Sonntag, 20. Oktober 2013

Live aus Stockholm

Dieses Bild zeigt den legendären "Mr. G.", den mehrmaligen Doppelpartner von Gottfried von Cramm bei Berliner Vereinsturnieren. Im Hauptberuf war dieser Spieler König von Schweden. Gustav V. regierte von 1907 bis 1950 und ließ, während im Ausland der Zweite Weltkrieg tobte, in die fabelhafte königliche Tennishalle erbauen, in der in dieser Woche wieder das ATP-Turnier von Stockholm ausgetragen wurde.

Die Fotos, die ich dort von laufenden Spielen gemacht habe, sehen auf meiner Handykamera nicht wirklich prickelnd aus, also zeige ich lieber die Statue des Mr. G, die über den holzbebankten Zuschauerrängen thront.

Was mich an dieser Halle und an diesem Turnier so faszieniert, habe ich an anderer Stelle schon einmal berichtet. Was ich vor drei Jahren schrieb, trifft immer noch zu. Neu ist, dass ich mir mehr und mehr Sorgen um das Turnier mache. Ohne dass ich genaue Zahlen habe, scheint mir, dass das Zuschauerinteresse abnimmt. Das ist nicht verwunderlich, hat doch das schwedische Tennis ähnliche Sorgen wie das deutsche, nur dass alles noch viel schlimmer ist. Der in der aktuellen Herren-Weltrangliste bestplatzierte Landmann alter Größen wie Björn Borg, Stefan Edberg oder Mats Wilander ist ein gewisser Markus Eriksson auf Platz 406.

Turnierdirektor Jonas Björkman, 41 Jahre alt und einst die Nummer 1 im Doppel und die Nummer 4 im Einzel, wusste sich nicht anders zu helfen, als fünf Jahre nach seinem Karriereende einfach noch mal selbst zum Schläger zu greifen. Aber davon später mehr.

Hier ein paar Eindrücke von den Spielen, die ich am Dienstag und am Mittwoch gesehen habe.

Jack Sock (USA, 21 Jahre, Nr. 97) - Bernard Tomic (Australien, 20 Jahre, Nr. 52)
6:4, 6:2
Die beiden Jungs gelten als sehr hoffnungsvolle Talente. Aber wenn das die Zukunft des Welttennis ist, dann mache ich mir ernste Sorgen. Zeitweise erinnerte mich das Match an Schüttler gegen Schüttler. Keine Höhepunkte nirgends. Zwischenzeitlich fragte ich mich, ob Tomic versucht, absichtlich zu verlieren. So hatte ich Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich kam auf den Gedanken, dass Jack Sock, so wie er aussieht und wie er heißt, nirgendwo anders herkommen kann als aus dem mittleren Westen. Ich dachte an Laramie, Wyoming, wo der herrliche Schüleraustauschroman "Amerika" von Joachim Meyerhoff spielt. Knapp daneben. Sock ist aus Nebraska, ein Nachbarstaat von Wyoming und noch viel mittelwestiger. Ich stellte mir Jack Sock vor als Tennisheld einer Highschool, die vom postheroischen Zeitalter noch nicht ergriffen wurde. Zu Bernard Tomic fiel mir sonst nur noch auf, dass der Schiedsrichter ihn konsequent "Tomitsch" nannte, wie es der Sprache seiner kroatischen Herkunftsfamilie entspricht, und nicht "Tomick", wie er es selbst seiner australischen Heimat zu praktizieren scheint.

Ernests Gulbis (Lettland, 25 Jahre, Nr. 26) - Jeremy Chardy (Frankreich, 26 Jahre, Nr. 36)
6:3, 3:6, 7:6
Ein packendes Spiel und eines der hochklassigsten der ersten Runde, in der ja die topgesetzten Spieler Freilose genießen durften. Aber ich habe dieses Spiel weitgehend verpasst. Was mir auffiel ist, dass ich in letzter Zeit viele Spiele des wiedererstarkten Gulbis verpasst haben muss. Er sah verändert aus im Vergleich zu früher. Viel erwachsener, athletische und irgendwie russischer.

Guillermo Garcia-Lopez (Spanien, 30 Jahre, Nr. 64) - Nils Langer (Deutschland, 23 Jahre, Nr. 340)
7:6, 6:3
Nils Langer ist über die Qualifikation ins Hauptfeld gelangt. Das ist ihm überhaupt erst zum zweiten Mal in seiner Karriere gelungen. Es ist vier Jahre her, dass ich Langer das letzte Mal spielen sah, das war in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum, und ich fand ihn damals nicht gerade überzeugend.
Zu viel erwarten durfte man von ihm also nicht, zumal Garcia-Lopez - anders als man es von Spaniern kennt - auch in der Halle kein Schlechter ist. Erst vor ein paar Wochen stand er in St. Petersburg im Finale. Aber im ersten Satz war Langer ihm ebenbürtig! Seine einhändige Rückhand sah manchmal etwas sehr beiläufig geschlagen aus, aber sie zeigte Wirkung. Überhaupt machte Langer einen desinteressierten Eindruck. Es schien ihn überhaupt nicht zu kümmern, wenn ein Ball mal an der Netzkante hängen blieb oder knapp ins Aus flog. Mit der Zeit kam mir aber der Verdacht, dass das ein Zeichen mentaler Stärke ist. Dass er vergebene Punkte schnell abhakt, anstatt ihnen hinterherzutrauern. Langer ist ja auch der Profitour noch immer nicht so richtig durchgestartet, aber nach dem, was ich am Dienstag von ihm gesehen habe, glaube ich, dass er in absehbarer Zeit zumindest in die Top 200 kommen wird und sein zweites ATP-Tunrier nicht sein letztes gewesen sein wird.

Joachim Johansson (Schweden, 31 Jahre, kein Ranking) - Alejandro Falla (Kolumbien, 29 Jahre, Nr. 112)
6:1, 6:3
Was für ein lockerer Aufgalopp für Johansson. Und es wirkte vom ersten Ballwechsel an völlig selbstverständlich, dass er dieses Match souverän gewinnen würde. Dabei wusste noch drei Tage zuvor niemand - vermulich nicht einmal er selber - was von ihm zu erwarten sein würde. Nach vielen Verletzungen beendete er 2009 seine vielversprechende Karriere, die ihn einmal ins Halbfinale der US Open und kurzzeitig in die Top 10 der Weltrangliste geführt hatte. 2010 und 2011 trat er noch mal im Davis-Cup an (die Schweden haben für sowas ja sonst niemanden mehr) und schlug sich wacker. Jetzt entschloss er sich, in Stockholm ein einmaliges Comeback zu wagen. Wenn er gewollt hätte, er hätte gewiss sofort eine Wild Card für das Hauptfeld bekommen. Aber er wollte sich lieber in der Qualifikation herantasten ans aktuelle Profitennis. Das glückte ihm mit Bravour. Er gab in seinen drei Quali-Matches keinen einzigen Satz ab.

Jetzt war er also beim Hauptturnier dabei, der auferstandene "Pim-Pim" Johansson, die leidende schwedische Tennisnation aus ihrer größten Not zu retten. Sein Aufschlag war nicht ganz so wuchtig wie früher. Aber sonst war er ganz der alte. Was leider nicht für seinen Fanclub galt. Was Pim-Pims Auftritten früher stets die besondere Würze gab, war ein Fanclub der Eishockey-Mannschaft Södertälje SK, der fast einen ganzen Zuschauerblock besetzte und einen Wahnsinnslärm veranstaltete, sobald Pim-Pim einen Punkt machte. Aus diesem Fanclub waren diesmal nur noch drei Leute übrig. Immerhin saßen die direkt zwei Reihen vor mir, so dass ich sie nicht ganz überhören konnte.

Sein Zweitrundenmatch hat Pm-Pim dann gegen Milos Raonic (Kanada, Nr. 11) 2:6 und 6:7 verloren. Aber auch das war achtbar. Ein ernsthaftes Comeback wird Johansson nach allem, was man hört, aber wohl nicht wagen. Aber vielleicht hilft er ja auch 2014 wieder in der schwedischen Davis-Cup-Mannschaft aus.

Santiango Gonzalez (Mexiko)/Scott Lipsky (USA) - Nicholas Monroe (USA)/Simon Stadler (Deutschland)
7:5, 2:6, 10:7
In den letzten Jahren hat Deutschland ein paar ganz solide Doppel-Spezialisten hervorgebracht, von denen man selten etwas hört oder sieht. Einer von ihnen ist Simon Stadler, 30 Jahre alt und Nummer 62 der Doppel-Rangliste. Für ihn ist Schweden ein gutes Pflaster. Im Sommer gewann er hier mit seinem amerikanischen Partner Nicholas Monroe das 250er-Sandplatzturnier von Bastad. Das Erstrunden-Match von Monroe/Stadler in Stockholm war das erste Spiel am Mittwochmorgen auf dem Nebenplatz 1. Im ersten Satz waren noch fast keine Zuschauer da. Auf meiner Seite der Tribüne saßen außer mir nur ein mir unbekannter Glatzkopf im Businesshemd sowie ein weiterer Glatzkopf im Kapuzenpulli. Bei ihm handele es sich um Dominik Meffert, der sein Erstrunden-Doppelmatch bereits am Vortag an der Seite des Österreichers Philipp Oswald verloren hatte. Wir sahen einen Simon Stadler, der Mühe hatte, ins Spiel zu finden. Er hatte noch fast keinen Volley ins gegnerische Feld gebracht, da stand es schon 1:3. Danach fing er sich. Monroe, der eine starke Rückhand hat, blieb aber der bessere Mann. Dass die beiden den Match-Tiebreak gegen die an Nummer 4 gesetzten Gonzalez/Lipsky nach 5:1-Führung noch mit 7:10 verloren, war überwiegend Pech und ein bisschen Nervensache.

Jonas Björkman/Robert Lindstedt (Schweden) - Isak Arvidsson/Andreas Siljeström (Schweden)
6:3, 5:7, 10:3
Wer hätte gedacht, dass dieses Match so knapp ausgeht? Wie eingangs erwähnt, hat Turnierdirektor Björkman selber zum Schläger gegriffen, um dem entwöhnten Publikum etwas Unterhaltung zu bieten. Mit seinen 41 Jahren ist er für einen Doppelspezialisten noch gar nicht soo alt. Man denke nur an den 40-jährigen Leander Paes, der vor ein paar Wochen die US Open gewann. Und mit Robert Lindstedt hatte Björkman einen Weltklasse-Mann an seiner Seite. Gegen die Wildcard-Spieler Arvidsson/Siljeström waren sie die klaren Favoriten. Wenn sie Björkman/Lindstedt ihre Stärke in diesem Match noch nicht so ganz zeigen konnten, so ist ihnen das in den folgenen Partien gelungen. Sie sind ins Finale gekommen. Während ich diese Zeilen schreibe, geht dieses Match gleich los. Gegen das Weltklasse-Duo Aisam-Ul-Haq Qureshi/Jean-Julien Rojer werden die alten Schweden wohl verlieren, aber wer weiß... Björkmans Auftritt erinnerte mich an ein anderes Doppel, an dem er einst beteiligt war. Es war auch in Stockholm, und sein Partner damals 2006 hieß John McEnroe, der damals schon 47 oder so war und ein ähnliches Ausnahmsweise-Comeback gab wie jetzt Björkman. Die beiden schieden damals im Viertelfinale aus, und es war eine magische Atmosphäre. Jeder in der Halle spürte, dass dies nun wirklich das allerletzte Match des große Johnny Mac auf der ATP-Tour war. 15 Minuten lang spielte er zauberhaft, dann merkte man, dass seine Kondition für ein ganzes Match auf diesem Niveau nicht mehr ausreichte. Diese Magie fehlte bei Björkman. Einmal, weil Björkman nun einmal nicht McEnroe ist und außerdem, weil noch weitere Björkman-Matches folgten. Nämlich die Spiele in dieser Woche bis ins Finale - und warum nicht auch noch mal im nächsten und im übernächsten Jahr? So war das Bemerkenswerteste an diesem Match, dass der schwedische Starschiedsrichter Mohamed Lahyani die Spielstände in diesem rein schwedischen Match stets auf Schwedisch verkündete ("femton - trettio"), was ich noch nie zuvor gehört hatte.

Hier alle Einzel-Ergebnisse aus Stockholm

Und hier die Doppel-Ergebnisse

Sonntag, 6. Oktober 2013

Zwei unvergessene Namen: Laurendeau und Agassi

Das hier ist ein guter Grund, endlich mal wieder ein paar Zeilen in meinen Blog zu schreiben:

Letztes Jahr im November erwähnte ich den kanadischen Davis-Cup-Kapitän Martin Laurendeau, dessen Name für mich seit meiner Kindheit untrennbar mit dem Namen Andre Agassi verbunden ist, weil die beiden im ersten Tennis-Magazin, das ich jemals las, auf einer Seite gemeinsam als "neue Gesichter" vorgestellt wurden, woraufhin ich mir beide Namen sorgfältig einprägte.

Nun, gestern habe ich jenes Tennis-Magazin aus dem September 1986 auf Elterns Dachboden gefunden. Laurendeau und Agassi befinden sich auf Seite 18 im "Farb-Report" vom Grand-Prix-Turnier von Stratton Mountain.



Mein nächster Artikel wird übrigens schon in zwei Wochen kommen: ein farbiger Report (mit oder ohne Fotos, mal schauen) vom 250er-Turnier in Stockholm.

