Donnerstag, 29. November 2012

Tennis-Gedichte 5: „Boris Becker besiegt Andre Agassi am 7.7.1995 in Wimbledon – Ein Augenzeugenbericht“

Als die Mutter deines Sohnes,
Boris, es nicht ansehn konnte,
hab ich nicht den Blick gewendet,
nicht beim Satzverlust und nicht, als
Agassi schon wie der sichere
winner aussah.

Als du, Boris, in der Pause

unterm Tuch ins Leere starrtest
und der Sprecher davon raunte,
dich bedränge die Erinnerung
an den Sieg von 85,
sah ich zu.

Als die Schatten länger wurden,

als dem zehnten Doppelfehler,
Boris, dein Ass Zwanzig folgte,
sah ich Agassi geblendet
einer Chance nach der andern
hinterherschaun.

Als im vierten Satz der Tiebreak

selbst Brooke Shields die Sonnenbrille
von den Augen riss, als sich ihr
lover Schlag für Schlag als loser
offenbarte und sie wegsah,
sah ich hin.

Als du, Boris, nur noch Augen

hattest für des Gegners letzten
Schlag ins Leere, als du deine
Siegerfaust gen Himmel recktest,
da sah ich, sahn es Millionen:
Wie eine endlich aufblickte.

Es ist Winterpause auf der ATP-Tour, und wir haben endlich Zeit, die im vergangenen Winter begonnene Serie über Tennis-Gedichte fortzusetzen. Die heutigen Verse stammen aus der Feder Robert Gernhardts (1937-2006), dessen Steffi-Graf-Gospel wir bereits im März behandelt haben. Beide finden sich im Band „Lichte Gedichte“ (in meiner Taschenbuch-Ausgabe von 1999 auf den Seiten 178 und 179).

Die Gedichte dürften im Abstand weniger Wochen entstanden sein. Die die Matches, von denen sie erzählen, liegen genau einen Monat auseinander. Im Boris-Gedicht geht es um das Wimbledon-Halbfinale 1995. Becker gewann 2:6, 7:6, 6:4, 7:6.

Bevor wir einen näheren Blick auf das Gedicht werfen, befassen wir uns mit besagtem Match. Für Boris lief es in jenem Jahr nicht so richtig rund. Kurz zuvor bei den French-Open war er schon in der dritten Runde gegen einen rumänischen Qualifikanten namens Adrian Voinea ausgeschieden. Sein letzter Wimbledonsieg lag sechs Jahre zurück.

Andre Agassi war seit dem Frühjahr die Nummer 1 der Weltrangliste, und er war sich sicher, dass er Boris schlagen würde, so wie immer in den vorherigen sechs Jahren. Agassi hat in seiner Autobiographie „Open“ von 2009 dem Match, aus dem Robert Gernhardt dieses Gedicht formte, einen langen Absatz gewidmet (beginnend auf Seite 319 meiner Hardcover-Ausgabe). Erst lief aus Agassis Sicht alles nach Plan, aber dann „fängt Becker plötzlich an, rauer und härter zu spielen“ - und zwar von der Grundlinie, was er sonst selten tat. „Er nimmt mir den Aufschlag ab, und obwohl ich noch 4:2 in Führung liege, spüre ich, wie etwas in mir reißt. […] Plötzlich kann ich meine Gedanken nicht mehr kontrollieren.“ Er endet mit den Worten: „Es ist eine der vernichtendsten Niederlagen meines Lebens. […] Ich bin innerlich zerbrochen – völlig am Ende.“

Noch nicht am Ende indes war seine Auseinandersetzung mit Becker, der dann das Endspiel gegen Pete Sampras verlor. Agassi fuhr nach Wimbledon mit seiner damaligen Freundin, der Schauspielerin Brooke Shields, in den Urlaub auf eine einsame Insel und konnte dann an fast nichts anderes als diese Niederlage denken. Boris Becker hingegen gab eine Pressekonferenz, in der sagte, Agassi werde überschätzt, sei elitär und bei seinen Mitspielern schlecht gelitten. (So jedenfalls gibt Agassi den Inhalt dieser Pressekonferenz wieder.) Danach gewann Agassi vier Turniere hintereinander und war erst im US-Open-Endspiel von Pete Sampras zu stoppen. Agassi: „Getrieben von Hass walze ich die Gegner platt.“ Von Hass auf Boris Becker (den Agassis Coach Brad Gilbert stets „B.B. Sokrates“ nannte, „weil er meint, Becker versucht, den Intellektuellen zu spielen, obwohl er bloß ein zu groß geratener Bauernlümmel ist“.

