ins Halbfinale.

Und jetzt die angekündigten Anmerkungen zur Zukunft des Stadions und des Turnieres. Vor einigen Monaten war die Rede davon, das Stadion solle abgerissen werden, weil der Hockeyclub, der das Erbbaurecht auf dem Grundstück hat, ein Hockeystadion errichten möchte. Sonderlich konkret scheinen diese Pläne nicht zu sein. Außerdem wäre es für das Tennisturnier wohl nicht der Todesstoß, weil man es zur Not auch in einem Stadion austragen könnte, in dem normalerweise Hockey gespielt wird.

Flüchtige Beobachter schrieben, das bestehende Tennisstadion sei „marode“. Mein Eindruck ist: Marode Gebäude sehen deutlich anders aus. Das Rothenbaum-Stadion ist in einem guten Zustand. Das Problem ist wohl eher das Zeltdach. Während des Stebe-Matches war es geschlossen, weil gleich zu Beginn ein Fünf-Minuten-Wolkenbruch niederprasselte. Da sah man deutlich, wie sparkig es ist. Das ehemals weiße Tuch ist übersät mit schwarzen Flecken. Keine Ahnung, ob das mehr als ein optisches Problem ist. Man sagt eine Sanierung des Daches würde über eine Million Euro kosten, und das Geld hat der Deutsche Tennis-Bund (DTB) nicht. Ein paar Jahre dürfte das Dach aber wohl noch durchhalten.

Das Dach ist indes nicht die einzige Baustelle für das Rothenbaum-Turnier. In seiner Existenz bedroht wie noch vor zwei, drei Jahren ist es nicht mehr. Michael Stich hat ganz gut die Werbetrommel gerührt und den Schaden behoben, der dadurch entstand, dass der DTB, als er noch um den Erhalt des Masters-Status kämpfte, überall rumerzählte, dass ein 500er-Turnier totaler Mist sei. Inzwischen ist den Hamburger Tennisfans klar, dass hier auch in etwas kleinerem Rahmen weiterhin Weltklasse-Tennis geboten wird. Fünf Top-20-Spieler waren am Start und fast alle bekannten Deutschen. Trotzdem: Ein 500er-Turnier hat eigentlich das Potenzial für ein noch stärkeres Teilnehmerfeld. Da muss es möglich sein, dass zumindest mal einer von den Superstars wie Federer, Nadal, Djokovic oder wenigens Murray vorbeischaut.

Das funktioniert in Hamburg im Moment nicht nur deshalb nicht, weil das Geld für Antrittsprämien fehlt. (Die dafür nötigen Sponsoren ließen sich vielleicht akquirieren, wenn sie im Gegenzug tatsächlich einen Federer serviert bekommen.) Es funktioniert auch deshalb nicht, weil die Stars sich nach Wimbledon auf die Hartplatzsaison in Nordamerika vorbereiten. Derzeit zieht Hamburg vor allem Sandplatzspezialisten ab Weltranglistenplatz 10 an, die sich ausrechnen, dass sie hier – in Abwesenheit der Topstars – kräftig Ranglistenpunkte sammeln können. (Florian Mayer: „Das Teilnehmerfeld ist stark besetzt, aber es ist niemand da, wo man ohne Chance ist.“)

Michael Stich hatte bei der ATP vorgefühlt, ob er das Turnier in diesem Jahr ausnahmsweise auf Rasen austragen dürfe. Dann wäre es eine exquisite Vorbereitung für die Olympischen Spiele in London zwei Wochen später gewesen. Die ATP lehnte das ab

Aber vielleicht ist das Thema Rasen in Hamburg noch nicht endgültig vorbei. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Wimbledon ab 2015 im Kalender um eine Woche verschoben wird. Das soll den Spielern mehr Zeit geben, sich nach den French Open von Sand auf Rasen umzustellen, und nebenbei kollidiert Wimbledon nicht mehr ständig mit der Fußball-WM oder -EM. Es gibt dann also drei statt zwei Wochen Rasenturniere vor Wimbledon. Dafür bleibt zwischen Wimbledon und den US Open eine Woche weniger. Die Veranstalter des 250er-Sandplatzturnieres von Gstaad (Schweiz), das in dieser Woche parallel zu Hamburg ausgetragen wurde, haben schon angemerkt, dass sie sich für einen Wechsel in die Wochen vor Wimbledon interessieren – und zum Rasenturnier werden wollen. Das wäre auch für Hamburg eine Option. Die heimischen Spieler sind auf Rasen sowieso am stärksten.

