Donnerstag, 21. Februar 2013

Deutsche Doppelspezialisten - keiner kennt sie

Frank Moser aus Baden-Baden hat ein ATP-Turnier gewonnen. Geschehen ist das in der vergangenen Woche in Sao Paolo, und es war im Doppel zusammen mit Xavier Malisse aus Belgien. Im Endspiel schlugen sie die Australier Marinko Matosevic und Lleyton Hewitt. Es war Mosers erster Turniersieg auf der ATP-Tour, und das Bemerkenswerte daran ist, dass ihm dieses Kunststück im zarten Alter von 36 Jahren gelungen ist. Der Name Frank Moser sagt vermutlich auch dem sehr interessierten Fan nicht viel. Das ist das Schicksal des Doppelspezialisten. Aufmerksamkeit erregt man nur mit einem Davis-Cup-Einsatz, einer Olympia-Medaille oder mit Ach und Krach mit einem Grand-Slam-Titel. Noch vor wenigen Jahren hat es in Deutschland ohnehin kaum Doppelspezialisten gegeben. Ich habe gerade mal auf der ATP-Webseite auf eine x-beliebige Doppel-Weltrangliste aus dem Jahr 2005 geklickt. Unter den ersten 100 waren drei Deutsche. Auf der Rangliste von dieser Woche sind es neun. Darunter sind Namen, die selbst in diesem Blog mit seinem Vorliebe für Nischenthemen nur sehr, sehr selten auftauchen. Höchste Zeit also, die deutschen Doppelspieler mal in einer Sammlung von Kurzporträts vorzustellen.

Nr. 47 Philipp Petzschner
28 Jahre, Nr. 110 im Einzel
Er ist von allen Doppelspielern noch der Bekannteste. Wimbledonsieger von 2010, US-Open-Sieger von 2011. Ihn brauchen wir nicht noch einmal vorzustellen. Falls doch: Hier ist ein Link zu einem alten Petzschner-Artikel. In letzter Zeit allerdings hat der Mann gewaltig geschwächelt. Hätte er nicht im vergangenen Jahr (mit Jürgen Melzer aus Österreich) im Wimbledon-Halbfinale gestanden, wäre er gar nicht mehr drauf auf dieser Liste der deutschen Top-100-Doppelspieler.

Nr. 52 Martin Emmrich
28 Jahre, Nr. 1277 im Einzel
Ohne Petzsches Wimbledon-Halbfinale wäre Martin Emmrich der beste Deutsche auf der Doppel-Weltrangliste. Ich habe ihn in fünf Jahren Zackstennis mit mehr als 250 Artikeln noch nicht ein einziges Mal erwähnt. Dabei ist er immerhin schon vor zwei Jahren erstmals unter den Top 100 aufgetaucht. Im vergangenen Jahr war er mit seinem damaligen Partner Andreas Siljeström aus Schweden in Belgrad im Finale. Inzwischen spielt er meistens mit Andre Begemann, der weiter unten auch noch erwähnt wird. Die beiden gewannen im Herbst das ATP-Turnier von Wien und standen im Januar in Chennai (Indien) im Finale. Von Martin Emmrich hörte ich zum ersten Mal, als er 2005 bei mir um die Ecke bei einem Challenger in Lübeck antrat. Er hatte den einstmals sehr berühmten Marc-Kevin Goellner dabei, der damals sein Coach war und auch mit ihm im Doppel antrat. Sie verloren ganz knapp gegen zwei später recht erfolgreiche Einzelspieler: Andreas Beck und Michael Berrer. Martin Emmrichs Vater Thomas war der beste Tennisspieler der DDR, der im Gegensatz zu vielen Profis aus der Tschechoslowakei und anderen Ostblockstaaten aber nie in den Westen reisen durfte. Im Osteuropa aber gab es nur sehr wenige Profiturniere, andernfalls, sagt man, hätte Thomas Emmrich eine weit bessere Weltranglistenplatzierung als Nr. 482 erreicht.

