Donnerstag, 27. September 2012

Julian Knowle - Neueinsteiger mit 38 Jahren

Der höchste Neueinsteiger auf der Einzel-Weltrangliste vom kommenden Montag ist 38 Jahre alt. Er heißt Julian Knowle und kommt aus Lauterach in Österreich. Knowle teilt sich die Ehre mit dem 26-jährigen Engländer Dominic Inglot. Am vergangenen Wochenende haben beide beim 250er-Turnier von Kuala Lumpur die Qualifikation geschafft und damit zwölf Ranglistenpunkte verdient. Das bringt sie in etwa auf Platz 900.

Die Weltrangliste ist für beide kein völlig neues Gefühl. Im Doppel ist Julian Knowle seit vielen Jahren fester Bestandteil der ATP-Tour. Vor fünf Jahren war er, nachdem er die US Open gewonnen hatte, mal die Nummer 6 der Doppel-Weltrangliste. Aktuell steht er dort auf Nummer 44. Inglot hat noch nicht ganz so viele Doppel-Meriten, hat sich aber als Nummer 47 der Doppel-Rangliste in diesem Jahr auch auf der ATP-Tour festgesetzt. Im Einzel war er vor zwei Jahren mal auf Platz fünfhundertirgendwas, bevor er feststellte, dass es im Doppel besser klappt. Er hat in diesem Jahr schon gelegentlich versucht, auf Turnieren, die deutlich kleiner waren als das von Kuala Lumpur, auch wieder Einzel-Ranglistenpunkte zu sammeln. Ohne Erfolg.

Julian Knowle hat so etwas schon lange nicht mehr versucht. Er ist seit sieben Jahren ein reiner Doppelspieler. Seine beste Platzierung im Einzel stammt aus dem Jahr 2002: Nr. 86. Das letzte Mal, dass er versuchte, sich im Einzel für ein Turnier zu qualifizieren, liegt drei Jahre zurück. Es war das Wimbledon-Vorbereitungsturnier von Eastbourne, und er hätte es schon dort fast geschafft. Er verlor in der letzten Quali-Runde den Tie-Break des dritten Satzes.

Dass im Einzel von Kuala Lumpur plötzlich die Doppelspezialisten aus ihren Löchern kommen, ist kein Zufall. Vor zwei Jahren gelang hier dem Tschechen Frantisek Cermak dasselbe Kunststück wie jetzt Knowle und Inglot. Wer sonst außer den Doppelspezialisten soll da auch teilnehmen an der Qualifikation? Die malaysische Hauptstadt liegt tausende Kilometer von den Tenniszentren der Welt entfernt. Da jettet fast kein Spieler von Weltranglistenplatz 180 mal eben auf gut Glück hin. Wer in der ersten Runde der Qualifikation ausscheidet, kann ganz ohne Preisgeld zusehen, wie er wieder nach Hause kommt. Die zweite Quali-Runde bringt 875 Dollar. Aus das reicht nicht für den Flug. Von den 32 Qualifikations-Plätzen waren nur 19 besetzt, und zwar mit ein paar malaysischen Halbamateuren, mit dem einen oder anderen Inder oder Koreaner, der das Risiko einer Anreise auf sich nahm – und eben mit Spielern wie Knowle und Inglot, die des Doppels wegen um die halbe Welt geflogen waren und nächste Woche weiterreisen zu den Turnieren von Peking oder Tokio.

Auch wenn das Quali-Feld nicht dem eines 250er-Turniers in Mitteleuropa vergleichbar war, bleibt Julian Knowles Leistung beachtlich. Mit seinen 38 Lenzen und nicht mehr gewohnt, so viel zu laufen, wie es im Einzel erforderlich ist, besiegte er erst den Indonesier Christopher Rungkat (Platz 297 im Einzel) und dann den Japaner Toshihide Matsui (Platz 452 im Einzel). „Den Preis werde ich zahlen, wenn ich morgen früh aufwache“, twitterte er nach geschaffter Quali. In der ersten Runde des Hauptfeldes zog er sich gegen Albert Ramos aus Spanien (Nr. 48) mit 1:6 und 4:6 wacker aus der Affäre. Seinen 900. Platz in der Einzelrangliste vom nächsten Montag hat er sich damit redlich verdient. Regelmäßig Einzel spielen will er trotzdem nicht mehr. Die Verletzungsgefahr sei in seinem Alter einfach zu groß. „Es war just for fun.“

Und hier ein Foto von Julian Knowle. Ist zwar schon vier Jahre alt und aus Stockholm, aber es ist das einzige, an dem ich die Rechte besitze.