Hier die Ergebnisse vom Rothenbaum im Einzel (PDF)

Und im Doppel (PDF)

Sonntag, 15. Juli 2012

Live von der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum

Einmal im Jahr gucke ich mir Jan-Lennard Struff an. Er ist Stammgast bei der Qualifikation für das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum. Den Rest des Jahres spielt er Challenger und Futures in Süddeutschland, Holland, Italien, Rumänien oder der Türkei. Im Moment ist er 22 Jahre als und die Nummer 325 in der Welt. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war er 19 Jahre alt und die Nummer 1253. Er hatte in seinem ersten Qualifikationsmatch in Hamburg einen Matchball gegen Diego Junqueira aus Argentinien, damals die Nummer 130 und heute die Nummer 182. Den Matchball vergab er und verlor das Match. Im vergangenen Jahr widerfuhr ihm die Sache mit dem Matchball gegen Viktor Crivoi aus Rumänien, damals die Nummer 194, heute die Nummer 286.

Gestern habe ich Jan-Lennard Struff wieder gesehen. Er spielte einen fantastischen zweiten Satz gegen Horacio Zeballos aus Argentinen, aktuell die Nummer 101. Struff verlor 4:6, 6:3, 2:6. Struffs Niederlagen nach phasenweise großartigem Spiel und einem darauf folgenden Einbruch gehören inzwischen so fest zum Rothenbaum wie der Brezel-Stand vorm Aufgang zum Center Court oder die Show-Matches von Michael Stich gegen irgendwelche anderen Altstars (diesmal war es John McEnroe). Das Traurige an Jan-Lennard Struff ist, dass sich in seinem Spiel in den letzten drei Jahren fast keine Steigerung erkennen lässt. 2009, als er knapp gegen Junqueira verlor, war ich Feuer und Flamme für den Jungen mit seinen platzierten Powerschlägen, der ein paar Wochen vorher sein Abi gemacht hatte und eines seiner ersten Profimatches überhaupt spielte. Ich dachte damals, der muss seine Nerven in den Griff kriegen, und dann sehen wir ihn ganz schnell zumindest unter den ersten 150, und spätestens 2012 muss er in Hamburg nicht mehr durch die Quali, sondern steht direkt im Hauptfeld. Aber nichts da. Er verliert Jahr für Jahr. Potenzial für mehr hat er noch immer, aber irgendwas hindert ihn daran, dieses Potenzial abzurufen. Inzwischen glaube ich, er ist einer von denen, die erst zum Routinier werden müssen, bis sie ihren Zenit erreichen. Vielleicht schafft er mit 28 Jahren plötzlich ein Achtelfinale in Roland Garros. Hoffentlich hält er solange durch auf den Challengern und Futures in Holland, Italien und Rumänien.

Acht Spiele gab es gestern in der ersten Qualifikationsrunde am Rothenbaum. Manche habe ich fast vollständig gesehen, von anderen nur ein paar Spiele. Hier meine Eindrucke von den anderen Spielen in Kurzform.

 Rogerio Dutra Silva (Brasilien/100) – Peter Gojowczyk (Deutschland/193) 6:4, 6:2

Der Gojowczyk, inzwischen 23 Jahre alt, aber immer noch aus der Kategorie „Talent“, scheint seinen Weg etwas flotter zu gehen als Struff, obwohl Struff eindeutlich mehr drauf hat. Aber Gojowczyk ist immerhin in den Top 200. Seine Spielweise indes ist einschläfernd. Er ist ein Grundlinienwühler, der stets versucht, den Ball einmal mehr über das Netz zu spielen als sein Gegner. Dutra Silva versuchte dasselbe, und meistens war der Brasilianer derjenige, dem es gelang. Das Match war so öde, dass ich nicht umhinkam, zuzuhören, wie drei ältere Damen hinter mir sich darüber unterhielten, dass Gojowczyk aussehe wie dieser Südamerikaner, der in Queen's gegen den Schiedsrichterstuhl getreten hat und darüber, wie dieser Südamerikaner noch mal hieß. In diesem Zusammenhang fiel der Name Ibisevic. Hier ein Foto des vermeindlichen Nalbandian-Doppelgängers:


Daniel Munoz-de la Nava (Spanien/136) – Simine Vagnozzi (Italien/222) 6:4, 6:3

Von diesem Spiel habe ich fast nichts gesehen, also nur schnell ein Foto von Vagnozzi:



Dominik Meffert (Deutschland/239) – Teimuraz Gabashvili (Russland/147) 7:6, 6:4 


Auch von diesem Spiel habe ich nicht viel gesehen. Es war auf dem Nebenplatz M1, und hinter mir saß niemand. Deshalb konnte ich auch niemanden darüber reden hören, dass Meffert (Foto) wie Ivan Ljubicic aussehe. Auch Meffert habe ich schon in der Vergangenheit bei der Quali am Rothenbaum beobachtet. Das hier war das beste Spiel, das ich von ihm gesehen habe, und das ist ihm im Alter von 31 Jahren gelungen. Heute in der zweiten und letzten Quali-Runde (bei der ich nicht dabei war) hat er ganz eng gegen Horacio Zeballos verloren (2:6, 7:6, 6:7). Er ist die Nummer 2 auf der Lucky-Loser-Liste. Eher unwahrscheinlich, dass er damit ins Hauptfeld rutscht, aber er hätte es verdient, und es wäre für ihn eine schöne Sache.

Bastian Knittel (Deutschland/287) – Eduardo Schwank (Argentinien/139) 7:6, 6;1

Knittel (28) hat im letzten Jahr die Quali geschafft, kam anschließend in Runde 2 und gewann dort einen Satz gegen den Top-20-Spieler Marin Cilic. Im zweiten Satz des Spiels gegen Schwank konnte man daran denken, dass es ihm vielleicht gelingt, dieses Kunststück zu wiederholen. Allerdings hat Schwank ihm das mit einer ausgesprochen schwachen Vorstellung auch leicht gemacht.  Heute in der zweiten Quali-Runde hatte Knittel gegen Federico Delbonis keine Chane.

Federico Delbonis (Argentinien/113) – Harri Heliovaara (Finnland/240) 6:4, 6:2


Auf diesen Federico Delbonis (Foto oben) war ich neugierig. Er ist 21 und unterwegs in die Top 100, also vermutlich jemand, der uns in den nächsten Jahren als Dauergast auf der ATP-Tour begegnen wird. Wohl wegen seiner Herkunft und seines Namens hatte ich ihn mir als Doppelgänger Juan Martin Del Potros vorgestellt. Er sieht aber doch etwas anders aus – überraschend vierschrötig – und spielt auch nicht ganz so fesselnd wie Del Potro. Zu Harri Heliovaara (Foto unten) ist zu sagen, dass er mich äußerlich an ein längst vergessenes deutsches Talent erinnerte, das 2008 in Hamburg sensationell Jürgen Melzer bezwang: Jaan-Frederik Brunken. Wo ist der eigentlich abgeblieben? Auf Platz 526...


Marsel Ilhan (Türkei/163) – Frederico Gil (Portugal/114) 6:3, 6:2

Ich bin seit gestern Marsel-Ilhan-Fan. Er war der beste Spieler des Tages, und dazu ist sein Spiel wunderbar anzuschauen. Er kann aus extrem bedrängter Lage Vorhände schlagen, mit denen er das Spielgeschehen sofort wieder an sich reißt. Sein Problem ist die Rückhand. Wenn er die cross spielt, entlockt das seinem Gegner nur ein müdes Lächeln – sofern es der Ball überhaupt übers Netz schafft. Rückhand-Longline-Winner allerdings kann Ilhan sehr gut – wenn er sich rechtzeitig dafür hinstellen kann. Das kam in Satz 2, den ich gesehen habe, drei Mal vor. Fraglich nur, ob die Verallgemeinerung, die in der Präsens-Form der vorherigen Sätze steckt, zulässig ist. Ilhan und Gil spielten Anfang der Woche schon einmal gegeneinander – in der ersten Runde des 250er-Turniers von Gstaad. Da gewann Gil, von dem am Sonnabend nicht viel zu sehen war. Das auf dem Foto ist folglich Ilhan:


Kevin Krawietz (Deutschland/291) – Alessandro Giannessi (Italien/146)