Das also sind die Begleitumstände des von Gernhardt besungenen Matches aus der Sicht Andre Agassis. Aus deutscher Sicht ist Boris Becker 1995 längst Legende. Das wird in der vorletzten Zeile der zweiten Strophe deutlich, die an ein historisches Ereignis erinnert: „an den Sieg von 85“, der den deutschen Tennis-Boom auslöste und ohne den es ein Wimbledon-Halbfinale wohl deutlich schwerer gehabt hätte, Eingang in die deutschsprachige Literatur zu finden.

Der Dichter beschreibt das Match akkurat. Den zehnten Doppelfehler und das 20. Ass, die gab es tatsächlich. (Die Statistik auf der ATP-Webseite verzeichnet bei Becker zehn Doppelfehler und 22 Asse.) Aber das Hauptthema, das ist schwer zu übersehen, ist ein anderes, und zwar eines, das jeder Sportfan kennt: Alles ist hochdramatisch, und man mag gar nicht mehr hinsehen. Fünf Personen sehen hin oder weg: Barbara Becker („die Mutter deines Sohnes, Boris), das lyrische Ich, Boris Becker selbst, Andre Agassi und Brooke Shields.

Gleich in den ersten beiden Zeilen guckt Barbara Becker weg. Von da an ist die für fünf Strophen unsichtbar. (Wie ein kleines Kind, das unsichtbar ist, weil es sich die Augen zuhält.) Das lyrische Ich aber hat „nicht den Blick gewendet“, also kann es sehen, wie sogar Boris Becker nicht mehr hingucken mag und „unterm Tuch ins Leere“ starrt. Agassi will vielleicht noch hingucken, aber kann nicht, denn er ist „geblendet“ - ganz profan, weil die Sonne niedrig steht („die Schatten länger wurden“), aber auch, wie wir oben lasen, und was dem aufmerksamen Hingucker nicht entgangen sein dürfte, etwas in ihm gerissen war. Dann reißt sich Brooke Shields die Sonnenbrille von den Augen und guckt weg. Das Lyrische Ich sieht weiterhin hin. Und Boris? Der hat „nur noch Augen für des Gegners letzten Schlag ins Leere“.

Erst in der letzten Zeile, die vom sonst weitgehend einheitlichen Versmaß auffallend abweicht, taucht Barbara Becker wieder auf. Millionen sehen das, „wie eine endlich aufblickte“. Nur Boris, der schaut anscheinend gar nicht hin.

Hier die bisherigen Folgen der Tennisgedichte-Serie:
1.) „Wimbledon 1997“ von Dirk von Petersdorff
2.) „So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe“ von Arno Holz
3.) „Steffi-Graf-Gospel“ von Robert Gernhardt
4.) „Vergleich“ von Martha Lasker

Donnerstag, 22. November 2012

Carsten Arriens – Martin Jaite 6:3, 2:6, 7:6

Seit heute ist es offiziell: Deutschlands neuer Davis-Cup-Kapitän heißt Carsten Arriens. Das DTB-Präsidium preist ihn insbesondere als erfolgreichen Verbands- und Bundesliga-Trainer. Ein Unterschied zu allen seinen Vorgängern der vergangenen Jahre: Die meisten Gelegenheitsfans haben von dem Mann noch nie was gehört. Nach dem Ende der Ära Niki Pilic haben in Deutschland ausschließlich Leute das Davis-Cup-Team gecoacht, die auch selber als Spieler den Davis-Cup gewonnen haben: Michael Stich, Boris Becker, Charly Steeb und Patrik Kühnen. Mit Kühnen ging das noch am längsten gut. Es lässt sich also mit etwas Chuzpe die Regel aufstellen: Je schlechter jemand als Spieler war, desto eher eignet er sich als Davis-Cup-Kapitän.