Hier die Ergebnisse aus der Qualifikation in Kuala Lumpur (PDF)

Donnerstag, 20. September 2012

Live vom Davis-Cup gegen Australien

Das sah nicht gut aus für Deutschland, als das Spiel vorbei war am Sonnabend. Ich habe mir das Davis-Cup-Doppel am Hamburger Rothenbaum gegen Australien angesehen. Inzwischen wissen wir ja, dass die Sache ein gutes Ende genommen hat, Deutschland nicht absteigt in die zweite Liga, sondern im Februar in der ersten Runde der Weltgruppe 2013 in Argentinien antreten darf.

Aber zurück vom Sonnabend. Es war das erste Mal, dass ich das Stadion am Rothenbaum außerhalb des jährlichen ATP-Turniers betreten habe. Es war das erste Mal seit 1998, dass der Deutsche Tennis-Bund ein Davis-Cup-Heimspiel in seinem eigenen Stadion austrug, anstatt sich irgendwo anders in der Republik einzumieten. Ein paar Kleinigkeiten sahen tatsächlich anders aus als während des Turniers im Juli. Zum Beispiel habe ich zum ersten Mal den Kindergarten gesehen, von dem ich bisher nur gehört und gelesen hatte, dass er im Bauch des Stadions untergebracht sei und immer ausquartiert werde, wenn die Tennisprofis kommen. Er befindet sich auf der Rückseite des Stadions (für Kenner: In der Nähe des Aufgangs zum Affenfelsen vom Nebenplatz M1). Ich sah noch den Aushang im Fenster, der die Eltern darüber informierte, dass der Kindergarten nach Rücksprache mit dem DTB wegen der Davis-Cup-Begegnung am Freitag leider geschlossen bleiben müsse. Auf dem Fußweg vor dem Eingang waren Kreidezeichnungen zu erkennen, die noch vor Freitag von den Kindergartenkindern angefertigt worden sein müssen.

Die Fressmeile fiel etwas kleiner aus als beim ATP-Turnier, aber ich musste weder hungern noch dursten. Für Crepebudenbetreiber ist ein Davis-Cup-Wochenende logischerweise weniger attraktiv als ein Turnier, bei dem mehrere Matches auf dem Center Court und den Nebenplätzen laufen und oft nach zwei Sätzen vorbei sind, so dass das Publikum von Platz zu Platz schlendert und zwischendurch Essen und Trinken einkauft oder manchmal sogar einen Sportpulli, wenn es friert. Beim Davis-Cup ist das anders. Am Freitag und am Sonntag, wenn zwei lange Einzel gespielt werden, gibt es immerhin die Pause zwischen den beiden Matches. Am Sonnabend steht nur ein einziges Match, das Doppel, auf dem Programm – und es gibt nicht einmal eine Halbzeitpause.

Zum Glück für die Budenbetreiber war das Match nicht schon nach drei Sätzen vorbei, so dass viele der rund 2500 Zuschauer sich zwischendurch doch noch mal stärken gingen. Am Ende hatten die Australier Chris Guccione und Lleyton Hewitt gegen die Deutschen Benjamin Becker und Philipp Petzschner mit 6:3, 6:2, 2:6, 7:6 gewonnen. Richtig schlimm aus deutscher Sicht war es nur im zweiten Satz. Da waren Becker/Petzschner eine ganze Klasse schlechter als ihre Gegner. Im ersten Satz kassierten sie schnell ein Break, dem sie dann erfolglos hinterherliefen, waren ansonsten aber halbwegs ebenbürtig. Nach dem dritten Satz durfte man Hoffnung haben. Der vierte Satz war zwar zahlenmäßig ausgeglichen, aber es war nicht wirklich überraschend, dass die Australier den Tie-Break und damit auf das Match gewannen. Sie waren einfach latent besser. Die große Überraschung war Lleyton Hewitt, der am Freitag und am Sonntag in seinen Einzeln gegen Florian Mayer und Cedrik-Marcel Stebe regelrecht unterging. Im Doppel am Sonnabend sah man ihm von Anfang bis Ende an, dass er richtig Spaß daran hatte, auf dem Platz zu stehen. Damit riss er Chris Guccione, den etatmäßig schwächsten Spieler auf dem Feld, mit.