Den hab ich ja mal gefressen gehabt, den Krawietz. Der war mir viel zu gehypt. Nachdem er 2009 die Junioren-Doppelkonkurrenz in Wimbledon gewonnen hatte, bekam er in Deutschland plötzlich Wild Cards für ATP-Turniere – im Einzel! Das war der fünfte Schritt vor dem zweiten. Glücklicherweise hat sich die Lage mittlerweile normalisiert. Krawietz (Foto) ist jetzt 20 Jahre hat die Wild Card diesmal für die Qualifikation bekommen anstatt fürs Hauptfeld. Nachdem er gegen Giannessi zwei Matchbälle vergeben hatte und in den Tie-Break musste, war ich gespannt, ob er das verkraftet oder ob das Match so endet wie stets bei Struff. Krawietz hat sich aber nicht beeindrucken lassen. Er wird schneller als Struff in den Top 150 ankommen. Vielleicht braucht er schon 2014 keine Wild Card mehr für den Rothenbaum, auch nicht fürs Hauptfeld. Mehr wollen wir ja im Moment gar nicht verlangen von unseren deutschen Nachwuchs-Hoffnungen.


Hier die Ergebnisse aus der Qualifikation in Hamburg (PDF)

Und hier die Auslosung fürs Hauptfeld (PDF)

Nächste Woche gibt's an dieser Stelle einen Bericht vom Hauptturnier!

Sonntag, 8. Juli 2012

Frederik Løchte Nielsen - ein Doppelmärchen in Wimbledon

Gestern war eine Sternstunde des britischen Tennis. Dem weithin unbekannten Jonathan Marray (31) gelang, was seinem berühmten Beinahme-Namensvetter Andy Murray heute verwehrt blieb: Er gewann Wimbledon. Als erster Brite seit über 70 Jahren. Es war nicht im Einzel, sondern im Doppel – und mithin nicht das, was die englische Öffentlichkeit sich vorgestellt hatte.

Entsprechend hat man auf der Insel gestern Abend mal kurz gejubelt, heute überwiegt die Enttäuschung darüber, dass Andy sein Einzelfinale gegen Roger Federer verloren hat. Auf der Sportseite der Sunday Times ist Marray hinter die Formel 1 und die Klischkos auf einen unteren Platz abgerutscht.

Also blicken wir nach Dänemark (das ist ja sowieso ein Steckenpferd von mir) und erzählen die wundersame Geschichte, die sich da ereignet hat, aus der Perspektive von Frederik Løchte Nielsen, dem Doppelpartner Jonathan Marrays. In Dänemark war Nielsens Wimbledonsieg gestern Abend „Breaking News“: Die Qualitätszeitung „Politiken“ schrieb von einem „Tennis-Wunder“ und bietet seinen Lesern dann eine „Dokumentation“: „Die Sensation Ball für Ball“.


In Dänemark wartet man seit Jahren darauf, dass Caroline Wozniacki endlich mal ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Da kann man möglicherweise noch lange warten, auch wenn einige, die sie schon komplett abgeschrieben haben, vergessen, dass sie in dieser Woche erst 22 Jahre alt wird.

Frederik Nielsen wird in ein paar Wochen 29 Jahre, und darauf, dass er endlich mal ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, hat ernsthaft niemand gewartet. Er war bis heute die Nummer 111 der Doppel-Weltrangliste und die Nummer 305 im Einzel. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, auf welcher Art von Turnieren er bisher zu Hause war, hier ein Link zu einem früheren Artikel von mir, in dem er vorkommt. Es geht um ein Spiel der Zweiten Tennis-Bundesliga in Hartenholm, einem Dorf in Schleswig-Holstein. Der Artikel ist zwar schon vier Jahre alt, aber in den letzten vier Jahren hat Frederik Nielsen durchgehend auf einem ähnlichen Niveau gespielt wie damals. Dies ist das Foto, das ich von ihm machte, ohne im Entferntesten daran zu denken, dass ich einen künftigen Wimbledonsieger vor mir haben könnte:


Jonathan Marray und Frederik Nielsen wären regulär gar nicht fürs Wimbledon-Hauptfeld qualifiziert gewesen. Sie kamen mit einer Wild Card ins Turnier. Hätte nicht Goran Ivanisevic 2001 mit einer Wild Card die Einzelkonkurrenz gewonnen, wären sie die ersten Wimbledon-Sieger mit Wild Cards. Aber der Vergleich mit Ivanisevic hinkt. Er war damals zwar im Ranking weit abgerutscht, aber er hatte zuvor schon drei Mal im Wimbledon-Endspiel gestanden.