Sonntag, 14. Juli 2013

Live von der Qualifikation am Rothenbaum


Na, das sieht mal gar nicht schlecht aus auf dem Platz 1 neben dem Center Court am Hamburger Rothenbaum. Hier spielt Maximilian Marterer (links im roten Hemd, Nr. 1082) in der ersten Runde der Qualifikation gegen den Tschechen Jan Hajek (Nr. 122). Die Ränge sind fast voll besetzt. Ich bin jedes Mal wieder aufs Neue überrascht, wie viele Menschen sich am Wochenende vor Turnierbeginn die Quali-Matches ansehen. Dass der Eintritt frei ist, spielt da gewiss eine Rolle. Bei den saftigen Preisen fürs Eis, für das auf der ATP-Tour mit Exklusivrechten ausgestattene mexikanische Reisbier und für die meines Erachtens eher abschreckend riechenden Burger aus dem Hause Block lohnt es sich vermutlich dennoch auch finanziell, das Publikum gratis auf die Anlage zu locken. Nebenbei ist es eine Werbung für das Hauptturnier, das am Montag losgeht.

Nach rund sechs Wochen Pause melde ich mich also zurück auf meinem Blog mit einem Bericht vom ersten Quali-Tag in Hamburg. Das Wetter war fantastisch, das Ambiente weitgehend wie im vergangenen Jahr. Was die Matches angeht, waren viele sehr einseitig. Es waren eine ganze Reihe Spieler am Start, die dicht dran sind an den Top 100 oder sogar bereits dazugehören. Sie waren gesetzt und spielten in der ersten Runde überwiegend gegen Spieler, die weit weg sind von den Top 100, und ihnen mehrere deutsche Junioren, die mit Wild Cards ins Quali-Feld gekommen waren. Schade für die vielen Zuschauer war, dass kaum deutsche Spieler dabei waren, die eine realistische Chance hatten, ins Hauptfeld zu kommen - Leute von den Ranglistenplätzen 100 bis 200 wie Björn Phau, Simon Greul, Bastian Knittel oder Peter Gojowczyk. Statt zu versuchen, sich für die große Bühne in Hamburg zu qualifizieren, spielen die meisten von ihnen in der kommenden Woche lieber ein Challenger in Polen. Wer sich fragt, warum, dem sei ein Blick auf den Terminplan der Tennis-Bundesliga empfohlen. Da war heute Spieltag, und das scheint für Spieler dieser Kragenweite attraktiver zu sein, als zu versuchen, sich für Hamburg zu qualifizieren.

Aber jetzt ein Blick auf die Spiele

Cedrik-Marcel Stebe (Deutschland, Nr. 166) - Sergi Stachowksi (Ukraine, Nr. 96) 7:6, 6:0
Fangen wir an mit dem einzigen Deutschen aus den Top 200, der sich für die Hamburger Quali entschieden hat. Das letzte Mal, dass ich Stebe an dieser Stelle sah, war im vergangenen September, und es war das Davis-Cup-Match gegen Australien. Vor gut einem Jahr war er die größe akute deutsche Nachwuchshoffnung und auf Platz 71. Danach ging es bergab. Die Talsohle scheint der 22-Jährige mittlerweile durchschritten zu haben, wie in diesem grundsoliden Match zu sehen war. Allerdings ins Stachowski auf Sand noch nie eine Granate gewesen, und heute in der zweiten Quali-Runde hat Stebe dann auch verloren. Aber immerhin: Stebe hat den Spieler bezwungen, der in Wimbledon in der zweiten Runde Roger Federer aus dem Wettbewerb gekegelt hat. (Dafür übrigens hätte sich Stachowski eigentlich eine Wild Card für den Rothenbaum verdient: Hätte er Federer nicht geschlagen und wäre Federer in Wimbledon weit gekommen, wäre Federer gewiss nicht auf die Idee gekommen, diese Woche in Hamburg anzutreten.)


Jan Hajek (Tschechien, Nr. 122) - Maximilian Marterer (Deutschland, Nr. 1082) 6:3, 6:4
Eigentlich muss man ja zumindest einen Satz gewinnen, um als Junior so richtig Eindruck zu hinterlassen. Aber der 18-jährige Maximilian Marterer hat mir auch ohne Satzgewinn richtig gut gefallen. Sein Auftritt erinnerte mich ein bisschen an Jan-Lennard Struff vor vier Jahren, und aus dem ist ja immerhin in diesem Jahr so viel geworden, dass er in Wimbledon die zweite Runde erreicht hat und in Hamburg eine Wild Card fürs Hauptfeld hat. Marterer ist ein Linkshänder mit flachen, schnellen Schlägen. Und er hat Chuzpe: Den ersten Matchball wehrte er erfolgreich mit einer unerreichbar ins Eck gesetzten eingesprungenen Florian-Mayer-Rückhand ab.


Diego Sebastian Schwartzman (Argentinien, Nr. 135) - Florian Barth (Deutschland, Nr. 1575) 7:5, 6:1
Für Diego Schwartzman dürfte es ungewohnt gewesen sein, wie der Schiedrichter seinen Namen aussprach: "Schwarzmann". Es fällt mir schwer, mit vorzustellen, dass argentinische Lippen sich mit einer solchen Konsonantenkumulation abgeben. Der 20-jährige und 1,70 Meter kleine Schwartzman ist einer, mit dem in den nächsten Jahren auf den Sandplätzen dieser Welt zu rechnen sein dürfte. Deshalb wollte ich ihn mir unbedingt ansehen. Leider habe ich den ersten Satz verpasst, in dem Barth - ein 24-Jähriger aus Henstedt-Ulzburg, der sich auf seiner Internetseite als Jugend- und Erwachsenen-Trainer vorstellt, erstaunlich gut mithielt. Der zweite Satz ging dann ziemlich schnell vorbei.

Robin Kern (Deutschland, Nr. 392) - Martin Alund (Argentinien, Nr. 112) 6:4, 6:3
Das war eine richtig gute Leistung des 19-Jährigen aus Nürnberg. Er spielte nicht sehr spektakulär, aber machte Druck, und es unterliefen ihm kaum Fehler. Mit seinem Stirnband und seinem wehenden blonden Haar hat er das Zeug zum Publikumsliebling, falls er demnächst ein paar mehr Spiele gewinnen sollte. In der zweiten Quali-Runde ist er dann allerdings heute gegen Blaz Kavcic (Slowenien, Nr. 133), untergegangen.

Hier die Ergebnisse aus der Qualifikation (PDF)

Und hier die Auslosung fürs Hauptfeld (PDF)

Donnerstag, 30. Mai 2013

Warum ich weniger bloggen werde

Heute gibt es eine Mitteilung in eigener Sache. Ich habe darüber schon seit langer Zeit nachgedacht. Auf diesem Blog wird nicht mehr regelmäßig einmal in der Woche ein neuer Artikel erscheinen. Wenn mir ein Thema auf den Nägeln brennt, werde ich weiterhin drüber schreiben. Ich werde auch weiterhin zwei, drei Mal im Jahr zu Turnieren reisen und über sie berichten. Aber ich werde nicht mehr an jedem Donnerstag nach einem neuen Thema suchen, weil Donnerstag ist.

In den fünf Jahren seit März 2008, als ich mit diesem Blog begonnen habe, hat sich einiges geändert. Bei mir persönlich und auch in der Tennismedienlandschaft. Als ich anfing, arbeitete ich nur an vier Tagen in der Woche und hatte nebenbei viel Zeit, mich mit den Themen für Zacks Tennis zu beschäftigen. Ich schrieb den Blog, weil ich es bedauerlich fand, dass im deutschsprachigen Raum niemand sonst so etwas tat. Das meiste, was ich im Internet auf Deutsch über Tennis las, fand ich oberflächlich. Man merkte einfach, dass viele Sportredakteure zwar jeden Auswechsel-Linksverteidiger aus der Zweiten Liga kannten, aber im Tennis bei Weltranglistenplatz 5 Schluss war. Ab und zu gab es mal ein interssantes Hintergrundstück in der Süddeutschen oder in der FAZ - aber das war's. Der Internet-Auftritt des Tennis-Magazins war sehr, sehr sparsam. Tennisnet.com gab es noch überhaupt nicht. Diese professionellen Portale haben inzwischen die Lücke, in die ich einmal in der Woche nach Feierabend vorzustoßen versuchte, weitgehend geschlossen.

Gleichzeitig verbringe ich nicht mehr so viel Zeit damit, den Tenniszirkus zu verfolgen, wie ich es vor fünf Jahren tat. Es ist in den letzten Monaten vorgekommen, dass ich mir mühsam irgendeine Geschichte aus den Fingern sog und mit dem Ergebnis eher unzufrieden war. Andererseits gibt es auch immer noch Wochen, in denen ich mich für mein Blog-Thema absolut begeistert kann und mich freue, wenn ich bei der Recherche auf überraschende Informationen stoße. Das ist der Grund, warum ich nicht völlig aufhören werde mit dem Bloggen. Ob ich dann noch Leser haben werde, wenn nur ab und zu mal überraschend einen neuen Artikel heraushaue, weiß ich nicht. Aber das ist ja auch nicht einzige, worauf es ankommt.

Also, liebe Leute da draußen. Einige von euch kenne ich ja sowieso aus dem richtigen Leben. Manche habe ich durch das Bloggen kennen gelernt. Von wieder anderen weiß ich überhaupt nichts. Schaut gern mal wieder vorbei. Diejenigen, die den Feed von Zacks Tennis abonniert haben, werden mitbekommen, wenn ich wieder was geschrieben habe. Ich werde die Links zu neuen Artikeln auch twittern. Wer es ganz altmodisch mag, kann mir auch eine Mail schreiben an zackstenis@web.de. Dann schicke ich eine Mail mit dem Link zum neuen Artikel, sobald es einen gibt.

Habt Dank fürs Lesen bis hierhin
Euer Zack

Freitag, 24. Mai 2013

Roland Garros - ein Blick auf die Auslosung

Das ist ja noch einmal gut gegangen mit Rafael Nadal und der Setzliste für die French Open. Wir erinnern uns: Noch vor sehr kurzer Zeit sah es so aus, als sollte der Sandplatz-Titan in Paris nur an Nummer 5 gesetzt werden. Dann hätte er schon im Viertelfinale auf Novak Djokovic oder Roger Federer treffen können. Aber dann gewann Nadal die beiden Masters-Turniere von Madrid und Rom und schlug dabei jeweils im Viertelfinale den bisherigen Weltranglistenvierten David Ferrer - und auf einmal war Nadal die Nummer 4 oder Ferrer nur noch die 5. Zu allem Überfluss musste jetzt auch noch Andy Murray, der sich seit Wochen mit Roger Federer ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den zweiten Weltranglistenplatz liefert, die French Open verletzt absagen - und plötzlich ist Nadal sogar an 3 gesetzt.

Heute war Auslosung in Paris.

Das hier ist das Ergebnis.

Rafael Nadal ist in die obere Hälfte gelost worden. Der große Showdown mit Novak Djokovic kann also bereits im Halbfinale stattfinden, während in der unteren Hälfte des Tableuas Roger Federer freie Fahrt ins Finale hat. Jedenfalls theoretisch. Außer in Rom hat er ja in diesem Jahr noch nicht viel gerissen. Vielleicht fliegt er ja schon in Runde 3 raus, wo er auf den französischen Routinier Julien Benneteau treffen könnte, gegen den er in diesem Jahr schon verloren hat.

Aber es ist ja nicht so, dass nicht auch Nadal und Djokovic schwere dritte Runden bevorstünden. Der Djoker kann es mit dem jungen Bulgaren Grigor Dimitrov zu tun bekommen, von dem es allenthalben heißt, der werde eines Tages mal anfangen Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Auf Nadal wartet in Runde 3 möglicherweise Lukas Rosol aus Tschechien, der Mann, gegen den Nadal in Wimbledon verlor. Rosol hat sich seitdem gemausert und neulich in Bukarest seinen ersten ATP-Titel geholt. Damit zählt er zu den Leuten, die man auch für im Blick haben sollte. Aber auf Sand gegen eine fitten Nadal wird es für Rosol wohl nicht reichen. Ein anderer möglicher gefährlicher Drittrundengegner wäre Fabio Fognini, der in Monte Carlo das Halbfinale erreichte.

Aber wer kann den großen Drei wirklich gefährlich werden? David Ferrer hat sich in dieser Sandplatz-Saison relativ bedeckt gehalten. Immerhin gewann er bei seinen beiden Niederlagen gegen Nadal jeweils einen Satz. Die Auslosung bietet ihm die große Chance, endlich mal ein Grand-Slam-Finale zu erreichen, was er angesichts der Top-Leistungen, die er seit vielen Jahren abliefert, absolut verdient hätte.

Wen man auch auf der Rechnung haben muss, ist Tomas Berdych (Nr 6). Das ist ja eigentlich eher ein Mann für Hartplätze und für Rasen. Aber er ist in Madrid und Rom jeweils ins Halbfinale gekommen. Wer das schafft, kann das in Paris auch schaffen. An Berdych müssen Ferrer im Viertelfinale und Federer im Halbfinale erst einmal vorbeikommen. Da könnte der Tscheche tatsächlich in den illustren Kreis der Spieler vordringen, die sowohl bei den French Open als auch in Wimbledon ein Endspiel bestritten haben.

Ein anderer Spieler, der bisher eine fantatsische Sandplatz-Saison hingelegt hat, ist der Schweizer Stanislas Wawrinka (Nr. 11). Er gewann das 250er-Turnier von Oeiras (Portugal) und kam beim Masters in Madrid ins Finale. In Paris könnte er Nadals Viertelfinalgegner werden. Wawa scheint aber mit einer leichen Verletzung an den Start zu gehen.

Geheimtipp fürs das Viertelfinale gegen Novak Djokovic ist übrigens Tommy Haas. Mit ihm hat die Auslosung es gut gemeint. Die einzigen anderen Top-20-Spieler in seinem Achtel sind der formschwache Janko Tipsarevic und der sandplatzschwache John Isner.

Freitag, 17. Mai 2013

Excuse me, Viktor hat er nicht zu sagen!