Da stellt sich die Frage: War Carsten Arriens als Spieler überhaupt schlecht genug, um Deutschland zum Erfolg zu führen? Er brachte es immerhin auf Platz 109 der Weltrangliste. Einmal gewann er sogar ein Grand-Prix-Turnier: 1992 im brasilianischen Guaruja. Dort bezwang er im Finale niemand Geringeren als Alex Corretja, den späteren Weltranglistenzweiten und amtierenden Davis-Cup-Kapitän der Tennis-Weltmacht Spanien.

Vergleichen wir einmal die höchsten Weltranglistenplatzierungen, die die Kapitäne der 16 Nationen, die im kommenden Jahr in der Davis-Cup-Weltgruppe gespielt haben, während ihrer aktiven Laufbahn erreichten, stellen wir fest: Carsten Arriens befindet sich im soliden hinteren Mittelfeld:

Jim Courier, USA, Nr. 1
Alex Corretja, Spanien, Nr. 2
Guy Forget, Frankreich, Nr. 4
Corrado Barazzutti, Italien, Nr. 7
Martin Jaite, Argentinien, Nr. 10
Jaroslav Navratil, Tschechien, Nr. 64
Johan van Herck, Belgien, Nr. 65
Zeljko Krajan, Kroatien, Nr. 88
Martin Laurendeau, Kanada, Nr. 90
Carsten Arriens, Deutschland, Nr. 109
Eyal Ran, Israel, Nr. 138
Clemens Trimmel, Österreich, Nr. 147
Joao Zwetsch, Brasilien, Nr. 231
Severin Lüthi, Schweiz, Nr. 622
Dias Doskarayev, Kasachstan, Nr. 945
Bogdan Obradovic, Serbien, nicht platziert

Ich hoffe, die Liste ist korrekt. Es ist weder auf der Davis-Cup-Seite noch mit Hilfe von Wikipedia hundertprozentig zuverlässig zu ermitteln, ob irgendein anderes Land außer Deutschland im nächsten Jahr mit einem neuen Kapitän antritt. Die Namen zusammenzustellen, war eine wahre Freude. Es wurde die eine oder andere Erinnerung an die guten alten Zeiten wach. Welche Rolle Joao Zwetsch (Brasilien) dabei spielt, erwähnte ich bereits vor zwei Jahren. Auch Martin Laurendeau (Kanada) bewege ich seit meiner Kindheit tief in meinem Herzen: Im ersten „tennis magazin“, das ich jemals in Händen hielt, waren die Ergebnisse der Sommer-Hartplatz-Turniere in Nordamerika abgebildet. Dazu die Fotos von zwei bis dato völlig unbekannten Nachwuchsspielern, die erstmals auf sich aufmerksam machten. Ich merkte mir ihre Namen, weil ich dachte: Den beiden gehört die Zukunft. Die Namen lauteten Martin Laurendeau und Andre Agassi.

Aber zurück zu Carsten Arriens. Dank der unerschöpflichen statistischen Daten auf der ATP-Webseite lässt sich ja schnell herausfinden, wie er sich im Laufe seiner Karriere gegen die richtig Guten geschlagen hat. Da kommt eine bemerkenswerte Reihe von Namen zusammen. Mir scheint, kaum ein anderer Spieler ist bei kleinsten Turnieren so oft auf spätere Stars getroffen. Und wenn Arriens mal die Qualifikation für ein großes Turnier schaffte, kam oft gleich in Runde 1 ein Slam-Gewinner. Er verlor gegen Boris Becker, Ivan Lendl, Stefan Edberg, Michael Stich und Thomas Muster. Sein allerletzes Profimatch bestritt er bei einem Future in Kassel 1999 gegen den späteren French-Open-Finalisten Martin Verkerk. In seinem vorletzen Turnier schied er gegen den späteren Olympiasieger Nicolas Massú aus. Bei seinem letzten Auftritt auf der ATP-World-Tour 1998 in Moskau zwang er den späteren Wimbledonsieger Goran Ivanisevic in zwei Tie-Breaks.

Dass er bei seinem einzigen Grand-Prix-Finale gegen Alex Corretja gewann, hatten wir oben schon. Im Juni 1996 verlor er bei zwei aufeinander folgenden Challengern gegen den damals 18-jährigen Tommy Haas. Jetzt warten wir gespannt, ob es Carsten Arriens wohl gelingt, Tommy Haas zu überzeugen, 2013 im Davis-Cup mitzuspielen.