Marray und Nielsen standen bloß im Endspiel des Challengers von Nottingham zwei Wochen vor Wimbledon. Beide sind nach eigenem Bekunden schon seit langem befreundet, haben haben vorher nur sehr selten gemeinsam Doppel gespielt. Das lag auch daran, dass sie selten auf denselben Turnieren spielen. Marray ist ein reiner Doppelspezialist. Seine Weltranglistenposition (aktuell 76) erlaubte es ihm, auf einer Reihe von ATP-250er-Turnieren und auf den größten Challengern anzutreten. Nielsen hingegen spielte Einzel und Doppel auf kleinen Challengern und häufig sogar auf Futures, den Turnieren der dritten Profi-Kategorie.

Und nun also Wimbledon. Marray und Nielsen wollten nach Nottingham auch dort zusammen spielen und hatten sich, wenn ich Nielsen richtig verstehe, darauf eingestellt, durch die Qualifikation zu müssen. Aber einen Tag vorher schrieb Nielsen dann in seinem Blog auf der dänischen Internetseite tennissporten.dk, nachdem er seine Enttäuschung darüber mitgeteilt hatte, dass er keinen Platz in der Einzel-Qualifikation bekommen hat:  „Im Doppel habe ich einen überraschenden Vorteil: eine Wild Card für das Hauptturnier. Die habe ich bekommen, weil ich mit Jonny Marray spiele. Aber es ist doch etwas außergewöhnlich, sie als Nicht-Brite zu bekommen. Es gab hier und da etwas Stirnrunzeln, aber ich habe nicht Nein gesagt, als ich das Angebot bekam.“

Dann ging es los. Gleich in Runde 1 setzten sie sich in fünf Sätzen gegen die an 9 gesetzten Spanier Marcel Granollers/Feliciano Lopez durch. Das hat kaum jemand weiter beachtet. Überraschungen dieser Art sind im Doppel ohnehin häufiger als im Einzel, und Granollors/Lopez sind zwar starke Doppelspieler, bei einem Grand-Slam-Turnier mit ihren Gedanken aber vielleicht doch eher beim Einzel. Marray/Nielsen gewannen weiter und weiter und standen plötzlich im Halbfinale gegen die Bryan-Brüder. Auch die sind, wiewohl vielfach Grand-Slam-prämiert, nicht unverwundbar, wie sich wieder einmal zeigte. Dass unsere Wild-Card-Helden dann auch noch das Finale gewannen, kann man im Nachhinein beinahe als selbstverständlich abtun. Ihre Gegner – Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien) standen schließlich schon zum dritten Mal in Folge im Wimbledon-Endspiel, und die beiden vorherigen Male hatten sie auch verloren.

Wie kommt es nun, dass Marray/Nielsen auf einmal so stark sind? Sie scheinen sich auf dem Platz einfach blind zu verstehen. Die wenigen Turniere, die sie bisher gemeinsam bestritten haben, liefen auch schon gut. Es waren drei Challengers, und zwemal kamen sie in Finale. Außerdem ist Rasentennis einfach etwas Spezielles, und offensichtlich etwas, das insbesondere Nielsen sehr liegt. Auch einige seiner besten Ergebnisse im Einzel hat er auf Rasen erzielt. Michael Mortensen, dänischer Doppelspezialist aus den 80ern, meint, Freddy Nielsen habe bisher einfach das Selbstvertrauen gefehlt, und jetzt sei der Knoten eben endlich geplatzt.

Und wie geht es nun weiter mit den beiden überraschenden Wimbledonsiegern? Sie springen in der Doppel-Weltrangliste plötzlich vom Niemandsland nah an die Top 20. Sie dürfen jetzt an allen großen Turnieren teilnehmen – auch ohne Wild Card. Jonny Marray wird das gewiss tun. Frederik Nielsen klingt da noch nicht sicher. Er wolle seine Einzel-Karriere nicht aufgeben, sagte er nach dem Triumph. Denn Einzel sei das, was er besonders liebe. Im Einzel bleibt er auf Platz 300 stehen. Das reicht bei vielen der Masters- und 500er-Turniere, auf denen er jetzt Doppel spielen kann, nicht einmal für einen Platz in der Qualifikation. Fürs Einzel müsste er auf kleinen Challengern und auf Futures bleiben. Aber als Wimbledonsieger kann man eigentlich keine Futures spielen.