Becker und Petzschner dagegen fanden fast nie richtig zusammen. Nach ihrem Sieg im Doppel führten die Australier 2:1 und waren so gut wie aufgestiegen in die Weltgruppe, und Deutschland war so gut wie abgestiegen. Weil ich am Sonnabend nicht ahnen konnte, dass Hewitt einen Tag später nur noch ein Schatten seiner selbst sein würde, war ich mir sicher, dass er sein Einzel gewinnen würde und damit den dritten Punkt, den Siegpunkt für Australien machen würde. Cedrik-Marcel Stebe hatte ja schon am Freitag gegen Bernard Tomic kaum eine Chance. Florian Mayer würde sein Einzel am Sonntag vielleicht noch gewinnen, aber Stebe? Auch Philipp Petzschner und Benjamin Becker sahen am Sonnabend nicht so aus, als sollten sie im Einzel eine Chance haben gegen Hewitt. Ich habe am Sonnabend nicht verstanden, was Benjamin Becker in diesem Davis-Cup-Team sollte, und ich verstehen es immer noch nicht. Er ist ein ordentlicher Hartplatz-Einzelspieler. Aber er ist weder ein starker Doppelspieler noch ein starker Sandplatzspieler. Mit der Nichtnominierung von Philipp Kohlschreiber und Tommy Haas beschäftigten wir uns ja vor zwei Wochen schon. Als Ersatz wäre Björn Phau die sicherere Bank gewesen, fürs Doppel Christopher Kas - oder Dustin Brown, der sogar als Notnagel im Einzel taugt. Aber nach einem Sieg haben der Trainer und seine Mannschaft ja grundsätzlich „alles richtig gemacht“. Hier ein Bild der Richtigmacher: Immerhin Kapitän Patrik Kühnen (vorne) und Florian Mayer (hinten) drehen sich in meine Richtung.


 Einer, der nach meinem Geschmack nicht alles richtig gemacht hat, ist dieser Mann:


Der Stadionsprecher, der das Publikum im Stile eines Box-Ansager einzupeitschen versuchte und dabei wild rumschreiend nur Plattitüden von sich gab, als er die Mannschaften vorstellte. Sein Lieblingssatz: "Ihm gehört die Zukunft." Damit bedachte er Cedrik-Marcel Stebe und den Australier Matthew Ebden jeweils einmal und Bernard Tomic sogar zweimal. Sieht ganz so aus, als werde die Zukunft von einem Genossenschaftsmodell mit breiter Eigentümerstrukur verwaltet... Tatsächliche Informationen über die Spieler, wie sie bei anderen Turnieren üblich sind, gab es kaum. Alles und jeder wurde hochgejubelt. Der unbedarfte Zuschauer erfuhr zwar, dass Lleyton Hewitt mal Wimbledon gewonnen hat und mal die Nummer 1 der Weltrangliste war, seine aktuelle Weltranglistenposition (ca. 100) wurde indes verschwiegen.


Hier die Ergebnisse der Davis-Cup-Begegnung gegen Australien

Donnerstag, 13. September 2012

Roddick und Ferrero gehen - Maximilian A. kommt

Erinnert sich noch jemand, wen Roger Federer an der Spitze ablöste, als er nach den Australian Open Anfang 2004 zum ersten Mal Weltranglisten-Erster wurde? Ich musste nachgucken. Es war nicht Carlos Moyá, nicht Marat Safin, nicht Juan Carlos Ferrero und auch nicht Andre Agassi. Es war Andy Roddick. Damals wechselte die Nummer 1 alle paar Wochen. Federer blieb über vier Jahre unangefochten vorn, bevor er zwischendurch für Rafael Nadal und Novak Djokovic Platz machen musste.