Nr. 59 Dustin Brown
28 Jahre, Nr. 165 im Einzel
Das ist noch mal einer der etwas bekannteren Doppelspieler, auch weil er den einen oder anderen Erfolg im Einzel vorzuweisen hat und mit seinen jamaikanischen Rastalocken nicht nur auf den deutschen Turnieren zu den Publikumslieblingen zählt. Ihn haben wir in einem Artikel aus dem Oktober 2010 einmal ausführlich durchgenommen. Seine achtbare Platzierung in der aktuellen Doppel-Rangliste verdankt er unter anderem einem Turniersieg in Casablanca (mit Paul Hanley aus Australien). Seit dieser Saison spielt er regelmäßig an der Seite von Christopher Kas, auf den wir gleich auch noch zu sprechen kommen. So richtig rund läuft es mit den beiden allerdings nicht. Sie sind mit drei Erstrundenniederlagen gestartet und sind vorhin in Buenos Aires im Viertelfinale (was der zweiten Runde entspricht) ausgeschieden.

Nr. 70 Frank Moser
36 Jahre, Nr. 1088 im Einzel
Der Mann, dem wir unser heutiges Thema verdanken. Doppelspieler sind ja gern etwas älter als Einzelspieler, was unter anderem daran liegt, dass man im Doppel nicht so viel laufen muss und dass Übersicht – und mithin Erfahrung – von Vorteil sind. Aber mit 36 Jahren das erste Turnier zu gewinnen, das ist schon bemerkenswert. Bevor er Doppelspezialist wurde, war mit Frank Moser vor allem als Tennistourist aufgefallen. Er schaffte es in der Einzelrangliste immerhin mal unter die besten 300, und zwar mit Erfolgen auf kleinen Turnieren in den entlegensten Ecken der Welt. Hätte es ein Future in Nordkorea gegeben oder auf dem Mond, Franky Moser wäre dabei gewesen. Weil es dort aber keine Turniere gab, spielte er halt in Kasachstan, Katar und Kuwait. Seine Reisekosten müssen sein Preisgeld deutlich überragt haben; als Profi konnte man ihn in seinen besten Einzeljahren also nicht wirklich bezeichnen. Aber im Doppel wurde er mit der Zeit immer stärker, und seit einiger Zeit spielt er echte ATP-World-Tour-Turniere – mit seinem ersten Titel letzte Woche in Sao Paolo als vorläufigem Höhepunkt.

 Nr. 73 Andre Begemann
28 Jahre, Nr. 496 im Einzel
Den Mann habe ich noch nie Doppel spielen sehen, aber in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum im Einzel. Da war zu erkennen, dass er zum Doppelspezialisten taugt. Er ist einer der letzten Serve-und-Volley-Spieler auf der Tour, und sowas sehe ich ja gerne. Im Doppel spielt er jetzt regelmäßig mit Martin Emmrich zusammen.. Dank ihrem Turniersieg in Wien und dem Finale in Chennai haben sie jetzt gute Chancen, sich als regelmäßige Teilnehmer auf denden großen Turnieren festzusetzen. Dazu braucht man im Doppel ja noch etwas bessere Weltranglistenpositionen als im Einzel, weil man um die Startplätze mit den Einzelspezialisten, die auch im Doppel antreten wollen, konkurriert.

Nr. 75 Christopher Kas
32 Jahre, ohne Einzelplatzierung
Das war mal unser bester Mann im Doppel. Noch vor einem Jahr stand er auf Platz 17. Aber seitdem lief, egal mit welchem Partner, nicht mehr viel zusammen. Nur in Doha im Januar gewann er das Turnier zusammen mit Philipp Kohlschreiber. Noch gehört Christopher Kas zum Davis-Cup-Team, aber langsam muss man sich fragen, ob nicht einige andere Leute auf dieser Liste die bessere Wahl wären. Mit seinem aktuellen Partner Dustin Brown läuft es jedenfalls auch nicht rund (siehe oben). Auf mich hat Kas immer einen sehr sympathischen Einruck gemacht, aber spielerisch überzeugt hat er mich selten.

Nr. 80 Philipp Marx
31 Jahre, ohne Einzelplatzierung
Ich hab mir gerade mal Marx' Profil auf der ATP-Webseite angesehen. Er ist nur 1,88 Meter groß. Damit ist er weiß Gott kein Zwerg, aber als ich ihn mal spielen sah, schien er mir ein Riese zu sein, was dann aber wohl mehr an seinem Karlovic-artigen Aufschlag lag als an seinen Körpermaßen. Philipp Marx steht sein vier Jahren unter den Top 100. Die ganz großen Erfolge sind ihm noch nicht gelungen. 2011 war er zusammen mit James Cerretani (USA) im Wimbledon-Viertelfinale. Und bis zu seinem ersten Turniersieg hat er, wenn er es wie Franky Moser machen will, ja noch fünf Jahre Zeit.