Heute gucken wir mal ein bisschen Youtube.

Die meistbeachtete Szene der laufenden Tenniswoche ist diese hier:


In diesem Moment ist der Clip bereit 260.000 Mal angeklickt. Viktor Troicki (Serbien, Nr. 42) ist in seinem Zweitrundenmatch beim Masters in Rom der Ansicht, ein Ball, den sein Gegner Ernests Gulbis (Lettland, Nr. 46) geschlagen hat, sei im Aus gewesen. Troicki macht großen Theater und nötigt am Ende einen Kameramann, den Abdruck des Balls im Sand in Großaufnahme zu filmen. Meines Erachtens sieht man in dieser Einstellung, dass der Ball tatsächlich im Aus war, aber um ganz sicher zu gehen, hätte der Kameramann noch näher heranzoomen müssen.

Troicki hat das Match zu Ende gespielt (und 1:6, 1:6 verloren). Weil man zwischenzeitlich den Eindruck gewinnen konnte, Troicki könnte einfach seine Sachen packen und nach Hause gehen, erinnerte ich mich spontan an Daniel Brands (inzwischen die Nr. 56) und dass ich dringend mal darüber schreiben muss, wie gut sich der Kerl in dieser Saison schlägt.

Brands nämlich verdankt seinen bisher größten Erfolg - das Achtelfinale von Wimbledon 2010 - einer Szene, die zwar im Youtube-Clip weniger dramatisch aussieht als die von Troicki, aber eigentlich viel spektakulärer war: Sein Drittrundengegner in Wimbledon, der vor dem Match favorisierte Rumäne Victor Hanescu (noch ein Victor, der seinem Namen keine Ehre macht...), war mit seinem Spiel extrem unzufrieden, spuckte in Richtung Publikum, schlug anscheinend absichtlich Doppelfehler und tat das, was Troicki sich verkniff: Er ging beim Stand von 0:3 im fünften Satz einfach nach Hause. Immerhin verabschiede er sich noch mit Handschlag:

Nicht zu einem Handschlag, sondern zu einem Würgegriff - das war aus nicht gänzlich erklärbaren Gründen meine nächste Assoziation - kam es in einem österreichischen Ligamatch 2011 zwischen Stefan Koubek (ehemals Nr. 20 der Welt) und dem inzwischen lebenslang gesperrten Daniel Köllerer. Der, der hier zum Würgegriff ansetzt, ist übrigens nicht Köllerer:


Erstaunlich, dass die wildesten Ausraster noch immer John McEnroe zugeschrieben werden. Seine sind zweifellos die elegantesten. Aber wild? Man beachte, wie er sich vor seiner Tirade mit einem höflichen "Excuse me" beim Stuhlschiedsrichter erkundigt, ob er korrekt verstanden hat, bevor der dann seinem Unmut im lehrbuchhaften Englisch eines Advokatensohnes von der amerikanischen Ostküste Ausdruck verleiht:


Donnerstag, 9. Mai 2013

Robin Haase 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7, 6:7

In drei Tagen jährt sich ein bemerkenswertes Ereignis: Robin Haase gewann einen Tiebreak. Es war der 12. Mai 2012, und es war in Rom. In der ersten Qualifikationsrunde für das dortige Masters-Turnier gewann Hasse gegen Sergiy Stakhovksy (Ukraine) mit 7:6 und 6:4.

Seither hat der 26-jährige Holländer, aktuell die Nummer 77 der Welt, alle seine Tiebreaks verloren. 15 Stück. Die offizielle Statistik der ATP kommt sogar auf 17, denn sie zählt Qualifikationen und Challenger-Turniere nicht mit, und ein paar Wochen vor seinem Quali-Sieg in Rom verlor Haase jeweils einen Tiebreak in Miami und in Indian Wells.

Der bisherige Weltrekord stammte aus dem Jahr 1978 und wurde gehalten von einem gewissen Colin Dibley aus Sydney, der es auf 14 verlorene Tiebreaks brachte. Das toppte Haase in dieser Woche beim Masters von Madrid mit einem lupenreinen Hattrick. In Runde 1 verlor er gegen Stakhovskys Landsmann Alexander Dolgopolov zwar den zweiten Satz mit 6:7, gewann aber das Match in drei Sätzen. In Runde zwei gegen Jo-Wilfried Tsonga ließ der Holländer dann mit einem bilderbuchhaften 6:7, 6:7 nichts mehr anbrennen.

Haase hat einen ganz passablen Aufschlag, was im Tiebreak eigentlich eher von Vorteil ist. Nicht umsonst wird der umgekehrte Rekord von 18 gewonnenen Tiebreaks von dem großen Aufschläger Andy Roddick gehalten. Man wird schwerlich leugnen können, dass Robin Haase in brenzligen Situationen auf dem Platz Nerven zeigt. Zu seinem Glück hält ihn das nicht immer vom Sieg ab. Er hat während seiner schwarzen Serie sogar einmal ein Turnier gewonnen -  nachdem er im Finale den ersten Satz im Tiebreak verloren hatte. In Kitzbühel war das. Sein Endspielgegner war Philipp Kohlschreiber.

Wenn Haase nicht wäre, hätte ich heute wohl über Grigor Dimitrow und Kei Nishikori geschrieben, die beiden Youngsters, die sich auf den Weg zur Wachablösung an der Weltspitze machen. Der Vollständigkeit halber sei also erwähnt, dass Dimitrow bei seinem Dreisatzsieg gegen Novak Djokovic in Madrid jeweils einen Tiebreak gewann und einen verlor, während Nishikori bei seinem Dreisatzsieg gegen Roger Federer ganz ohne Tiebreaks auskam.

Hier die Ergebnisse aus Madrid

Donnerstag, 2. Mai 2013

Gebt Jan-Lennard Struff endlich mal eine Wild Card!

In der vergangenen Woche in Barcelona verlor Jan-Lennard Struff in der ersten Runde des ATP-Turniers von Barcelona mit 4:6 und 6:7 gegen den späteren Viertelfinalisten Albert Ramos. Struff war in der letzten Qualifikationsrunde gescheitert und als Lucky Loser nachgerückt ins Hauptfeld. Das ist soweit nichts Besonderes für einen Spieler mit Weltranglistenposition 117.

Für Jan-Lennard Struff aber war dies absolut nichts Alltägliches. Es war sein erstes ATP-Turnier überhaupt. Auch das wäre nichts Besonderes, wenn Struff Tscheche wäre, Finne, Grieche oder Ire oder aus irgendeinem anderen Land käme ohne ein ATP-Turnier, für das er mal eine Wild Card bekommen hätte. Aber Struff ist Deutscher und seit Jahren einer der hoffnungsvollsten Nachwuchsspieler im Land. Letzte Woche wurde er 23 Jahre alt, langsam sollten sich zur Hoffnung auch größere Erfolge gesellen. Aber dass man mit 23 heutzutage durchaus noch ein Jungspund ist, haben wir ja gelegentlich schon thematisiert.

Ich habe Struffs Wildcardlosigkeit zum Anlass genommen, nachzuzählen, welche deutschen Spieler in der jüngsten Vergangenheit Wild Cards für ATP-Turniere bekommen haben. Ich bin zurückgegangen bis 2010. Hier ist die Liste:

Fünf Wild Cards:
Tommy Haas (Hamburg, Stuttgart, Halle und München 2012; Halle 2011)
Dustin Brown (Stuttgart und Halle 2012, Halle und München 2011, Stuttgart 2010)

Vier Wild Cards:
Mischa Zverev (Halle 2011, Hamburg, Stuttgart und Halle 2010)

Drei Wild Cards:
Tobias Kamke (München 2013, Hamburg 2011 und 2010)
Andreas Beck (Hamburg und München 2011, Halle 2010)
Julian Reister (Hamburg 2012, 2011 und 2010)

Zwei Wild Cards:
Kevin Krawietz (München 2013 und 2010)
Daniel Brands (München 2012, Hamburg 2010)
Matthias Bachinger (Stuttgart 2012, München 2011)
Nicolas Kiefer (Halle und München 2010)
Cedrik-Marcel Stebe (Hamburg und Stuttgart 2011)
Robin Kern (Stuttgart 2012 und 2011)

Eine Wild Card:
Michael Berrer (München 2012)
Benjamin Becker (München 2010)
Björn Phau (Stuttgart 2010)
Philipp Petzschner (Halle 2012)

An den vielen Wild Cards für Tommy Haas gibt es nichts zu mäkeln. Dass er die nach seiner langen Verletzungspause verdient hatte, konnte er schnell beweisen. Allerspätestens als er letztes Jahr in Halle das Endspiel gegen Roger Federer gewann.

Auch gegen Wild Cards für Dustin Brown (aktuell die Nr 186) ist im Prinzip nichts einzuwenden. Er spielt unterhaltsam, und mit seinen jamaikanischen Rastalocken sieht er auch unterhaltsam aus. Aber dass jedes Mal, wenn er mal irgendwo keine Wild Card bekommt, seine Fans rumjammern, wie unprofessionell es doch sei, dem Publikumsliebling Brown ständig die Wild Cards zu verweigern, das scheint mir dann doch etwas larmoyant zu sein angesichts dieser Zahlen.

Der arme Robin Kern konnte mit seinen beiden Stuttgart-Wild-Cards, die ihm im Alter von 17 und 18 Jahren und Weltranglistenposition 1143 und 658 nicht viel anfangen. Er gewann bei seinen beiden Erstrundenniederlagen zwar keinen Satz, aber schlug sich doch wacker. Ähnliches gilt für Kevin Krawietz in München 2010. Völlig ausgeufert ist die Krawietz-Wildcarderitis übrigens in letzter Zeit auf den deutschen Challenger-Turnieren. Er bekam für sage und schreibe sieben der letzten elf Challenger auf deutschem Boden eine Wild Card. Er zehrt davon, dass er 2009 mal die Wimbledon-Juniorenkonkurrenz im Doppel gewann. Seither versuchen die Turnierdirektoren dem Publikum vorzugaukeln, mit ihm präsentiere man den kommenden Boris Becker oder zumindest Michael Stich. Inzwischen ist Krawietz 21 Jahre alt und die Nummer 379 der Welt. Schlechter war Jan-Lennard Struff in dem Alter auch nicht...

Die nächsten deutschen Wild Cards werden schon in gut zwei Wochen verteilt, wenn in Düsseldorf das neue 250er-Turnier beginnt, das den abgeschafften Word Team Cup ersetzt. Die erste Wild Card, das ist schon bekanntgegeben worden, geht an Philipp Petzschner (der vermutlich in den letzten Jahren mehr als nur die eine Wild Card in Halle bekommen hätte, wenn er denn welche gebraucht hätte). Eine der beiden übrigen Wild Cards könnte irgendein etablierter Spitzenspieler bekommen, der sich nicht rechtzeitig angemeldet hat, aber vor den French Open noch Spielpraxis sammeln möchte. Eines aber scheint gewiss zu sein: Jan-Lennard Struff wird auch in Düsseldorf keine Wild Card bekommen. Ebensowenig wie alle anderen deutschen Spieler, die in der Weltrangliste zwischen Platz 100 und 200 stehen.  Denn das Turnier in Düsseldorf findet parallel zur Qualifikation für die French Open statt. Wenn da mal nicht wieder alles auf Kevin Krawietz hinausläuft. Der Vorteil von Weltranglistenplatz 379 ist nämlich, dass man damit zu schlecht ist für die Qualifikation in Roland Garros.

Donnerstag, 25. April 2013

Nadal in Paris an 5 gesetzt - geht das gut?

Zu den aberwitzigen Details, die es sich über den Tenniszirkus zu wissen lohnt, gehört dieses: Wimbledon ist das einzige Turnier, dessen Setzliste für die Auslosung sich nicht ausschließlich nach der aktuellen Weltrangliste richtet. Der All England Lawn Tennis and Croquet Club erstellt eine eigene Setzrangliste. Nach einen festgelegten Schlüssel werden Ergebnisse von Rasenturnieren besonders hoch gewichtet.

Weitgehend unnütz war es bisher zu wissen, dass nicht nur Wimbledon das Sonderrecht hat, für die Setzliste von der Weltrangliste abzuweichen, sondern dass die anderen drei Grand-Slam-Turniere dieses Recht ebenfalls haben. Soweit ich zurückdenken kann - und das ist immerhin bis in die zweite Hälfte der Achtziger - ist es bei den Australian Open, den French Open und den US Open nie vorgekommen, dass die Veranstalter dieses Recht in Anspruch genommen hätten. (Kläre mich jemand auf, falls ich mich irre. Dafür hat der liebe Gott ja den aufmerksamen Leser erfunden.)

Aber nun kommen die French Open näher, und es zeichnet sich ab, dass Rafael Nadal bis dahin noch immer auf dem Weltranglistenplatz stehen wird, auf dem er in dieser Woche steht: auf dem fünften. Dorthin ist er in den sieben Monaten, die er seit dem vergangenen Sommer verletzt war, abgerutscht. Die Ergebnisse der letzten Wochen lassen hingegen kaum Zweifel daran, dass er tatsächlich längst wieder der zweitbeste Tennisspieler der Welt nach Novak Djokovic ist. Würde Nadal bei den French Open an Nummer 5 gesetzt, dann würde er bereits im Viertelfinale auf Djokovic treffen können - mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Das Endspiel fände zwei Runden zu früh statt. Wenn wir außerdem annehmen, dass Roger Federer in der übernächsten Woche seinen Masters-Titel von Madrid nicht verteidigt und in der Rangliste dadurch vom frisch zurückeroberten zweiten Platz wieder hinter Andy Murray auf den dritten zurückfällt, dann könnte der Sieger aus dem Viertelfinale zwischen Djokovic und Nadal im Halbfinale auf Federer treffen, während im anderen Halbfinale irgendwelche No-Names freie Bahn in Richtung Endspiel haben. Denn Andy Murray ist ja nun kein Sandplatzgott, und David Ferrer, die Nummer 4, hat bei Grand-Slam-Turnieren noch nie Bäume ausgerissen.