Agassi ist schon seit sechs Jahren nicht mehr aktiv, Safin trat vor drei Jahren zurück und Moyá vor zweien. In der letzten Woche bei den US Open spielte nun auch Andy Roddick sein letztes Profimatch. Juan Carlos Ferrero hat vor wenigen Tagen angekündigt, dass er nach dem 500er-Turnier von Valencia Ende Oktober aufhören wird. Dann bleibt von Federers einstigen Rivalen nur noch Lleyton Hewitt übrig. Der Australier ist zwar oft verletzt, aber im Moment spielt er recht regelmäßig – ab morgen zum Beispiel beim Davis-Cup gegen Deutschland in Hamburg. Es würde wohl kaum jemanden überraschen, wenn auch Hewitt – im Moment die Nummer 100 der Weltrangliste – demnächst sein Karriereende verkündet. Dass Ferrero es getan hat, war auch absehbar. Er spielte in diesem Jahr überwiegend lustlos und verlor meistens.

Bei Andy Roddick war das etwas anders. In den Medien und den einschlägigen Internet-Foren traf man zwar schon seit langem auf Schlaumeier, die sagten, es sei Zeit für den alten Mann, den Schläger an den Nagel zu hängen, und Roddick selbst sagte einst, er werde nicht mehr weitermachen, wenn er nicht mehr zu den Besten der Welt zählt. Zuletzt stand er zwar nicht mehr unter den Top 20, aber er war immer noch in der Lage, Turniere zu gewinnen wie kurz vor Wimbledon in Eastbourne und kurz nach Wimbledon in Atlanta. Bei den US Open kam er jetzt ins Achtelfinale. Das sind keine Ergebnisse von jemandem, der nicht mehr mithalten kann. Seine Ergebnisse allein aus diesem Sommer sind so gut, dass er noch bis in den Juni 2013 unter den Top 50 bleiben wird, sofern er sich nicht freiwillig aus dem Ranking streichen lässt. Nach derzeitigem Stand wäre er dann immer noch der viertbeste US-Amerikaner hinter Mardy Fish, Sam Querrey und John Isner.

Roddick ist vor ein paar Tagen 30 Jahre alt geworden. Das ist kein sonderlich hohes Alter im heutigen Tenniszirkus. Er ist jünger als Roger Federer. Geliebt wird man erst mit über 30, wenn man ein alter Haudegen ist, der sich nicht unterkriegen lässt. Er hätte noch ein paar Jahre als Publikumsliebling auf der Tour verbringen können, wie Tommy Haas es gerade tut. Aber er will nicht, und ich finde, das ist ein Zeichen von Größe, und vielleicht zeugt es von einer stabilen Psyche. Pete Sampras hat in seinem Buch „A Champion's Mind“ beschrieben, wie schwer es ist, diesen Entschluss zu fassen. Wer sich selbst darüber definiere, Sportprofi zu sein, sagt er, der empfinde es fast wie Sterben, plötzlich kein Sportprofi mehr zu sein. Deshalb wohl zögern viele Spieler ihr Karriereende so lange hinaus, bis der Körper völliug ruiniert ist. Andy Roddick ist jetzt jung genug, einen neuen Platz für sich in der Welt zu finden.

Zum Schluss ein Schlenker zu einem ganz anderen Thema. Es geht um einen Spieler, der ein paar Monate älter ist als Andy Roddick und seit fünf Jahren kein Profiturnier mehr gespielt hatte: Maximilian A. Das der noch mal zurückkommt, das hätte ich nicht nur nicht gedacht, der Gedanke schien so absonderlich, dass ich nicht im Entferntesten dachte, dass irgendjemand ihn haben könnte. Maximilan Abel – Junioren-Champion und 2003 immerhin mal die Nummer 183 - saß im Gefängnis. Er war wegen mehrfachen Diebstahls verurteilt. Er hatte in der Umkleide seine Mitspieler bestohlen, um seine Kokainsucht zu finanzieren. Vor vier Wochen gewann er die „Bender Open“, ein nationales Ranglistenturnier mit 1250 Euro für den Gewinner. Dieses Ergebnis war dem Gießener Anzeiger eine Erwähnung wert - ohne freilich A.s Vorgeschichte zu erwähnen. Mit seinen Knast-Storys hatte Maximilian A. es einst noch regelmäßig in die „Bild“ geschafft.