Für Mitte Juli haben sich Marray/Nielsen für das 250er-Turnier von Atlanta eingeschrieben. Danach fährt Nielsen zurück nach Wimbledon. Für die Olympischen Spiele hat Caroline Wozniacki ihn als Trainingspartner engagiert. Die Wild Cards sind für das olympische Tennisturnier sind schon vor Wimbledon vergeben worden. Beim dänischen Tennisverband spekuliert man jetzt: Wenn irgendein Wild-Card-Spieler kurzfristig absagen muss und Ersatz gesucht wird – dann wäre Freddy Nielsen ja vor Ort und könnte einspringen. Sein Erstrundenmatch im Einzel darf er dann ruhig verlieren. Entscheidend ist: Nur wer im Einzel (oder im Herren- bzw. Damen-Doppel) einen Startplatz hat, darf auch im Mixed antreten. Dem gemischten Doppel Wozniacki/Nielsen – so es denn zustande käme - räumt man in Dänemark Medaillenchancen ein.

Mixed hat Tradition im Norden. Vor Frederik Nielsen hat es erst ein einziger Däne geschafft, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Es war sein Opa Kurt Nielsen 1957 bei den US Open. Im Einzel erreichte Kurt Nielsen zweimal das Wimbledon-Finale 1953 und 1955. Dass sein Enkel das mit dem Finalsieg jetzt nachgeholt hat, erlebte er nicht mehr. Kurt Nielsen starb vor gut einem Jahr mit 80 Jahren.

Hier das ATP-Profil von Frederik Løchte Nielsen

Montag, 2. Juli 2012

Das unermessliche Glück der Brüder Ratiwatana

Bevor wir zu unserem heutigen Thema kommen, lassen wir kurz den 26-jährigen Lukas Rosol aus Tschechien hochleben, den ersten Spieler mit dreistelliger Weltranglistenposition, der jemals bei einem Grand-Slam-Turnier Rafael Nadal geschlagen hat. Über ihn ist in den vergangenen Tagen so viel gesagt und geschrieben worden, dass ich nichts weiter hinzufügen kann – außer vielleicht noch das bemerkenswerte Details, dass er trotz seines Husarenstücks vom Donnerstag auf Ranglistenplatz 100 verharren wird: Die dritte Runde, die er in Wimbledon erreicht hat, bringt ihm 90 Punkte. Gleichzeitig verliert er 125 Punkte vom Challenger in Braunschweig, das er vor genau einem Jahr gewann. Rafael Nadals Chancen stehen also gut, dass er beim nächsten Grand-Slam-Turnier nicht wieder gegen Rosol spielen muss. Denn vielleicht steht er bei den US Open gar nicht im Hauptfeld, sondern muss durch die Qualifikation.

Apropos Qualifikation: In Wimbledon gibt es – und das ist einmalig auf der Profi-Tour – nicht nur eine Qualifikation fürs Einzel, sondern auch fürs Doppel. Unter anderem gelangte das deutsche Duo Matthias Bachinger/Tobias Kamke über die Qualifikation ins Hauptfeld, wo es in Runde 1 gegen die Briten Jamie Delgado und Ken Skupski ausschied. Erfolgreicher waren die 30-jährigen thailändischen Zwillinge Sonchat und Sanchai Ratiwatana. Sie verloren in der letzten Qualifikationsrunde gegen Bachinger und Kamke, gelangten aber als Lucky Loser ins Hauptfeld – wo sie erst in der zweiten Runde am Weltklassedoppel Robert Lindstedt (Schweden) und Horia Tecau (Rumänien) scheiterten.

Das wäre soweit nichts Besonderes. Bei 64 Doppel-Teams, also 128 Spielern, ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer verletzt absagen muss – oder nach einer Erstrundenniederlage im Einzel keine Lust mehr hat, bloß fürs Doppel in London zu bleiben und deshalb eine Verletzung vorschützt – recht groß. Die Ratiwatana-Brüder aber sind nicht zum ersten Mal als Lucky Loser ins Wimbledon-Hauptfeld gekommen, auch nicht zum zweiten oder dritten, sondern zum sechsten. Dieses Glück hatten sie schon 2006, 2007, 2009, 2010 und 2011. Dass sie im Jahr 2008 keine Lucky Loser werden konnten, lag daran, dass sie damals in der Doppel-Weltrangliste weit genug oben standen für einen direkten Platz im Hauptfeld. Glück brachte ihnen das nicht: 2008 schieden sie in Runde 1 aus. Als Lucky Loser haben sie eine bessere Quote: Zwei Erstrundenniederlagen, drei Mal die zweite Runde erreicht und einmal (2010) sogar das Achtelfinale. Letzteres brachte ihnen damals jeweils 8000 britische Pfund Preisgeld ein, womit sich das Tennisspielen für die beiden tatsächlich mal finanziell rechnete.