Es könnte also sein, dass die Franzosen, um das Traumfinale nicht zu gefährden, ausnahmsweise in die Setzliste eingreifen. In der französischen Sportzeitung L'Equipe hat Guy Forget, der dem French-Open-Organisationskomitee angehört, über diese Möglichkeit sinniert.

Nebenbei bemerkt: Das Schöne an dieser Nachricht ist, dass es Forget offenbar nicht in den Sinn kommt, einfach bei der Auslosung zu schummeln, wie es insbesondere bei den US Open üblich zu sein scheint.

Aber vielleicht erkennt man in Paris ja auch, dass es doch mal ganz nett wäre, wenn endlich mal wieder jemand Neues die Chance auf ein Grand-Slam-Finale hat, lässt die Setzliste, wie sie ist, und dem Schicksal der Auslosung seinen Lauf.


Donnerstag, 18. April 2013

Baden-Württemberg wird noch grüner

Ist ja klar, dass wenn ein Bundesland einen grünen Ministerpräsidenten hat und seine Landeshauptstadt einen grünen Oberbürgermeister, dass dann das ATP-Turnier dieser Landeshauptstadt auch auf einem grünen Untergrund ausgetragen wird.

Aber genug gekalauert. Wenn ich an die gelegentlichen Berichte über Graspflege in Wimbledon denke, glaube ich nicht, dass Rasentennis mit ökologischer Nachhaltigkeit viel zu tun hat. Dass in Stuttgart ab 2015 auf Gras aufgeschlagen wird, das haben andere Leute eingefädelt als Winfried Kretschmann und Fritz Kuhn. Seit letzter Woche ist es offiziell: Das traditionsreiche Weissenhof-Turnier findet nicht mehr nach Wimbledon als Start in die kleine mitteleuropäische Hochsommer-Sandplatzsaison statt. Es steht künftig am Beginn der Rasensaison, die länger als bisher dauert. Zwischen den French Open und Wimbledon liegen dann drei Wochen und nicht mehr zwei.

Bisher begannen ja die beiden einzigen hochklassigen Vorbereitungsturniere vor Wimbledon gleich am Tag nach dem Endspiel von Roland Garros. In Halle/Westfalen und im Londoner Queen's Club hatte man daher stets das Problem, dass die größten Stars kurzfristig absagten, früh ausschieden oder sich gar nicht erst anmeldeten, weil sie nach dem Finale in Paris ein paar Tage Pause brauchten. Nun wird zwischen Paris und Halle eine ganze Woche liegen. Und in dieser Woche kann, wer mag, auf dem grünen Rasen von Stuttgart spielen. Turnierdirektor Edwin Weindorfer gibt sich zuversichtlich, dafür zwei Top-5-Spieler und insgesamt fünf Top-10-Spieler begeistern zu können. Das wird wohl etwas zu optimistisch sein. Leute wie Roger Federer (wenn er 2015 noch spielt), Rafael Nadal, Novak Djokovic oder Andy Murray werden wohl die Chance, nach den French Open zu regenerieren, bis sie dann wie gehabt nach Halle oder London fahren, gern ergreifen. Vielleicht wird das Teilnehmerfeld in Stuttgart gar nicht wesentlich stärker, als es schon jetzt ist. Das Publikumsinteresse wird trotzdem steigen. Einfach weil die deutschen Spieler häufiger gewinnen werden als bisher. Man sehe sich nur einmal die Endspiele in Halle in den letzten Jahren an: Da schlug Tommy Haas Roger Federer. Da spielten Philipp Kohlschreiber und Philipp Petzschner gegeneinander. Davor schlug Tommy Haas mal Novak Djokovic. Nicolas Kiefer stand mehrmals im Finale, und einmal gewann er es auch - ebenso wie David Prinosil. Rasentennis können die Deutschen einfach. Das wird nicht nur daran liegen, dass sie alle Boris nacheifern, sondern auch am schlechten Wetter. Die Spieler sind auf schnellen Teppichböden in den Tennishallen der deutschen Gewerbegebiete aufgewachsen, wo die Bälle ähnlich flach abspringen wie auf Gras. Das jedenfalls ist die These, mit der ich das Phänomen zu erklären geneigt bin. Auf echtem Rasen spielt man im deutschen Alltag sonst ja eher selten.


Donnerstag, 11. April 2013

Von Sängern, Fotografen und Außenverteidigern

Gestern Abend lief mal wieder ein Lied von James Blake im Radio. James Blake kennt ihr: Aktuell die Nummer 91 der Weltrangliste, inzwischen 33 Jahre alt. Vor Zeiten war er mal die Nummer 4 und wurde auch deshalb prominent, weil er kurz zuvor wegen einer schweren Halswirbelverletzung nicht nur beinahe seine Karriere hätte beenden müssen, bevor sie richtig losging, sondern beinahe auch querschnittgelähmt geworden wäre.

Der James Blake aus dem Radio freilich kommt nicht aus New York, sondern aus London. Seine Musik kann laut Wikipedia "im weitesten Sinne dem Genre Dubstep zugeordnet werden". Wer sich darunter nichts vorstellen kann - wir sind hier ja nicht beim Musikexpress - klickt Blakes Webseite an. Da steht dann auch, dass James Blake im Juli nach Berlin kommt und auf dem Melt-Festival auftritt. Hoffentlich findet er es. Ich weiß nicht viel über das Melt-Festival, aber zu den wenigen Dingen, die ich weiß, gehört, dass es irgendwo in Sachsen-Anhalt ist..

Aber das lassen wir Blakes Sorge sein und beschäftigen uns stattdessen mit Boris Becker. Wer  mal auf gut Glück seine Webseite www.boris-becker.com angeklickt hat, kennt seine Fotos vielleicht. Renommierte Zeitungen loben immer wieder Beckers Kunstfertigkeit. Sich solche Artikel zu ergooglen, ist aber praktisch unmöglich. Man findet nur Sport- und Klatscheinträge...

James Blakes Musik jedenfalls brachte mich auf den Gedanken, Ausschau zu halten nach Tennisprofis mit mehr oder weniger prominenten Namensvettern. Andreas Beck ist mir da noch eingefallen. Der Hoffenheimer Rechtsverteidiger hat ein ganz ähnliches Schicksal wie der Tennisspieler. Beide tauchten vor ein paar Jahren fast gleichzeitig in der nationalen Spitze auf. Der eine schaffte es für kurze Zeit in die Nationalmannschaft, der andere ins Davis-Cup-Team, aber dann verschwanden sie bis zum Hals in der Versenkung. Nach langer Verletzung ist Andreas Beck im Moment die Nummer 583 der Welt.

Kurz erwähnt seien die Spieler, deren Namensvetterschaft an orthographischen Problemen scheitert. Der Fifa-Schiedsrichter Florian Meyer unterscheidet sich in einem Buchstaben vom zweimaligen Wimbledon-Viertelfinalisten, dessen zweiter Nachnamensbuchstabe ein a ist. Stephanie Graf, die österreichische Leichtathletin, die 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney die Silbermedaille über 800 Meter holte, hat - das ist nicht zu übersehen - ein ph in der Mitte ihres Vornamens. Und Jamie Baker, mit Platz 235 bis vor Kurzem der beste Engländer auf der Weltrangliste und der zweitbeste Brite, heißt eben nicht James Baker wie der frühere US-Außenminister. Andy Murray (Schottland, Nr. 2 der Welt) ist immerhin ein in Kanada sehr bedeutender Eishockey-Coach.

Auch Tennisspieler mit Allerweltsnamen haben es gar nicht so leicht, wie man denken könnte, Namensvettern zu finden, die wirklich was hermachen. Fernando Gonzalez (Chile, ehemals Nr. 5) lebt als Bildhauer in Mexiko, aber wen interessiert das? Michael Russell (USA, aktuell Nr. 73) ist immerhin Bildungsminister von Schottland. Dustin Brown (Deutschland/Jamaika, Nr. 178) spielt bei den ZSC Lions in Zürich in der ersten Schweizer Eishockeyliga. Laut Wikipedia gibt es auch einen Hamburger Rapper namens Pat Cash - aber wenn sich der man nicht einfach nach Pat Cash benannt hat und Wirklichkeit ganz anders heißt...

Die feinsten Namenscousinen freilich sind Conchita Martínez aus Spanien und Conchíta Martinez aus Spanien. Die 1972 geborene Conchita Martínez gewann 1994 Wimbledon, während die vier Jahre jüngere  Conchita Martínez in Wimbledon nie weiter als bis in die zweite Runde kam. Zum Glück hat man in Spanien ja stets zwei Nachnamen (Rafael Nadal Parera, Arantxa Sanchez Vicario...). So fand sich dann doch ein Weg, Conchita Martínez Bernat von der nicht ganz so erfolgreichen Conchita Martínez Granados zu unterscheiden.

Das war's für heute. Ein paar weniger bedeutsame Namensgleichheiten, die ich entdeckt habe, lasse ich weg, ein paar andere werden mir entgangen sein..

Donnerstag, 4. April 2013

Bloß nicht die Australier

Es ist wieder Davis-Cup. Morgen geht es los. In Deutschland hört man davon fast nichts, weil unsere Leute nicht mitspielen. Nachdem Deutschland in der ersten Runde der Weltgruppe ausgeschieden ist, geht es erst im Herbst weiter. Jetzt sind die Viertelfinals dran und - das ist aus deutscher Sicht besonders interessant - die Zweite Liga. Da entscheidet sich, wer in den Lostopf kommt, aus dem der Relegationsgegner gezogen wird, gegen den Deutschland um den Klassenerhalt kämpfen wird. Es sind ein paar Länder im Rennen, die nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind. Besonders gefährlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland auswärts antreten muss, ist deutlich größer als die, dass es ein Heimspiel wird.

Bekanntlich haben ja zwei Länder, die gegeneinander spielen, immer abwechselnd Heimrecht. Letztes Jahr spielte Deutschland zu Hause gegen Australien. Sollte Deutschland nun wieder gegen Australien spielen, hätten also die Australier Heimrecht.

Unter den 16 möglichen Relegationsgegnern befinden sich acht, gegen die Deutschland beim nächsten Mal auswärts dran ist und nur zwei, gegen die es beim nächsten Mal ein Heimspiel gibt. Gegen die übrigen sechs hat Deutschland entweder noch nie oder zuletzt vor 1970 gespielt. In diesen Fällen entscheidet das Los.

Die möglichen Auswärtsgegner sind Ecuador, Südkorea, Großbritannien, Südafrika, Rumänien, Holland und Schweden. Die beiden möglichen Heimgegner sind Russland und Polen. Gelost wird bei Chile, Kolumbien, Uruguay, Usbekistan, Japan und der Ukraine.

Das sind alles Länder, die an diesem Wochenende in der Endrunde der Zweiten Liga im Rennen sind. Theoretisch können in der Relegationsrunde auch zwei Länder, die beide in der ersten Runde der Weltgruppe verloren haben, gegeneinander gelost werden. Wenn ich es richtig überblicke, wird das diesmal aber nicht geschehen, denn es gibt eine Setzliste auf Basis einer Davis-Cup-Länderrangliste, die wiederum auf den Ergebnissen der vergangenen Jahre basiert, und auf dieser Setzliste dürften diesmal ausschließlich die acht Erstrundenverlierer aus der Weltgruppe stehen. Horrorgegner wie Spanien oder die Schweiz werden den Deutschen also erspart bleiben.

Da können wir beruhigt einen Blick auf die Zweitliga-Begegnungen werfen und schauen, was auf uns zukommt.

AMERIKA-GRUPPE

Ecuador - Chile
Die Ecuadorianer hatten mal Weltklasseleute wie Andres Gomez oder Nicolas Lapentti. Das ist lange her. Die Chilenen hatten mal Nicolas Massú und Fernando Gonzalez. Das ist auch lange her.Massú, inzwischen 33 Jahre, fährt noch immer zu jedem Challenger, das ihm eine Wild Card anbietet und steht derzeit auf Weltranglistenplatz 569. Für den Davis-Cup ist er nicht mehr nominiert. Der aktuelle chilenische Spitzenmann ist Paul Capdeville (Nr. 155). Die ecuadorianische Nummer 1 heißt Julio-Cesar Campozano  (Nr. 197). Wer immer gewinnt, sollte für Deutschland kein Problem sein, auch nicht auswärts.

Kolumbien - Uruguay
Keine Chance für die Urus. Die haben nur einen einzigen Spieler in den Top 1000 (Marcel Felder, Nr. 522). Die Kolumbianer hingegen haben sich in den vergangenen Jahren zu einer respektablen Tennisnation entwickelt. Sollte Deutschland doppelt Lospech haben und erstens gegen Kolumbien und zweitens auswärts antreten müssen, werden unsere nervenschwachen Helden gegen Alejandro Falla (Nr. 65) und Santiago Giraldo (Nr. 77) in arge Nöte geraten. Da hilft dann nur eins: Tommy Haas muss zurückkehren ins Team.

ASIEN-OZEANIEN-GRUPPE

Usbekistan - Australien
Die Usbeken sind mit Denis Istomin (Nr. 46) und Farrukh Dustov (Nr. 216) zu Hause nicht völlig chancenlos, aber Australien hat ein bärenstarkes Team, stärker als letztes Jahr, als die Deutschen das Relegationsspiel in Hamburg gewannen. Lleyton Hewitt (Nr. 83) kann mehr, als er in Hamburg gezeigt hat. Der zwischenzeitlich suspendierte Jungstar Bernard Tomic (Nr. 43) dürfte tendenziell immer stärker werden, und auch die derzeitige australische Nummer 2, Marinko Matosevic (Nr. 50) hat inzwischen Gnade bei Teamkapitän Patrick Rafter gefunden. Australien gegen Deutschland, das wäre ein heißer Kampf in der Relegation, egal ob mit oder ohne Haas.