Viel bemerkenswerter als die „Bender Open“ ist aber, was am vergangenen Wochenende in Istanbul geschah. Dort trat Abel zur Qualifikation für ein 75.000-Dollar-Challenger an – und er gewann seine drei Matches. In der ersten Runde des Hauptfeldes verlor er dann zwar, aber vorher schlug er mit Denis Matsukevitch (Russland) und Ruan Roelofse (Südafrika) zwei Spieler, die aktuell immerhin in den 400ern der Rangliste rangieren. Dafür gab es fünf Weltranglistenpunkte. Damit wird Maximilian Abel nach fünf Jahren Unterbrechung am nächsten Montag ungefähr auf Platz 1100 wieder ins Raking einsteigen.

Hier die Ergebnisse von der Qualifikation in Istanbul

Donnerstag, 6. September 2012

Dann steigen wir wohl ab

Das war's dann wohl. Deutschland steigt ab in die zweite Liga. Die beiden besten Spieler machen nicht mit, wenn Deutschland ab Freitag nächster Woche zum Davis-Cup-Relegationsspiel gegen Australien antritt.

Kapitän Patrik Kühnen hat weder Philipp Kohlschreiber (Nr. 20) noch Tommy Haas (Nr. 21)  nominiert. Stattdessen stehen im Team: Florian Mayer (Nr. 23), Benjamin Becker (Nr. 85), Cedrik-Marcel Stebe (Nr. 97) und Philipp Petzschner (Nr. 106). Die Australier kommen mit ihren besten Leuten an den Hamburger Rothenbaum, mit dem 19-jährigen Bernard Tomic (Nr. 43) und mit dem unvergessenen Lleyton Hewitt, der nur weil er sonst so selten spielt, lediglich auf Platz 125 der Weltrangliste spielt. Mit dabei ist auch der grundsolide Mathew Ebden (Nr. 71) und als Ergänzungsspieler der einstige Top-100-Mann Chris Guccione.

Die Australier sind alles keine Sandplatzspieler, insofern kann es gut sein, dass sie sich schwer tun werden in Hamburg. Aber als der Deutsche Tennisbund sich für den langsamen Bodenbelag entschied, da durfte man noch davon ausgehen, dass zumindest Kohlschreiber auf ihm spielen würde und vielleicht auch Haas, der im Juli an gleicher Stelle das Endspiel des Hamburger ATP-Turniers erreichte. Benjamin Becker und Philipp Petzschner aber sind auf Sand mindestens so ungelenk wie die Australier. Die deutschen Hoffnungen ruhen jetzt nahezu vollständig auf Florian Mayer. Natürlich ist der prinzipiell in der Lage, auf Sand jeden beliebigen Australier locker zu schlagen. Aber wir wissen auch, dass die große Bühne, die der Davis-Cup darstellt, ihm nicht besonders liegt und dass er in langen Matches auf drei Gewinnsätze zwischendurch immer seine Durchhänger hat. Und dass er in einer Woche körperlich topfit sein wird, ist auch nicht sicher. Bei den US Open musste er letzte Woche sein Erstrundenmatch gegen den amerikanischen Wild-Card-Spieler Jack Sock erschöpft aufgeben.

Selbst wenn Flo seine beiden Matches gewinnen sollte, bräuchte Deutschland immer noch einen dritten Punkt. Aus den Einzeln kann der überhaupt nur kommen, wenn Cedrik-Marcel Stebe spielt. Stebe hätte im Juli in Hamburg um ein Haar in Runde 1 den späteren Turniersieger Juan Monaco geschlagen. Bei den US Open warf er in Runde 1 den gesetzten Serben Viktor Troicki (Nr. 30) aus dem Turnier. Aber in Runde 2 hatte er gegen Grega Zemlja (Slowenien, Nr. 99) keine Chance. Ob Stebe dem Druck, Deutschland in der Davis-Cup-Weltgruppe halten zu müssen, standhält, darf man bezweifeln – erst recht, wenn man daran denkt, wie ihm in dem Match gegen Monaco der Arm zitterte, als er zum Matchgewinn aufschlagen sollte. Wahrscheinlich wäre der ausgebuffte 32-jährige Björn Phau (Nr. 83), der letzte Überlebende aus dem legendären Boris-Becker-Junior-Team, noch die bessere Alternative gewesen.