In der ersten Runde geht es gegen Argentinien. Vergleichen wir also mal Arriens mit dem argentinischen Kapitän Martin Jaite. Der Mann war mal in den Top 10. Aber hat es ihm geholfen? Beim Challenger-Turnier von Neu-Ulm 1993 trafen Jaite und Arriens in der ersten Runde aufeinander. Arriens gewann im Tie-Break des dritten Satzes.
 
Hier das ATP-Profil von Carsten Arriens

Donnerstag, 15. November 2012

Saisonfazit durch die nationale Brille

Der letzte Matchball ist verwandelt. Novak Djokovic hat das Saisonfinale 2012 gewonnen und steht wieder an der Spitze der Weltrangliste. Nur das Davis-Cup-Finale fehlt noch. Die ATP-Tour macht Winterpause und geht erst Silvester weiter. Zeit für das alljährliche Saisonfazit durch die nationale Brille. Gehen wir also die deutschen Spitzenspieler der Reihe nach durch und sortieren wir sie diesmal in Gewinner, Verlierer und Langweiler des Jahres. Der Schwerpunkt liegt wie immer auf den Spielern aus den Top 100. Da gibt es viele Gewinner. In Einzelfällen darf auch nach noch weiter unten geguckt werden. Da finden sich dann auch ein paar Verlierer. Immerhin sechs Top-100-Spieler haben wir im Moment: Philipp Kohlschreiber (20), Tommy Haas (21), Florian Mayer (28), Benjamin Becker (72), Björn Phau (76) und Tobias Kamke (94). Das sind zwei mehr als vor einem Jahr, aber noch immer ein paar weniger als noch vor zwei oder drei Jahren. Immerhin gibt es drei Deutsche unter den besten 30. Sowas gab es zuletzt 1995 mit Boris Becker, Michael Stich und Bernd Karbacher.

Die Gewinner des Jahres

Philipp Kohlschreiber (29 Jahre, Nr. 20)
Seit 2009, seit dieser Blog Fazite am Jahresende zieht, war die immer gleiche Leier zu lesen: Kohli stagniert. Kohli hat seine realistischen Ziele, nämlich ein Grand-Slam-Viertelfinale zu erreichen und in die Top 20 zu kommen, immer noch nicht erreicht. Als er es zwischenzeitlich mal mit Andy Murrays Ex-Coach Miles MacLagan versuchte, endete es so enttäuschend wie mit Englands Ex-Coach Steve McLaren beim VfL Wolfsburg. Alles vergessen. Kohli hat sie erreicht, seine realistischen Ziele. Neben dem Wimbledon-Viertelfinale schaffte er auch noch die Achtelfinals bei den Australian Open und den US Open. Im Moment deutet wenig darauf hin, dass er im kommenden Jahr weniger zuverlässig sein wird.

Tommy Haas (34 Jahre, Nr. 21)
Da habe ich wohl Abbitte zu leisten. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrmals vom Tommy Haas' langsamen Karriereende geschrieben. Er war ständig verletzt und ja auch schon vor Jahren kein ganz junger Hüpfer mehr. In diesem Jahr aber, da war nach langer, langer Zeit wieder zu erkennen, wie er es vor einem Jahrzehnt mal für kurze Zeit auf Platz 2 der Weltrangliste schaffen konnte. Nicht nur bei seinem Finalsieg in Halle/Westfalen gegen Roger Federer. Ob das im kommenden Jahr so weitergeht? In Sachen Haas wage ich lieber keine Prognosen mehr.

Florian Mayer (29 Jahre, Nr. 28)
Vor einem Jahr war er noch die Nummer 23. Jetzt steht er fünf Plätze schlechter. Trotzdem gehört er zu den Gewinnern. Schon allein deshalb, weil er eine viel zu starke Saison hatte, als dass man ihn zu den Verlierern hätte zählen können. Und ein Langweiler ist er mit seiner exotischen Spielweise schon mal gar nicht. Flos Saison 2011 war herausragend, und man konnte nicht davon ausgehen, dass er auf dem Niveau, das er in dem Jahr hatte, einfach weitermacht. Hat er auch nicht. Es gab gewaltige Durststrecken. Aber am Ende war er stark genug, um das zweite Jahr in Folge unter den Top 30 abzuschließen. Im Davis-Cup-Abstiegsspiel gegen Australien im September hat er nervenstark die Rolle des Führungsspielers ausgefüllt. In diesem Punkt hat er sich tatsächlich noch einmal gesteigert.