Japan - Südkorea
Gegen das koreanische No-Name-Team spielen die Japaner ohne ihren Star Kei Nishikori (Nr. 15). Mit Go Soeda (Nr. 86) und Tatsuma Ito (Nr. 101) werden sie auch so locker gewinnen. Wenn im Herbst Nishikori ins Team zurückkehren sollte, wäre Japan ein schwerer Gegner, aber ein schlagbarer.

EUROPA-AFRIKA-ZONE

Großbritannien - Russland
Andy Murray (Nr. 2) spielt normalerweise kein Davis-Cup. Diesmal auch nicht. Mangels guter Mitspieler hätte er ohnehin kaum Chance, in diesem Wettbewerb große Meriten zu verdienen. Auch die besten Russen Michail Juschni und Nikolai Dawidenko sind nicht dabei. Und obwohl ein Großteil der zweiten Garde sich nach Kasachstan hat einbürgern lassen und erste Liga spielt, bleiben für das russische Davis-Cup-Team respektable Namen wie Dimitri Tursunow (Nr. 67) und Jewgeni Donskoi (Nr. 80). Im Heimspiel gegen Russland wäre Deutschland dennoch klarer Favorit. Wenn Juschni und Dawidenko doch wieder mitspielen wollen, könnte es freilich etwas enger werden.

Polen - Südafrika
Mit Südafrika (bester Mann: Rik de Voest, Nr. 227), brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten. Ein Heimspiel Deutschland gegen Polen wird eng, wenn Jerzy Janowicz (Nr. 24) ein gutes Wochenende erwischt und seine beiden Einzel gewinnt. Denn das routinierte Doppel aus Mariusz Fyrstenberg und Marcin Matkowski (Nr. 18 und 19 der Doppel-Weltrangliste) schlägt sich ja auch nicht von selbst.

Rumänien - Niederlande
Die Spitzenspieler aus beiden Länder, Victor Hanescu (Nr. 58) und Robin Haase (Nr. 52) liegen ziemlich gleichauf, und das gilt auch für den Rest der beiden Mannschaften. Beide hätten gegen Deutschland Heimrecht und wären fast so gefährlich wie die oben erwähnten Kolumbianer. Aber nur fast. Einfach weil ein Auswärtsspiel in Europa sich nicht ganz so auswärts anfühlt wie eines in Lateinamerika. Obwohl: Bei Rumänien bin ich mir in dieser Hinsicht nicht so sicher.

Ukraine - Schweden
Man muss es immer wieder erwähnen, weil die Jahrzehnte lange Konditionierung eine andere ist: Vor den Schweden braucht keiner mehr Angst zu haben. Oder hat schon mal jemand von Markus Eriksson (Nr. 642) oder Isak Arvidsson (Nr. 675) gehört? Es soll in Schweden sogar Leute geben, die dafür sind, den 47-jährigen Stefan Edberg zu reaktivieren, weil der vermutlich immer noch stärker sei als diese beiden. Blicken wir also auf die Ukraine mit Alexander Dolgopolov (Nr. 22) und Sergiy Stakhovsky. Aus deutscher Sicht tät ich sagen: Vorsichtshalber kein Auswärtsspiel. Aber das würde in diesem Fall das Los entscheiden.

UPDATE AM MONTAG:
Was ich nicht bedacht habe, ist dies: Die Setzliste dür die Auslosung (am Mittwochmittag) basiert auf der aktualisierten Davis-Cup-Rangliste, in der die Ergebnisse von diesem Wochenende mit einfließen. Die Australier und die Japaner haben es mit ihren Siegen auf diese Setzliste geschafft. Brasilien und Israel sind rausgerutscht. Gegen Brasilien, den schwereren dieser beiden Gegner, würde Deutschland zu Hause antreten, gegen Israel auswärts. Brasilien schlägt man, indem man in eine Halle mit schnellen Hartplatz geht. Israel schlägt man vermutlich sowieso.


Donnerstag, 28. März 2013

Wie Tommy Haas einmal die Nummer 2 wurde

Die ganz jungen Hüpfer und die ganz alten Hasen, die haben immer die meisten Fans. Das ist ein bekanntes Phänomen, auch wenn ich an dieser Stelle darauf verzichte, es wissenschaftlich wasserdicht zu verifizieren.

Was die alten Hasen betrifft, heißt das aktuelle Beweisstück Tommy Haas. Ich muss gestehen: Auch ich werde auf die alten Tage noch zum Tommy-Haas-Fan. Viele Jahre habe ich mit dem Kerl nicht so viel anfangen können. Er war mir zu glatt, zu sehr Sonnyboy. Komischerweise konnten daran auch seine vielen Verletzungen, nach denen er sich immer wieder mühsam nach vorne kämpfte, nicht viel ändern. In den Tiefen dieses Blogs finden sich mehrere Artikel aus vergangenen Jahren, in denen ich mich fragte, warum der alte Haas seine Karriere nicht einfach beendet..

Aber er hatte Recht damit weiterzumachen. Spätestens seit der Nacht zu gestern, als er im Achtelfinale von Key Biscayne den Weltranglistenersten Novak Djokovic mit 6:2, 6:4 vom Platz fegte, besteht daran kein Zweifel mehr. Das 6:3, 6:1 im Viertelfinale gegen Gilles Simon (Nr. 13) hatte da schon fast etwas Beiläufiges, Selbstverständliches. Tommy Haas gehört kurz vor seinem 35. Geburtstag wieder zu den besten Spielern der Welt. In Deutschland ist er sowieso längst wieder der beste und hat die fünf Jahre jüngeren Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer erst einmal abgehängt.

Aber Tommy war schon mal noch besser. Gelegentlich liest man es noch: Er ist "der ehemalige Weltranglistenzweite". 2002 war das. Dass er einmal so weit oben stand, ist erstaunlich, denn er hat nie etwas Großes gewonnen. Kein Grand-Slam-Turnier, und er war noch nicht einmal im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers. Auch das Halbfinale von Key Biscayne hat er in dieser Woche zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere erreicht.

Mir war bisher selbst nicht ganz klar, wie Tommy Haas es einst schaffte, die Nummer 2 zu werden. Das geschah zu der Zeit, als ich mein Interesse am Tenniszirkus gerade etwas verloren hatte, weil Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich nicht mehr dabei waren. Irgendwie hat Haas seinerzeit wohl mal Rom gewonnen, meinte ich mich zu erinnern. Und bei den Olympischen Spielen in Sydney holte er Silber, aber das spielte für seinen zweiten Weltranglistenplatz zwei Jahre später keine Rolle.

Steigen wir also ein in die jüngere Tennis-Zeitgeschichte und sehen nach, was für eine Bombensaison Tommy Haas eigentlich 2001 und 2002 spielte. Dank des unfassbar umfassenden Datenarchivs von atpworldtour.com ist das ja ganz leicht.

Aus Tommys "Ranking History" lernen wir, dass er sechs Wochen lang die Nummer 2 war. Eine Woche im Frühjahr 2002 (13.-19. Mai) und noch einmal fünf Wochen vom 9. September bis zum 13. Oktober desselben Jahres. Nur zwei Wochen später war er nur noch Neunter. Das zeigt, wie eng die Spitze damals beieinander war. So etwas wie die "Großen Vier" von heute gab es damals nicht.

Mein Glaube, Haas hätte damals Rom gewonnen, war übrigens ein Irrglaube. Er verlor das Finale gegen Andre Agassi, aber das war tatsächlich das Turnier, das ihn damals auf Platz 2 brachte. Im Januar hatte er das Halbfinale der Australian Open erreicht und im Herbst davon das Hallen-Masters von Stuttgart, das es damals gab, gewonnen. Dazu zwei kleinere Turniersiege (Wien und Long Island) - und schon war man die Nummer 2. So waren die Zeiten damals.

Am 13. Mai 2002 hatte Tommy  2840 Punkte. Lleyton Hewitt auf Platz 1 hatte 4595. Ein Abstand von 1755 Punkten. Von Platz 1 war Tommy also weiter entfernt als zum Beispiel von Platz 28, den damals Rainer Schüttler mit 1175 Punkten belegte. Im September, als Tommy noch einmal die Nummer 2 wurde, war die Situation ganz ähnlich. Was mir auch gar nicht mehr bewusst war: Genau in diese Zeit fiel der schwere Motorradunfall, den sein Vater hatte, der dann mehrere Wochen im Koma lag. Wimbledon 2002 ließ Tommy Haas aus.

Im Oktober 2002 verlor er im Achtelfinale von Paris-Bercy gegen Roger Federer, der damals die Nummer 8 war. Es war für Tommy Haas das letzte Match für sehr lange Zeit. Er verpasste schulterverletzt die komplette Saison 2003. Lleyon Hewitts Herrlichkeit war dann bald vorbei, und die Ära Federer brach erst 2004 an. Zwischendurch schaffte es Juan Carlos Ferrero - manche erinnern sich vielleicht - auf Platz 1. Und was Ferrero konnte, das wird für einen unverletzten Tommy Haas vielleicht auch nicht unmöglich gewesen.

Donnerstag, 21. März 2013

München ist ziemlich exklusiv in diesem Jahr

Ich weiß ja nicht, wie es dort aussieht, wo ihr gerade lest, aber wenn ich aus dem Fenster blicke, dann sehe ich schneebedeckte Straßen. Da vergisst man, dass offiziell der Frühling begonnen hat. Kaum vorstellbar, dass schon bald in Deutschland wieder Freiluft-Tennis gespielt wird.

Ich war jedenfalls überrascht, als ich heute die Teilnehmerliste für das ATP-Turnier von München entdeckte. In nicht einmal sechs Wochen geht es los. Noch etwas überraschte mich, als ich die Liste sah: Sie ist ausgesprochen exklusiv. Der letzte, der den Sprung ins Hauptfeld schafft, ist Ernests Gulbis mit Weltranglistenplatz 55.

Aber bevor wir weiterschreiben - hier ist sie erst einmal, die Liste:

1 Janko Tipsarevic, Serbien, Nr. 9
2 Marin Cilic,Kroatien, Nr. 11
3 Tommy Haas, Deutschland, Nr. 18
4 Philipp Kohlschreiber, Deutschland, Nr. 21
5 Alexandr Dolgopolov, Ukraine, Nr. 22
6 Florian Mayer, Deutschland, Nr. 26
7 Michail Juschni, Russland, Nr. 31
8 Marcos Baghdatis, Zypern, Nr. 37
9 Thomaz Bellucci, Brasilien, Nr. 40
10 Nikolai Dawidenko, Russland, Nr. 41
11 Jürgen Melzer, Österreich, Nr. 42
12 Radek Stepanek, Tschechien, Nr. 43
13 Viktor Troicki, Serbien, Nr. 44
14 Bernard Tomic, Australien, Nr. 45
15 Jarkko Nieminen, Finnland, Nr. 49
16 Marinko Matosevic, Australien, Nr. 51
17 Xavier Malisse, Belgien, Nr. 53
18 Ivan Dodig, Kroatien, Nr. 54
19 Ernests Gulbis, Lettland, Nr. 55

Nachrücker:
Grega Zemlja, Slowenien, Nr. 62
Paul-Henri Mathieu,Frankreich, Nr. 66
Daniel Brands,Deutschland, Nr. 68
Carlos Berlocq, Argentinien, Nr. 69
Tommy Robredo, Spanien, Nr. 70


Dazu kommen drei Wild-Card-Spieler (einer davon dürfte Gael Monfils werden) und vier Qualifikanten. Außerdem sind noch zwei Plätze drei für "Special Exepts" (SE), also für Spieler, die von der Qualifikation befreit werden, weil sie am Quali-Wochenende woanders im Halbfinale stehen. Beim 250er-Turnier in Bukarest ist das nicht so unwahrscheinlich, dass das einem Spieler von jenseits von Platz 60 gelingt. Die Münchner SE-Plätze sollten wir also nicht vorschnell an die Nachrücker Zemlja und Mathieu vergeben. Freilich ist es ebenfalls nicht unwahrscheinlich, dass der eine oder andere der gemeldeten Spieler noch absagt, weil er sich verletzt oder weil er in den Wochen zuvor so erfolgreich spielt, dass er eine Pause einlegen möchte.

Aber wie in den vergangenen Jahren, als Platz 99 (2012), Platz 98 (2011) oder Platz 114 (2010) reichte, um ins Münchner Hauptfeld zu gelangen, dürfte es in diesem Jahr kaum ausgehen. Dass vom 29. April bis zum 5. Mai nur ein einziges anderes Turnier im Kalender steht, und zwar das ebenfalls eher kleine von Estoril in Portugal, dürfte zur Beliebtheit Münchens beigetragen haben. Eine solche Konstellation hat es in der Vergangenheit allerdings durchaus schon gegeben, ohne das plötzlich alles nach Bayern strömte.

Mit einem Cut von 55 jedenfalls ist München plötzlich eines der exklusivsten 250er-Turniere der Welt. Da können selbst viele 500er-Turniere mit doppelt so vielen Weltranglistenpunkten und noch viel mehr Preisgeld nicht mithalten. Ganz oben allerdings, da sieht man den Unterschied zu den 500ern dann doch: nur ein einziger Top-10-Spieler ist dabei und zwei weitere Top-20-Spieler. Das ist für ein kleines Turnier wie das in München gar nicht übel, aber eben auch nicht Spitze.