Und das Doppel? Das können die Australier traditionell ziemlich gut. Für ihre aktuelle Mannschaft gilt das allerdings nicht unbedingt. Aber Deutschland tritt ohne jede eingespielte Doppel-Option an. Klar ist nur, dass zweimalige Grand-Slam-Champion Philipp Petzschner trotz seiner aktuellen Formschwäche spielen wird. Aber mit wem? Sein Olympia-Partner Christopher Kas ist nicht im Team. Ebensowenig der nächstbessere deutsche Doppelspieler in der Rangliste, Dustin Brown. Tommy Haas wäre eine gute Alternative gewesen, wenn er denn bereit gewesen wäre, Davis-Cup zu spielen. Die beiden haben schon im Februar gegen Argentinien gemeinsam gespielt. Sie verloren zwar in fünf Sätzen, aber Haas war damals nach seiner langen Verletzung noch längst nicht auf dem Niveau, das er in diesem Sommer gezeigt hat. Für Fünfsatzmatches im Einzel hat Haas, wie bei den US Open zu sehen war, wohl nicht ausreichend Stehvermögen. Aber Doppel ist weniger anstrengend, das hätte er geschafft. Stebe hat zwar vor Jahren mal bei den US Open den Titel im Junioren-Doppel gewonnen, aber von seiner Spielweise her ist er überhaupt kein Doppelspieler. Benjamin Beckers Spielweise funktioniert fürs Doppel schon eher, aber er hat in seiner ja schon einige Jahre währenden Karriere im Doppel noch nie etwas Bemerkenswertes gerissen. Immerhin spielt er alle Jubeljahre mal an Petzschners Seite. Beim Pillepalle-Wimbledonvorbereitungsturnier in 's Hertogenbosch (Niederlande) kamen die beiden ins Halbfinale. Auch Florian Mayer hat gelegentlich lichte Momente im Doppel, aber nicht so sehr, dass es sich lohnen würde, ihm diese Zusatzbelastung neben dem Einzel aufzubürden.

Mit den vorhandenen vier Spielern läuft es vernünftigerweise also auf Florian Mayer und Cedrik-Marcel Stebe im Einzel und Philipp Petzschner und Benjamin Becker im Doppel hinaus. Eine triste Veranstaltung, wenn man bedenkt, dass Deutschland im Moment nominell so viele gute Spieler hat wie seit den Zeiten von Becker und Stich nicht mehr.

Tommy Haas ist nicht dabei, weil er nicht möchte. Man kann verstehen, dass er Pausen braucht.. Er ist 34 Jahre alt, und angesichts seiner unendlichen Verletzungsgeschichte ist es fast ein Wunder, dass er überhaupt noch in der Weltklasse mitspielt. Philipp Kohlschreiber hätte gern gespielt. Über seinen Rauswurf auf dem Team ist vielerorts viel geschrieben worden. Das sei an dieser Stelle nicht alles wiederholt. Hier ist ein Link zum Artikel auf Spiegel Online. Damit, dass es eigentlich Aufgabe eines Davis-Cup-Teamchefs ist, die oft schwierigen Charaktere der Tennisprofis unter einen Hut zu bringen, hatten wir uns bereits im April befasst.  Patrik Kühnen kann das anscheinend nicht. Es ist Zeit für einen Neuanfang für den Davis-Cup in Deutschland.

Hier die Informationen zur Relegationsbegegnung zwischen Deutschland und Australien auf der offiziellen Davis-Cup-Seite

Ach ja: Um Andy Roddick geht es, wenn nichts dazwischenkommt, nächste Woche. 

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