Benjamin Becker (31 Jahre, Nummer 72)
Wenn jemand über 30 ist und dann für über ein halbes Jahr verletzt, dann ist es nicht so selbstverständlich, nahtlos an alte Leistungen anzuknüpfen. Benni Becker hat das geschafft. Anfang des Jahres war er wegen seiner langen Pause nicht einmal mehr unter den Top 300. Schon im Februar legte er mit einem Halbfinale beim 500er-Turnier in Memphis die Grundlage für sein Comeback. Danach waren seine Leistungen unspektakulär, aber sehr stabil. Letzte Woche erst gewann er ein Challenger im Südtiroler Skiort St. Ulrich.

Björn Phau (33 Jahre, Nummer 76)
Hier sei einfach auf das Loblied auf Björn Phau vom Februar verwiesen. Phänomenal, was der letzte Überlebende aus dem Boris-Becker-Juniorteam leistet. Man wundert sich manchmal.

Langweiler des Jahres

Tobias Kamke (26 Jahre, Nummer 94)
Halt so um Platz 100 rum, der Lübecker. Wie immer.

Verlierer des Jahres
Philipp Petzschner (28 Jahre, Nummer 117)
Bei Petzsche muss man ja immer auch ein aufmerksames Auge aufs Doppel werfen. Doppel-Wimbledonsieg 2010, US-Open-Sieg 2011. In diesem Jahr war da nichts. Im Einzel hatte er ein einziges gutes Ergebnis: Das Finale beim 250er-Rasenturnier im holländischen 's Hertogenbosch in der Woche vor Wimbledon.

Cedrik-Marcel Stebe (22 Jahre, Nummer 139)
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, das in dieser Aufzählung bisher die Jungspunde fehlen. Aus dem einfachen Grund, weil es fast keine gibt. Ceddy Stebe ist ja eigentlich unsere einzige Hoffnung. Letztes Jahr brach er in die Top 100 und gewann am Jahresende das Finale der acht besten Challenger-Spieler in Sao Paolo. (Die 110 Ranglistenpunkte, die ihm das brachte, wird er am kommenden Montag verlieren, und dann schließt er das Jahr irgendwo um Platz 180 ab. Aber es wird mit ihm auch wieder bergauf gehen. Anders kann es gar nicht sein. Ich habe ihn in diesem Jahr zweimal live gesehen, beide Male am Hamburger Rothenbaum, und beide Mal spielte er über weite Strecken exzellent. Beim 500er-Turnier im Juli schlug er in Runde 1 gegen den späteren Turniersieger Juan Monaco zum Matchgewinn auf und verlor dann schlicht die Nerven. Beim Davis-Cup im September gegen Lleyton Hewitt klappte es besser mit den Nerven, und er sicherte Deutschland den Klassenerhalt. Darauf lässt sich aufbauen. Das nötige Talent hat er.

Zum Schluss eine lobende Erwähnung für Jan-Lennard Struff (22 Jahre, Nummer 180). Seit ich den Jungen vor drei Jahren in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum sah, warte ich auf seinen Durchbruch. Bisher war mein Eindruck: Er ist noch nervenschwächer als Stebe. In diesem Jahr meine ich aber Anzeichen einer Stabilisierung ausgemacht zu haben. Nächste Woche, wenn Stebe seine 110 Punkte aus Sao Paolo verliert, dürfte er bereits der bestplatzierte U23-Spieler aus Deutschland sein.

Donnerstag, 8. November 2012

Westeuropa verliert den Anschluss

Zugegeben: Vor einer Woche mokierte ich mich darüber, welcher Hans und Franz es alles so ins Viertelfinale des nicht ganz ernst zu nehmenden Masters-Turniers von Paris-Bercy geschafft hat. Dabei nannte ich auch den Namen des 22-jährigen polnischen Qualifikanten Jerzy Janowicz. Asche auf mein Haupt. Das Masters von Paris-Bercy in seiner jetzigen Form unmittelbar vor Beginn des Tourfinales ist zwar immer noch nicht ganz ernst zu nehmen, aber was Jerzy Janowicz geleistet hat, das ist Tennis-Zeitgeschichte: Er kam bis ins Finale, und damit ist er der erste Masters-Finalist, der in den Neunziger Jahren geboren wurde.