Anders als noch vor einem Jahr kommen diesmal auch alle deutschen Profis, sofern denn ihr Ranking dafür gut genug ist: Tommy Haas, Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer, und vielleicht rückt noch Daniel Brands nach. Das bedeutet, dass zwischen den im Zwist geschieden Ex-Davis-Cup-Käptn Patrik Kühnen, der noch immer Münchener Turnierdirektor ist, und seinen einstigen Spielern nicht alle Tischtücher zerschnitten sind.

Donnerstag, 14. März 2013

Jetzt ist Moser auch noch Papst...

Mit einem anderen Thema als dem neuen Papst wird es heute wohl schwierig sein, irgendwie Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber was soll's. Der Tenniszirkus ist so vielseitig, da kriegen wir auch ein paar Päpste irgendwie unter.

Es gab ja vor einiger Zeit tatsächlich mal einen deutschen Papst auf der Tour. Der ist allerdings schon vor Joseph Ratzinger zurückgetreten. Benedikt Dorsch. Der Mann wurde 1981 in Garmisch-Partenkirchen geboren, stammt also wie sein berühmter Namensvetter aus Bayern, und was lag da näher, als ihm den Spitznamen "The Pope" zu verpassen. Er brachte es bis auf Platz 127 der Weltrangliste (2009 war das) und war damit der unangefochten beste Papst unter den Tennisspielern. Denn wer heißt sonst schon Benedikt?

Mit Franziskus ist die Lage etwas verworrener.

Zunächst einmal müssen wir definieren, wer eigentlich alles als Franziskus durchgehen kann. Die Italiener nennen ihn Francesco, die Franzosen Francois, die Engländer Francis. Die "Welt" hatte heute einen netten Artikel zur Frage, warum Franziskus auf Deutsch nicht einfach Franz ist. These 1: Das klänge wohl zu banal, zu spießig. These 2: Das könnte zu Verwechslungen führen mit Beckenbauer, dem Kaiser.

Auf der aktuellen Einzel-Weltrangliste habe ich 19 Päpste ausgemacht. 19 Spieler, die im weiteren Sinne als Franziskus durchgehen. Unter ihnen sind sechs Argentinier und vier Italiener, was ja gut passt, wo Jorge Mario Bergoglio doch italienischstämmiger Argentinier ist. Außerdem an Bord: ein Tscheche, ein Deutscher, ein Bosnier, ein Holländr, ein Chilene und ein Spanier. Der beste Papst kommt aus Kanada.

Hier die Papstrangliste vom Tag des Konklave am 13. 03. 13:

1. Frank Dancevic (Kanada, Nr. 141)
2. Franko Skugor (Kroatien, Nr. 561)
3. Francois Vibert (Frankreich, Nr. 622)
4. Francesco Picco (Italien, Nr. 767)
5. Francesco Vilardo (Italien, Nr. 938)
6. Francesco Garcelli (Italien, Nr. 995)
7. Franco Agamenone (Argentinien, Nr. 1063)
8. Francesco Borgo (Italien, Nr. 1086)
9. Frantisek Cermak (Tschechien, Nr. 1087)
9. Frank Moser (Deutschland, Nr. 1087)
11. Franco Scaravilli (Argentinien, Nr. 1096)
12. Franjo Raspudic (Bosnien-Herzegowina, Nr. 1176)
13. Francisco Arrechea (Argentinien, Nr. 1316)
14. Matias Franco Descotte (Argentinien, Nr. 1559)
15. Franco Feitt (Argentinien, Nr. 1571)
15. Franz Sydow (Niederlande, Nr. 1571)
17. Francisco Olivares (Chile, Nr. 1672)
18. Franco Egea (Argentinien, Nr. 1895)
19. Fransesc Monatnes-Roca (Spanien, Nr. 1950)

Im Doppel sind die neuen Päpste signifikant stärker als im Einzel. Da haben wir zwei von ihnen unter den ersten 100. Frantisek Cermak auf Platz 34 und Frank Moser, der nur wenige Wochen nach seinem ersten Titelgewinn auf der ATP-Tour schon wieder groß rauskommt, auf Platz 71.

Früher, da war bekanntlich alles besser. Da schafften es die Fränze noch unter die Top 20, zum Beispiel Franco Squillari (Nr. 11 im Jahr 2000) oder Francesco Clavet (Nr. 18 im Jahr 1992). Aber damals musste man ja noch Johannes Paul heißen, wenn man oben mitspielen wollte. Ob die Eltern von John Paul Fruttero (USA, aktuell die Nr. 163 im Doppel) wohl genau daran dachten, als sie 1981 den Namen für ihren Sohn wählten?

Donnerstag, 7. März 2013

Wo Stich ist, da sind die Querelen nicht weit

Okay, die Überschrift mag etwas ungerecht sein. Aber das ist ja das Vorrecht des Bloggers, dass er einfach seine spontane Meinung hinausposaunen darf. Als ich heute las, dass der Deutsche Tennisbund (DTB) seine Pläne begraben hat, das Turnier am Hamburger Rothenbaum zu einem Rasenturnier zu machen und für das Scheitern Michael Stich die Schuld in die Schuhe schob, da kam mir der Gedanke mit den Querelen, die sich im Stich herum ereignen, und zwar schon seit der Zeit, als er sich gern Scharmützel mit Boris Becker lieferte.

Aber jetzt erst einmal ein paar Sachinformationen. Wie bereit im vergangenen Sommer erwähnt, ändert der Tenniszirkus ab 2015 ein wichtiges Detail in seinem jährlichen Terminkalener: Wimbledon findet fürderhin eine Woche später statt. Zwischen den French Open und Wimbledon sind dann drei Wochen Zeit statt bisher zwei. Statt zwei Vorbereitungsturnieren auf Rasen kann der gemeine Tennisprofi dann drei spielen, wenn er möchte. Mehrere Veranstalter traditionsreicher mitteleuropäischer Sandplatzturniere witterten die große Chance. Bisher liegen sie im Kalender etwas unglücklich zwischen Wimbledon und den US Open. Stars kommen da nur selten, denn sie bereiten sich im Juli lieber auf den amerikanischen Hartplätzen aufs nächste Grand-Slam-Turnier vor.

Nachvollziehbar, dass auch der DTB mit seinem größten ATP-Turnier versuchte, in die Rasensaison reinzukommen. Michael Stich mit seiner Firma HSE ist zwar derzeit der Ausrichter und dafür einen Vertrag, der noch ein paar Jahre läuft, aber das Turnier gehört nach wie vor dem DTB. Beide Seiten hätten sich also irgendwie einigen müssen. Und das scheint nicht geklappt zu haben, was angesichts der Tatsache, dass die ATP schon in zwei Wochen entscheiden will, wer das zusätzliche Rasenturnier bekommt, etwas ungünstig ist. Bisher hieß es, Stich habe schon im vergangenen Jahr versucht, das Turnier auf Rasen auszutragen - weil es kurz vor den Olympischen Spielen in London stattfand, wo man ebenfalls auf Rasen spielte, nämlich dem von Wimbledon. Dass Stich grundsätzlich etwas gegen Rasen hat, scheint wenig plausibel. Worüber genau er sich mit dem DTB nicht einig wurde, weiß ich nicht und scheint auch sonst keiner zu wissen, der darüber öffentlich zu sprechen bereit wäre.

Jetzt hat wohl der Stuttgarter Weissenhof ganz gute Aussichten, seinen Sand gegen Gras austauschen zu dürfen. Mit dem Turnier - das ist ein Vorteil - hat weder der DTB noch Michael Stich irgendwas zu tun.

Um zum Schluss wenigstens ein bisschen gerechter zu werden: Würde Hamburg in den Zeitraum vor Wimbledon, wechseln, hinge damit noch ein anderes Problem zusammen, das Stuttgart nicht hat: Hamburg ist ein 500er-Turnier und damit eine Kategorie größer als Stuttgart und auch als die beiden bisher wichtigsten Wimbledon-Vorbereitungs-Turniere in Halle/Westfalen und im Londoner Queen's Club. Würde Hamburg beim Wechsel im Kalender den 500er-Status behalten, wäre es plötzlich - formal - der Platzhirsch. Das würde freilich nicht bedeuten, dass plötzlich Roger Federer und Rafael Nadal nicht mehr in Halle und Andy Murray nicht mehr im Queen's Club spielen würden. Diese Turniere haben schließlich beste Connections und teilweise langfristige Verträge mit den Stars. Hamburg könnte trotz höherem Preisgeld und doppelt so vielen Weltranglistenpunkten die zweite Geige spielen...

Donnerstag, 28. Februar 2013

Loblied auf Daniel Brands

Mein letzter Daniel-Brands-Artikel ist mehr als anderthalb Jahre her. Damals befand sich der gute Mann am Ende einer sehr langen Durststrecke. Im ersten Halbjahr 2011 hatte er - Wimbledon-Achtelfinalist des Vorjahres - fast nur verloren. Von Platz 66 der Weltrangliste ging es hinab bis auf Platz 220. Das war wohl eine Psycho-Kiste damals.

Lange her, das alles. Daniel Brands (25) ist zwar noch nicht wieder auf Platz 66, aber wenn er so weitermacht wie seit dem vergangenen August, dann wird er bald sogar noch besser platziert sein. In dieser Woche hat er beim 500er-Turnier in Dubai als Qualifikant das Viertelfinale erreicht. Das bringt ihn am kommenden Montag immerhin schon mal wieder ungefähr auf Platz 80. Dass er bisher immer noch um Platz 100 rumgekrebst ist, hat viel mit Lospech und vielleicht mit mangelnder Abgebrühtheit gegen große Gegner zu tun.

Mindestens seit August hat Daniel Brands mit nur wenigen Ausnahmen immer richtig stark gespielt. Bei den US Open überstand er erst die Qualifikation, kam dann in die zweite Runde und verlor dort mit 5:7 im fünften Satz gegen den Weltranglisten-13. Marin Cilic aus Kroatien. Bei zwei folgenden Challengern in Orleans (Frankreich) und Mons (Belgien) verlor er zwar früh und glatt, aber beide Male gegen Gegner, die wenig später auf der großen Bühne für Furore sorgten: Roberto Bautista-Agut (Spanien) als Finalist des 250er-Turniers von Chennai (Indien) und Jerzy Janowicz (Polen) in Paris-Bercy als erster Masters-Finalist überhaupt aus der Generation der in den 1990er Jahren Geborenen.

Beim ATP-Turnier in Wien schaffte Daniel Brands wiederum die Qualifikation kam in die zweite Runde. Dort verlor er gegen die Nummer 8 der Welt, Juan Martin del Potro  in drei engen Tiebreaks mit 7:6, 6:7, 6:7.  Brands schlug 32 Asse, del Potro 30. "Seitdem die ATP 1991 angefangen hat die Matches statistisch zu erfassen, war dieses Match das erste, in dem beide Spieler in einem Best-of-3-Match über 30 Asse serviert haben", schrieb Brands danach auf seiner Internet-Seite. Kurz vor Ende der Saison gewann er dann wenigstens das Challenger-Turnier im fränkischen Eckental.

2013 fing auch gleich sehr gut an: Halbfinale beim 250er-Turnier in Katar, wo er dann in zwei knappen Sätzen gegen die Nummer 10 der Welt, Richard Gasquet, verlor. Dass er dann bei den Australian Open die Quali schaffte, war schon fast eine Selbstverständlichkeit. In Runde 2 verlor er wieder mal in sehr knappen Sätzen - diesmal gegen Australiens Super-Hoffnung Bernard Tomic. Natürlich schaffte er auch beim 500er-Turniern in Rotterdam die Quali (und verlor dann 6:7, 4:6 gegen die Nummer 14 der Welt, Gilles Simon). Er hat in diesem Jahr bisher vier Turniere gespielt, musste vier Mal in die Qualifikation und hat diese Qualifikation vier Mal überstanden.

Und diese Woche also das Viertelfinale von Dubai. Die Revanche gegen del Potro ging dort heute zwar etwas in die Hose (4:6, 2:6), aber das ändert nichts daran, dass Daniel Brands im Moment zumindest der drittbeste deutsche Spieler nach Tommy Haas und Philipp Kohlschreiber sein dürfte. Das Potenzial dazu hatte er schon lange. Dass er ein Klasse-Aufschläger ist, das ist bei seinen 1,96 Meter schon fast selbstverständlich. Was mich aber immer wieder beeindruckt, wenn ich ihn spielen sehe, ist, wie leicht er trotz seiner Größe auch die ganz flachen Bälle spielen kann. Davon gibt es hoffentlich bald mehr auf den großen Turnieren zu sehen, ohne dass der große Mann ständig durch die Qualifikation muss.

Hier die Ergebnisse aus Dubai

Und hier das ATP-Profil von Daniel Brands

Donnerstag, 21. Februar 2013

Deutsche Doppelspezialisten - keiner kennt sie

Frank Moser aus Baden-Baden hat ein ATP-Turnier gewonnen. Geschehen ist das in der vergangenen Woche in Sao Paolo, und es war im Doppel zusammen mit Xavier Malisse aus Belgien. Im Endspiel schlugen sie die Australier Marinko Matosevic und Lleyton Hewitt. Es war Mosers erster Turniersieg auf der ATP-Tour, und das Bemerkenswerte daran ist, dass ihm dieses Kunststück im zarten Alter von 36 Jahren gelungen ist. Der Name Frank Moser sagt vermutlich auch dem sehr interessierten Fan nicht viel. Das ist das Schicksal des Doppelspezialisten. Aufmerksamkeit erregt man nur mit einem Davis-Cup-Einsatz, einer Olympia-Medaille oder mit Ach und Krach mit einem Grand-Slam-Titel. Noch vor wenigen Jahren hat es in Deutschland ohnehin kaum Doppelspezialisten gegeben. Ich habe gerade mal auf der ATP-Webseite auf eine x-beliebige Doppel-Weltrangliste aus dem Jahr 2005 geklickt. Unter den ersten 100 waren drei Deutsche. Auf der Rangliste von dieser Woche sind es neun. Darunter sind Namen, die selbst in diesem Blog mit seinem Vorliebe für Nischenthemen nur sehr, sehr selten auftauchen. Höchste Zeit also, die deutschen Doppelspieler mal in einer Sammlung von Kurzporträts vorzustellen.