Bemerkenswert an den Ratiwatana-Zwillingen ist nämlich auch etwas anderes: Dass sie sich seit bald einem Jahrzehnt als Doppelspezialisten in der zweiten Liga des Profitennis durchschlagen, auf der Challenger-Tour. Dort werden Preisgelder gezahlt, mit denen sich Einzel-Spieler mit Ach und Krach über Wasser halten können, sofern sie nicht zu oft in der ersten Runde ausscheiden. Sich nur aufs Doppel zu konzentrieren, ist eine Option auf der großen ATP-Tour. Auf den Challengern geht das eigentlich gar nicht. Laut offiziellem ATP-Profil von Sonchat Ratiwatana  hat er in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 9.864 Dollar Preisgeld gewonnen. Das sind 7790 Euro. Das entspricht einem Monatseinkommen von 1300 Euro. Damit kann man klarkommen. Aber nicht, wenn man Woche für Woche Flugtickets zahlen muss, um die ständig wechselnden Arbeitsplätze zu erreichen. Die Ratiwatanas spielten in diesem Jahr – in dieser Reihenfolge – auf Challengern in Noumea (Neukaledinien/Südsee), Heilbronn (Baden-Württemberg), Kazan (Tatarstan/Russland), Singapur, Kyoto (Japan), Pinggui (China), Kaohsiung (Taiwan), Busan (Korea), Fergana (Usbekistan) und Nottingham (England). Drei von diesen Challengern haben sie gewonnen. Bei einem weiteren erreichten sie das Finale. Trotzdem kam nicht viel Preisgeld zusammen. Und so geht das Jahr für Jahr.

Ein einziges Mal habe ich die Ratiwatanas spielen sehen. Das war 2006 im Davis-Cup gegen Deutschland. Ich fand sie unfassbar schwach und fragte mich, wie es ihnen überhaupt gelingt, sich auf der Challenger-Tour zu behaupten. Eine Erklärung könnte sein, dass sie dort oft auf Gegner treffen, die sich eigentlich aufs Einzel konzentrieren und sich im Doppel nicht voll reinhängen. Denn andere Doppelspezialisten gibt es ja nur wenige auf der Challenger-Tour. Eine andere Erklärung könnte natürlich auch sein, dass die Ratiwatanas normalerweise besser spielen als bei jenem 1:6, 2:6, 0:6 im Davis-Cup gegen Michael Kohlmann und Alexander Waske. Dafür spricht, dass sie regelmäßig die eine oder andere Runde in Wimbledon überstehen.

Aber wie finanzieren sie sich nun ihr kostspieliges Hobby? Ende 2007 und Anfang 2008 haben sie immerhin mal zwei kleinere ATP-Turniere gewonnen, zu Hause in Bangkok und dann in Chennai (Indien). Die Preisgelder: einmal 13.000 Dollar und einmal 10.000 Dollar pro Person. Für ein gutes Jahr standen sie in der Weltrangliste gut genug, um regelmäßig an Turnieren der ATP-Welttour teilnehmen zu können, was ausreicht, um über die Runden zu kommen. Aber all die anderen Jahre? In einem Interview erzählten sie einmal, dass ihre Familie große finanzielle Opfer gebracht habe, um ihnen ihre Tennis-Karriere zu ermöglichen. Wahrscheinlich gibt es in der großen weiten Welt eine ganze Reihe Tennisspieler, die im Doppel ebenso gut sind wie die Ratiwatanas, die aber von nirgendwoher das Geld bekommen, jahrelang um die Welt zu reisen.

Die Zwillinge aus Thailand sind sehr glückliche Verlierer. Ich finde es trotzdem großartig, dass es im Tennis-Zirkus solche Exoten wie die Ratiwatanas gibt.

Hier das ATP-Profil von Sonchat Ratiwatana
und das von Sanchai Ratiwatana

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