Die Zeiten, in denen 17-Jährige Wimbledon gewannen, sind ja schon lage vorbei. Das ist auch schon vielerorts thematisiert worden. Allenthalben heißt es, das heutige Profitennis sei für kleine Jungs zu athletisch. Aber dass ein U23-Spieler in einem Masters-Finale ein bestaunenswertes Einzelstück ist, das ist schon eine neue Dimension. Noch vor zehn Jahren bestanden die Top 10 zur Hälfte aus Spielern unter 23 (Hewitt, Safin, Ferrero, Federer und Roddick). Heute ist der Kanadier Milos Raonic auf Platz 13 der beste U23-Spieler.

Apropos Raonic: Mit dem (Jahrgang 1990) hätte man viel eher als erstem Masters-Finalisten aus den 1990er-Jahrgängen gerechnet. Oder mit dem Australier Bernard Tomic (1992, Nr. 51) oder dem US-Amerikaner Ryan Harrison (1992, Nr. 68). Den Japaner Kei Nishikori (Nr. 19) hätte man noch nennen können, wenn die Wehen seiner Mutter damals drei Tage später eingesetzt hätten. Er kam aber schon am 29. Dezember 1989 zur Welt.

Wir nähern uns dem Kernthema dieses Artikels: dem Mangel an jungen Europäern im Herrentennis. Bis ich mich vor ein paar Tagen genauer mit diesem Thema zu beschäftigen begann, hielt ich in der Tat diese Verallgemeinerung für zulässig. Grigor Dimitrov (1991, Nr. 48) aus Bulgarien hielt ich für eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Aber es gibt ja nun auch Janowicz und es gibt den Russen Andrei Kusnezow (1991, Nr. 75).

Wo es wirklich dunkel aussieht, das ist Westeuropa. (Als Westeuropa definiere ich alles das, was vor 1989 demokratisch war auf unserem Kontinent. Finnland zum Beispiel gehört dazu, Tschechien nicht, obwohl ein Blick in den Atlas schnell zeigt, dass Finnland östlicher liegt als Tschechien.) In Westeuropa gibt es nur David Goffin (1990, Nr. 45) aus Belgien, sonst niemanden. Er steht zwar in der Rangliste besser als die meisten seiner Jahrgangsgenossen, bisher habe ich von ihm aber nicht den Eindruck, als könnte aus ihm ein ganz Großer werden. Um weitere junge Westeuropäer zu finden, muss man runtergehen in die Regionen um Platz 100 und weiter. Da kommen der Franzose Guillaume Rufin (1990, Nr. 93) und der Portugiese Gastao Elias (1990, Nr. 133) – und dann auch schon unser Cedrik-Marcel Stebe (1990, Nr. 141).

Auch die spanische Armada, die in den vergangenen Jahren die Sandplätze dieser Welt dominierte, wird wohl bald versinken. Nachfolger von Rafael Nadal, Juan Carlos Ferrero, Carlos Moyá, Sergi Bruguera, David Ferrer, Tommy Robredo usw. sind kaum in Sicht. Der derzeit beste junge Spanier ist Javier Martí (1992, Nr. 183).

Schweden gibt es ohnehin schon lange nicht mehr. In Großbritannien wird Andy Murray weiter ein singuläres Phänomen bleiben. Auch in der Schweiz werden die zahlreichen Tennisreporter, die einst von der Ära Hingis nahtlos in die Ära Federer wechselten, an Umschulungsmaßnahmen teilnehmen müssen.

Wie das kommt? Keine Ahnung. Offenbar ist Tennis in Westeuropa nicht mehr so angesagt wie in anderen Ecken der Welt. Oder die anderen Ecken der Welt haben im Zuge der Globalisierung einfach aufgeholt. Vielleicht hilft es, diese gesamt-westeuropäische Entwicklung im Blick zu haben, wenn es darum geht zu diagnostizieren, warum es um den deutschen Tennis-Nachwuchs so schlecht steht. Es ist ja beliebt, nach Förder-Vorbildern im Ausland zu gucken und dabei einfach das Ausland zu nehmen, das am vertrautesten ist. Aber bei unseren West-Nachbarn läuft es offenbar keinen Deut besser als bei uns.