Nr. 47 Philipp Petzschner
28 Jahre, Nr. 110 im Einzel
Er ist von allen Doppelspielern noch der Bekannteste. Wimbledonsieger von 2010, US-Open-Sieger von 2011. Ihn brauchen wir nicht noch einmal vorzustellen. Falls doch: Hier ist ein Link zu einem alten Petzschner-Artikel. In letzter Zeit allerdings hat der Mann gewaltig geschwächelt. Hätte er nicht im vergangenen Jahr (mit Jürgen Melzer aus Österreich) im Wimbledon-Halbfinale gestanden, wäre er gar nicht mehr drauf auf dieser Liste der deutschen Top-100-Doppelspieler.

Nr. 52 Martin Emmrich
28 Jahre, Nr. 1277 im Einzel
Ohne Petzsches Wimbledon-Halbfinale wäre Martin Emmrich der beste Deutsche auf der Doppel-Weltrangliste. Ich habe ihn in fünf Jahren Zackstennis mit mehr als 250 Artikeln noch nicht ein einziges Mal erwähnt. Dabei ist er immerhin schon vor zwei Jahren erstmals unter den Top 100 aufgetaucht. Im vergangenen Jahr war er mit seinem damaligen Partner Andreas Siljeström aus Schweden in Belgrad im Finale. Inzwischen spielt er meistens mit Andre Begemann, der weiter unten auch noch erwähnt wird. Die beiden gewannen im Herbst das ATP-Turnier von Wien und standen im Januar in Chennai (Indien) im Finale. Von Martin Emmrich hörte ich zum ersten Mal, als er 2005 bei mir um die Ecke bei einem Challenger in Lübeck antrat. Er hatte den einstmals sehr berühmten Marc-Kevin Goellner dabei, der damals sein Coach war und auch mit ihm im Doppel antrat. Sie verloren ganz knapp gegen zwei später recht erfolgreiche Einzelspieler: Andreas Beck und Michael Berrer. Martin Emmrichs Vater Thomas war der beste Tennisspieler der DDR, der im Gegensatz zu vielen Profis aus der Tschechoslowakei und anderen Ostblockstaaten aber nie in den Westen reisen durfte. Im Osteuropa aber gab es nur sehr wenige Profiturniere, andernfalls, sagt man, hätte Thomas Emmrich eine weit bessere Weltranglistenplatzierung als Nr. 482 erreicht.

Nr. 59 Dustin Brown
28 Jahre, Nr. 165 im Einzel
Das ist noch mal einer der etwas bekannteren Doppelspieler, auch weil er den einen oder anderen Erfolg im Einzel vorzuweisen hat und mit seinen jamaikanischen Rastalocken nicht nur auf den deutschen Turnieren zu den Publikumslieblingen zählt. Ihn haben wir in einem Artikel aus dem Oktober 2010 einmal ausführlich durchgenommen. Seine achtbare Platzierung in der aktuellen Doppel-Rangliste verdankt er unter anderem einem Turniersieg in Casablanca (mit Paul Hanley aus Australien). Seit dieser Saison spielt er regelmäßig an der Seite von Christopher Kas, auf den wir gleich auch noch zu sprechen kommen. So richtig rund läuft es mit den beiden allerdings nicht. Sie sind mit drei Erstrundenniederlagen gestartet und sind vorhin in Buenos Aires im Viertelfinale (was der zweiten Runde entspricht) ausgeschieden.

Nr. 70 Frank Moser
36 Jahre, Nr. 1088 im Einzel
Der Mann, dem wir unser heutiges Thema verdanken. Doppelspieler sind ja gern etwas älter als Einzelspieler, was unter anderem daran liegt, dass man im Doppel nicht so viel laufen muss und dass Übersicht – und mithin Erfahrung – von Vorteil sind. Aber mit 36 Jahren das erste Turnier zu gewinnen, das ist schon bemerkenswert. Bevor er Doppelspezialist wurde, war mit Frank Moser vor allem als Tennistourist aufgefallen. Er schaffte es in der Einzelrangliste immerhin mal unter die besten 300, und zwar mit Erfolgen auf kleinen Turnieren in den entlegensten Ecken der Welt. Hätte es ein Future in Nordkorea gegeben oder auf dem Mond, Franky Moser wäre dabei gewesen. Weil es dort aber keine Turniere gab, spielte er halt in Kasachstan, Katar und Kuwait. Seine Reisekosten müssen sein Preisgeld deutlich überragt haben; als Profi konnte man ihn in seinen besten Einzeljahren also nicht wirklich bezeichnen. Aber im Doppel wurde er mit der Zeit immer stärker, und seit einiger Zeit spielt er echte ATP-World-Tour-Turniere – mit seinem ersten Titel letzte Woche in Sao Paolo als vorläufigem Höhepunkt.

 Nr. 73 Andre Begemann
28 Jahre, Nr. 496 im Einzel
Den Mann habe ich noch nie Doppel spielen sehen, aber in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum im Einzel. Da war zu erkennen, dass er zum Doppelspezialisten taugt. Er ist einer der letzten Serve-und-Volley-Spieler auf der Tour, und sowas sehe ich ja gerne. Im Doppel spielt er jetzt regelmäßig mit Martin Emmrich zusammen.. Dank ihrem Turniersieg in Wien und dem Finale in Chennai haben sie jetzt gute Chancen, sich als regelmäßige Teilnehmer auf denden großen Turnieren festzusetzen. Dazu braucht man im Doppel ja noch etwas bessere Weltranglistenpositionen als im Einzel, weil man um die Startplätze mit den Einzelspezialisten, die auch im Doppel antreten wollen, konkurriert.

Nr. 75 Christopher Kas
32 Jahre, ohne Einzelplatzierung
Das war mal unser bester Mann im Doppel. Noch vor einem Jahr stand er auf Platz 17. Aber seitdem lief, egal mit welchem Partner, nicht mehr viel zusammen. Nur in Doha im Januar gewann er das Turnier zusammen mit Philipp Kohlschreiber. Noch gehört Christopher Kas zum Davis-Cup-Team, aber langsam muss man sich fragen, ob nicht einige andere Leute auf dieser Liste die bessere Wahl wären. Mit seinem aktuellen Partner Dustin Brown läuft es jedenfalls auch nicht rund (siehe oben). Auf mich hat Kas immer einen sehr sympathischen Einruck gemacht, aber spielerisch überzeugt hat er mich selten.

Nr. 80 Philipp Marx
31 Jahre, ohne Einzelplatzierung
Ich hab mir gerade mal Marx' Profil auf der ATP-Webseite angesehen. Er ist nur 1,88 Meter groß. Damit ist er weiß Gott kein Zwerg, aber als ich ihn mal spielen sah, schien er mir ein Riese zu sein, was dann aber wohl mehr an seinem Karlovic-artigen Aufschlag lag als an seinen Körpermaßen. Philipp Marx steht sein vier Jahren unter den Top 100. Die ganz großen Erfolge sind ihm noch nicht gelungen. 2011 war er zusammen mit James Cerretani (USA) im Wimbledon-Viertelfinale. Und bis zu seinem ersten Turniersieg hat er, wenn er es wie Franky Moser machen will, ja noch fünf Jahre Zeit.

Nr. 89 Simon Stadler
29 Jahre, Nr. 919 im Einzel
Ein Frischling unter den Top-100-Spielern. Er hat im letzten Jahr fünf Challenger-Titel gewonnen und war fünf weitere Male im Finale. In die Saison 2013 ist er auf der World-Tour zwar mit ein paar Erstrundenpleiten gestartet, aber in dieser Woche läuft es ganz gut: Die oben erwähnte Viertelfinalniederlage von Brown und Kas in Buenos Aires ereignete sich heute gegen Simon Stadler und Nick Monroe (USA).  

Nr. 97 Michael Kohlmann
39 Jahre, ohne Einzelplatzierung
Damit sind wir am Ende dieser Liste angelangt. Michael Kohlmann hat seine aktive Laufbahn nach den Australian Open beendet, wird also ganz von selbst bald aus den Top 100 fallen. Zwischen 2002 und 2007 gewann er fünf Turniere. Vor sehr langer Zeit war er auch mal ein respektabler Einzelspieler. 1998 knacke er da die Top 100.

Auffällig ist, dass es keinen Deutschen gibt, der im Einzel und im Doppel unter den Top 100 stand. International hingegen ist das gar nicht so unüblich. Da gibt es 26 Spieler mit einer solchen Doppelbegabung. Philipp Petzschner ist noch am dichtesten dran, und Philipp Kohlschreiber könnte es sicher auch, wenn er denn sich denn häufiger mal im Doppel versuchen würde.

Hier die aktuelle Doppel-Weltrangliste

Donnerstag, 14. Februar 2013

Live aus Rotterdam

„Da ist ein Tennisturnier? Da machen wir doch mal Reklame für unseren neuen Sattelschlepper!“ Das scheint man sich wohl gedacht zu haben in der Marketing-Abteilung von Daimler-Benz Niederlande. Dass auf Tennisturnieren dem geneigten Publikum große edle Autos präsentiert werden, daran ist man ja gewohnt. Aber so groß wie in Rotterdam habe ich sie noch nie gesehen.

Aber nun zum Thema: Am Dienstag und Mittwoch besuchte ich das ATP-500er-Turnier von Rotterdam. Ich kannte es bisher nicht. Das Fazit: Die Reise hat sich gelohnt, Rotterdam ist sehr okay, aber meine Lieblingsturniere von Stockholm, Hamburg und München wird Rotterdam nicht vom Thron stoßen. Rotterdam ist das größte und auch am besten besetzte europäische Hallenturnier im Frühjahr. Mit Roger Federer, Juan Martin del Potro, Jo-Wilfried Tsonga und Richard Gasquet waren in diesem Jahr immerhin drei Top-10-Spieler am Start. Das Turnier findet im „Ahoy“ statt, der laut Wikipedia „größten überdachten Event-Location in Europa“.

Das Ding ist tatsächlich riesig. Gael Monfils sagte nach seiner Niederlage gegen del Potro, er habe drei Spiele gebraucht, um sich an die Atmosphäre auf dem riesigen Center Court zu gewöhnen. Das ist dann vielleicht doch etwas übertrieben, den größer als die großen Freiluft-Tennisarenen ist das Ahoy nun auch wieder nicht. Im Gegensatz zu vielen nach meinem Geschmack weniger gelungenen Mehrzweckhallen hat das Ahoy eine Galerie in der Mitte der Zuschauerränge, auf der man an Essen-, Getränke- und Werbeständen entlang schlendern und nebenbei einen Blick auf das Spielgeschehen unten auf dem Platz werfen kann. Das ist Gold wert, weil man dadurch auch dann die Tennisatmosphäre erlebt, wenn man nicht auf seinem Sitzplatz verharrt. Zum riesigen Gebäude gehören auch Messehallen, durch die man ebenfalls schlendern kann. Hier sind die Trainings- und Nebenplätze aufgebaut. Dass man die Stars, die spielfrei haben, so gut beim Training beobachten kann, kenne ich sonst nur von Freiluft-Turnieren.

Und nun zu einigen der Matches, die ich gesehen habe:

Julien Benneteau (Frankreich/Nr. 39) - Tobias Kamke (Lübeck/Nr. 90) 6:3, 6:2
Ich hatte nicht damit gerechnet, am Dienstag einen Deutschen in Aktion zu sehen. Es stand keiner auf dem Spielplan. Aber weil Michael Llodra (Frankreich), der Turniersieger von 2008, wegen eines Infektes kurzfristig zurückzog, rutschte Tobias Kamke als Lucky Loser auf den Platz. Kamke kassierte im ersten Satz ein unnötiges frühes Break, spielte ansonsten aber solide. Im zweiten Satz schien er dann die Nerven zu verlieren, so dass es schnell vorbei war.

Julien Benneteau/Richard Gasquet (Frankreich) – Aisam Ul-Haq Qureshi (Pakistan)/Jean-Julien Rojer (Niederlande/Curaçao) 7:5, 6:2
Das bemerkenswerteste an diesem Match geschah schon vor dem ersten Aufschlag. Die Spieler waren gegen 16.30 Uhr gerade fertig mit der Aufwärmphase, als plötzlich die Hälfte des Publikums auf dem Nebenplatz 1 fluchtartig den Raum verließ. Bei einem Blick ins Programmheft wurde mir klar, dass sie die ganze Zeit auf das Auftauchen Roger Federers gewartet hatten. Dessen Training war nämlich für genau diesen Platz für 16 Uhr angekündigt worden. Als nun das Doppel losgehen sollte, hörte man plötzlich Gejohle hinter einem dicken schwarzen Vorhang vom Platz nebenan. Dort war Roger Federer tatsächlich! Und dorthin floh das Publikum, bevor das Doppelmatch begann. Auf dem Rückweg habe dann auch ich zwischen den Menschenmassen in der Messehalle einen Blick auf Federer erhascht. Er schlug gerade auf.