Nr. 89 Simon Stadler
29 Jahre, Nr. 919 im Einzel
Ein Frischling unter den Top-100-Spielern. Er hat im letzten Jahr fünf Challenger-Titel gewonnen und war fünf weitere Male im Finale. In die Saison 2013 ist er auf der World-Tour zwar mit ein paar Erstrundenpleiten gestartet, aber in dieser Woche läuft es ganz gut: Die oben erwähnte Viertelfinalniederlage von Brown und Kas in Buenos Aires ereignete sich heute gegen Simon Stadler und Nick Monroe (USA).  

Nr. 97 Michael Kohlmann
39 Jahre, ohne Einzelplatzierung
Damit sind wir am Ende dieser Liste angelangt. Michael Kohlmann hat seine aktive Laufbahn nach den Australian Open beendet, wird also ganz von selbst bald aus den Top 100 fallen. Zwischen 2002 und 2007 gewann er fünf Turniere. Vor sehr langer Zeit war er auch mal ein respektabler Einzelspieler. 1998 knacke er da die Top 100.

Auffällig ist, dass es keinen Deutschen gibt, der im Einzel und im Doppel unter den Top 100 stand. International hingegen ist das gar nicht so unüblich. Da gibt es 26 Spieler mit einer solchen Doppelbegabung. Philipp Petzschner ist noch am dichtesten dran, und Philipp Kohlschreiber könnte es sicher auch, wenn er denn sich denn häufiger mal im Doppel versuchen würde.

Hier die aktuelle Doppel-Weltrangliste

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mich würde mal interessieren, wie es denn um die Preisgelder für die Doppelspieler steht? Die hier genannten Doppelspieler gehören ja nicht zur Weltklasse, kann man davon jedoch trotzdem leben?

Zack hat gesagt…

Die hier Genannten können wohl mit Ach und Krach vom Tennisspielen leben.

Nehmen wir als Beispiel das Turnier in Buenos Aires in dieser Woche. Das ist ein 250er-Turnier, also die Größenordnung, bei der es Doppelspieler von den Plätzen 50-80 i.d.R. ins Hauptfeld schaffen. Ein Doppel, das in der ersten Runde verliert, bekommt 2580 Dollar. Das müssen die beiden sioch teilen. Bleiben also 1000 Euro. Das Geld wird fast komplett für die Reisekosten draufgehen. (Daran, einen eigenen Trainer oder gar Physio mitzunehmen, ist natürlich nicht zu denken...) Kost und Logis sind frei, solange man nicht ausgschieden ist. Danach muss man selbst sehen, wo man unterkommt, bevor es am nächsten Wochenende zum nächsten Turnier geht. Wenn man immer in der ersten Runde ausscheidet, ist es definitiv ein Zuschussgeschäft. Aber die Spieler gewinnen zum Glück ja auch mal. Fürs Viertelfinale gibts dann 4410 Dollar. Damit kommt man wohl aus. Und wenn man dann mal ein Halbfinale schafft wie Simon Stadler heute, dann kann man sich auch mal einen Keks kaufen.

Problematischer ist es, überhaupt auf die ATP-Tour zu kommen als reiner Doppelspezialist. Die Doppel-Preisgelder auf den Challengern reichen nämlich definitiv nicht aus, um um die Welt zu reisen. Da braucht man entweder einen Sponsor (in Deutschland zum Beispiel der Sponsor der Bundesliga-Mannschaft, für die man im Sommer spielt) oder man startet die Doppel-Karriere parallel zur Einzel-Laufbahn. Im Einzel kann man nämlich auch als guter Challenger-Spieler leidlich zurechkommen, denke ich.

Das Thema, wir man als Doppelspieler über die Runden kommt, hab ich im Juli in diesem Artikel über die Ratiwatana-Zwillinge angeschnitten:
zackstennis.blogspot.de/2012/07/das-unermessliche-gluck-der-bruder.html

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de