Zum Beweis ein Vergleich der 25 besten Spieler der Jahrgänge 1990 und jünger auf der aktuellen Weltrangliste mit den besten 25 Spielern der Jahrgänge 1980 und jünger im November 2002. Die Westeuropäer sind rot hervorgehoben

5. November 2012:
13. Milos Raonic (1990, Kanada)
26. Jerzy Janowicz (1990, Polen)
45. David Goffin (1990, Belgien)
48. Grigor Dimitrov (1991, Bulgarien)
51. Bernard Tomic (1992, Australien)
68. Ryan Harrison (1992, USA)
75. Andrei Kusnezow (1991, Russland)
92. Rikardas Berankis (1990, Litauen)
93. Guillaume Rufin (1990, Frankreich)
116. Guido Pella (1990, Argentinien)
122. Jewgeni Donskoi (1990, Russland)
125. Vasek Pospisil (1990, Kanada)
132. Federico Delbonis (1990, Argentinien)
133. Gastao Elias (1990, Portugal)
141. Cedrik-Marcel Stebe (1990, Deutschland)
146. Uladsimir Ignatik (1990, Weißrussland)
147. Denis Kudla (1992, USA)
156. Zhang Ze (1990, China)
163. Marius Copil (1990, Rumänien)
164. Jack Sock (1992, USA)
166. Dusan Lajovic (1990, Serbien)
170. Agustin Velotti (1992, Argentinien)
173. Guido Andreozzi (1991, Argentinien)
177. Diego Schwartzman (1992, Argentinien)
182. Wu Di (1991, China)

11. November 2002
1. Lleyton Hewitt (1981, Australien)
3. Marat Safin (1980, Russland)
4. Juan Carlos Ferrero (1980, Spanien)
6. Roger Federer (1981, Schweiz)
9. Andy Roddick (1982, USA)
12. David Nalbandian (1982, Argentinien)
18. Fernando Gonzalez (1980, Chile)
25. Xavier Malisse (1980, Belgien)
30. Tommy Robredo (1982, Spanien)
32. Michail Juschni (1982, Russland)
36. Paul-Henri Mathieu (1982, Frankreich)
40. Jose Acasuso (1982, Argentinien)
41. Jarkko Nieminen (1981, Finnland)
45. Guillermo Coria (1982, Argentinien)
57. Taylor Dent (1981, USA)
59. David Ferrer (1982, Spanien)
62. Feliciano Lopez (1982, Spanien)
64. Olivier Rochus (1981, Belgien)
74. Kristian Pless (1981, Dänemark)
80. Albert Montanes (1980, Spanien)
84. Nikolai Dawidenko (1981, Russland)
86. Mardy Fish (1981, USA)
89. Jürgen Melzer (1981, Österreich)
100. Robby Ginepri (1982, USA)
104. Michael Llodra (1980, Frankreich)

Ein Blick auf die Rangliste von 2002 macht nebenbei noch etwas anderes deutlich: Die Karrieren der damals jungen Spieler sind sehr unterschiedlich verlaufen. David Ferrer, vor zehn Jahren eher unauffällig, hat letzte Woche in Paris-Bercy das Finale gegen Jerzy Janowicz gewonnen. Einige seiner Altersgenossen sind längst im Ruhestand..

Donnerstag, 1. November 2012

Will denn keiner in Paris gewinnen?

Erst abstimmen, und dann einen Artikel zu einem ganz anderen Thema lesen. Das war die innovative Devise für diese Woche. Funktioniert aber nicht. Das Blogspot-Umfragetool spinnt. Die Ergebnisse verschwinden immer wieder. Deshalb hab ich die Abstimmung gelöscht.Wer trotzdem was zum Rücktritt von Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen und der Suche nach einem Nachfolger wissen will, klickt hier (Spiegel online) oder hier (mein Artikel vom letzten Donnerstag).

Aber jetzt zum Thema von heute: Die ATP-Saison 2012 ist zwei Wochen kürzer als in den vergangenen Jahren. Ein Erfolg der Stars, die seit langem für eine längere Saisonpause kämpften, um mehr Zeit zur Regeneration zu haben (und für lukrative Schaukämpfe). Schon am nächsten Montag beginnt in London das Tourfinale der acht besten Spieler.