Juan Martin del Potro (Argentinien/Nr. 7) – Gael Monfils (Frankreich/Nr. 107) 6:3, 6:4
Dies war das erste der beiden Abend-Matches am Dienstag und das mit Abstand beste, das ich an den beiden Tagen gesehen habe. Gael Monfils, der nach langer Verletzungspause aus den Top 100 gefallen ist und eine Wild Card brauchte, um hier ins Hauptfeld zu kommen, wird bald wieder zumindest in die Top 20 zurückkehren – und sich dann wieder verletzen. Denn das Herumgerutsche auf dem harten Hallenboden und seine wilden Spagatschritte, die nicht einmal besonders effektiv sind, hat er sich nicht abgewöhnt. Das Ergebnis sieht zwar recht klar aus, aber Monfils war fast während des gesamten Matches absolut ebenbürtig. Er kassierte nur ein Break ganz zu Beginn (angeblich wegen der Atmosphäre, siehe oben) und eines ganz am Ende. Del Potro spielte geradlinig (Kritiker werden sagen: fantasielos) wie immer. Monfils zeigte Kunststücke wie dieses:


Jarkko Nieminen (Finnland/Nr. 56) – David Goffin (Belgien/Nr. 49) 6:0, 6:0
Dramaturgisch gesehen, war diese Spielansetzung nicht eben glücklich. Nach dem rauschenden Spektakel, das del Potro und Monfils geboten hatten, fand ich dieses Match eher einschläfernd. Dass ich bin zum Ende durchgehalten habe, lag daran, dass das Ende so sehr schnell kam. Mir schien, Goffin war nicht ganz fit. Im zweiten Satz ballerte er einige Bälle wie besinnungslos übers Netz, die dann weit ins Aus flogen. So als wollte er nur, dass das Spiel schnell vorbei geht. Dass die Zuschauer bald jeden einzelnen Punkt, den er machte, bejubelten, als wäre er ein von vornherein chancenloser Amateurspieler, fand er wahrscheinlich auch nicht angenehm.

Matthias Bachinger (Nr. 125) – Andreas Seppi  (Italien/Nr. 18) 6:3, 6:4
Der Bachinger hat mir bis jetzt jedes Mal, wenn ich ihn habe spielen sehen, sehr gut gefallen, und ich dachte stets: Der gehört mindestens auf Platz 60 oder 70 und müsste eigentlich ein Stammgast auf der ATP-Tour sein und nicht nur dabei sein, wenn er - wie hier – die Qualifikation übersteht. Aber dazu, dachte ich mir, als am Mittwoch dieses Match begann, müsste er auch mal jemanden wie Andreas Seppi schlagen. Und genau das tat er dann auch. Und zwar völlig ungefährdet. Sofern man bei einem Match gegen Seppi von ungefährdet reden kann. Seppi ist ja einer, gegen den man nie sicher sein kann, der seinen Gegner langsam zermürbt, was nicht immer sehr schön anzusehen ist. Aber Matthias Bachinger war gewappnet. Er hat offensiver gespielt, als ich es von seinen Sandplatz-Auftritten in Erinnerung hatte. Davon hat er sich auch nicht abbringen lassen, nachdem seine Netzangriffe zu Beginn nicht so erfolgreich verliefen. Vor allem hat Bachinger bemerkenswert gut aufgeschlagen. Seppi hatte gar keine Chance, irgendwas zu zermürben

Hier die Ergebnisse aus Rotterdam im Überblick

Donnerstag, 7. Februar 2013

Juhu, Rafa ist wieder da

Ein paar Minuten lang sah es so aus, als hätten die Unken Recht mit ihren Rufen, die besagten, Rafael Nadal werde nie wieder der sein, der er einmal war. Gestern bestritt die einstige Nummer 1 ihr erstes Einzelmatch seit acht Monaten, seit der epochalen Zweitrundenniederlage in Wimbledon gegen den Tschechen Lukas Rosol.

Nadal nimmt an einem Turnier teil, dessen Veranstalter noch vor kurzem nicht im Traum daran gedacht haben, einen Star wie ihn anlocken zu können. Es ist das unscheinbare 250er-Sandplatzturnier von Viña del Mar, einem Badeort 80 Kilometer nordwestlich von Santiago de Chile. Nachdem Nadal sein eigentlich für Januar geplantes Comeback verschieben musste, entschloss er sich kurzfristig zu einer Chile-Reise. Die Meldefrist war zwar längst abgelaufen. Aber für einen Rafa fand sich natürlich eine Wild Card.

Früher gewann meistens der inzwischen zurückgetretene Lokalmatador Fernando Gonzalez das Turnier in Viña del Mar. Diesmal wird es wohl Rafa sein. Denn nachdem er in seinem Erstrundenmatch gegen Federico Delbonis (Argentinien, Nr. 128) die Unken rufen ließ, im ersten Satz schnell mit 0:2 zurücklag und sich in meiner Twitter-Timeline alle Welt darüber ausließ, dass Nadals Schläge wirklich nicht mehr annähernd so hart seien wie früher, war plötzlich doch wieder alles wie früher. Delbonis holte nur noch ganze drei Spiele, und bald hieß es 6:3, 6:2 für Nadal.

So wird es weitergehen. Der einzige Turnierteilnehmer, der ihm vielleicht noch hätte gefährlich werden können, der an 2 gesetzte Juan Monaco (Nr. 15), ist schon ausgeschieden. Nadal spricht über sein Comeback auch längst nicht mehr so vorsichtig wie noch vor wenigen Wochen, als er stets betonte, man dürfe keine Wunderdinge von ihm erwarten. Zwar sagt er noch immer: „Es ist klar, dass ich in Roland Garros nicht der Favorit bin.“ Inzwischen sagt er aber einen munteren Satz dazu: „Ich muss aber auch nicht Favorit sein, um das Turnier zu gewinnen.“ Dabei ist es natürlich viel zu früh, um zu beurteilen, ob er im Mai, Juni fit genug sein wird für einen Grand-Slam-Titel.

Der eigentliche Hammer aber ist dies: Ich freu mich richtig, dass Rafa wieder da ist. Früher habe ich mit seiner Hauruck-Spielweise nie viel anfangen können. Ich zählte mich ganz klar zur Roger-Federer-Fraktion. Aber als ich das Australian-Open-Endspiel zwischen Novak Djokovic und Andy Murray sah, begann ich, mich zu langweilen. Mir war total egal, wer gewinnt. Die beiden können einfach nicht richtig polarisieren. Jetzt liefert Rafa hoffentlich noch ein paar packende Endspiele bei großen Turnieren ab. Gewinnen muss er sie ja nicht unbedingt.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Die erste Davis-Cup-Runde im Schnelldurchlauf

Draußen ist Tauwetter, höchste Zeit, sich auf dünnes Eis zu begeben. Heute tippe ich mal, wie am Wochenende die Davis-Cup-Erstrundenbegegnungen ausgehen. Diejenigen von euch, die das hier aus alter Gewohnheit erst am Montag lesen, sehen dann sofort, dass alles falsch war... Wie gehabt, tippe ich Ergebnisse von 3:0, 3:1 oder 3:2 und kein 4:1 oder 5:0, weil die „Dead Rubbers“, also die Matches, die ausgetragen werden, nachdem ein Land bereits als Sieger feststeht, reine Schaukämpfe sind, bei denen man nie weiß, wer antritt.

Kanada – Spanien 3:2
Wenn schon dünnes Eis, dann richtig. Der Kanada-Tipp kommt mir wahnsinnig gewagt vor, dabei ist er naheliegend. Die Spanier sind mit ihrer zweiten Garde nach Vancouver gereist. Rafael Nadal plant sein Comeback erst für nächste Woche auf chilenischem Sand. Auch der seit dieser Woche bestplatzierte Spanier in der Weltrangliste, David Ferrer (Nr. 4), lässt den Davis-Cup diesmal aus. Jetzt hat sich auch noch Nicolas Almagro (Nr. 11) verletzt. Kanadas kommender Superstar Milos Raonic (Nr. 15) wird seine beiden Matches gegen Marcel Granollers (Nr. 34) und gegen Albert Ramos (Nr. 51) oder Guillermo Garcia-Lopez (Nr. 82) wohl gewinnen. Und mit dem Heimpublikum im Rücken wird für die Kanadier auch noch der dritte Punkt irgendwo rausspringen. Vielleicht im Doppel, das Raonic an der Seite von Altmeister Daniel Nestor (Nr. 4 der Doppel-Rangliste) gegen die amtierenden Weltmeister Granollers und Marc Lopez bestreiten wird – oder Vasek Pospisil (Nr. 131) gewinnt eines seiner Einzel.

Italien – Kroatien 3:2
Die Italiener haben im Eishockeystadion von Turin einen Sandplatz aufgeschüttet. Das wird ihnen zum Sieg verhelfen. Mit Andreas Seppi (Nr. 18) haben sie erstmals seit Menschengedenken wieder einen Top-20-Spieler, der sich in Australien gerade in guter Form zeigte. Den Kroaten fehlt der Nachwuchs, nachdem Ivan Ljubicic seine Karriere beendet hat und der inzwischen 33-jährige Ivo Karlovic sich immer weiter von den Top 100 entfernt. Marin Cilic (Nr. 13) allein wird nicht reichen. Und Ivan Dodig (Nr. 58) sehe ich gegen Fabio Fognini (Nr. 44) auch eher im Hintertreffen, und Doppel scheinen die Italiener im Moment auch zu können. Fognini und Simone Bolelli waren letzte Woche bei den Australian Open im Halbfinale.

Belgien – Serbien 1:3
Das ist schnell getippt. Janko Tipsarevic (Nr. 9) ist zwar nicht dabei, aber ansonsten treten die Serben in Bestbesetzung an, also inklusive Novak Djokovic. Vielleicht gewinnt der junge Belgier David Goffin (Nr. 50) sein Einzel gegen Viktor Troicki (Nr. 39), aber das war's dann auch.

USA – Brasilien 3:0
Auch das geht schnell. Die USA in Bestbesetzung sind zwar auch nicht mehr das, was sie mal waren, aber auf heimischem Hartplatz werden John Isner (Nr. 16) und Sam Querrey (Nr. 20) keine Probleme bekommen, da kann Thomaz Bellucci (Nr. 36) froh sein, wenn er irgendwo einen Satz gewinnt. Auf die Bryan-Brüder wird im Doppel auch wieder Verlass sein.

Frankreich – Israel 3:0
Noch eine einfache Sache. Frankreich mit zwei Top-10-Spielern: Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 8) und Richard Gasquet (Nr. 10). Israel hat im Moment keinen einzigen Spieler aus den Top 100, und das Doppel mit Jonathan Erlich und Andy Ram ist auch nicht mehr, was es mal war.

Argentinien – Deutschland 3:2
Deutschland ist gar nicht so chancenlos, wie ich dachte, als ich im Herbst die Auslosung sah und wie es das Vorjahresergebnis (4:1 für Argentinien in Bamberg) nahelegt. Damals war im deutschen Team noch der Wurm drin. Mit dem neuen Kapitän Carsten Arriens soll ja nun alles besser geworden sein. Die Argentinier spielen ohne ihre Nr. 1 Juan Martin del Potro (Nr. 7). Aber auch ein Juan Monaco (Nr. 12) ist auf dem Sand von Buenos Aires Favorit gegen Philipp Kohlschreiber (Nr. 20) und Florian Mayer (Nr. 28). Im Doppel aber dürften Kohlschreiber und Christopher Kas durchaus eine Chance habe. Und gegen den zweiten Argentinier, sei es nun David Nalbaindian (Nr. 88), Carlos Berlocq (Nr. 70) oder gar Horacio Zeballos (Nr. 71) sind die Deutschen nach der Papierform vorn. Dass ich trotzdem auf Argentinien tippe, liegt daran, dass – wie im Match Kanada gegen Spanien – es zu erwarten ist, dass sie ihren dritten Punkt zu Hause schon irgendwo holen werden, zumal Florian Mayer in Matchen auf drei Gewinnsätze und im Davis Cup ganz besonders stets ein unsicherer Kantonist ist. Aber: Ich bin ganz zuversichtlich, dass ich mich mit meinem Tipp irren könnte.
Live im Fernsehen gibt's das Ganze wieder einmal nicht. Wer es sehen möchte, klickt auf ran.de.

Kasachstan – Österreich 0:3
Der flotte 0:3-Tipp hat vor allem diesen Grund: Übertreibung macht oft deutlich, wie schon mein alter Mathelehrer Herr Doose sagte. Die Kasachen pfeifen aus dem letzten Loch. Als ich 2010 über die „TSG 1899 Kasachstan“ schrieb, handelte der Artikel noch davon, wie sich ein Oligarch eine Davis-Cup-Mannschaft zusammenkaufte. Jetzt liegt das Projekt ebenso am Boden wie das der abstiegsgefährdeten Hoffenheimer. All die tollen Russen, die Bulat Utemuratow eingekauft hat, haben seither an Leistungsstärke gewaltig eingebüßt. Unter ihnen auch das One-Hit-Wonder Andrei Golubew, das 2010 das Turnier am Hamburger Rothenbaum gewann und sich inzwischen auf Platz 187 wiederfindet. Das Problem mit meinem Tipp ist, dass die Österreicher auch nicht gerade eine Tennis-Weltmacht sind. Jürgen Melzer (Nr. 30) hat sein Formtief aber anscheinend überwunden und sollte seine zwei Matches gewinnen. Und Doppelspieler wachsen in der Alpenrepublik ja sowieso auf den Bäumen.

Schweiz – Tschechien 1:3
Wie fast in jedem Jahr, lässt Roger Federer die erste Runde aus. Die Schweizer haben mit Stanislas Wawrinka (Nr. 17) zwar jemanden in der Hinterhand, aber ich glaube, dass er gegen Tomas Berdych (Nr. 6) verlieren wird. Die Tschechen sind zwar ohne Radek Stepanek nach Genf gekommen, aber sie haben immerhin noch den legendären Lukas Rosol (Nr. 73), den Mann, der in Wimbledon Rafael Nadal schlug. Rosol wird auch gegen Marco Chiudinelli (Nr. 139) gewinnen.

Hier alle Davis-Cup-Begegnungen im Überblick

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