Donnerstag, 2. Mai 2013

Gebt Jan-Lennard Struff endlich mal eine Wild Card!

In der vergangenen Woche in Barcelona verlor Jan-Lennard Struff in der ersten Runde des ATP-Turniers von Barcelona mit 4:6 und 6:7 gegen den späteren Viertelfinalisten Albert Ramos. Struff war in der letzten Qualifikationsrunde gescheitert und als Lucky Loser nachgerückt ins Hauptfeld. Das ist soweit nichts Besonderes für einen Spieler mit Weltranglistenposition 117.

Für Jan-Lennard Struff aber war dies absolut nichts Alltägliches. Es war sein erstes ATP-Turnier überhaupt. Auch das wäre nichts Besonderes, wenn Struff Tscheche wäre, Finne, Grieche oder Ire oder aus irgendeinem anderen Land käme ohne ein ATP-Turnier, für das er mal eine Wild Card bekommen hätte. Aber Struff ist Deutscher und seit Jahren einer der hoffnungsvollsten Nachwuchsspieler im Land. Letzte Woche wurde er 23 Jahre alt, langsam sollten sich zur Hoffnung auch größere Erfolge gesellen. Aber dass man mit 23 heutzutage durchaus noch ein Jungspund ist, haben wir ja gelegentlich schon thematisiert.

Ich habe Struffs Wildcardlosigkeit zum Anlass genommen, nachzuzählen, welche deutschen Spieler in der jüngsten Vergangenheit Wild Cards für ATP-Turniere bekommen haben. Ich bin zurückgegangen bis 2010. Hier ist die Liste:

Fünf Wild Cards:
Tommy Haas (Hamburg, Stuttgart, Halle und München 2012; Halle 2011)
Dustin Brown (Stuttgart und Halle 2012, Halle und München 2011, Stuttgart 2010)

Vier Wild Cards:
Mischa Zverev (Halle 2011, Hamburg, Stuttgart und Halle 2010)

Drei Wild Cards:
Tobias Kamke (München 2013, Hamburg 2011 und 2010)
Andreas Beck (Hamburg und München 2011, Halle 2010)
Julian Reister (Hamburg 2012, 2011 und 2010)

Zwei Wild Cards:
Kevin Krawietz (München 2013 und 2010)
Daniel Brands (München 2012, Hamburg 2010)
Matthias Bachinger (Stuttgart 2012, München 2011)
Nicolas Kiefer (Halle und München 2010)
Cedrik-Marcel Stebe (Hamburg und Stuttgart 2011)
Robin Kern (Stuttgart 2012 und 2011)

Eine Wild Card:
Michael Berrer (München 2012)
Benjamin Becker (München 2010)
Björn Phau (Stuttgart 2010)
Philipp Petzschner (Halle 2012)

An den vielen Wild Cards für Tommy Haas gibt es nichts zu mäkeln. Dass er die nach seiner langen Verletzungspause verdient hatte, konnte er schnell beweisen. Allerspätestens als er letztes Jahr in Halle das Endspiel gegen Roger Federer gewann.

Auch gegen Wild Cards für Dustin Brown (aktuell die Nr 186) ist im Prinzip nichts einzuwenden. Er spielt unterhaltsam, und mit seinen jamaikanischen Rastalocken sieht er auch unterhaltsam aus. Aber dass jedes Mal, wenn er mal irgendwo keine Wild Card bekommt, seine Fans rumjammern, wie unprofessionell es doch sei, dem Publikumsliebling Brown ständig die Wild Cards zu verweigern, das scheint mir dann doch etwas larmoyant zu sein angesichts dieser Zahlen.

Der arme Robin Kern konnte mit seinen beiden Stuttgart-Wild-Cards, die ihm im Alter von 17 und 18 Jahren und Weltranglistenposition 1143 und 658 nicht viel anfangen. Er gewann bei seinen beiden Erstrundenniederlagen zwar keinen Satz, aber schlug sich doch wacker. Ähnliches gilt für Kevin Krawietz in München 2010. Völlig ausgeufert ist die Krawietz-Wildcarderitis übrigens in letzter Zeit auf den deutschen Challenger-Turnieren. Er bekam für sage und schreibe sieben der letzten elf Challenger auf deutschem Boden eine Wild Card. Er zehrt davon, dass er 2009 mal die Wimbledon-Juniorenkonkurrenz im Doppel gewann. Seither versuchen die Turnierdirektoren dem Publikum vorzugaukeln, mit ihm präsentiere man den kommenden Boris Becker oder zumindest Michael Stich. Inzwischen ist Krawietz 21 Jahre alt und die Nummer 379 der Welt. Schlechter war Jan-Lennard Struff in dem Alter auch nicht...

Die nächsten deutschen Wild Cards werden schon in gut zwei Wochen verteilt, wenn in Düsseldorf das neue 250er-Turnier beginnt, das den abgeschafften Word Team Cup ersetzt. Die erste Wild Card, das ist schon bekanntgegeben worden, geht an Philipp Petzschner (der vermutlich in den letzten Jahren mehr als nur die eine Wild Card in Halle bekommen hätte, wenn er denn welche gebraucht hätte). Eine der beiden übrigen Wild Cards könnte irgendein etablierter Spitzenspieler bekommen, der sich nicht rechtzeitig angemeldet hat, aber vor den French Open noch Spielpraxis sammeln möchte. Eines aber scheint gewiss zu sein: Jan-Lennard Struff wird auch in Düsseldorf keine Wild Card bekommen. Ebensowenig wie alle anderen deutschen Spieler, die in der Weltrangliste zwischen Platz 100 und 200 stehen.  Denn das Turnier in Düsseldorf findet parallel zur Qualifikation für die French Open statt. Wenn da mal nicht wieder alles auf Kevin Krawietz hinausläuft. Der Vorteil von Weltranglistenplatz 379 ist nämlich, dass man damit zu schlecht ist für die Qualifikation in Roland Garros.

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