Wer der große Verlierer dieser Kalenderreform ist, ist in dieser Woche deutlich zu besichtigen: Das Masters von Paris-Bercy. Traditionell das letzte Turnier vor dem Tourfinale und eine Pflichtveranstaltung für alle Superstars. Jedenfalls auf dem Papier. In der Praxis sieht es so aus, als wollten alle nur schnell weg, um kurz durchzuschnaufen, bevor es ab Montag zur Sache geht:

Roger Federer (Nr. 1) hat am Sonntag nach seiner Finalniederlage in Basel seine Teilnahme in Paris gleich ganz abgesagt – und damit in Kauf genommen, dass er seinen ersten Platz in der Weltrangliste kampflos an Novak Djokovic verliert.

Novak Djokovic (Nr. 2) ist zwar hingefahren nach Paris, hat aber gleich sein Auftaktmatch gegen Sam Querrey (USA, Nr. 23) nach furiosem Start mit 6:0, 6:7, 4:6 verloren. (Wie viel das damit zu tun hatte, dass kurz zuvor in Belgrad sein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sei einmal dahingestellt.)

Andy Murray (Nr. 3) gewann zwar sein Auftaktmatch, packte aber heute nach dem Achtelfinale die Koffer. Er verlor gegen den polnischen Qualifikanten Jerzy Janowicz (Nr. 69).

Rafael Nadal (Nr. 4) ist sowieso verletzt zu Hause geblieben.

Juan Martin del Potro (Nr. 8) konnte heute auch schon abreisen: 4:6 und 3:6 im Achtelfinale gegen den französischen Wild-Card-Spieler Michael Llodra (Nr. 121).

Unter den acht Spielern, die morgen das Viertelfinale bestreiten, ist keiner, der schon mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. David Ferrer (Nr. 5) und Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 7) spielen heute Abend noch ihre Achtelfinals, Tomas Berdych (Nr. 6) und Janko Tipsarevic (Nr. 9) stehen schon im Viertelfinale und werden nun abwägen, ob sie die seltene Chance nutzen wollen, in Abwesenheit der Klassenbesten mal ein Masters zu gewinnen, oder ob sie auch lieber abschenken, um sich wenigstens am Wochenende ein bisschen für das Tourfinale schonen zu können.

Aus sportlicher Sicht ist das Masters von Paris-Bercy ein Witz. Turnierdirektor Guy Forget kann darüber nachvollziehbarerweise nicht lachen. Auch ATP-Chef Brad Drewett scheint das Problem erkannt zu haben. Im nächsten Jahr wird der Witz noch einmal erzählt, aber es verdichten sich die Anzeichen, dass das Turnier ab 2014 in den Februar verlegt wird – wenige Wochen nach den Australian Open in Melbourne. Das dürfte Folgen für eine ganze Reihe weiterer europäischer Hallenturniere haben, die bislang im Herbst angesiedelt sind: Metz, St. Petersburg, Stockholm, Wien, Moskau, Basel, Valencia. Sollen die alle mit umziehen ins Frühjahr? Auszuschließen ist das nicht. Dabei drängeln sich da jetzt schon genügend andere Turniere.

Die spanische Sportzeitung berichtete bereits während der US Open Ende August von Überlegungen, das Tourfinale in den Oktober zu verlegen. Es fände dann im Anschluss an die Asientournee statt. Vermutlich eine Woche nach dem Masters von Schanghai. Danach gäbe es drei Wochen Pause, und dann begänne schon Ende November oder Anfang Dezember die neue Saison, und zwar mit den Sandplatzturnieren in Südamerika, die bisher im Februar und März ausgetragen werden. Unter diesen Turnieren ist kein Masters, bei dem die Spitzenspieler zur Teilnahme verpflichtet sind. Die Stars könnten also den gesamten November und Dezember über pausieren, wenn sie wollen. Keine besonders attraktive Aussicht für Tennis-Lateinamerika.

Und den kleineren europäischen Hallenturnieren bleibt eigentlich auch nur die Wahl zwischen zwei Übeln (wenn sie denn überhaupt wählen dürfen). Entweder sie gehen in den November ohne Aussicht auf wirklich attraktive Teilnehmerfelder oder sie wechseln in den Februar oder März und müssen mit drei anderen parallelen Turnieren um Spieler konkurrieren.

Hier die Ergebnisse aus Paris-Bercy (PDF)

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